Ganz ruhig ...
Leon drückte abermals ab, und -
KA-BUMM!
- wurde zu Boden geschleudert, als der Behälter hochging.
In einem Wirbel aus zerreißendem Stahl und entzündeten Ga-sen wurde der Schädel der Kreatur buchstäblich ausradiert,
verschwand wie ein geplatzter Ballon. Fast gleichzeitig wurde Leon von einer Woge dampfenden Blutes getroffen, Zahnund Knochensplitter und zerfetztes, rauchendes Fleisch
klatschten auf ihn herab wie eine schwere, nasse Decke.
Würgend, mit klingelnden Ohren und blutendem Arm setz-
te sich Leon auf. während der kopflose Kadaver zu Boden
sackte. Die Beine knickten unter dem Gewicht des Reptilien-monstrums weg.
Leon presstc seine blutverschmierte Hand auf die Wunde.
Er war erschöpft, ihm war übel vor Schmerzen - und doch
fühlte er sich so tief befriedigt wie seit langem nicht mehr.
„Hab ich dich erwischt, du dämliches Vieh", knurrte er lä-
ehclnd. Als Ada einen Augenblick später den Gang hcrauf-
trabte, fand sie ihn genau so vor: Sein Werk in benommenem Triumph anstierend, blutig und blutend und grinsend wie
ein kleiner Junge.
D r e i u n d z w a n z i g
Leon trug ein weißes Unterhemd unter seiner Uniform. Ada riss es in Streifen, verband seinen Arm damit und fertigte ihm eine behelfsmäßige Schlinge, die sie ihm anlegte, nachdem sie ihm sein zerrissenes Hemd wieder übergezogen hatte. Er hatte so viel Blut verloren, dass er benommen war, hilflos fast, und Ada nutzte seinen leichten Schock, um ihm berich-ten. Gleichzeitig versorgte sie ihn wobei die komplexen Ge-fühle, die in ihr miteinander rangen, sie selbst irritierten.
„... und ich dachte, sie käme mir bekannt vor. Ich dachte, ich hätte sie durch John kennen gelernt, und ich hatte sie fast eingeholt - aber sie muss irgendwie an mir vorbeigekommen sein. Ich verirrte mich in den Tunnels, versuchte, den Weg zu-rück zu finden ..."
Nichts davon war wahr, aber Leon schien es nicht zu be-
merken - genau so wenig wie er bemerkt hatte, wie sanft und behutsam sie ihn berührte, oder wie ihre Stimme leicht zitterte, als sie sich zum dritten Mal dafür entschuldigte, dass sie ihn zurückgelassen hatte.
Er hat mir das Lehen gerettet. Schon wieder. Und alles,
was ich ihm dafür zu gehen habe, sind Lügen, berechnende
Täuschungsmanöver als Lohn für seine Selbstlosigkeit...
Etwas hatte sich für sie verändert, als er die für sie bestimmte Kugel abgefangen hatte, und sie wusste nicht, wie diese Veränderung rückgängig zu machen war. Schlimmer
noch, sie wusste nicht, ob sie sie rückgängig machen wollte.
Es war wie die Geburt eines neuen Gefühls, eine Emotion, die sie nicht zu benennen vermochte, die sie aber völlig auszufüllen schien; es war beunruhigend, hinterließ Unbehagen
- und doch war es nicht gänzlich unangenehm. Seine clevere Lösung des Problems, das dieses nahezu unbesiegbare Krokodil dargestellt hatte diese Kreatur, die sie lediglich auf Distanz hatte halten können, allen Bemühungen zum Trotz -, hatte dieses namenlose Gefühl sogar noch verstärkt. Das
Loch in seinem Arm war nur eine Fleischwunde, aber in Anbetracht des Stromes frischen Blutes auf seiner glatten Brust und seinem Bauch wusste sie, dass es sehr wehgetan haben musste - dass es ihn ausgelaugt, fast umgebracht hatte, während er alles daran setzte, ihren Hintern zu retten.
Werd ihn jetzt los, zischte es in ihrem Kopf, lass ihn hier,
lass sein hehres Verhalten nicht deine Aufgabe beeinflussen -
den Job, Ada, die Mission. Dein Leben.
Sie wusste, dass es das war, was sie tun musste, es war das einzig Mögliche - aber als Leon so gut verarztet war, wie sie es nur vermochte, und sie Lügengebilde erzählt hatte, vergaß sie bequemerweise, auf sich selbst zu hören. Ada half ihm auf die Füße, führte ihn weg von der mit Eingeweide besudelten Stelle, an der das monströse Reptil verendet war, und dabei plapperte sie irgendwelchen Unsinn - dass sie, als sie sich verlaufen hatte, etwas gefunden habe, das wie ein Ausgang aussah.
Annette Birkin war verschwunden. Sobald Leon das Kro-
kodil aus der Müllhalde gelockt hatte, war Ada die Leiter hochgeklettert und hatte nachgeschaut. Sie hatte gesehen, dass Annette noch über genug Verstand verfügt hatte, die Ventilatoren einzuschalten und die Brücke abzusenken, bevor sie davongerannt war. Womit sie Adas andere Fluchtmöglichkeiten wirkungsvoll eliminiert hatte. Die Frau mochte ja eine Psychopathin sein, aber sie war keine Idiotin - und wenn sie auch falsch gelegen hatte, was Adas Quellen anging, hatte sie hinsichtlich ihrer Absichten doch ins Schwarze getroffen. Um die Mission abzuschließen musste Ada so schnell sie konnte ins Labor gelangen, bevor Annette imstande war, irgendetwas
.. .Endgültiges zu unternehmen - und Leon, der schweigende, taumelnde Leon, würde diese Wegzeit noch einmal um gut
die Hälfte verlängern.
Lass ihn hier! Wirf den Ballast ab, du bist keine Kranken-
schwester, um Himmels willen, das bist nicht mehr du selbst
Ada!
„Ich hab Durst", flüsterte Leon. Warm strich sein Atem über ihren Hals. Sie blickte in sein blutverschmiertes, verknif-fenes Gesicht und stellte fest, dass es diesmal leichter war, die innere Stimme zu ignorieren. Sie musste ihn verlassen, natürlich, am Ende würden sich ihre Wege trennen müssen -
- aber noch nicht jetzt.
„Dann müssen wir etwas Wasser für dich finden", sagte sie und lenkte ihn sanft in die Richtung, in die es sie zog.
Sherry erwachte im Finstern. Sie hatte einen furchtbar bitteren Geschmack im Mund, und an ihren Kleidern zerrte ein
kalter, schmieriger Strom. Um sie her herrschte ein Getöse, als stürze der Himmel ein, und einen Moment lang konnte sie sich weder erinnern, was passiert war, noch, wo sie sich befand - und als sie feststellte, dass sie sich nicht bewegen konnte, geriet sie in Panik. Das Donnern ebbte ab und erstarb schließlich vollständig - aber sie steckte in irgendeinem stinkenden Fluss, wurde gegen etwas Kaltes und Nasses ge-
drückt, und sie war allein.
Sie öffnete den Mund zu einem Schrei - und das brüllende Monster fiel ihr ein, das Monster und dann der riesenhafte, glatzköpfige Mann und schließlich Claire. Der Gedanke an Claire verhinderte ihren Schrei; Claires Bild kam irgendwie einer beruhigenden Berührung gleich, wirkte trostspendend in all dem blinden Entsetzen, und ermöglichte es Sherry
nachzudenken.
Ich wurde in ein Abflussloch gesaugt, und jetzt bin ich - ir-
gendwo anders, und schreien wird mir nicht helfen.
Es war ein tapferer Gedanke, ein starker Gedanke, und ihn zu denken ließ sie sich schon besser fühlen. Sie drückte sich weg von dem harten Etwas in ihrem Rücken, trat das dunkle Wasser und stellte fest, dass sie gar nicht feststeckte - sie war gegen eine Reihe von üitterstäben oder Öffnungen im Fels gepresst worden, und die Kraft der Strömung hatte sie dort festgehalten, festgehalten und womöglich vor dem Ertrinken gerettet. Um sie her floss der eklige Glibber, blubbernd wie jeder gewöhnliche Fluss, nicht mehr annähernd so stark wie zuvor - und der eklige Geschmack in ihrem Mund musste bedeuten, dass sie etwas davon geschluckt hatte ...
Dieser Gedanke weckte auch noch den Rest ihrer Erinnerung. Sie hatte sich von der Strömung mitreißen lassen, sich dann irgendwie gedreht, etwas von der chemisch schmecken-den, widerlichen Flüssigkeit verschluckt und war ausgerastet
- ohnmächtig geworden, dachte sie.
Zumindest der Lärm hatte aufgehört, was auch immer ihn
verursacht haben mochte. Das Geräusch hatte an einen fahrenden Zug erinnert oder einen riesigen Truck; brüllend hatte es sich entfernt... und jetzt, da sie wacher war, merkte Sherry, dass sie sehen konnte. Nicht sehr viel, aber genug, um zu erkennen, dass sie sich in einem mit Wasser gefüllten Raum aufhielt, und von weit oben fiel ein schwacher Lichtstrahl herab.
Es muss einen Weg hinaus gehen. Irgendwer hat diesen Raum
gebaut, und diese Leute mussten ja auch hinauskommen ...
Sherry schwamm etwas weiter in den großen Raum hinein,
und dabei spürte sie, wie ihre strampelnden Füße über etwas Hartes streiften. Etwas Hartes, Flaches. Sie kam sich dumm vor, dass sie nicht schon eher daran gedacht hatte - holte tief Luft, streckte die Beine nach unten, und dann stand sie. Das Wasser reichte ihr bis zu den Schultern, aber sie konnte stehen.
Die letzten Spuren von Panik wichen von ihr, als sie da in der Mitte des Raumes stand und sich langsam umdrehte. Ihre Augen hatten sich endlich ganz auf das schwache Licht eingestellt - und sie sah die Umrisse einer Leiter an der gegen-
überliegenden Wand. Sie hatte noch immer Angst, gar keine Frage, aber der Anblick der schemenhaften Sprossen bedeutete, dass sie einen Weg hinaus gefunden hatte. Sherry pad-delte auf die Leiter zu, stolz darauf, wie gut sie sich hielt.
Kein Schreien, kein Weinen. Genau wie Claire gesagt hat.