Hausschuhe...
Klar doch ... Aber sie würde sich mit allem zufrieden geben, was nichts mit Monstern und Verrückten zu tun hatte.
Sie warf Sherry einen Blick zu und bemerkte, dass das Mädchen immer noch den Anhänger rieb.
„Was ist denn da drin?", fragte sie und wollte Sherry wieder zum Lächeln zu bringen. „Hast du da ein Bild von deinem Freund oder was?"
„Da drin? Oh, das ist kein Medaillon", sagte Sherry, und Claire freute sich, ein schwaches Erröten ihrer Wangen zu bemerken. „Meine Mom gab es mir, es ist ein Glücksbringer -
und ich habe keinen Freund. Jungs in meinem Alter sind total unreif."
Claire grinste. „Gewöhn dich dran, Schätzchen. So weit ich das beurteilen kann, kommen manche nie aus diesem Stadium raus."
Der Zug war jetzt so nahe, dass sie seine Umrisse ausma-
chen konnten, ein einzelner Waggon, etwa sieben oder acht Meter lang, fuhr sanft entlang seiner Deckenschienen.
„Was glaubst du, wo der hinfährt?", fragte Sherry, doch bevor Claire antworten konnte, explodierte die Tür zur Plattform.
Das Schott flog nach innen, wurde mit metallischem Krei-
schen aus den Angeln gehoben und schlug dröhnend zu Bo-
den!
Claire packte Sherry und zog sie an sich, als der riesige Mr. X den Raum betrat, gebückt und zur Seite gebeugt, um sich durch die Öffnung zu zwängen. Sein seelenloser Blick fiel sofort auf sie.
„Geh hinter mich!", rief Claire, zog Irons' Pistole und riskierte einen Blick nach hinten auf den näherkommenden
Zug. Zehn Sekunden - sie brauchten noch zehn Sekunden ...
Aber X machte einen Riesenschritt auf sie zu, und sie
wusste, dass ihnen so viel Zeit nicht bleiben würde. Sein furchtbares Gesicht wirkte wie versteinert, seine riesigen Hän-de waren bereits erhoben, und auch wenn er noch gut sechs Meter entfernt war, bedeutete dies bei ihm höchstens vier Schritte -
„Steig in den Zug, sobald er anhält!", schrie Claire und drückte ab.
Vier, fünf, sechs Kugeln schlugen dem Hünen in die Brust.
Die siebte traf eine seiner totenbleichen Wangen, doch Mr. X
blinzelte nicht einmal, blutete nicht - und blieb nicht stehen.
Ein weiterer riesiger Schritt, das rauchende Loch in seinem Gesicht letzter Beweis seiner Unmenschlichkeit. Claire zielte tiefer, Beine, Knie...
Bamm-bamm-bamm!
... und er hielt inne, als die Kugeln ihn trafen. Mindestens ein direkter Treffer ins Knie. Die schwarzen Augen hefteten sich auf Claire, musterten sie -
„Da - komm schon!"
Sherry zerrte an ihrer Weste, schrie, und Claire wich nach hinten, drückte wieder ab. Die nächsten beiden Kugeln trafen den Giganten in den Bauch.
Und dann war sie im Zug, und Sherry hatte die Steuerung
für die Tür gefunden. Die Tür rauschte zu, Mr. X wurde von dem winzigen Fenster wie eingerahmt, kam nicht näher, fiel aber auch immer noch nicht um. Starb nicht.
„Mir nach!", rief Clairc, blickte auf die Tafel mit blinkenden Lichtern zu ihrer Rechten und wusste, dass die Tür keine Sekunde lang halten würde, falls sich die Schreckensgestalt wieder in Bewegung setzte.
Sie rannte auf das Schaltboard zu, Sherry an ihrer Seite und Gott dankend, dass der Konstrukteur benutzerfreundlich gearbeitet hatte, als der rote Startknopf unter ihrer zitternden Hand nach unten schnappte -
- und sich der Zug in Bewegung setzte, sich von der Plattform entfernte, weg von dem unzerstörbaren Giganten und
hinein in die Schwärze.
Annette saß im Mitarbeiter-Schlafquartier auf Ebene vier, wartete darauf, dass das Mainframe auf das Power-up reagier-te, und überlegte hin und her, ob sie die P-Epsilon-Sequenz initiieren sollte. Wenn das System einmal ausgelöst war, würden alle Türen der Verbindungskorridore entriegelt und die elektronisch gesteuerten Türen geöffnet. Die Kreaturen, die während der letzten Tage festgesessen hatten, würden frei sein, umherzustreifen, und die meisten von ihnen würden
hungrig sein ...
... hungrig und gefährlich, das personifizierte Virus ...
Annette wollte auf ihrem Weg hinaus keiner ... Unannehm-
lichkeit begegnen, doch als die ersten Codezeilen über den Bildschirm liefen, beschloss sie, die Sequenz nicht einzulei-ten. Das P-Epsilon-Gas war ohnedies nur ein Experiment, etwas, das ein paar der Mikrobiologcn ausgetüftelt hatten, um das Umbrella-Schadensbegrenzungsteam zu besänftigen.
Wenn es funktionierte, würde es die Re3er ausschalten plus sämtliche menschliche Träger, die beim ursprünglichen Ausbruch infiziert worden waren, die erste Welle also, und ihr so-mit Sicherheit auf dem Weg zum Fluchttransporttunnel ga-
rantieren. Aber die Spione waren im Anmarsch, und Annette wollte ihnen die Sache nicht auch noch erleichtern. Sie hatte gehört, wie der Aufzug zurückgerufen worden war, als sie zum Synthesis-Labor gewankt war - was in Ordnung war,
großartig; sie kamen gerade rechtzeitig zum Finale, und Annette wollte, dass sie um ihr Leben kämpfen mussten, während sie im Eiltempo aus der Anlage verschwand, weg von
der Explosion, die die Multimilliarden-Dollar-Einrichtung verschlingen würde ...
Sie wird brennen, alles wird brennen, und ich werde dieses Albtraums ledig sein. Endspiel - und ich gewinne. Umbrella verliert, ein für allemal! Diese heimtückischen, mörderischen Bastarde!
Sie fühlte sich gut, wach und aufmerksam, und sie litt
kaum Schmerzen. Sie hatte vorgehabt, bei ihrer Rückkehr geradewegs zum nächsten Computerterminal zu gehen, um die
Pannensicherung zu aktivieren, noch bevor sie die Probe an sich gebracht hatte, aber sie war kaum imstande gewesen, auch nur geradeaus zu schauen, als sie aus dem Aufzug ge-taumelt war. Sie hatte gefürchtet, etwas zu vergessen - oder, schlimmer noch, hinzufallen und nicht mehr aufstehen zu
können. Ein Abstecher zum Medizinschrank im Synthesis-
Labor hatte all das behoben; der furchtbare Schmerz war
schon jetzt nur mehr eine vage Erinnerung, genau wie die bizarren, irreführenden Gedanken, die es so schwer gemacht hatten, sich zu konzentrieren. Wenn ihre kleine Cocktail-Spritze nachließ, würde sie für diesen vorübergehenden Auf-schub büßen, aber für die nächsten paar Stunden war sie so gut wie neu - nein, noch besser sogar.
Epinephrin, Endorphin, Amphetamine ... meine Güte!
Annette wusste, dass sie high war, dass sie ihre Fähigkeiten nicht überschätzen sollte, aber warum hätte sie sich nicht glücklich fühlen sollen? Sie grinste den kleinen Computer vor sich an und tippte die Codes ein, ihre Finger flogen über die Tasten. Sie hatte das Gefühl, ihre Zähne würden zerspringen, als das synthetische Adrenalin durch ihre geweiteten Adern pulste. Sie hatte es zurück zum Labor geschafft, William war wiedergekommen, und die Probe, die allerletzte lebensfähige G-Virus-Probe in der Einrichtung, steckte in ihrer Tasche. Sie hatte sie in einem der Sicherungskästen versteckt, bevor sie sich auf die Suche nach William gemacht hatte, und sie auf dem Weg zum Personalraum wieder an sich genommen ...
... 76E, 43L, 17A, Pannensicherungs-Zeit ... 20, Audio-warnung/Stromabschaltung 10, persönliche Autorisation, 0001Birkin ...
Das war's. Annette konnte nicht aufhören zu grinsen, woll-te auch gar nicht aufhören. Leicht strich sie über die „Enter"-
Taste, der Triumph toste als heiße, flüssige Freude durch ihren tauben, mitgenommenen Körper. Ein leichter Druck, und es gab nichts auf der Welt, was es stoppen konnte. In zehn Minuten würden die aufgezeichneten Warnungen abgespielt
werden, der Transport-Aufzug würde abgeschaltet sein und die Einrichtung von der Oberfläche abschneiden. In fünfzehn Minuten würde der Audio-Countdown beginnen - fünf Minuten, um die minimale Sicherheitsdistanz mit dem Zug zu erreichen, weitere fünf und -
Mir bleiben vom Drückend er Taste bis hin zur Explosion exakt 20 Minuten. Mehr als genug Zeit, um zum Tunnel zu gelangen und den Zug in Gang zu setzen, ganz gleich, was aus-gehrochen ist. Genug Zeit, um mich im Eiltempo von der ti-ckenden Uhr zu entfernen, unter den Straßen der Stadt, durch die abgelegenen Gebirgsausläufer in den Randbezirken von Raccoon. Genug Zeit, um das Ende der Gleise zu erreichen, das Privatgrundstück zu betreten, mich umzudrehen - und zu sehen, wie Umbrella alles verliert.
Wenn die Uhr auf null sprang, würden die Plastikspreng-
stoffladungcn im Zentral-Energiespeicher des Laboratoriums aktiviert werden. Selbst wenn elf der zwölf Sprengladungen nicht hochgingen, würde diese eine Explosion ausreichen, um die Sckundärladungcn zu zünden, die in die Wände ein-gebaut waren - Umbrellas Panncnsicherungs-System war so
angelegt, dass es alles in den Untergang riss. Das Labor wür-de sich in ein Inferno verwandeln, in der toten Stadt cruptie-ren, auf Meilen hin sichtbar - und sie würde dort sein, wo sie es sehen konnte, sie würde wissen, dass sie getan hatte, was sie konnte, um die Dinge doch noch in Ordnung zu bringen.
Ich tue das für dich, William ...
Der Gedanke war bittersüß. Eine Zeitlang hatte sie ihre Beziehung als Mann und Frau nicht gerade - genossen. William war so genial, verschrieb sich seiner Arbeit dermaßen, dass die Freuden von Synthcsis und Entwicklung an die Stelle der ehelichen Freuden getreten waren. Sie hatte gelernt, auch für sich selbst sein Genie in den Vordergrund zu stellen, sich daran zu erfreuen, ihn zu unterstützen, ohne sich in die Niede-rungen von Beziehungskrisen hinabzubegeben - jetzt aber, da ihr Finger über dem Ende von allem ruhte, ertappte sie sich plötzlich bei dem sehnlichen Wunsch, dass in den letzten paar Jahren mehr zwischen ihnen gewesen wäre, mehr als nur ihre Bewunderung seines unglaublichen Talents und seine
Dankbarkeit für ihre treue Assistenz ...
Das ist unser letzter Kuss, Liebster. Das ist mein Beitrag zu deinem Werk, mein letzter Liebesdienst an das, was wir teil-ten.
Ja, das war richtig, genau so war ihr Feeling. Annette drückte die Taste mit singendem Herzen und sah. wie der fixierte Code in leuchtendem Grün auf dem Monitor erschien.
„Mit allem Respekt reiche ich hiermit meine Kündigung
ein", sagte sie leise - und fing an zu lachen.
F ü m f u n d z w a n z i g
Die Dunkelheit glitt an der sich bewegenden Plattform vorü-
ber, metallische Finsternis in trüb orangefarbenes Licht getaucht, und was die Wand der Kabine auch durchschlagen haben mochte, es war verschwunden. Leon hatte die Grenzen
des engen Raumes zweimal abgeschritten und dabei nichts
gesehen und nichts gehört, außer dem sanften Brummen der laufenden Motoren.
Als die Kreatur schließlich in den Schatten auf dem Dach aufheulte und Leon die Shotgun hochriss, lähmte ihn förmlich, was er da erblickte. In der Sekunde, die er brauchte, um es wirklich zu sehen, verging sein von Rache gespeister Zorn, weggeblasen wie Staub, und an seine Stelle trat absolut mark-erschütternde Furcht.
Heilige Scheiße!
Das Ding kreischte immer noch, den Kopf nach hinten
gelegt, und der brutale, gurgelnde Schrei klang in der sich bewegenden Dunkelheit wie die Stimme der Hölle. Es war einmal ein Mensch gewesen, irgendwann - es hatte Arme und
Beine, Kleidungsfetzen hingen ihm noch vom klobigen Leib -, doch alles Menschliche an dem Wesen hatte sich gewandelt, war noch im Wandel begriffen, während es seine Wut in die kalte Schwärze brüllte. Und Leon konnte es nur anstarren.
Der Körper des Wesens wirkte wie geschwollen und wuls-
tig von seinen merkwürdigen Muskeln, die nackte Brust
wie aufgeblasen, aufgebläht, in diesem endlosen Schrei. Der rechte Arm war zehn Zentimeter länger als der linke, aus der pulsierenden Hand ragten die fleckigen Knochenkrallen. Und der knollige, sich bewegende Tumor im rechten Bizeps der Kreatur sah aus wie ein Augapfel von der Größe eines Esstel-lers, er ruckte feucht hin und her, wie suchend -
- und auch der Schrei veränderte sich, wurde tiefer, rauer, das verheerte Gesicht fiel vornüber und schmolz regelrecht in die Brust hinein. Wie heißes Wachs, wie in einem filmischen Effekt floss der Schädel der Kreatur in ihren Oberkörper, verschwand in der entzündeten Haut, als sauge diese ihn gierig auf-
- und gleichzeitig formte sich ein anderes Gesicht, wuchs, stieg mit einem entsetzlichen Knacken wie von brechenden Fingern aus dem Nacken des Wesens hervor. Geschlitzte Augen platzten auf, ein knochiges, rotes Loch öffnete sich als Mund, nahm den wüsten Schrei mit neuer Stimme auf -
- und Leon drückte ab, aus purer Verleugnung. Er leugnete die unheilige Existenz dieses Monsters.
Der Schuss traf die Kreatur in die Brust. Dickes, purpurnes Blut spritzte hervor, schnitt den Schrei des Ungeheuers ab -
und das war alles, was der Treffer anrichtete. Das neue Gesicht wandte sich Leon zu, der birnenförmige Kopf neigte sich -
- und dann sprang die Kreatur auf die Plattform herab, landete halbgebückt auf Beinen, deren Umfang dem von Leons
Brustkorb gleichkam. Sie machte einen hüpfenden, ungelenken Schritt nach vorne und war nahe genug, dass Leon den seltsamen, chemischen Geruch wahrnehmen konnte, der ihrer glänzenden Haut entstieg - und er sah, dass die Brustwunde aufgehört hatte zu bluten, dass das eigenartige Fleisch die winzigen Löcher fraß.
Die Kreatur hob ihre gewaltige Klaue, und Leon taumelte
nach hinten, lud das Gewehr durch und feuerte, während die Krallen herabkamen -
- und Funken stoben vom Metallgeländer auf, als der
Schuss in den Bauch der Kreatur schlug und weitere purpur-ne Flüssigkeit aus ihrem Leib spritzte. Der schwere Treffer aus kaum noch nennenswerter Entfernung schien das hünenhafte Ungeheuer kalt zu lassen. Es tat einen weiteren Schritt, und Leon wich zurück, lud durch -
- und stolperte auf den Stufen, die zum Transportraum hinaufführten, stolperte und fiel auf den Arsch. Der Schuss ging weit über den patronenförmigen Kopf der Kreatur hinweg. Ein Schritt noch, und sie würde über ihm sein -
Tot! Ich bin tot!
- doch das Wesen vollzog diesen einen Schritt nicht. Stattdessen wandte es sich zum Geländer um, den bizarren Kopf schiefgelcgt, die rudimentären Nasenlöcher gebläht -
- und lautlos, beinahe anmutig, sprang es über den Rand
der Plattform hinweg ins vorbeiziehende Dunkel!
Einen Moment lang rührte Leon sich nicht. Er konnte
nicht, war zu sehr damit beschäftigt zu begreifen, dass das Monster ihn nicht getötet hatte. Es hatte etwas gerochen oder gespürt, es hatte den Angriff abgebrochen, den es mit ziemlicher Sicherheit gewonnen hätte - und war aus dem in Bewegung befindlichen Aufzug gesprungen.
Ich bin nicht tot. Es ist weg, und ich bin nicht tot.
Er wusste nicht, warum, und wagte es nicht einmal, den
Grund auch nur erraten zu wollen. Es reichte ihm, dass er noch lebte - und ein bisschen später, nicht mehr als ein paar Sekunden, sagten ihm seine aufgewühlten Gedanken und
Sinne, dass der Aufzug langsamer, dass der Schacht heller wurde, die Schwärze zu einem Grau verwusch.
Leon kam mühsam auf die Beine und ging, um nach Ada
zu sehen.
Sherry hatte das Monster von weitem gehört, von irgendwo tief aus dem riesigen Loch, und hatte sich mehr gefürchtet, als bei der Begegnung mit dem Riesen - Claire nannte ihn Mr. X - in der Bahnhaltestation. Claire hatte gesagt, es wahrscheinlich stecke das Monster nicht einmal dahinter, und dass es vermutlich irgendein Maschincnproblem sei, doch Sherry war davon nicht überzeugt, auch wenn das Geräusch so weit weg und seltsam geklungen, dass es etwas anderes gewesen sein konnte ...
... aber was, wenn nicht? Was, wenn Claire sich irrt?
Sic standen in der kühlen Dunkelheit vor einem Lagerhaus, standen über dem großen Loch im Boden und warteten darauf, dass die mechanischen Geräusche verklangen. Der fast volle Mond stand tief am Himmel, und anhand des blauen
Lichtes am Horizont wusste Sherry, dass es sehr früh am
Morgen war; sie fühlte sich jedoch nicht müde. Sie hatte Angst, war nervös, und obwohl Claire ihre Hand hielt, wollte sie nicht hinunter in das schwarze Loch, wo das Monster lauern konnte.
Nach, wie ihr vorkam, langer Zeit verstummte der brum-
mende Lärm der Maschinen, und Claire trat vom Loch zu-
rück - dem Aufzugschacht, wie sie sagte - und wandte sich wieder dem Lagerhaus zu.
„Lass uns mal sehen, ob wir den ... Sherry?"
Sherry machte keine Anstalten, ihr zu folgen. Sie starrte in das Loch hinab, hielt sich an ihrem Glücksbringer fest und wünschte sich, so tapfer zu sein wie Claire - aber das war sie nicht, sie wusste, dass sie das nicht war, und sie wollte nicht hinab steigen in diese Finsternis.
Ich kann nicht, ich kann nicht da runter, ich hin NICHT
wie Claire, und es ist mir egal, ob meine Mom dort hinunter gegangen ist, es ist mir völlig gleichgültig!
Sherry spürte etwas Warmes auf ihrem Rücken und schau-
te auf. Erstaunt sah sie, dass Claire ihre Weste ausgezogen hatte und nun über ihre, Sherrys, Schultern streifte.
„Ich will, dass sie dir gehört", sagte Claire. und trotz ihrer Angst empfand Sherry einen plötzlichen Anflug konfusen
Glücks.
„Aber - warum? Das ist deine, und du wirst frieren ..."
Claire überging ihren Einwand für den Moment und half
ihr, die Weste anzuziehen. Sie war ihr zu groß und etwas schmutzig, aber Sherry fand, dass die Weste das Coolste war, das sie je getragen hatte.
Für mich. Sie will, dass sie mir gehört.
Claire ging vor ihr in die Knie, jetzt nur noch mit einem dünnen schwarzen T-Shirt und Shorts bekleidet. Sic sah Sherry sehr ernst an, während sie ihr die Weste vor der Brust schloss.
„Ich will, dass du sie trägst, weil ich weiß, dass du Angst hast", sagte sie fest. „Und ich hatte diese Weste lange Zeit, und wenn ich sie anhabe, dann hab ich das Gefühl, dass ich echt taff bin. Als ob nichts mich stoppen könnte. Mein Bruder hat eine Lederjacke mit demselben Muster auf dem Rü-
cken, und er ist taff - aber er hat die Idee von mir."
Plötzlich lächelte sie, ein müdes, warmes Lächeln, das
Sherry das Monster vergessen ließ, Tür den Augenblick wenigstens.
„Und jetzt gehört sie dir, und jedes Mal wenn du sie trägst, sollst du daran denken, dass ich dich für die beste Zwölfjährige halte, die es je gab."
Sherry erwiderte das Lächeln und schmiegte sich an den
ausgebleichten, pinkfarbenen Jeansstoff. „Und es ist ein Be-stechungsversuch, hm?"
Claire nickte, ohne zu zögern. „Ja. Und es ist ein Bestechungsversuch. Also, was meinst du?"
Seufzend fasstc Sherry nach ihrer Hand, dann kehrten sie in das Lagerhaus zurück, um nach der Steuerung für den Aufzug zu suchen.
Ada erwachte, als Leon sie behutsam auf einer knarrenden Liege absetzte. Sie erwachte mit pochendem Kopfweh und
Schmerzen in der Seite. Ihr erster Gedanke war, dass sie angeschossen worden war - doch als sie die Augen öffnete und ihr Blick sich auf Leons besorgtes, bleiches Gesicht richtete, erinnerte sie sich.
Ich glaube, er wollte mich gerade küssen - und dann ...
„Was ist passiert?"
Leon strich ihr das Haar aus der Stirn und lächelte schwach.
„Ein Monster, das ist passiert. Dasselbe, das Bertolucci erwischt hat, glaube ich. Es hat mit seiner Klaue die Wand des Aufzugs durchschlagen und dich umgehauen. Du hast dir den Kopf angestoßen, nachdem es - dich mit seiner Kralle verletzt hatte."
Das Virus!
Ada versuchte, sich aufzusetzen, um sich die Wunde anzu-
sehen, doch die Kopfschmerzen zwangen sie wieder zurück.
Sie fasste nach oben, berührte vorsichtig die pochende Stelle über ihrer linken Schläfe und zuckte unter dem Gefühl der klebrigen Kruste zusammen.
„Hey, ruhig liegen bleiben", mahnte Leon. „Die Wunde ist nicht allzu schlimm, aber du hast einen ziemlich schweren Hieb einstecken müssen ..."
Ada schloss die Augen und versuchte, sich zu sammeln.
Wenn sie infiziert war, dann gab es nichts, was sie jetzt dagegen tun konnte - was für eine Ironie: Falls es Birkin war, der sie verletzt hatte, und er noch eine Gefahr darstellte, dann würde sie sich auf extrem persönliche Art und Weise die be-gehrte G-Virus-Probe beschafft haben ...
Tief durchatmen, reiß dich zusammen. Du bist nicht mehr im Aufzug, was sagt dir das?
„Wo sind wir?", fragte sie und schlug die Augen auf.
Leon schüttelte den Kopf. „Ich bin nicht sicher. Wie du gesagt hast, es ist ein unterirdisches Labor oder irgendeine Fabrik. Die Kabine ist gleich da draußen. Ich brachte dich in den nächstbesten Raum."
Ada drehte den schmerzenden Kopf weit genug, um kleine
Fenster über einem vollgestellten Tisch sehen zu können, die auf den Transporterbereich hinauswiesen.
Muss Ebene vier sein, wo der Aufzug hält...
Das Haupt-Labor zur Synthese-Herstellung lag auf Ebene
fünf.
Leon sah so aufrichtig zu ihr herab, seine strahlend blauen Augen leuchteten so schmerzhaft sanft, dass Ada für ein paar Sekunden erwog, die Mission abzubrechen. Sie konnten es
gemeinsam hinunter zum Fluchttunnel schaffen, sie konnten in den Zug springen und aus der Stadt verschwinden. Sie
konnten weglaufen, weit, weit weg -
- und was dann? Rufst du Trent an und bietest ihm eine Rückzahlung an? Klar doch. Dann kannst du vielleicht Leons Eltern kennen lernen, kriegst einen Ring, ihr kauft euch ein Häuschen mit einem hübschen Zaun, bekommt ein paar Kinder ...du könntest Häkeln lernen und seine Füße massieren, wenn er nach einem schweren Tag heimkommt, an dem er wieder mal Betrunkene eingelocht und Verkehrssünder gestoppt hat. Und wenn sie nicht gestorben sind ...
Ada schloss die Augen, konnte ihn nicht ansehen, als sie sprach.
„Mein Kopf tut ziemlich weh, Leon, und der Tunnel, den
ich auf dieser Karte sah - ich weiß nicht, wo genau er ist..."
„Ich werde ihn finden", sagte er sanft. „Ich werde ihn finden, und dann komme ich zurück und hole dich. Mach dir
keine Sorgen, okay?"
„Sei vorsichtig", flüsterte sie, und dann spürte sie, wie seine weichen Lippen ihre Stirn streiften, hörte, wie er aufstand und zur Tür ging.
„Bleib hier, ich bin bald wieder da", sagte er. Die Tür öffnete und schloss sich, und dann war sie allein.
Er kommt schon klar. Er wird sich auf der Suche nach dem Tunnel verlaufen, er wird zurückkommen, er wird sehen, dass ich weg bin, und mit dem Aufzug zurück zur Oberfläche fahren ... Ich werde die Probe finden und fliehen, und dann ist alles vorbei.
Ada zählte in Gedanken bis sechzig, dann setzte sie sich langsam auf. Das Pochen in ihrem Schädel ließ sie das Gesicht verziehen, ein böses Hämmern, aber es schwächte sie nicht; sie hatte sich im Griff.
Draußen erklang ein Geräusch. Ada stand auf und ging zu
einem der kleinen Fenster. Sie erkannte das Geräusch, noch bevor sie hinausschaute, und ihr Mut sank ein wenig. Der Transportaufzug bewegte sich nach oben, war vermutlich von einem Umbrella-Tcam zurück in die Fabrik gerufen worden ...
... das heißt, ich habe nicht viel Zeit. Und wenn sie ihn finden
Nein. Leon würde klar kommen. Er war ein Kämpfer, er
hatte ein Gespür dafür, Gefahren auszuweichen, er war stark und anständig - und er brauchte in seinem Leben niemanden wie sie. Sie war verrückt gewesen, das auch nur einen Mo-mcnt lang in Betracht zu ziehen. Es war Zeit, die Sache zu Ende zu bringen, zu tun, weswegen sie gekommen war, sich daran zu erinnern, wer sie war - eine freischaffende Agentin, eine Frau, die bedenkenlos stahl oder tötete, um einen Auftrag auszuführen, eine coole, effiziente Diebin, die stolz sein konnte auf eine Karriere ohne Fehlschläge. Ada Wong holte sich immer, was sie wollte, und es bedurfte mehr als ein paar Stunden mit eines blauäugigen Cops, um sie das vergessen zu lassen.
Ada zog die Schlüsselkarten und den Hauptschlüsscl aus
ihrer Tasche und öffnete die Tür, sagte sich, dass sie das Richtige tat - und hoffte, dass sie es zur rechten Zeit auch glauben würde.
S e c h s u n d z w a n z i g
Annette steckte in Schwierigkeiten.
Der Weg hinunter in den Frachtraum war nicht schlimm ge-
wesen; sie war nur einem einzigen Träger begegnet, einem im Erststadium befindlichen, und hatte ihm mit dem ersten Schuss ein Loch in den fahlen, welken Schädel geblasen. Sic war unter einem schlafenden Re3er vorbeigegangen, doch das Wesen
hatte sich nicht gerührt in seiner Schlafstatt aus Lumpen, und es schien, als hätten die anderen Kreaturen, die in den Schatten der Einrichtung lauerten, noch gar nicht gemerkt, dass sie frei waren. Entweder das, oder es waren mehr von ihnen zu Brei zerfallen, als Annette angenommen hatte ... wie auch immer, sie würde fort sein, ehe sie sich darüber Sorgen machen musste.
Sie hatte es in weniger als drei Minuten bis zum Fracht-
raum geschafft und den Keycode mit einem Gefühl, etwas
Großes geleistet zu haben, eingegeben. Das durch die Injektion ausgelöste Hochgefühl ließ nach, aber sie fühlte sich immer noch gut -
- bis das Schott zum Frachtraum sich weigerte, aufzuge-
hen. Annette hatte den einfachen Code ein zweites Mal eingegeben, sorgfältiger diesmal - doch wieder nichts. Es war eine der wenigen Türen in der ganzen Einrichtung, die sich nach der Pannensicherungs-Auslösung nicht automatisch öffneten, aber es hätte kein Problem damit geben dürfen - in dem
Schlitz unter den Kontrollen war eine Verifikations-Disk, die Disk, die immer dort war, obgleich Umbrella darauf bestanden hatte, dass nur die Bereichsleiter Zutritt haben sollten - \
- und als Annette das überprüfte, hatte sie festgestellt, dass die Disk natürlich nicht da war, dass sie sich nicht dort befand, wo sie hätte sein sollen. Jemand hatte sie herausgenommen.
Annette stand vor der verschlossenen Luke in dem leeren
Gang und spürte, wie die ersten Ausläufer von Panik sich um ihren Verstand rankten, eine Hysterie, von der sie sich nicht überwältigen lassen durfte.
Das Labor wird hochgehen, und ich habe jetzt vier, fast fünf Minuten verschwendet - wo ist die gottverdammte Disk?!
„Ruhig, bleib ganz ruhig, du bist okay, alles ist in Ordnung ..."
Ein sanftes Echo, ein Flüstern der Vernunft innerhalb des glänzenden Ganges. Sie brauchte nur den Aufzug von einer anderen Ebene aus zu nehmen; sie hatte den Hauptschlüssel, sie hatte eine Waffe, sie hatte Zeit. Nicht sehr viel, aber genug.
Tief durchatmend ging Annette zurück zu dem Gang, der
zur Treppe führte. Sie rief sich in Erinnerung, dass alles gut war, dass es wirklich nichts ausmachte und dass Umbrella büßen würde, ganz gleich, ob sie lebend hier herauskam oder nicht. Sie wollte nicht sterben, sie würde nicht sterben, doch die glänzenden, blutbesudelten Korridore und die vormals sterilen Labors würden auf jeden Fall in Flammen aufgehen, es gab also keinen Grund zur Panik.
Doch als sie nach rechts abbog und rasch den Verbindungsgang hinabging, mit lauten, in der Stille hallenden Schritten, krachte vor ihr ein Deckenpaneel herunter -
- und ein Re3er, ein Lecker, stürzte zu Boden und gierte nach ihrem Blut.
Nein!
Annette drückte ab, traf aber nur eine Schulter des Wesens, als es vorsprang und eine ungestalte Kralle ausstreckte, um nach ihr zu schlagen. Sie spürte einen scharfen, rotglühenden Schmerz in ihrem Unterarm und schoss abermals, geschockt und ungläubig -
und die zweite Kugel fuhr der Kreatur in die Kehle. Sie
brüllte, Blut spritzte ihr aus dem zerfetzten Hals, ihr trompetenhafter Schrei war ein verstümmeltes, spuckendes Kreischen, während sie von neuem auf Annette zusprang.
Die dritte Kugel klatschte in das graue Gelee des Gehirns.
Das Wesen kam spasmisch zuckend zum Halt, nur Zentimeter von Annettes zitternden Beinen entfernt.
Sie keuchte, als ihr klar wurde, wie knapp es gewesen war.
Sie schaute auf ihren blutenden Arm hinab, auf die dicken Kratzer, die durch ihren Laborkittel hindurch gegangen waren -
- und etwas gab nach. Etwas in ihrem Kopf.
Ihr rasender Verstand, ihr hämmerndes Herz, das Blut und der Lecker, Williams Lecker, tot vor ihr auf dem Boden - all diese Dinge wirbelten und tanzten, drehten sich zu einem Kreis, der sich schloss und auf einen einzigen, lähmend simplen Gedanken hinauslief. Ein Gedanke, der allem Sinn verlieh.
Es gehört ihnen nicht.
Es war so klar, so glasklar. Vor dem Schmerz konnte sie
nicht davonlaufen, weil der Schmerz sie überall finden wür-de, wohin sie auch floh; sie hatte den Beweis, er rann ihren Arm hinab. William hatte es begriffen, aber er hatte sich verloren, ehe er es erklären, ehe er ihr sagen konnte, was sie wirklich tun musste. Sie musste ihre Angreifer konfrontieren und sicherstellen, dass sie begriffen, dass das G-Virus nicht ihnen nicht gehörte.
Aber werden sie das begreifen? Können sie es begreifen?
Vielleicht, vielleicht auch nicht. Doch Annette war derart überwältigt von der profunden Simplizität der Wahrheit - und sie musste es einfach versuchen, musste versuchen, ihnen i Augen zu öffnen. Es war Williams Arbeit. Es war seine Hin-terlassenschaft, und jetzt gehörte es ihr - sie hatte das schon zuvor gewusst, aber erst jetzt wusste sie es, es war ein Licht strahl in ihrem Geist, der alles andere belanglos machte.
Nicht ihnen. Mir.
Sie musste sie finden, es ihnen sagen, und wenn sie
Wahrheit einmal akzeptiert hatten, würden sie sie in Ruhe lassen müssen und dann, wenn dann noch Zeit blieb, würd sie ihrer Wege gehen können.
Aber erst einmal brauchte sie noch eine Injektion. Lä-
chelnd, die Augen groß und stier, stieg Annette über den Lecker hinweg und ging zur Treppe.
Leon glaubte, Schüsse gehört zu haben.
Er befand sich in einer Art Operationssaal, dem ersten
Raum am Ende des ersten Ganges, den er genommen hatte,
nachdem Ada hinter ihm zurück geblieben war. Er sah von
dem Haufen zerknüllter Papiere auf, die er gefunden hatte horchte - aber das ferne Krachen wiederholte sich nicht, un so widmete er sich wieder seiner Suche. Rasch durchblätterte er die Seiten, in der verzweifelten Hoffnung etwas anderes zu finden als endlose Listen mit Zahlen und Buchstaben unter dem Umbrella-Briefkopf.
Komm schon, irgendwo in all dem Zeug muss doch auch
was Nützliches stehen ...
Er wollte raus, er wollte Ada holen und verdammt noch mal hier raus. Der ausgeweidete Leichnam, der verkrümmt in der Ecke lag, war schon Grund genug, aber es war mehr als nur das - mit der Luft in diesem Raum, im Gang draußen vor dem Raum und, darauf hätte er gewettet, in jedem anderen Raum dieser Einrichtung stimmte etwas nicht. Sic stank nach Tod, aber schlimmer noch, die Atmosphäre war geprägt von etwas noch Dunklerem, etwas Amoralischem etwas Bösem.
Hier wurden Experimente durchgeführt, sie haben Tests vorgenommen und weiß Gott was noch - und sie haben eine Zombieseuche kreiert, den monströsen Dämon, der Ada angriff, sie haben eine ganze Stadt umgebracht. Was immer sie auch zu tun vorhatten, sie haben das Böse praktiziert.
Das Böse im ganz großen Stil. Die Transportvorrichtung
hatte sie in eine geheime Umbrclla-Anlage gebracht, und die war groß. Anhand der Zahlen an den Wänden wusste Leon,
dass er sich auf der vierten Etage befand, was immer das auch hieß - und der Laufsteg, den er genommen hatte, um zu diesem seltsamen Operationsraum zu gelangen, eines von
drei zur Wahl stehenden Zielen, hatte sich über zwanzig oder fünfundzwanzig Meter offenen Raumes erstreckt. Der Boden darunter verlor sich im Dunkeln. Er wusste nicht, wie tief er und Ada vorgedrungen waren, und es war ihm im Grunde
auch egal; was er wollte, war eine Karte, so eine wie Ada sie in der Kanalisation gefunden hatte, ein klares, einfaches Dia-gramm mit einem Pfeil, der auf Ausgang zeigte.
Aber hier ist nichts dergleichen ...
Enttäuscht schob Leon die nutzlosen Papiere beiseite - und sah eine Computerdisk auf dem Stahltisch, die unter dem Stapel von Ausdrucken verborgen gelegen hatte. Er nahm sie auf und runzelte die Stirn. „Für Frachtraum-Verifikation", stand in verschmierten Druckbuchstaben auf dem Etikett.
Seufzend ließ Leon die Disk in seine Tasche rutschen und rieb mit der rechten Hand seine schmerzenden Augen; sein linker Arm war nun praktisch wieder nutzlos, nachdem er
Ada aus dem Aufzug getragen hatte. Er wollte nicht nach einem Computer suchen, um nachzusehen, was auf der Disk
war, er wollte nicht von Raum zu Raum marschieren und
nach dem Ausgang fahnden, nur um zu sehen, mit was für
Grausamkeiten Umbrella herumgespielt hatte, bevor sie den Laden dichtgemacht hatten. Er war müde, er hatte Schmerzen und er sorgte sich um Ada ...
Auf dem Weg zur Tür beschloss er zurückzugehen, um mit
ihr zu reden. Er wollte sie beruhigen, wollte ihr sagen, dass er den Weg hinaus finden würde, aber diese Anlage war einfach zu verflucht groß; wenn sie wenigstens die Richtung wüsste oder sich an die Etagcnnummer erinnern könnte ...
Leon öffnete die Tür, trat hinaus auf den Gang -
- und vor ihm stand eine Frau und richtete eine Neunmillimeter auf seine Brust. Die Unbekannte blutete. Dünne, rote Ströme liefen von einem ihrer Arme herab und tropften auf den schmutzig weißen Laborkittel - und ihre Miene, der seltsame, großäugige, gläserne Ausdruck, der über ihre Züge
spielte, sagte ihm. dass es eine sehr schlechte Idee wäre, irgendeine plötzliche Bewegung zu machen.
Jesus, wer isi das?
„Du hast meinen Mann umgebracht", sagte die Frau, „du und dein Partner und das Mädchen auch - ihr alle, ihr wolltet auf seinem Grab tanzen, aber ich habe Neuigkeiten für dich!"
Sie war high von irgendetwas, er konnte es an ihrer hohen, bebenden Stimme hören und daran sehen, wie sie zitterte. Er ließ seine Hände zu beiden Seiten reglos herabhängen und hielt seine Stimme leise und ruhig.
„Ma'am, ich bin Polizist, und ich bin hier, um zu helfen, okay? Ich will Ihnen bestimmt nichts tun, ich will nur -"
Die Frau schob ihre blutige Hand in ihre Tasche und hielt etwas hoch, ein Glasröhrchen, das mit einer purpurnen Flüssigkeit gefüllt war. Sie grinste wild, hob es über ihren Kopf, die Waffe unverändert auf seine Brust gerichtet.
„Hier ist es! Das willst du doch, nicht wahr? Hör mir zu, hörst du mich? Es gehört nicht euch! Verstehst du, was ich sage? William hat es erschaffen, und ich habe ihm dabei geholfen, und es gehört nicht euch!"
Leon nickte, sagte langsam: „Es gehört mir nicht. Sie haben Recht. Es gehört Ihnen, ganz richtig -"
Die Frau hörte nicht einmal zu. „Ihr glaubt, ihr könnt es euch nehmen, aber ich werde euch aufhalten, ich werde nicht zulassen, dass du es mir wegnimmst - es ist noch viel Zeit, Zeit genug, um dich zu töten und Ada und jeden anderen, der versucht, es mir wegzunehmen!"
Ada ...!
„Was wissen Sie über Ada?", schnauzte Leon und machte einen halben Schritt auf die Wahnsinnige zu, nun keineswegs mehr ruhig. „Haben Sie sie verletzt? Reden Sie!"
Die Frau lachte, ein humorloses, irrsinniges Gackern. „Umbrella hat sie geschickt, du dämlicher Idiot! Ada Wong, Miss Lieb-sie-und-tritt-ihr-in-den-Arsch höchstpersönlich! Sie verführte John, um an das G-Virus zu gelangen, aber es gehört auch nicht ihr! Es ist nicht, es ist NICHT FÜR EUCH BESTIMMT, ES IST MEIN -"
Ein gewaltiger Stoß erschütterte den Boden, ließ Leon zu Boden stürzen - ein grollendes Vibrieren, das die Wände zum Wackeln brachte.
Rohre und Verputz krachten von der Decke nieder, ein starker Träger streckte die Frau mit einem dumpfem Laut nieder.
Leon bedeckte seinen Kopf, als Betontrümmer und weiße
Gipsbrocken auf ihn herab hagelten -
- und dann war es vorbei. Leon setzte sich auf. starrte die Frau erschrocken an. Sie bewegte sich nicht. Der Metallträ-
ger, der sie getroffen hatte, hing noch an der Decke fest, einer ihrer Arme war darunter eingeklemmt -
- und plötzlich plärrte eine kühle, klare Stimme aus Laut-sprechern, die irgendwo in der Wand verborgen sein mussten
- eine weibliche Stimme, ruhig und durchsetzt vom rhythmischen Blöken einer Alarmsirene.
„Die Selbstzcrstörungssequenz wurde aktiviert. Die Sclbstzerstörungssequenz kann nicht abgebrochen werden. Das gesamte Personal muss die Einrichtung sofort verlassen. Die Selbstzerstörungssequenz wurde aktiviert. Dieses Programm kann nicht abgebrochen werden. Das gesamte Personal muss die Einrichtung sofort verlassen ..."
Leon mühte sich auf die Beine und machte einen schnellen Schritt auf die gestürzte Frau zu. Er fasste hinunter, pflückte den Glaszylinder aus ihrer ausgestreckten Hand und schob ihn in seinen Mehrzweckgürtel. Er wusste nicht, wer sie war, aber sie war zu irre, um irgendetwas Belangloses in einem Teströhrchen bei sich zu tragen.
Ada - er musste zu Ada, und sie mussten hier raus. Das Blöken der Alarmsirene röhrte durch die hallenden Gänge, jagte ihn zur Tür hinaus und auf den Laufsteg. Die teilnahmslos klingende Frauenstimme verfolgte ihn mit der ständigen Wiederholung ihrer Warnung.
Die aufgezeichnete Stimme sagte nicht, wie viel Zeit noch bis zur Zerstörung blieb, aber Leon war sich ziemlich sicher, dass er nicht in der Nähe sein wollte, wenn die Frist ablief.
S i e b e n u n d z w a n z i g
Die Fahrt den kalten, dunklen Aufzugschacht hinab endete im Quietschen hydraulischer Bremsen - und dann in plötzlicher Stille, als der Antrieb abschaltete. Sie saßen fest, irgendwo in dem scheinbar endlosen Tunnelsystem.
„Claire? Was -"
Claire hielt einen Finger an ihre Lippen, um Sherry zu bedeuten, still zu sein - und hörte von draußen etwas, das wie ein Alarm klang, ein sich wiederholendes, plärrendes Hupgeräusch. Eine Stimme schien sich auch hineinzumengen, doch Claire hörte nur ein schwaches Murmeln.
„Komm, Schätzchen, ich glaube, die Fahrt ist zu Ende. Mal sehen, wo es uns hinverschlagen hat, okay? Und bleib dicht bei mir."
Sie verließen die Kabine und traten auf die Plattform hinaus, wo die fernen Geräusche nicht mehr so fern klangen -
und von irgendwo hinter dem Lift strömte Licht. Claire nahm Sherrys Hand, und sie gingen schnell um den Aufzug herum.
Sic wollte nicht, dass sich das Mädchen sorgte, aber sie war sich ziemlich sicher, dass es tatsächlich ein Alarm war, den sie da hörten. Zweifellos sprach auch jemand über diesem rhythmischen Quäken, und Claire wollte wissen, was gesagt wurde.
Der Aufzug hatte dicht unterhalb eines Wartungstunnels
gestoppt, das Licht, das Claire bemerkt hatte, rührte von einer Glühbirne, die von einem Gitter geschützt war und von der Tunneldecke herabhing. Eine Tür gab es nicht, dafür aber eine Art Kriechboden von annehmbarer Größe am Ende der
kurzen Passage. Er würde genügen müssen.
Entweder das. oder wir klettern an die Oberflüche zurück, ist ja nur etwa eine Meile bis dorthin ...
Keine Chance. Claire hob Sherry hinauf, dann kletterte sie ihr nach, setzte sich an die Spitze und ging gebückt zu dem dunklen Loch. Die blökenden Geräusche wurden lauter, je
näher sie diesem niedrigen Gang kamen. Das Murmeln wur-
de zur Stimme einer Frau. Claire bemühte sich, einzelne Worte hcrauszufiltern, hoffte, dass sie etwas wie „Störung des Aufzugs" und „vorübergehend" aufschnappen würde - aber sie verstand noch immer nichts. Sie mussten den Aufzug hinter sich lassen und konnten nur hoffen, dass sie es zugunsten von etwas Besserem taten.
Seufzend drehte Claire sich um. „Sieht mir ganz danach
aus, als mussten wir zwei in der anstrengendsten und gebück-testen Gangart weiter, Kind. Ich geh voraus, und dann -"
Sherry kreischte auf, als hinter ihnen etwas auf dem Dach der Aufzugskabine landete und es mit dem Geräusch zerrei-
ßenden Metalls durchschlug. Clairc packte sie und zog sie zu sich heran. Der Atem stockte ihr -
- und eine Hand nein, zwei Hände tauchten aus dem Loch im Dach auf. Zwei dicke Arme, in Schatten gehüllt, und dann schob sich das leuchtende Weiß von Mr. X' gewaltigem Schä-
del wie ein toter Mond in einer sterncnlosen Nacht aus dem ramponierten Aufzug.
Claire drehte sich um und schob Sherry auf die Dunkelheit des Kriechbodens zu. Ihr Herz hämmerte, ihr Körper war mit einemmal schweißnass und glitschig.
„Geh! Geh, ich bin direkt hinter dir!"
Sherry verschwand in der sich krümmenden Schwärze,
flitzte wie eine verschreckte Maus außer Sicht. Claire schaute nicht zurück, sie hatte zu viel Angst, um sich umzudrehen, während sie Sherry in das Loch folgte und ihr gnadenloser Verfolger sicher schon aus dem beschädigten Aufzug kletterte, um seine erbarmungslose Jagd fortzusetzen - aus wel-
chem Motiv heraus auch immer.
Ada hatte aus den Schatten der Stelle, an der sich die drei Laufstege trafen, Bruchstücke von Annettes kreischender Ti-rade mitbekommen. Sie hatte sich gezwungen, Leon nicht zu Hilfe zu eilen, sich aber geschworen, diesen Entschluss noch einmal zu überdenken, sollte sie Schüsse hören -
doch dann war das Labor heftig erschüttert worden, und
eine teilnahmslose Bandstimme hatte ihre Endlosschleife begonnen.
Scheiße!
Ada hielt sich wankend auf den Beinen, voller Wut auf die Wissenschaftlcrin. Ein Teil von ihr sehnte sich schmerzlich nach Leon, und sie wusste, was geschehen war: Annette hatte die „Pannensicherung" aktiviert, was bedeutete, dass ihnen vermutlich weniger als zehn Minuten blieben, um sich aus Dodge zu verdrücken ...
Leon kennt den Weg nicht!
unwichtig. Wenn sie sich die Probe holen wollte, die An-
nette gewiss bei sich trug, musste sie es jetzt tun. Leon war nicht ihr Problem, er war nie ihr Problem gewesen, und sie konnte jetzt nicht aufgeben - nicht nach der Hölle, durch die sie gegangen war, um Trents kostbares Virus in ihren Besitz zu bringen.
Ada entfernte sich einen Schritt vom Hauptverbindungspa-
necl, das die drei Laufstege miteinander verband - und hör-te dröhnende Schritte auf sich zukommen, Schritte, die zu schwer waren, um von Annette zu stammen. Sie glitt zurück in die Schatten, herum zu dem Steg, der nach Westen führte, und drückte sich gegen den Rahmen des Kreuzungspunkts.
Eine Sekunde später rannte Leon vorbei, wahrscheinlich
dorthin zurück, wo er glaubte, dass sie auf ihn wartete. Ada holte tief Luft und entließ sie wieder, während sie Leon aus ihren Gedanken verbannte. Dann eilte sie über die Südbrü-
cke, um Annette zu suchen.
Ada war weg.
„... wurde aktiviert. Die Selbstzerstörungssequenz ..."
„Halt's Maul, halt 's Maul!", zischte Leon. Hilflos stand er inmitten des Raumes, sein Magen verkrampft, seine Hände
zu Fäusten geballt.
Sie musste in Panik geraten und davongerannt sein, als sie den Alarm gehört hatte. Wahrscheinlich stolperte sie jetzt durch die riesenhafte Einrichtung, verirrt und benommen, und vielleicht suchte sie nach ihm, während diese verdammte Stimme ihre Litanei unentwegt wiederholte, während die Sirenen plärrten und heulten.
Der Transportaufzug!
Leon wandte sich um, rannte wieder zur Tür hinaus und
sah, dass die Kabine verschwunden war - wo der Aufzug vorhin noch gewesen war, gähnte jetzt ein großes, leeres, tiefes Loch. Leon war zu sehr darauf konzentriert gewesen, zu Ada zu gelangen. Ihm war nicht einmal aufgefallen, dass der Lift nicht mehr da war.
Wir müssen diesen Tunnel finden, wir müssen! Ohne den Aufzug sitzen wir hier fest!
Mit einem frustrierten Stöhnen machte Leon kehrt und
rannte zurück zu den Laufstegen. Und er betete, dass er Ada fand, bevor es zu spät war.
Der niedrige Durchlass endete abrupt vor einem Durchgang, hinter dem in zwei Meter Tiefe ein leerer Tunnel verlief. Mit dröhnenden Ohren, ihr Mund staubtrocken, umfasste Sherry die Ränder des rechteckigen Loches, schloss die Augen und sprang.
Sie schwang sich über den Gang hinaus und ließ los, lande-te geduckt und stürzte, als ihr rechtes Bein nachgab. Es tat weh, aber sie spürte es kaum, kroch auf I landen und Knien weiter, um den Weg freizumachen, und sah gleichzeitig zu dem Loch hinauf -
- und da war Claire. Ihr Kopf kam zum Vorschein, aus gro-
ßen, sorgenvollen Augen überzeugte sie sich davon, dass sie, Sherry, okay und dass der Gang leer und sicher war ... nur dass eben Alarmglocken schrillten, eine Frau über die Sprech-anlage plapperte und Mr. X unterwegs war.
Claire streckte ihren Arm mit der Waffe so weit herab, wie sie konnte. „Sherry, nimm das mal, ich kann mich nicht umdrehen."
Sherry stand auf und langte nach oben, packte den Lauf
und war erstaunt, wie schwer die Waffe war. als Claire sie losließ.
„Richte sie nirgendwohin". keuchte Claire, und dann tauchte sie förmlich aus dem Loch, krümmte ihren Körper und landete mit tief eingezogenem Kopf auf der Schulter. Sie vollführte einen halben Purzelbaum, dann stießen ihre Beine gegen die Betonwand.
Noch bevor Sherry auch nur fragen konnte, ob sie in Ord-
nung war, kam Clairc auf die Beine, nahm die Waffe und
deutete auf die Tür am Gangende.
„Renn!", sagte sie und lief selbst los. Mit einer Hand drückte sie gegen Sherrys Rücken, während sie der Tür ent-gegeneilten und während die Bandstimmc sie anwies zu verschwinden, sie darüber informierte, dass die Selbstzerstö-
rungssequenz aktiviert worden war ...
Hinter ihnen drang das Geräusch berstenden Metalls durch den blökenden Sirenenlärm, und Sherry rannte vor Schreck noch schneller.
A c h t u n d z w a n z i g
Annette kroch unter dem zermalmenden Gewicht des kalten
Metalls hervor, die Waffe noch immer in der Hand, aber dafür war das G-Virus verschwunden. Als sie den Mund öffnete,
um ihrem Zorn mit einem Schrei Luft zu machen, und um die Götter zu verfluchen wegen der Ungerechtigkeit der furchtbaren Not, die sie litt, lief Blut in einem dicken Streifen klumpigen Speichels über ihre Lippen.
Gehört mir mir mir . . .
Irgendwie schaffte sie es, auf die Beine zu kommen.
Ada sagte sich, dass sie Leon Kennedys Wohlwollen ohnehin nicht verdiente. Sie hatte es nie verdient gehabt.