Die Heilsarmee war ein Flop. Die anwesende Dame, eine Mrs Wilson, verkündete, sie würden jeden Monat Dutzende von Koffern verkaufen, vor allem jetzt, wo alle versuchten, das Land zu verlassen. Sie führten keine Unterlagen darüber, wer was kaufte, und sie erinnerte sich auch nicht an einen roten Plastikkoffer oder eine Mrs McAlpine.
»Denken Sie kurz nach. Vielleicht erinnern Sie sich ja doch, sie ist erst kürzlich Witwe geworden. Sie hat die gesamte Garderobe ihres Mannes vorbeigebracht.«
»Sie wären überrascht, wie oft wir das im Monat erleben. Immer Witwen. Nie Witwer. Krebs, Herzinfarkt und Terrorismus – das sind die drei Haupttodesursachen.«
»Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit genommen haben«, sagte ich.
Wieder zurück auf dem Revier, verriet uns Crabbies mürrisches Gesicht, dass der Zoll noch immer nicht die Liste mit den Namen der Amerikaner geschickt hatte, die im letzten Jahr nach Nordirland gekommen waren.
»Mit welcher Entschuldigung?«, fragte ich ihn.
»Sie stellen von Karteikarten auf Computer um.«
»Himmel, ich hoffe inständig, dass sie die Daten nicht verloren haben. Davon hatten wir heute schon genug.«
»Nein, die hörten sich nicht panisch an, nur bis zur Verblödung gelangweilt.«
»Wie nicht anders zu erwarten«, murmelte ich leise und starrte meine Kollegen an, die alle etwas zu erledigen hatten, doch nur Gott allein wusste, was zum Teufel das war. Crabbie, Matty und ich waren Kriminalbeamte, wir ermittelten in Verbrechensangelegenheiten, aber was diese Witzfiguren da taten (vor allem die Reservisten und Teilzeitreservisten), war mir ein verdammtes Rätsel.
»Mit dem Abrin haben wir auch kein Glück. Ich habe die Gartenbaugesellschaft von Nordirland angerufen und dann die von Großbritannien. Keinerlei Unterlagen über Personen, die Paternostererbsen oder eine ihrer Varietäten anbauen. Es handelt sich sicher nicht um eine Pflanze für Wettbewerbe oder Gartenshows. Dann habe ich die Zentrale des Zolls in London angerufen und gefragt, ob sie jemals Samen beschlagnahmt hätten, aber natürlich hatten die keine Ahnung, wovon ich überhaupt sprach. Und, das wird dir jetzt gefallen, ich habe Interpol angerufen, um …«
»Interpol?«
»Ja.«
»Gefällt mir. Sprich weiter.«
»Ich habe Interpol angerufen, um sie zu bitten, mir alle Fälle von Abrinvergiftungen zu faxen, die sie in ihren Datenbanken finden konnten.«
»Und?«
»Drei Morde, alle in Amerika: 1974, 1968, 1945. Außerdem ein halbes Dutzend Selbstmorde und weitere zwei Dutzend tödliche Unfälle.«
»Sehr gute Arbeit, Kumpel«, sagte ich und berichtete ihm von unserem interessanten Tag.
Ich lud die beiden Jungs zum Mittagessen im Pub ein. Steak & Kidney Pie, dazu ein Pint von dem schwarzen Gesöff; nach dem Essen ging ich in mein Büro, legte Benny Brittens »Curlew River« auf und las die Interpol-Akten zu den Abrinmorden:
1974: Ehemann in Bangor, Maine, von Beruf Apotheker, vergiftet seine Frau.
1968: Ehemann, Banker in San Francisco, Züchter tropischer Pflanzen, vergiftet seine Frau.
1945: Junge Frau, gebürtig aus Jamaika, vergiftet ihre Eltern in New York.
Danach ging ich die Selbstmorde und Unfälle durch, aber auch da fand sich nichts Bemerkenswertes oder Interessantes. Keine Verbindungen zu Irland, kein auffälliger Bezug zur First Infantry Division.
Ich rief in Belfast beim Zoll an und hielt ihnen ganz höflich eine Predigt über ihre besonderen Fähigkeiten und absonderlichen Neigungen, sich die Köpfe in den eigenen Arsch zu schieben.
Sie antworteten, sie würden daran arbeiten, aber das neue Computersystem sei ein Alptraum und ob ich denn nicht wisse, dass es Samstag sei und das Büro samstags nur zwei Personen umfasse, eine davon Mrs McCameron?
Ich erwiderte, dass ich Ersteres wisse, aber nicht Letzteres, und bat sie, ihr Bestes zu tun. Auf den offenkundigen Köder Mrs McCameron ging ich nicht ein, das hörte sich für mich nach der Steinlaus im öffentlichen Dienst an. Wahrscheinlich gab es gar keine Mrs McCameron.
Gegen fünfzehn Uhr schaltete jemand Fußball ein, aber mir wurde es bald langweilig, und ich ertappte mich dabei, wie ich an einem anderen Tisch stand und mich mit einem Reserve Constable namens Wilkes unterhielt, der auch Reservist der Royal Navy war und gerade einen Anruf erhalten hatte, dass er in den Südatlantik beordert werde und als Feuerleitoffizier auf der HMS Illustrious dienen solle.
»Das ist das Admiralsschiff, Mann!«, verkündete er mit offensichtlicher Vorfreude.
»Aye, und die beste Flottenzielscheibe für die argentinischen U-Boote. Du wirst den Haien zum Fraß vorgeworfen, mein Junge. Nächsten Monat um diese Zeit bist du Pinguinfutter«, murmelte Sergeant Burke. Ich grinste ihn zynisch an und holte mir einen Kaffee.
Die Jungs löcherten Wilkes mit ihren Fragen, und als die Uhr endlich ihren Hintern zur fünf bequemte, machten wir Feierabend.
Es war tatsächlich Samstag, also holte ich mir beim Chinesen was zu essen und spülte es daheim in der Coronation Road mit einer Flache Guinness herunter. Das typische Abendessen aller traurigen, einsamen Männer Irlands. Um die Stimmung so richtig zu genießen, kramte ich etwas faserigen schwarzen Marokkaner hervor und grub das uralte Exemplar des Times Literary Supplement heraus, das ich beim Arzt stibitzt hatte. Ich blätterte in der Zeitung, bis ich fand, was ich suchte: ein Gedicht von Philip Larkin mit dem Titel »Aubade«. Ich las es zwei Mal und entschied, dass es das Gedicht des Jahrzehnts sei. Diese Entdeckung wollte ich mit jemandem teilen, aber hier im Haus Nr. 113 in der Coronation Road, Carrickfergus, gab es niemanden, mit dem ich sie hätte teilen können. Meine Eltern interessierten sich nicht dafür, und Laura hatte keine Zeit für Poesie. Und meine Freunde, wenn man sie so nennen konnte, würden denken, ich wolle sie verarschen.
Ich rauchte meinen Joint zu Ende und rief trotzdem meine Eltern an, aber die waren nicht daheim.
Ich betrachtete das Telefon und den Regen, der an der Fensterscheibe im Flur herunterlief. Ich mixte mir ein Pint Wodka Gimlet und rief Laura an. Ihre Mutter hob ab.
»Ach, hallo, Sean«, sagte sie fröhlich.
»Hi, Irene, ist Laura da?«, fragte ich.
»Nein, nein, tut mir leid. Ihr Vater hat sie zum Flughafen gefahren.«
Ich brauchte ein paar Sekunden, um das zu verdauen.
»Sie reist heute ab?«
»Ja. Hat sie dir das nicht erzählt?«
»Nächste Woche, hat sie gesagt.«
»Wir mussten die Pläne ändern. Sie hat den ganzen Tag versucht dich zu erreichen. Wir bringen ihr am Dienstag ihren Wagen mit der Fähre, und sie fliegt heute Abend rüber, um alles herzurichten.«
»Sie hat versucht mich anzurufen?«
»Ja – wo warst du denn heute Nachmittag?«
»Arbeiten.«
»An einem Samstag?«
»Aye, an einem Samstag. Die Gauner machen auch an Wochenenden durch.«
»Sie ruft dich sicher noch mal vom Flughafen aus an. Der Flug geht erst um sieben.«
»Na, dann geh ich besser mal aus der Leitung«, sagte ich.
Ich legte auf und schlug völlig kindisch mit der Faust gegen die Wand.
»Verdammte verlogene Schlampe!«, brüllte ich. Es war bestimmt nicht das letzte Mal, dass man an diesem nassen Samstagabend in Victoria Estate einen derart erbaulichen Monolog zu hören bekam.
Ich mixte mir noch ein Pint Wodka Gimlet, ging durch die Hintertür zum Gartenschuppen, öffnete eine alte Dose mit der Aufschrift »Schrauben« und nahm den Geheimvorrat an erstklassigem türkischem Haschisch heraus, den ich aus dem Asservatenschrank befreit hatte, bevor sie den Rest zusammen mit ein paar Beuteln braunem Heroin in einer feierlichen Zeremonie für den Carrickfergus Advertiser verbrannt hatten.
Ich nahm mir ein großes Blättchen, drehte mir einen Joint und ging rauchend zum Haus zurück.
Das Telefon klingelte, und ich rutschte aus und brach mir beinahe das Genick, als ich nach dem verdammten Ding hechtete.
»Sean! Endlich!«, sagte sie.
Laura. Sie rief vom Aldergrove Airport aus an. Ihr Flug ging in fünf Minuten.
An den Rest des Telefonats erinnere ich mich nicht mehr. War eh nur eine Geschichte. Eine Märchengeschichte.
Dazu ein paar Versprechen, die keiner von uns beiden halten würde.
Fünf Minuten?
Das Gespräch dauerte keine zwei.
Ihre Worte waren erfrorene Vögel, die tot vom Telegrafendraht fielen. Ich antwortete mit einem Vakuum an Lügen und Banalitäten, mir war ganz übel von meinen eigenen Worten.
Schließlich hatte sie Erbarmen mit uns, verabschiedete sich und legte auf.
Ich saß im Wohnzimmer und zündete meinen Joint wieder an. Der Türke war mörderisch, und es dauerte keine zehn Minuten, bis ich so high war wie ein Wetterballon über Roswell, New Mexico.
Ich hustete mich im Hinterhof aus und schaute zu, wie der Große Bär seine Schnauze in den Lough steckte. Ich hob völlig ab. »Bärenmutter, wache über uns«, deklamierte ich. »So wie du über die Vorfahren gewacht hast ...«
Ich hatte noch gut acht Millimeter übrig, aber ich warf den Joint weg, ging ins Haus und legte Hunky Dory auf. Hunky Dory wich Joan Armatrading wich Dusty in Memphis.
Gegen elf Uhr nachts klopfte es an der Tür.
Ich nahm meinen Revolver vom Flurtisch und fragte: »Wer ist da?«
»Deirdre«, glaubte ich zu hören.
»Welche Deirdre?«
»Von nebenan.«
Ich öffnete die Tür. Es war Mrs Bridewell. Sie hielt einen Kuchen in der Hand. Er war im Regen nass geworden, Mrs Bridewell auch, Mrs Bridewell mit ihren Wangenknochen und den kurzen Haaren und dem Mann, der im Ausland war und nach Arbeit suchte ...
»Oh, hallo«, sagte ich. »Kommen Sie rein.«
»Nein, ich will Sie nicht aufhalten. Ich habe Thomas mit den Kleinen allein gelassen, und ein größerer Tollpatsch hat noch nie seinen Arm in ein Ärmelloch gesteckt.«
»Kommen Sie doch aus dem Regen.«
Sie tat einen vorsichtigen Schritt herein, sah mein Bild von »Unserer Lieben Frau von Knock« und unterdrückte eine Hasstirade gegen die Papisten.
»Ich wollte das nur abgeben. Den hab ich für den Kirchenkuchenverkauf morgen gebacken, aber der ist wegen des Kriegs abgesagt worden.«
»Welcher Krieg?«
»Na, Argentinien hat doch die Falklandinseln besetzt!«
»Ach, der Krieg.«
»Von meiner Bagage isst keiner Rhabarberkuchen. Aber ich weiß ja, dass Sie ihn mögen.«
Ich schaltete das Licht im Flur an. Mrs Bridewell hatte für den kurzen Ausflug nach nebenan Lippenstift aufgetragen und sah reizend aus, wie sie da mit nassen Haaren und verwirrt blickenden grünen Augen, ganz blasser Haut, dunklen Wimpern und dünnen, nervösen roten Lippen stand.
»Mr Duffy?«, fragte sie.
Es war niemand auf der Straße. Ihre Kinder lagen im Bett. Die Luft war wie elektrisiert. Gefährlich. Die Chancen standen fünfzig zu fünfzig, dass wir gleich hier auf der Fußmatte über einander herfielen wie die Karnickel. Deirdre spürte es auch.
»Sean?«, flüsterte sie.
Himmel Herrgott. Ich tat einen Schritt zurück und atmete aus. »Ja ... ja, Rhabarberkuchen. Lieb ich.«
Sie musste schwer schlucken.
»V-vergessen Sie nicht die Sahne«, sagte sie, stellte den Kuchen auf den Flurtisch und eilte zu ihrem Haus zurück.
Ich ließ den Kuchen stehen, wo er war, und holte stattdessen die Flasche Jura heraus. Um Mitternacht schaltete ich die Nachrichten ein, um zu sehen, ob irgendein Flugzeug abgestürzt war, doch die Glotze wollte nur von Argentinien quasseln, und so musste ich mir sämtliche Ansichten zu diesem Thema reinziehen, bevor klar wurde, dass es keine Flugzeugkatastrophen gegeben hatte und Laura in Sicherheit war.