Ich hielt bei Paddy Kinkaids BMW-Werkstatt in Whitehead und stellte den Wagen auf einem Platz voller nagelneuer Modelle ab. Wenn der alte Paddy sie für seine Käufer attraktiv halten wollte, dann würde er mal mit dem verfluchten Gartenschlauch drübergehen müssen, denn der Qualm aus dem Kraftwerk Kilroot legte eine feine graue Rußschicht auf alle Oberflächen, so als würde der goldene Kopf des riesigen Schornsteins die ganze beschissene Gegend besamen.
Ich zündete mir eine Kippe an und ging in die Werkstatt.
Eigentlich handelte es sich nur um eine große blauweiß gestrichene Sperrholzscheune. In einer Ecke des Ausstellungsraums spielte eine ältere Frau auf einer E-Orgel, und als ich Father O’Hare sah, dachte ich, die beiden seien gemeinsam hier – probten für eine Hochzeit oder bereiteten eine Beerdigung vor, tatsächlich aber hatten sie nichts miteinander zu tun. Die Organistin war Paddys Frau und spielte vor sich hin, und Father O’Hare suchte nach einem Wagen.
»Ich habe dich schon eine Weile nicht mehr gesehen, Sean«, sagte Father O’Hare recht freundlich, wenn auch mit einem leicht tadelnden Unterton. Und falls es da wirklich einen verdammten Unterton gab, gefiel mir das ganz und gar nicht.
»Großer Fehler, Father«, sagte ich.
»Was denn?«
»Sie können doch als Priester keinen BMW fahren. Das ist die falsche Botschaft.«
»Sean, wie du sicher weißt, ist das Papamobil ebenfalls von BMW.«
»Der Heilige Vater hat ein Attentat durch die direkte Intervention Unserer Lieben Frau von Fátima überlebt und kann daher im Kfz-Bereich tun und lassen, was er will; bei allem Respekt, Father, da sind Sie noch lange nicht.«
Er nickte und konterte: »Ich frage mich nur, welchen Eindruck es dann vermittelt, wenn ein Polizist einen BMW fährt?«
»Möglich, dass ein Inspector bei der Sitte oder im Betrugsdezernat sich darüber Sorgen machen sollte, aber doch kein einfacher Beamter der Mordkommission.«
Die Orgel kam an einer schwierigen Stelle der Toccata und Fuge in d-moll an, und Father O’Hare konnte in meinen Augen lesen, dass ich wohl schon einen ziemlich anstrengenden Vormittag hinter mir hatte.
»Vielleicht haben Sie recht, Sean, ich wollte mir eh nur einen Katalog mitnehmen. Sehen wir uns in der Messe vor Mariä Verkündigung?«
»Ja, Father«, versicherte ich ihm, und er ging hinaus zu seiner klapprigen Ente, die nur so nach Todesfalle schrie.
Paddy setzte zu einer Tirade gegen mich an. Er war ein untersetzter, freundlicher Mann mit einer einladenden, sonnengebräunten Billardkugel als Kopf, doch als er mitbekam, wie ich Father O’Hare hinausgescheucht hatte, war er stinksauer.
»Das war ein Kunde, Sean. Ein Kunde. Ich trampel doch auch nicht in deinem Revier herum und löse Mordfälle, oder?«
»Kannst du gern machen, Paddy.«
Paddy tobte weiter; Father O’Hare bräuchte dringend einen neuen Wagen, und die katholische Kirche würde doch ihren Reichtum dazu einsetzen, um Gott zu verehren und dem einfachen Menschen einen Blick in die Ewigkeit zu gewähren. Ich war nicht in der Stimmung für eine solche dialektische Auseinandersetzung, also meinte ich nur, da habe er wohl recht, entschuldigte mich und bat um eine neue Windschutzscheibe.
Paddy teilte mir mit, dass er frühestens in einer Woche eine Ersatzscheibe dahaben würde, und bot an, mir für nur fünfzig Pfund einen schwarzen BMW 320i zu leihen. Ein kluger Schachzug von ihm, weil er wusste, dass er mich nach ein paar Tagen hinter dem Lenkrad dieses Vier-Zylinder-Einspritzer-Monsters mit 125 PS am Haken hatte.
Die Maschine schnurrte nur so dahin, und auf der Geraden von der alten ICI-Fabrik bis Eden Village brachte ich es auf hübsche hundertachtzig.
Ich bog nach rechts in die Victoria Road, links in die Coronation Road und stellte den Wagen ab.
Dann schnappte ich mir Bobby Camerons Jungen und gab ihm ein Pfund; ich sagte ihm, er würde noch ein Pfund bekommen, wenn er all die kleinen Scheißer von meinem Wagen fernhielt.
Ich war erledigt.
Ich machte das Flurlicht an und betrachtete mich im Spiegel. Ein jämmerliches, heruntergekommenes Wrack von Mann.
Der Flurspiegel.
Der Spiegel.
Alice hinter den Spiegeln. Alice Smith wegen Alice Liddell, das war eigentlich offensichtlich! Durch einen Spiegel ein dunkles Bild.
Das Telefon stand auf dem Tisch. Ich dachte an das Gespräch mit unserem Stargast, der mysteriösen Anruferin.
Ich ging zum Wagen und fuhr zu William McFarlanes Frühstückspension in Dunmurry.
Ohne die ganzen Uniformierten des Einsatzkommandos erkannte mich Mrs McFarlane gar nicht.
Ich fragte, ob ich mir mal Zimmer Nr. 4 ansehen könne. Alle Zimmer seien gleich, antwortete sie.
Vier sei meine Glückszahl, erwiderte ich.
Na gut, meinte sie.
Ich ging nach oben zu Nr. 4.
Ich blickte in den riesigen Spiegel über der Kommode und bemerkte merkwürdige Schleifspuren auf dem Teppich.
Exakt dort wären sie auch, wenn jemand dieses schwere Trumm von der Wand zöge.
Ich zog die Kommode von der Wand.
Jemand hatte einen Umschlag hinter den Spiegel geklebt.
Ich zog Latexhandschuhe an und öffnete den Umschlag.
Darin: Bill O’Rourkes amerikanischer Führerschein aus Massachusetts, fünfhundert Dollar in Fünfzigern und ein Schlüssel mit der eingeprägten Zahl 27. Am Schlüssel klebte ein Stück Papier mit der Aufschrift »Ten Cent Savings Bank Schließfach, Jefferson Street, Newburyport, Massachusetts«.
Ich schob die Kommode zurück an die Wand und meinte zu Mrs McFarlane, ich würde es mir noch überlegen mit dem Zimmer.
Dann ging ich zu dem Leih-BMW zurück und setzte mich rein.
Die geheimnisvolle Anruferin hatte es die ganze Zeit gewusst.
Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild. Sie hatte durch den Spiegel gesehen. Sie hatte die andere Seite gesehen, überließ es aber mir, deswegen etwas zu tun.
Es gab nur eines, was getan werden konnte.
Ich wusste, welches Drama sich entwickeln würde, wenn ich um offizielle Erlaubnis bat.
Der Chief. Das Konsulat. DeLorean. Die Amerikaner. Vor allem die Amerikaner.
Man würde mir den Fall entziehen.
Man würde den Fall auf Nimmerwiedersehen verschwinden lassen.
Wir würden niemals herausfinden, wer Bill O’Rourke ermordet hatte. Jemand anderes vielleicht, aber wir nicht.
»Nein, wir nicht«, sagte ich laut.
Ich fuhr aufs Revier und traf Kenny Dalziel zwischen den Lohnzetteln im Keller an. Ich sagte zu ihm, bevor in einem Monat oder so wieder die Zeit der Paraden und Aufmärsche beginnen würde, sei es doch der perfekte Moment, meine freien Tage alle auf einmal zu nehmen.
Dalziel meinte, das würde er mit dem Chief bereden.
Eine halbe Stunde später rief mich der Chief in sein Büro und erklärte, ich würde ganz so aussehen, als könnte ich mal Urlaub vertragen. Er empfahl mir Blackpool, zu dieser Jahreszeit besonders erfrischend und preiswert.
Ich antwortete, das hörte sich wirklich fantastisch an.
Ich sagte zu Kenny, ich würde fünf Arbeitstage und ein Wochenende vom Bereitschaftsdienst frei nehmen. Crabbie würde die Leitung des CID übernehmen und solle für die Woche auch als diensthabender Sergeant entlohnt werden. Kenny sträubte sich, bis ich erwähnte, ich würde die vier Pfund extra aus meiner eigenen Tasche zahlen.
Dann ging ich nach oben und wies Crabbie in seine neue Position als diensthabender Sergeant ein, worüber er so erfreut war, wie ich gehofft hatte. Von dem Spiegel erzählte ich ihm nichts. Noch nicht. Hatte keinen Zweck, ihn in die Sache mit reinzuziehen, solange ich noch nicht wusste, wohin das alles führte.
Ich rief Emma McAlpine an und erklärte ihr, dass ich für ein paar Tage nicht in der Stadt sei, sie aber nach meiner Rückkehr gern wiedersehen würde.
»Das wäre nett«, meinte sie.
Ich bestellte Blumen für Emma, bei demselben Zustelldienst wie für Gloria.
Dann fuhr ich zu Grant’s Travel Agency in Carrickfergus und ließ mir einen Flug nach Boston buchen. Am nächsten Tag um zwölf Uhr ab Dublin.
Ich bin ja nicht einer dieser abergläubischen Trottel, aber nur um auf der sicheren Seite zu sein, schaute ich nach, wann die nächste Messe war ...