Ich fuhr über das Viehgitter und nahm den Weg mit dem Schild: »Privatstraße, keine Zufahrt«.
»Was soll das denn alles?«, fragte Tony und wies durch die Scheibe.
»Eine Privatstraße auf Privatgrund.«
»Die IRA ist den ganzen Weg dorthin über Privatgrund gefahren, nur um den Gatten dieser Frau umzubringen?«, fragte Tony.
»Jedenfalls sollen wir das glauben.«
»Na, ich hab schon komischere Dinge erlebt.«
»Ich auch.«
Die Straße zog sich dahin, erst über einen Hügel, dann hinunter ins feuchte Tal.
Tony seufzte. »Und, was machst du so, Sean? Hab dich gar nicht richtig gesehen, seit du im Krankenhaus warst.«
»Mir geht’s gut. Und du? Wie geht’s der Madame? Schon Nachwuchs unterwegs?«
»Nein, noch nicht. Sie ist schon ganz wild drauf, aber ich möchte noch warten, bis, na ja, bis wir wissen, wo wir hingehören. Du kannst ja keine Kinder großziehen in dieser Gegend hier ... Und was ist mit dir und der Krankenschwester?«
»Ärztin. Die ist weg. Nach Schottland.«
»Nach Schottland? Na, kann man ihr ja nicht verdenken, oder?«
»Nein, kann man nicht.«
»Hoffentlich bin ich nächstes Jahr so weit. Dann kümmern wir uns um Kinder, Hypotheken, all das.«
»Du hast um Versetzung gebeten?«
»Zur Metropolitan. Aber behalt das für dich. Hier gibt’s keine Zukunft, Sean. So ein kluger junger Typ wie du sollte sich das überlegen. Wie groß bist du?«
»Eins achtundsiebzig.«
»Das reicht. Glaub ich.«
»Und wenn ich mich auf Zehenspitzen stelle?«
»Was hält dich hier, Sean?«, fragte er und überging meine schnoddrige Bemerkung.
»Ich möchte bleiben und Teil der Lösung sein.«
»Himmel. Die mischen dir wohl was ins Wasser oder verstecken geheime Botschaften in den Gesundheits- und Sicherheitsfilmen.«
Ich lachte und wollte gerade auf die Farm der McAlpines einbiegen, als ein Mann mit Schrotflinte auf uns zugerannt kam. Ich schaltete in den Leerlauf und kurbelte das Fenster herunter. Tony legte eine Hand auf die Dienstwaffe.
»Verschwinden Sie! Das ist eine Privatstraße«, schimpfte der Mann.
»Legen Sie die Waffe weg!«, schrie ich ihn an.
»Das werd ich nicht!«, schrie er zurück.
»Wir sind von der Polizei! Sichern Sie sofort das Gewehr!«, brüllte ich den Mistkerl an.
Zwar zögerte er einen Augenblick, klappte aber die Schrotflinte nicht auf und marschierte weiter auf uns zu. Er trug grüne Gummistiefel, Khakihosen, ein weißes Hemd, ein Tweedjackett und eine flache Kappe. Der Kleidungsstil der Generation vor uns, aber er war höchstens vierzig, wenn überhaupt.
Wir stiegen aus, zogen unsere Waffen und stellten uns hinter den Wagen.
»Das ist das erste Mal seit zwei Jahren, dass ich die Waffe zücken muss«, meinte Tony.
»Erst letzte Woche hat ein Kerl mit einer Schrotflinte auf mich geballert«, erwiderte ich.
»Ich bin seit acht Jahren dabei, auf mich hat noch nie jemand geschossen.«
»Auf mich schon ein halbes Dutzend Mal.«
»Und was sagt uns das über dich?«
»Was sagst es dir?«
»Das sagt mir, die Leute mögen dich nicht. Du gehst ihnen auf den Sack.«
»Na, danke, Mann.«
Der Mann lief auf uns zu. Er hatte ein paar Beagles bei sich. Beagles, keine Border Collies, er war also kein Farmer, zumindest nicht in diesem Moment. Als er am BMW ankam, war er ein wenig außer Atem, aber ansonsten in ziemlich guter Form, wenn man seinen kleinen Sturmlauf den Hügel hinab bedachte. Er hatte graue Haare, ein langes, kantiges Gesicht und rote Wangen. Seine Augen waren blau und zusammengekniffen, wohl weil er all seine freie Zeit damit verbrachte, Country Life zu lesen.
»Dies ist Privatgrund, und Sie halten sich hier unbefugt auf«, polterte er los.
»Wir sind von der Polizei«, wiederholte ich.
»Das behaupten Sie«, stellte er fest und fügte nach kurzer Pause hinzu, »und selbst wenn, trotzdem brauchen Sie einen Gerichtsbeschluss, um mein Land zu betreten.«
Sein Akzent war ein wenig merkwürdig. Nicht Islandmagee, nicht typisch lokal. Hörte sich eher nach irischem Englisch aus den Dreißigern an. Er war offenbar auf eine teure Privatschule gegangen, eine, auf der man lernte, so merkwürdig zu sprechen.
»Wir möchten zur Witwe McAlpine«, sagte ich.
»Sie wohnt auf meinem Land, und dies ist Privatbesitz. Ich würde es bevorzugen, wenn Sie mit einem Durchsuchungsbeschluss wiederkommen, auf dem präzise Ihre Absicht dargelegt wird.«
Ich kümmerte mich nicht weiter um den Kerl und wandte mich an Tony. »Das kommt von den amerikanischen Fernsehserien. Schon das zweite Mal diese Woche, dass mir irgendein Witzbold erzählt, ich bräuchte einen Durchsuchungsbeschluss. So was gab’s früher nicht.«
Tony räusperte sich. »Hören Sie, Mann, ich rate Ihnen, sich nicht in unsere Angelegenheiten zu mischen. Wir führen hier Ermittlungen in einem Mordfall durch. Wir können hingehen, wohin wir wollen, verflucht.«
Der Knacker schüttelte den Kopf. »Nein, können Sie nicht. Der Ermordete war mein jüngerer Bruder, ich habe ja die Effizienz Ihrer Ermittlungen verfolgen können, besser gesagt den Mangel daran. Die RUC hat mich in den letzten Monaten durchaus nicht mit ihrer Kompetenz beeindruckt.«
»Sie sind Doughertys Bruder?«, fragte ich.
»Was für ein Dougherty? Ich spreche von Martin McAlpine,
Captain Martin McAlpine. Mein Bruder.«
»Nein, Sir, wir ermitteln nicht in diesem Fall. Nicht direkt. Wir untersuchen den Tod von Detective Inspector Dougherty, der vergangene Nacht in Larne ermordet worden ist. Wir möchten Mrs McAlpine ein paar Fragen stellen.«
»Warum um alles in der Welt?«, fragte der Mann.
»Wir möchten mit ihr darüber reden, Sir«, beharrte ich.
»Ich werde nicht zulassen, dass man Emma stört. Sie hat schon mehrere Besuche von angeblichen Detectives erhalten, die in dieser Woche wegen irgendwelcher Ermittlungen hier aufgekreuzt sind. Ich schätze, ihr Name ist in einem Ihrer Computer aufgetaucht – ich sag Ihnen mal was, junger Mann, ich werde das nicht zulassen. Sie ist noch ganz aufgewühlt deswegen. Sie ist eine starke Frau, aber dieser Unsinn hat Spuren hinterlassen. Ihr Kerle ruiniert anderer Leute Leben.«
»Sir, es ist unsere Pflicht, den Mord an Inspector Dougherty zu untersuchen, und wir wissen, dass er kürzlich bei Mrs McAlpine war. Wir müssen wissen, worüber sie gesprochen haben, also werden wir Mrs McAlpine befragen, und es gibt nichts, Sir, was Sie dagegen unternehmen können«, verkündete ich entschieden.
Seine Wangen röteten sich, und er grunzte wie ein Trüffelschwein. Dann wühlte er in einer Tasche seiner Jagdjacke und zückte Notizbuch und Bleistift.
»Und wie heißen Sie, Officer?«, fragte er mich.
»Detective Inspector Sean Duffy, Carrickfergus RUC.«
»Und Sie?«, kam Tony an die Reihe.
»Detective Chief Inspector Antony McIlroy, Special Branch.«
»Gut«, erklärte der Mann und schrieb die Namen auf. »Sie werden beide von meinen Anwälten hören.«
»Wird mir ein Vergnügen sein«, meinte Tony und fuhr dann fort: »Und darf ich fragen, wer Sie sind, Sir?«
»Ich? Ich bin Sir Harry McAlpine«, sagte er feierlich, ganz als müssten wir auf die Knie gehen oder das Knie beugen oder so etwas.
»Schön, und wenn Sie jetzt so nett sind und beiseitetreten, dann kümmern wir uns um unsere Arbeit«, sagte Tony.
Er trat beiseite. Wir stiegen wieder in den BMW.
»Passen Sie auf Ihre Hunde auf«, sagte ich und drehte den Zündschlüssel.
»Komischer alter Kauz«, meinte Tony.
»Ich erzähl dir mal was Komisches«, fing ich an.
»Was denn?«
»Der Mann lässt zwei bewaffnete Männer zum Haus seiner Schwägerin vordringen, nur ein paar Monate nachdem ihr Mann, sein Bruder, von ein paar bewaffneten Männern auf einem Motorrad umgebracht worden ist.«
»Wir haben ihm doch gesagt, dass wir von der Polizei sind«, protestierte Tony.
»Aye, das haben wir gesagt, aber er hat uns nicht nach unseren Dienstmarken gefragt, und sonderlich überrascht war er auch nicht, uns zu sehen, oder?«
»Was heißt?«
»Er wusste, dass wir von der Polizei sind, und er wusste, dass wir kommen.«
»Wegen Dougherty?«
»Wegen Dougherty.«
»Und wozu legt er sich dann mit uns an?«
»Er wollte sich zeigen, wollte uns wissen lassen, dass Emma McAlpine die Schwägerin von Sir Harry McAlpine ist.«
»Und wozu?«
»Er wollte uns einen Mordsschrecken einjagen.«
»Hat aber nicht geklappt, weil keiner von uns beiden je von ihm gehört hat.«
»Ich werde das dumpfe Gefühl nicht los, das wird sich noch ändern, hm?«
Tony nickte, und wir fuhren auf den bereits bekannten Hof der McAlpines.
Cora war unter einem Vordach angekettet, fing aber sofort an zu bellen und nach uns zu schnappen.
»Freundlicher Hund«, meinte Tony.
»Ja, so ist sie, wenn sie dir nicht gerade die Kehle rausreißt oder in aller Seelenruhe zuschaut, wie zwei Terroristen ihr Herrchen erschießen.«
Wir stiegen aus und überquerten den schlammigen Hof. Die Hühner waren draußen, pickten an Brotkrumen, und ein dominanter Hahn warf uns von einem Zaunpfahl böse Blicke zu. An der Haustür hing ein Zettel:
»Bin Salz holen. Komme gleich zurück.«
Ich nahm den Zettel ab und zeigte ihn Tony, der ein wenig kurzsichtig war.
»Glaubst du, sie meint das wörtlich?«, wollte Tony wissen.
»Was sollte sie denn sonst meinen?«
»Keine Ahnung. Könnte doch ein ländlicher Euphemismus für etwas ganz anderes sein.«
Tony sah auf die Uhr. Das war ja ganz witzig gewesen und alles, aber er war ein vielbeschäftigter Mann und hatte noch anderes zu erledigen. Meine Zeit war egal, seine war kostbar.
»Na, dann warten wir mal auf die Dame des Hauses«, meinte ich.
»Aye«, antwortete Tony etwas zweifelnd.
»Wo wir gerade von Notizen sprechen ... ähm, hast du in deiner langen und vielschichtigen Karriere jemals persönlich einen anonymen Hinweis bekommen?«
»Ständig, Mann. Kommt doch andauernd vor. Eigentlich bekomme ich sogar mehr anonyme Hinweise als solche von Personen, die ihren Namen nennen möchten. Wieso, was hast du denn bekommen? Du schaust besorgt.«
»Irgendjemand hat mir eine Notiz dagelassen mit einem Bibelvers.«
Tony lachte. »Ach, Scheiße, ist das etwa alles? Du solltest mal den Blödsinn sehen, den wir in Special Branch kriegen. Bibelverse, Hinweise auf sowjetische Spione oder den Antichrist ... Was das Herz begehrt, Sean. Letzte Woche hatten wir einen Burschen, den uns Cliftonville RUC geschickt hatte; er hatte sie dort davon überzeugt, dass er ›der eigentliche Yorkshire Ripper‹ sei. Die Kollegen in Cliftonville dachten tatsächlich, wir würden ihn befragen wollen.«
»›Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild‹ lautete der Vers.«
»Kenn ich. Ist bei den Irren sehr beliebt. Offenbarung?«
»Korinther. Eine Frau, womöglich englischer Akzent, hatte mir die Notiz dagelassen. Auf dem Victoria Friedhof, dann ist sie auf einer Enduro davongebraust.«
Tony zog die Zigaretten aus der Tasche und bot mir eine an. Wir gingen zur Steinmauer und setzten uns darauf. Zwei Felder weiter war ein Pferd an einen windschiefen Schuppen gebunden. Drei Felder in die andere Richtung stieg Rauch aus dem Kamin des großen Hauses auf dem Hügel – höchstwahrscheinlich das Anwesen des Gutsbesitzers. Der Regen hatte Gott sei Dank eine kurze Pause in seinem gnadenlosen Guerillakrieg gegen Irland eingelegt.
»Und dann?«, forderte mich Tony auf.
»Ich machte Meldung, und sie fanden das Mädchen, verhafteten sie und brachten sie aufs Revier Whitehead. Sie hat ein paar Stunden in der Zelle verbracht, dann ist sie von ein paar Typen abgeholt worden, angeblich Special Branch. Einer hieß McClue – ein Deckname, wie er im Buche steht. Natürlich gab es keinen McClue, als ich bei Special Branch anrief; es war auch niemand geschickt worden, um sie abzuholen.«
Tony runzelte die Stirn. »Da fallen mir mehrere Dinge auf. Erstens, wenn du sie gefunden hättest, womit hättest du sie festnageln können? Sie hat dir eine merkwürdige Botschaft zukommen lassen und ist auf einem Motorrad davongedüst. Was für ein Verbrechen soll das sein? Da hättest du verdammt schnell eine Klage am Hals gehabt, Kumpel. Zweitens, wer ist sie? Sicherlich keine einsame Irre, wenn sie ein paar Freunde hatte, die bereit waren, sich als Beamte der Special Branch auszugeben und sie rauszuholen.«
»Also keine Irre.«
»Oder vielleicht eine sehr überzeugende Irre. So was würde eine Studentin machen oder ein gelangweilter Para oder ...«
»Oder wer?«
»Na, du weißt schon. Ein Geist. Ein verdammter Spion. Nordirland ist doch voll davon.«
»MI5?«
»MI5, Army Intelligence, MI6. Oder eben eine Irre, eine Studentin, eine deiner zweifellos zahlreichen enttäuschten Liebhaberinnen, ein gelangweilter Para, der dich an der Nase herumführen will, oder ein sehr gelangweilter Spion, der dich ebenfalls an der Nase herumführen will.«
Tonys Pieper schlug an. Er nahm ihn und besah sich das rote Blinklicht.
»Die suchen nach mir. Glaubst du, ich könnte mal schnell bei der Witwe McAlpine einbrechen und telefonieren?«
»Was würde Sir Harry davon halten? Wahrscheinlich beobachtet er uns mit seinem Feldstecher.«
»Glaub ich nicht. Ich wette, er schreibt gerade einen wütenden Brief an den Minister für Nordirland, der sicherlich ein Cousin zweiten Grades ist.«
Ich nickte und pustete einen doppelten Rauchring aus. Wieder schlug Tonys Pieper an.
»Verdammt nochmal!«, fluchte er. »Ich hätte den blöden Tatort nie verlassen dürfen. Was hab ich mir nur dabei gedacht, verflucht?«
»Tony, Kumpel, nimm den BMW, sag ihnen, du bist einer Spur gefolgt, und schick mir einen Reservisten mit dem Wagen her. Ich warte, bis die Witwe auftaucht.«
»Ich kann dein Auto nehmen?«, fragte Tony ungläubig.
»Klar.«
»Würde ich ja normalerweise nicht annehmen, aber ich leite die Ermittlungen, und vielleicht sollten wir nicht einfach eine Spritztour über Land machen wie Bob Hope und Bing Crosby.«
»Hope und Crosby? Meine Güte, Tony, du brauchst mal neues Material. Hast du denn nichts von diesem ominösen Rock ’n’ Roll mitgekriegt, der da übers ganze Land fegt?«
»Bist du sicher, dass ich den Wagen nehmen kann?«
»Aye!«
»Du bist ein Held. Und du kommst zurecht?«
»Alles bestens.«
Die Sache war abgemacht. Tony drückte mir die Hand und stieg in den BMW.
Er kurbelte das Fenster herunter. »Sieh zu, dass du dem Ärger aus dem Weg gehst«, sagte er.
»Sag lieber dem Ärger, er soll mir aus dem Weg gehen.«
»Junge Witwen in einsamen Farmhäusern ...«, sagte er mit einem Seufzer, startete den BMW, schaltete hässlich knirschend und fuhr im zweiten Gang an.