Almudena Grandes

Mein Griechischprofessor lehnte an einer der mächtigen Säulen im Foyer und musterte mich mit ironischem Blick.

»Wohin willst du denn, in dieser Aufmachung?«

Ich grinste und suchte nach einer glaubwürdig klingenden Erklärung, die mein Äußeres gerechtfertigt hätte, aber mir fiel nichts ein. Ich merkte, wie mir die Hände zitterten. Darum steckte ich sie in die Manteltaschen. Meine Lippen zitterten ebenfalls, also beschloß ich, etwas zu sagen.

»Komm, Félix, lad mich zu einem Kaffee ein...«

»Da bist du auf dem Holzweg, wenn du glaubst, ich setze meinen mühsam erarbeiteten Ruf aufs Spiel und lasse mich mit einem so angezogenen Mädchen sehen.«

»Von was für einem Ruf sprichst du eigentlich? Los komm, lad mich zu einem Kaffee ein.« Ich hakte ihn unter, und wir machten uns auf den Weg zur Bar im Keller.

Félix war ein ausgezeichneter Griechischprofessor, ein äußerst intelligenter Mensch mit feinsinnigem Humor und ein alter Freund von mir. Ich war drei- oder viermal mit ihm ins Bett gegangen, es hatte mir durchaus gefallen. Aber er besaß einen Fehler. Er war ein schreckliches Klatschmaul und deshalb die letzte Person, die ich an jenem Nachmittag treffen wollte.

Die Sache entwickelte sich nicht gerade günstig.

Das Warten zu Hause hatte mich so nervös gemacht, daß ich schließlich beschlossen hatte, eine halbe Stunde eher als vorgesehen aufzubrechen. Da ich mir vorgenommen hatte, eine halbe Stunde früher an der Fakultät zu sein, damit ich mich in die Mitte der ersten Reihe setzen konnte, hatte ich in dem Augenblick, als ich Félix traf, noch eine ganze Stunde Zeit. Zu lange, um vor der verschlossenen Hörsaaltür auf und ab zu gehen.

Ich hatte natürlich nicht daran gedacht, daß die Tür möglicherweise verschlossen sein könnte. Ich war auch nicht auf den Gedanken gekommen, das zu überprüfen, obwohl ich doch jeden verdammten Vormittag daran vorbeikam.

Das beste war, in die Bar hinunterzugehen, sich ein wenig abseits an einen Tisch zu setzen und ein Weilchen zu klatschen. Ich war in der Stimmung, in allem günstige Vorzeichen zu entdecken. Also beschloß ich, auch meine Begegnung mit Félix als ein gutes Omen zu betrachten.

»Trägst du etwas unter dem Mantel?« Er starrte mich mit unverhohlener Neugier an.

»Natürlich habe ich etwas an! Kleidung. Ich bin komplett angezogen.« Ich versuchte, beleidigt zu erscheinen. »Aber ich verstehe nicht, warum du so viel Aufhebens um meine Aufmachung machst, nicht einmal, wenn ich mich verkleidet hätte.«

»Du bist verkleidet. Unglückseligerweise weiß ich nur nicht als was, aber selbstverständlich bist du verkleidet.«

Ich würde ihm nichts vormachen können, deshalb wechselte ich lieber das Thema.

Als ich zum Tresen ging, um Kaffee zu bestellen, kicherten an den vorderen Tischen ein paar Erstsemesterstudenten und stießen sich mit den Ellbogen an.

Ich fragte mich ernsthaft, ob ich nicht doch zu dick aufgetragen hatte.

Der Mantel machte mir weiter keine Sorgen. Ein weißer Wollmantel ist ohnehin schon auffallend. Genau aus diesem Grund hatte ich ihn mir ja ausgeliehen, ich wollte ja um jeden Preis Aufmerksamkeit auf mich ziehen.

Das Schlimmste waren die Kniestrümpfe in undefinierbarem Beige. Sie rutschten mir ständig auf die Knöchel runter. Die Gummibänder hatten sich als äußerst widerstandsfähig erwiesen. Erst nachdem ich sie dreimal gekocht und anschließend einige Tage auf dickbauchige Sektflaschen gespannt hatte, rutschten sie mit überzeugender Natürlichkeit die Beine runter, obwohl ich sie gerade erst gekauft hatte und zum ersten Mal trug.

Selbst wenn vielleicht die Strümpfe allein noch nicht so lächerlich wirkten, sahen sie natürlich zusammen mit den Schuhen schauderhaft aus. Ich mußte an den Kreis von Verkäuferinnen denken, der sich im Schuhgeschäft um mich gebildet hatte. Ich hatte gebeten, man möge mir das braune Modell mit dem höchsten Absatz in Größe neununddreißig bringen. Dann holte ich einen Strumpf aus der Tasche, zog ihn mir über den Fuß und probierte reihenweise Schuhe, wobei ich gründlich die Wirkung in den kleinen, an Säulen gelehnten Spiegeln studierte. Ich entschied mich für ein paar sehr schlichte Pumps, die mich neun Zentimeter größer machten.

Aber an dem Tag im Schuhgeschäft hatte ich normale Nylonstrümpfe getragen. An diesem Nachmittag im Februar hatte ich keine an, meine Beine waren nackt, den Mantel dagegen hatte ich bis unters Kinn zugeknöpft.

Wahrscheinlich hatte ich zu dick aufgetragen, aber jetzt gab es kein Zurück mehr. Ich setzte mich neben Félix und wartete ab. Der Pedell hatte mir gesagt, daß die Türen gewöhnlich ungefähr zehn Minuten vor Beginn der Veranstaltung geöffnet wurden. Ich verdrückte mich fünf Minuten früher, indem ich vorgab, ich müßte mal zur Toilette. Langsam stieg ich die Treppe hoch, gelangte ins Foyer und schlich mich durch die offene Tür. Ich setzte mich genau in die Mitte er ersten Reihe.

Eine ganze Weile war ich die einzige Person in dem großen Hörsaal.

Rein zufällig hatte ich von der Veranstaltung erfahren. Die Fakultät für spanische Philologie organisierte andauernd solchen Zauber. Die Zettel und Plakate am Schwarzen Brett hatten mich nie besonders interessiert. Jetzt aber suchte ich Nachhilfeschüler, ich brauchte Geld, weil ich im Sommer auf jeden Fall nach Sizilien fahren wollte, und man hatte mir erzählt, daß dort ein paar neue Zettel aushingen, zwei dumme Erstsemester, die höchstwahrscheinlich Probleme mit dem Gebrauch des Dativs hatten.

Und so entdeckte ich seinen Namen, winzig klein gedruckt, inmitten vieler anderer Namen.

Angst, Horror vor der Wirklichkeit, vor der endgültigen Enttäuschung, denn danach würde ich ihn nie zurückgewinnen, ihn mir nicht mehr in das große, leere Haus hineinphantasieren können, wo wir uns geliebt, hatten. Angst, ihn für immer zu verlieren.

So viel Zeit war vergangen.

Ihn in meinem Gedächtnis zu bewahren war für mich einfach gewesen. Ich lebte ein langweiliges, arbeitsames Leben. Ich war allein, vor allem nachdem Marcelo ausgezogen war. Meine Tage verliefen alle gleich, grau, der ewige Kampf, um mir einen eigenen Raum in dem überfüllten Haus zu erobern, die ständige Einsamkeit inmitten all der Menschen, die ständigen Diskussionen - ich denke nicht daran, Jura zu studieren. Papa, da kannst du dich auf den Kopf stellen - die ständige Fragerei, die darauf abzielte zu testen, wie gefestigt mein Glaube war. Ich war in die Partei eingetreten, mehr aus Sentimentalität denn aus anderen Motiven, und das, obwohl die beiden bereits wieder ausgetreten waren. Marcelo hatte mich merkwürdig angegrinst, als ich ihm davon erzählte. Das ständige Drängeln, meine jeweiligen Freunde zum Abendessen einzuladen - meine Mutter verstieg sich zu dem Glauben, daß all die Typen, mit denen ich im Lauf der Jahre ins Bett ging, auch meine festen Freunde waren. Und ständig das einsame Praktizieren einer tristen und ernüchternden Lie be, jeden Tag das gleiche.

Vielleicht wäre ich glücklich gewesen, wenn es ihn in meinem Leben nie gegeben hätte, aber es hatte ihn gegeben. Dreiundzwanzig Tage bevor er nach Philadelphia ging, hatte er mich an sich gebunden. All die seitdem verstrichenen Jahre zählten nicht, sie waren nichts weiter als eine Überbrückung, unbedeutend, ein Ersatz der wirklichen Zeit, des Lebens, das erst beginnen würde, wenn er zurückkäme.

Und er war zurückgekommen.

Ich entdeckte seinen Namen am Schwarzen Brett, kleingedruckt, und seitdem war mein Körper wie ausgebrannt.

Ich verzehrte mich vor Begehren.

An dem, was ich mir eigentlich gewünscht hatte, machte ich von Tag zu Tag alarmierende Abstriche. Indessen bereitete ich meinen Auftritt gründlich vor. Ich ging zu Chelo, um die Plastiktüte zurückzuholen, die sie in den letzten drei Jahren für mich in ihrem Kleiderschrank aufbewahrt hatte, und zwar seit jenem Nachmittag, an dem meine Mutter mir erzählt hatte, daß das gelbe Kleid, das Patricia gerade trug, jenes war, das Amelia erstmalig ausgeführt hatte, jenes, das meine Großmutter mir einst geschenkt hatte. Wie das Kind doch gewachsen ist, sie ist nun fast schon so groß wie du. Ich wartete nicht darauf, daß Patricia auch noch die Uniform in Besitz nahm, ich brachte sie einfach in Sicherheit und lief den ganzen Sommer mit Unschuldsmiene herum, betonte immer wieder, das mit der verschwundenen Uniform sei ja wie verhext.

Ich beging den Fehler, Chelo zu fragen, ob sie mir einen großen Gefallen erweisen könne. Aber natürlich, weißt du doch. Rasier mir die Möse. Was? Ich trau mich nicht so recht, es allein zu machen. Was? Ob du mich rasierst, zu zweit ist es einfacher. Sie weigerte sich, natürlich weigerte sie sich. Das hatte ich schon erwartet, weil ich ihr die Geschichte mit Pablo erzählt hatte. Sie wußte, daß es für ihn war, und meine Bitte beleidigte sie ziemlich. Nie, niemals würde sie ihm seine Fahrlässigkeit in puncto Verhütung verzeihen, sie warf sie ihm in zweifacher Hinsicht vor. Zu jener Zeit hatte Chelo noch nicht die Wonnen des geschundenen Fleisches entdeckt, ihr gefielen nur die ganz, ganzfortschrittlichenjungen, sie schätzte den Koitus interruptus als eine Mischung aus höflicher Geste und Durchsetzung von Gleichheitsprinzipien. Am Ende mußte ich es in aller Heimlichkeit, im Badezimmer, allein hinkriegen. Vorsichtig nahm ich den Spiegel von der Wand, um drei Uhr morgens, damit nur ja niemand an die Tür klopfte. Ich brauchte fast zwei Stunden, ich machte sehr langsam, weil ich doch so tolpatschig bin, aber schließlich war ich mit dem Ergebnis einigermaßen zufrieden. Als ich dort saß, in der Mitte der ersten Reihe, fühlte ich meine nackte, glatte Haut. Inständig flehte ich zu den Göttern, sie mögen sich meiner erbarmen, er sollte mich nehmen, mich nicht zurückweisen. Ich wagte nicht, um mehr zu bitten, er sollte mich nur nicht abweisen, mich wenigstens einmal nehmen, bevor er wieder verschwand.

Nach und nach begann sich der Saal mit Menschen zu füllen. Ein kleingewachsener Mann mit Glatze und Backenbart war der erste, der auf dem Podium Platz nahm. Pablo kam mit einem Mann herein, der einen Bart nach der Mode des vorherigen Jahrhunderts trug. Sie unterhielten sich, und am Fuß der kleinen Treppe umarmte ihn der Bärtige stürmisch. Pablo nahm als letzter ganz außen auf dem Podium Platz.

Fünf Jahre, zwei Monate und elf Tage waren vergangen, seit ich ihn das letzte Mal gesehen hatte. Sein Gesicht, die ziemlich große Nase und der kantige Kiefer, hatte sich kaum verändert. Wesentlich mehr weiße Strähnen hatte er auch nicht bekommen, sein Haar war immer noch überwiegend schwarz. Seine Figur dagegen war um einiges schlanker geworden. Das wunderte mich, denn Marcelo erzählte immer, daß in Philadelphia gut und viel gegessen wurde. Pablo aber hatte abgenommen, und dadurch wirkte er noch größer und schlaksiger. Das hatte mir schon immer am meisten an ihm gefallen, ständig wirkte er, als würde er gleich auseinanderfallen, zu viele Knochen für so wenig Fleisch.

Sein Alter stand ihm gut.

Während der Typ mit dem Backenbart die Teilnehmer mit schier unerträglicher Langsamkeit vorstellte, zündete Pablo sich eine Zigarre an und ließ seinen Blick durch den Saal schweifen. Er blickte in alle Richtungen, nur nicht in meine.

Ich ertrug es kaum noch.

Ich schwitzte. Und ich hatte Angst.

Ich wagte nicht, ihm direkt ins Gesicht zu sehen, aber ich spürte, daß er stockte.

Er sah mich fest an, mit halb geschlossenen Augen. Ein merkwürdiger Gesichtsausdruck. Dann lächelte er mich an, und erst danach bewegte er stumm seine Lippen, zwei Silben, so als sage er meinen Namen.

Er hatte mich erkannt.

Ich handelte genau nach Plan. Unendlich langsam knöpfte ich meinen Mantel auf. Darunter kam die entsetzliche braune Schuluniform zum Vorschein. Ich versuchte, sicher zu wirken, aber innerlich fühlte ich mich wie ein alter und schlechter Gaukler, der mit äußerster Mühe den Schein wahrt, während er nur noch darauf wartet, daß die acht Holzflaschen, mit denen er jongliert, ihm gleichzeitig auf den Kopf fallen.

Pablo bedeckte sich mit einer Hand das Gesicht. So saß er ein paar Sekunden lang, dann blickte er mich wieder an. Er lächelte noch immer.

Er sprach wenig an jenem Nachmittag, und er sprach schlecht, ein paarmal verlor er den Faden, stotterte und vermittelte den Eindruck, als könne er nur mit Müh und Not Sätze von mehr als drei Worten bilden. Unverwandt starrte er mich an, meine Nachbarn sahen neugierig zu mir hin.

Als der Alte mit dem Backenbart die Diskussionsrunde eröffnete, erhob ich mich von meinem Sitz.

Erstaunlicherweise trugen mich meine Beine.

Ohne zu stolpern, stolzierte ich gemächlich aus dem Saal. Ich durchquerte das Foyer, sah mich nicht um und ging durch die Glastüren nach draußen. Ich war höchstens acht oder neun

Schritte auf und ab gegangen, da hatte er mich bereits eingeholt. Er legte seinen Arm auf meinen, faßte mich am Ellbogen und drehte mich zu sich herum. Nachdem er mich eingehend von Kopf bis Fuß gemustert hatte, berührte er mich mit seinem Zauberstab.

»Wie schön, Lulú! Du bist gar nicht erwachsen geworden...«

Er nahm mein Geschenk mit vornehmer Zurückhaltung an. Er hatte meine Aufmachung verstanden und enthielt sich jeglichen Kommentars. Er sprach wenig, nur das Notwendigste. Freiwillig lief er in meine Fallen. So ließ er mich wissen, was ich wissen wollte.

Er nahm mich mit zu sich nach Hause, in ein geräumiges Studio, vollgestellt mit Sachen, mitten im Stadtzentrum.

»Was ist mit Moreto passiert?«

»Meine Mutter hat das Haus vor ein paar Jahren verkauft.« Er schien das zu bedauern. »Sie hat sich ein protziges Landhaus in Majadahonda gekauft.«

Dann ließ er schweigend seinen Blick über mich hingleiten, musterte mich von Kopf bis Fuß. Er hob meine Arme hoch und hielt sie so, während er mir den Pullover über den Kopf zog. Er knöpfte mir die Bluse auf, zog sie mir aus, blickte mir ins Gesicht und lächelte. Ich trug keinen Büstenhalter. Er erinnerte sich noch an alles. Er bückte sich, packte mich an den Knöcheln und hob mich brüsk hoch, so daß ich das Gleichgewicht verlor. Er zog meine Beine zu sich heran, bis er sie über seine gelegt hatte. Ich lag quer auf dem Sofa. Er hakte mir die Ösen am Rock auf. Bevor er ihn mir auszog, nahm er meine Hände, führte sie an sein Gesicht und betrachtete sie aufmerksam, besonders meine kurzen und stumpfen Fingernägel. Dieses Detail hatte ich vollkommen übersehen. Auch wenn ich nur zu gut wußte, daß ich es besser nicht tun sollte, brach ich das Schweigen.

»Magst du lange rotlackierte Fingernägel?«

Er ließ meine Finger nicht los und grinste mich ironisch an.

„Ist das so wichtig?«

Ich konnte ihm nicht antworten, ja, es ist wichtig, ziemlich wichtig, deshalb zuckte ich nur gleichgültig mit den Achseln.

»Nein, mag ich nicht«, sagte er schließlich. Zum Glück, dachte ich.

Langsam kleidete er mich aus, streifte mir die Schuhe ab, zog mir die Strümpfe aus und streifte mir die Schuhe wieder über. Er sah mich einen Augenblick an, ohne etwas zu tun. Dann streckte er eine Hand aus und ließ sie mehrmals sanft über mich gleiten, vom Spann bis zum Hals. Erwirkte so ruhig, so gelassen, so gleichgültig, daß ich einen Moment lang fürchtete, er begehre mich in Wirklichkeit gar nicht, sein Verhalten sei nur ein Reflex einer alten, unwiederbringlichen Lust. Vielleicht war ich ihm in all den Jahren doch zu groß geworden.

Er faßte mich unter den Achseln und richtete mich auf. Nun saß ich aufrecht auf seinen Knien. Dann schlang er seine Arme um mich und küßte mich. Allein schon bei dem Kontakt mit seiner Zunge durchströmte es meinen Körper. Mein Rücken streckte sich. Er ist der Sinn meines Lebens, dachte ich. Ein altbekannter und abgedroschener Gedanke, Hunderte von Malen während seiner Abwesenheit gedacht, in der letzten Zeit dann heftig verworfen, weil es so erbärmlich, so armselig und so pathetisch klang. Es gab und gibt nach wie vor so vielerlei Wichtiges auf der Welt, aber als er mich küßte und ich mich in seinen Armen wiegte, war das die Wahrheit, die reine und einfache Wahrheit, er war der Sinn meines Lebens.

Ich faßte nach seiner Hand und führte sie an mein Gesicht, bedeckte es mit ihr, hielt sie einen Moment lang still. Ich spürte den Druck seiner Fingerkuppen, ich gab ihm einen langen und feuchten Kuß auf die Handfläche, dann bog ich seine Finger, einen nach dem anderen, schob den Daumen unter die anderen vier Finger, umfaßte seine Faust mit meiner Hand und preßte meine Wangen und Lippen an seine Fingerknöchel.

Ich wollte ihm zu verstehen geben, daß ich ihn liebte.

»Ich habe etwas für dich...«

Sanft schob er mich beiseite, stand auf und ging durchs Zimmer. Aus einer der Schreibtischschubladen zog er eine lange, schmale Schachtel hervor.

»Das habe ich vor ungefähr drei Jahren in einem Anfall von Schwäche für dich gekauft...« Er grinste mich an. »Erzähl aber keinem davon, jetzt schäme ich mich fast schon, aber damals hatte ich manchmal so verrückte Einfälle, vor allem, wenn ich mich allein fühlte. In solchen Situationen habe ich den Wagen genommen und bin nach New York gefahren, zur Vierzehnten Straße, Ecke Achte, ein ziemlich irrer Ort. Wie soll ich ihn dir beschreiben, damit du eine Vorstellung hast?« Er verstummte nachdenklich, dann erhellte sich sein Gesicht. »Ja, so, die Vierzehnte Straße ist in etwa so wie Bravo Murillo, aber noch viel verrückter, es wimmelt da nur so von Leuten, Bars und Läden. Ich brauchte über zwei Stunden für die Strecke, nur um Thunfischempanadas zu essen und >Asturias, patria querida< zu singen in einer Bar, die einem Typen aus Langreo gehörte. Ich habe getrunken bis zum Umfallen, und dann ging es mir besser. Bei einem dieser blödsinnigen nostalgischen Anfälle habe ich dir das hier gekauft.« Er setzte sich neben mich und überreichte mir die Schachtel. »Auch wenn man so etwas vielleicht nicht sagt, es hat mich eine Stange Geld gekostet, und damals hatte ich nicht viel. Ich habe es dir trotzdem gekauft, weil ich es versprochen hatte. Auf eine merkwürdige Weise habe ich mich all die Jahre über für dich verantwortlich gefühlt. Aber ich traute mich nie, dir das hier zu schicken. Um die Wahrheit zu sagen, ich fürchtete, aus dir wäre inzwischen eine erwachsene Frau geworden, und Frauen wissen solche Spielsachen nicht immer zu schätzen...«

Die sorgfältig in durchsichtiges Zellophan eingewickelte Schachtel enthielt ein Dutzend Objekte aus weißem, beigem und rotem Plastik, einen elektrischen Vibrator mit gerillter Oberfläche, dazu eine Reihe von Überzügen und anderem passenden Zubehör. In einer Tüte steckten zwei kleine Batterien. Es kostete mich nicht die geringste Mühe, mich erfreut zu zeigen. Ich war überaus zufrieden, und das nicht nur, weil er an mich gedacht hatte.

»Vielen Dank, das gefällt mir sehr.« Ich grinste ihn breit an. »Aber du hättest es mir schicken sollen, ich hätte es gut brauchen können. Es ist doch meine Größe...«

Er sah mich an und lachte.

»Wenn du möchtest, kann ich es ja mal ausprobieren..., jetzt.« Ich riß das Zellophan ab und studierte den Inhalt eingehend. Ohne größere Schwierigkeiten fand ich den Speicher für die Batterien und lud den Vibrator auf. Ich drehte an einem winzigen Rädchen, und er begann zu zittern. Dann drehte ich stärker auf, bis er in meiner Handfläche tanzte. Es war lustig. Es war genauso wie früher am Morgen des Dreikönigstages. Da fing auch eine ganz normale, leblose Puppe an, zu sprechen und den Kopf zu bewegen, nachdem ich zwei Batterien in ihren Rücken gesteckt hatte. Ich merkte, daß ich lächelte. Ich sah Pablo an, er lächelte ebenfalls.

»Welcher, glaubst du, ist der beste von allen?«

Er antwortete nicht, er stand einfach auf und setzte sich in einen Sessel an der gegenüberliegenden Wand, ungefähr dreieinhalb Meter von mir entfernt, mir direkt gegenüber.

Jetzt wirst du sehen, dachte ich, jetzt wirst du sehen, ob ich erwachsen geworden bin oder nicht. Ich fühlte mich gut, sicher, ich ahnte, daß dies mein einziger Trumpf war, denn daran hatte ich in den letzten Tagen oft gedacht. Eine Strategie, eine genaue Taktik hatte ich mir nicht zurechtgelegt. Aber er hatte mir alles sehr einfach gemacht. Ich gefiel ihm, er dachte immer noch an mich, und er stand auf verdorbene kleine Mädchen. Also gut, ich würde ihm zeigen, wie verdorben ich sein konnte. Mir fielen wieder die Worte der Internatsdirektorin ein, ich machte mir selber Mut. Das einzige, was mir Sorgen bereitete, war, daß mein Auftreten übertrieben theatralisch anmuten könnte, oder auch leicht hysterisch, wenig überzeugend jedenfalls. Alles andere war mir egal. Mein Schamgefühl ist anders geartet. Eine Dame, die vor dem Stühlchen eines behinderten Kindes >oh, wie reizend er doch ist!< ausruft, ein Neureicher, der dem fünfzehnjährigen Kellner am Fischimbiß einen Skandal vom Zaun bricht, nur weil er kein dunkles Brot hat, ein wohlbeleibtes und gut gekleidetes Ehepaar, das Pfennige als Almosen verteilt, das sind die Dinge, die mein Schamgefühl hervorrufen; das andere Schamgefühl, diese konventionelle Scham, habe ich nie besessen.

Langsam spreizte ich meine Beine und strich mit einem Finger über mein Geschlecht, nur einmal, dann fing ich zu plaudern an. »Ich glaube, ich werde mit diesem hier anfangen.« Ich zog eine Art fleischfarbenen Vibrator hervor, eine ziemlich getreue Nachbildung des Originals, mit Nerven und allem. »Weißt du was? Jetzt finde ich es nicht mehr so gut, daß ich so groß bin. Früher war ich darauf stolz, aber jetzt wäre ich gern zwanzig Zentimeter kleiner, wie Susana, erinnerst du dich noch an Susana...?«

»Die mit der Flöte?« So wie er mich jetzt anblickte, weise und heiter zugleich, genauso hatte ich ihn mir all die Jahre über im Gedächtnis zu bewahren versucht.

»Ja, die mit der Flöte, du hast ein gutes Gedächtnis...« Ich sah ihm unentwegt in die Augen, ich versuchte kaltblütig zu wirken, so wie eine laszive und erfahrene Frau, aber mein Geschlecht, noch unausgefüllt, wuchs und wurde unaufhaltsam nasser. Und dieses Gefühl hat bei mir noch nie mit Untätigkeit harmoniert. »So, oh, wie riesig der jetzt ist!... Ich hoffe, es beschämt dich nicht, wenn ich ihn mir jetzt reinstecke, oder?«

Er schüttelte den Kopf.

Ich rieb das neue Spielzeug ein paarmal an mir, bevor ich es mir langsam einführte. Obwohl ich Pablo auf keinen Fall aus den Augen lassen wollte, nahm mich dieser Vibrator dermaßen gefangen, daß ich seine Reaktion nicht mehr beobachten konnte. Es war das erste Mal, daß ich so ein Gerät benutzte, und meine eigenen Reaktionen darauf absorbierten meine Aufmerksamkeit voll und ganz.

»Gefällt es dir?«

Seine Frage störte mich in meiner Konzentration.

»Ja, es gefällt mir... « Ich schwieg und blickte ihn an, dann redete ich weiter. »Aber es fühlt sich doch nicht an wie ein richtiger Schwanz, wie ich zuerst gedacht hatte. Zum einen ist er nicht heiß, und da ich ihn selbst bewegen muß, gibt es auch keinen Überraschungsfaktor, verstehst du? Es gibt keinen Wechsel im Rhythmus, kein Anhalten, und auch keine schnellen Stöße. Das gefällt mir immer am besten, dieses schnelle Stoßen...«

»Du hast in diesen Jahren wohl viel gevögelt, oder?«

»Naja, ich hab mich so durchgeschlagen...« Jetzt bewegte ich meine Hand schneller, stieß gewaltsam dieses Trugbild eines Mannes gegen meine Wände. Es gefiel mir immer besser, es begann mir außerordentlich gut zu gefallen, deshalb hörte ich abrupt auf und beschloß, einen anderen Überzug zu nehmen, ich wollte die Sache nicht überstürzen. »Dieser mit den Stacheln, ist der zum Wehtun?«

»Keine Ahnung, aber ich glaube nicht.«

»Na gut, schauen wir mal..., aber ich hatte dir gerade was erzählt, ach ja, das von Susana, die mißt ja nur eineinhalb Meter, und darum kommen ihr alle Typen riesig vor. Das ist richtig verrückt, immer wenn ich sie frage, antwortet sie das gleiche, der hatte so einen.« Ich hielt meine Hände übertrieben weit auseinander. »Tierisch groß, aber sie - immer am Klagen, ich verstehe das nicht, ständig jammert sie rum. Mir würde das gefallen, aber da ich nun mal selbst so groß bin, na ja, da füllen die mich nie ganz aus. Es ist von Nachteil, so groß zu sein, alles ist viel zu lang...«

»Aha...«, er lachte schallend und betrachtete mich. All das gefiel ihm, ich war sicher, daß es ihm gefiel. Und dann beschloß ich, eine Geschichte ganz anderer Herkunft einzuflechten. Nie hätte ich es für möglich gehalten, daß ich ihm das einmal erzählen würde, aber in dieser Situation spielte es keine Rolle. »Hör mal, bist du sicher, daß die Stacheln nicht weh tun? Ich stülpe die jetzt drüber, mal sehen, was dann passiert.« Ich nahm so eine Art kurze, rote Mütze, die von kleinen Knubbeln überzogen war, und zog sie über den Vibrator. »Oh, das sieht lustig aus. Wo wir gerade von Susana reden, vor ein paar Monaten habe ich eines Nachts von dir geträumt, und die Tröster hier haben eine Menge mit dem Traum zu tun.« Ich hielt einen Moment inne, ich wollte erst mal seinen Gesichtsausdruck deuten, konnte aber nichts Besonderes darin lesen. »Die Sache ist die, Susana ist so richtig brav und bieder geworden, früher war sie die Schweinischste unserer Klasse, aber vor ein paar Jahren hat sie sich einen stinklangweiligen, korrekten Freund zugelegt, einen total verknöcherten Typ von neunundzwanzig Jahren...«

»Ich bin zweiunddreißig... « Erst sah Pablo mich mit demselben Lächeln an, das meine Mutter mir zu schenken pflegte, wenn sie mich beim Schnüffeln in der Vorratskammer erwischt hatte, dann ging sein Lächeln in schallendes Gelächter über.

»Ja, aber du bist nicht verknöchert.«

»Warum?«

»Darum, genauso wie Marcelo, der ist auch nicht verknöchert, auch wenn er jetzt ein Kind hat und so, ist ja auch egal. Susanas Freund besitzt viel Geld, er hat eine Agentur, aber nicht ein Fünkchen Sinn für Humor. Neulich gingen wir abends zum Essen aus, die beiden, Chelo kam mit einem sehr witzigen Typen und ich, ich hatte keinen zum Mitbringen, ehrlich, sieh mal, wenn ich so was gehabt hätte, wäre ich womöglich mit dem hier drin gekommen...« Ich zog den Tröster aus mir heraus und nahm ihm das rote Mützchen ab. Ich wollte ihn ohne etwas drumherum ausprobieren, bestimmt war das nicht so wirkungsvoll, die Stacheln begannen nämlich langsam, mich zu heftig zu erregen. »Wir haben uns ziemlich besoffen, Susana auch, und wir haben ihrem Typ die Geschichte mit der Flöte erzählt.

Chelos Freund hat viel gelacht, er fand das köstlich, aber der Typ von Susana reagierte richtig säuerlich. Er meinte, er verstünde gar nicht, was daran so witzig wäre, ihn würden solche Albernheiten überhaupt nicht heiß machen. Ich sagte dann, ich fände das merkwürdig, als du es erfahren hättest, wärst du ziemlich geil geworden, stimmt doch, oder?«

Er bestätigte das mit einem Nicken.

»Hast du mir aus New York auch eine Flöte mitgebracht?«

»Nein.«

»Wie schade!« An dieser Stelle konnte ich ein Lachen nicht unterdrücken, aber gleich darauf fing ich mich wieder und sprach weiter. »Jedenfalls habe ich in der Nacht geträumt, daß wir beide in einer Luxuslimousine fuhren, mit einem schwarzen, gutaussehenden Chauffeur, der dich mit Señor anredete und einen ziemlich großen hatte. Ich weiß nicht warum, aber ich wußte, daß er einen großen hatte.«

Der Ausdruck seines Lächelns hatte sich unmerklich verändert. Ich fürchtete, er könnte bereits ahnen, zu welcher Kategorie mein Traum wirklich gehörte. Also begann ich draufloszuquatschen und versuchte dem Ganzen einen Anstrich von Glaubwürdigkeit zu geben.

»Ich trug ein langes perlgraues Kleid, im Stil des sechzehnten Jahrhunderts, mit riesigem Ausschnitt, weißer Halskrause und einem Reifrock mit einem Wulst aus Tüll über dem Hintern und eine Menge Juwelen überall. Du hattest Hosen und einen dicken, roten, ganz normalen Pullover an. Wir hielten in der Fuencarral-Straße, die war in Berlin, auch wenn alle Plakate spanisch beschriftet waren, genauso wie jetzt, alles war wie in Wirklichkeit. Wir betraten ein Schuhgeschäft mit Schaufenstern voller Schuhe, logisch... Sag mal, macht es dir was aus, wenn ich mit dem Finger weitermache, nur einen Augenblick? Ich brauche eine Pause.«

»Wie du möchtest...«

»Danke, sehr freundlich, wo war ich stehengeblieben? Ach ja, in dem Schuhgeschäft war ein Verkäufer, der wie ein Page angezogen war, so wie früher. Aber seine Kleidung paßte nicht so gut zu meiner, er trug einen Anzug, der so französisch aussah, wie Louis XIV., mit viel Spitzenbesatz und gepuderter Perücke, du weißt schon. Ich setzte mich also ganz gesittet auf eine Bank, du standest neben mir, und der Verkäufer kam auf dich zu und sagte, Sie wünschen? Denn am lustigsten von allem war, du wirst nicht darauf kommen, in welchem Verhältnis wir zueinander standen, darauf kommst du nie...«

»Vater und Tochter?«

»Ja...«, stotterte ich. »Wie bist du darauf gekommen?«

»Bah, ich hab nur gesagt, was mir als erstes in den Sinn kam.«

»Kommt dir das nicht sehr unglaubhaft vor?« Entsetzen, Erstarren, in das sich Anzeichen von Scham mischten, wirkliche Scham, trotz meines sprichwörtlichen Mangels an Schamgefühl. Es drohte, mich augenblicklich zu lähmen.

»Nein. Das hat was.« Seine Worte zerstreuten meine Zweifel. »Und, wie ging es weiter? Ich nehme mal an, ich habe dich da nicht gerade für das kommende Schuljahr ausgestattet.«

»Nein, was denkst du denn.« Ich lachte, das unangenehme Gefühl hatte sich aufgelöst, ich fühlte mich zunehmend besser, überzeugender, und ich streichelte mich wieder, damit er mich sah. Ich rekelte mich genüßlich auf der Auslegeware, machte ihn aus der Entfernung heiß, das erregte mich sehr. Aber ich verspürte auch ein schreckliches Verlangen, zu ihm zu gehen, ihn anzufassen.

»Du sagtest dem Verkäufer, daß du für einige Wochen nach Philadelphia gehen würdest, um eine Veranstaltung über San Juan de la Cruz für diese armen Wilden, die Indianer, meine ich, abzuhalten und daß du Angst hättest, mich so ohne weiteres allein zurückzulassen, weil ich so läufig und zu jeder Sache fähig sei. Deshalb hättest du daran gedacht, mir eine Prothese einsetzen zu lassen, die mich während deiner Abwesenheit trösten und mir Gesellschaft leisten sollte. Der Verkäufer bestärkte dich darin. Diese Mädchen heutzutage, das kennt man ja, sagte er, Ihre Bedenken scheinen mir nur allzu berechtigt. Dann begab sich dieser Mensch in den Hinterraum und kam mit zwei Kleiderständern wieder, naja, es waren nicht direkt Kleiderständer, ich weiß nicht, wie ich sie dir beschreiben soll, so eine Art Metallstangen, die an den Enden abgerundet waren. Er stellte sie vor mich hin, und ich, ich wußte, was ich zu tun hatte. Ich hob meinen Rock, spreizte die Beine und steckte meine Absätze in die Öffnungen der Stangen. Ich lag in einer ähnlichen Stellung, wie sie normalerweise dem Blick der Frauenärzte vorbehalten ist. Ich trug weiße Pluderhosen, die mir bis zu den Knien reichten, aber im Schritt offen waren und einen mit kleinen Blumen umstickten Schlitz hatten. Der Verkäufer steckte mir einen Finger rein, sah dich an und sagte: So kann ich nichts anprobieren, sie ist vollkommen trocken, wenn Sie einverstanden sind, kann ich dem Abhilfe schaffen. Du hast genickt, und dann hat er sich vor mich hingekniet und angefangen, meine Möse zu lecken. Er machte das ausgesprochen gut, es war wahnsinnig, aber als ich gerade am Kommen war, sagtest du ihm, es sei gut jetzt, und er hörte auf...«

»Wie gemein von mir!« Er lächelte und trommelte mit den Fingern auf seinen Hosenschlitz.

»Ja, das stimmt«, antwortete ich. »Du warst gemein. Jedenfalls fing der Typ an, mir große, vergoldete Tröster reinzustecken, immer dickere, und weil ich schon ziemlich heiß war, kam es mir mitten bei der Anprobe. Dir gefiel das, dem Verkäufer anscheinend nicht, aber er sagte nichts. Am Schluß steckte er mir einen schrecklichen rein, er tat mir ziemlich weh, aber du warst begeistert und sagtest: dieser, dieser. Also stieß er noch ein bißchen mehr, und das Ding blieb in mir stecken, und zwar ganz. Ich konnte es nicht rausziehen, ich heulte und protestierte. Den will ich nicht, sagte ich zu dir, aber du bist einfach zur Kasse gegangen, hast bezahlt, hast mir beim Aufstehen geholfen und mich nach draußen gebracht. Dabei sagtest du, du würdest noch das Flugzeug verpassen, du wolltest nach Philadelphia fliegen, von Paris aus, uih! ich meine Berlin. Und ich konnte nicht laufen, es ging nicht, ich mußte furchtbar breitbeinig gehen, ich spürte das Ding bei jedem Schritt. Als wir in den Wagen stiegen, war der Chauffeur neugierig, und du hast mir den Rock hochgeschoben, damit er es sehen konnte. Der Chauffeur steckte mir einen Finger rein und rief, Größe sechsundfünfzig, wie herrlich, das ist die beste. Ich heulte nur und sagte: Wie wollen wir uns denn voneinander verabschieden, wenn ich das da drin habe? Und du antwortetest nur: Mach dir keine Sorgen, es gibt da andere Mittel und Wege, zwangst mich, mich auf den Rücksitz zu knien, schobst mir den Rock hoch, stecktest mir einen Finger in den Hintern... und dann bin ich aufgewacht, ich war tropfnaß und dachte an dich.«

Ich sah ihn eine Weile an, er sagte nichts, lächelte mich an, nur das, dann sprach ich weiter. »Hat dir der Traum gefallen?«

»Ja, sehr, ich wäre überglücklich, wenn ich eine Tochter wie dich hätte.«

»Hör mal, Pablo...« Seine Worte, seine Augen überzeugten mich davon, daß ich Erfolg gehabt hatte, jetzt wußte er es, wußte, wie verdorben ich sein konnte, und sicherlich wußte er auch noch ein paar Dinge mehr, aber es reichte mir noch immer nicht, ich mußte aufs Ganze gehen. »Ich möchte ihn dir blasen. Kann ich?«

Er zog sich den Reißverschluß herunter, holte sein Geschlecht hervor und begann, es zu streicheln.

»Ich warte auf dich... «

Auf den Knien rutschte ich zu ihm hin, beugte mich über seinen Schwanz und nahm ihn in den Mund. Nun fing es allmählich an, nach einer wirklichen Wiederbegegnung auszusehen.

»Lulú...«

»Hmmmm«, mir war nicht nach Sprechen zumute.

»Ich würde dich gern in den Arsch ficken.«

Ich machte die Augen nicht auf und wollte auch nicht wahrhaben, was er gerade gesagt hatte. Dennoch schwirrten seine Worte in meinem Kopf herum.

»Ich würde dich gern in den Arsch ficken«, sagte er noch einmal. »Kann ich?«

Ich löste meine Lippen von ihrer absorbierenden Beschäftigung und blickte zu ihm auf, dabei drückte ich sein Geschlecht sanft gegen meine Hand.

»So war es nun auch wieder nicht gemeint...« Ich wollte ihn ja nur beeindrucken, dachte ich, das bestimmt, ich wollte ihn beeindrucken, aber so nun auch wieder nicht. »Außerdem sollte man Träume nicht unbedingt für bare Münze nehmen. Aber ich habe dir ja schon gesagt, ich bin daran gewöhnt, daß mich nie einer ganz ausfüllt, du brauchst dir also keine Umstände zu machen...«

»Das tue ich keineswegs.« Er sah mich an und lachte; er hatte mich ertappt, er hatte mich richtig ertappt. Ich wußte, daß ich niemals eine femme fatale, eine richtige femme fatale sein würde. Meine Strategie hatte sich als Eigentor erwiesen, und jetzt fielen mir keine neuen Schweinereien, keine witzigen Bemerkungen mehr ein.

»Aus dem, was ich gehört und verstanden habe, schließe ich, daß es nicht das erste Mal wäre... «

»Ja, also, ich glaube doch...«An dieser Stelle verstummte ich, blickte ihn an und hielt es für das beste, zur Ausgangssituation zurückzukehren. Darum nahm ich sein Geschlecht wieder in meinen Mund und spulte hastig die ganze Bandbreite meiner Kenntnisse ab, eins nach dem anderen. Ich hoffte, er käme so vielleicht auf andere Gedanken, aber nach wenigen Minuten zwang mich der Druck seiner Hand aufzuhören.

»Und was ist jetzt?« fragte er in höflichem, aber beharrlichem Tonfall nach.

»Ich weiß nicht, Pablo, es ist nur...« Ich versuchte, an sein Mitleid zu appellieren und sah ihn mit dem Blick eines Opferlamms an, was mich nicht einmal besondere Anstrengung kostete, denn ich war durcheinander. Ich konnte ja nun schlecht nein sagen, bei ihm konnte ich nicht nein sagen, aber ich wollte es nicht, das war mir ziemlich klar, ich wollte das nicht. »Warum fragst du mich so etwas?«

»Wäre es dir lieber, ich hätte dich nicht gefragt?«

»Nein, das ist es nicht, ich will damit nicht sagen, daß mir deine Frage abwegig erscheint, aber ich, ich weiß nicht, ich...«

»Egal, macht nichts, war nur so eine Idee.«

Er schob mir seine Arme unter die Achseln, um mir zu bedeuten, daß ich aufstehen sollte. Als ich wieder auf den Füßen stand, mit dem Gesicht zu ihm, grub er seine Zunge in meinen Nabel, nur kurz, dann erhob er sich ebenfalls, umarmte mich und gab mir einen langen Zungenkuß. Seine Hände glitten langsam von meiner Taille an den Rücken hoch, bis sie auf meinen Schultern lagen. Dann drehte er mich brüsk um, stellte mir mit dem rechten Fuß ein Bein, warf mich auf den Teppich und ließ sich auf mich fallen. Er klemmte meine Schenkel zwischen seine Knie, damit ich mich nicht rühren konnte. Dann stemmte er mit seinem ganzen Körpergewicht die linke Hand zwischen meine Schulterblätter und drückte mich auf den Boden. Ich spürte etwas Weiches und Kaltes, dann einen Finger, erschreckend eindeutig einen Finger, der sich in mich bohrte und wieder herauskam und die Haut um die Öffnung rieb.

»Du Hurensohn...« Ich schnalzte wiederholte Male mit der Zunge gegen die Zähne.

»Komm, Lulú, du weißt, daß ich es nicht mag, wenn du solche Sachen sagst.«

Ich winkelte die Beine an. Ich schaffte es, ihm ein paarmal auf den Rücken zu schlagen. Dasselbe versuchte ich auch mit den Armen zu tun, als ich spürte, wie sein Geschlecht mich abtastete. »Halt still, Lulú, es nützt dir gar nichts, ernsthaft... Du wirst dir nur ein paar Ohrfeigen einfangen, wenn du dich weiterhin wie eine Verrückte gebärdest.» Er war nicht böse auf mich, seine Stimme klang trotz der Drohung warm, sogar beruhigend. »Sei artig, es geht gleich vorüber, und so schlimm ist es auch nicht.« Er öffnete mich mit der rechten Hand, ich spürte den Druck seines Daumens, der mir das Fleisch auseinanderzog, meine Pobacken teilte... »Außerdem bist du selbst an allem schuld, du fängst immer an, du guckst mich immer mit diesen hungrigen Augen an, und ich kann nichts dafür, daß du mir so gefällst...«

Mit seiner rechten Hand - vor meinem inneren Auge sah ich, wie er mit ihr seinen Schwanz umschloß - preßte er gegen das Loch, das mir unendlich winzig und zart vorkam.

»Du Hurensohn, du Hurensohn...«

Dann konnte ich nicht mehr sprechen, der Schmerz machte mich stumm, blind, starr, lähmte mich völlig. Nie zuvor in meinem Leben hatte ich eine vergleichbare Folter erlebt. Ich schrie, schrie wie ein sterbendes Tier auf der Schlachtbank, spitze und tiefe Schreie, bis das Weinen in meiner Kehle erstickte und der Schmerz mich sogar der tröstlichen Schreie beraubte, ich nur noch erstickte, schwache Seufzer von mir geben konnte, die mich noch mehr erniedrigten, noch deutlicher meine Schwäche bekundeten, meine vollkommene Ohnmacht gegenüber diesem Ungeheuer, das sich auf mir streckte, an meinem Hals keuchte und stöhnte, sich einer schnöden, beleidigenden Lust hingab, mich benutzte, genauso wie ich vorher jenes Spielzeug aus weißem Plastik benutzt hatte. Er benutzte mich. Gewaltsam verschaffte er sich eine Lust, an der ich keinen Anteil hatte.

Obwohl ich schon glaubte, es sei unmöglich, verstärkte sich auf einmal der Schmerz. Seine Stöße wurden immer heftiger, er ließ sich auf mich fallen, penetrierte mich mit aller Macht, um gleich darauf wieder aus mir herauszukommen und mit ihm die Hälfte meiner Eingeweide. Mein Kopf begann, von selbst hin und her zu zucken. Als ich glaubte, ich würde gleich ohnmächtig werden, und nicht mehr die Kraft hatte, das auch nur noch eine Minute länger zu ertragen, fing er an zu stöhnen. Wahrscheinlich kam es ihm, ich dagegen konnte nichts mehr fühlen. Der Schmerz hatte mich betäubt.

Dann blieb er regungslos auf mir liegen, immer noch in mir. Er knabberte an meinem Ohrläppchen und sagte meinen Namen. Ich weinte stumm in mich hinein.

Ich fühlte, wie er sich vorsichtig von mir löste, aber gleichzeitig war er immer noch in mir, das Loch, das er sich gewaltsam geöffnet hatte, weigerte sich, sich zu schließen.

Er drehte mich sanft um. Ich half ihm nicht, mein Körper fühlte sich wie ein schwerer, lebloser Stein an. Ich rührte mich nicht, blieb still liegen und weinte mit geschlossenen Augen.

Er wischte mir die Tränen aus den Augen und streichelte mein Gesicht. Er beugte sich über mich und küßte mich auf den Mund. Ich erwiderte seinen Kuß nicht. Er küßte mich wieder. »Ich liebe dich.«

Seine Lippen fuhren über mein Kinn, glitten hinunter zu meinem Hals, schlossen sich um meine Brustwarzen, seine Zunge glitt weiter hinab, glitt über meinen Körper, streifte den Nabel und leckte über meinen Bauch. Seine Hände legten meine Beine übereinander und spreizten sie gleich darauf wieder.

Ich schämte mich und war unglücklich. Mein Geschlecht war naß.

Seine Finger legten sich auf meine Schamlippen und preßten sie zusammen, linderten den Druck ein wenig, um sie erneut gegeneinander zu drücken. Wie eine Pinzette, die sich immer weiter vortastete und ein leises, gurgelndes Geräusch produzierte. Als er oben angekommen war, zog er die Lippen auseinander und entblößte mein Geschlecht, legte die pralle rosa Haut frei, die sich nun wie eine halb verheilte Wunde rötete.

Er behandelte sie mit der Zunge, leckte von oben nach unten und vertiefte sich dann in die winzig kleine Fleischknospe, auf die sich nun mein ganzer Körper reduzierte. Seine Zungenspitze glitt in mich, stieß und liebkoste mich, mein Fleisch schwoll an, schwoll unanständig an und zuckte. Dann umschloß er meinen Kitzler mit seinem Mund und saugte, immer wieder, saugte kräftig, behielt ihn in seinem Mund und leckte mich weiter. Ich konnte nicht anders, ich mußte mich bewegen, mich krümmen, meinen Körper ihm entgegenrecken, mich anbieten, um mir nicht die kleinste Nuance entgehen zu lassen.

Er führte mir zwei Finger ein und begann, in demselben Rhythmus zu stoßen, mit dem ich mich an seiner Zunge bewegte. Kurz darauf ließ er zwei weitere Finger den Damm entlanggleiten, bis zu dem Loch, das er sich kurz zuvor geöffnet hatte.

Die Erinnerung an die Gewalt verlieh meiner Lust eine unwiderstehliche Nuance, die mich überwältigte und ein furioses Ende auslöste.

Seine Zunge blieb dort ruhen, bis auch die letzten kleinen Erschütterungen abklangen. Seine Finger steckten immer noch in mir, als er seinen Kopf auf meinen Bauch legte.

Jetzt sind wir quitt, dachte ich, wir haben individuelle Lüste ausgetauscht. Er hat mir zurückgegeben, war er mir zuvor geraubt hatte.

Dieser Gedanke gab mir neue Kraft.

So konnte man es betrachten, es war zwar durchaus fragwürdig, aber trotzdem konnte man es so betrachten.

»Ich liebe dich.«

Da fiel mir ein, daß er das schon einmal gesagt hatte, ich liebe dich, und ich fragte mich, was genau das zu bedeuten hatte.

Er legte sich neben mich, küßte mich und drehte sich auf den Bauch. Umständlich kletterte ich auf ihn hinauf, mein ganzer Körper schmerzte. Ich legte meine Beine auf seine, bedeckte seine Arme mit meinen und drückte meinen Kopf in seinen Nacken.

Er grunzte lustvoll.

»Weißt du, Pablo, allmählich wirst du ein gefährliches Wesen.« Ich grinste in mich hinein. »Immer wenn ich mit dir zusammen war, kann ich mich eine Woche lang nicht hinsetzen...«

Sein Körper bewegte sich unter mir. Es war schön. Er lachte immer noch, als er meinen Namen sagte.

»Lulú...«

Ich gab einen vagen Laut von mir. Meine Gefühle nahmen mich viel zu sehr gefangen. Das hatte ich noch nie gemacht, mich so auf einen Mann gelegt, aber es fühlte sich herrlich an, seine Haut war kühl, und seinen Körper unter dem meinen zu spüren, die Kehrseite zu dem Gewohnten, war ein vollkommen neues Gefühl.

»Lulú... « Ich begriff, daß er es jetzt ernst meinte. Es überraschte mich nicht, ich hatte es sogar erwartet, trotz meiner anfänglichen Schau, ich war darauf gefaßt, einen neuen Abschied verkraften zu müssen, es war wohl unvermeidlich.

Trotzdem schob ich meinen Mund an sein Ohr. Ich war nicht sicher, ob meine Stimme mich nicht doch im Stich lassen würde. »Ja?«

»Willst du mich heiraten?«

Wir hatten vor vielen Jahren oft zusammen Muß gespielt. Er war der beste Lügner, den ich jemals kennengelernt hatte. Ich war sicher, fast sicher, daß er auch jetzt bluffte, aber ich nahm sein Angebot für alle Fälle an.