Brigitte Biobel
Die Baronessa
Früher wäre es eine Nacht der Seufzer und der heftigsten Leidenschaft gewesen. Eine Nacht, in der die Hitze des versunkenen Tages noch auf den Terrakottasteinen der Terrasse lag und sich in den rasch verwelkenden Blüten des Jasmin verströmte. Früher hätte die Baronessa Battoldi Mondbäder genommen auf der Mooswiese, die wie ein Sommerbett war, über dem die Schirmakazien einen Baldachin bildeten. Früher wäre ein Liebhaber an ihrer Seite gewesen, und all ihre Begierden, ihre Sehnsüchte wären gestillt worden, sie hätten Champagner getrunken und sich geliebt. So stark wurden die Erinnerungen an die Zärtlichkeiten jener Nächte, daß sie fühlte, wie sich auf ihrer Oberlippe Schweißperlen bildeten und es sie in den Schenkeln schmerzte. Immer unruhiger wanderte die Baronessa auf den kiesbestreuten Wegen ihres Parks hin und her, das Kleid, das aus vielen dünnen, in Streifen gerissenen Seidenstoffen bestand, wehte wie Libellenflügel um ihre Beine. Die Baronessa war zornig über sich, über ihr Leben und besonders über Fabio, der sie in der vergangenen Woche für immer verlassen hatte. Nie war ihr das früher geschehen, daß ein Mann sie verlassen hatte. Immer war sie der Männer überdrüssig geworden, hatte ihre Gesellschaft auf einmal langweilig gefunden, der Anblick ihrer Körper hatte sie plötzlich kaltgelassen, die Liebesschwüre sie nicht mehr beeindruckt, und manches Mal hatte sie die Hände eines Liebhabers, der wie selbstverständlich ihren Busen, ihre Hüften, ihre Schenkel berühren wollte, mit einer ungeduldigen Geste abgewehrt.
So war es immer gewesen, so hatten Männer mit Tränen der Verzweiflung, der Enttäuschung und der Qual von ihr Abschied genommen, hatten die Geschenke der Baronessa wie Reliquien in ihrem Koffer verstaut, waren in den Wagen gestiegen und hatten sich von Filippo, dem Gärtner, zum Bahnhof fahren lassen, während die Baronessa oben auf dem kleinen steinernen Balkon ihres Schlafzimmers stand und ihnen nachsah, ohne zu winken.
Aber Fabio hatte sie nicht fortgeschickt. Fabio hätte sie behalten, lange, vielleicht für immer behalten, keine Sekunde hatte sein Körper sie gelangweilt, kein einziger Kuß hatte sie gleichgültig gelassen, jede Nacht mit ihm war eine Liebesnacht gewesen, jeden Morgen war sie hungriger nach seiner Jugend, nach seiner Kraft gewesen, und jeden Abend hatte sie ungeduldig auf den Augenblick gewartet, wenn das Mädchen sich zurückzog und sie in dem alten, von hohen Kandelabern erleuchteten Eßzimmer allein ließ.
Aber Fabio hat kein Herz. Fabio ist nicht besser als all die anderen Kerle, die sie ernährt, denen sie gute Manieren und süße Liebesspiele beigebracht hat. Sie alle haben die Baronessa ausgenutzt, haben ein sattes Leben geführt, jeden Tag Wachteln und Parmaschinken, jeden Morgen ein silbernes Frühstückstablett auf dem mit feinem Damast bezogenen Bett, jeden Tag Champagner, Picknicks, Ausflüge nach Rom, nach Monte Carlo, Paris, Venedig, und dazwischen Liebe für die Baronessa, die das so dringend brauchte, Liebesschwüre, die allesamt falsch waren, allesamt verlogen. Ach, die Baronessa hatte sie längst durchschaut, die Baronessa hatte längst gewußt, daß eines Tages, wenn ihr Vermögen verbraucht, ihre Gelder verpraßt waren, niemand mehr da wäre für ihr einsames Herz und ihren Körper, der sich fürchtete vor der Einsamkeit, vor der Kälte und dem Alter.
Fabio war einer der Schlimmsten gewesen. Fabio hatte die Begierde so perfekt geheuchelt, daß sie ihm glaubte; er hatte ihren Körper so dirigiert, daß es sie an den Rand des Wahnsinns brachte, um den Verstand beinahe, nichts hatte sie geahnt von seinen heimlichen Machenschaften, niemals hätte sie geglaubt, daß er ihre Schätze aus dem Haus trug, die silbernen Leuchter aus dem Quattrocento versetzte, ebenso den venezianischen Spiegel, das Eßbesteck mit den Schildplattgriffen - alles zum Antiquitätenhändler getragen und dort zu einem Bruchteil seines Wertes verschleudert, ins Leihhaus gebracht, wo die Zeit verstrich, in der man es hätte wieder einlösen können, ja, Fabio hatte sich nicht einmal geschämt, Bares aus ihrer Geldkassette zu nehmen, etwas, das sie dem Personal vielleicht verziehen hätte; mit lächerlichen fünf Millionen Lire, die sie morgens von der Bank abgeholt hatte, war er abends auf und davon, auf Nimmerwiedersehen, der Schuft.
Die Baronessa seufzte, während sie unter den herabhängenden Zweigen der Tollkirsche hindurchging, eine Blütendolde abriß und sie an ihr Gesicht hielt. Der süße Duft, den die Blüten verströmten, rührte ihr Herz, und beinahe hätte sie vor Mitleid mit sich selbst eine Träne vergossen, wäre da nicht plötzlich vor ihr auf dem Weg ein Geräusch gewesen und hätte sie nicht einen Schatten wahrgenommen auf den vom Mondlicht beleuchteten Steinen. Die Baronessa, die sich nicht fürchtete, hielt die Luft an und lief auf Zehenspitzen dem Geräusch der knackenden Zweige nach, sie hörte unterdrücktes Atmen. Als sie die Hand ausstreckte, hatte sie den Arm eines jungen Mannes berührt, der den Kopf von ihr abwandte, und erst, als sie ihn am Haarschopf packte und das Gesicht ins Mondlicht drehte, erkannte sie ihn. »Luigi!« rief die Baronessa erstaunt. »Was treibst du denn um diese Zeit?«
Luigi war der Sohn des Gärtners, ein hochaufgeschossener sechzehnjähriger Junge, der mit seinen langen, schlaksigen
Gliedern, den großen Füßen und schmalen Händen so gar keine Ähnlichkeit mit dem stämmigen, gedrungenen Vater hatte, der für die Baronessa außer den Pflichten des Gärtners auch noch die des Chauffeurs und Dieners erfüllte. Luigi stammelte etwas Unverständliches, er wollte sich aus dem festen Griff der Baronessa befreien, aber das gelang ihm nicht.
»Sag mir, warum du hier herumschleichst«, sagte die Baronessa. »Und lüg mich nicht an! Du weißt, ich merke immer, wenn einer lügt.«
Luigi fuhr sich mit der Zunge über die Lippe. Er preßte die Handflächen aneinander, er schaute hilfesuchend nach rechts und links, aber die Baronessa ließ nicht locker. »Sag es mir, sonst werde ich deinem Vater berichten, daß du nachts wie ein Dieb durch meinen Park strolchst. Und du weißt, wie streng dein Vater ist.«
Filippo behandelte seinen Sohn, der doch fast erwachsen war, immer noch wie damals, als er einen Schulranzen trug.
»Es ist wegen der Grotte«, sagte Luigi trotzig.
»Der Grotte?« fragte die Baronessa stirnrunzelnd. »Du meinst die Grotte der Jungfrau Maria, oben am Felsen?«
Luigi nickte, er brachte kein weiteres Wort heraus. Er preßte die Lippen zusammen, als wolle er für immer stumm bleiben, aber die Baronessa faßte seine Schultern und schüttelte die Sätze einzeln aus ihm heraus. »Da oben... Renata und der Student aus Turin... Jede Nacht sind sie da...«
»Renata?« Es lag mehr als nur ein Erstaunen in dieser Frage, es war ein Aufhorchen, eine erwartungsvolle Spannung. War da vielleicht eine Geschichte? Gab es da vielleicht einen kleinen Skandal? Ach, wenn nur irgend etwas passierte in diesem langweiligen Dorf!
»Die Renata Gabboni. Die Frau von Carlo, dem Bäcker.«
»Renata Gabboni! Das ist nicht wahr! Du schwindelst! Du belügst mich, du kleiner Nichtsnutz! Ich glaube dir nicht! Renata Gabboni ist eine ehrbare Frau, sie geht jeden Tag in die Kirche und verläßt das Haus nie ohne schwarzen Schleier, seit der Herrgott ihre Mutter heimgeholt hat.«
Luigis Augen zogen sich zornig zusammen. »Aber sie ist es doch«, sagte er. »Und sie hat sich mit dem Studenten von Anfang an getroffen. Seit er nach Azzuro gekommen ist.«
»Seit er nach Azzuro gekommen ist? Von Anfang an, sagst du?« Die Baronessa war fasziniert. Abgründe taten sich auf! Wenn Renata, die züchtige, sanfte Ehefrau des Esels Carlo, derart sündige Gedanken hegte, was verbarg sich wohl sonst noch hinter den verschlossenen und auch einfältigen Stirnen der Bewohner von Azzuro?
Luigi verfolgte das Mienenspiel der Baronessa. Als er spürte, daß ihre Neugier den Zorn besiegt hatte und daß er sie vielleicht sogar zur Komplizin machen konnte, raunte er der Baronessa ins Ohr. »Ich hab sie gesehen, Baronessa. Ich schwöre es. Sie legen sich auf den Altar der Grotte. Sie zünden alle Kerzen an, und der Student setzt sich den getrockneten Myrtenkranz auf, der immer um den Hals der Madonna hängt, und dann ziehen sie sich aus, und Renata säugt den Studenten an ihrer Brust wie ein Kind.«
»Wie ein Kind, sagst du? An ihrer Brust?« Die Augen der Baronessa leuchteten. »Sei ganz still!« zischte sie, während sie ihn am Arm hinter sich herzog. »Mach keinen Lärm! Weißt du eine Stelle, von wo aus man sie ungestört beobachten kann?«
»Der Ginster ist hoch genug, man kann sich bequem dahinter verstecken. Soll ich Ihnen die Stelle zeigen?«
»Natürlich! Was fragst du! Mach schnell, sonst kommen wir womöglich zu spät.«
Die Grotte der Madonna gehörte eigentlich nicht mehr zum Park der Baronessa Laura Battoldi, aber es gab auch keinen Zaun, der die Grundstücke voneinander trennte. Es war das obere Ende des Parks, dort, wo das von Ginster und Holundersträuchern, von Lavendel und Thymian bewachsene wilde Ge-lande jäh an eine glatte, etwa fünfzig Meter hohe Felswand stieß, die aus dem hügeligen Gelände herausragte, wie eine Granitplatte, so als sei sie ein Abbild der Gesetzestafeln Moses. Die Platte hatte etwas Heiliges, Ehrfurchtheischendes, und vielleicht war man deshalb auf die Idee gekommen, in die Grotte unterhalb der Platte einen Altar einzubauen und dort eine Marienstatue aufzustellen. Es war der Teil des Parks, den die Baronessa nur selten besuchte, sie liebte mehr den sonnigen, gepflegten Teil ihres Gartens, die Seerosenteiche, die Pavillons, die Rabatten aus wuchernden Rosen und das Holzspalier, an dem sich Clematis und Kletterrosen emporrankten. Hier jedoch, im Schatten des Felsens, war es merklich kühler, die Kräuter dufteten stärker, und das Mondlicht bleichte die Farben zu einem silbernen, verwunschenen Grau.
Luigi legte die Finger an die Lippen und deutete auf einen Lichtschein, den man plötzlich zwischen den Ginstersträuchern aufflackern sah. Dann deutete er in die Richtung der Grotte, und jetzt hörte auch die Baronessa kleine spitze Schreie. In ihrer Eile, näher heranzukommen, verfing sich ein Streifen ihres Kleides in den Büschen, und sie zerrte so heftig daran, daß der Stoff zerriß. Aber was kümmerte sie dieses lächerliche Kleid, konnte sie doch eine Szene belauschen, wie sie sie nur aus gewissen Filmen kannte, wo man schamlos Liebende zeigte, in allen Stellungen, in ihrer nackten, wilden Begierde.
Die Baronessa war gern in diese Filme gegangen, aber was sie hier sah, war schöner als ein Film. Das konnte man nicht erfind en, diesen Altar, auf dem die keusche Renata lag, die Beine gespreizt, die Arme ausgestreckt nach ihrem Geliebten, die Brüste schwer und wohlgeformt, das Schamhaar ein pechschwarzes Dreieck auf dem weißen, vom Mondlicht beschienenen Körper. Wie ein Opferlamm lag sie da, bereit zur Hinrichtung, bereit zur Hingabe, zitternd vor Begierde.
Wie erstarrt blickte die Baronessa auf dieses Bild, und dann sah sie den Mann, der sich vor Renata hinstellte wie zum Beginn einer heiligen Handlung, so ernst und feierlich und so stolz. Bei Gott, dachte die Baronessa, er ist schön, viel schöner noch als Fabio. Und so stark. Wie stolz er auf seine Kraft ist, wie er dasteht, breitbeinig, vor seiner Geliebten, und sich bewundern, sich anschauen läßt von Renata, die wie fasziniert auf sein großes, steil aufgerichtetes Glied blickt, wie er den Augenblick, auf den Renata zitternd wartet, hinauszögert, und zu Füßen der Madonna flackern die Kerzen, und der Weihrauch verströmt seinen berauschenden Duft, und nun spricht er zu ihr, die Baronessa kann es nicht hören, nur das Wort »Madonna« versteht sie, »Madonna, meine Madonna«.
Der Myrtenkranz ist ihm in die Stirn geratscht, und nun sieht er aus wie ein olympischer Krieger, ihm ist das Lager bereitet, das dem Sieger zukommt, und so beugt er sich über die Frau im Mondlicht, ihre Arme ziehen ihn zu sich herunter, langsam neigen sich seine Lippen über ihre, die Baronessa sieht, wie Renata ihm entgegenkommt, sich an ihm festsaugt, die Baronessa kann hören, wie Renata zu stöhnen beginnt, und die Baronessa muß achtgeben, daß nicht auch sie aufstöhnt, weil sie so erregt ist. Jetzt spreizt Renata die Schenkel, die Hand des Mannes gleitet an ihrem Körper herunter, seine Fingerspitzen teilen die krausen Haare, für einen Augenblick halten beide den Atem an. Es ist, als hörten die Kerzen auf zu flackern, und aus dem Mund der Baronessa kommt nun doch ein leises Wimmern, weil das so schön ist und weil ihr Körper sich sehnt...
»Heute«, flüsterte Luigi, den die Baronessa bei dem Schauspiel ganz vergessen hatte, »heute säugt sie ihn nicht.« Er strahlte die Baronessa an. »Aber sonst macht sie es jeden Abend.«
»Sei still, Bub! Siehst du nicht, wie schön das ist?«
»Schön?« Luigi schaute die Liebenden stirnrunzelnd an. War das schön? Es beunruhigte und faszinierte ihn, es machte ihm fiebrige Träume und ließ ihn morgens mit Ringen unter den Augen aufwachen. Es hatte ihm einen neuen Blick gegeben, einen Blick für die Mädchen von Azzuro, mit dem er sie entkleidete, ihnen die kurzen Röcke auszog und die kleinen weißen Höschen, Blicke, mit denen er die Blusen von ihren flachen Brüsten streifte und sich vorstellte, wie das wäre, wenn sein Mund... wenn seine Lippen...
Schön? Luigi war sechzehn Jahre alt, aber daß die Lust schön war, das wußte er noch nicht, das ahnte er nur manchmal in seinen Träumen.
Obwohl der frühe Morgen etwas Kühlung brachte, fand die Baronessa keinen Schlaf. Sie lag unter dem Baldachin ihres hohen Bettes, das auch für zwei noch zu groß gewesen wäre, ganz allein, sie hatte die Arme unter dem Kopf verschränkt und blickte auf das geöffnete Fenster, hinter dem der Himmel sich allmählich mit Helligkeit füllte.
Die Bilder wollten nicht aus ihrem Kopf, Renatas weißer Körper ließ sich nicht aus ihrem Gehirn verdrängen, das helle Fleisch, die roten Lippen, die Haare, die in roten Wellen vom steinernen Altar herunterfielen wie ein Tuch. Sie hörte das Stöhnen aus ihrem Mund, spürte das Zittern ihrer Haut, als wäre es die eigene, und lag erschöpft, als sie daran dachte, wie selig ermüdet die beiden dagelegen hatten, verschlungene Arme, eng aneinandergepreßte, heiße Leiber, und immer wieder dieses Stöhnen, dieses lustvolle Stöhnen, das ging ihr nicht aus dem Kopf. Die Baronessa gönnte doch wohl Renata das kurze, gestohlene Glück? Oder war da etwa der Stachel der Eifersucht? Warum plagte sie immer wieder der Gedanke an dieses Liebesglück? Hatte sie nicht in ihrem Leben oft genug diesen Rausch genossen? Hatte sie nicht mehr Männer in ihrem Bett gehabt als alle Frauen von Azzuro zusammen?
Renata hatte dieses Glück verdient, Renatas Körper fieberte in diesem Sommer voller Unruhe, voller Lust und Begierde. Sie war so schön mit ihrem festen weißen Fleisch und den hennagefärbten Haaren, die sie, wenn sie tagsüber durch Azzuro ging, unter dem schwarzen Schleier versteckte...
Ob ihr Mann etwas ahnte? Ob Carlo ahnte, wie schamlos sie ihn betrog, im ersten Jahr ihrer Ehe? Ob er sich vorstellen konnte, wie der Körper seiner Frau sich einem anderen entgegenbäumte, einen anderen zu sich rief, herbeiflehte?
Was wohl passierte, wenn er das erfuhr? Der rasende, zornige, unbeherrschte Carlo. Ob er seine Renata schlagen würde, so wie Filippo seinen Sohn schlug? Oder würde er sie anders strafen, mit wilderer Liebe, leidenschaftlicheren Umarmungen, brutalen Griffen? Die Baronessa lag in dem hohen Bett, das viel zu groß für ihren kleinen, weichen, verlebten Körper war, und in ihrem Kopf formte sich ein Plan. Ein vorsichtiger, schemenhafter Plan, vielleicht nur eine Idee, diesen langweiligen Sommer mit Leben zu füllen, ihrem öden Leben einen Sinn zu geben, daß die Tage nicht mehr so belanglos einander abwechselten und sie aus lauter Langeweile womöglich begann, wunderlich zu werden und den kleinen mageren Luigi in dieses Bett zu holen, nur um nicht mehr allein zu sein, nur als Schutz gegen die Öde dieses Ortes, die träge Hitze dieses Sommers. Ach, ihr einsamer, armer Körper!
Ach, Fabio, warum bist du gegangen? Hättest du nicht mit mir das Spiel der Madonna spielen können? Hätten wir nicht auch da liegen können im betäubenden Geruch von Weihrauch? Weißt du eigentlich, Fabio, wie Weihrauch die Begierde steigert? Weißt du eigentlich, wie schon immer das Heilige, Feierliche einer kirchlichen Zeremonie in meinem Körper schmerzliches Ziehen, Sehnsucht verursacht hat, ein Auflehnen gegen die Gebote der Keuschheit? Ich wollte nie die Braut Christi sein, Fabio, ich wollte deine Braut sein, ich wollte die Braut von vielen Männern sein, vielen jungen, starken, sehnigen Körpern, und du wärst auch ein Held gewesen mit einem Myrtenkranz um die Stirn. Warum bist du gegangen, warum liebst du mich nicht mehr? Warum muß ich allein in meinem großen Bett liegen, unter diesem Baldachin, dessen gesticktes Muster ich auswendig kenne, warum nur?
Am nächsten Morgen sagte die Baronessa zu der kleinen Vera, die den Haushalt besorgte: »Müssen wir nicht hinunter ins Dorf? Müssen wir nicht Vorräte einkaufen? Salat, Fisch, Fleisch und Schinken?«
Vera, die gerade in der alten Küche den Fußboden scheuerte, der aus roten und weißen Marmorquadraten bestand, schaute erstaunt auf, wischte die Hände an ihrem Baumwollkleid und sagte: »Das werde ich später erledigen, Baronessa. Ich wollte nur erst die Küche...«
»Laß nur.« Die Baronessa lächelte so milde, daß Vera erschrak. »Ich will dich nicht hetzen. Du hast so viel zu tun, mein Kind. Eines Tages werden wir uns eine Frau aus dem Dorf holen für die grobe Arbeit. Aber einstweilen...« Sie zuckte die Schultern und schwieg.
Auch Vera sagte nichts, denn sie wußte sehr wohl, daß die Baronessa sich keine Frau aus dem Dorf holen würde, weil ihr Geld knapp geworden war, weil keine Zahlungen mehr aus Rom kamen, seit sie die Mietshäuser verkauft hatte, die ihr einst gehörten. Es kam auch kein Geld aus Neapel, wo ihr Vater sein Vermögen durch waghalsige Spekulationen verloren hatte. »Ich dachte«, sagte die Baronessa, die schon den Sonnenschirm in der Hand hielt und das Täschchen am Arm trug, »ich werde heute die Einkäufe selber erledigen. Ich gehe gern einmal hinunter ins Dorf.«
»Aber es ist sehr heiß heute, Baronessa! Lassen Sie sich von Filippo fahren! Er muß ohnehin mit dem Wagen ins Dorf. Das ist zu anstrengend für Sie, der weite Weg hinunter.«
»Ich bin noch nicht so alt und schwach, wie man in diesem Haus zu denken scheint«, sagte die Baronessa nunmehr ein wenig ungeduldig. »Früher, mein Kind, bin ich fünf-, ja zehnmal am Tag die Treppen hinauf- und hinuntergelaufen. Das ist noch nicht so lange her...«
»Entschuldigen Sie, Baronessa«, sagte Vera und senkte den Kopf. »Es war nur aus Fürsorge. Es war... dumm.«
Die Baronessa entschuldigte alles, sie hatte heute ihren milden Tag. »Schon gut, Kleine. Also, was benötigen wir?«
Vera sagte ihr, was sie brauchten, einen frischen Mozzarella, mit dem sie die Ravioli füllen wollte, dann zwei dünne Scheiben Kalbsfilet für das Saltimbocca, Schinken und Speck war ja immer im Haus, die Speisekammern waren wohlgefüllt, aber ein Stückchen Taleggio wäre nicht schlecht, die Baronessa mochte ihn doch so gern zu dem frischen Brot, das Carlo jetzt immer buk... »Ach ja!« Die Baronessa lachte. »Carlos Brot! Natürlich! Das ist das Wichtigste. Ich werde ein frisches Brot von Carlo mitbringen! Sag, arbeitet Renata eigentlich auch in der Bäckerei?«
»Seine Frau? Ich glaube, sie verkauft, wenn viel Betrieb ist. Sonst ist sie wohl mehr im Haus. Sie muß sich um die Schwiegermutter kümmern, die krank ist und im Bett liegt.«
»Die Arme«, sagte die Baronessa. »Da hat Carlo nichts Gutes mit in die Ehe gebracht. Das ist kein Hochzeitsgeschenk nach meinem Herzen. Diese Alte ist böse und grob. Ich kenne sie von früher. Sie hat uns Kindern immer das alte Brot verkauft, und wenn wir uns beschweren wollten, warf sie einen Stock nach uns.«
Die Baronessa nahm ihren Korb, der auf dem Regal stand, und ging zur Tür. »Für mich«, sagte sie, als sie den erstaunten Blick von Vera bemerkte, »ist es eine Abwechslung, hinunterzugehen und ein bißchen vom Dorfklatsch zu hören. Hier in der Villa passiert ja nichts mehr.«
»Ja«, antwortete Vera, »schade, daß der junge Herr nach Rom zurück mußte. Es war sehr lustig, als er hier war. « Sie wurde rot, wandte sich ab und scheuerte heftig weiter den Boden.
Die Baronessa schaute kopfschüttelnd auf das Mädchen hinunter. War es möglich, daß Fabio sie mit diesem kleinen, flachbrüstigen Ding betrogen hatte? War es möglich, daß er es gewagt hatte... in ihrem eigenen Haus... unter ihrem Dach... mit einem Dienstmädchen... mit einer Magd... und womöglich in ihrem, der Baronessa, eigenem Bett?
Wie schlecht die Männer waren! Alle miteinander! Wie sie es verdienten, daß man sie hinterging! Voller Sympathie dachte die Baronessa, während sie die schmalen Treppen zwischen den Weinbergen ins Dorf hinunterstieg, an Renatas heimliche Liebe. Eine Frau sollte die gleichen Rechte haben wie die Männer. Eine Frau sollte die kurzen, schnellen Jahre genießen, in denen ihr Körper schön und begehrenswert war, in denen die Männer wild nach ihr waren, eine Frau sollte ihren süßen Körper nicht für einen einzigen Mann aufheben. Und womöglich für einen, der gar nicht ermessen konnte, welch ein Juwel er da in seinem Bett hatte. Der es womöglich nicht einmal verstand, die heimlichen Lüste in ihrem Körper zu wecken, ihr die Seligkeit zu verschaffen, von der sie träumte, seit sie ein Kind war...
Es hatte sich wie ein Lauffeuer herumgesprochen, daß die Baronessa sich dem Dorf näherte.
Die Frauen standen wie zufällig in den Haustüren, wischten an den Fensterrahmen herum, begossen den Oleander, der in alten Weinfässern rechts und links der Treppen stand, oder fanden sonst einen Vorwand, um die Baronessa zu betrachten.
»Es ist wahr«, flüsterte Francesca ihrer Schwägerin zu, »sie sieht immer noch gut aus. Wie eine Frau mit Fünfzig noch so einen Gang haben kann! Schau dir an, wie sie die Hüften schwingt, die alte Hure! Sie will wohl immer noch unsere Männer verführen!«
»Glaubst du, daß sie sich für unsere Männer interessiert?« meinte die Schwägerin. »Die sucht doch ganz was anderes. Hast du nicht ihren letzten Liebhaber gesehen, diesen Gigolo? So ein kleines Bürschchen. Wenn mir ein Mann gefallen soll, muß er stark sein und breite Schultern haben, und immer muß ich Angst haben, daß er mich unter sich zerquetscht wie eine Fliege, das finde ich gut.«
Francesca schaute ihre Schwägerin an. »Du bist verrückt«, sagte sie nur. Sie hob die Hände über die Augen und verfolgte die Baronessa, die über den sonnendurchglühten Platz ging.
»Was glaubst du, hat das Kleid gekostet, das sie trägt? Weiße Spitze! So etwas hat unsereins nicht einmal zur Hochzeit an!«
»Und nicht viel drunter, wenn du mich fragst. Gegen das Licht sieht man ihren geilen Hintern. Wahrscheinlich will sie uns allen zeigen, wie fest ihr Fleisch noch ist.«
»Ist ja auch kein Wunder! Wenn sie seit ihrer Jugend in den Weinbergen gearbeitet hätte wie wir, dann sähe sie auch nicht mehr so aus, das kannst du mir glauben. Weiß der Himmel, wie oft sie ihre Falten schon hat massieren lassen! Und nicht nur die Falten im Gesicht, meine Liebe.«
»Sie hat immer einen Sonnenschirm dabei, als wenn sie etwas Besonderes wäre, wahrscheinlich glaubt sie, das ganze Dorf gehöre ihr, weil sie die Baronessa ist. Dabei hat ihre Mutter mit jedem geschlafen, der ihr in den Weg lief. Kein einziges ihrer Kinder war das Kind vom Baron, das kannst du mir glauben.«
»Buon giorno, Sandra, buon giorno, Lisa, wie geht es euch?« fragte die Baronessa. »Ein schöner Tag, nicht wahr? Nur ein bißchen heiß. Ich wünschte, es würde einmal wieder einen Regen geben, so einen kurzen, heftigen wie letzte Woche, das hat alles so wunderbar frisch gemacht, nicht wahr? Da konnte man endlich mal wieder richtig atmen! Ist das deine kleine Tochter, Sandra, mein Gott, ist sie süß! Seit wann kann sie laufen?«
»Erst seit ein paar Tagen, Baronessa. Sie mag so gerne Schokolade, und da lege ich die Schokolade immer auf das Bett und stelle die Kleine ans Fenster und sage: >Wenn du Schokolade willst, dann hol sie dir.<«
Die Baronessa lachte. »Schade«, sagte sie, während sie in den Taschen ihres weiten Kleides wühlte, »ich dachte, ich hätte noch einen Karamelbonbon dabei. Nächstes Mal, Herzchen, da bring ich dir etwas Schönes mit. Wie heißt die Kleine denn?«
»Laura, Baronessa.«
»Oh, Laura, so wie ich!« Die Baronessa lächelte dem kleinen
Mädchen zu und tätschelte seine Wange. »Dann ist es ja kein Wunder, daß sie etwas Süßes mag. Alle Lauras sind ganz wild auf Süßigkeiten.« Sie zwinkerte Sandra zu. »Wenn man jung ist, sind es Bonbons, und später ist es dann etwas anderes!« Sandra schaute einen Augenblick verblüfft, aber dann verstand sie, was die Baronessa sagen wollte. Sie schrie vor Vergnügen laut auf, preßte aber schnell die Finger auf die Lippen, als ihre Schwiegermutter aus dem Haus kam und ihr einen argwöhnischen Blick zuwarf.
Carlo hatte seine Bäckerei in der schmalen schattigen Gasse, die vom Marktplatz in Richtung zur Trattoria führte, es war ein altes, aus groben braunen Steinen gebautes Haus, das wahrscheinlich zu den ältesten von Azzuro gehörte. Jedes Jahr tünchte Carlo die Wände strahlend weiß und schmierte blauen Lack auf die Fensterläden und die Holzklappen, mit denen man die Eingangstür versperren konnte. Unten aus dem Kellergewölbe, durch die schmalen, vergitterten Fenster, kam morgens der betäubende Geruch frischen, ungesalzenen Brotes, und später, gegen Mittag, wurden hier die Makronen gebacken und das Hefegebäck, das am Nachmittag bei den Frauen auf den Tisch kam, das sie in Mandellikör tauchten und mit geschlossenen Augen hinunterschlürften wie etwas Verbotenes. Im Laden selbst war es kühl und ein wenig feucht. Carlo war sehr zufrieden mit seinem Geschäft; durch die Feuchtigkeit, sagte er, blieben die Brote länger frisch, und außerdem haßte er Staub. Mehlstaub hatte sich schon auf seine Lunge gesetzt, und Carlo hustete eigentlich unentwegt, wenn er unten in der Backstube stand und die Brotmischung in den großen Rührkessel gab.
Carlo trug ein weißes T-Shirt, auf dem »Super Mistral« stand, und darüber eine mehlige gelbliche Bäckerschürze. Seine Unterarme waren stark behaart wie die Arme eines Affen, überhaupt hatte Carlo so viele Haare, sie standen wirr um seinen Kopf, wuchsen ihm aus den Ohren, und wenn er sich vor einer Stunde rasiert hatte, so sah er doch aus wie manche Leute, die seit Tagen ihre Bartstoppeln mit sich herumtrugen. Seine Augen waren klein, sehr hell und eng beieinanderstehend. Er hatte eine breite Nase und ganz kleine Ohren. Carlo war keine Schönheit. Seine Beine waren kurz und dick, die Muskelpakete an den Oberschenkeln scheuerten beim Gehen aneinander, und der Gang war etwas o-beinig wie bei einem Sportler.
Carlo war einmal die Hoffnung von Azzuro gewesen, als Fünfzehnjähriger war er Kreismeister im Diskuswerfen gewesen, man hatte ihn zu den Leichtathletikkämpfen nach Turin und Mailand geschickt, und einmal hatte es in der »Gazzetta dello Sport« sogar ein Bild von ihm gegeben. Aber das Heimweh hatte ihn aus dem Trainingslager wieder nach Azzuro getrieben, er brauchte sein Dorf, die Trattoria, die Bar neben der Kirche, er brauchte die Freunde, die mit dem Fußball über den Kirchplatz bolzten.
Trotzdem haftete ihm noch etwas an wie der Geruch des Ruhmes, er war herumgekommen in der Welt, er hatte nicht nur Orvieto und Siena kennengelernt, nein, er war sogar in die große verruchte Stadt Mailand gekommen, er hatte Kinos besucht und Bars, in denen die Mädchen barbusig bedienten, das waren Mädchen mit brauner Haut, die ihre Brustwarzen schminkten, manche mit einem perlmuttern schimmernden Stift, andere nahmen nur Vaseline, die ihre Brustwarzen glänzen ließ, und sie schwenkten ihre Brüste vor den Augen der Gäste hin und her wie Weihrauchgefäße.
Eines Tages entdeckte Carlo Renata. Es war das Weinfest im Nachbardorf Santo Stefano, Carlo war mit dem Fahrrad dorthin gefahren, und auf dem Weg hatte er plötzlich Renata überholt, die allein die Landstraße entlanglief. Renata hatte ihren gerüschten Rock hochgebunden, um die Beine frei zu haben, sie hatte den Saum oben in die Taille gesteckt, so daß der bauschige Stoff zwar vorn und hinten ihre Oberschenkel noch einigermaßen schamhaft bedeckte, aber an den Seiten konnte Carlo alles sehen, sogar das rosa Käntchen ihres Höschens. Er bremste neben Renata und fragte, während er unentwegt auf das rosa Käntchen starrte: »Gehst du ganz allein zum Weinfest?«
»Ich wollte eigentlich mit Rosanna gehen«, sagte Renata, »aber die hat eine Grippe, die Arme. Sie liegt im Bett und hat Fieber und bekommt immerzu kalte Wickel um die Waden. Ich wäre auch gar nicht gegangen, aber ich habe heute so eine Lust zum Tanzen, ich konnte einfach nicht bei ihr bleiben, obwohl sie meine beste Freundin ist.« Als Renata Carlos Blick sah, zerrte sie schnell den Rocksaum aus dem Bündchen und strich den Stoff glatt. Sie war dabei ganz rot geworden, und Carlo hatte verlegen weggeschaut. »Und du?« fragte sie schließlich.
»Ich? Ja«, Carlo räusperte sich, »ich habe auch Lust auf das Fest. Aber nicht so sehr zum Tanzen, mir ist heute mehr nach dem Wein zumute. Ich glaube, ich möchte mich richtig betrinken.«
»Geh, so ein Blödsinn! Was hast du denn davon?«
»Ich weiß nicht«, murmelte Carlo, »die Männer im Dorf sagen, daß so ein richtiger Rausch etwas sehr Schönes ist.«
»Ach Unsinn! Da gibt es wirklich Schöneres.«
Carlo stieg vom Rad, er schob es mit der linken Hand, während seine rechte sich um Renatas Taille legte und dann plötzlich höher rutschte. Er berührte erst zaghaft, dann mutiger ihre Brust, kniff ganz leicht die Brustwarzen, und er lachte dabei. Aber Renata sprang zur Seite, fuhr herum und fauchte ihn an. »Was unterstehst du dich, Carlo, sind wir vielleicht verlobt? Weißt du nicht, daß man so etwas nur darf, wenn man verlobt ist?«
»Ach, wirklich?« sagte Carlo. Er starrte auf ihren Busen, erst jetzt sah er, daß sie keinen BH trug, daß ihre Brüste ganz nackt unter dieser dünnen Bluse schaukelten, so feste, runde Brüste. »Und warum verloben wir uns dann jetzt nicht?« fragte er. Renata tippte sich an die Stirn. »Ich glaube wirklich, was die Leute sagen, ist wahr.«
»Und was sagen sie?«
»Daß du nicht richtig im Kopf bist! Als wenn du nicht genau weißt, wie es zugeht zwischen Mädchen und Jungen.«
»Ich weiß nichts«, murmelte er. Er drängte etwas weiter an den Straßenrand, als ein Wagen an ihnen vorbeifuhr, er spürte Renatas Hüften und einen Geruch, der von ihrem Körper ausging, und das machte ihn ganz heiß und ganz wirr. »Ich wette«, sagte er mit glasigen Augen, »daß du das schönste Mädchen von Azzuro bist. Du hast den größten Busen, nicht wahr?«
»Das weiß ich nicht«, sagte Renata abweisend, »das ist auch egal. Es kommt ja nicht auf die Größe an.«
»Worauf denn sonst?«
»Naja. Auf... also auf die Form zum Beispiel. Und ob sie schön fest sind. Und was für Brustwarzen man hat...« Renata stockte. Sie war dunkelrot geworden. »Also eine Unterhaltung führen wir!« sagte sie. »Wenn das meine Mutter hören würde!«
»Sie hört es ja nicht, und sehen tut uns auch keiner.« Carlos heißer Atem war ganz dicht an ihrem Gesicht. »Ich würde so gern deinen Busen sehen, Renata. Ich habe noch nie einen Mädchenbusen angefaßt!«
»Noch nie? Wirklich?« Renata fragte ungläubig. Sie hatte den Kopf von ihm weggebogen, aber ihr Körper drängte komischerweise immer näher zu seinem Körper, ob sie nun wollte oder nicht.
»Wirklich nicht. Noch bei keinem Mädchen. Ich habe überhaupt noch nie etwas mit einem Mädchen gehabt. Und du?«
»Ich auch nicht.«
»Mit einem Jungen, meine ich.«
»Natürlich mit einem Jungen. Was denkst denn du? Denkst du etwa, daß ich mit meiner Freundin Rosanna solche Sachen mache? Ich schlafe zwar oft mit ihr in einem Bett, aber wir tun nie etwas, außer zufällig ein bißchen streicheln. Wenn eine von uns traurig ist.«
»Das tut ihr?« Carlo hatte sein Rad ins Gras geworfen, seine Lippen suchten ihr Ohrläppchen, er schob ihre Haare hoch, er küßte sie, er faßte ihre Taille und preßte sie an seinen Körper, gleichzeitig suchten seine Blicke die Landschaft ab. Überall Olivenbäume, überall dieses stachelige Gras... Aber war da nicht unter dem Olivenhain ein Bach? Lief er nicht durch eine Wiese aus weichem Moos? »Komm«, flüsterte er, »komm mit mir!« Er zog sie zwischen den Bäumen hindurch, ließ ihr keine Zeit, die Schuhe, die sie in der Hand hielt, wieder anzuziehen. »Wo gehst du hin? Meine Füße! Warte doch einen Augenblick!«
»Ich kann nicht warten!« murmelte Carlo. Er zerrte sie weiter, er war wie von Sinnen, lauter Farben schossen durch seinen Kopf, wie ein Feuerwerk war es vor seinen Augen, und alles pulsierte und klopfte, und sein Kopf dröhnte. »So komm doch!« Es gab kein Moos, aber Gras, das weicher war. Und einen kleinen Hang zwischen zwei Weidenbäumen, die ihre langen geschmeidigen Äste in den Bach hängen ließen. Carlo blieb stehen, er schaute Renata an, nicht ihr Gesicht, nein, auf ihren Busen starrte er, auf ihren Rock starrte er, er hob den Rock hoch und starrte auf das weiße Höschen mit der rosa Kante.
Er warf Renata ins Gras, zerrte seinen Gürtel auf, streifte die Hosen herunter, eine Hand faßte nach dem Höschen.
»Warte!« schrie Renata voller Angst. »Warte doch!«
Aber Carlo konnte nicht warten, er konnte keine einzige Sekunde warten, er warf sich über sie und war in ihr und hörte nicht ihr Schreien, nicht ihren Schmerz, er stöhnte und keuchte und küßte sie und riß ihre Bluse auseinander und vergrub sein Gesicht zwischen ihren Brüsten.
Jetzt war Renata ein Jahr mit Carlo verheiratet, die Mutter wohnte in ihrem Haus, das Schlafzimmer lag genau neben ihrem Zimmer, die Wände waren, obwohl aus uralten, dicken Steinen, durchlässig für den Lärm; daher fürchtete Carlo, daß seine Mutter etwas hören könne, deshalb preßte er seiner Frau immer die Hand auf den Mund, wenn er zu ihr kam, und sie rollte mit den Augen, und nachher, wenn er fertig war, klopfte Carlo ihr tolpatschig auf den Rücken und sagte: »Du weißt ja, warum du still sein mußt, es ist nur wegen ihr.«
Und Renata, die keinen Streit wollte, schaute ihren Carlo nur mit einem Blick an, den er nicht deuten konnte, und sie dachte daran, wie sie sich früher die Liebeslust vorgestellt hatte, früher, wenn sie mit ihrer Freundin Rosanna im Bett lag, wenn sie sich zart streichelten und davon träumten, wie es wäre, wenn das erste Mal ein Mann sie so anfaßte, so zart und gleichzeitig begierig, so sanft und doch fordernd, der Mann, der die Frauen kannte, der ihnen ihre Wünsche von den Augen ablesen konnte und an der Reaktion ihrer Haut, der Mann, der die Glut entfachte, die in ihrem Körper schlummerte, und die Flammen auflodern ließ. Jeden Tag ein bißchen schamloser, gieriger, immer mehr verlangte das Fleisch, immer mehr verlangte die Haut, der Bauch, die Schenkel, die Füße, das Ohr, alles, alles sollte geliebt sein, alles war nur dafür geschaffen, gestreichelt und geküßt und geschmeckt zu werden, die Welt war erdacht für die Liebe, wozu sonst?
Ja, so hatte Renata sich ihr Leben vorgestellt, so hatte sie sich ihre Ehe gewünscht, ein Rausch, ein Fest das ganze Leben. Aber nun war sie mit Carlo, dem Bäcker, verheiratet, nun bewohnten sie zwei Zimmer über dem Laden, und nebenan die Schwiegermutter und ein gemeinsames Bad und eine Küche, in der die Mutter immerzu Kräuter aufdämpfte und Kutteln kochte für den Hund.
»Die Baronessa!« rief Carlo, und er verbeugte sich dabei so tief, daß es eher eine Beleidigung als eine Verehrung war. »Welch seltener Besuch!« Er stieß die Pendeltür auf, die zur Wohnung führte, und rief: »Renata! Kundschaft!«
Die Baronessa hatte ihren Sonnenschirm zusammengefaltet und atmete tief die feuchte, nach Anis und Hefe duftende Luft in der Backstube ein. »Laß dir Zeit, Carlo«, sagte sie, »es eilt nicht, sicherlich ist deine brave Frau bei der Hausarbeit, sicherlich putzt sie die Fenster und wäscht Gardinen. Du bist ein Glückspilz, Carlo. Eine Frau wie Renata! Treu wie eine Nonne und ein Herz aus Gold.«
Carlo, der gerade wieder hinten in der Bäckerei verschwinden wollte, schaute die Baronessa prüfend an. Er war ein einfältiger Mann, aber nicht so einfältig zu glauben, daß es die Baronessa mit diesem Kompliment ehrlich meinte. »Sie sind sehr freundlich«, sagte er, die Augenbrauen zusammengezogen. »Ja, Renata ist eine gute Frau. Eine andere als sie hätte ich auch nicht genommen, wir sind sehr glücklich, wir beide.«
»Oh, das glaube ich! Davon bin ich vollkommen überzeugt! Gerade gestern, als ich Renata zur Kirche gehen sah, habe ich noch gedacht: Was für ein Glückspilz, dieser Carlo! Renata ist die schönste von allen Frauen aus Azzuro. Wie du das nur geschafft hast, Carlo!«
Diese Hexe! dachte Carlo grimmig. Wie sie redet! Wie sie Süßholz raspelt! Ich frage mich, was sie wirklich will. Den ganzen Winter über haben sie das Brot aus Santo Stefano bezogen, und den Hefeteig lassen sie im Gasthof backen. Und nun plötzlich so viel Freundlichkeit. Renata! Seit wann interessierte sich die Baronessa für Renata? Für einen Augenblick tauchten Bilder in seinem Kopf auf, Bilder aus den Filmen, die er in Mailand gesehen hatte, da spazierte eine Frau im Männeranzug herum, wirbelte ihren Elfenbeinstock wie die Baronessa ihren Regenschirm, die Frau hatte ihre kurzen, schwarzen Haare mit Pomade an den Kopf geklebt. Sie ging wie ein Mann, sie rauchte wie ein Mann, und wenn sie eine Frau anfaßte, dann tat sie das in einer Weise, die man in Italien bisher nur einem Mann erlaubt hatte.
Ob die Baronessa so eine war? Eine Frau, die es mit Frauen trieb? Ob sie ihre gierigen Blicke etwa auf Renata geworfen hatte? Aber das konnte nicht sein, nach allem, was man gehört hatte, holte sich die Baronessa nur Männer ins Haus. Männer, die sehr viel jünger waren als sie selbst. Das wußte jeder im Dorf.
Er sah Hirngespinste. Es war die Hitze, die flimmernd draußen vor der Tür lauerte, es war die Müdigkeit nach dieser Nacht, in der er mit Renata gestritten hatte. Warum hatten sie gestritten? Er erinnerte sich nicht mehr. Eine Kleinigkeit sicherlich. Oder war es vielleicht wichtig gewesen? Er hatte die Erinnerung daran wie eine lästige Fliege verscheucht.
»Renata!« rief er, »hörst du nicht? Es ist Kundschaft im Laden!« Die Baronessa lächelte und schaute angelegentlich die kleinen Hefekuchen an, die mit Vanillecreme gefüllt auf einem runden Pappteller unter der Glasglocke lagen. »Ich kann warten«, sagte sie leichthin.
Carlo zuckte die Achseln und verschwand.
Einen Augenblick später hörte die Baronessa das Rascheln von Kunstseide, dann klapperten die Absätze von Holzsandaletten auf den Steintreppen, dann sagte jemand: »Oh, die Baronessa! Buon giorno.«
»Buon giorno, Renata. Ein heißer Tag, nicht wahr?« Die Baronessa musterte Renata mit unverhohlenem Interesse. War das die Frau, die sie gestern auf dem Altar der Madonna gesehen hatte? War das die Frau mit dem weißen Fleisch und den flammend roten Haaren? Das Opferlamm auf dem Altar der Lust mit den gespreizten Schenkeln und dem Stöhnen eines brünstigen Tieres?
Die Baronessa trat einen Schritt vor, streckt die Hand aus und fuhr Renata ganz leicht mit den Fingerkuppen über die Wange. »Was für eine schöne Haut du hast«, sagte sie. »So weiß. Und so glatt. Ich beneide dich.«
»Aber Sie haben doch auch eine schöne Haut, Baronessa! Überhaupt sind Sie so schön!« Renata war geschmeichelt. Sie freute sich, daß die Baronessa mit ihr sprach wie mit einer Freundin. Sie errötete sogar ein wenig, und als sie den Kopf herumwarf, löste sich eine der kupferroten Locken aus dem Knoten und ringelte sich über das Ohr in den Nacken. Die Baronessa sah das alles. Sie sah auch die weichen, vollen Lippen, sah auch das verhaltene Leuchten in den Augen, sah auch das Beben der Nasenflügel, die Baronessa mußte mit sich kämpfen, um nicht auf das Geheimnis anzuspielen. Wenn Renata wüßte, wie sehr die Liebe aus ihrem Gesicht leuchtete, das Verlangen! Jeder, der Augen im Kopf hatte, mußte sehen, daß sie einen Liebhaber hatte. Wie sie sich in ihrem Kunstseidenkleid bewegte, wie ihre Schenkel gegeneinander rieben und sie jeden dieser Schritte genoß, weil er sie erinnerte. Ach, die Erinnerung!
Die Baronessa spürte jeden ihrer Gedanken wie ihre eigenen, jedes ihrer Gefühle war ihr nur zu vertraut. Dieser Jüngling aus Turin. Wie sie sich wohl kennengelernt hatten? Vielleicht hatte er hier im Laden sein Brot gekauft. Vielleicht hatten sich die beiden auf einem Spaziergang getroffen, ganz zufällig. Die unruhigen Frauen laufen viel in den Weinbergen herum, schlendern am Fluß entlang, sitzen am Uferrand und lassen die weichen Zweige der Weide im Wasser schleifen. Die unruhigen Frauen sitzen in den Vollmondnächten allein auf den Stufen ihres Hauses wie die Katzen und singen zum Mond. Aber ihr Gesang ist lautlos, ist nicht zu hören für müde, gelangweilte Ehemänner, ist nicht zu hören für giftige Schwiegermütter, für die neugierigen Nachbarn. Es geschieht nur einmal in vielen Jahren, daß ein Mann im rechten Augenblick an so einer Haustür vorbeikommt, daß er stehenbleibt, weil er glaubt, ein Duft habe seine Nasenflügel berührt, ein Schmetterlingsflügel habe seine Lippen gestreift. Und wenn er stehenbleibt und schaut und wartet, dann kommt ihm vielleicht eine Frau entgegen. Ein Gesicht, weiß vom Mondlicht beschienen, mit einem Mund so schwarz und so groß, mit Augen so voller Wollust, mit Füßen, die lautlos über das Kopfsteinpflaster huschen, mit Armen, die sich um seinen Hals legen, und mit einer rauhen, sanften Stimme, die in sein Ohr flüstert: »Ach, Liebster. Ach schau... der Mond. Ach sieh nur, wie ich zittere...«
»Brauchen Sie etwas?« fragte Renata, die sich über das lange Schweigen der Baronessa allmählich wunderte und der es peinlich wurde, so betrachtet zu werden, so ohne Scham, mit diesem besonderen Lächeln, das die Baronessa in den Augen hatte.
»Ein Brot«, sagte die Baronessa schnell. Sie deutete auf eines der Brote, die aus ungesalzenem Weizenmehl gebacken waren, aber eine dunkle, fast schwarze, harte Kruste hatten, unter der das Innere um so heller, um so feuchter und lockerer war. »Keiner macht diese Brote wie dein Carlo, Renata. Sein Vater war lange nicht so ein guter Bäcker.«
Renata nickte. »Ein Brot oder zwei?«
»Ich nehme gleich zwei. Gib her. Ich trage sie in diesem Korb. Vera hat heute so viel zu tun, da habe ich gesagt, ich gehe selbst. Es ist schön, einmal wieder ins Dorf zu kommen. Bei uns oben ist es jetzt ein wenig langweilig...« Sie schaute Renata an und glaubte, für einen Augenblick ein Aufflackern in ihren Augen zu entdecken. »Es passiert so wenig. Den ganzen lieben langen Tag kein Mensch. Kein Fremder verirrt sich zu uns herauf. Höchstens am Abend ein oder zwei Leute. Mal ein Liebespärchen«, die Baronessa lachte leicht, als sie sah, wie Renatas Gesicht bleicher wurde. »Aber das interessiert mich nicht. Was gehen mich die Liebesgeschichten anderer Leute an? Da bleibe ich lieber in meinem Pavillon und zähle die Sterne.« Sie seufzte plötzlich, als sie Renatas großen festen Busen sah. »Obwohl es nicht leicht ist, auf einmal nur Zuschauer zu sein. Nur von der Erinnerung zu leben. Auch wenn sie noch so süß ist, die Erinnerung. Der gelebte Tag ist immer schöner als die schönste Erinnerung.« Sie nahm das Brot und sagte, fast schon im Hinausgehen: »Genieße dein Leben, Renata, genieße deine Jugend. Sei klug.«
Renata wollte etwas erwidern, aber ihr fiel nichts ein. Sie lief hinter der Baronessa her aus dem Laden und blieb, wie geblendet von der gleißenden Sonne, in der Türöffnung stehen, schaute zu, wie die Baronessa ihren Sonnenschirm aufspannte und zwischen den Radfahrern und Mopeds hindurch im Torbogen verschwand. »Was hat sie nur gewollt?« murmelte Renata. »Was hat das alles zu bedeuten?«
Carlo war auf einmal hinter ihr, legte ihr seine feste Hand auf die Schulter und sagte: »Eine komische Frau, die Baronessa. Wird immer verrückter, je älter sie wird. Kann sie nicht leiden, diese reiche Hure, die glaubt, sich alles kaufen zu können. Ihr Vater, ja, der war noch ein richtiger Grande! Der hatte noch Stil! Vor dem hat man sich noch in Ehrfurcht verbeugt! Aber sie«, er spuckte einmal aus, »sie ist nichts als eine verschrobene alte Frau.«
»So alt«, sagte Renata, »ist sie noch gar nicht. Vielleicht fünfzig, da gibt es Frauen, die sich noch sehr jung fühlen, in den Jahren...«
»Aber nicht so jung wie du, mein Vögelchen.« Von hinten umfaßte Carlo sie mit seinen großen, festen Händen, preßte ihre Brüste und drückte ihren prallen Hintern an sich. »Weißt du, daß ich jetzt gleich könnte?« Er atmete tief und schwer. »Was ist? Wollen wir nicht schließen? Jetzt kommt ohnehin keiner mehr!«
»Ach Carlo! Was für ein Unsinn! Mitten am Tag! Was soll deine Mutter sagen!«
»Meine Mutter! Meine Mutter! Immerzu kommst du mit meiner Mutter! Sie sitzt in ihrem Zimmer und strickt. Was soll sie sagen! Nichts wird sie sagen! Wir sind schließlich verheiratet, oder?« Als Carlo sie in den Laden zurückzog, bemerkte Renata, wie gegenüber ein Fensterladen klappte. Wieder einmal wurden sie beobachtet, wieder einmal spürte sie die neugierigen Blicke von Rosetta, ihre hellen, kalten Augen. Renata haßte Rosetta, haßte ihr dummes Geschwätz, mit dem sie die Frauen beim Einkäufen unterhielt, ein klatschsüchtiges Weib, dem nichts entging, was in Azzuro passierte.
Renata streckte die Zunge heraus, und sofort verschwand das Gesicht mit den strohgelben Haaren hinter der Gardine. »Ein schreckliches Dorf«, murmelte Renata, »ein Dorf, das nur aus Augen besteht, nur aus Spionen, aus Klatsch und Tratsch. Carlo, wenn wir in unser Zimmer gehen, schließe bitte die Fensterläden.«
»Alles, was du willst, cara mia«, flüsterte Carlo, der es eilig hatte. Als sie an der Tür zum Zimmer der Schwiegermutter vorbeigingen, öffnete sich die Tür einen Spaltbreit, ganz lautlos. Die Mutter streckte den Kopf heraus und schaute ihrem Sohn nach, wie er hinter Renata die Treppe zum Schlafzimmer hinaufging, sich bereits die Hose aufknöpfte und es gar nicht mehr erwarten konnte, mit seiner Frau ins Bett zu kommen. Bald würde sie die verräterischen Geräusche der Lust vernehmen, in diesem Haus blieb nichts verborgen. Dieses sich steigernde Keuchen des Sohnes, Renatas Seufzer, das Knarren des Bettes. Eines Tages, dachte sie, werde ich sterben, weil ich ihnen Zusehen muß bei dieser Liebe, die mich anwidert, die mich ekelt. Diese gemeine, ordinäre Liebe. Oder vielleicht bringe ich sie um, diese Schlange, die so falsch ist, so falsch mit ihrem Madonnenlächeln und ihren kastanienfarbenen Haaren. Carlo sieht ja nicht, was für schmachtende Blicke sie anderen Männern zuwirft, Carlo weiß ja nicht, wie sie sich von anderen Männern beim Tanzen anfassen läßt, schamlos ist dieses Weib. Keusch und züchtig? Daß ich nicht lache! Nur weil sie sonntags die Messe besucht und einmal im Monat zur Beichte geht? Ich bringe sie um. Eines Tages bringe ich sie um.
Die Baronessa hatte den kleinen metallenen Gartentisch in den Schatten der Pinie geschoben, jetzt saß sie, den gebauschten Spitzenrock weit über die Knie geschoben, mit gespreizten Beinen auf dem Gartenstuhl. Ein Glas Wein in der Hand, schaute sie gedankenverloren in die Baumkrone, in die Sonnenflecken zwischen den spitzen Nadeln, die wie Stacheln von den Ästen abstanden. Große Zapfen entdeckte sie, dicke vorjährige Pinienzapfen, die manchmal, wenn der Wind durch die Zweige rauschte, abgeworfen wurden und dann unten auf der kiesbedeckten
Terrasse liegen blieben; zusammen mit vielen braunen Nadeln wurden sie morgens vom Gärtner zusammengekehrt und einmal im Monat hinter den wilden Rosenhecken verbrannt. Der harzige Geruch, der von den brennenden Nadeln ausging, verströmte sich dann im Garten, stieg auf zu den Fenstern, hinter denen die Baronessa lag und von dem Leben träumte, das früher war, es war ein betörender, berauschender Duft, der die Erinnerung an Kinderträume weckte, an die ersten Sehnsüchte der Jugend.
Dann fiel ihr Renata ein. Konnte man ihr durchgehen lassen, was sie tat? Sollte man das alles auf sich beruhen lassen? Renata, die sich ungeniert auf den Altar der heiligen Madonna legte, in ihrem Park? Renata, die Lust genießend an einem Platz, der nur ihr, der Baronessa Vorbehalten sein sollte? Hat sie nicht verdient, ein wenig gestraft zu werden für diesen Frevel?
Das Papier, auf dem die Baronessa gewöhnlich Briefe schrieb, war aus lavendelblauem Bütten mit dem eingestanzten Familienwappen in der rechten oberen Hälfte und ihrem in englischer Schreibschrift gravierten Namen: »Baronessa Laura Graziana Battoldi, Via Virginale, Azzuro.«
Aber dieses Papier benutzte sie heute nicht. Sie hatte einfache, weiße Schreibmaschinenbögen im Schreibtisch gefunden, an dem früher ihr Vater seine wissenschaftlichen Werke schrieb, einfache, weiße Briefumschläge, die keine Schlüsse auf den Absender zuließen, weil es sie in millionenfacher Ausführung in den Haushalten zwischen Triest und Taormina gab. Die kleine Reiseschreibmaschine, die auf dem Gartentisch stand, hatte ein verblichenes Farbband, überhaupt war sie etwas altersschwach, aber für diesen Zweck durchaus geeignet, das spürte die Baronessa schon bei den ersten Anschlägen, eine gebrauchte, abgestumpfte Schreibmaschine, die sich nicht mehr aufregte, die sich nicht mehr weigern würde, bei keinem Satz streiken, auch nicht bei einem Brief wie diesem, den die Baronessa lange in ihrem Kopf herumgetragen hatte und den sie nun, während der Siesta, als das Personal im Gartenhaus in einen leichten heißen Sommerschlaf gefallen war, auf den weißen Bogen tippte: »Carlo, wo hast du deine Augen? Was rennst du herum in diesem Dorf wie ein Gockel und weißt nicht, daß deine Frau dich betrügt? Nachts, wenn du Dummkopf das ungesalzene Brot für die Leute von Azzuro knetest, dann läßt auch Renata sich kneten, aber nicht von Bäckerhänden, nicht so grob, wie du mit deinen Broten umgehst. Während du arbeitest, setzt sie dir Hörner auf, du Dummkopf! Eines Tages wird das ganze Dorf darüber reden, alle werden über dich lachen, ihr Gelächter wird bis zum Hahn hinaufschallen, der sich oben auf dem Kirchturm dreht.
Wie lange willst du dir das noch gefallen lassen, Carlo? Bist du kein Mann?
Weißt du nicht, wie man eine Frau behandelt, die ihre Schenkel für einen anderen spreizt?
Einer, der es gut mit dir meint.«
Die Baronessa las den Brief zweimal durch, besserte einen Tippfehler aus, unterschrieb natürlich nicht, sondern faltete den Brief, steckte ihn in den Umschlag, den sie nicht beschriftete, und klebte ihn zu.
Später rief sie Luigi zu sich, den Sohn des Gärtners. Er stand neben ihr, in den ausgefransten Hosen, aus denen er längst herausgewachsen war, Bastsandalen an den nackten Füßen; er trug kein Hemd.
Die Baronessa schaute ihn an, und sie dachte: Er hat ein hübsches Gesicht, der Junge, dunkle Augen unter schweren Lidern und weiche Lippen. Sein Vater sollte ihm erlauben, die Haare wachsen zu lassen wie bei einem Mädchen, Frauen lieben Knaben mit langen, seidigen Haaren. »Wie schön weich deine Haare sind, Luigi«, sagte sie, während sie etwas länger als sonst die einzelnen Strähnen durch ihre Finger gleiten ließ. »Aber du solltest sie etwas länger wachsen lassen. Das würde dir gut stehen.«
»Länger? Aber ich bin doch kein Mädchen! Die anderen werden mich auslachen!«
»Wenn einer lacht, dann ist er dumm, Luigi, glaub mir das. Warte, ich hab was für dich.« Sie holte aus der Basttasche, in der sie ihr Strickzeug verwahrte, den Brief und schob ihn Luigi in den Hosenbund. »Hier«, sagte sie hastig, wobei sie sich umschaute, ob sie auch nicht beobachtet würden, »bring das ins Dorf. Aber sag keinem, von wem der Brief ist. Mach es so, daß dich niemand beobachtet. Hat du verstanden? Ich verlasse mich auf dich.«
Die dunklen Augen von Luigi waren plötzlich so schwarz wie die Weichselkirschen an dem großen Baum, die bald reif sein würden. »Für wen ist der Brief, Baronessa?«
»Für Carlo, den Bäcker. Mach rasch. Ich möchte nicht, daß dich jemand mit dem Brief sieht. Fällt er auch nicht heraus?« Sie fuhr mit dem Finger in seinen Hosenbund, um den Brief etwas weiter hinunterzuschieben.
Luigi wurde rot. Er wand sich verlegen und schob ihre Hand weg. »Scusi, Padrona«, stotterte er verlegen, als er in die aufmerksamen Augen der Baronessa schaute.
Die Baronessa lächelte erfreut. »Aber da mußt du dich doch nicht entschuldigen, Luigi!«
Luigi senkte den Kopf und schwieg.
»Wenn du den Auftrag ausgeführt hast, kannst du zu mir kommen. Dann gebe ich dir zehntausend Lire dafür.«
»Zehntausend Lire? So viel?« rief Luigi erstaunt.
Die Baronessa nickte. »Zehntausend für den Botengang und fünftausend für dein Schweigen.«
Luigi strahlte. »Dann hoffe ich, daß Sie noch viele Briefe schreiben werden, Baronessa. Und Luigi wird schweigen wie die Madonna in der Grotte!«
Die Baronessa zwinkerte ihm zu. »Gut, Luigi. Das ist sehr gut. Aber warten wir erst einmal ab, was mit diesem Brief geschieht. Ich hoffe«, sie seufzte, weil sie plötzlich an Fabio denken mußte, der sie so schmählich verlassen hatte, »ich hoffe, daß mir diese Sache den langen Sommer ein wenig verkürzt. Also mach rasch, Junge! Lauf zu! Und daß dich keiner sieht!« Sie schaute dem großen Jungen nach, wie er quer über den Rasen lief, mit den nackten Armen die Jasminhecke teilte und hindurchtauchte, wie die Hecke sich hinter ihm schloß, mit leise zitternden Blüten und einem sanften Rascheln der jungen Blätter.
Die Baronessa ging langsam auf die Jasminhecke zu, pflückte einen Zweig mit einer schweren, schneeweißen Blütendolde und ging, die Blüten an ihr Gesicht gepreßt, zu ihrem Stuhl zurück. Sie fragte sich, warum Luigi ihr früher nicht aufgefallen war. Er war doch neben ihrem Haus aufgewachsen, sie hatte ihn gesehen, wie er, nach der Schule seinem Vater helfend, mit dem Rasenmäher unter den Oleanderbüschen herumgekrochen war, hatte ihn später gesehen, mit dem Abschlußzeugnis in der Hand, wie er sie bat, eine Lehrstelle für ihn zu finden, aber wo sollte sie, eine Baronessa aus Rom, hier für ihn eine Lehrstelle finden? Und dann hatte sie ihn nicht mehr gesehen. Filippo hatte nicht von ihm gesprochen, Luigi weigerte sich wohl, seinem Vater bei der Gartenarbeit zu helfen, er tat sicher das, was alle arbeitslosen Jugendlichen von Azzuro taten. Er vertrödelte die Tage mit der Lektüre billiger Heftchen in seiner Kammer, um sich dann, wenn die Sonne hinter den Weinbergen verschwand, stundenlang schön zu machen für den Abendspaziergang auf der Piazza, mit der Spiegelsonnenbrille, die in diesem Jahr jeder haben mußte, mit Öl in den Haaren, die dünnen Barthärchen am Kinn sorgfältig rasiert, während man den Flaum auf der Oberlippe stehen ließ, um leicht, nach jedem Schluck Bier, den man auf der Piazza trank, mit dem Handrücken darüber zu fahren. Eine Geste, die von den Mädchen, die weiter entfernt in einer Gruppe herumstanden und sich kichernd Geschichten zuraunten, mit einer Mischung aus Andacht und Verlegenheit beobachtet wurde.
So einer war Luigi wohl geworden. Ein Junge, der den ganzen Tag nichts zu tun hatte und dem heiße Gedanken den Körper matt und fiebrig machten.
Auch in dieser Nacht fand die Baronessa keinen Schlaf. Obwohl die hohen Fensterflügel weit geöffnet waren und eine leichte Brise über ihr Bett strich, auf dem sie nackt, nur von einem dünnen Leinentuch bedeckt, den Morgen erwartete, fühlte sich ihr Körper so heiß an wie am Tag. Es war ihr, als heize sich die Matratze unter ihrem Körper auf, und sooft sie sich herumwälzte, einen kühlen, noch unberührten Platz auf ihrem Bett suchend, war es auch dort wenige Augenblicke später so glühend, daß sie aus dem leichten Halbschlummer, in den sie gefallen war, rasch wieder erwachte.
Fledermäuse flatterten um den schlanken Turm, der an der Westseite der Villa erbaut worden war, ihr Großvater hatte den Turm damals bestellt bei dem Architekten Oissaro, der sehr in Mode war. Alle reichen Leute aus Mailand und Rom wollten damals solche Türme an ihren Sommerhäusern haben, wollten sich in dem Gefühl wiegen, ein Schloß zu besitzen, eine Burg, sie träumten wohl von romantischen Spielen im Schloßhof, von schönen Fräulein, die sich oben aus dem Turmfenster beugen würden, ihnen zuwinken würden, ihnen eine Rose zuwerfen würden als Zeichen des Willkommens.
Die Eulen kamen, nisteten sich in den Türmen ein, die nie bewohnt wurden, fraßen die Spinnen, die sich dort zwischen den morschen Balken eingerichtet hatten, jagten die Mäuse, die unter den Treppenabsätzen hausten, und schrien ihre heiseren Rufe in die mondhelle Nacht.
Manchmal strich eine Katze unten im Garten vorbei, und ihre schamlosen Liebesschreie ließen alle anderen Geräusche der Nacht für einen Augenblick verstummen. Die Glühwürmchen hörten auf, ihre kleinen goldenen Lichtpunkte zwischen die Sträucher zu werfen, die Libellen verharrten reglos in der Luft, mit zitternden Pergamentflügeln, das Käuzchen zog seinen Kopf ein und machte sich unsichtbar in den Zweigen der alten Platane.
Die Baronessa liebte und fürchtete diesen Turm, in manchen Nächten, wenn die Herbststürme einsetzten, plante sie den Umzug in ein anderes, der Turmseite abgewandtes Zimmer, aber dann kamen Abende wie dieser, dann kamen Nächte wie diese, lau und süß und geheimnisvoll, und das Zittern in der Natur setzte sich fort bis in ihren Körper, die Geheimnisse der Luft wurden weitergetragen, und auch der Turm barg ein Geheimnis, das sich der Baronessa offenbarte, manchmal, in diesen Nächten.
Die Baronessa glaubte an das Übernatürliche in den Wesen, glaubte an Kräfte, die kein Physiker messen konnte, an chemische Verbindungen, die man in einem Reagenzglas nicht nachweisen konnte. Sie fühlte alle diese Spannungen und Vibrationen in sich selbst, in ihrem Körper, aber auch in ihrer Seele, wie ein Magnet zog sie alles an, jeden Geruch, jeden Windhauch, jeden Schrei in der Nacht. Und voller Unruhe stand sie dann auf, schlüpfte in eines ihrer wallenden Nachtgewänder, das wohl im Ritz von Paris jeden Zimmerboy beeindruckt hätte, aber hier, auf dem Lande, in der Provinz, wirkte es eher lächerlich und grotesk. Der rubinrote Samtmantel, dessen weitschwingende Glocke um ihre Beine wehte, leuchtete zwischen dem silbrigen Grau der Zypressen, vorbei an den moosbewachsenen Steinbalustraden, auf den weit ausschwingenden Marmortreppen, die hinab in den Garten führten, über den schmalen Weg, vorbei an den Ligusterhecken, dem glühenden Ginster, dessen betörender Geruch sie für einen Augenblick reglos verharren ließ, weiter an dem kleinen Gemüsegarten vorbei, in dem Filippo alle Kräuter zog, Thymian und Liebstöckel, Rosmarin und Basilikum. Der herbe Geruch der Zitronenmelisse mischte sich mit dem frischen Duft der riesigen, alles überwuchernden Pfefferminzstaude, die im Schatten der jungen Bohnenstauden prächtig gedieh.
Der Mond verfolgte das rubinrote Samtwesen, brachte manchmal kleine tückische Äste ins Spiel, die sich in ihrem Kleid verfingen und ein Dreieck in den Stoff rissen; dann fluchte die Baronessa leise, raffte den Samt enger um ihren Körper und hastete weiter, sorgsam darauf achtend, daß ihre Schritte keinen Lärm verursachten.
»Pst! Padrona!«
Die Baronessa blieb stehen. Sie atmete schwer, weil sie schnell gelaufen und an das Laufen nicht gewöhnt war. Sie lauschte. »Ich bin’s, Luigi!« Plötzlich stand der Junge vor ihr, schmal wie immer, sein Gesicht scharf und aufmerksam, die Augen leuchtend vor innerer Spannung. »Sie sind nicht da, Baronessa! Ich war eben bei der Grotte. Der Altar ist leer. Es ist keiner gekommen.«
Die Baronessa holte tief Luft. »Also auch du«, sagte sie, und plötzlich huschte ein Lächeln über ihr Gesicht, »auch du wolltest es dir noch einmal anschauen.«
Luigi nickte, er zwinkerte ihr zu wie ein Komplize. »Schlafen kann ich, wenn ich tot bin.«
»Das ist wahr.« Die Baronessa betrachtete lange den sehnigen Körper des Jungen, der sie an einen gespannten Bogen erinnerte, an eine Weidenrute, die man gebogen hatte und die man jeden Augenblick losschnellen lassen konnte. Eine zum Sprung bereite Katze. Irgend etwas ging von diesem Jungen aus, das die Baronessa faszinierte. Sanft strich sie mit den Fingern über sein Gesicht, das Kinn, den aufrechten Hals mit dem etwas hervorstehenden Adamsapfel. Aber er wich nicht zurück. Und seine Augen, in denen sich der Silbermond spiegelte, schauten sie unentwegt an.
»Wie alt bist du, mein kleiner Luigi?« sagte die Baronessa. »Sechzehn, Padrona.«
»Oh«, sagte die Baronessa. »Als ich so alt war wie du...« Sie stockte.
»Was war da?«
»Ach, ich weiß nicht. Dumme Gedanken in dem Kopf der Baronessa, Luigi. Immer diese dummen Gedanken. Ich glaube, das kommt nur von dem Bild, das wir gestern bei der Grotte gesehen haben. Was meinst du?«
Luigi strahlte. »Sie ist sehr schön, die Renata vom Bäcker. Ihr Fleisch leuchtet so weiß wie die Jasminblüten.«
»Du hast sie dir genau angesehen, nicht wahr?« Die Baronessa konnte ihre Hände nicht ruhig halten, sie strich über seine Schultern, seine Brust, spielte mit der Gürtelschnalle.
Luigi bewegte sich nicht. Nur die nackten Zehen krallten sich etwas mehr in den Sand. »Ich schaue mir so etwas gerne an«, sagte er ernst. »Es sieht sehr schön aus. Wie Adam und Eva im Paradies. Der Pfarrer hat uns erzählt, wie es dort früher gewesen ist. Aber er hat es so erzählt, daß ich es nie glauben konnte. Dieses ist das Paradies, das ich mir vorgestellt habe.«
»Ach«, die Baronessa hob amüsiert die Augenbrauen, ihre Hände spielten mit dem Reißverschluß seiner Hose. »Du willst es machen wie dieser Fremde? Glaubst du denn, daß du es kannst?«
»Warum nicht?« sagte Luigi ernst. »Ich habe mir alles sehr genau angesehen.«
»Vor allen Dingen, mein Kleiner, muß man die Frauen lieben. Das ist das große Geheimnis. Man muß ihren Körper lieben, ihre Haut, man muß ihre Sehnsüchte lieben, verstehst du? Alles wird erst schön, auch für dich, wenn du in den Frauen die Flamme entfachst.«
»Ja, ich weiß«, sagte Luigi. Er schaute sie an wie ein Klosterschüler, der seinem Pater zuhört, so voll Eifer, Inbrunst und Wißbegierde.
»Eines Tages«, sagte die Baronessa, »wird eine Frau dir zeigen, worauf es ankommt.« Ihre Finger berührten jetzt seine Lippen, die halb geöffnet und von der Sonne und der Hitze ein wenig aufgesprungen waren und unter ihrer Berührung leise zuckten. Luigi schwieg, ganz steif stand er da, ganz aufrecht, mit den in den Sand gekrallten Zehen, aber seine Lider zuckten, und die schweren gebogenen Wimpern flatterten wie Schmetterlingsflügel. Seine Brust hob und senkte sich, er bebte, die Baronessa spürte, wie er bebte, wie er versuchte, sich nichts anmerken zu lassen, wie aufgeregt er war, wie er beschämt, aber gleichzeitig auch stolz war über das, was er fühlte.
Er ist ein echter Italiener, dachte die Baronessa mit einem amüsierten Lächeln, er wird später mit hautengen Hosen durch das Dorf spazieren, wird breitbeinig auf einem Kaffeehausstuhl Platz nehmen und wird die Blicke der Frauen auf sein Geschlecht ziehen, als sei dies der Mittelpunkt der Welt.
Aber bevor es so weit ist, bevor er sich fühlt wie ein Papagallo, bevor er als Schürzenjäger herumzieht und mit kleinen, geilen Stubenmädchen ins Bett geht, bevor das alles geschieht, werde ich ihn haben. Oben in meinem Bett. Oben in diesem breiten Bett unter dem Seidenhimmel werde ich ihm erlauben, mir den Samtmantel auszuziehen, werde ich ihm erlauben, meine Brüste zu streicheln, an meinen Brustwarzen zu saugen, mit den Zähnen leicht darauf zu beißen, werde ich seine kleine, schmale, zitternde Hand zwischen meine Beine führen, in das Gewirr der krausen Schamhaare, werde ihm den Eingang zeigen zu meiner Höhle, der feuchten Höhle, in der das Geheimnis schlummert, das jeder Junge ergründen möchte. Die Schatzsuche, mein Kleiner, die beginnt und endet bei mir. Aber nicht heute. Für heute ist es genug.
Sie beugte sich vor, und ihre feuchten, warmen Lippen streiften ganz leicht sein Gesicht, so daß nichts davon blieb als ein bißchen Ahnung von ihrer Haut, von ihrem Geruch, dem süßen Duft eines reifen Körpers, gesteigert durch das Rosenparfüm, mit dem sie sich in solchen Sommernächten betupfte. »Ciao, mein Kleiner«, flüsterte sie, »bis bald.« Und dann raffte sie den rubinroten Mantel und lief zurück zum Haus, die brennenden Blicke des Jungen im Rücken.
Am andern Tag blieben die Fensterläden der Bäckerei geschlossen. Kein Duft frischgebackenen Brotes strömte durch die Eisengitter aus der unterirdischen Backstube, die Frauen versammelten sich vor der Ladentür, schüttelten die Köpfe, ballten die Fäuste und pochten gegen die Tür, daß es innen im Haus und draußen in der schmalen Gasse widerhallte. »He, Carlo! Was ist los, zum Teufel, wieso machst du nicht auf? Unsere Männer wollen ihr Brot! Unsere Männer müssen zur Arbeit! Was ist los, zum Teufel?« Endlich, nachdem der Lärm die Gasse gefüllt hatte und überall die Fenster aufgesprungen waren, Schreie hin und her flogen, das Gerücht, daß Carlos Laden geschlossen war, sich bis zum Marktplatz fortgepflanzt hatte, ging oben im zweiten Stock des schmalen, alten Hauses die Fensterklappe auf.
Carlos Mutter steckte den Kopf heraus, sie war ungekämmt, das Haarnetz, mit dem sie nachts das schwere Gewicht ihrer Haare bändigte, hing an der Seite herunter, und alle im Dorf konnten sehen, daß Carlos Mutter in dieser Nacht ein himmelblaues Nachthemd aus Kunstseide getragen hatte, dessen Träger gerissen und mit rosafarbenem Garn schlampig geflickt waren. »Heilige Madonna!« schrie Carlos Mutter zu den Leuten herunter. »Was schreit ihr so? Warum schert ihr euch nicht in eure Häuser zurück? Seht ihr nicht, daß der Laden geschlossen ist? Heute gibt es kein Brot! Basta!« Sie knallte den Fensterladen wieder zu.
Die Frauen unten sahen einander ratlos an. »Was soll das heißen, heute gibt es kein Brot?« Eine schrille Stimme erhob sich über das Gemurmel der anderen. »Ist die Bäckerei nicht ein Geschäft wie jedes andere? Haben wir heute etwa einen Feiertag? Wenn Carlo glaubt, er kann sich das leisten, dann werden wir es ihm zeigen! Dann kaufen wir unser Brot eben bei Gerado.«
Gerado war der Fahrer des Lieferwagens, der täglich einmal mit seinen Lebensmitteln auf dem Marktplatz hielt, wo er, eine kleine Messingglocke in der Hand, so lange bimmelte, bis die Frauen mit ihren Körben aus den Häusern kamen, um nachzusehen, was Gerado diesmal anzubieten hatte. Gewöhnlich kaufte man ihm die frischen Muscheln ab, die er frühmorgens von der Küste geholt und zwischen Eisblöcken gelagert hatte, damit sie frisch blieben. Aber Gerado hatte auch Brot, schönes Sesambrot und Weizenbrot, ein bißchen gesalzen, wie es die Fremden gerne aßen. Man würde also das gesalzene Brot von Gerado kaufen, wenn Carlo das Geldverdienen nicht mehr nötig hatte... »Aber könnte es nicht sein«, sagte die Frau des Arztes, »daß etwas passiert ist? Ich meine, bis jetzt hat uns Carlo doch noch nie im Stich gelassen.«
Die Vorstellung, daß etwas Außergewöhnliches passiert sei, das Carlo dazu gebracht haben konnte, seine Pflichten als Bäcker derart zu vernachlässigen, veranlaßte die Frauen, wild schwadronierend auf der Straße stehenzubleiben. Alle wußten sie, hinter welchen der blauen Fensterläden Carlos Schlafzimmer lag, alle hatten sie schon die mit geblümten Baumwollstoff bezogenen Federbetten aus dem Fenster hängen sehen, dahinter das immer etwas nervöse Gesicht von Renata, und manchmal, wenn Carlo morgens aus der Backstube gekommen war und sie hier beim Bettenmachen überraschte, hatten sie Renata schreien hören: »Nicht, Carlo! Nicht jetzt!« Und dann sein Brummen und dann das Quietschen der Bettfedern und dann Stille. Aber jetzt waren die Läden verschlossen, und es sah nicht so aus, als ob sich daran so bald etwas ändern würde. Eine merkwürdige Sache.
»Carlo ist fort, Padrona!« Luigi stand in ihrem Salon. Barfüßig, mit ungekämmten Haaren stand er neben dem Steinway-Flügel, auf dem die Baronessa gerade das Zigeunerlied aus »Carmen« spielte, stellte sich einfach neben sie, legte die Hand mit den kurzgeschnittenen, erdfarbenen Nägeln auf den Ebenholzlack des Flügels und sagte: »Carlo ist fort! Und seine Frau hat er mitgenommen.«
Die Baronessa hört auf zu spielen. Sie blieb noch einen Augenblick so sitzen, mit geschlossenen Augen, die Finger auf den Tasten, und lauschte dem letzten Akkord nach. Die Liebe vom Zigeuner stammt... Dann öffnete sie die Augen und schaute Luigi an.
Sein Gesicht war so enttäuscht, so traurig.
Sie lächelte gerührt. Sie nahm seine Hand zwischen ihre Handflächen und rieb sie leicht. Sie legte diese Hand ganz nah an ihren Busen und spürte, wie seine Finger sich bewegten, wie seine Finger zuckten. Noch nie war seine Hand ihr so nahe gewesen, so nah an ihrer süßen, gepflegten Haut, die nach französischem Puder roch. »Dann gibt es keine Vorstellung mehr für dich, Luigi«, sagte sie. »Kein Rendezvous an der Grotte. Schade, nicht wahr?«
Luigi preßte die Lippen aufeinander und nickte: »Die Leute reden viel im Dorf. Aber keiner weiß genau, warum die beiden fort sind. Nicht einmal die Mutter. Carlo hat mit Renata ge-schrien, in der Nacht. Vielleicht hat er sie auch geschlagen, sagen die Leute.« Er schaute die Baronessa an.
»Geschlagen? Pfui! Wie ordinär!« Die Baronessa erregte sich. »Glaubst du das wirklich? Mit seinen Händen geschlagen? Die nackte Renata?«
»Ich weiß nicht«, sagte Luigi kläglich. »Die Renata kann einem leid tun.«
»Luigi, du Kindskopf! Was tut dir denn leid? Nichts muß dir leid tun! Das Leben ist so, ecco! Das Leben besteht aus Küssen und Schlägen, weißt du. Nichts ist schlimmer als immer nur Küsse und Streicheln und süße Worte, wie schnell das langweilig wird! Spannend ist nur die Abwechslung. Spannend ist nur der Anfang, Luigi. Oder stell dir einmal vor, sie hätten sich nun jede Nacht da in der Grotte der Madonna getroffen. Hätten sich jede Nacht geliebt, er hätte jede Nacht wie ein Kind an ihren großen Brüsten getrunken - wäre das nicht schrecklich langweilig gewesen?«
»Ich weiß nicht«, sagte Luigi leise, und die Baronessa wußte, daß er ganz anders darüber dachte. Jemand, der nicht die aufregenden Anfänge einer Liebe erlebt hatte, sondern nur erst davon träumte, von den ersten Küssen, den ersten Liebkosungen, dem ersten Berühren der Haut, dem ersten Zucken, dem ersten Schrei - der konnte nicht an das Ende denken. Das war für Luigi noch so weit weg, wie der Sonnenaufgang vom Sonnenuntergang entfernt ist.
»Du bist nicht böse mit mir, amore?« Die Baronessa streichelte seinen Handrücken, seinen Arm, zog ihn ein wenig weiter zu sich heran, so weit, daß er den Geruch ihres Parfüms noch stärker spürte, daß die Locken ihrer Haare sein Gesicht kitzelten, ein Gefühl, das sich in seinem Körper fortsetzte bis in seinen Bauch.
»Nicht böse, nein«, murmelte Luigi, schon ganz benommen. »Du weißt, daß ich den Brief geschrieben habe?«
»Ja, ich weiß es«, murmelte Luigi. Dieser Morgenrock aus Seide, den sie trägt. Wie er raschelt, wenn sie die Beine übereinanderschlägt. Wie die Knie glänzen. Wie weiß ihre Haut ist. Wie weich wohl, wie süß...
»Es tut mir leid, amore mio«, sagte die Baronessa, die das Zittern seines Körpers spürte, »wenn ich dich um dein Vergnügen gebracht habe. Aber ich möchte nicht, daß du ein Voyeur wirst.«
»Was ist das, ein Voyeur?«
»Ach, das ist ein Mann, der zuschaut, wenn andere sich lieben. Das ist einer, der Angst hat, es selbst bei einer Frau zu versuchen. Hast du auch Angst davor, mein Kleiner?«
Luigi schluckte. »Ich weiß nicht, Baronessa«, keuchte er. »Ich habe nicht...«
»Das ist auch gut so, mein Kleiner. Der Anfang ist das Allerschönste. Wenn man nichts weiß, wenn man noch gar nichts weiß, dann ist es am aufregendsten. Alles ist neu. Eine Entdeckungsreise. Du hast schöne Lippen, mein Kleiner. So weich. So rund und so voll.« Sie fuhr mit dem Zeigefinger über seine Lippen. Luigi spürte wie seine Knie nachgaben. Er schwankte.
»Und so einen schönen Körper. Dieses Hemd hat deinem Vater gehört, nicht wahr? Es ist zu groß für dich.« Sie fuhr mit der Hand zwischen dem dritten und vierten Knopf unter das Hemd und streichelte seine nackte Brust. »So zart, diese Haut. So jung. Du zitterst so, mein Kleiner. Ist dir kalt?«
»Nein, nicht kalt...«
»Schau mal, wie warm mir ist, hier, fühl mal.« Sie nahm seine Hand, schob sie in den seidenen Ausschnitt ihres Morgenrocks, und tatsächlich war sie nackt. Er hatte sich immer gedacht, daß sie nackt sein müsse, seine Eltern hatten manchmal darüber gesprochen, flüsternd, abends beim Wein. Er hatte getan, als schaue er in den Fernseher, hatte aber alles gehört. Über die Wäsche der Baronessa hatte seine Mutter gesprochen. Seide und Spitzen, alles hauchdünn und so winzig. »Die Frau hat keine Scham«, hatte seine Mutter flüsternd gesagt, »sie hat keine Moral, das ist immer so bei diesen reichen Leuten, die nicht mehr an Gott glauben. Gott ist für sie etwas anderes, ihr Gott ist der Luxus.« - »Und die Lust«, hatte sein Vater hinzugefügt, »und die Gier.« Und dann hatte er die Flasche mit dem Rotwein an den Mund gesetzt und hastig getrunken, daß der rote Saft über sein Kinn troff, hatte ihn mit dem Handrücken abgewischt, schmatzend, und seine Frau angeschaut, und sie hatte gelächelt, und Luigi wußte: Da ist ein Geheimnis, das wollen sie mir nicht verraten. Aber ich werde es erfahren, eines Tages... Jetzt würde er es erfahren. Unterwäsche aus Seide und Spitze... Jetzt war sie nackt... Wie weich die Haut... Wie groß diese Brust... Und die Brustwarzen waren ganz hart...
»Schließ die Tür, amore«, flüsterte die Baronessa. »Mach schnell! Schließ die Tür! Auch die Terrassentür! Zieh die Gardinen zu! Beeil dich!«
Luigi rannte. Sein Herz raste. Sein Blut pochte. Er riß an den Gardinen, knallte die Tür zu, ihm war so heiß, vor seinen Augen tanzten Sterne, seine Zunge war ganz dick im Mund, seine Beine ganz steif...
Er kam zu ihr zurück. Die Baronessa war aufgestanden, lehnte an dem Flügel, den seidenen Morgenrock hatte sie wieder zurechtgezupft. Luigi stellte sich vor sie hin, auf einmal wieder verlegen und hilflos. Das ungewisse Licht im Raum. Der schmale Spalt, durch den die Sonne hereindrang und in dem die Staubkörner funkelten.
»Deine Hose ist zu eng«, sagte die Baronessa, »spürst du das nicht?« Sie fuhr mit den Händen wie prüfend über seine Hose, den Reißverschluß, zog ihn auf, schob ihre Hand hinein, diese kühle, zarte Luxushand, plötzlich lag sie an seinen Lenden, so kühl, so schön, so leicht. Die Baronessa zog die Hose herunter, er schloß die Augen, wollte nicht sehen, wie die Hose an seinen Beinen herunterrutschte.
»Ach«, sagte die Baronessa amüsiert. »Ganz nackt, der große Junge. Und so schön.« Sie bückte sich, kniete fast vor ihm, sagte: »Komm, heb deinen Fuß«, und streifte das Hosenbein über seinen Fuß, erst das rechte, dann das linke, er gehorchte, wie gelähmt, ohne eigenen Willen, er bestand nur noch aus Haut, aus dem Pochen zwischen seinen Beinen. Und wie sie sich jetzt erhob, wie seine Knie zufällig ihren Busen berührten, wie sie sich an ihm emporwand, ihr Morgenrock sich wieder öffnete, wie er das alles fühlte, den Seidenstoff und die Haut, und er wußte nicht, was angenehmer war, der Stoff oder die Haut. Wie sie ihren Busen an ihm rieb und ihren Bauch, und wie es in seinem Kopf dröhnte und rauschte, und wie ihre Hände ihn berührten, zwischen seinen Schenkeln verweilten, auf seinem Bauch, an seinem Hintern, wie sie roch und wie sie ihn küßte, seinen Bauch küßte, seine Schenkel küßte! Wie aus weiter Entfernung hörte er sie sagen: »Ja, so ist es gut, amore, zeig mir, wie groß du bist, wie schön du bist. Du bist ja wirklich ein richtiger Mann. Magst du es, wenn ich dich da streichle?« Luigi stöhnte und biß sich auf die Lippen, bis sie bluteten, schloß die Augen, wankte, spürte, wie es heiß zwischen seinen Schenkeln herausschoß, er konnte nichts dagegen tun, es war ihm peinlich, aber die Baronessa sagte: »Ja, amore, so ist es gut. Beruhige dich. Leg dich hin. Wie schön du bist. Ein Gesicht wie Raffael. Ein Engel, küß mich, du Engel, sieh mich an. Sieh dir alles an. Hast du gewußt, daß es so ist? Findest du mich schön? Willst du mich anfassen?« Sie nahm seine Hand und legte sie auf das Dreieck zwischen ihren Schenkeln. »Streichle mich hier. Hier, wo es feucht ist. Denk dir, mein Herz schlägt da, wo du mich an der richtigen Stelle berührst. Oder denke dir, es ist mein Mund, meine Lippen. Ja, jetzt hast du diese Stelle gefunden, mein Kleiner. Merke dir diesen Punkt, und die Frauen werden dich dafür lieben. Streichle mich. Schneller, schneller! Stärker! O ja, du kannst es wie ein Gott. Wie ein kleiner Gott der Liebe. Mach weiter, jetzt nicht aufhören, nicht aufhören! Ja, ich schreie, aber hab keine Angst, so schreit eine Frau, die glücklich ist, mein Engel...«