Die Fabrik stand auf Ödland in Dunmurry, West Belfast. Eine riesenhafte, rasch zusammengeschusterte Schachtel aus Beton und Stahl, innerhalb von achtzehn Monaten errichtet, und das in einer verfluchten Stadt, die überall sonst allerlei Stadien des Zerfalls aufwies. War die Coronation Road der Untergang von Saigon, dann war diese Gegend das Belfaster Pendant zu Hitlers letzten Tagen.
Die äußeren Sicherheitsmaßnahmen beschränkten sich auf ein paar Kerle am Tor, aber um bis zu DeLoreans Büro vorzudringen, musste ich einen Metalldetektor durchqueren, meinen Dienstausweis vorzeigen und warten, bis dieser von einem Computer bestätigt worden war.
John DeLorean war ein sehr beschäftigter Mann, dessen Tag in Viertelstundenblöcke eingeteilt war. Unser Gespräch sollte an einem Montagmorgen von elf Uhr dreißig bis elf Uhr fünfundvierzig stattfinden. Ich hätte Druck machen können, aber ich wollte keine Wellen schlagen oder ihn zu meinen Vorgesetzten laufen sehen. Diese Begegnung sollte so direkt und diskret ablaufen wie nur möglich.
Das Innenleben der Fabrik verblüffte mich. Vielleicht war es einfach nur mein Erstaunen, irgendeiner Form von industrieller Aktivität in Ulster zu begegnen. Das Fließband war sauber und effizient. An einem Ende fuhren Bleche und Motoren hinein, am anderen Ende kamen aus Aluminium gefertigte DMC-12-Sportwagen mit Flügeltüren heraus. Die Verwaltungsbüros überragten die Fabrikanlagen (DeLorean war ein großer Freund von Arbeits-/Management-Kooperation); ich hätte den ganzen Tag dort stehen und zuschauen können, wie die Motoren eingebaut und die Getriebe montiert wurden. Es war einfach unglaublich. DeLorean hatte eine erfolgreiche Fabrikation nach Belfast geholt, und das mitten während der »Troubles«. Er hatte getan, was alle für unmöglich gehalten hatten: Dunmurry war der einzige Ort in Ulster, wo es Schwerindustrie gab und Menschen tatsächlich etwas produzierten.
Dreitausend Mann waren allein in der Fabrik beschäftigt, dazu noch mal doppelt so viele in der Zulieferindustrie. Das waren neuntausend Mann in West Belfast, die sich nicht den Terroristen anschließen würden.
Alle liebten DeLorean: die örtliche Presse, das Nordirland-Büro, die britische Regierung, die irische Regierung ... Alle mit Ausnahme der wenigen ausgesuchten amerikanischen Autojournalisten, die tatsächlich schon einen DeLorean gefahren hatten und schrieben, es würde sich um ein schwerfälliges, unzuverlässiges Fahrzeug handeln, das von unerfahrenen Arbeitskräften schlampig zusammengebaut worden war.
Diese Kritik war von John DeLorean öffentlich abgeschmettert worden. Er traute nur seinem eigenen Urteil, nicht dem von »unwissenden Schreiberlingen«. Er war ja schließlich der Mann gewesen, der im Alleingang GM gerettet hatte, und damit quasi ganz Amerika.
Im Fernsehen war er tougher Geschäftsmann und Prediger zugleich. In natura war er eine adrette Erscheinung: gutaussehend, leise Stimme; bei unserem Gespräch trug er einen konservativen, wenig spektakulären blauen Anzug.
Seine Haare waren eher grau als schwarz. Er hatte eine interessante Physiognomie: eine lange Adlernase, die nicht so ganz zu den dichten bäuerlichen Brauen und Wangen passte. Ein gebräuntes, freundliches Gesicht, das Intelligenz ebenso ausstrahlte wie eine selbstbewusste Vitalität.
Als ich sein Büro betrat, saß er in einem Designerbürostuhl aus Mahagoni und las einen Bericht, echauffierte sich über etwas und markierte mit einem gelben Leuchtstift den Text.
Ich mochte seine Schuhe – handgefertigte Oxfords aus weichem braunem Leder.
Seine Socken waren rot, auch das mochte ich. Er roch nach Eau de Cologne und Zigarren.
Auf seinem Schreibtisch stand ein graviertes Schild mit der Aufschrift »Genie am Werk«.
»Inspector Sean Duffy von der RUC Carrickfergus«, erinnerte ihn Gloria, seine großgewachsene, attraktive Sekretärin, als ich hereinkam.
Er stand auf und gab mir die Hand.
»Inspector Duffy. Sehr erfreut. Es geht um den Wohltätigkeitsball, nehme ich an?«, fragte er mit einem strahlenden, recht charmanten Lächeln.
»Nein, ich bin in einer ganz anderen Angelegenheit hier«, erwiderte ich ein wenig irritiert.
»Ach?«
Seine buschigen Augenbrauen schoben sich zusammen, und ich wusste, Gloria würde etwas zu hören bekommen, wenn ich wieder weg war.
»Ich ermittle im Mordfall an einem Captain der Army namens Martin McAlpine.«
DeLorean zuckte mit den Schultern. »Nie von ihm gehört, sollte ich?«
»Er war bei der Informationsbeschaffung. Er wurde Ende letzten Jahres ermordet, anscheinend von der IRA.«
»Und inwiefern betrifft uns das?«, fragte DeLorean.
»Wir sind Captain McAlpines Notizen durchgegangen. Einer seiner Informanten hatte ein Auge auf einen Mann geworfen, der Ihre Fabrik beobachten wollte. Das hat womöglich nichts mit Captain McAlpines Ermordung zu tun, aber wir fanden, wir sollten dieser Spur nachgehen.«
»Was wollen Sie wissen?«
»Warum sollte jemand daran interessiert sein, Ihre Fabrik auszuspionieren?«
DeLorean musste lachen. »Aber haben Sie denn noch nie von Industriespionage gehört?«
»Ja, doch, ich …«
»Das passiert mir schon mein ganzes Arbeitsleben lang!«, dröhnte er. Er stand auf und wies durch das Fenster in die Fabrikhalle. »Sehen Sie, was dort unten geschieht? Wir bauen das Modell der amerikanischen Sportwagenproduktion radikal um. In Detroit herrscht blankes Entsetzen. Um ganz offen zu sein, Inspector Duffy, die scheißen sich in die Hose. Ford, GM, Chrysler, Toyota. Spionieren? Natürlich spionieren die. Ich rechne mit nichts anderem. Die haben doch keine Ideen. Die müssen sie sich schon von mir klauen!«
»Würden die auch morden, um an Informationen über Ihre Fabrik zu kommen?«
DeLorean lächelte und nickte. »In diesem Land hier würde mich nichts überraschen. Nichts. Sie haben keine Vorstellung davon, welche Abkommen ich mit allen möglichen Leuten treffen musste, um diese Fabrik zu bauen und in Gang zu bringen. Da waren ein paar zwielichtige Gestalten dabei, das kann ich Ihnen sagen.« Er runzelte die Stirn. »Sie verstehen, was ich meine, Inspector?«
»Ja, ich glaube schon.«
»Nein, mich würde nichts überraschen, aber was neueste geheime Errungenschaften angeht ... Nun, die Baupläne für den DeLorean sind bekannt und schon seit Jahren im Umlauf. Auch unseren Produktionsablauf haben wir publik gemacht, selbst die Fabrikabläufe sind kein Geheimnis. So viele Geheimnisse gibt es hier eigentlich nicht ...«
»Neue Modelle oder etwas in die Richtung?«, hakte ich nach.
»Oh, sicher. Ich entwerfe, plane, hecke aus, aber all die Unterlagen habe ich nicht hier.«
»Sondern?«
»In meinem Haus in Belfast, oder auf meinem Anwesen in Michigan.«
»Hat es Einbrüche gegeben?«
»Nein. Hier sicher nicht. Das Haus in Michigan ist unbewohnt, aber ich habe eine Sicherheitsfirma damit beauftragt, darauf achtzugeben. Die hätten mich informiert.«
»Was ist mit der Abwerbung von Angestellten, ich habe gehört, dass …«
»Nein, nein, nein, da sind Sie auf dem Holzweg, Inspector«, regte sich DeLorean auf. »Die Leute arbeiten für mich, weil sie Teil von etwas sein wollen, das größer ist als sie selbst. Meine Leute haben schon anderswo mehr Geld geboten bekommen, aber sie wollen Teil einer Firma sein, auf die sie stolz sein können. Nein, meine Leute sind loyal. Ich könnte mir vorstellen, dass Ihre örtlichen Gauner versuchen, einen von ihnen zu entführen, aber die hören doch nicht bei mir auf, um bei meinem jämmerlichen Konkurrenten Ford anzufangen.«
»Sie wüssten also keinen Grund, warum jemand um die Fabrik herumschnüffeln sollte?«
»Tausend Gründe! Verzweiflung! Panik! Die wissen, dass ich mit ihnen den Boden aufwischen werde. Aber denen fällt nichts ein! In zehn Jahren werden wir der weltweit führende Autohersteller sein. Nicht nur Sportwagen. Leichte Laster. Mittelklassewagen. Was das Herz begehrt. Elektrische Autos. Sie sollten mal meine Pläne für Elektrofahrzeuge sehen.«
»Und die Zentrale wird hier in Belfast sein?«
»Darauf können Sie wetten!«
DeLorean sah auf die Uhr. Unsere Zeit war fast um.
Ich gab ihm meine Visitenkarte. »Falls irgendetwas Ungewöhnliches passieren sollte, wäre ich Ihnen dankbar, wenn Sie anrufen.«
»Kommt darauf an, was Sie mit ›ungewöhnlich‹ meinen. In Belfast geschieht doch jeden Tag ›Ungewöhnliches‹!«
Ich nickte. »Also, wenn Ihnen etwas einfällt, setzen Sie sich bitte in Verbindung ...«
»Klar«, sagte DeLorean und stand auf. »Ich bringe Sie hinaus.«
Er ging mit mir durchs Büro, machte die Tür auf und gab mir wieder die Hand. Die Sekretärin stand hinter ihrem Schreibtisch auf, um mich von ihrem Boss abzulenken, für den Fall, dass ich mich nicht abschütteln ließ. Auf dem Sofa wartete schon der Nächste. Er trug eine Lederjacke, einen dünnen schwarzen Schlips, hatte verwuschelte braune Haare und rauchte Camel. Alles an ihm schrie »Reporter«.
DeLorean ließ meine Hand los.
»Einen guten Tag, Inspector.«
»Werde ich haben.«
Die Sekretärin lächelte mich an. Sie war blond, hatte klassische hohe Wangenknochen, trug blauen Lidschatten und hatte die Haare hochtoupiert, alles sehr amerikanisch.
Mit einem Finger bedeutete sie mir innezuhalten, und wandte sich an den Mann auf dem Sofa.
»Sie können jetzt hineingehen, Mr Burns.«
»Mein Fotograf ist noch nicht da«, entgegnete Burns in einem Londoner East-End-Akzent. »Können wir noch etwas warten?«
»Wenn Sie mit Mr DeLorean reden wollen, sollten Sie jetzt hineingehen, Mr Burns. Mr DeLorean hat um zwölf Uhr fünfzehn die nächste Verabredung.«
»Also gut«, seufzte Burns.
Die Sekretärin drückte auf einen Knopf und kündigte den Besucher formell an. »Mr Jack Burns von der Daily Mail.«
Burns betrat DeLoreans Büro.
Ungewöhnlich, in Nordirland eine amerikanische Frauenstimme zu hören; ich dachte darüber nach, wann ich das letzte Mal eine gehört hatte. Ich kam nicht drauf. Die amerikanischen Fernsehsender entsandten keine Reporterinnen in Kriegsgebiete.
»Ist er ein guter Chef?«, fragte ich.
»Er ist ein toller Mann«, erwiderte Gloria.
»›Genie am Werk‹, steht auf seinem Schreibtisch.«
»Ach das? Das ist nur eine Art Scherz. Das ist ein Geschenk von Ronald Reagan, als er in Michigan auf Wahlkampf war.«
Sie drehte ein Blatt Papier in ihre elektrische Schreibmaschine, als plötzlich eine andere Sekretärin den Flur entlanggerannt kam und in Mr DeLoreans Büro platzte.
»Was ist?«, brüllte DeLorean, dann einen Augenblick später:
»Verflucht nochmal!«
Er kam schnaubend aus dem Büro gestapft.
»Ausgerechnet, wenn ich gerade mit einem Reporter im Gespräch bin!«, murmelte er zu Gloria.
Er drehte sich zu mir um. »Ich schätze, Sie wollen, dass ich alle evakuieren und die Produktion stoppen lasse?«
»Tut mir leid, ich habe keine Ahnung …«
Ein junger Mann kam atemlos die Treppe herauf. »Mr DeLorean, wir hatten ein …«
»Ich weiß!«, rief DeLorean. Der Zeitungsfritze von der Daily Mail war ebenfalls aus dem Büro gekommen und kritzelte wie wild in sein Notizbuch.
DeLorean drehte sich zu dem Mann um. »Wollen Sie wissen, mit welchen Schwierigkeiten wir zu kämpfen haben? Mit genau solchen gottverdammten Schwierigkeiten! So etwas haben wir jede Woche!«
Der Alarm ging los, und die Arbeiter legten ihr Werkzeug beiseite.
»Wer hat den Feueralarm ausgelöst?«, brüllte DeLorean.
»Einer der Gewerkschaftsvertreter vermutlich«, antwortete der junge Mann.
»Himmel nochmal! Na gut, na gut, zeigen Sie es mir!«, forderte DeLorean ihn auf.
»Ich denke, wir sollten die Gegend räumen«, setzte der junge Mann nach.
»Zeigen Sie es mir!«
Der junge Mann führte DeLorean zu einem Notausgang. Gloria schnappte sich Handtasche und Notizblock und ging hinterher, ich folgte ihr. Am Fuße der Feuerleiter wurden wir von zwei uniformierten Sicherheitsleuten erwartet.
»Wo?«, wollte DeLorean wissen.
»An der Auffahrt zum Südtor«, erklärte einer der Wachleute.
Ich ging mit DeLorean und dem zusammengewürfelten Haufen zum Südtor. Dort stand das Problem: Jemand hatte einen Ford Transit gestohlen und ihn auf dem Vorplatz abgestellt.
»Da ist keine Bombe drin – ich beweise es euch!«, sagte DeLorean und marschierte auf den Van zu.
»Stehen bleiben!«, befahl ich, und DeLorean erstarrte. »Was ist hier los?«, fragte ich den gehetzten jungen Mann.
»Ein verdächtiges Objekt. Jemand hat eine Bombendrohung durchgegeben«, antwortete er.
»Da ist keine Bombe drin! Das haben wir andauernd, Inspector Duffy. Falscher Alarm. Ich beweise es Ihnen!«, dröhnte DeLorean und ging weiter auf den Transit zu.
»Nein, das tun Sie nicht! Sie gehen wieder hinein, evakuieren die Fabrik, und ich rufe das Räumkommando«, sagte ich mit einem Ton absoluter Autorität.
DeLorean blickte mich mit unverhohlener Bösartigkeit an.
Er zeigte mit dem Finger auf mich, sagte aber nichts. Nach ein paar Sekunden nickte er dem jungen Mann zu, der sofort zur Fabrik rannte.
»Ich kontrolliere den Lieferwagen, Mr DeLorean«, erklärte sich ein untersetzter Liverpooler Sicherheitsmann bereit.
»Tun Sie das!«, sagte DeLorean aufgeregt.
»Sie werden nichts dergleichen tun«, widersprach ich.
Der Wachmann schüttelte den Kopf. »Ist doch jeden Tag dieselbe Geschichte, Inspector. Jemand ruft bei Downtown Radio an, wünscht sich Fleetwood Mac und spricht eine Bombendrohung gegen die DeLorean-Fabrik aus.«
»Trotzdem rührt niemand den Wagen an, bis das Räumkommando vor Ort ist«, wiederholte ich.
»Okay, wir warten, und ich beweise Ihnen, dass ich recht habe«, beharrte DeLorean.
Ich wusste, dass er recht hatte. In neun von zehn Fällen ist es Fehlalarm. Aber das eine Mal ... das eine Mal erwischt es dich.
Das Bombenräumkommando der Armee tauchte auf, und der Roboter sprengte die Hintertür auf. Im Innenraum gab er einen Schuss auf eine Holzkiste ab, doch darin befanden sich nur Werkzeuge. Hinter uns spazierten die Fließbandarbeiter aus der Fabrik; die meisten entschieden, es für den Tag gut sein zu lassen. Ein geschäftstüchtiger Frittenwagen tauchte auf, und DeLorean spendierte eine Runde Fish and Chips für unsere kleine Gruppe.
Das Räumkommando war noch immer nicht recht glücklich über die Situation, also führten sie eine weitere kontrollierte Sprengung durch, die den Lieferwagen völlig zerstörte und einen Feuerball in die Luft jagte. Es hatte keine weitere Explosion gegeben, was bewies, dass der Transit keine Bombe oder sonstiges brennbares Material geladen hatte.
DeLorean triumphierte nicht. Er war müde, hatte genug. Er gab mir die Hand.
»Mein Geschrei war unpassend«, sagte er. »Sie haben alles richtig gemacht. Vorsicht ist besser als Nachsicht.«
»Schon in Ordnung«, erwiderte ich.
Die Armee gab das Gelände wieder frei, doch irgendein Trottel hatte in der Eile der Evakuierung seinen Rucksack auf dem Verwaltungsparkplatz stehen lassen. Also sperrte das Räumkommando den Parkplatz ab, um auch hier eine kontrollierte Sprengung durchzuführen. Es war bereits siebzehn Uhr. Ein Großteil der Angestellten saß praktisch bis zur Freigabe durch die Armee in der Falle.
»Mein Wagen steht auf dem Besucherparkplatz«, sagte ich. »Soll ich jemanden Richtung Carrickfergus mitnehmen?«
Gloria hob die Hand. »Ja, mich«, sagte sie.
»Kein Problem.«
Wir kamen durch das Zentrum von Belfast, wo eine Reihe von Brandbomben mitten in der Rushhour Chaos angerichtet hatte.
»Wo wohnen Sie?«, fragte ich Gloria.
»In einem Städtchen namens Whitehead. Eine Wohnung mit Meerblick. Wunderbare Aussicht, ganz bezaubernd.«
»Hört sich nett an.«
»Oh ja. Mr DeLorean hat unsere Wohnungen selbst ausgesucht.«
Wir steckten fünfundzwanzig Minuten fest.
Ich wurde gereizt.
Schlimmer. Ich verlor das Gesicht.
»Das ist lächerlich. Zeit für meine Starsky-und-Hutch-Nummer«, sagte ich.
Ich nahm die Sirene aus dem Handschuhfach und setzte sie aufs Dach meines BMW. Ich schaltete sie ein und fuhr in falscher Richtung durch das Einbahnstraßensystem am Rathaus.
»Dürfen Sie das denn?«, fragte Gloria in ihrem gedehnten South-Carolina-Akzent, wie ich später herausfand.
»Ich darf alles, meine Liebe, ich bin Johnny Law.«
»Sie sind wer?«
»Kurbeln Sie mal das Fenster herunter, Gnädigste!«
Das tat sie, und ich schob Led Zeppelin in die Anlage. Die guten alten Zep. LZ III. Wir donnerten durch die Einbahnstraßen und scheuchten die Zivilisten auf, dann kamen wir am Stadtrand auf die fünfspurige M2. Sechs Mistkerle in Tarnanzügen hielten an der Stelle, wo die M2 in die M5 übergeht, Verdächtige an, aber die Sirene war unser Passierschein, und auf der M5 gab ich den Pferden unter der Haube Zucker. Bei Hazelbank machte ich die Sirene aus und bremste auf gemächliche hundertzwanzig ab.
Wir kamen am Revier Whiteabbey vorbei.
»Das Revier da wurde von einer Rakete getroffen«, sagte ich.
»Von einer Rakete?«
»Ja, kein Granatwerfer. Eine Rakete.«
»Und was ist der Unterschied?«
»Oh, es gibt einen, Schätzchen, es gibt einen. Glauben Sie mir. Ich war eine halbe Stunde nach dem Anschlag dort.«
Ich sah sie mir genauer an, und mein Gott, sie war eine Wucht. Gloria sah aus wie Miss World 1979, eine von denen, die George Best nicht rumgekriegt hatte.
»Wollen wir was essen gehen? Ich kenne da diesen ausgezeichneten Italiener, der gerade in Carrickfergus aufgemacht hat. Wer weiß, wie lange es ihn noch gibt …«
»Italienisch?«
»Italienisch.«
»Ich probiere alles.«
»Oh, das hört sich vielversprechend an.«
Sie lachte, und ich wusste, ich hatte sie bereits rumgekriegt.
Das »Tutto Bene« war leer bis auf einen kahlköpfigen Vielfraß, der alles mochte, was man ihm vorsetzte. Bei jedem neuen Gericht seufzte er übertrieben. Wir bekamen den Fensterplatz mit Blick auf den Hafen. Ich bestellte den zweitteuersten Roten. Gloria nahm die Spaghetti Carbonara, ich das Risotto.
Das Essen schmeckte ihr nicht sonderlich, dafür ließen sie die Desserts dahinschmelzen.
Ich fragte sie, ob sie mit zu »Chez Duffy« gehen und sich meine Platten anhören wolle. Das würde sich doch interessant anhören, meinte sie.
Coronation Road. Einundzwanzig Uhr. Die Vorhänge geschlossen. Ich legte Nick Drake auf, Gloria schaute sich Nicks traurige Augen auf dem Cover an. ›Erst mach ich sie gefügig mit Nicky D. und Marvin Gaye, dann geht’s ans Eingemachte mit Velvet Underground ...‹
Ich mixte ihr einen Wodka Martini und befragte sie nach ihrem Leben. Sie stammte aus einem Kaff namens Spartanburg, South Carolina. Sie war an die Michigan State University gegangen und hatte einen Abschluss in Wirtschaftswissenschaften gemacht; von da aus war es nur noch ein kleiner Sprung zu General Motors und DeLoreans eigener Firma.
Wir waren gerade so richtig schön bei der Sache, als es an der Haustür klopfte. Ich schaltete den Fernseher aus und sah durchs Wohnzimmerfenster. Es war Ambreena.
»Scheiße«, meinte ich zu Gloria und ging in den Flur.
»Alles in Ordnung?«
»Alles bestens, schlürf du deinen Martini.«
Ich öffnete die Haustür. »Hallo«, sagte ich.
»Ich hoffe, ich störe nicht«, sagte Ambreena.
Sie trug Jeans und ein schwarzes T-Shirt. Das Haar war geflochten. Das T-Shirt saß eng. Ambreena sah umwerfend aus. Sie hielt etwas in der Hand, das in Alufolie gewickelt war.
»Das habe ich Ihnen gebacken, um mich zu bedanken«, erklärte sie.
»Oh, danke.«
»Sind nur gefüllte Waffelröllchen. Was anderes kann ich nicht«, entschuldigte sie sich.
Ich nahm die Folie ab und biss in ein Röllchen. Es schmeckte wie altes Brot, in Franzbranntwein getunkt.
»Fantastisch«, sagte ich und unterdrückte den Würgereiz. »Hören Sie, ich würde Sie ja gern hereinbitten, aber ich hab zu tun.«
Ambreena lächelte. Ein Lächeln, das die Veranda erhellte und die ganze verfluchte Straße gleich mit.
»Tja, vielen Dank. Ein andermal vielleicht, dann könnten wir ja zusammen was trinken oder so.«
»Ich kann eh nicht lang bleiben. Ich muss packen.«
»Packen?«
»Ich ziehe nach England um.«
»Wann?«
»Morgen.«
»Warum?«
»Man hat mir eine Stelle an der Cambridge University angeboten. Mein Vater hat sein Vitamin B eingesetzt, wie Väter eben so sind.«
»Cambridge?«
Sie beugte sich vor und gab mir einen Kuss auf die Wange. »Danke«, flüsterte sie.
»Gern geschehen.«
Sie drehte sich um und verschwand in der Dunkelheit. Ich schloss die Tür und ging zurück ins Wohnzimmer.
Gloria hatte sich tief in meine umfangreiche, wertvolle Plattensammlung eingegraben.
»Wer war das?«
»Ach, nur eine Frau, der ich das Leben gerettet habe.«
»Nein, ehrlich, wer war das?«
Ich packte sie um die Taille und trug sie zum Sofa. Ich küsste diese prallen roten amerikanischen Lippen. Gloria schmeckte verflucht gut.
»Nur eine Frau, der ich das Leben gerettet habe«, beharrte ich.
Ich mixte noch weitere Martinis und legte What’s Going On und Pink Moon für sie auf. Alles lief nach Plan.
»Spielt er jemals in Irland?«
»Wer?«
»Nick Drake.«
»Er ist tot, Schätzchen«, klärte ich sie auf. »Er hat sich umgebracht.«
»Warum?«
»Ich glaube, weil er depressiv war.«
Nach einer weiteren Runde Martini legte ich Velvet Underground auf.
Gloria beugte sich vor und küsste mich. Einfach grandios. Sie schien die Art von Frau zu sein, die es gern krachen ließ. Ich holte das erstklassige Gras aus der Gartenhütte. Sterne standen am Himmel. Es war dunkel und still. Vom Nordkanal wehte es kalt herüber. Ich nahm ein paar Holzscheite mit, die ich den Tinkern abgekauft hatte: Eiche, Hasel und Birke. Ich ging wieder ins Haus, drehte einen Joint und legte das Holz in den Kamin. Es roch nach Fenchel und Farn und feuchter Erde.
Wir lagen auf dem Sofa.
Gloria erzählte mir Geschichten von Amerika.
Ich zog ihr die Sekretärinnenbluse aus, den BH, den Rock und bewunderte ihre makellosen, großen prallen Brüste und die breiten Hüften.
Ich küsste sie am Hals und zwischen den Brüsten, sie zog mir die Jeans aus.
Nico sang in ihrer brutal unmusikalisch monotonen Stimme, wir schmauchten den Marokkaner zu Ende und vögelten auf dem Ledersofa wie zwei Menschen, die gerade miterlebt hatten, wie ein Lieferwagen in die Luft gejagt worden war, und unter Sirenengeheul durch eine im Untergang begriffene Stadt gejagt waren.
Ich vögelte sie, und es war, als vögelte ich ganz Amerika. Und wir küssten uns wieder und rauchten den Marokkaner zu Ende und schliefen.
Wir lagen die ganze Nacht auf dem Wohnzimmersofa, bis die Sonne über der schottischen Küste auftauchte und in allen Farben des Prismas über dem Lough aufging, über Leinster und Munster und dem ganzen sektiererischen Ulster, über der DeLorean-Fabrik und der Farm der McAlpines auf Islandmagee, über dem Schutt des Reviers Ballycorey, über Belfast. Eine blasse orangene Sonne stieg aus der kobaltblauen Dämmerung und erwärmte die Herzen der Unschuldigen und der Schuldigen. Jener, deren Aufgabe es war, Wunden zuzufügen, und auch derjenigen, die die Wunden heilten.
Die Sonne schien durchs Küchenfenster und weckte mich auf dem Sofa.
Es roch gut im Haus: nach Cannabis und Martini und Torfbrikett und Frau und Kaffee.
»Bist du wach?«, fragte Gloria.
»Wie spät ist es?«
»Bleib liegen. Rühr dich nicht. Ich mache Kaffee und Toast.«
Sie brühte einen herrlich starken Kaffee in der Espressokanne. Wir aßen getoastetes Sodabrot, gingen nach oben und duschten gemeinsam wie Schauspieler in einem französischen Film. Nach der Dusche strahlte Gloria. Die Bewohner von Belfast verschluckten das Licht in ihrer Umgebung wie schwarze Löcher – diese Frau gab allein mit ihrem Lächeln ein Licht ab, das strahlte wie zweitausend Kerzen.
Ich fuhr sie zurück in die Fabrik nach Dunmurry und brachte sie bis zu ihrem Schreibtisch.
Auf ihrem Stuhl stand eine Schachtel mit einer Schleife darum.
»Die liebe ich!«, rief sie aus.
Sie klappte den Deckel auf.
Eine Schachtel mit irischen Fifteens. Mit M&Ms statt Smarties.
»Sehen gut aus«, meinte ich.
»Die sind köstlich«, betonte sie.
»Woher hast du die?«, fragte ich.
»Sir Harry bringt sie vorbei. Seine Schwägerin macht die.«
»Sir Harry McAlpine?«
»Ja.«
»Und woher kennst du Sir Harry?«, fragte ich ganz beiläufig.
»Ich kenne ihn gar nicht! Nicht richtig. Mr DeLorean kennt ihn.«
»Und woher kennt Mr DeLorean Sir Harry?«
»Die Fabrik steht auf seinem Land. Sir Harry hat es zu einem sehr fairen Preis an die DeLorean Motor Corporation verpachtet.«
»Als Anreiz, damit DeLorean seine Fabrik in Belfast errichtet und nicht in Schottland oder anderswo?«
»Exakt. Aber im Laufe des letzten Jahres sind Sir Harry und Mr DeLorean enge Freunde geworden.«
»Tatsächlich?«, sagte ich.