ACHT

Polizeichef Brian Irons stand in einem der Gänge seines privaten Reiches und versuchte, zu Atem zu kommen, als er die Erschütterung des Gebäudes spürte. Er hörte sie auch - hörte etwas. Ein fernes Splittern, dumpf und abrupt.

Das Dach, dachte er abwesend, irgendetwas passiert auf dem Dach ...

Irons machte sich nicht die Mühe, dem Gedanken bis hin

zu einer Schlussfolgerung nachzugehen. Was immer auch

passiert war, es konnte die Sache nicht wesentlich schlimmer machen.

Brian Irons drückte sich mit seiner gutgepolsterten Hüfte von der Wand ab und hob Beverly so sanft wie er es nur

konnte hoch. Gleich würden sie am Fahrstuhl sein, dann war es nur noch ein kleines Stück bis zu seinem Büro; dort konnte er sich ausruhen, und dann -

„Und dann ...", murmelte er, „das ist die große Frage, nicht wahr? Und was dann?"

Beverly antwortete nicht. Ihre perfekten Züge blieben reglos und stumm, ihre Augen geschlossen - aber sie schien sich enger an ihn zu schmiegen, ihr schlanker Körper presste sich gegen seine Brust. Aber das entsprang sicher nur seiner Einbildung.

Beverly Harris, die Tochter des Bürgermeisters. Die jun-

ge, hinreißende Beverly, die in ihrer blonden Schönheit so oft seine schuldbeladenen Träume heimgesucht hatte. Irons schloss sie fester in die Arme, ging weiter auf den Lift zu und versuchte, sich seine Erschöpfung nicht anmerken zu lassen -

für den Fall, dass sie aufwachte.

Als er den Aufzug erreichte, taten ihm Arme und Rücken

weh. Er hätte sie wahrscheinlich in seinem privaten Hobby-raum lassen sollen, den er in Gedanken immer als „das Sanktuarium" bezeichnet hatte - dort war es ruhig, und vermutlich war es einer der sichersten Bereiche des Reviers. Doch als er beschlossen hatte, zum Büro zu gehen, um sein Tagebuch

und ein paar persönliche Sachen zu holen, hatte er feststellen müssen, dass er es einfach nicht über sich brachte, sie zu-rückzulassen. Sie sah so verletzlich aus, so unschuldig. Er hatte Harris versprochen, auf sie aufzupassen - was also, wenn sie während seiner Abwesenheit angegriffen wurde?

Was, wenn er aus dem Büro zurückkam und sie einfach -

weg war? Weg wie alles andere ...

Die Arbeit eines Jahrzehnts. Aufbau eines Netzwerks, das Knüpfen der Verbindungen, das sorgfältige Positionieren ...

alles weg, einfach so.

Irons legte das Mädchen auf dem kalten Boden ab und öff-

nete die Aufzugtür, verzweifelt bemüht, nicht an all das zu denken, was er verloren hatte. Jetzt war Beverly das Wich-tigste.

„Ich werde dich beschützen", murmelte er - und hob sich da nicht ein Winkel ihres perfekten Mundes um eine Nuance?

Wusste sie, dass sie in Sicherheit war, dass Onkel Brian sich um sie kümmerte? Als sie ein Kind gewesen war, als er die Familie Harris zum Abendessen zu besuchen pflegte, da hatte sie ihn stets so genannt: „Onkel Brian".

Sie weiß es. Natürlich weiß sie es.

Er schleifte sie in die Liftkabine und setzte sie in der Ecke ab, blickte zärtlich auf ihr engelhaftes Gesicht hinab. Plötzlich überkam ihn eine Woge fast väterlicher Liebe, und es überraschte ihn nicht, dass ihm Tränen in die Augen stiegen, Tränen des Stolzes und der Zuneigung. Seit Tagen schon war er Opfer solcher Gefühlsausbrüche - Wut, Entsetzen und

auch Freude. Er war nie ein besonders emotionaler Mensch gewesen, doch er hatte gelernt, diese machtvollen Gefühle zu akzeptieren, sie sogar einigermaßen zu genießen; zumindest waren sie nicht allzu verwirrend. Es hatte auch Momente gegeben, in denen ihn eine Art seltsamer, schleichender Nebel überkam, eine gestaltlose Angst, die ihn jedes Mal zutiefst beunruhigt zurückließ ... und verwirrt wie ein verlorenes Kind.

Schluss damit. Jetzt gibt es nichts mehr, was noch schief gehen könnte - Beverly ist bei mir, und wenn ich erst meine Sachen geholt habe, können wir uns im Sanktuarium verstecken und uns etwas ausruhen. Sie braucht Zeit, um sich zu erholen, und ich kann ... kann alles auf die Reihe bringen. Ja, das ist es: Die Dinge müssen auf die Reihe gebracht werden.

Irons blinzelte die bereits vergessenen Tränen fort, als der metallene Käfig in die Höhe fuhr, zog seine Waffe und warf den Clip aus, um nachzuzählen, wie viel Schuss noch übrig waren. Seine Privaträumlichkeiten waren sicher, aber das Büro war etwas anderes - er wollte vorbereitet sein.

Der Aufzug kam zum Halten, und Irons hielt die Tür mit einem Bein auf, bevor er das Mädchen vor Anstrengung äch-

zend hochhob. Er trug die Ohnmächtige wie ein schlafendes Kind. Ihr kühler, weicher Leib ruhte schlaff in seinen Armen, ihr Kopf rollte nach hinten und baumelte hin und her, während er lief. Er hatte sie ungeschickt aufgehoben, ihr weißes Kleid war hochgerutscht und entblößte die feste, cremige Haut ihrer Schenkel. Irons zwang sich wegzusehen und konzentrierte sich auf die Schalttafeln, mittels derer sich die Wand zu seinem Büro öffnen ließ. Was er bei anderen Gelegenheiten auch für harmlosen Fantasien nachgehangen haben mochte, jetzt war er für sie verantwortlich - er war ihr Beschützer, ihr Ritter in glänzender Rüstung ...

Den vorstehenden Knopf konnte er mit dem Knie drücken.

Die Wand glitt auf und gab den Blick frei auf sein nobel ausstaffiertes und - dem Himmel sei dank - leeres Büro; nur die stumpfen, gläsernen Blicke seiner Tiertrophäen begrüßten ihn.

Der massive Schreibtisch aus Walnussholz, den er aus Italien importiert hatte, stand direkt vor ihm. Seine Kräfte lie-

ßen nach. Beverly war eine zierliche Frau, aber er war nicht mehr so in Form wie früher. Schnell legte er sie auf den Schreibtisch, wobei er mit dem Ellbogen einen Becher mit Stiften zu Boden stieß.

„So!" Er atmete tief aus und lächelte auf sie hinab. Sie lä-

chelte nicht zurück, aber er spürte, dass sie bald aufwachen würde. Er fasste unter den Schreibtisch und drückte den Knopf für die Wandsteuerung. Hinter ihnen glitt das Paneel zu.

Als er sie gefunden hatte, schlafend neben Officer Scott, hatte er zunächst eine tiefe Sorge in sich gefühlt: George Scott war tot gewesen, über und über mit Wunden bedeckt, und angesichts des roten Fleckes auf Beverlys Bauch hatte Irons schon befürchtet, sie sei ebenfalls nicht mehr am Leben. Doch während er sie zum Sanktuarium geschleppt hatte, in seinen sicheren Hort, hatte sie ihm etwas zugeflüstert -

dass es ihr nicht gut gehe, dass sie verletzt sei, dass sie nach Hause wolle ...

... wirklich? Hat sie das wirklich getan?

Irons runzelte die Stirn. Etwas befreite ihn aus dieser unsicheren Erinnerung ... etwas, das er gefühlt hatte, als er sie auf seinem Hobbytisch abgelegt und ihr blutbeflecktes Kleid glattgezogen hatte, etwas, an das er sich nicht recht entsinnen konnte. Es war ihm zu dem Zeitpunkt nicht wichtig erschienen, jetzt aber, außerhalb der behaglichen Umgebung des

Sanktuariums, nagte es in ihm. Erinnerte ihn daran, dass ihn diese Verwirrung überkommen hatte, als er, als er -

- als ich das kalte, gummiartige Gelee von Eingeweiden unter meinen Fingern spürte -

- er sie berührt hatte.

„Beverly?", flüsterte er und setzte sich hinter seinen Schreibtisch, als ihm plötzlich die Beine schwach wurden.

Beverly bewahrte ihr Schweigen - und eine wilde Flut von Gefühlen traf Irons wie eine Sturmwelle, schlug über ihm zusammen, überspülte sein Denken mit Bildern, Erinnerungen und Wahrheiten, die er nicht akzeptieren wollte.

Das Durchtrennen der Außenleitungen nach den ersten An-

griffen ... Umbrella und Birkin und die wandelnden Toten ...

Das Gemetzel in der Garage, als der grelle kupferige Geruch die Luft erfüllt hatte und Bürgermeister Harris bei lebendigem Leib aufgefressen worden war, schreiend bis zum Ende

... Die schwindende Zahl der Lebenden in der erst langen, schrecklichen Nacht... Und die kalte, brutale Erkenntnis, die ihn wieder und wieder ereilt hatte, dass die Stadt - seine Stadt - nicht mehr existierte.

Danach - Verwirrung. Die eigenartige hysterische Freude, die über ihn gekommen war, als er begriffen hatte, dass sein Tun keine Konsequenzen haben würde. Irons entsann sich

des Spieles, das er in der zweiten Nacht gespielt hatte, nachdem einige von Birkins Schoßtieren den Weg zum Revier gefunden und alle bis auf ein paar der noch verbliebenen Cops getötet hatten. Er hatte Neil Carson gefunden, der sich in der Bücherei verkrochen hatte, und ihm ... nachgespürt, er hatte den Sergeant gejagt wie ein Tier.

Na und? Was zählt das jetzt noch, da mein Leben in Raccoon vorbei ist?

Alles, was noch übrig war, das Einzige, woran er noch Halt finden konnte, war das Sanktuarium - und der Teil seiner selbst, der es erschaffen hatte, jenes dunkle und ehrenwerte Herz in ihm, das er stets hatte versteckt halten müssen. Dieser Teil war jetzt frei ...

Irons betrachtete die Leiche von Beverly Harris, die auf seinem Schreibtisch hingebreitet lag wie ein zarter, zerbrechlicher Traum, und er hatte das Gefühl, die Angst und die Zweifel, die sich in ihm bekriegten, könnten ihn zerreißen.

Hatte er sie umgebracht? Er konnte sich nicht erinnern.

Onkel Brian. Vor zehn Jahren war ich ihr Onkel Brian. Was ist aus mir geworden?

Es war zu viel. Ohne den Blick von ihrem leblosen Gesicht zu nehmen, zog er die geladene VP70 aus dem Holster und

begann, mit tauben Fingern über den Lauf zu reiben, ein

sanftes Streicheln, das ihn irgendwie beruhigte. Dann richtete er die Waffe gegen sich. Als die Mündung fest gegen seinen weichen Bauch drückte, hatte er das Gefühl, dass eine Art Frieden in Reichweite läge. Sein Finger legte sich um den Abzug, und da flüsterte Beverly ihm wieder etwas zu, ihre Lippen jedoch blieben reglos, ihre süße, melodische Stimme kam von nirgendwo und überallher zugleich.

„... verlass mich nicht, Onkel Brian. Du hast gesagt, du beschützt mich und dass du dich um mich kümmerst. Denk doch nur daran, was du jetzt tun könntest, wo alle weg sind und nichts dich mehr aufzuhalten vermag ..."

„Du bist tot", flüsterte er, doch sie redete weiter, leise und beharrlich.

„... nichts, was dich davon abhalten könnte, Erfüllung zu finden, wahre Erfüllung, zum ersten Mal in deinem Leben ..."

Gequält und unter Schmerzen schob Irons die Neunmilli-

meter ganz langsam von seinem Bauch weg. Einen Moment

später legte er seine Stirn auf Beverlys Schulter und schloss die müden Augen.

Sie hatte Recht, er konnte sie nicht verlassen. Er hatte es versprochen - und es war etwas dran an dem, was sie gesagt hatte über all das, was er tun könnte. Sein Hobbytisch war groß genug, um allen möglichen Tieren Platz zu bieten ...

Irons seufzte. Er war nicht sicher, was er als Nächstes tun sollte - und fragte sich, warum sie so auf eine Entscheidung drängte. Sie würden sich eine Weile ausruhen, vielleicht sogar ein Nickerchen machen. Und wenn sie aufwachten, wür-

de alles wieder klar sein.

Ja, das war es. Sie würden sich ausruhen, und dann konnte er die Dinge auf die Reihe bringen, sich der Sache anneh-men; immerhin war er der Polizeichef.

Sich wieder als sein eigener Herr fühlend, glitt Brian Irons in einen leichten, unruhigen Schlaf, Beverlys kühles Fleisch wie Balsam an seiner fiebrigen Stirn.

Neuen

Wegen eines Lieferwagens, der in der Gasse hinter Kendo's geparkt war, musste Leon Kennedy ein paar Umwege auf seinem Weg zum Revier in Kauf nehmen - über einen Basket-

ballplatz, durch eine weitere Gasse und einen geparkten Bus, der nach den Leichen stank, die kreuz und quer darin verstreut lagen. Es war ein Albtraum, untermalt von leisem Ge-heule, von Verwesungsgestank und einer weiteren fernen

Explosion, die ihm die Glieder schwach werden ließ. Und obwohl er drei weitere wandelnde Tote erschießen musste und bis an die Zähne vollgepumpt war mit Adrenalin und Entsetzen, schaffte er es irgendwie, an seiner Hoffnung festzuhalten, dass das RPD-Gebäude ein sicherer Zufluchtsort sein würde, dass man dort eine Art Krisenzentrum eingerichtet haben würde, besetzt mit Polizisten und Sanitätern - dass dort fähige Leute Entscheidungen trafen und Streitkräfte be-fehligten. Es war nicht einfach nur eine Hoffnung, es war ein Bedürfnis. Die Möglichkeit, dass niemand in Raccoon verblieben sein könnte, der das Heft des Handelns in die Hände nahm, war undenkbar.

Als Leon endlich auf die Straße vor dem Revier hinausstolperte und die brennenden Streifenwagen sah, fühlte er sich, als habe man ihm in den Magen geschlagen. Was seine Hoffnung vollends zunichte machte, war der Anblick der verwesenden, stöhnenden Polizisten, die um die tanzenden Flammen herumwankten. Die RPD-Truppe zählte nur etwa fünf-

zig oder sechzig Cops, und ein gutes Drittel davon stakste kaum dreißig Meter vom Eingang des Reviers entfernt zwischen den Wracks herum oder lag tot und blutverschmiert auf dem Pflaster.

Leon drängte die Verzweiflung beiseite und heftete seinen Blick auf das Tor, das zum Hof des RPD-Gebäudes führte.

Ob nun jemand überlebt hatte oder nicht, er musste an

seinem Plan festhalten, einen Hilferuf abzusetzen - und er musste an Claire denken. Sich auf seine Angst zu fixieren, würde es ihm nur erschweren das zu tun, was getan werden musste.

Er rannte auf das Tor zu und wich dabei flink einem fürchterlich verbrannten uniformierten Cop aus, der anstelle seiner Finger nurmehr geschwärzte Knochen besaß. Als Leon die

kalte Metallklinke umfasste und hinunterdrückte, wurde ihm bewusst, dass ein Teil von ihm wie taub wurde gegen die Tragödie, immun gegen das Begreifen, dass diese Dinger einmal die Einwohner von Raccoon gewesen waren. Die Kreaturen,

die durch die Straßen streiften, wurden dadurch nicht weniger entsetzlich, doch der Schock darüber war nicht länger von Bestand; es waren zu viele von ihnen.

Hier sind nicht allzu viele, Gott sei dank ...

Leon drosch das Tor hinter sich zu, wischte sich das ver-schwitzte Haar aus der Stirn und atmete in der beinahe frischen Luft tief durch, während er seinen Blick über den Hof wandern ließ. Der kleine, grasbewachsene Park zu seiner

Rechten war hinreichend beleuchtet, um zu sehen, dass sich dort nur einige wenige dieser einst menschlichen Wesen auf-hielten, und keines war ihm nahe genug, um eine Gefahr zu bedeuten. Leon konnte die beiden Flaggen sehen, die die

Front des Reviergebäudes schmückten. Schlaff hingen sie im stillen Dunkel, und der Anblick fachte die Hoffnung, die er verloren geglaubt hatte, wieder neu an. Was auch passieren mochte, er hatte es zumindest an einen Ort geschafft, den er kannte. Und es würde hier sicherer sein als auf den Straßen.

Er eilte an einem blindlings umhertaumelnden Trio von Toten vorbei und wich mit Leichtigkeit aus - zwei Männer und eine Frau; alle drei hätten als normal durchgehen können, wären da nicht ihre klagenden, gierigen Schreie und ihre unkoordinierten Bewegungen gewesen. Sie waren wohl erst

kürzlich gestorben.

Aber sie sind nicht tot; aus Toten fließt kein Blut, wenn man auf sie schießt. Ganz zu schweigen davon, dass sie nicht he-rumspazieren und versuchen, Menschen aufzufressen ...

Tote liefen nicht herum ... und Lebende fielen für gewöhnlich um, wenn sie von ein paar Kugeln des Kalibers .50 getroffen wurden, und sie nahmen es nicht einfach hin, wenn ihnen das Fleisch auf den Knochen verweste. Fragen, mit denen er sich nicht näher befassen konnte, fluteten durch sein Denken, während er die Treppe zum Revier hinauftrabte, Fragen, auf die er keine Antworten wusste - aber er würde sie bald finden, dessen war er sich sicher.

Die Tür war nicht abgesperrt, doch Leon verkniff es sich, deshalb Überraschung zu zeigen - nach allem, was er durchgemacht hatte, seit er in der Stadt eingetroffen war, hielt er es für das Beste, seine Erwartungen auf ein Minimum zu beschränken. Er drückte die Tür auf und trat ein, die Magnum erhoben und den Finger am Abzug.

Leer. Kein Anzeichen von Leben in der altehrwürdigen

Lobby des RPD-Gebäudes - und keine Spur des Desasters,

das über Raccoon gekommen war. Leon gab es auf, sich

selbst eine Kaltblütigkeit vorzugaukeln, die er nicht fühlte, schloss die Tür hinter sich und trat in die tiefer liegende Lobby hinein.

„Hallo?" Er sprach nur leise, doch seine Stimme trug weit und echote wispernd von den hohen Wänden und der Decke

zu ihm zurück. Alles sah so aus, wie er es in Erinnerung hatte - drei Etagen in klassischem Baustil aus Eiche und Marmor. Im tiefer gelegenen Bereich der Halle stand eine steinerne Frauenstatue, die einen Wasserkrug trug; zu beiden Seiten führten Rampen zum Empfangstresen hinauf. Das RPD-Wappen, das vor der Statue in den Boden eingelassen war, schimmerte matt im diffusen Licht der Wandlampen, als sei es erst kürzlich poliert worden.

Keine Leichen, kein Blut ... nicht mal eine Patronenhülse.

Wenn hier ein Angriff stattgefunden hat, wo zum Teufel sind dann die Indizien, die dafür sprechen?

Voller Unbehagen ob der tiefen Stille des riesigen Raumes, ging Leon die linke Rampe hoch, blieb am Empfangstresen

stehen und beugte sich darüber - davon abgesehen, dass er nicht besetzt war, schien alles in Ordnung. Auf dem Schreibtisch unterhalb des Tresens stand ein Telefon. Leon nahm den Hörer ab, klemmte ihn sich zwischen Kopf und Schulter und wählte mit kalten Fingern, die ihm vorkamen, als gehörten sie ihm gar nicht. Nicht einmal ein Freizeichen ertönte; alles, was er hörte, war das Geräusch seines eigenen heftig klop-fenden Herzens.

Er legte den Hörer auf, wandte sich dem leeren Raum zu

und überlegte, wo er zuerst hingehen sollte. So sehr er Claire auch finden wollte, verspürte er doch auch das verzweifelte Bedürfnis, sich mit ein paar anderen Cops zusammenzutun.

Vor ein paar Wochen hatte er eine Kopie eines RPD-Memos

erhalten, in dem stand, dass etliche Abteilungen verlegt worden waren, aber das machte im Grunde nichts aus - wenn

sich im Gebäude noch Cops versteckt hielten, bestand ihre Sorge vermutlich nicht darin, in der Nähe ihrer Schreibtische zu bleiben.

Drei Türen führten aus der Lobby in verschiedene Bereiche des verzweigten Reviers, zwei auf der westlichen Seite, eine auf der östlichen. Von den beiden auf der Westseite führte eine durch eine Reihe von Gängen in Richtung des rückwärtigen Gebäudeteiles, vorbei an ein paar Archiven und einem Konferenzraum. Die zweite öffnete sich in den Mannschafts-und Umkleideraum der Uniformträger, durch den man auch

in einen der Korridore in der Nähe der Treppe zum ersten Stock gelangte. Die Osttür, genaugenommen die ganze Ostseite des Erdgeschosses, war in erster Linie der Kripo vorbehalten - Büros, Verhörräume und ein Presseraum; außerdem gab es einen Zugang zum Keller und eine weitere Treppe au-

ßerhalb des Gebäudes.

Claire ist wahrscheinlich durch die Garage hereingekommen. Oder durch den Hinterhof über das Dach ...

Sie konnte das Gebäude aber auch umrundet haben und

durch dieselbe Tür getreten sein wie er - vorausgesetzt, sie hatte es überhaupt zum Revier geschafft, konnte sie überall sein. Und in Anbetracht der Tatsache, dass das Gebäude fast einen kompletten Block vereinnahmte, war das eine riesige Fläche, die es abzusuchen galt.

Weil er ja schließlich irgendwo anfangen musste, ging

Leon auf den Mannschaftsraum für die Jungs vom Streifen-

dienst zu, wo sich auch sein eigener Spind befinden würde.

Ein eher zufälliger Entschluss, aber dort hatte er mehr Zeit verbracht als sonst wo auf dem Revier, mit Gesprächen und dem Durchackern von Dienstplänen. Außerdem lag dieser

Raum am nahesten, und die gruftartige Stille der übergroßen Lobby verursachte ihm eine Gänsehaut.

Die Tür war nicht abgesperrt. Leon drückte sie langsam

auf, hielt die Luft an und hoffte, der Raum möge so unberührt und ordentlich sein wie die Lobby. Was er statt dessen fand, war die Bestätigung seiner vorherigen Befürchtungen: Die Kreaturen waren hier gewesen - und wie!

Der lange Raum war verwüstet, wo Leon auch hinsah -

umgekippte, zertrümmerte Tische, Schmierstreifen getrockneten Blutes, die die Wände verunzierten, und über den Boden zogen sich klebrige Pfützen in Richtung -

„O Mann ..."

Der Cop lehnte links von Leon an den Spinden, die ge-

spreizten Beine halb unter einem zerbrochenen Tisch verborgen. Als er die Stimme hörte, hob er schwach einen zitternden Arm, richtete eine Waffe vage in Leons Richtung - und senkte sie wieder, scheinbar erschöpft von der Anstrengung.

Sein Bauchbereich schwamm in Blut, seine dunklen Züge

waren vor Schmerz verzerrt.

Zwei Schritte brachten Leon bis neben den Mann. Er knie-

te nieder und berührte ihn vorsichtig an der Schulter. Zwar konnte er die eigentliche Wunde nicht sehen, aber das viele Blut ließ keinen Zweifel, dass es den Mann schlimm erwischt hatte.

„Wer ... bist du?", flüsterte der Cop.

Der leise, fast verträumte Ton seiner Stimme erschütterte Leon fast ebenso wie das immer noch strömende Blut oder

der gläserne Blick der dunklen Augen - es ging bergab mit dem Mann, und zwar rapide. Sie waren einander nie offiziell vorgestellt worden, doch Leon hatte ihn schon einmal gesehen. Der junge afro-amerikanische Streifenpolizist war ihm als scharfsinnig beschrieben worden, er war auf der Schnell-spur zum Rang eines Detectives gewesen - Marvin, Marvin Branagh ...

„Ich bin Kennedy. Was ist hier passiert?", fragte Leon, seine Hand immer noch auf Branaghs Schulter. Fiebrige Hitze strahlte durch das zerrissene Hemd des Officers.

„Vor etwa zwei Monaten", krächzte Branagh, „die Kannibalenmorde ... die S. T. A. R. S.-Leute fanden Zombies drau-

ßen in der Villa im Wald ..."

Er hustete schwach, und Leon sah, wie sich im Mundwin-

kel des Mannes eine Blutblase bildete. Leon setzte an, ihm zu sagen, dass er ruhig sein und sich ausruhen solle, doch Branaghs entrückter Blick schien nach dem von Leon zu greifen, daran Halt zu finden. Der Cop wirkte fest entschlossen, die Geschichte zu erzählen, was es ihn auch kosten mochte.

„Chris und die anderen bekamen heraus, dass Umbrella

hinter der ganzen Sache steckte ... riskierten ihr Leben, aber niemand glaubte ihnen ... dann das."

Chris ... Chris Redßeld. Claires Bruder.

Leon hatte die Verbindung zuvor nicht geknüpft, obwohl er schon von dem Ärger mit den S.T.A.R.S.-Mitgliedern gewusst hatte. Er hatte nur Bruchstücke der Story gehört - die Suspendierung der Leute vom Special Tactics and Rescue

Squad nach ihrem angeblich falschen Vorgehen in den Mord-fällen war der Grund, weshalb das RPD neue Cops eingestellt hatte. In irgendeiner Lokalzeitung hatte er sogar die Namen der betreffenden S.T.A.R.S.-Angehörigen gelesen, aufgelis-tet neben einer Reihe recht beeindruckender Karrieredaten -

- und Umbrella hat in dieser Stadt das Sagen, schon immer gehabt. Irgendein Leck im Chemiewerk muss passiert sein, etwas, das man vertuschen wollte, indem man sich das S. T.A.R.S. vom Hals schaffte ...

All das ging Leon im Bruchteil einer Sekunde durch den

Sinn, dann hustete Branagh abermals, und diesmal war der Laut noch schwächer als zuvor.

„Halt durch", sagte Leon und sah sich hastig nach etwas um, womit er die Blutung stoppen konnte, während er sich innerlich in den Hintern trat, weil er es nicht längst schon getan hatte. Einer der Spinde neben Branagh stand halb offen, auf dem Boden lag ein zerknülltes T-Shirt. Leon schnappte es sich, faltete es planlos zusammen und presste es gegen Branaghs Bauch. Der Cop legte seine eigene blutige Hand auf den provisorischen Verband und schloss die Augen, als er keuchend fortfuhr.

„Mach dir ... um mich keine Sorgen. Da sind ... Du musst versuchen, die Überlebenden zu retten ..."

Die Resignation in Branaghs Stimme war entsetzlich offen-kundig. Leon schüttelte den Kopf, wollte die Wahrheit leugnen, wollte etwas tun, um Branaghs Schmerzen zu lindern -

doch der verletzte Cop starb, und es gab niemanden, den

Leon zu Hilfe hätte rufen können.

Nicht fair, das ist nicht fair!

„Geh", schnaufte Branagh, die Augen weiter geschlossen.

Branagh hatte Recht, es gab nichts, was Leon tun konnte -

aber er rührte sich einen Moment lang nicht vom Fleck,

konnte es nicht -, bis Branagh seine Waffe von neuem hob und auf Leon richtete, in einem plötzlichen Aufflackern von Energie, das seine Stimme zu einem rauen Rufen anschwellen ließ.

„Geh schon!", befahl Branagh. Leon stand auf und fragte sich, ob er in dieser Situation ebenso selbstlos gewesen wäre.

Zugleich versuchte er sich davon zu überzeugen, dass Branagh es schon irgendwie schaffen würde.

„Ich komme wieder", sagte Leon knapp, doch Branaghs Arm sank schon wieder herab, sein Kinn fiel ihm auf die sich hebende und senkende Brust.

Rette die Überlebenden.

Leon wich rückwärts zur Tür zurück, schluckte hart und

mühte sich, die Planänderung zu akzeptieren, die ihn leicht das Leben kosten konnte - vor der er sich aber auch nicht drücken konnte. Offiziell oder nicht, er war ein Cop. Wenn es andere Überlebende gab, dann war es seine moralische und seine Pflicht als Bürger zu versuchen, ihnen zu helfen.

Im Keller befand sich eine Waffenkammer, unweit der Tiefgarage. Leon öffnete die Tür und trat wieder hinaus in die Lobby, betete, dass die Schränke gut bestückt sein würden -

und dass noch jemand da war, der ihm helfen würde.