12. Kapitel

Jan saß auf dem Stuhl in Chris‘ Zimmer und wartete. Sie war auf Erkundungstour, um festzustellen, ob außer den beiden Polizisten, die Jan hergebracht hatten, noch weitere das Gebäude überwachten. Er prüfte erneut den Gedankengang, der ihn zum Entschluss geführt hatte, allein zum Treffen mit Anna zu gehen. Die Chancen, dass die Polizei sie fassen würde, waren gering, die Gefahr jedoch groß, dass sie sich selbst oder andere umbringen würde, wenn sie feststellte, dass er mit der Polizei im Schlepptau gekommen war. Für ihn selbst war das Risiko hoch, doch geringer als für jeden anderen, der Anna allein gegenübertrat. Er schuldete ihr, das Wagnis auf sich zu nehmen. Und es gab keine Alternative. Es war insbesondere nicht realistisch, mit der Polizei auszuhandeln, dass sie ihm nur einen Sender mitgeben und sich konsequent im Hintergrund halten würde. Die Polizei würde verpflichtet sein, den Treffpunkt zu umzingeln, um Jan zu schützen und Anna nicht entkommen zu lassen.

Vom Flur waren Frauenstimmen zu hören, darunter auch Chris‘. Gleich darauf öffnete sie die Tür. Sie warf ihren Armeemantel aufs Bett und rieb sich die Hände. „Die Luft ist rein. Und kalt. Die beiden Polizisten hocken immer noch im Foyer. Es kann losgehen.“

Jan stand auf und zog seinerseits die Jacke an. „Danke nochmal.“

„Kein Thema. Anna hat sich auch bemüht, mir mit dem Ballett zu helfen. Das ist jetzt vielleicht –“ Sie erbleichte.

„Was ist?“

„Der Schwan! Sie hat mich einmal so genannt, beim Training, weil ich ihr zu hektisch war bei einem Adagio. Zappelnder Schwan.“

„Kann sie dich gemeint haben, mit der Zeichnung?“

„Nein, eigentlich nicht. Ich habe bloß einen Schreck bekommen, als es mir einfiel.“

„Habt ihr euch je gestritten?“

„Wir kennen uns ja erst seit ein paar Wochen. Wenn man sich gut leiden kann, streitet man meist erst später.“

„Gibt es irgendeinen Grund, weshalb die verrückte Anna dir Schaden zufügen wollen würde?“

„Woher soll ich das wissen? Ich kenne nur die normale.“

Es war keine Zeit, ihr Annas Geschichte zu erklären. „Melde das auf jeden Fall der Polizei. Und sei noch vorsichtiger als bisher, auch wenn Anna wahrscheinlich in Rostock ist. Lauf nicht alleine draußen rum, bis sie verhaftet ist.“

„Meinst du wirklich, das ist nötig?“ Chris hatte sich wieder gefasst und wiegte unzufrieden den Kopf.

„Ja, unbedingt.“

„Von mir aus.“

„Gut, lass uns aufbrechen.“ Er schaltete das Handy aus, um nicht geortet werden zu können.

„Viel Glück!“ Chris umarmte ihn kurz und klopfte ihm auf die Schulter. Dann verließen sie das Zimmer. Chris bog in die Gemeinschaftsküche ab. Jan ging einige Schritte weiter, machte kehrt, durchquerte ihr Zimmer und stieg aus dem Fenster, das bereits offenstand. Selbst wenn er erwischt wurde, konnte Chris vorgeben, von nichts gewusst zu haben. Sie war einfach in die Küche, um sich etwas aus dem Kühlschrank zu holen, und hatte für die kurze Zeit ihr Zimmer nicht abgeschlossen.

Über einen unebenen Grünstreifen erreichte er den Bürgersteig und entfernte sich zügig vom Wohnheim. In der Nacht war der klare Himmel ausgekühlt, aber die Morgensonne wärmte bereits. Es war längst nicht so frisch, wie Chris den Eindruck erweckt hatte. Zumindest würde er schönes Wetter haben – insofern er nicht schon vor der ersten Ecke aufgehalten wurde.

So schnell er konnte, ohne ins Rennen zu verfallen, hielt er auf die Ecke zu, erst dort blickte er sich um. Niemand folgte ihm. Er lief bis zur nächsten größeren Straße, winkte ein Taxi heran und ließ sich zum Hauptbahnhof bringen. Unterwegs bat er den Fahrer, kurz an einer Bank zu halten, und hob sein Tageslimit von 800 Euro ab. Viel mehr gab sein Konto ohnehin nicht her.

Um 9:43 Uhr ging ein Regionalexpress nach Rostock. Jan blieb gerade noch Zeit, die Fahrkarte, eine Flasche Wasser und ein Sandwich zu kaufen. Der Zug war schwach besetzt. Kaum jemand wollte im Herbst unter der Woche an die Ostsee. Er stieg in den oberen Stock des Doppeldeckers, setzte sich ans Fenster und versuchte, möglichst wenig zu denken.

Sie durchfuhren Pankow am nördlichen Stadtrand. Wohnkasernen im DDR-Graubraun, Schrebergärten, stillgelegte Fabriken, ein strahlend weißer Bürokomplex mit verschwenderisch-modernistischer Architektur, wie ein fehlgelandetes Raumschiff zwischen Brachflächen. Die schlichten Häuschen und überladenen Vorgärten einer Stadtrandsiedlung. Dann waren sie draußen, überholten Autos auf einer parallel verlaufenden Landstraße, der Fernsehturm glitzerte am Horizont.

Berlin lag gerade erst hinter ihnen, doch die Fahrt kam ihm bereits unausstehlich lang vor. Anna hatte den Kommissar verbrannt – nein, er durfte sich nicht vorstellen, was ihm widerfahren konnte, er musste sich auf das beschränken, was jetzt war, was jetzt vor dem Fenster vorbeizog: baumgesäumte Bachläufe, eingemottete Motorboote, bald darauf ein See, daneben Fischteiche. Haltestellen mit wenigen Häusern und enormen Parkplätzen. Ein Bauernhof in einem Feld aus Solaranlagen.

Er setzte sich mit dem auseinander, was Anna und ihn bestenfalls erwartete. Hoffentlich könnte sie in der Charité bei Farid bleiben. Wie oft würde er sie dort besuchen dürfen? Und wie würden seine Besuche verlaufen? Wenn sie immer nur durch den kleinen Park spazieren oder in ihrem Zimmer sitzen oder in einem Gemeinschaftsraum Tischtennis spielen konnten, würde daraus nicht eines Tages eine lästige Pflicht werden? Das war ein erschreckender Gedanke, doch er konnte sich dieser Fragen nicht erwehren. Wie könnte er die abwesende Anna mit der fröhlichen Germanisten-Clique und dem Studentenleben vereinbaren? Wie würde es ihm ergehen, wenn er noch Jahre auf den ersten Sex warten müsste? Er hatte sogleich ein schlechtes Gewissen, dass ihm das in den Sinn kam, aber es war richtig, auch daran zu denken.

Es gab so viele Unsicherheiten. Würde er sie noch lieben, wenn sie endlich entlassen werden würde? Ihre Gesichtsverletzung würde verheilen und selbst eine weitere Narbe ihrer Schönheit keinen Abbruch tun. Diese Faszination würde bleiben. Aber sie konnte anders werden – und ihn vielleicht nicht mehr wollen.

Endlich erhoben sich Plattenbauten in der Ferne. Sie erreichten Rostock und hielten in einem altmodischen, ein wenig heruntergekommenen Sackbahnhof. Doch als Jan die Unterführung hinunterging, fand er sich in einer länglichen Halle wieder, die ebenso gut zum Berliner Hauptbahnhof hätte gehören können: schwarze Kacheln, Decken- und Bodenleuchten, Metallbänke mit Armlehnen für jeden Sitz, damit keine Obdachlosen darauf schlafen konnten. Erstaunt blickte er sich um. Eine Frau, die ihn von einem Kiosk aus beobachtet hatte, wandte sich ruckartig den Postkarten zu. Hatte sie ihn beobachtet? Es kam ihm so vor, als hätten sich ihre Blicke gekreuzt. Möglicherweise hatte ihn die Polizei seit der Flucht aus dem Wohnheim beschattet. Oder sie hatten das Taxi gefunden, das ihn zum Bahnhof gebracht hatte, und irgendwie seine Spur nach Rostock verfolgt.

Er verließ den Bahnhof. Der Himmel war blau, die Luft wärmer als in Berlin – dabei zeigte die Wetterkarte in den Nachrichten immer ein paar Grad weniger für die Ostsee an, aber es war ja auch später geworden, kurz nach Mittag.

‚Konrad-Adenauer-Platz‘ stand auf einem Schild, und der Name war passend gewählt: Von einem Parkplatz führten mehrere breite Straßen ab, daran reihten sich Verwaltungsgebäude und Versicherungen hinter Blumenrabatten, alles sauber, zweckdienlich und bieder. Im Gewirr eines orientalischen Basars hätte er sich vorstellen können, unsichtbare Verfolger loszuwerden. Aber was konnte er hier tun, außer in eines der großen Gebäude hineinzugehen und zu hoffen, dass es über einen Hinterausgang verfügte?

Unschlüssig folgte er der erstbesten Straße. Eine Tram kam aus ihrem Schacht gerauscht. Jan folgte mit dem Blick den Schienen in die Dunkelheit. Nein, es war keine gute Idee, dort hineinzulaufen, er würde sich nur in Gefahr bringen und wieder umkehren, und dann wüsste die Polizei, dass er sie erneut abhängen wollte. Gleich der erste Versuch musste Erfolg haben.

Aus literarischer Verbundenheit bog er in die Thomas-Mann-Straße ein. Der Verkehr hatte im Lauf der Jahrzehnte Fahrrillen in die Pflastersteine gedrückt. Eine Weile lief er durch Seitenstraßen und achtete unauffällig darauf, ob man ihm folgte. Tatsächlich sah er einige Wagen mehrfach. Es schien ihm unwahrscheinlich, dass sie zufällig umherkreisten, Parklücken gab es genug.

Ein Kehrichtfahrzeug näherte sich von links aus einer Querstraße und hielt, um einem blauen Golf die Vorfahrt einzuräumen, der Jan langsam überholte. Jan blickte dem Golf nach, der war ihm schon mindestens dreimal begegnet. Das Kehrichtfahrzeug stand immer noch da, der Fahrer hatte sich seitlich zum Handschuhfach gebeugt und kramte darin. Jan witterte seine Chance. Mit wenigen Schritten war er an der Heckklappe und kletterte hinein. Der Innenraum war leer bis auf einige Eimer, einen Besen und eines dieser Geräte, mit denen man mit viel Lärm Laub wegblasen konnte. Jan legte sich flach auf den Boden.

Sein Verfolger hatte ihn gerade passiert. Jan vermutete, dass der nächste noch keinen Sichtkontakt mit ihm aufgenommen hatte – ihn ständig doppelt zu beobachten wäre zu auffällig. Der Fahrer hatte seinen blinden Passagier auch nicht wahrgenommen, denn er fuhr an und zugleich erklang Schlagermusik. Er hatte im Handschuhfach wohl nach der CD gekramt. Doch Anwohner konnten ihn gesehen haben und die Polizei oder die Stadtwerke informieren. Jan beschloss daher, die nächste Möglichkeit zum Ausstieg zu nutzen.

Das Kehrichtfahrzeug fuhr einen Hügel hinab, um eine scharfe Kurve und dann recht schnell auf einer breiten Straße, bis es an einer Kreuzung halten musste. Jan kletterte heraus, nickte den verdutzten Frauen im Auto hinter ihm freundlich zu und entfernte sich rasch auf dem Bürgersteig. Niemand hielt ihn auf. Die Fußgängerampel schaltete auf Rot und Jan sprintete über die Straße. Auf der anderen Seite blickte er sich um.

Hinter ihm erhob sich eine Kirche oberhalb der Reste einer Stadtmauer, vor ihm lag die Förde. Entlang des Ufers reihten sich renovierte Speicher, in die Einkaufszentren und Restaurants Einzug gehalten hatten.

Auf einem Parkplatz fand er ein junges Pärchen, das mehrere Plastiktüten in einem Cabrio verstaute und gerne bereit war, ihn mit in die Rostocker Heide zu nehmen. Die beiden unterhielten sich eifrig über ihre Wochenendplanung und Jan brauchte nichts weiter zu sagen. Sie nahmen eine Brücke über die Förde, die sich zu einem Fluss verengt hatte, und ließen den Stadtrandgürtel mit seinem zwielichtigen Filmverleih, dem sensationell günstigen Bettenlager, der zu einem Service-Center aufpolierten KFZ-Werkstatt und den konkurrierenden Supermärkten hinter sich.

Die Heide stellte sich als urtümlicher Wald heraus, immer wieder von schilfdurchsetzten Tümpeln und birkenbestandenen Farnwiesen unterbrochen. Jan ließ sich an einem Forstweg absetzen und verkroch sich sogleich im Gebüsch. Es dauerte eine halbe Minute, bis das nächste Auto vorbeikam. Aus dem offenen Rückfenster wehte blondes Haar um ein Mädchengesicht. Das war wohl nicht die Polizei.

Nachdem er noch ein bisschen gewartet hatte, stellte er sich an den Straßenrand und hielt den Daumen hoch. Ein Mercedes mit einem älteren Ehepaar und ein vollbeladener Minivan fuhren an ihm vorbei, ehe ein abgehalfterter Geländewagen hielt. Der Mann in grüner Jägerkleidung fuhr durch Graal-Müritz, er kannte sogar die Wiedortschneise und brachte Jan auf einem Seitenweg bis zu einer Schranke.

Der Weg dahinter war mit Betonplatten ausgelegt, die immer mehr versandeten. Auch der Seegeruch wurde stärker. Jan stapfte auf eine Düne und sah das Meer vor sich liegen. In geringen Abständen liefen Reihen von dunklen Pfosten um die zwanzig Meter hinaus ins Wasser, die Wellen schwappten an ihnen entlang zum leeren Strand. Hier oben ging ein leichter Wind, das dünne, hohe Gras auf der Dünenkrone bog sich landeinwärts. Vielleicht war es so gewachsen, selbst die Bäume hatten sich dem Seewind angepasst.

Wo mochte sich Anna verstecken – falls sie hier war? Er stapfte den tiefen, feinen Sand hinunter. Seine Spannung wuchs. Gestern hatte sie ihn verschont, mitten im Stoß mit dem Elektroschocker innegehalten, war übergangslos von der Aggression in die Depression gestürzt. Er hatte Glück gehabt – bei diesem Gedanken wurde ihm wieder flau zumute, er durfte gar nicht daran denken. Es war kein Verlass darauf, dass sie es nicht über sich bringen könnte, ihn zu verletzen. Beim Ringen um das Messer am Vortag hatte nichts darauf hingewiesen, dass eine innere Barriere sie davon abhalten würde, es ihm in den Leib zu rammen. Wie würde es sein, ihr entgegenzutreten?

Jan lief am Strand nach links, da er wusste, dass dort über viele Kilometer keine Siedlung kommen würde, während rechts gleich ein Campingplatz lag und dahinter der Ort Graal-Müritz. Anna würde die Einsamkeit suchen.

Nach ein paar hundert Metern ging die Düne in eine senkrechte, stellenweise unterspülte Böschung über. Ein Baum war hinuntergestürzt, der Stamm entfernt worden, nur der Wurzelstock ragte aus dem Stumpf schräg nach oben.

Aus den Augenwinkeln sah er eine Bewegung. Eine Gestalt stürmte einen steilen Weg in der Böschung hinunter. Sie trug einen braunen Mantel mit Kapuze und eine Sonnenbrille.

Er rannte ihr entgegen.