Apropos ...
Zusätzlich zu allem anderen musste sie eine andere Waffe finden oder mehr Munition für die Neunmillimeter. Sie hatte noch dreizehn Schuss übrig, ein volles Magazin, und wenn das aufgebraucht war, würde sie aufgeschmissen sein. Vielleicht sollte sie auf dem Rückweg zum Ostflügel ein paar der Leichen durchsuchen. Selbst auf ihrer panischen Flucht hatte sie feststellen können, dass einige von ihnen Cops waren, und ihre eigene Pistole war eine der RPD-Standardwaffen. Die Vorstellung, einen der Toten zu berühren, gefiel Claire zwar überhaupt nicht, aber dass ihr die Munition ausging, war noch deutlich weniger erstrebenswert - vor allem, da Mr. X
umherstreifte.
Claire ging zur Tür, drückte sie auf und versuchte, ihre Gedanken zu ordnen, als sie wieder hinaus in den trüben Flur trat. Das Büro zu verlassen versetzte ihrer Entschlossenheit einen Dämpfer. Als sie die Tür hinter sich zudrückte, musste sie ein Schaudern unterdrücken in Anbetracht des immer
noch sehr lebendigen Bildes in ihr von Mr. X. Plötzlich kam sie sich wieder verletzlich vor. Sie wandte sich nach rechts und strebte der Bibliothek zu, beschloss, nicht an den Riesen zu denken, bis es unbedingt sein musste - nicht in der Erinnerung an diese leeren, unmenschlichen Augen zu verweilen oder daran, wie er seine schreckliche Faust erhoben hatte, besessen davon, alles, was sich in seinem Weg befand, zu zerstören ...
Jetzt hör schon endlich auf damit. Denk an Sherry, denk
daran, dir Munition zu besorgen, verdammt noch mal, oder
wie du mit Irons umgehen wirst, wenn du ihn findest. Denk
drüber nach, wie du am Leben bleiben kannst.
Direkt voraus knickte der dunkle, holzverkleidete Gang
wieder nach rechts ab, und Claire versuchte, sich für die vor ihr liegende Aufgabe zu wappnen. Wenn ihre Erinnerung sie nicht trog, lag gleich um die Ecke ein toter Cop -
Als ob ich das nicht schon aufgrund des Gestanks wüsste!
- und sie würde ihn durchsuchen müssen. Er hatte nicht
allzu eklig ausgesehen, jedenfalls war ihr das nicht aufgefallen ...
Claire bog um die Ecke und gefror stieren Blickes in der Bewegung. Ihr Magen verkrampfte sich, verriet ihr, dass sie in Gefahr war, bevor es ihre Sinne vermochten. Der Leichnam, über den sie auf dem Weg zum S.T.A.R.S.-Büro hin-
weggesprungen war, war jetzt nurmehr eine blutige Masse
aus Fleisch, gebrochenen Gliedern und zerfetzter Uniform.
Der Kopf war verschwunden - es war jedoch unmöglich zu
sagen, ob er entfernt oder lediglich zu unkenntlichem Brei zermatscht worden war. Es sah aus, als habe jemand den Toten mit einem Vorschlaghammer oder einer Axt bearbeitet -
in der kurzen Zeit, seit Claire zuletzt hier vorbeigekommen war, und ihn zu einer klumpigen Masse zerstampft.
Aber wenn, dann wie? Ich habe nichts gehört -
Etwas bewegte sich. Ein Schatten fiel über die zermalmten Überreste etwa sechs oder sieben Schritte vor ihr, und gleichzeitig vernahm Claire ein seltsam kratzendes Geräusch. Atmen.
Sie schaute auf, noch immer nicht sicher, was sie da sah oder hörte - das krächzende Atmen und das Ticken von dicken, gebogenen, krallenbewehrten Klauen auf Holz, die
Krallen eines Wesens, das es nicht geben konnte. Es war von der Größe eines ausgewachsenen Menschen, aber damit endete jede Ähnlichkeit auch schon - das Ding war so unmöglich, dass Claire es nur überaus eingeschränkt wahrnehmen konnte; ihr Verstand weigerte sich, die Puzzleteile zusam-menzufügen: Das entzündete, ins Violette spielende Fleisch der nackten, langgliedrigen Kreatur, die sich an der Decke festklammerte. Das aufgedunsene, grauweiße Gewebe
des teilweise freiliegenden Hirns. Die narbengesäumten Lö-
cher, wo die Augen hätten sein sollen ...
Das seh ich nicht wirklich!
Der abgerundete Kopf der Kreatur kippte nach hinten, das breite Maul öffnete sich, ein zäher Strom dunklen Geifers ergoss sich daraus und spritzte über das, was von dem Cop
noch übrig war. Das Wesen streckte seine Zunge heraus, aalartig und rosafarben; die raue Oberfläche schimmerte feucht, als sie hervorglitt. Weiter und immer weiter entrollte sich diese schlangenhafte Zunge, peitschte von einer Seite zur anderen und war schließlich so lang, dass sie tatsächlich durch das verheerte Fleisch der Leiche schleifte.
Immer noch wie gelähmt, sah Claire in entsetzter Ungläu-
bigkeit mit an, wie diese unglaubliche Zunge zurückschnellte. Blutströpfchen flogen durch die Luft. Der ganze Vorgang hatte nur eine Sekunde gedauert, doch die Zeit kroch nur noch dahin, und Claires Herz schlug so schnell, dass alles andere ihr wie Zeitlupe vorkam - auch wie sich die Kreatur auf den hölzernen Boden niederließ, wobei ihr Körper sich in der Luft drehte, so dass sie in kauernder Haltung auf dem kaum noch kenntlichen Polizisten landete.
Abermals öffnete das Wesen sein Maul und schrie -
- und endlich war Claire wieder in der Lage, sich zu bewegen, und während das bizarre, hallende Kreischen aus dem Ungeheuer hervorbrach, schaffte sie es, ihre Waffe in An-schlag zu bringen und zu schießen. Das Donnern von Neun-
millimeter-Schüssen überlagerte das Heulen, das durch den schmalen Flur hallte.
Bamm-bamm-bamm ...!
Und nach wie vor schauderhaft trompetend und kreischend, wurde die Kreatur nach hinten geworfen und ruderte mit ihren klauenbesetzten Armen. Die krampfhaft zuckenden Beine wirbelten blutige Brocken des ausgeweideten Leichnams hoch.
Claire sah ein ausgefranstes Stück Kopfhaut, an dem noch ein Ohr hing, durch den Flur fliegen und mit einem feuchten Klatschen gegen die Wand prallen, wo es zu Boden rutschte.
Und die Kreatur brachte ihre Beine irgendwie unter sich
und plumpste wie ein knochenloser Haufen vorwärts. Spin-
nenhaft kam sie auf Claire zu, rasend schnell, schlug ihre entsetzlichen Krallen in den Holzboden und heulte auf.
Claire schoss abermals. Es war ihr nicht bewusst, dass sie ebenfalls zu schreien begonnen hatte, als drei weitere Kugeln in das huschende Ding schlugen und durch die graue Hirn-substanz pflügten, die aus dem offenen Schädel hervortrat.
Sie würde sterben, „es" würde in weniger als einer Sekunde bei ihr sein, und seine gewaltigen Klauen waren nur noch Zentimeter von ihren Beinen entfernt ...
Doch so plötzlich der Angriff erfolgt war, endete er auch.
Der gesamte sehnige Körper zitterte und bebte, während flüssiges Grau aus dem brodelnden Schädel troff. Die dicken
Krallen trommelten wie wild einen hektischen Rhythmus auf den Holzboden. Mit einem letzten wispernden Jaulen starb das Wesen. Diesmal war jeder Irrtum ausgeschlossen. Claire hatte ihm das Hirn aus dem Schädel geschossen, es würde
nicht wieder aufstehen.
Sie starrte auf das Monster hinab, ihr entsetzter Verstand suchte nach irgendetwas, mit dem das Ding sich in Verbindung bringen ließ, irgendein Tier oder auch nur das Gerücht über ein Tier, das dem hier nahe gekommen wäre - doch
Claire gab den Versuch nach ein paar Sekunden auf, weil er vergebens war. Das war kein natürliches Wesen, und so nahe, wie es ihr war, konnte sie es nun auch riechen - der Geruch war nicht so beißend wie der eines Zombies, es war ein bitterer, öliger Geruch, irgendwie eher chemisch denn tierisch ...
... und es könnte wie Butterkekse riechen, wen würde es in-
teressieren? In Raccoon City gibt's Monster - es ist Zeit, dass
du aufhörst, so gottverdammt überrascht zu sein, wenn du ei-