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A TOWN CALLED MALICE

Die verlassene Fabrik wirkte wie die Vorschau auf eine ungewisse Zukunft, in der die ganze Welt so aussehen würde, eine Zeit, in der es keine Möglichkeit mehr gab, gegen Verrottung anzukämpfen, Verbrennungsmotoren oder Bildröhren zu reparieren. Auf einem Planeten aus Rost und Kerzenlicht. Vogelkot bedeckte die Wände. Vermodernder Müll türmte sich auf. Sonderbare Gerätschaften lagen auf dem Boden herum, der mit seiner Schicht aus Blättern, Öl und Glasscherben wie das Unterholz eines Regenwalds wirkte. Die Melodie in meinem Kopf war eine absteigende Dezimole, ein Potpourri der zweiten Etüde von Chopin; ich konnte sie nicht zuordnen, wusste nur, dass sie berühmt war, und sobald die Schießerei vorbei war, würde es mir sicher sofort einfallen.

Der Schuss der Schrotflinte hatte die Vögel aufgescheucht, und noch während wir losrannten, um hinter einer halb abmontierten Dampfturbine in Deckung zu gehen, sahen wir, wie die Felsentauben von der Hallendecke aufflatterten und einen feinen Niesel weißer Asbestfasern auf uns herabregnen ließen wie Schnee in einem nuklearen Winter.

Wieder donnerte die Schrotflinte los, und einige Meter links von uns ging ein Fenster zu Bruch. Die Zielgenauigkeit des Wachmanns war noch problematischer als sein Verstand.

Wir fanden Schutz hinter den dicken, stählernen Rotorblättern der Turbine und beobachteten, wie die Tauben in immer niedrigeren Spiralen über unseren Köpfen kreisten. Ein abergläubischer Mensch hätte ihren melancholischen Flug wohl als schlechtes Omen gedeutet, doch war mein Partner, Detective Constable McCrabban, aus härterem Holz geschnitzt.

Noch bevor ich Gelegenheit hatte, zu Atem zu kommen, brüllte er schon: »Hören Sie endlich mit der Ballerei auf, Sie verdammter Vollidiot! Wir sind von der Polizei!«

Der Nachhall des letzten Schusses verging in einer beeindruckenden Dissonanz, die einer noch beeindruckenderen Stille wich. Asbeststaub hatte sich auf meine Lederjacke gelegt, und ich zog mir den schwarzen Rollkragen über den Mund.

Die Tauben ließen sich wieder nieder.

Die Tragbalken knarzten im Wind.

In der Entfernung war eine Glocke zu hören.

Ich kam mir vor wie in einer Symphonie von Arvo Pärt. Allerdings war er nicht der Schöpfer der Melodie, die mir noch immer im Kopf herumging. Aber wer dann? Irgendein Franzose?

Wieder ein Schuss.

Der Wachmann hatte die Zeit genutzt, um nachzuladen, und war entschlossen, sich noch ein wenig auszutoben.

»Aufhören!«, forderte McCrabban ihn erneut auf.

»Verschwindet«, antwortete eine Stimme. »Ich hab die Schnauze voll von euch Randalierern!«

Eine Greisenstimme aus einem vergangenen Irland, dreißiger Jahre, vielleicht noch früher, aber das Alter hatte ihr weder Gewicht noch Selbstsicherheit verliehen – nur gebrechliche, ungeduldige, gefährliche Zweifel.

Und so drohte das Ende, wie jeder Polizist wusste, meist nicht im Kampf Gut gegen Böse, sondern willkürlich in einem Bombenanschlag, einer schiefgelaufenen Verfolgungsjagd oder in einer Schießerei mit einem halb senilen Wachmann in einer verlassenen Fabrik im nördlichen Belfast. Außerdem war 1. April. Kein gutes Sterbedatum.

»Wir sind die Polizei!«, beharrte McCrabban.

»Wer?«

»Die Polizei!«

»Ich ruf gleich die Polizei!«

»Wir sind die Polizei!«

»Ehrlich?«

Ich zündete mir eine Zigarette an, setzte mich hin und lehnte mich an das Außengehäuse der großen Turbine.

Es handelte sich tatsächlich um eine riesige Turbinenhalle, ein immenser Raum zur Erzeugung von Strom. Die Ingenieure der Textilfabrik hatten beschlossen, dass Autarkie wohl die beste Versicherung sei, wenn man es mit der unzulänglichen und unzuverlässigen Stromversorgung in Nordirland zu tun hatte. Ich hätte den Laden gern mal zu seinen besten Zeiten gesehen, als das Licht durch die sauberen Scheiben fiel und die Turbinen in dieser Kathedrale der Technik auf vollen Touren liefen. Die ganze Fabrik musste einen enormen Anblick geboten haben mit ihren Kühltürmen, chemischen Pressen und weißgekleideten Alchimisten, die das Geheimnis kannten, aus Erdöl Kleidung zu machen.

Doch davon war nichts mehr übrig. Keine Textilien, keine Arbeiter, keine Produkte. Und dazu würde es auch nie wieder kommen. Die Großindustrie hatte sich in Irland sowieso nur zögerlich angesiedelt und die Insel schnell wieder verlassen.

»Und warum habt ihr dann keine Uniform an?«, wollte der Wachmann wissen.

»Wir sind Kriminalbeamte in Zivil! Sie stecken ganz schön in der Klemme, Kumpel. Legen Sie endlich die verfluchte Waffe weg«, rief ich.

»Und wer soll mich dazu zwingen?«, fragte der Wachmann.

»Wir!«, schrie McCrabban.

»Ach ja?«, rief der Mann zurück. »Ihr und welche Armee?«

»Die verdammte Britische Armee!«, konterten McCrabban und ich unisono.

So ging es noch eine weitere Minute, bis der Wachmann schließlich einräumte, vielleicht ein wenig voreilig gewesen zu sein. Crabbie, seit kurzem Vater von Zwillingen, kochte vor Wut, und es war mehr als offensichtlich, dass er den Wachmann am liebsten eingelocht hätte, aber der Mann war nur ein alter Knacker mit wässrigen Augen in einer blauen Kunstfaseruniform, womöglich eine Vorahnung unserer beider Karrieren nach dem Polizeidienst. »Lassen wir ihn laufen«, meinte ich. »Ist doch nur unnützer Papierkram.«

»Wenn du meinst«, gab Crabbie widerwillig nach.

Der Wachmann hieß Martin Barry, und wir teilten ihm mit, dass wir wegen einer Blutspur gekommen seien, die vom Nachtwächter entdeckt worden war.

»Ach die? Die hab ich bei meinem Rundgang auch gesehen. Ich hab mir nichts weiter dabei gedacht«, erklärte Mr Barry. Er machte den Eindruck, als hätte er sich in den letzten dreißig Jahren überhaupt nichts weiter gedacht.

»Wo ist sie?«, wollte McCrabban wissen.

»Draußen bei den Müllcontainern, aber warum hat Malcolm mir denn nicht eine Nachricht hinterlassen, dass er das schon gemeldet hat?«, sagte Mr Barry.

»Wenn es sich um Blut handelt, warum haben Sie das dann nicht gemeldet?«, setzte Crabbie nach.

»Hier bricht so ein Rabauke ein und schneidet sich, da soll ich gleich die Polizei holen? Ich dachte, die Herren wüssten mit ihrer Zeit was Besseres anzufangen.«

Das alles schien tatsächlich reine Zeitverschwendung zu sein.

»Können Sie uns zeigen, wovon Sie reden?«, bat ich den Mann.

»Na ja, ist da draußen«, meinte Mr Barry zögerlich.

Er fuchtelte noch immer mit seiner steinalten Schrotflinte herum; Crabbie nahm sie ihm aus den Händen, klappte sie auf, nahm die Patronen heraus und reichte ihm die Waffe zurück.

»Wie sind Sie hier eigentlich reingekommen?«, wollte Mr Barry wissen.

»Das Tor war offen«, antwortete Crabbie.

»Aye, die Gauner haben das Schloss geknackt, die versuchen ständig, hier zu klauen.«

»Was denn?«, fragte McCrabban und sah sich in dem Chaos um.

»Der Rest der Turbine wird irgendwann mal nach Korea verschifft. Die ist sehr wertvoll«, erklärte Mr Barry.

Ich rauchte zu Ende und warf die Kippe in eine Pfütze.

»Können wir uns jetzt mal diese vermeintliche Blutspur ansehen?«, fragte ich.

»Na gut, aye.«

Wir gingen hinaus.

Es schneite.

Richtiger Schnee, kein Kunstschnee aus Asbest.

Es lag ein halber Zentimeter davon auf dem Boden, was bedeutete, dass die Züge steckenblieben, der Motorway gesperrt wurde und der Berufsverkehr die Straßen verstopfte. Crabbie sah nach oben und schniefte. »Die alte Dame rupft ja heute eine ziemlich fette Gans«, verkündete er mit lauter Stimme.

»Das solltest du in einem Buch verewigen«, meinte ich grinsend.

»Ich brauche nur ein Buch«, erwiderte Crabbie mürrisch und klopfte auf die Bibel in seiner Brusttasche.

»Aye, ich auch«, pflichtete ihm Mr Barry bei, und die beiden Presbyterianer warfen sich einen vielsagenden Blick zu.

Dieses Gequatsche machte mich wahnsinnig. »Und was ist mit dem Telefonbuch? Was, wenn du mal eine Telefonnummer suchst. Die wirst du wohl kaum in der Bibel finden«, brummte ich.

»Täuschen Sie sich da mal nicht«, meinte Mr Barry, doch bevor er anfing, seine Methode zu erläutern, wie er unbekannte Telefonnummern aus den Überlieferungen ableitete, hob ich einen Finger und ging zu dem Dutzend großer rostiger Container, die randvoll mit Müll waren.

»Meinen Sie das da?«

»Aye, da klettern die kleinen Mistkerle drüber«, sagte er und wies auf eine Stelle, an der der Maschendrahtzaun bis auf einen Meter heruntergetreten worden war.

»Nicht sonderlich gut geschützt, was?«, meinte McCrabban und klappte den Kragen seines Regenmantels hoch.

»Dafür hab ich ja die hier!«, verkündete Mr Barry und tätschelte seine Flinte, als wäre sie ein liebgewonnenes Reptil.

»Zeigen Sie uns einfach nur das Blut, bitte«, sagte ich.

»Da drüben, wenn’s überhaupt Blut ist. Menschliches Blut«, sagte Mr Barry mit einem derart bedeutungsschweren Ton in der Stimme, dass ich beinah laut losgelacht hätte.

Er deutete auf eine getrocknete, dünne rötlich braune Spur, die vom Zaun zu den Containern führte.

»Was hältst du davon?«, fragte ich Crabbie.

»Ich sag Ihnen, was ich davon halte! Die Burschen haben in der Tonne gewühlt, einer der kleinen Nichtsnutze hat sich geschnitten, gelobt sei Gott, sie sind zum Zaun gelaufen, drübergeklettert und heulend zur Mami gerannt«, erklärte Mr Barry.

Crabbie und ich schüttelten die Köpfe. Dieser Geschichte konnten wir nicht zustimmen.

»Ich erkläre Mr Barry, was passiert ist, und du suchst im Container«, sagte ich zu Crabbie.

»Ich erkläre, und du suchst«, entgegnete Crabbie.

»Was erklären?«, fragte Mr Barry.

»Die Blutspur wird dünner und schmaler, je weiter sie vom Zaun entfernt ist.«

»Und das heißt?«, wollte Mr Barry wissen.

»Das heißt, entweder gibt es einen Jackson-Pollock-Fan unter den ortsansässigen Vandalen, oder etwas oder jemand ist zu den Containern geschleift und dort hineingeworfen worden.«

Ich sah McCrabban an. »Also los, rein mit dir, Kollege«, sagte ich.

Er schüttelte den Kopf.

Ich deutete auf die nicht vorhandenen Schulterstreifen an meiner nicht vorhandenen Uniform, die meinen Rang als Inspector angegeben hätten.

Das machte auf Crabbie keinen Eindruck. »Ich geh da nicht rein. Auf gar keinen Fall. Die Hose ist fast neu. Madame zieht mir bei lebendigem Leib die Haut ab.«

»Werfen wir eine Münze. Kopf oder Zahl?«

»Deine Wahl. Das riecht mir ein bisschen zu sehr nach Wetten.«

»Also Kopf.«

Ich warf die Münze.

Natürlich wussten wir alle, was dabei rauskommen würde.

Ich kletterte also in den Container, an dem die Blutspur zu enden schien, aber so leicht wollten es uns die kriminellen Superhirne natürlich nicht machen, ich entdeckte nichts.

Ich watete durch allerlei Fabrikabfälle: nasse Pappe, feuchter Kork, Schiefer, Glasscherben und Bleirohre, während Mr Barry und Crabbie philosophisch wurden: »Die Jungs brauchen Arbeit, oder? Heutzutage gibt’s doch nur Diebe und Polizisten!«

»Und dann noch jemand, der die Stütze auszahlt, Mann«, ergänzte Crabbie, und da war was Wahres dran. Dieb, Bulle, Gefängniswärter, Arbeitsamtsmitarbeiter: Das waren die offenen Stellen in Nordirland – der schlimmsten Kakistokratie Europas.

Ich kletterte wieder hinaus.

»Und?«, fragte Crabbie.

»Nichts Organisches, mal abgesehen von ein paar neuen, unerforschten Lebensformen, die möglicherweise zu einem Arten ausrottenden Virus mutieren«, antwortete ich.

»Ich glaub, den Film hab ich gesehen«, erwiderte Crabbie.

Ich zog das Fünfzig-Pence-Stück aus der Tasche. »Also gut, noch ein paar Container, werfen wir wieder eine Münze?«, fragte ich.

»Nicht nötig, Sean, der erste Wurf gilt für alle Container«, meinte Crabbie.

»Willst du mir damit sagen, dass ich mich durch alle Tonnen wühlen muss?«, jammerte ich.

»Deshalb verdienst du ja auch die dicke Kohle, Boss«, stellte er fest, und seine ausdruckslosen Knopfaugen wirkten noch ausdrucksloser.

»Okay, es war ein faires Spiel, ich habe verloren. Aber ich werde dran denken, wenn du bei deiner verfluchten Sergeant-Prüfung um Hilfe bittest«, sagte ich.

Das hatte den gewünschten Effekt. Er schüttelte den Kopf und schnaubte. »Also gut, wir teilen sie uns. Ich nehm die zwei, du die anderen zwei. Und wir sollten uns ranhalten, sonst frieren wir uns noch zu Tode«, murmelte er.

McCrabban fand den Koffer im dritten Container. Blut sickerte durch das rote Plastik.

»Hier!«, brüllte er.

Wir streiften Latexhandschuhe über, und ich half ihm, den Koffer herauszuheben.

Er war schwer.

»Sie treten besser zurück«, sagte ich zu Mr Barry.

Der Koffer hatte einen einfachen Messingreißverschluss. Wir öffneten ihn und klappten den Deckel auf. Im Kofferinneren lag der nackte Torso eines Mannes, die Gliedmaßen an Knien und Schultern abgetrennt. Crabbie und ich stellten erste Untersuchungen an, während Mr Barry hinter uns trocken würgte.

»Seine Genitalien sind noch vorhanden«, meinte Crabbie.

»Und es gibt keine Anzeichen von Misshandlung«, fügte ich hinzu. »Womit sich vermutlich die Tat einer paramilitärischen Einheit ausschließen lässt.«

Wenn es sich um einen Spitzel, einen Doppelagenten oder um ein entführtes Mitglied der Gegenseite gehandelt hätte, dann wäre er sicherlich erst gefoltert worden.

»Keine sichtbaren Tätowierungen.«

»Also hat er auch nicht gesessen.«

Ich kniff seine Haut. Eiskalt. Steif. Er war seit mindestens einem Tag tot.

Der Körper war gebräunt, das Opfer hatte sich zu Lebzeiten gut in Form gehalten. Das Alter war schwer zu schätzen, fünfzig, vielleicht sogar sechzig. Er hatte graue und weiße Brusthaare und ein paar wenige blonde, von der Sonne aufgehellte Härchen.

»Seine eigentliche Hautfarbe ist ziemlich hell, richtig?«, meinte Crabbie mit Blick auf den Bereich, wo die Shorts gewesen wären.

»Ja«, pflichtete ich ihm bei. »Hat sich eine gute Sonnenbräune geholt. Was glaubst du, woher er die in unserer Gegend wohl hat?«

»Keine Ahnung.«

»Ich wette, er ist Schwimmer, und der helle Streifen da stammt von der Badehose. So wird er sich auch fit gehalten haben, durch Schwimmen im Freien.«

In Nordirland gab es nur wenige Schwimmbäder und kein Freibad, außerdem nicht viel Sonne, was zwangsläufig zu Crabbies nächster Frage führte:

»Und du denkst, er ist nicht von hier, richtig?«

»Richtig«, antwortete ich.

»Das ist nicht gut, oder?«, murmelte Crabbie.

»Nein, mein Freund, ganz und gar nicht gut.«

Ich stampfte mit den Füßen auf und rieb mir die Hände. Der Schneefall hatte sich verstärkt, und die trostlosen Vororte des nördlichen Belfast nahmen allmählich die Farbe alter Spitze an. Ein eisiger Wind kam vom Lough herein, und die Musik in meinen Ohren drehte sich in einer Endlosschleife. Ich schloss die Augen und widmete meine Aufmerksamkeit ein paar Takten: Geige, Viola, Cello, zwei Klaviere, Flöte und eine Glasharmonika. Die Flötenmelodie legte sich über das Glissando der Klaviere – das eine spielte diese leicht chopinhafte Dezimole Ostinato, das andere eine ruhigere Sextole.

»Vielleicht haben wir ja Glück. Mal sehen, ob wir im Koffer irgendwelchen Papierkram finden«, erklärte Crabbie und riss mich aus meinen Gedanken.

Wir schauten nach, fanden aber nichts; dann gingen wir zurück zum Land Rover und meldeten den Vorfall über Funk. Matty, unser Mann für die Spurensicherung, und ein paar Reservisten kreuzten in Overalls auf, fotografierten den Tatort und nahmen Fingerabdrücke und Blutproben.

Armeehubschrauber flogen tief über den Lough, Sirenen heulten im County Down, dazu ein fernes Donnergrollen von Mörserfeuern oder Detonationen. Die Stadt lag unter einem Schleier aus Kaminqualm, und der Dokumentarfilmer drehte alles wie üblich auf 8-mm-Schwarzweißfilm. Belfast im vierzehnten Jahr eines leise köchelnden Bürgerkriegs, verharmlosend die »Troubles« genannt, die Unruhen.

Der Tag zog sich dahin. Die grauen Schneewolken verfärbten sich erst graublau, dann schwarz. Die gelbe, fast schlammige See lag träge da und träumte von Schiffbruch und Schiffbrüchigen. »Kann ich gehen?«, fragte Crabbie. »Wenn ich den Anfang von Dallas verpasse, komm ich nicht mehr rein. Madame bringt immer die Ewings und die Barnes durcheinander.«

»Na, geh schon.«

Ich schaute den Jungs von der Spurensicherung bei der Arbeit zu, stand rum und rauchte, bis ein Krankenwagen eintraf und den Unbekannten ins Leichenschauhaus im Carrickfergus Hospital brachte.

Dann fuhr ich zum Revier Carrickfergus zurück und informierte meinen Boss, Chief Inspector Brennan, über den Fund. Brennan war ein großer, leicht chaotischer Mann, der dazu neigte, seine Sätze regelrecht zu brüllen.

»Erste Ideen, Duffy?«, fragte er.

»Da draußen war es lausekalt, Sir. Napoleons Rückzug aus Moskau, wir mussten die Pferde essen, können froh sein, dass wir noch leben.«

»Das Opfer?«

»Ich habe den Eindruck, es handelt sich um einen Ausländer. Möglicherweise einen Touristen.«

»Das sind schlechte Neuigkeiten.«

»Ja, ich schätze mal, er wird beim Fragebogen, den sie den Touristen am Flughafen austeilen, der Gegend eher kein ›Sehr gut‹ verpassen.«

»Todesursache?«

»So wie es aussieht, können wir Selbstmord ausschließen«, meinte ich nur.

»Wie ist er gestorben?«

»Das weiß ich noch nicht – vermute mal, der abgehackte Kopf könnte dazu beigetragen haben, oder? Unsere besten Leute sind darauf angesetzt, Sir, seien Sie versichert.«

»Wo ist Detective Constable McCrabban?«, wollte Brennan wissen.

»Dallas, Sir.«

»Und mir hat er gesagt, er hat Angst vorm Fliegen, dieser gottverfluchte Lügner.« Chief Inspector Brennan seufzte und morste unbewusst (vielleicht auch bewusst) mit dem Zeigefinger ›Arsch‹ auf den Schreibtisch.

»Es ist Ihnen klar, wenn es sich um einen Ausländer handelt, dann wird das an die große Glocke gehängt, oder?«, murmelte er.

»Aye.«

»Ich sehe Papierkram vor mir, sehr viel Papierkram, ein Pow-Wow mit den großen Häuptlingen, und Sie werden möglicherweise von irgendeinem Trottel aus Belfast ersetzt.«

»Aber doch nicht wegen eines toten Touristen, Sir?«

»Wir werden ja sehen. Und Sie kriegen nicht wieder einen Anfall, wenn man Ihnen den Job wegnimmt, hm? Sie sind doch jetzt erwachsen geworden, Sean, nicht wahr?«

Keiner von uns konnte so leicht den Trottel vergessen, zu dem ich mich gemacht hatte, als mir das letzte Mal ein Mordfall weggenommen worden war ...

»Ich habe mich geändert, Sir. Mannschaftsspieler. Kenny Dalglish, nicht Kevin Keegan. Wenn der Fall nach oben weitergereicht wird, werde ich denen jede Unterstützung angedeihen lassen und jedem Befehl gehorchen. Bis zum bitteren Ende, Sir.«

»Hoffen wir, dass es nicht so weit kommt.«

»Amen, Sir.«

Er lehnte sich in seinem Bürosessel zurück und griff nach der Tageszeitung.

»Also gut, Inspector, Sie können gehen.«

»Jawohl, Sir.«

»Und denken Sie dran, Carol hat am Freitag Geburtstag, und Sie sind an der Reihe. Kuchen, Partyhüte, Sie wissen schon. Und ich mag dick Buttercreme obendrauf.«

»Ich habe die Bestellung gestern bei McCaffrey’s abgegeben. Auf dem Heimweg werde ich bei Henrietta vorbeischauen.«

»Sehr gut. Und immer schön kleine Brötchen backen.«

»Den haben Sie sich extra aufgespart, richtig, Sir?«

»Habe ich«, gab er lächelnd zu.

Ich machte auf dem Absatz kehrt. »Moment!«, dröhnte Brennan.

»Sir?«

»›Neapel in Neapel‹, drei senkrecht, sechs Buchstaben.«

»Napoli, Sir.«

»Häh?«

»In Neapel heißt Neapel Napoli.«

»Ah, hab’s kapiert, und jetzt raus mit Ihnen.«

Auf dem Heimweg in die Coronation Road schaute ich bei McCaffrey’s rein, begutachtete die Torte, die typische irische Geburtstagstorte aus Biskuitboden, Sahne, Rum, Marmelade und Zucker. Ich erwähnte die Vorlieben des Chief Inspector, und Annie meinte, das sei kein Problem: Sie könne auch eine ein Zentimeter dicke Buttercreme drüberstreichen, wenn wir wollten.

»Das wäre toll«, sagte ich und machte mir im Geiste eine Notiz, auch für einen Defibrillator zu sorgen.

Dann fuhr ich weiter durch die heruntergekommenen Einkaufsgegenden von Carrickfergus, kam vorbei an vernagelten Geschäften und Cafés, verwüsteten Parks und Spielplätzen. Gelangweilte Gören, wie man sie aus den pulitzerpreisgekrönten Fotobänden kannte, hockten finster dreinblickend auf der Mauer über den Eisenbahngleisen und warteten auf den Zug nach Belfast, um Gegenstände darauf herabregnen zu lassen.

Ich hielt vor dem schwer vergitterten Mace Supermarket, der mit sektiererischen und paramilitärischen Graffiti übersät war; darunter fand sich die verblasste und auch recht unwahrscheinliche Behauptung: »Jesus Loves The Bay City Rollers!«

Ich watete durch den üblichen Parkplatzbodenbelag aus Frittenpapier, Plastiktaschen und Chipstüten.

Als ich mitten im Laden stand, erklang die Musik, die mir den ganzen Tag im Kopf herumgegangen war, aus den Lautsprechern. Ich musste die Melodie wohl letzte Woche beim Einkauf aufgeschnappt haben. Nachdem ich Cornflakes, eine Flasche Tequila und Heinz-Tomatensuppe eingepackt hatte, ging ich zur Kasse.

»Was ist das denn für ein Stück?«, fragte ich das fünfzehnjährige Mädchen, das an der Kasse saß. »Das geht mir schon den ganzen Tag nicht mehr aus dem Kopf.«

»Keine Ahnung, Schätzchen. Fürchterlich, nicht?«

Ich bezahlte und betrat das Büro, wo ich Trevor, den stellvertretenden Filialleiter aufscheuchte, der gerade mit einem schwermütigen Ausdruck auf seinem Dachshundgesicht Der Geächtete von Gor las. Auch er kannte das Musikstück nicht.

»Ich such die Kassetten nicht aus«, sagte er zu seiner Verteidigung, »ich mache nur, was mir gesagt wird.«

Ich fragte ihn, ob ich wohl mal die Kiste mit den Kassetten sehen könnte. Er hatte nichts dagegen. Ich stöberte durch die Sammlung und fand eine leere Hülle. Light Classical Hits IV. Ich ging die Liste der Stücke durch und fand das Richtige: »Aquarium« aus dem Karneval der Tiere von Camille Saint-Saëns.

Ein merkwürdiges Stück, das beim Publikum beliebt war, aber nicht unter Musikern. Die Melodie wurde von einer Glasharmonika vorgetragen, einem wirklich verrückten Instrument, bei dem die Musiker angeblich wahnsinnig wurden. Ich nickte und stellte die Kiste beiseite.

»Ich spiel’s auch nicht wieder, Inspector, wenn Sie nicht wollen, Sie sind nicht der Erste, der sich beschwert hat«, sagte Trevor.

»Nein, eigentlich bin ich ein Bewunderer von Saint-Saëns«, wollte ich gerade sagen, aber Trev hatte schon die Kassette gewechselt, und nun lief Contemporary Hits Now!

Als ich aus dem Supermarkt kam, zog gerade der Qualm einer großen Brandbombe von Bangor her über den Lough, und man konnte die Sirenen von Feuerwehr und Krankenwagen durch die graue, merkwürdig reflektierende Atmosphäre bis herüber hören.

Aus den Außenlautsprechern des Supermarkts sang Paul Weller in seinem näselnden Bariton gerade die ersten Takte von »A Town Called Malice«, einen Song, der, wie ich zugeben musste, geradezu deprimierend passend war.