3. Kapitel
Mechanisch stellte Jan das Telefon zurück in die Ladestation und blieb an der Kommode zwischen den Wohnzimmerfenstern stehen. Gestern Nacht hatte Rainer bei ihnen noch Sprüche geklopft. Da war er nichts weiter als ein lästiger Kollege von Anna gewesen, und nun war er plötzlich ihr heimlicher Lover – und lag mit einem Schädelbasisbruch im Krankenhaus.
Wie war es zu dem Sturz gekommen? Und warum hatte sich Anna nicht gemeldet? Sie mochte ins Krankenhaus gefahren sein. Aber dann hätte sie ihm eine Nachricht zukommen lassen. Es sei denn, sie hatte mitbekommen, dass er in die Halle gespäht hatte. Was hatte sie daraufhin getan? Wahrscheinlich war sie direkt nach Hause gekommen, hatte ihn nicht vorgefunden, dafür von Rainers Sturz erfahren – eine andere Kollegin als Chris mochte sie angerufen haben –, und war jetzt ... Das ergab alles keinen Sinn. Wieso hatte Chris sie nicht auf dem Handy erreicht? Er versuchte es selbst und hinterließ ihr die Nachricht, sie möge sich unbedingt bei ihm melden, egal, was vorgefallen sei.
Er steckte das Handy in die Hosentasche und schob Postkarten auf der Kommode zurecht. Hatte sich Rainer mit den falschen Leuten im Drogenmilieu angelegt? War Anna zufällig dazwischen geraten? Es schien unwahrscheinlich, dass ein unzufriedener Dealer sein Opfer aus einem schwebenden Bett stürzte. Zu theatralisch, zu aufwändig. Außerdem konsumierte Rainer nur gelegentlich Speed, sofern sich Chris nicht täuschte, da würde ein Dealer ihn nicht gleich umzubringen versuchen, weil eine Zahlung ausstand. Es konnte sich auch umgekehrt verhalten: dass Rainer mit Drogen handelte. Doch dass ein Junkie auf Entzug mit seinem Dealer auf ein Bett unter dem Dach einer Tanzhalle kletterte, widersprach jeglicher Logik. Vielleicht hatten die Drogen gar nichts mit dem Vorfall zu tun.
Oder doch! Dass die Polizei Spuren sicherte und alle verhörte, bedeutete noch nicht, dass ein Verbrechen geschehen war. Es waren wohl seine eigenen Aggressionen, dachte sich Jan, die ihn dazu gebracht hatten, von einem Mordversuch auszugehen. Dabei konnte es sich schlichtweg um einen Unfall handeln. Anna hatte Rainer einen Korb gegeben und der hatte frustriert mehr Speed genommen als üblich, war auf das Bett geklettert und heruntergefallen.
Jan mochte diese Erklärung.
Nur war sie nicht stichhaltig. Hätte Anna die Affäre mit Rainer beendet, hätte sie sich längst gemeldet. So schamhaft, dass sie sich ihm nicht unter die Augen traute, war sie nicht. Er schreckte zusammen: was, wenn jemand Rainer hinuntergestürzt und Anna verschleppt hatte? Um sie als Zeugin der Tat zu beseitigen. Oder weil sie das eigentliche Ziel des Angriffes gewesen war. Nein, da spielten seine Eindrücke aus Alaska verrückt. So etwas passierte hier nicht, und erst recht nicht ihnen, ausgerechnet ihnen, ein zweites Mal.
Dennoch erwog er, die Polizei zu verständigen, unterließ es jedoch aus einem unklaren Gefühl heraus, dass er Anna nicht unbedacht in Schwierigkeiten bringen wollte. Er konnte nicht wissen, was zwischen Rainer und ihr geschehen war, und es war klüger, die Polizei nicht auf sie aufmerksam zu machen. Bis jetzt wusste nur Chris von seiner Entdeckung in der Tanzhalle. Und Olga ahnte etwas.
Seine diffuse Befürchtung nahm Gestalt an: Rainer und Anna waren auf das Bett geklettert und hatten Drogen genommen. Dann hatte Rainer Anna belästigt und sie ihn hinuntergestoßen. Es mochte nicht einmal ihre Absicht gewesen sein, einfach das Ergebnis eines Handgemenges. Das war eine Möglichkeit – vor allem, falls sie wirklich Drogen konsumiert hatten. Sonst war es schwer vorstellbar, dass Rainer derart zudringlich geworden war. Das Unerfreuliche an dieser Lösung war, dass Anna eine Schuld traf, das Erfreuliche, dass sie Rainers Annäherungsversuche nur so brutal abgewehrt haben dürfte, wenn sie zuvor nicht mit ihm geschlafen hatte.
Jan ging zu Annas Schrank und warf einen Blick hinein. Erst verspätet wurde ihm klar, dass er nach etwas suchte. Nach Fotos oder Briefen von Rainer, nach Überbleibseln vergangener Beziehungen, die Aufschluss über Annas Liebesleben gaben – und nach einem kleinen Beutel mit Speed-Pillen. So sehr ihm der Gedanke widerstrebte, dass Anna Drogen nehmen könnte, würde das immerhin erklären, weshalb sie beim Mittagessen mit Chris so weggetreten gewesen war. Und sie kannte sich bestens mit psilocybinhaltigen Pilzen aus. Weil sie sich um eine Freundin gekümmert habe, die damit experimentierte, hatte sie damals im Tal behauptet. Eine Lüge?
Er fuhr mit den Händen den Freiraum hinter der Kleidung ab. Dann nahm er die Pullover heraus, legte sie mit der Vorderseite nach unten auf den Tisch und begann, sie einzeln abzutasten und umgedreht neben dem ursprünglichen Stapel aufzuschichten. Er brachte die Pullover zurück und nahm sich die T-Shirts vor.
Schritte im Treppenhaus! Hastig schob Jan die T-Shirts in den Schrank und schlug ihn zu. Die Schritte waren nicht mehr zu hören, die Person musste sich auf seinem Stockwerk befinden. Nach einigen Sekunden stieg sie weiter, hinauf zum fünften und letzten Stock.
Jan schloss die Wohnungstür von innen ab. Wenn Anna sie öffnete, mochte die Zeit gerade reichen, um alle Spuren zu beseitigen. Den Schlüssel stecken zu lassen, wäre zu unüblich, zu verdächtig. Vor allem könnte Anna es als Zeichen deuten, dass er sie nicht sehen wollte, und wieder gehen. So unangenehm es ihm war, er musste das Risiko eingehen und sich auf Gehör und Reaktionsgeschwindigkeit verlassen.
Er durchsuchte die Kästen in den unteren Schranketagen: Slips, BHs, Socken, Pyjamas, Tücher, Handschuhe und Mützen. Dabei fand er eine gewagte Dessous-Kombination, die er bei Anna nie vermutet hätte. Als Nächstes nahm er sich ihre Sportsachen vor, die im Schlafzimmer lagerten, ihre sonstigen Freizeitutensilien, ihre Handtaschen, ihre Verwaltungsordner. Nichts. Er prüfte, ob sie nicht etwas unter die Einlagebretter geklebt hatte. Fehlanzeige.
Für einen Moment fühlte er sich erleichtert, dass er nichts gefunden und sie ihn nicht überrascht hatte, während er in ihren Sachen stöberte. Doch irgendetwas beunruhigte ihn, etwas, das er gesehen und doch übersehen hatte.
Er kontrollierte sein Handy. Kurz vor 22 Uhr, kein Anruf, keine SMS. Er könnte noch ihre Bücher durchblättern oder den Keller durchwühlen. Beides würde viel Zeit in Anspruch nehmen. Er ließ seinen Blick über ihre Ballett-Bildbände gleiten, das Bolschoi-Theater kam ihm in den Sinn. Da hatte doch einer der Tänzer dem Intendanten Säure ins Gesicht geschleudert, weil er eine Rolle nicht bekommen hatte, nein, seine Freundin war bei der Besetzung übergangen worden, so war es gewesen. Konnte eine derartige Intrige hinter Rainers Sturz stehen?
Jan ging auf Toilette, wusch sich die Hände und schaute gedankenverloren auf die Tropfen, die sich vom Rand des Wasserhahns lösten. Das Gefühl, dass er etwas übersehen hatte, stellte sich wieder ein – und dass er es fast greifen konnte, dass die Lösung irgendwie anwesend war. Er setzte sich auf den Rand der Badewanne und ließ Annas Besitztümer vor dem inneren Auge Revue passieren. Alles war so normal, so unverdächtig, so nützlich ...
Das war es! Er war auf nichts Persönliches aus ihrer Vergangenheit gestoßen: kein Foto, kein Tagebuch, kein Brief. Er hatte nach Material gesucht, das sie mit Rainer verbinden würde – aber er hatte gar nichts gefunden. Im Keller konnte sie solche Dinge nicht aufbewahren. Das alte Gewölbe war zwar erfreulich trocken, aber um längerfristig Papier einzulagern, dafür waren die Bedingungen nicht geeignet. Und bei ihrer neugierigen Mutter hatte sie private Aufzeichnungen und Erinnerungen bestimmt nicht zurückgelassen. Hatte sie ihre Vergangenheit vernichtet?
Jans Schläfen pochten. Er beschloss, ein Aspirin zu nehmen, und kniete sich vor das Schränkchen unter dem Waschbecken. Da erst entdeckte er die Verpackung, die auf dem Rand des Schränkchens lag. Luminal, diese Bezeichnung sagte ihm nichts. Er nahm die Packung, öffnete sie und faltete den Beipackzettel auseinander.
Der Zettel entglitt seinen Händen.
Er nahm ihn wieder auf und las nochmals den Verwendungszweck: ‚krampfhemmende und krampflösende Wirkung bei epileptischen Anfällen‘.
Sie musste wieder an Epilepsie leiden!
Oder sie hatte sich das Medikament vorsichtshalber besorgt. Diese Hoffnung zerfiel, als Jan sah, dass sämtliche Tabletten aus dem Blister herausgedrückt waren.
Die Verpackung sah alt aus. Der Karton war gequetscht worden und hatte eine schiefe Form und knittrige Oberfläche davongetragen. Jan wendete die Schachtel auf der Suche nach dem Verfallsdatum. 2010 – das war vier Jahre her. Falls sie ein abgelaufenes Medikament genommen hatte, konnte das ihre Aussetzer beim Mittagessen mit Chris verursacht haben.
Er begann, die lange Liste der Nebenwirkungen zu studieren. Die Buchstaben verschwammen vor seinen Augen und er musste immer wieder neu ansetzen. Schließlich steckte er die Packung ein, um sich später Klarheit zu verschaffen.
Eigenartig, dass sie nichts von einem Anfall gesagt, aber das Medikament an einem so zugänglichen Ort liegengelassen hatte. Es war alles so rätselhaft!
Er entschied sich, im Keller weiterzusuchen. Zumindest Drogen könnte sie dort aufbewahren. Und es passte symbolisch: hinabzusteigen, um der Sache auf den Grund zu gehen, um in der Vergangenheit nach den Wurzeln ihrer Probleme zu graben. Er hinterließ Anna einen Zettel, dass sie ihn auf dem Handy anrufen solle, nahm den Kellerschlüssel von der Leiste im Flur und ging hinunter.
Er schloss die Tür zum Keller auf, machte Licht, beugte sich ein wenig nach vorne, um sich nicht den Kopf anzustoßen, und stieg vorsichtig über die ausgetretenen Sandsteinstufen in den schmalen Gang, unter dessen gemauerten Bögen auf jeder Seite ein halbes Dutzend Gittertüren abgingen. Hinter der vorletzten auf der linken Seite lag ihr Abteil. Er öffnete das Vorhängeschloss und machte sich daran, die überschüssigen Sessel in den Gang zu stellen. Es roch modrig, und der Putz, der von der Decke gerieselt war, hatte bereits eine dünne Schicht über die Sachen gelegt. Jan verabscheute diesen Ort. Er fühlte sich hier noch unsicherer –
‚Halt!‘, befahl er sich. ‚Ich habe keinen Grund, mich zu ängstigen, alles ist in Ordnung. Mir gehen nur die traumatischen Erlebnisse in Alaska nach.‘ Aber dieser Routinespruch stimmte nicht mehr: Es war nicht alles in Ordnung! Seine Welt war gerade aus den Fugen geraten. Er widerstand dem Impuls davonzulaufen und holte sein kaputtes Mountainbike hervor, das er irgendwann einmal reparieren lassen wollte, das zusammengeknautschte Schlauchboot und weitere Gegenstände, die sich nicht als Versteck eigneten. Er gelangte zur ersten der Kisten, die Anna bei ihrem Einzug abgestellt und seitdem vermutlich nicht mehr hervorgeholt hatte. Sie war so schwer, dass Jan sie an ihrem Platz beließ und dort aufklappte. Darin befand sich das feine Geschirr, das Anna von ihren Großeltern geerbt hatte und für das in der Küche der Platz fehlte.
Das Licht ging aus.
Jan tastete sich den Gang entlang zur Treppe. In Gedanken kroch er wieder durch die Höhlenkammer im Tal, suchte orientierungslos nach dem Ausgang, während in der Finsternis Laura röchelnd starb. Irgendwo lauerte der Mörder, um auch ihn zu erschießen. Doch mehr als die Kugeln schreckten Jan die Zähne, die Lauras Finger abgebissen und sich vielleicht auch in Jennys Fleisch gegraben hatten.
Er zuckte zurück.
Nur Spinnweben.
Endlich fand er den Schalter und machte sich erneut an die Arbeit. Auch die übrigen Kisten enthielten nichts Aufschlussreiches. Er schaute auf sein Handy, das 22:24 Uhr anzeigte, dachte sich, dass er dessen Schein bei der Suche nach dem Lichtschalter hätte verwenden können, und räumte alles wieder zurück.
Er stieg in den vierten Stock. Die Wohnungstür öffnete sich mit einer halben Schlüsseldrehung. Hatte er sie nicht abgeschlossen? Doch, er erinnerte sich genau, wie er beim Heruntergehen nach einigen Treppenstufen gedacht hatte, dass das eine unnötige Gewohnheitshandlung gewesen war.
Der Flur war dunkel. Jan rief nach Anna und wartete eine hoffnungsvolle Sekunde, schloss enttäuscht die Tür und ging zum Bad, um sich die Hände zu waschen. Sie musste gekommen und wieder gegangen sein – und er hatte sie verpasst! Da sah er aus dem Türspalt des Wohnzimmers einen flackernden Lichtschein fallen.
Er spähte hinein. Die Vorhänge waren zugezogen, auf dem Tisch brannten hohe rote Kerzen. Die Flammen spiegelten sich in zwei Weingläsern. Anna erhob sich, ihr schwarzes Seidenkleid floss bis zum Boden. Er hatte es bei seiner Suche in ihrem Schrank entdeckt, ohne es zu kennen, und war sich sicher, dass sie darunter das extravagante Dessous trug. Ihre Augen blitzten verschwörerisch.
Jan atmete flach, spürte die Spannung in seinem Körper und begriff, dass geschah, was er sich so innig ersehnt hatte.
Sie nahm die Gläser.
Wie aufgeregt sie hinter ihrem Schauspiel sein musste, begriff er erst, als er den Wein zittern sah. Es machte sie noch begehrenswerter. Gleich würde er sie küssen, ihr das Kleid abstreifen und sie ins Bett tragen.
Sie reichte ihm das Glas.
Er fühlte sich überwältigt. Vor Erregung. Und vor Erleichterung, dass ihr nichts zugestoßen war, dass sie auch beim Sturz nicht zugegen gewesen sein konnte, denn sonst würde sie ihn jetzt nicht verführen. Dennoch durfte er sich nicht darauf einlassen. „Anna –“
„Pst!“
Sie trat ganz nahe vor ihn und hauchte, die Lippen leicht geöffnet, einen Kuss auf seinen Mund.
Er schob sie von sich, nahm ihr die Gläser ab und stellte sie auf den Tisch. „Wir müssen reden.“
„Nicht jetzt.“
Sie wollte ihn umarmen, doch er hielt sie auf Abstand. „Ich habe euch gesehen!“ Die Wut, zuvor von Sorge und Verwirrung überlagert, flammte wieder auf.
Anna blickte verständnislos.
„Wie du Rainer geküsst hast!“
„Spinnst du?“
„In der Tanzhalle, vor ein paar Stunden. Ich habe euch beobachtet.“
„Was soll das? Das ist nicht witzig.“
„Er hat dich umarmt.“
Sie schüttelte wütend den Kopf. „Du bist durchgeknallt. Keine Ahnung, was du dir da einbildest! Wir haben einfach nur trainiert.“
„Nein, ihr habt euch umarmt!“ Er sagte das mit mehr Festigkeit, als seine Erinnerung hergab.
„Was fällt dir ein, mich zu überwachen? Und warum bist du nicht reingekommen, wenn du da warst?“
„Warum warst du an einem Samstagabend mit Rainer allein in der Halle? Du kannst ihn doch nicht leiden!“
„Er hat viel Kraft in den Armen, das ist perfekt für meine Sprünge. Und so groß ist die Auswahl nicht, zumal an einem Samstagabend.“
„Ihr habt euch auch sonst nach dem regulären Training getroffen.“
„Wer behauptet das?“ Ihre Augen wurden schmal.
„Streitest du es ab?“
„Nein, was ist dabei?“
„Du hast mir nichts davon gesagt.“
„Weil du ihn nicht mochtest und eifersüchtig bist. Ich wollte dich nicht nervös machen.“
„Was verschweigst du mir noch alles, um mich zu schonen?“ Er ließ seine Stimme ätzend klingen.
„Nichts.“ Sie wandte sich ab und sagte traurig: „Du hast alles kaputtgemacht. Warum vertraust du mir nicht? Warum bildest du dir so einen Mist ein?“
Jan spürte einen Schmerz in seiner Brust. Auf einen Schlag gestand er sich ein, dass er sie zu Unrecht verdächtigt hatte. Er hatte sich von einem flüchtigen Blick durch eine halboffene Tür und die rachsüchtigen Beschuldigungen von Olga täuschen lassen, weil er darauf eingestellt war, dass sich eine Katastrophe ereignen würde. Kleine Anzeichen hatten gereicht, um ihn in einen panischen Alarmzustand zu versetzen. So hatte er den magischen Moment zerstört, den Anna für ihn vorbereitet hatte. Und jetzt wurde er verletzend, weil er seinen Fehler nicht eingestehen konnte. Vorsichtig fragte er: „Du weißt noch nicht, was mit Rainer passiert ist?“
Sie fuhr herum.
„Er ist vom Schwebebett in der Tanzhalle gestürzt.“
„Das sind fast zehn Meter! Und der Boden darunter ist knallhart! Was ist mit ihm?“
„Er liegt auf der Intensivstation, mit einem Schädelbasisbruch. Der Zustand soll kritisch sein.“
Sie schüttelte stumm den Kopf.
Jan beobachtete sie genau. „Wie lange habt ihr getanzt?“
„Ich habe nicht auf die Uhr geschaut. Ungefähr bis acht.“ Anna schien weiterhin von Rainers Unfall betroffen zu sein, ohne Jans Misstrauen zu erkennen. „Er ist noch geblieben. Was hatte er nur auf dem Bett zu suchen?“
„Was hast du danach gemacht?“
„Ich war beim Friseur und ich habe den Wein gekauft.“
„Bis eben?“
„Nein, ich bin noch herumgelaufen, um den Kopf frei zu bekommen und mir ganz sicher zu werden.“
„Warum hast du –“
„Was ist das? Ein Verhör?“
„Ich kann dir gerne erzählen, was ich gemacht habe. Ich bin rüber zu Chris, habe mich mit Olga unterhalten, der ich über den Weg gelaufen bin, war dann ziemlich aufgeregt und bin schließlich im Volkspark Friedrichshain gelandet und von dort nach Hause.“
„Und wo hast du die letzte Viertelstunde gesteckt?“
„Im Keller.“
„Du traust dich in das dreckige Loch?“
„Ich habe etwas gesucht.“ Er hob beschwichtigend eine Hand. „Es geht ja nicht darum, dass wir uns verdächtigen. Wir sollten bloß verstehen, was heute geschehen ist. Zum Beispiel heute Mittag. Chris hat gesagt, dass du ziemlich abwesend gewesen bist.“
Anna lächelte schwach. „Nach unserem Gespräch gestern konnte ich nicht schlafen. Ich habe stundenlang wach gelegen und nachgedacht, ob ich es tun sollte. Beim Mittagessen wäre ich fast in meinen Teller gekippt vor Müdigkeit. Und außerdem habe ich weiter nachgedacht. Die Entscheidung“, sie deutete auf den dekorierten Tisch, „habe ich erst am Nachmittag beim Tanzen getroffen. Und auch da war ich mir nicht ganz, ganz sicher.“
Wie unrecht er ihr getan hatte! Schon vorhin hatte er es erkannt und sich dann doch noch einmal dazu hinreißen lassen, sie auszuhorchen. Dabei war sie viel klarer bei Verstand als er, der auf Hirngespinste hineinfiel und sich davon in einen derartigen Zustand versetzen ließ, dass er wie gestört durch die Stadt rannte.
Er fasste ihre Hand. „Bitte verzeih mir. Für das eben, und überhaupt, dass unsere Beziehung so schwierig angefangen hat. Ich wünschte –“
„Du kannst nichts dafür. Das ist Alaska. Mit der Zeit werden wir es beide in den Griff bekommen.“
Er nickte und lächelte dankbar.
„Hoffentlich kommt Rainer durch.“
„Das muss für dich ein Schock sein. Eben hast du noch mit ihm getanzt und jetzt ... Was hast du eigentlich mit deinem Handy gemacht?“
„Nichts, denke ich.“
„Ich habe versucht, dich anzurufen. Und Chris auch.“
„Das kriegen wir gleich raus.“ Sie ging in den Flur und kam mit dem Handy wieder. Das Display leuchtete und eine kurze Melodie ertönte. „Strom hat es noch. Ich muss es versehentlich ausgemacht haben.“
„Schlechtes Timing.“
„So was passiert immer, wenn man es nicht brauchen kann. Aber meistens dir.“
Jan nickte schuldbewusst. Er dachte nur selten daran, sein Handy aufzuladen, bevor es ausging.
„Ja, das war schlechtes Timing. Aber“, sie ging ins Flüstern über, „du wirst es nicht hören wollen, aber das wird dir immer wieder passieren, dass du dich so erschreckst – bis du Alaska hinter dir hast. Wir sollten echt nochmal darüber reden, ob nur Warten und Zur-Psychologin-Gehen reicht. Du könntest es mit Meditation probieren.“
Er trat ganz nah an sie heran und flüsterte ihr ins Ohr: „Du hast recht, ich will es gerade wirklich nicht hören.“
„Vielleicht können wir das mal durchgehen lassen?“
„Ich glaube schon“, raunte er und zog sie zur Couch.
Sie setzten sich, die Hände ineinander verschlungen. Es war gut, zu schweigen. Zu viel war passiert, das auf jedem Wort lasten konnte. Er holte den Wein, einen Rioja mit wunderbarem Eichengeschmack. Anna hatte für diesen Abend etwas springen lassen. Schon die ersten Schlucke entspannten ihn, bevor der Alkohol überhaupt gewirkt haben konnte. Die Kraft der Einbildung, diesmal im Positiven. Er lächelte und streichelte Annas Wade bis zum Saum des hochgerutschten Kleides.
Da klingelte es an der Tür.
Es klingelte erneut, mehrfach hintereinander. Jan eilte in den Flur, drückte auf den Knopf der Sprechanlage und meldete sich.
„Hier ist die Polizei. Machen Sie sofort auf“, rief eine Stimme hinter der Tür.
Jan brauchte eine Sekunde, um das zu verarbeiten, schon wurde heftig gepocht. Er öffnete, mehrere Polizisten drängten in die Wohnung, der letzte zog die Tür zu. Er hielt seinen kantigen Kopf nach vorne gebeugt, ebenso wie die Schultern, und reichte dennoch fast bis zum Türrahmen. Seine kurzgeschorenen Haare und die gespannte Haut über seinen Wangenknochen ließen ihn krankhaft aussehen. Jan musste an mittelalterliche Gemälde von Gevatter Tod denken, auch wenn dieser Mann kaum vierzig Jahre alt sein mochte.
„Ich bin Kommissar Schiefer“, sagte der Dürre und zeigte seinen Dienstausweis, während ein Polizist Jan auf Waffen filzte. „Ich habe einen Durchsuchungsbeschluss des Staatsanwalts zur Sicherung von Beweismitteln im Fall Rainer Spoerl. Sie haben das Recht, bei der Durchsuchung anwesend zu sein. Jeder Versuch, die Polizei an der Durchsuchung zu behindern oder Beweismittel zu vernichten, ist strafbar. Halten Sie sich in der Mitte der Räume auf und leisten Sie unseren Anweisungen unmittelbar Folge.“
Der Polizist hatte von ihm abgelassen und Jan wandte sich dem Kommissar zu. „Was suchen Sie bei uns?“
„Wir sind verpflichtet, Sie über alle Gegenstände, die wir beschlagnahmen, zu unterrichten. Im Hinblick auf die laufenden Ermittlungen können wir Ihnen keine weitere Auskunft geben.“
Diese Sprache, die Jan nur aus Filmen kannte, schüchterte ihn ein. Zwei Polizisten brachten Jan ins Schlafzimmer und begannen mit einer sorgfältigen Durchsuchung: Sie tasteten das Bett ab und drehten die Matratze um, dann warfen sie sämtliche Kleidungsstücke darauf und schüttelten sie einzeln aus. Sollte er etwas in Annas Sachen übersehen haben, war sich Jan sicher, dass es ihrer professionellen Methodik nicht entgehen würde. Aber es gab nichts zu finden. Anna hatte mit Rainer nur getanzt. Rainer war für sie nichts als ein geeigneter Trainingspartner gewesen.
Nach einer Viertelstunde kam eine verschlafene Beamtin mit einem Schäferhund hinzu, der mit kaum gebändigtem Spieltrieb an Jan und den Einrichtungsgegenständen schnüffelte. Das ungleiche Paar drehte eine Runde in der Wohnung und zog ab, ohne auf Drogenspuren gestoßen zu sein.
Erneut fühlte sich Jan an einen Film erinnert. Vor einigen Stunden hatte er hier noch über Gedichtanalysen gebrütet, über der Korrespondenz von Sinneinheit und Versende, und nun fahndeten Polizisten bei ihnen. Sie hatten sämtliche weiteren Besitztümer auf dem Boden gestapelt und rückten gerade die Schränke ab. Er hätte Rainer die Pest an den Hals gewünscht, hätte der nicht auf der Intensivstation gelegen.
Im Stockwerk über ihnen knirschten wiederholt die Dielen. Dort wohnte ein Ehepaar mit einem Baby, gewöhnlich waren sie um zehn Uhr abends schon im Bett. Wahrscheinlich hatten sie mitbekommen, dass die Polizei im Haus war, und wollten nichts verpassen. Sie blieben umsonst auf, dachte Jan bissig, die Polizei würde unverrichteter Dinge abziehen.
Im Flur meldete ein Polizist, dass die Durchsuchung des Bades abgeschlossen sei. Eine Frauenstimme rief, mit der Küche seien sie auch gleich durch. Beide klangen unaufgeregt, sie hatten wohl nichts entdeckt. Vom Kommissar waren nur kurze Anweisungen zu hören.
Es läutete, ein Polizist erstattete Bericht, dass sie den Keller ausgeräumt hätten.
Der Kommissar verabschiedete einige Kollegen und wünschte ihnen eine gute Nacht. Jan schaute auf sein Handy. Es war 23:13 Uhr, die Polizei war bereits seit etwa einer halben Stunde da. Auf seine Frage, wie lange dieser Besuch noch dauern würde, erhielt Jan wie schon zuvor eine ausweichende Antwort.
Endlich brachte ihn sein wortkarger Aufpasser ins Wohnzimmer. Die Lampen waren angeschaltet, die Weingläser entfernt worden. Anna saß am Tisch, ein Tuch über den Schultern. Sie fixierte das erstarrte Wachs, das an einer der erloschenen Kerzen hinuntergelaufen war.
Der Kommissar wies Jan den anderen Stuhl. „Ich teile Ihnen mit, dass wir zu Zwecken der Beweissicherung Ihre Laptops beschlagnahmt haben. Herr Reber, bitte überreichen auch Sie mir Ihr Handy. Dies ist die Empfangsbestätigung.“ Er legte ein Formular auf den Tisch und nahm Jans Handy entgegen. „Damit endet die Durchsuchung.“
Jan atmete tief aus und lächelte gequält zu Anna, die unverändert vor sich hinstarrte. Er wunderte sich, weshalb sie sich so zurückgezogen hatte, so schlimm war das Ganze letztlich nicht gewesen. Klar war es unangenehm mitanzuschauen, wie fremde Hände in ihrem Privatleben wühlten, aber jetzt war das ausgestanden.
Ungeduldig, die Polizisten loszuwerden, erhob sich Jan. Der Kommissar bremste ihn mit einer Geste. „Jan Reber, ich nehme Sie vorläufig fest. Sie stehen unter dem Verdacht des versuchten Mordes an Rainer Spoerl.“
Verhaftet? Er? Wie war das möglich? Das konnte nicht sein! Jan wollte protestieren, brachte jedoch keinen Ton heraus.
„Sind Sie durchgeknallt?“, rief Anna.
Der Kommissar drehte unnatürlich langsam seinen kahlen Kopf zu ihr, ohne sonst die geringste Regung zu zeigen. „Sie wollen sich zu der Festnahme äußern?“
„Aufgrund welcher absurden Indizien wollen Sie Herrn Reber verhaften? Wir wollen einen Anwalt sprechen!“
Der Kommissar blieb gelassen. „Anna Herrera, ich nehme Sie ebenfalls vorläufig fest. Es besteht Verdunklungsgefahr im Fall Rainer Spoerl.“
„Dreckskerl!“, schrie Anna, „Du wusstest die ganze Zeit, dass du uns am Ende verhaften würdest.“
Eine Polizistin machte Anstalten, Anna zu packen, doch der Kommissar schüttelte kaum merklich den Kopf.
Jan und Anna wurden angehalten, Wechselkleidung mitzunehmen, und hinuntergebracht.
„Lass dich von dem Strichmännchen nicht einschüchtern!“, rief Anna ihm zu, ehe sie in einen Streifenwagen gesetzt wurde, der mit Warnlicht in der zweiten Reihe parkte.
Jan wurde zum Wagen dahinter geleitet. Der Kommissar zwängte sich neben ihn auf den Rücksitz. Seine angewinkelten Beine erweckten das Bild einer Spinne. Sie fuhren los.
„Das Leben ist hart.“ Der Kommissar seufzte. „Ich kann Sie verstehen, Herr Reber. Ich hätte ebenso gehandelt, wenn ich den Mumm dazu gehabt hätte.“
„Sie hätten Rainer aus dem Bett gestoßen?“ Das konnte sich Jan nicht verkneifen, obwohl er sich vorgenommen hatte, kein Wort zu sagen.
Der Kommissar lachte heiser. „Sie sind ein sensibler, junger Mann. Und dann dieser Rainer, der sich an Ihre hinreißende Freundin heranmacht. Vielleicht hat er sie belästigt? Ich kann mir gut vorstellen, dass sie von diesem Angeber gar nichts wollte. Aber er war auf Drogen. Amphetamine enthemmen. Und als Sie dazugekommen sind ...“
Das also war die Theorie der Polizei. Jan würde sie leicht widerlegen können. Und in jedem Fall würde Rainer sie entkräften, sobald er das Bewusstsein zurückerlangte.
Da Jan den offengelassenen Satz nicht aufgriff, fuhr der Kommissar fort: „In der Dienststelle wird man Sie vernehmen und alles, was Sie sagen, protokollieren. Wir sollten uns jetzt schnell überlegen, wie Sie den Tathergang schildern. Selbstverständlich müssen Sie die Wahrheit sagen, aber es besteht immer subjektiver Spielraum, vor allem bei Ihrer Wahrnehmung von Rainer und Ihren eigenen Gefühlen. Beides ist wichtig für das Strafmaß. Manchmal reicht es sogar, dass man sich angegriffen fühlt, um die Selbstverteidigung zu legitimieren.“
„Woher wissen Sie das alles? Ich meine, nicht den Unsinn, dass ich bei dem Sturz dabei war. Das mit Anna und Rainer.“
„Das darf ich Ihnen nicht sagen.“
Wahrscheinlich hatte Olga ausgepackt. Wollte sie mit Anna eine Rechnung begleichen? Gut möglich, dass sie ihn vor dem Wohnheim angestachelt hatte, damit er sich an Rainer rächte. Sie konnte ihn allerdings auch einfach so gequält haben, weil sie wirklich glaubte, dass die beiden miteinander Sex hatten, und daran nicht alleine leiden wollte.
Der Streifenwagen vor ihnen bremste, sie hielten an einer Ampel. Jan fragte sich, wann er Anna das nächste Mal sehen würde. Ihre Aggressivität gegenüber dem Kommissar war kontraproduktiv, aber immer noch besser als diese unheimliche Apathie, in die sie zuvor verfallen war.
Ärger auf den Kommissar stieg in Jan hoch. „Warum haben Sie uns nicht gleich verhaftet? Wozu das Katz-und-Maus-Spiel?“
„Es wäre komfortabler gewesen, Sie wegen Drogenbesitzes festzunehmen.“
„Das heißt, die Indizien für einen Mordversuch sind nicht belastbar.“
Der Kommissar lächelte. „Sehr feinsinnig, Sie gefallen mir.“
„Kann es nicht auch ein Unfall gewesen sein?“
„Ich werde Ihnen etwas verraten, das Sie nachher bei der Vernehmung nicht erwähnen dürfen. Versprechen Sie mir das?“
„Ja.“
Die Ampel schaltete auf grün, die Autos fuhren an.
„Die Ärzte haben eine Prellung der Augen festgestellt, die sich Rainer nicht bei dem Aufschlag zugezogen haben kann. Die Verletzung ist schwerwiegend und könnte seine Sehfähigkeit beeinträchtigen – falls er die Augen je wieder aufmacht.“ Der Kommissar hob eine Hand, als wolle er zuschlagen. „Zum Glück wissen das die meisten Menschen nicht, aber ein gezielter Schlag kann eine derartige Verletzung herbeiführen. Das Opfer wird wehrlos, auch vor Schmerz.“
Jan lehnte sich ein wenig zur Seite, weg von dieser bedrohlichen Hand. „Ich würde so etwas nie tun.“
„Im Affekt verhalten sich Menschen untypisch. Und anschließend ist das Erinnerungsvermögen häufig beeinträchtigt. Denken Sie genau nach. Wo waren Sie, nachdem Sie das Wohnheim verlassen haben?“
„Ich bin allein herumgelaufen.“
„Welchen Weg haben Sie genommen?“
Jan schwieg betreten.
„Sie brauchen sich nicht an jedes Detail zu erinnern, der ungefähre Verlauf reicht.“
„Ich weiß es nicht.“
Der Kommissar nickte. „Was ist das Erste, woran Sie sich wieder erinnern können?“
„Der Hügel im Volkspark Friedrichshain.“
„In welchem Zustand befanden Sie sich?“
„Ich weiß nicht genau, ich war ziemlich durcheinander, ich hatte mir die ganze Zeit Gedanken gemacht, über Anna und Rainer und was ich tun sollte.“
„Um wie viel Uhr war das?“
„Keine Ahnung, ich habe nicht nachgeschaut, ich bin sofort nach Hause gerannt.“ Die Fragen kamen so schnell, dass Jan Mühe hatte, mit den Antworten zu folgen. „Es muss so gegen –“
„Hatten Sie Blut an den Händen? Irgendwelche Schmerzen? Irgendetwas Auffälliges an Körper oder Kleidung?“
„Nein, ich glaube nicht.“
„Denken Sie nach!“
„Nein, nichts.“
„Haben Sie mit jemandem gesprochen? Hat Sie jemand gesehen?“
„Auf dem Hügel waren etliche Punks. Vielleicht kann sich einer an mich erinnern.“
„Was haben Sie zu Hause getan, ehe der Anruf kam?“
Chris hatte ausgesagt! Das erschreckte Jan und brach den Bann. Er wurde sich bewusst, welches Risiko er einging, indem er die Fragen des Kommissars beantwortete. Vielleicht war die Lage misslicher als eben noch gedacht. Er musste mit einem Anwalt sprechen! Anna hatte dieses Recht längst eingefordert.
Der Kommissar lächelte dünn. „Ich bekomme keine Antwort?“
Immerhin wusste der Kommissar nicht, dass Jan gerade in die Wohnung gekommen war, als Chris angerufen hatte. Dabei hatte Jan ihr das gleich am Anfang des Telefonats ausdrücklich gesagt und dabei um Atem gerungen. Chris hatte demnach das Gespräch erwähnt, auf das die Techniker der Polizei ohnehin stoßen würden, nicht jedoch den gesamten Inhalt. Jan schimpfte auf sich, dass er sich nicht so clever verhalten hatte. Am Anfang hatte er geschwiegen oder Gegenfragen gestellt, aber irgendwie hatte der Kommissar ihn in ein Gespräch verwickelt. Dieser abrupte Wechsel von extremer Formalität zu einer persönlichen Ansprache hatte ihn aus der Reserve gelockt.
Der Polizeiwagen bog links ab und fuhr gleich darauf in den Hof eines wuchtigen Backsteinbaus. Anscheinend waren sie in der Nähe ihres Ziels herumgefahren, bis der Kommissar sein geschickt eingefädeltes Verhör beendet hatte. Der zweite Wagen, in dem Anna gesessen hatte, war bereits abgestellt.
Fahrer und Beifahrer stiegen aus, der Kommissar sagte rasch: „Ein bisschen Haut von Ihnen wird unter Rainers Fingernägeln kleben, und wenn nicht, findet sich ein anderer Beweis. Seien Sie kooperativ und das Gericht wird Sie nachsichtig –“ Die Wagentür neben Jan wurde geöffnet und der Kommissar verstummte.
Jan wurde in das Gebäude gebracht. Sie gingen an einem Pförtner vorbei, einen langen Flur hinunter und in ein trostloses Zimmer, in dem lediglich eine Liege stand. Jan verlangte, dass ein Strafverteidiger hinzugezogen würde. Der Kommissar antwortete, man habe sich darum bereits gekümmert, und wies ihn an, sich auszuziehen. Als Jan sich weigerte, drohte ihm der Kommissar, Zwangsmittel anzuwenden. Sämtliche Kleidung müsse für die Beweiserhebung gesichert werden. Er nannte einen Paragraphen und Jan fügte sich. Einer der Polizisten steckte jedes Kleidungsstück in einen separaten Plastikbeutel und verließ das Zimmer, gleichzeitig kam ein junger Mann mit Brille herein. Er stellte sich als Rechtsmediziner vor und untersuchte Jan auf Verletzungen, nahm Speichel- und Blutproben und kratzte den Dreck unter Jans Fingernägeln hervor.
Der Rechtsmediziner und der Kommissar ließen Jan mit einem Polizisten zurück. Der gab ihm die Wechselkleidung, die Jan beim Verlassen der Wohnung zusammengerafft hatte, und nahm die Abdrücke seiner Finger und Hände. Jan ließ auch das möglichst unbeteiligt über sich ergehen. Die Nacktheit vor den Uniformierten hatte ihn erniedrigt, nun fühlte er sich mit der Bekleidung ein wenig geschützter.
Schließlich wurde er in einen kleinen Nebenraum geführt, in dem eine grauhaarige Polizistin an einem Schreibtisch saß und Sudoku-Aufgaben löste. Sie forderte ihn auf, seine Personalien anzugeben. Er bestand auf seinem Schweigerecht, solange kein Anwalt zugegen sei, gab aber nach, als sie ihn informierte, die Verteidigerin müsse gleich eintreffen.
Einige Minuten später waren Stimmen im Gang zu hören. Eine mollige Frau um die Fünfzig erschien in der Tür. Mit ihrem rotbraun gefärbten, dauergewellten Haar und dem vergoldeten Brillengestell wirkte sie altmodisch und abgehoben, doch bereits ihr Händedruck belehrte Jan eines Besseren. Sie versicherte ihm, dass sie gut auf ihn aufpassen werde, schimpfte, dass sie nicht bereits bei der Durchsuchung hinzugezogen worden sei, und schickte die Grauhaarige und den Polizisten hinaus, der im Hintergrund stehengeblieben war. Sie wolle mit ihrem Mandanten eine Besprechung unter vier Augen abhalten.
Jan war dankbar für diesen Beistand. Sie kam ihm vor wie eine Glucke, die ihn unter ihre Fittiche genommen hatte und nach allen hackte, die ihm an die Federn wollten. Wahrscheinlich adoptierte sie ihre Mandanten temporär, so die sich irgendwie dazu eigneten – und am liebsten brave, verschüchterte junge Männer wie ihn. Er überlegte, ob er seine Eltern verständigen lassen sollte, entschied sich aber dagegen. Das wollte er seiner Mutter nicht antun.
Sie ließ ihnen Kaffee bringen und hörte sich seine Geschichte vollständig an, ehe sie Fragen stellte. Nach einer halben Stunde entschied sie, dass Jan weiterhin jede Aussage zur Sache verweigern solle, erklärte, dass sie auf sofortige Akteneinsicht drängen werde, und zeigte sich zuversichtlich, morgen Vormittag vom Staatsanwalt die Freilassung zu erwirken. Anna dürfte ebenfalls bald auf freien Fuß gesetzt werden. Jan wollte, dass sich die Verteidigerin auch um Anna kümmere. Doch sie erläuterte ihm, dass Anna gegenwärtig von einem Kollegen besucht werde, da eine Doppelvertretung zweier Mandanten durch den gleichen Anwalt in einem Straffall untersagt sei.
Sie riefen die grauhaarige Beamtin, gaben Jans Aussageverweigerung zu Protokoll und verabschiedeten sich voneinander. Er fühlte sich allein, als sich die Tür hinter ihr schloss. Nur ihre Visitenkarte blieb ihm. Ute Voß, den Namen hatte er bei der Begrüßung gar nicht mitbekommen.
Zwei Polizisten brachten Jan in eine Zelle. Boden und Wände waren weiß gekachelt. Im vorderen Bereich befand sich eine stählerne Einheit aus Klo und Waschbecken, dahinter lag eine mit Plastik bezogene Matratze auf einem massiven Podest. Die Polizisten zeigten ihm die Sprechanlage, dann sperrten sie die Tür ab. Ihre Schritte entfernten sich. Er strich über die Matratze, sie wirkte zumindest sauber. Er ließ sich darauf sinken und starrte an die Decke. Es roch nach Chlor.
Wie eine Collage aus Filmschnipseln, so wirr flimmerten die Bilder und Gedanken in seinem Kopf durcheinander. Anna, die in Ballettkleidung auf den Spitzen stand, von kräftigen Armen um die Taille gefasst. Rainer, der auf der Geburtstagsparty soff. Annas verführerischer Blick, Kerzenschein, seine Lust. Die Polizisten, die in die Wohnung drängten. Olga, rauchend im Neonlicht vor dem Wohnheim.
Jan presste sich die Hände gegen die Schläfen. War er verrückt? Konnte er Rainer angegriffen haben, ohne sich dessen zu entsinnen? Dr. Jekyll und Mr. Hyde waren literarische Erfindungen, aber eine Amnesie, wie sie der Kommissar angesprochen hatte, war denkbar.
Er versuchte, keinen anderen Gedanken zuzulassen und sich ganz auf die Zeit nach dem Gespräch mit Olga zu konzentrieren. Wohin war er vom Wohnheim aus gegangen? War es möglich, dass ihn seine Schritte zurück zur Tanzhalle gelenkt hatten?
Nein, ihm schien, dass er daran vorbeigelaufen war und sich links gehalten hatte. Irgendwann ziemlich am Anfang seines Herumirrens war das Gelb einer Straßenbahn an ihm vorbeigerauscht. Und einmal wäre er fast gestolpert, da war er an einer Bürgersteigkante hängengeblieben. Immerhin, einige Bruchstücke konnte er aus seinem Gedächtnis abrufen. Aber nichts wies auf seine Rückkehr in die Tanzhalle hin.
Er ging berühmte Mordfälle in der Literatur durch. Macbeth, der seinen König erdolchte, um sich der Krone zu bemächtigen, Raskolnikow, der die wucherische Pfandleiherin erschlug, um ihren Schatz zu rauben – immer verfolgte die Schuld den Täter. Und bei Kafka entstand das Schuldgefühl selbst ohne Tat, allein aus der Beschuldigung heraus. Aber sein schlechtes Gewissen betraf Anna, die er leichtfertig verdächtigt hatte, nicht Rainer.
Ein Polizist warf einen Blick in seine Zelle und ging weiter. Jan drehte sich zur Wand.
War es nicht höchst seltsam, dass all das ausgerechnet Anna und ihm widerfuhr? Die Wahrscheinlichkeit, dass Anna und er nach Alaska noch einmal mit einem Mordfall in Berührung kämen, ging nach den Gesetzen der Statistik gegen null. So, wie zweimal vom Blitz getroffen zu werden. Es musste also mit Alaska zusammenhängen. Aber der Mörder war tot, auch wenn seine Leiche nicht gefunden worden war. Jan hatte ihm den Holzkeil tief ins Auge gerammt – entweder war der Mann daran gestorben oder er war ertrunken. Und selbst wenn er es schwerverletzt an Land geschafft hätte und aus der Schlucht entkommen wäre, würde er sich jetzt in der Wildnis verstecken. Er konnte ihnen nicht nach Berlin gefolgt sein.
Jan schlief ein.
Ein Betrunkener weckte ihn mit seinem Gegröle im Gang.
Jan hatte das Gefühl, gerade erst wieder zurück in den Schlaf gefunden zu haben, als ihn jemand berührte. Er riss die Augen auf, hoch über ihm schwebte ein Totenkopf.
„Wozu brauchen Sie Luminal?“, fragte ihn der Kommissar barsch.
„Was?“
„Luminal, das Antiepileptikum!“
„Ich habe nie ein Antiepileptikum genommen.“
„Haben Sie es jemandem verabreicht? Oder hatten Sie vor, es jemandem zu verabreichen?“
„Wovon reden Sie?“ Jan setzte sich auf.
„Wir haben die leere Packung in Ihrer Hosentasche gefunden. Wo sind die Tabletten? Was wollten Sie damit?“
„Das sind –“ Jan wollte erklären, dass die Tabletten Anna gehörten, besann sich aber eines Besseren. „Ich sage nichts ohne meine Anwältin.“ Die Polizei musste viel früher darauf gestoßen sein. Warum wurde er jetzt geweckt, um darüber Auskunft zu geben?
„Wir haben ein Indiz ausgewertet, das sie entlastet. Die Beweislage reicht nicht mehr aus, um die vorläufige Festnahme aufrechtzuerhalten.“
„Was ist mit Anna?“
„Frau Herrera wird ebenfalls auf freien Fuß gesetzt.“
Sie waren frei! Und so schreckliche Dinge sich gestern auch ereignet haben mochten: Anna hatte sich entschlossen, mit ihm zu schlafen. Nun würde sie nichts mehr trennen!