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THE BIG RED ONE

Ich wollte mir schon einen weiteren Doppelten und ein Guinness bestellen, damit sich das Gelage auch richtig lohnte, aber es war Freitag, was bedeutete, dass Tiefkühlpizza auf dem Menü stand, und das Zeug schrie nur so nach Schlaganfall.

Auf dem Revier grüßte ich Sergeant Burke am Tresen, beglückwünschte ihn zu seinem Zapata-Bärtchen im Retrostil und ging die Treppe nach oben in den Einsatzraum.

»Himmel! Wo kommst du denn her?«, fragte Matty, den ich beim Dartspielen aufgescheucht hatte.

»Auf der neunzehnten Ebene des Zen-Buddhismus lernt man zu teleportieren – und jetzt pack die Pfeile weg, wir haben zu arbeiten«, entgegnete ich gereizt.

Matty warf den letzten Pfeil und setzte sich an den Schreibtisch.

So langsam ging mir Matty auf die Nerven. Er hatte sich die Haare wachsen lassen, und wegen seiner natürlichen Irenkrause standen sie seitlich steil ab. Er hatte einen Daumenring und trug nun weiße Jacketts über weißen T-Shirts. Keine Ahnung, was dieser Look genau darstellen sollte, aber mir gefiel er nicht, nicht mal als ironische Anspielung.

Matty und McCrabban starrten mich mit stupidem Gesichtsausdruck an.

»Vermisste Personen?«, fragte ich.

»Keine bislang, Sean.«

»Irgendwas in Erfahrung bringen können mit diesem Motto?«

»Noch nicht, nein«, antwortete McCrabban traurig.

»Bleib dran! Und denk an Winston Churchills Ausspruch: ›Wenn die Schiffe erstmal aus Dünkirchen zurück sind, ist noch genug Zeit, sich einen von der Palme zu schütteln.‹«

»Ich glaube nicht, dass Churchill jemals so etwas …«

»Und du, Matty, mein Freund, häng dich an die Strippe, ruf alle Gartencenter ab und frag mal nach Paternostererbsen.«

Eine Stunde lang liefen die Telefone heiß.

In nicht einem einzigen Gartencenter in ganz Nordirland gab es Paternostererbsen. Ich rief die nordirische Horticultural Society an, aber auch dort war nichts zu holen. Sie kannten niemanden, der sie jemals angebaut hätte. Aber dazu bräuchte man auf jeden Fall ein Gewächshaus, erklärten sie mir.

»Der Mörder hat wahrscheinlich ein Gewächshaus. Schreib das an die Tafel«, sagte ich.

Crabbie fügte die Information zu unserer Liste aus Kästchen und Pfeilen hinzu, die wir auf dem Whiteboard im Einsatzraum erstellt hatten.

»Weiter telefonieren. Ich gehe in die Bibliothek«, erklärte ich.

Ich ging den Scotch Quarter entlang. Ein Tinker bot am Heck seines Ford Transit eine bösartig wirkende Ziege zum Verkauf an. »Ziege zu verkaufen«, stand auf seinem Schild. »Übellaunig. Nehme jedes Angebot an«.

»Nein danke, Kumpel«, sagte ich; dann fing es an zu hageln, und ich flüchtete mich in die Bibliothek von Carrickfergus. Ich begrüßte Mrs Clemens. »Es soll noch ein schöner Tag werden, sagt man«, fügte ich rein konversationshalber hinzu.

»Wer sagt das?«, fragte sie argwöhnisch.

Ich mochte Mrs Clemens sehr. Sie ging auf die fünfundsiebzig zu. Sie hatte wegen eines Krebsleidens ein Auge verloren und trug statt eines Glasauges eine Augenklappe. Das gefiel mir – sie sah aus wie eine Piratenoma. Sie war magenkrank, kannte die Bibliothek in- und auswendig und hasste jeden, der etwas ausleihen wollte.

»Pflanzen, Gartenbau, Botanik«, fragte ich.

»Fünfhunderteinundachtzig«, antwortete sie. »Zu Beginn der Abteilung stehen ein paar gute Enzyklopädien.«

»Danke.«

Ich ging zur Abteilung 581 und schlug Paternostererbsen nach:

ABRUS PRECATORIUS, auf Trinidad & Tobago meist bekannt unter den Namen Jequirity, Crab’s Eye, Krabbenaugenwein, Paternostererbse, John Crow Bead, Paternosterbohne, Indian Liquorice, Akar Saga, Giddee Giddee or Jumbie Bead, ist eine mehrjährige verholzende Ranke. Es handelt sich um eine Hülsenfrucht mit langen, paarig gefiederten Blättern. Die Pflanze ist in Indonesien heimisch und gedeiht, wenn sie einmal eingeführt ist, in allen tropischen und subtropischen Regionen. Die Pflanze ist invasiv und neigt zur Verkrautung. In Indien werden die Samen der Paternostererbsen häufig in Rhythmusinstrumenten verwendet.

»Interessant«, sagte ich mir. Ich fotokopierte die Seite und fand mit Mrs Clemens’ Hilfe ein Buch über Gifte. Der gesuchte Eintrag fand sich unter ›Jequirity‹:

Die Bohne enthält das hochtoxische Gift Abrin, ein enger Verwandter des besser bekannten Rizin. Es handelt sich um ein Dimer, das aus zwei Protein-Untereinheiten A und B besteht. Die B-Kette erlaubt Abrin das Eindringen in die Zelle durch Andocken an bestimmte Botenproteine auf den Zellmembranen, die das Toxin in die Zelle transportieren. In der Zellmembran verhindert die A-Kette die Proteinsynthese durch Ausschaltung der Ribosomen-Untereinheit 26S. Ein Molekül Abrin schaltet bis zu 1500 Ribosomen pro Sekunde aus. Die Symptome entsprechen denen des Rizins, doch ist Abrin um mehrere Potenzen giftiger. Waffentaugliches, hochtoxisches Abrin führt kurz nach der Einnahme zu Leberversagen, Lungenödem und Tod. Es gibt kein bekanntes Gegenmittel.

Ich fotokopierte auch diese Seite und lief durch den Hagel zurück aufs Revier. Es war niemand da, abgesehen von einem feisten, nervigen Neureservisten namens McDowell, der an seinem ersten Tag zu mir gekommen war und mich ohne Umschweife gefragt hatte, »ob es stimme, dass ich ein Fenier sei«. Zufällig hatte es an jenem Tag geregnet, also konnte ich meine Wollmütze abnehmen und ihn fragen, ob er irgendwelche Hörner sehe. Der Laden war in Gelächter ausgebrochen, und Inspector McCallister schüttelte es derart, dass er sich fast einen Bruch dabei holte. Seitdem war mir McDowell aus dem Weg gegangen.

Ich fand die anderen inmitten einer Tabakwolke im Konferenzraum des zweiten Stocks, wo Chief Inspector Brennan alle auf den neuesten Stand der Terrorsituation brachte – ein Vortrag, den er gerade auf dem Treffen der Revierleiter und Divisionskommandeure in Belfast gehalten hatte. »Schön, dass Sie sich uns anschließen, Inspector Duffy, setzen Sie sich, das geht auch Sie an!«

»Jawohl, Sir«, sagte ich und setzte mich hinten im Raum neben die beiden Sergeants Burke und Quinn.

Ich hörte zu, war aber nicht bei der Sache. Brennan berichtete uns, dass die Paras gerade in einer »Phase der Umstrukturierung und der Auskundschaftung« steckten, wie Special Branch das nannte. Außerdem hatte die IRA gerade ein Luxusproblem. Die Rekrutierungszahlen waren wegen des Hungerstreiks im Vorjahr in die Höhe geschossen, vor allem nach dem Märtyrertod von Bobby Sands. Freiwillige mussten abgewiesen werden, und das Geld floss dank der Schutzgelderpressungen, Drogen und Kneipenkollekten in den irischen Bars in Boston und New York in Strömen. Die Libyer hatten die IRA mit Semtex-Sprengstoff ausgestattet, mit Raketen und Armalite-Gewehren. Die führenden Köpfe der IRA waren gegenwärtig ratlos, was sie mit all den Männern und Waffen machen sollten, aber die Ruhepause würde nicht ewig anhalten, und wir mussten alle auf der Hut sein und uns auf einen drohenden epischen Kampf einstellen.

Brennans Vortragsmethode bestand darin, uns die Fakten zu nennen, ohne sich groß mit aufmunternden Worten aufzuhalten. Dafür waren wir eh schon zu abgestumpft, und das wusste er. Er brach noch nicht mal seine Whiskyvorräte an, was schon ziemlich unerhört war.

»Passen Sie überhaupt auf, Duffy?«, fragte er.

»Aye, Sir, ce n’est pas un revolte, es ist eine verdammte Revolution, richtig?«

»Aye, das ist es. Und reden Sie kein Ausländisch. Also gut, alle wieder an die Arbeit«, verkündete er brüsk.

Ich scheuchte Matty und McCrabban zurück ins Einsatzzimmer; auf dem Whiteboard prangte eine große rote ›1‹ über der Liste der bekannten Fakten unseres Unbekannten.

»Und wozu ist das gut?«, fragte ich Crabbie.

Er grinste und reichte mir ein Blatt von seinem Schreibtisch, auf dem sich Notizen über die First Infantry Division der United States Army befanden.

»Unser Freund ist ein Ami. ›No Mission Too Difficult, No Sacrifice Too Great‹ ist der Leitspruch der First Infantry Division. Ich habe ein wenig gebuddelt. Wenn unser Unbekannter im richtigen Alter für den Zweiten Weltkrieg war, dann hat er das Schlimmste abgekriegt: Sizilien, Normandie, Hürtgenwald. Da hat er vielleicht auch die Schrapnellwunden her.«

»Ausgezeichnete Arbeit, Crabbie!«, lobte ich ihn hocherfreut. »Fantastisch! Damit können wir gut was anfangen. Ein Amerikaner! Mannomann.«

»Ich hab auch geholfen!«, beklagte sich Matty zickig.

»Das weiß ich doch, Kumpel«, beruhigte ich ihn.

»Ein Ex-GI kommt nach Nordirland, um Urlaub zu machen oder die alte Heimat zu besuchen, am Ende wird der arme Kerl vergiftet«, meinte Crabbie nachdenklich.

»Aye«, sagte ich und rieb mir das Kinn. »Habt ihr schon den Zoll angerufen?«

»Haben wir. Die kümmern sich drum. Wir haben sie um eine Liste der Namen aller amerikanischen Besucher in Nordirland in den letzten drei Monaten gebeten«, erklärte Matty.

»Warum denn drei Monate?«

»Wenn seine Leiche eingefroren worden ist, dann kann das jederzeit gewesen sein. Aber wenn es länger als drei Monate zurückliegen würde, dann wäre er doch schon auf der Vermisstenliste aufgetaucht«, antwortete Matty ein wenig überempfindlich.

»Ruft sie an und weitet die Datensuche auf ein ganzes Jahr aus«, sagte ich.

»Himmel, Sean, das könnten Hunderte, vielleicht Tausende von Namen sein«, protestierte Matty.

»Und wenn wir fünf Jahre zurückgehen, wir brauchen Ergebnisse. Du hast doch gehört, was der Chief gesagt hat. Wir haben den Luxus, uns nur um einen Fall kümmern zu müssen. Wenn wir Pech haben, kriegen wir es in den nächsten Monaten mit einem ganzen Haufen an Morden zu tun.«

Matty nickte und griff nach dem Hörer, während ich McCrabban mitteilte, was ich über das Gift herausgefunden hatte.

»Das ist ja tatsächlich was ganz Seltenes«, stellte er fest.

»Aye. Wir müssen herausfinden, wer eine solche Pflanze anbauen kann oder woher man die Samen kriegt.«

»Ran ans alte Sprachrohr?«, fragte er.

»Du sagst es, Kumpel.«

Ich ging aufs Klo und las die Sun; ein Exemplar davon lag immer da. Das musste ich Rupert Murdoch lassen, er machte da eine prima Scheißzeitung.

Als ich zurückkehrte, strahlte Matty.

»Was hat denn der Zoll wegen der Namen gesagt?«, wollte ich wissen.

»Na ja, die haben ziemlich rumgejammert.«

»Und hast du Druck gemacht?«

»Diese Mistkerle haben die Arbeit nicht erfunden, aber ich habe die Daumenschrauben angelegt, und sie meinten, wir kriegen die Liste Ende der Woche.«

»Gut. Wobei das in Beamtensprache Ende des Jahres bedeutet.«

»Aye, und woran soll ich mich jetzt machen?«

»Ist der Koffer noch irgendwo?«

»Natürlich. In der Asservatenkammer.«

»Versuche herauszufinden, woher er stammt, wie viele davon in Nordirland verkauft worden sind, so was eben.«

»Wozu soll das denn gut sein?«, meckerte er.

»Matty, um es mit den Worten des großen William Shakespeare zu sagen: ›Mach einfach, du kleiner Scheißer‹.«

»Wird gemacht, Boss«, erwiderte er und ging in die Asservatenkammer, um den Koffer aus der Plastikverpackung zu nehmen.

Den restlichen Nachmittag über riefen wir Gartencenter in ganz Irland an. Nichts. Ein paar wenige hatten schon mal von Paternostererbsen gehört, aber keiner hatte irgendwelche Unterlagen über jemanden, der sie zog oder Samen hatte kaufen wollen.

Ich rief das Hauptpostamt in Belfast an und fragte nach, ob es irgendwelche Unterlagen gab, ob Samen beschlagnahmt oder mit der Post versandt worden seien. Sie wüssten es nicht, antwortete man mir dort, aber sie würden zurückrufen.

McCrabban rief den englischen Zoll an und stellte dieselben Fragen. Nach einer Weile von Nieten teilte ihm ein »Polizeiverbindungsbeamter« mit, dass der Import der Samen nicht illegal sei und auch keinem Zoll unterliege, daher habe seine Behörde keinerlei Interesse daran.

Das Postamt rief zurück und gab uns dieselbe Auskunft.

Ich rief Dick Savage bei Special Branch an. Dick hatte etwa zur selben Zeit wie ich an der Queen’s University studiert, Chemie. Er war kein Überflieger, aber er hatte ein paar überraschend gute interne Memos über Selbstmord geschrieben und darüber, wie man einen echten Selbstmord von einem Mord unterscheiden konnte, der wie ein Selbstmord aussehen sollte.

Dick hatte von Abrin gehört, wusste aber nicht, ob es schon jemals auf den Britischen Inseln verwendet worden war. Er wollte sich die Sache mal anschauen.

Dann ging ich zu Chief Inspector Brennan und überbrachte ihm die schlechte Neuigkeit, dass unser Unbekannter ganz sicher Amerikaner sei, wir aber durchaus gute Chancen hätten, ihn aufgrund der Einreiseunterlagen identifizieren zu können.

»Sobald wir den Namen kennen, sollten wir wohl besser das amerikanische Konsulat informieren. Wir brauchen womöglich auch deren Mithilfe, um unsere Liste mit jener der Veteranen der First Infantry Division abzugleichen.«

Brennan nickte. »Ich soll also dort anrufen, nehme ich an.«

»Das wäre besser, Sir. Sie sind der Revierleiter. Das klingt offizieller, mit all dem Brimborium.«

»Sie wollen einfach nicht selbst anrufen.«

»Könnte ein schwieriges Telefonat werden.«

»Und?«

»Ich bin heute ein wenig angeknackst, Sir. Sieht so aus, als hätte mich meine Freundin gerade verlassen.«

»Diese Doktortante, mit der Sie ausgegangen sind?«

»Aye.«

»Das hab ich kommen sehen. Die war eh eine Nummer zu groß für Sie, Junge.«

»Rufen Sie an, Sir?«

»Die Scheiße wird uns nur so um die Ohren fliegen ... ein toter Amerikaner – als wenn wir nicht schon genug Probleme am Hals hätten.«

Ich stand da und sah müde Resignation sein wettergegerbtes Gesicht überziehen wie Schmalz eine heiße Pfanne. Er seufzte theatralisch. »Also gut. Schätze, das sollte ich wohl machen, wo ich ja hier eh schon alles mache. Und Sie sind sicher, dass er ein Ami ist?«

Ich berichtete ihm von der Tätowierung.

»Na gut. Hauen Sie ab. Und holen Sie Carols Torte. In einer halben Stunde kommt sie.«

Carol kam um drei, und wir schmissen ihr eine Geburtstagsparty. Tee, Torte, Partyhüte, zwei Sorten Limonade.

Carol wandelte seit sechzig Jahren auf Erden. Sie aß Torte, trank Tee, lächelte und sagte, wie wundervoll das alles sei. Brennan sprach einen Toast auf sie aus, und er war es auch, nicht Carol, der uns die Geschichte ihrer ersten Woche in dem Job erzählte, als 1941 eine Heinkel He 111 der deutschen Luftwaffe ein paar 250-Kilo-Bomben auf das Revier abgeworfen hatte. Wir alle hatten die Geschichte schon mal gehört, aber so etwas konnte man sich gut mehrmals erzählen lassen. Die einzige Person, die an jenem Tag zu Schaden gekommen war, war ein Mann, der einsaß. Er brach sich einen Arm. Drüben in Belfast, wohin der Rest der Heinkel-Schwadron geflogen war, waren die Leute nicht so glimpflich davongekommen.

Die Sonne bahnte sich einen Weg durch die Wolken, und der Tag wurde noch so schön, dass ein paar von uns auf die Feuerleiter hinausstiegen und sich die Cola mit Rum verlängerten. Eine hübsche Reservistin mit Wespentaille und einem heftigen Newcastler Akzent fragte mich, ob es wahr sei, dass ich drei Männer mit bloßen Händen erledigt hätte.

Sie machte mir Angst, also verdrückte ich mich, gab Carol einen Kuss, sagte den Jungs Gute Nacht und ging nach Hause.

Coronation Road in der Sozialbausiedlung Victoria befand sich in einem dieser seltenen Augenblicke der Ruhe: Streunende Hunde schliefen mitten auf der Straße, halbwilde Katzen stiefelten über die Schieferdächer, Frauen mit Lockenwicklern hängten die Wäsche auf, Männer mit flachen Käppis und Pfeifen im Mund buddelten in den Gärten. Kinder aus drei benachbarten Straßen, niedlich und schuhlos und angezogen wie Komparsen in einem Film aus den Fünfzigern, spielten eine ausgeklügelte Version von 1-2-3-4-Eckstein.

Ich stellte meinen BMW vor dem Haus ab, nickte den Nachbarn zu und ging hinein.

Ich mixte mir einen Wodka Gimlet in einem Pintglas, setzte irgendeine Dosensuppe auf und wählte mit erheblich größerer Sorgfalt eine Reihe von Schallplatten aus, die mich durch den Abend bringen sollten: Unknown Pleasures von Joy Division, Bryter Layter von Nick Drake und Neil Youngs After The Goldrush. Ja, ich war in der Art von Stimmung.

Ich lag auf dem Ledersofa und betrachtete die Uhr. Das Kinderspiel fand ein Ende. In ganz Belfast gingen die Lichter an. Die Armeehelikopter schwangen sich in die Lüfte.

Das Telefon klingelte.

»Hallo?«

»Ist da Duffy?«

»Wer will das wissen?«

»Ich habe auf der Arbeit nach Ihnen gesucht, Duffy, aber offenbar sind Sie schon nach Hause gegangen. Manche haben eben Glück, was?«

Es war der wieselhafte Kenny Dalziel aus der Verwaltung.

»Was gibt’s denn, Kenny?«

»Es ist eine Katastrophe. Eine totale Katastrophe. Ich raufe mir die Haare. Sie wissen nicht zufällig, wer mit alldem angefangen hat, oder?«

»Gavrilo Princip?«

»Wer?«

»Worum geht’s, Kenny?«

»In Ihrer Abteilung gibt es mal wieder ein Problem, Inspector Duffy. Vor allem mit Detective Constable Matty McBrides Überstundenanspruch im letzten Lohnzahlungszeitraum. Das grenzt ja schon an Betrug.«

»Würde mich nicht überraschen.«

»Constable McBride kann doch nicht fünfzig Prozent Gefahrenzuschlag beanspruchen und noch Überstunden dazu! Das wäre ja dreifacher Lohn, und glauben Sie mir, Duffy, niemand, und ich meine absolut niemand, erhält unter meiner Federführung dreifachen Stundenlohn ...«

Ich hörte nicht weiter zu. Als das Gespräch an sein natürliches Ende gelangt war, sagte ich, ich würde seine Besorgnis verstehen, und legte auf. Dann schaltete ich die Glotze ein. Auf dem einen Kanal ein Prediger, der Gedanke zum Tag auf dem anderen. Dieses Land war vollkommen bibelverrückt.

Eine halbe Stunde später rief mich Dick Savage an, er hatte Rechercheergebnisse zu Abrin. Es handelte sich um ein äußerst seltenes Gift, das bislang noch nirgendwo auf den Britischen Inseln bei einem Verbrechen verwendet worden sei. Womöglich habe es ein paar Einzelfälle in den Vereinigten Staaten gegeben, doch das müsse ich selbst nachprüfen.

Ich bedankte mich bei ihm und rief Laura an, aber sie ging nicht ran.

Ich mixte mir noch einen Wodka Gimlet, trank ihn, nahm die Suppe vom Herd, legte Bryter Layter auf und drückte auf repeat, überlegte es mir dann aber anders. Nick Drake sollte man, wie Heroin oder Hefeaufstrich, nur in kleinen Mengen genießen.

Typisch für die Wetterlage in Ulster, peitschte nun ein harter, waagerechter Regen gegen die Küchenfenster, also stellte ich den Plattenspieler auf 78 rpm und zog nach einigem Stöbern »Into Each Life Some Rain Must Fall« von The Ink Spots und Ella Fitzgerald aus dem Regal.

Die erste Strophe des Sängers von The Ink Spots konnte ich gerade noch ertragen, aber als Ella anfing zu singen, hätte ich beinahe losgeheult.

Das Telefon schreckte mich auf.

»Ja, hallo?«

»Weißt du, die Art, wie du mir andauernd steckst, dass ich ein fauler Hund sei und die Arbeit nicht ernst nehmen würde?«

Matty.

»Ich glaube nicht, dass ich jemals so etwas gesagt habe, Matty. Ganz im Gegenteil, gerade eben erst habe ich deine Ehre verteidigt gegen dieses Raubvogelgesicht Dalziel aus der Verwaltung«, erwiderte ich.

»Das hört sich für mich nach einer fetten Lüge an.«

»Du leidest an Verfolgungswahn, Kumpel.«

»Na ja, während alle anderen mit den hübschen Reservistinnen herumalbern und nach Hause verschwinden, habe ich bis spät in die Nacht geschuftet.«

»Und?«

»Ich habe nichts weiter als einen Durchbruch erzielt, jawohl.«

»Und?«

»Was ist denn das für ein Krach da im Hintergrund?«

»Der ›Krach‹ ist Ella Fitzgerald.«

»Nie von ihm gehört.«

»Was ist los, Mann? Hast du wirklich was rausgekriegt?«

»Ach, ich hab nur mal schnell den Fall gelöst, mehr nicht«, antwortete er.

»Unseren Unbekannten im Koffer?«

»Gibt es noch einen anderen Fall?«

»Also los, spann mich nicht länger auf die Folter.«

»Na ja, ich hatte eh die Nachtschicht, also dachte ich, statt mir den alten Stapel Penthouse vorzunehmen und mir einen abzujuckeln, mach ich lieber mal was Sinnvolles und schau mir noch mal den Koffer an ...«

»Ja ...?«

»Keinerlei Spuren. Keine brauchbaren Fingerabdrücke. Das Blut stammt von unserem Kerl. Aber du kennst doch dieses kleine Plastikfensterchen, in das die Leute ihre Adresse stecken?«

»McCrabban hat doch schon in dem Fensterchen nachgeschaut – keine Adresse. So doof wäre doch auch keiner.«

»Das hab ich auch gedacht, aber ich habe das Fenster aufgeschnitten und ein kleines Kärtchen unten im Fenster entdeckt. Das konnte man unmöglich sehen, wenn man nicht das Plastik aufschneidet und mit der Taschenlampe hineinleuchtet.«

»Scheiße.«

»Das kann man wohl sagen, Mann.«

»Eine alte Adresse?«

»Ich hab mir eine Pinzette besorgt, sie rausgezogen, und siehe da, schon habe ich Name und Anschrift des Besitzers!«

»Und wer war das?«

»Jemand aus der Gegend. Ein Kerl namens Martin McAlpine, Red Hall Cottage, The Mill Bay Road, Ballyharry, Islandmagee. Was hältst du davon?«

»Also war es nicht der Koffer des Amis?«

»Sieht nicht so aus, oder? Wie du schon sagtest, Sean, die Vorstellung vom Meisterverbrecher ist ein Ammenmärchen. Die meisten Gauner sind zu blöd.«

»Du bist ein Star, Matty, mein Mann.«

»Ein unterschätzter Star. Und was ist unser nächster Schritt, Boss?«

»Ich glaube, Matty, wir beide werden Mr McAlpine morgen in aller Frühe einen kleinen Besuch abstatten.«

»Morgen? Da ist Samstag.«

»Und?«

Er stöhnte. »Nichts. Hört sich wie ein Plan an.«

»Also auf dem Revier. Punkt sieben.«

»Können wir nicht später los?«

»Können wir leider nicht. Ich lasse mich gerade von Lucian Freud porträtieren, und danach muss ich nach Liverpool ins Anfield Stadium, da spiele ich im Mittelfeld für den FC Liverpool, Alan Hansen ist doch verletzt.«

»Komm schon, Sean, ich schlaf samstags gern aus.«

»Nein, Mann, wir ziehen früh los und stürzen uns auf ihn. Das wird ein Spaß.«

»Na gut.«

»Gut gemacht, Kumpel. Gut gemacht.«

Ich legte auf. Komisch, wie das manchmal so war. Ganz plötzlich stand diese potentiell schwierige Untersuchung wieder sperrangelweit offen.