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THE GIRL ON THE BIKE

Ich saß in Ownies Bar und aß etwas, als der Pieper losging. Ich fragte Arthur, ob ich mal telefonieren könne, und stellte fest, dass ich eine Nachricht von der Zentralleitstelle in Ballymena hatte. Sie hatten die junge Frau gefunden! Eine Armeepatrouille hatte sie auf ihrer Maschine angehalten, als sie nordwärts Carrickfergus verlassen wollte, man hatte sie der Polizei überstellt. Sie hockte nun auf dem Revier Whitehead.

»Schau an, schau an«, sagte ich und grinste Arthur an.

»Gute Neuigkeiten?«

»Aye, könnte sein, Mann. Könnte sein.«

Ich rannte aufs Revier zurück, sprang in den BMW, gab auf der Bla Hole Road Vollgas und war in acht Minuten auf dem Revier Whitehead. Ein kleines, an Wochenenden unbesetztes Revier, vier Reservisten und ein Inspector schmissen den Laden.

Ich fand den diensthabenden Offizier, einen sommersprossigen Burschen namens Raglan mit einem Haarschnitt à la Hutch aus Starsky und Hutch und einem zarten roten Schnurrbart.

»Ich möchte Ihre Inhaftierte befragen«, sagte ich.

»Unsere Inhaftierte?«

»Aye, ich gehe mal davon aus, dass Sie nur eine haben.«

»Die ist schon fort«, erklärte Raglan.

»Was?«

»Sie ist fort.«

»Mit wem, verflucht?«

»Mit ein paar Superintendents von Special Branch.«

»Namen?«

»McClue hieß der eine, den anderen hab ich vergessen. Gibt es ein Problem?«

»Keine Ahnung. Schätze, da werde ich wohl mal bei der verdammten Special Branch nachfragen müssen.«

»Sie haben sie um eine halbe Stunde verpasst.«

»Erzählen Sie mir von ihr – wie sah sie aus? Engländerin?«

»War nicht sehr gesprächig. Hübsch. Sah schottisch aus. Rotblonde Haare. Um die dreißig, mehr oder weniger. Irgendwie nicht sonderlich interessant. Bisschen alt, um mit einem gestohlenen Motorrad ’ne Spritztour zu machen, fand ich.«

»Haben Sie sie fotografiert, Fingerabdrücke genommen?«

»Special Branch rief an und meinte, wir sollten das lassen.«

»Special Branch rief an und meinte, Sie sollten ihr keine Fingerabdrücke nehmen?«

»Ja.«

»Das ist doch komisch, oder nicht?«

»Na ja, die Jungs von Special Branch sind doch alle ein bisschen komisch, oder?«

»Sie haben sie doch durchsucht.«

»Natürlich.«

»Und?«

»Hab ich hier aufgeschrieben.«

Er schaute auf einem Notizblock nach und las vor: »Sie hatte bei sich: einen Schlüsselbund, ein Paar Handschuhe, einen Notizblock und ein Taschenbuch mit dem Titel Doktor Faustus

»Und wo ist das Zeug jetzt?«

»Hat Special Branch mitgenommen.«

Ich nickte.

»Wann wurde sie eingeliefert?«, fragte ich.

»Die Army hat sie um vier Uhr hergebracht.«

»Sie haben das nicht gleich bearbeitet?«

»Nein, nicht sofort. Wir haben sie in die Zelle gebracht und ihr Kissen und Decke gegeben.«

»Und sie hat nichts gesagt?«

»Da nicht.«

»Haben Sie sie wenigstens nach ihrem Namen gefragt?«

»Aye. Natürlich!«

»Und?«

»Alice Smith.«

»Alice Smith?«

»Alice Smith.«

»Hmmm. Und wie kommt Special Branch ins Spiel?«

»Gegen sechs Uhr brachte ich ihr eine Tasse Tee, sie bedankte sich und fragte, ob sie ihren Anruf machen könne.«

»Und Sie haben sie telefonieren lassen?«

»Ist doch ihr Recht, oder?«

»Und was ist dann passiert?«

»Na ja, sie führte ihr Telefonat, aß einen Keks, ich brachte sie zurück in die Zelle, und fünf Minuten später bekomme ich einen Anruf, Special Branch sei unterwegs und ich solle die Sache nicht bearbeiten.«

»Fanden Sie das nicht komisch? Das Timing, meine ich.«

»Nein.«

»Und wann sind die beiden hier aufgetaucht?«

»Vor einer halben Stunde etwa, wie ich schon gesagt habe.«

»Waren sie in Uniform?«

»Nein.«

»Haben sie sich ausgewiesen?«

»Ich fand das nicht nötig. Ich meine, die haben gesagt, sie würden kommen, und dann waren sie eben da.«

»Beschreiben Sie sie.«

»Zwei Typen eben. Anzüge, Schlipse ... Ich hab nicht so genau darauf geachtet.«

»Haben sie die Entlassungspapiere unterschrieben? Irgendwas in der Art?«

»Hätten sie sollen?«

»Sie lassen zwei Fremde herein, holen eine Verdächtige aus der Zelle, kontrollieren aber weder die Dienstausweise, noch lassen Sie sie das gegenzeichnen?«

»Sie war doch nur wegen Motorraddiebstahls dran, oder nicht?«

Ich ging in den Zellentrakt, um nachzuschauen, ob sie etwas vergessen hatte.

Hatte sie nicht.

Die folgende Stunde verbrachte ich damit, Special Branch anzurufen.

Natürlich gab es weder einen Superintendent McClue, noch hatten sie Beamte nach Whitehead geschickt, um die Verdächtige abzuholen. Ich hatte nichts anderes erwartet. Ich jagte den Namen Alice Smith durch die Datenbank, aber dabei kam nichts Relevantes heraus.

Ich spazierte in den nächsten Buchladen und kaufte mir ein Exemplar von Doktor Faustus. »Barock« traf es nicht. Gegen dieses Buch sah Henry James aus wie Jackie Collins. Nicht die Art von Buch, die ich zu einer Observation mitnehmen würde, aber nichts an diesem Theater lief so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Die reinste Amateurstunde, was alles bedeuten konnte, von Zivilisten, die sich einen Jux machen wollten, bis hin zu den Idioten vom MI5, die sich immer noch was auf ihren »Amateur«-Status einbildeten.

Bad. Wodka Gimlet. Bibel. Kein Glück mit dem dunklen Bild. Frag morgen mal den presbyterianischen Kirchenältesten McCrabban, was er davon hält. Wahrscheinlich alles Blödsinn. Rätselhafte Botschaften waren was für Spionagefilme und Spinner. Wenn meiner Erfahrung nach dir Leute etwas sagen wollten, dann sagten sie es dir einfach, verdammt nochmal. So machte man das in Ulster. Am besten sagte man nichts, aber wenn, dann sollte man auch dafür sorgen, dass man richtig verstanden wird.

Ich ging mit Doktor Faustus zu Bett; dessen schlaffördernde Qualitäten machten sich schnell bemerkbar.