Ssssssssssssssssssssssssssssss…
Stille.
Sssssssssssssssssssss…
Stille.
»Ich krieg nichts rein, Sir.«
»Versuchen Sie es weiter.«
»Ja, Sir.«
Mitternacht.
Mitternacht, alle Agenten schlafen, und am Strand teilen sich unzufriedene, durchgefrorene Polizisten Zigaretten, schauen durch Ferngläser auf den schwarzen Atlantik hinaus und hoffen darauf, einen ersten Blick auf die Positionslichter eines Schiffs zu erhaschen, das die Witzbolde bei Special Branch Totenschiff getauft haben.
Ssssssssssssssssssss…
Nieselregen.
Rauschen.
Oszillierende Klangwellen. Ein Brocken Holländisch. Ein DJ von Radio France Internationale verkündet atemlos aufgeregt der Welt: »EuroDisney sera construit à Paris«.
Wir befinden uns an einem Strand bei Derry an der wilden Nordküste Irlands. Es ist November 1985. Reagan ist Präsident, Thatcher Premierministerin, Gorbatschow hat kürzlich in der UdSSR die Zügel übernommen. Das Nr.1-Album ist Sades Promise, und Jennifer Rushs Liebesschnulze »The Power Of Love« ist nun schon entmutigend lang an der Spitze der Hitparaden …
Sssssssss, und endlich findet der junge Constable, der den Kurzwellenempfänger bedient, die Funkfrequenz der Our Lady of Knock.
»Hab sie! Sie nähern sich, Sir!«, verkündet der Constable.
Ja, darauf haben wir gewartet. Das Wetter ist perfekt, der Mond steht hoch, es ist Ebbe. »Aye, jetzt haben wir die Mistkerle«, murmelt einer der Männer von Special Branch.
Ich sage nichts. Ich bin nur aus reiner Höflichkeit hinzugezogen worden, weil einer meiner Informanten den Hinweis zu diesem komplizierten internationalen Einsatz gegeben hatte. Es ist nicht meine Aufgabe, etwas zu sagen oder Ratschläge zu geben. Stattdessen klopfe ich auf meinen Revolver und blättere durch mein Notizbuch zu der Stelle, wo ich eine Ansichtskarte von Guido Renis Der Erzengel Michael besiegt den Satan eingeklebt habe. Ich schlage heimlich ein Kreuz, bitte um den treuen Schutz des hl. Michael, des Schutzheiligen der Polizisten. Ich bin mir nicht sicher, ob ich an die Existenz des Erzengels Michael glaube, Schutzpatron der Bullen, aber ich bin nun mal Angehöriger der Royal Ulster Constabulary, der Polizeitruppe mit der höchsten Todesrate in der westlichen Welt, da nimmt man jede Hilfe, die man kriegen kann. Ich schlage das Notizbuch zu und zünde einem böse dreinblickenden Schlägertypen eine Zigarette an, der behauptet, er sei von Interpol, der aber eher aussieht wie ein Spion vom MI5 mit dem Auftrag, die irischen Kartoffelfresser im Auge zu behalten und dafür zu sorgen, dass sie nicht die ganze Aktion verpfuschen.
Der Typ murmelt ein Dankeschön und reicht mir einen Flachmann, der einen sehr guten Gin enthält, wie sich herausstellt.
»Cheers«, sage ich, nehme einen Schluck und reiche den Flachmann zurück.
»Chin, chin«, sagt er. Also doch – MI5.
Eine leichte Brise schiebt die Wolken vom Mond weg.
Irgendwo auf dem Parkplatz bellt ein Hund.
Die Polizisten warten. Die Spione warten. Die Männer auf dem Schiff warten. Alle gemeinsam purzeln wir in die Zukunft.
Wir beobachten die Wellen und die schwarze Unendlichkeit, in der sich irgendwo vor Malin Head Himmel und See treffen. Endlich ruft gegen halb eins jemand: »Da! Ich sehe sie!«, und man befiehlt uns, den Strand zu verlassen. Die meisten verstecken sich hinter den Dünen; ein paar der klügeren Offiziere stehlen sich bis zu den Land Rovern zurück, um sich an Spirituskochern und heißem Whisky aufzuwärmen. Ich finde mich mit zwei Frauen in Regenmänteln, die von der Geheimdienstabteilung der Special Branch zu sein scheinen, hinter einer Sandbank wieder.
»Das ist so aufregend, nicht?«, fragt die Brünette.
»Ja.«
»Und wer sind Sie?«, fragt mich ihre Freundin in einem lustigen County-Cork-Akzent, der so klingt, als würde ein Esel in einen Brunnen fallen.
Ich sage es ihr, doch kaum kommt mir das Wort »Inspector« über die Lippen, hat sie auch schon jedes Interesse verloren, wie ich sehe. Hier schleichen heute Nacht Assistant Chief Constables und Chief Superintendents herum, da bin ich ganz weit unten in der Nahrungskette.
»Wurde ja auch Zeit!«, sagte jemand; wir schauen zu, wie die Our Lady of Knock in den Kanal manövriert. Ein merkwürdig aussehendes Schiff. Ein kleiner Frachter vielleicht, oder ein Trawler ohne Ausleger und Ketten. Es wirkt nicht sonderlich seetüchtig, doch irgendwie hat es die ganzen dreitausend Meilen über den Atlantik geschafft.
Etwa zweihundert Meter vom Ufer entfernt, lässt das Schiff den Anker fallen, und nach einigem unprofessionellem Herumgeeiere wird ein Zodiac zu Wasser gelassen. Fünf Mann steigen in das Schnellboot, und schon schießt es zügig in Richtung Strand. Sobald sie das trockene Ufer erreichen, fällt die Geschichte in die Zuständigkeit der RUC, auch wenn alle fünf Waffenschmuggler Amerikaner sind und das Schiff aus Boston gekommen ist.
Das kleine Boot springt über das Wasser und kümmert sich nicht weiter um Felsen und verborgene Riffe, von denen es an diesem Küstenabschnitt viele gibt. Es weicht ihnen auf wundersame Weise aus und schießt die Brandung entlang auf den Strand zu. Die Männer klettern heraus und sehen sich nach umherstreifenden Hundehaltern, Liebespärchen oder anderen Augenzeugen um. Sie entdecken niemanden, rufen: »Ja!«, und »Cool!« Einer geht in die Knie, ahmt den Heiligen Vater nach und küsst den Sand. Das nennt man Hingabe – die Rollbahn am Dublin Airport ist das eine, aber dieser kiesige, schmierige Strand in Windrichtung einer der Hauptkläranlagen von Derry ist etwas ganz anderes.
Sie öffnen eine Flasche und reichen sie herum. Einer von ihnen trägt ein John-Lennon-Sweatshirt. Junge Männer, die übers Meer gekommen sind, um uns den Tod in Form von Granatwerfern und Maschinengewehren zu bringen.
»Amis, hm? Die glauben wohl auch, sie könnten machen, was sie wollen, nein?«, meint eine der Beamtinnen von Special Branch.
Ich widerstehe der Versuchung, dick aufzutragen. Diese irisch-amerikanischen Waffenschmuggler sind zwar zweifellos naiv und unwissend, aber ich verstehe, warum sie so handeln. Patriotismus ist eine nur schwer auszurottende Krankheit, und Langeweile plagt uns alle …
Die Männer am Strand schauen auf die Uhren und fragen sich, was als Nächstes kommt. Sie erwarten einen Lastwagenfahrer namens Nick McCready und seinen Sohn Joe, die sich allerdings beide bereits in Gewahrsam befinden.
Einer der Männer entzündet eine Leuchtfackel und schwenkt sie über seinem Kopf.
»Was haben die denn jetzt vor? Feuerwerk?«, grummelt jemand hinter mir.
»Und was haben wir jetzt vor?«, frage ich laut genug, dass der Assistant Chief Constable mich hören kann. Ehrlich mal, wie lange sollen wir hier denn noch warten? Sind die Waffen im Boot, dann haben wir sie, sind sie es nicht, dann nicht, aber so oder so ist jetzt der Zeitpunkt gekommen, die Männer zu verhaften.
»Ruhe in den Reihen!«, mahnt jemand.
Wenn ich den Befehl hätte, dann würde ich unsere Anwesenheit mit einer Flüstertüte und Scheinwerfern verkünden und in aller Ruhe die Situation erklären: Sie sind umzingelt, Ihr Schiff kommt aus dem Lough nicht mehr heraus, kommen Sie bitte ruhig und mit erhobenen Händen …
Aber ich habe den Befehl nicht, also findet das Ganze auch nicht so statt. Da es sich hier um einen gemeinsamen Einsatz von RUC, Gardai, FBI, MI5 und Interpol handelt, kann es nur in einem Debakel enden … ein hochrangiger uniformierter Polizist marschiert auf die Männer am Strand zu wie Alec Guinness in der Anfangsszene von Die Brücke am Kwai.
»Was zum Teufel macht der da?«, sage ich bei mir.
Die Schmuggler haben ihn noch nicht bemerkt; zur Freude der anderen zeichnet der Kerl mit der Fackel Achten in die Luft.
Der uniformierte Beamte erreicht den Kamm einer Düne. »Also gut, Jungs, das Spiel ist aus!«, verkündet er mit lauter Columbo-Stimme.
Also gut, Jungs, das Spiel ist aus?
Die Amerikaner zücken sofort ihre Waffen und rennen zum Schlauchboot. Einer von ihnen schießt aufs Geratewohl auf den Uniformierten, der sich zu Boden wirft. Wahrscheinlich denkt er jetzt: Also wirklich, Jungs, das ist unsportlich.
»Hände hoch!«, ruft ein anderer Bulle etwas zu spät durch ein Megafon.
Die Amerikaner feuern aus einem beeindruckenden Arsenal aus Schrotflinten und Sturmgewehren blind in die Nacht. Einige der Polizisten erwidern das Feuer. Die Nacht wird mit weißen Fackeln, rotem Mündungsfeuer und orangefarbenen Leuchtspurbögen erhellt.
Ja, die Grenze ins Reich des internationalen Schlamassels ist wahrhaftig überschritten.
»Legen Sie die Waffen nieder!«, ruft der Bulle mit dem Megafon verzweifelt.
Ein Scharfschütze der Polizei bringt einen der Yankees mit einem Schuss in die Schulter zu Fall, doch die Schmuggler geben immer noch nicht auf. Sie sind verwirrt, seekrank, erschöpft. Sie haben keine Ahnung, wer auf sie schießt oder warum. Zwei von ihnen schieben das Schlauchboot wieder in die Wellen hinaus. Es ist ihnen nicht klar, dass sie zehn zu eins in Unterzahl sind und dass sie vom Special Boat Service geschnappt werden, falls sie es durch ein Wunder tatsächlich bis zur Our Lady of Knock schaffen sollten.
Die Brandung bringt das Schlauchboot zum Kentern.
»Hier spricht die Polizei, Sie sind umzingelt, stellen Sie sofort das Feuer ein!«, befiehlt man den Männern durchs Megafon. Doch Blut ist vergossen worden, und sie antworten mit einer Salve aus ihren Automatikwaffen. Ich zünde mir wieder eine Zigarette an und mache mich auf den Weg zum Parkplatz.
Ich gehe an den Land Rovern vorbei und steige in meinen Wagen. Ich drehe den Schlüssel im Zündschloss, brummend erwacht der Motor. In Radio 3 läuft Berlioz. Ich schalte auf Radio 1 um, dort läuft eine Ballade von Feargal Sharkey – Feargal Sharkeys erfolgreiche Solokarriere verrät einem alles, was man über die gegenwärtige Musikszene wissen muss. Ich schalte das Radio aus und das Licht ein.
Eine Munitionskiste explodiert mit einem ohrenbetäubend lauten Knall in einem Feuerball, den ich von hier aus sehen kann. Ich lehne die Stirn aufs Lenkrad und seufze schwer.
Ein blutjunger Constable, der auf dem Parkplatz für Sicherheit sorgen soll, klopft an die Scheibe der Fahrerseite. »He, wo wollen Sie denn hin?«
Ich kurble das Fenster runter. »Nach Hause«, teile ich ihm mit.
»Wer hat Ihnen das erlaubt?«
»Niemand hat mir befohlen, hier zu bleiben, also fahre ich.«
»Sie können doch nicht einfach so verschwinden!«
»Genau das werden Sie erleben.«
»Aber … aber …«
»Gehen Sie aus dem Weg, Junge.«
»Aber wollen Sie denn nicht wissen, wie es ausgeht?«, fragt er atemlos.
»Absurdes Drama ist nicht so mein Ding«, antworte ich, kurble das Fenster hoch und verlasse den Parkplatz. Im Rückspiegel schüttele ich den Kopf. Das war eine dumme Bemerkung. Denn hier draußen, am Rand des untergehenden British Empire, ist absurdes Drama die einzige Form des narrativen Diskurses, die überhaupt noch irgendeinen Sinn ergibt.