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EINKASSIERT

Special Branch befragte mich im Krankenhaus. Ich erzählte ihnen meine Geschichte, und sie erzählten mir, dass John DeLorean Ziel einer internationalen Untersuchung verschiedener Regierungsbehörden sei und ich besser den Mund halten solle. Das wusste ich schon, und ich hätte sowieso den Mund gehalten, auch ohne das Geheimhaltungsabkommen, zu dem mich die Idioten von Special Branch zwangen.

Dunkle Gestalten mit Privatschulakzent und smarten Anzügen trafen sich mit mir, und wir brüteten eine Geschichte aus, in der Sir Harry und seine Schwägerin bei einer Explosion ums Leben gekommen seien, die ein defekter Ölbrenner verursacht hatte. Ich hätte mutig versucht, sie aus dem Inferno zu retten, sei aber gescheitert.

Wir wussten, dass niemand von Islandmagee mit der Presse reden würde, also würde diese offizielle Version nicht in Frage gestellt werden.

Die örtlichen Zeitungen schluckten die Geschichte ohne mit der Wimper zu zucken, und ein paar Tage lang war ich sogar so was wie ein Held. Blumige Beschreibungen meines Versuchs, Emma aus den Flammen zu retten, wurden gedruckt, sogar mein Polizeiorden fand Erwähnung. Die Meldung beherrschte für kurze Zeit die Titelseiten des Belfast Telegraph, verlor sich dann aber zwischen den verschiedenen Siegen und Katastrophen auf den Falklands.

Selbst als die Zeitungen davon berichteten, dass Sir Harry in dubiose Geschäfte verwickelt gewesen war, dass er den berühmten John DeLorean gekannt hatte und in irgendwelche Streitigkeiten mit seiner Schwägerin geraten war, war noch alles in Butter.

Bis die Amis dazwischenfunkten.

Offenbar hatten sie den Eindruck bekommen, dass ich unsere Abmachung nicht eingehalten hätte. Ich hatte versprochen, mich von DeLorean und dem Fall O’Rourke fernzuhalten, doch kaum war ich in Belfast aus dem Shuttle gestiegen, hatte ich weitergebuddelt ...

Sie gaben ihren Bericht über meine angebliche Trunkenheitsfahrt in Massachusetts an die Öffentlichkeit. Die örtliche Presse charakterisierte mich plötzlich als Einzelgänger, als gefährlichen Bullen im Zentrum eines Skandals um einen Baronet und dessen Schwägerin. Die Theorien wurden immer wilder: Sir Harry und Emma waren nun ein Liebespaar, das sich in einem spektakulären Fall von Selbstmord oder gar Mord umgebracht hatte; Sir Harry, Emma und ich waren die Pfeiler einer abenteuerlichen Dreiecksgeschichte.

Der vorläufige Bericht des Gerichtsmediziners hielt einen Unfall für die wahrscheinlichste Ursache der Ereignisse bei Red Hall, doch einige Pressefritzen bevorzugten die Nummer mit dem Liebesdreieck, das einen »Polizeihelden« verschluckt hatte.

Als die Geschichte sich noch immer beharrlich in der Presse hielt, fing ich langsam an, mir Sorgen zu machen, ich könnte in Schwierigkeiten stecken. Ich hatte den Befehl erhalten, mich von Sir Harry McAlpine fernzuhalten. Ich sollte den Fall auf Eis legen, hatte dann aber weiter in meiner freien Zeit ermittelt. Ich hatte meinen Vorgesetzten Informationen vorenthalten. Die Tatsache, dass der einzige Beweis – der Hautfetzen mit der Tätowierung –, der Sir Harry mit dem Tod von Bill O’Rourke in Verbindung brachte, bei der Explosion vernichtet worden war, half auch nicht gerade.

Ich musste mich einer rigorosen internen Untersuchung durch zwei Chief Superintendents stellen.

Hatte ich den Befehl X erhalten? Hatte ich besagtem Befehl zuwidergehandelt ... Und so weiter.

Ich wusste viel besser als sie, wo ich versagt hatte: Sir Harry war der Justiz entkommen, Emma war tot. DeLorean – was zum Henker der auch immer trieb – würde damit fortfahren, solange das Nordirland-Ministerium ihn machen ließ und er diese ach so kostbaren Jobs in Nordirland erhielt.

Die Presse war schließlich gelangweilt von der Story, und nach der Befragung verschwand die ganze Geschichte für eine Weile; ich machte mich wieder an die Arbeit und ging dummerweise davon aus, dass die Sache damit erledigt wäre.

Alles schien ganz normal auf dem Revier Carrickfergus RUC, bis ich eines Tages im Juni aus heiterem Himmel zu einer formellen disziplinarischen Anhörung einbestellt wurde. Und zwar mit allen Schikanen: Galauniformpflicht, Anklagepunkte und der Hinweis, dass ich mir einen Rechtsbeistand nehmen solle.

Die Anhörung fand in einem Behördengebäude im Zentrum von Belfast statt. Das Komitee bestand ausschließlich aus alten Männern. Graue Gesichter, blaue Nasen. Sie hatten sich der Polizei während des Krieges oder kurz danach angeschlossen, und damals war die RUC noch eine ganz andere Spezies gewesen: eine Protestantentruppe für Protestanten. Der Zeitpunkt der Anhörung machte mich mehr als nervös, es war ein Augenblick, an dem die Geschichte gut unter den Tisch gekehrt werden konnte. Die Argentinier standen kurz vor der Niederlage auf den Falklands. Schottland, England und Nordirland hatten Fußballmannschaften zur Weltmeisterschaft durchgebracht. Keiner würde auch nur einen Tropfen Tinte auf einen entehrten ehemaligen Helden verschwenden. Die konnten mich fertigmachen oder laufen lassen, niemand würde sich darum scheren.

Ein aalglatter Chief Inspector von der Innenrevision verlas die Anklage. Die zentralen Errungenschaften im Fall O’Rourke wurden kaum erwähnt. Das Einzige, wofür sich das Tribunal zu interessieren schien, war, welche Befehle ich missachtet und ob ich die Vorschriften der RUC korrekt befolgt hatte. Vollkommener Bockmist, das alles.

So langsam ging mir auf, dass diese Bestrafung nicht von Belfast oder London angeordnet worden war, sondern von Washington, D.C.

Ich hatte den Amis ans Bein gepisst, und nun wollten sie mich bestraft sehen.

Die alten Männer im Komitee hörten sich den Fall an, nahmen meine Verteidigung zur Kenntnis, lasen ihre Notizen und zogen sich zur Beratung zurück.

Ich wartete.

Es war stickig im Raum, aber niemand dachte daran, ein Fenster zu öffnen. Das Komitee sollte wohl nicht allzu lang fernbleiben – und tatsächlich, nach vorschriftsmäßig eingehaltenen fünfzehn Minuten kehrten sie wieder zurück.

Chief Superintendent Pullman rief meinen Namen auf. Mein Rechtsbeistand der RUC stupste mich an, was bedeuten sollte, ich müsse mich erheben. Ich ging in Habachtstellung. Meine Daumen parallel zu den Hosennähten. Hacken zusammen. Blick geradeaus. Galauniform piccobello.

Chief Superintendent Pullman raschelte mit dem Papier, räusperte sich und verlas das Urteil: »Detective Inspector Duffy, nach langen, sorgsamen Überlegungen ist dieses Tribunal zu dem Schluss gekommen, dass Sie vier separate Vergehen gegen den Verhaltenskodex der RUC begangen haben ...«

Die Stenografin schrieb meine verschiedenen Übertretungen auf. Auch sie wusste, dass das alles Schwachsinn war. Ich meine, bis vor Kurzem hatten sie unten im Castlereagh Untersuchungsgefängnis noch Verdächtige mit dem Gummischlauch durchgeprügelt – die brauchten mir doch nichts über Vergehen gegen den Verhaltenskodex erzählen, verfluchte Scheiße.

»Sie haben in mehreren Fällen direkte Befehle missachtet. Sie haben die Einheit auf ausländischem Boden beschämt ...«, fuhr Pullman fort.

Die RUC beschämt? In den USA zählt unser Name weniger als Dreck. Die sollten mal den Boston Herald lesen, Mann.

Pullman redete weiter. Seine Lippen bewegten sich, die anderen Männer nickten im Akkord, ich sah sie voller Verachtung an. Alte, dumme Männer. »... Abschließend, Inspector Duffy, muss ich Ihnen mit großem Bedauern das einstimmige Urteil in diesem Disziplinarverfahren mitteilen.«

Ich schluckte und fixierte einen Riss in der Hinterwand.

»Ab sofort werden Sie zum Rang eines Sergeant degradiert.«

Scheiße.

»Rückwirkend ab dem 1. Januar 1982 werden Ihre Überstunden, persönlichen Urlaubstage und weiteren Vergünstigungen ebenfalls auf die zum Rang eines Sergeants gehörigen Stufen reduziert.«

Scheiße.

Okay, es war schlimm. Ich war um eine Stufe degradiert worden. Aber wenn sie mich in Carrickfergus ließen, konnte ich immer noch ein Team von Detectives leiten. Wenn ich mir ein Jahr lang nichts zuschulden kommen ließ, würden sie mich vielleicht in aller Stille wieder zum Inspector machen. Und wenn sie mich auf ein größeres Revier in Belfast versetzten, dann konnte sich ein Detective Sergeant doch sicherlich in die interessanteren Fälle einschleusen ...

Pullman nahm die Brille ab und sah mich an.

»Haben Sie das Urteil dieses Tribunals verstanden und nehmen Sie es an?«

Man erwartete von mir eine Antwort für die Stenografin.

»Jawohl, Sir, ich werde zurückgestuft auf den Rang eines Detective Sergeant bei vollem Verlust an Dienstjahren und Besoldungsstufe, Sir!«

Pullman sah mich überrascht an.

»Nein, Duffy, das haben Sie missverstanden – Sie werden zu einem ganz normalen Sergeant degradiert. Sie werden aus den Dienstlisten des CID gestrichen.«

Meine Knie gaben nach.

Gewöhnlicher Sergeant? Ich war kein Detective mehr? Ein ganz normaler Bulle? Ein uniformierter Bulle, das war ein kleines Licht. Ein gewöhnlicher Polizist, das war ein Niemand.

Ich setzte mich.

Mein Anwalt sah mich an, ob alles in Ordnung sei. Als er bemerkte, dass dem nicht so war, gab er mir ein Glas Wasser.

»Haben Sie das Urteil verstanden, Sergeant Duffy?«, fragte Pullman.

»Trinken Sie das«, flüsterte mir mein Anwalt zu.

Ich stand wieder auf und starrte Pullman in die hässliche Visage.

»Nein, verstehe ich verdammt nochmal nicht! Das ist doch Schwachsinn! Haben Sie irgendeine Ahnung, was da draußen los ist? Haben Sie eine Ahnung, wie das ist, jeden Tag Ihres verfluchten Lebens da draußen aufs Spiel zu setzen?«

Pullman schüttelte den Kopf in Richtung Stenografin, die sofort aufhörte mitzuschreiben.

»Duffy, wir schätzen Ihre Arbeit, aber wir sehen uns zu unserem großen Bedauern zu diesem Schritt gezwungen. Sie haben den Namen der ...«

»Sie können sich Ihr Bedauern sonst wo hinstecken, Sie alle! Und schreiben Sie das auf, Schätzchen«, sagte ich.

Ich schlug die Hacken zusammen, salutierte und stürmte hinaus.

Sie hatten mir einen Wagen bereitgestellt, aber ich nahm den Zug.

Er war voller Schulkinder, und zu allem Überfluss musste ich die ganze Fahrt über stehen. Ich stieg an der Station Downshire aus und ging in den Schnapsladen. Ich kaufte mir eine Flasche Jack Daniel’s und ein Sixpack Bass.

Dann ging ich die Victoria Road entlang.

»Oh, Sie sehen aber gut aus, so in Uniform«, meinte Mrs Bridewell, die einen Kinderwagen schob.

»Danke«, erwiderte ich kurz angebunden.

Ich ging in mein Haus, 113 Coronation Road, suchte in meinen Platten herum und legte »Hellhound On My Trail« von Robert Johnson auf. Ich riss mir die Uniform vom Leib und schleuderte den Orden gegen die Wand.

Er prallte ab und landete beinahe auf dem Plattenspieler.

Dann machte ich die erste Dose Bass auf.

»Ein ganz gewöhnlicher Sergeant! Eher kündige ich, verdammte Scheiße. Ihr werdet schon sehen, ihr Arschlöcher«, brüllte ich.

Das Telefon klingelte.

Der erste einer ganzen Reihe von Anrufen: McCrabban, Matty, Sergeant Quinn, Tony, Inspector McCallister, sogar Chief Inspector Brennan, der tief in Scheidungsangelegenheiten steckte.

Sie alle hatten es schon gehört und sprachen mit mir, als würde es einen Todesfall in der Familie geben.

Ich rief meine Eltern an.

Mein Dad meinte, ich solle aus der Truppe ausscheiden. Wer klug sei, ginge eh nach England oder Amerika. Ich hätte doch so viel Potential. Das sei doch vergeudete Lebenszeit in dieser sektiererischen, vergifteten Atmosphäre der RUC ...

Ich trank, hörte mir den Blues an und schaltete um neun die BBC-Nachrichten ein. Port Stanley war in die Hände der britischen Streitkräfte gefallen.

Die Argentinier bereiteten eine formelle Kapitulation vor.

Der BBC-Korrespondent war ganz außer sich: »Es herrscht Jubel auf den Straßen von Port Stanley, als endlich wieder die Fahne der Falklandinseln über dem Amtssitz des Gouverneurs ...«

Ich schaltete die Glotze aus und saß mit dem Jack Daniel’s inmitten der Stille.

Kurz vor Mitternacht klingelte wieder das Telefon, und ich hob ab.

»Hätte schlimmer kommen können, Duffy«, sagte eine weibliche Stimme.

Sie war es. Die kleine Miss Anonym. Sie, die mir den ganzen Ärger eingebrockt hatte.

»Ach, wirklich?«, meinte ich.

»Sehr viel schlimmer. Die Amerikaner sind sehr verärgert über Sie.«

»Wenn die Amerikaner sagen: ›Spring‹, dann fragen Sie, ›Wie hoch?‹, richtig?«

»Richtig.«

»Warum haben Sie das getan? Warum ich?«

»Ich habe versucht, Ihnen zu helfen, Duffy.«

»Sie haben mich verarscht. Warum sind Sie denn nicht in die USA geflogen, Herzchen? Warum haben Sie nicht in dem Schließfach nachgeschaut?«

»Das ist nicht mein Metier. Ganz und gar nicht, Duffy.«

»Nein, aber mich haben Sie geschickt, richtig? Sie haben mich in die richtige Richtung gelotst. Wussten Sie, was passiert, wenn ich zu der Bank ginge?«

»Natürlich nicht. Das hätten wir einem Freund niemals angetan.«

»Für wen arbeiten Sie? MI5? Ich habe schon genug Freunde beim beschissenen MI5.«

»Hören Sie ... Duffy, oder darf ich Sie Sean nennen?«

»Nein, dürfen Sie nicht! Und rufen Sie auch nicht mehr an! Ich lege jetzt auf.«

»Moment! Warten Sie einen Moment. Wie Sie wissen, Sean, ist das Leben in Nordirland nichts wert, warum also, glauben Sie, ist Ihnen nach all dem Ärger, den Sie uns und unseren Alliierten jenseits des Großen Teichs gemacht haben, noch vergönnt zu leben?«

»Warum sagen Sie es mir nicht einfach, verflucht?«

»Ich habe keine Ahnung. Ich kann mir nur vorstellen, dass Sie für die Mächtigen im Augenblick noch von Wert sind. Einige von uns spielen ein langfristiges Spiel, Sean.«

»Das ist kein Spiel«, entgegnete ich, legte auf und zog den Stecker aus der Wand.

Ich ging in die Küche und schrieb hastig meine Kündigung.

Ich steckte sie in einen Umschlag und adressierte ihn. Ich fand eine Briefmarke und ging zum Briefkasten am Ende der Coronation Road. Dann stand ich eine Minute lang da und überlegte.

»Lieber noch eine Nacht drüber schlafen«, entschied ich schließlich, steckte den Umschlag in die Jackentasche und ging nach Hause.