|9|KAPITEL I

Monsignore Rossellino (il bello muto1):

 

Es war vor fünf Jahren – um genau zu sein, am 5. Dezember 1572 sieben Uhr morgens –, als ich die Treppe zum Vatikan emporstieg und dabei so unglücklich fiel, daß ich mit dem Hals auf eine Stufenkante aufschlug. Durch diesen Aufprall quetschte ich mir den Kehlkopf und wäre auf der Stelle erstickt, wenn nicht ein Bader in der Nähe gewesen wäre, der mir mit einer kleinen Schere die Kehle aufschnitt. Die Wunde verheilte, doch ich blieb stumm.

Es gab zu jener Zeit nicht mehr als zehn Bader in Rom. Wenn nun die Vorsehung einen der geschicktesten Vertreter dieser Zunft meinen Weg so früh am Morgen kreuzen ließ, schloß ich daraus, daß die kaum glaubliche Abfolge der Ereignisse, die mein Leben fürderhin bestimmen sollten, ausdrücklich von ihr gewollt war: mein Sturz, die Kehlkopfquetschung, der Eingriff des Baders, meine Stummheit und meine Begegnung mit Kardinal Montalto.

Vor diesem Unfall war ich einer der glänzendsten Kanzelredner der Ewigen Stadt. Meine Predigten, zu denen die vornehme Welt Roms herbeiströmte, trugen mir außer großem Ansehen auch die Gunst von Damen aus den höchsten Kreisen ein. Sie luden mich häufig in ihre Paläste, verwöhnten mich mit erlesenen Gerichten und umschmeichelten mich auf mancherlei Art, wobei sie nichts weiter von mir wollten, als daß ich mit meinem üblichen Feuereifer über die Qualen der Hölle oder die himmlischen Freuden zu ihnen spräche. In beiden Fällen gerieten sie in Verzückung, und ich war töricht genug, mir auf das Vergnügen, welches ich ihnen verschaffte, etwas einzubilden.

Ich war damals achtundzwanzig Jahre alt und ein recht gutaussehender Mann, wenn man dem Gerede der Frauen meiner Familie Glauben schenken kann – es ist ja bekannt, wie sehr dieses irrationale Geschlecht (tota mulier in ventro2) den |10|Klatsch liebt. Obgleich ich einen keuschen Lebenswandel führte, erfüllte mich mein Aussehen mit Stolz, war ich mir doch bewußt, daß meine einnehmende körperliche Hülle die Ausstrahlungskraft meiner Beredsamkeit beträchtlich erhöhte.

Im Garten der Contessa V. stand ein uralter Baum, in dessen Schatten die Contessa in der schönen Jahreszeit gern mit ihren Freundinnen saß, um mich zu hören. Ich erinnere mich, daß kleine Schweißperlen auf ihre schöne Stirn traten, wenn ich mit lauter Stimme – wiewohl mit allem gebotenen Takt – die Höllenqualen der Verdammten schilderte; sie saß mit halbgeöffneten Lippen, atmete schwer, und ihr Hals überzog sich mit purpurner Röte. Man hätte meinen können, sie überließ ihren kleinen Körper voller Wonne dem grausamen Werk der Dämonen. Je weiter ich in meiner Beschreibung vorankam, desto mehr wuchs ihre Erregung, und ich wurde dadurch so verwirrt, daß ich mir immer neue Details einfallen ließ, die meinen Bericht in die Länge zogen. Ich denke heute nur noch mit Scham daran.

Als wegen meines Unfalls meine schöne tiefe Stimme verstummte, begriff ich, daß sich um einen Ast jenes Baumes, unter dem ich derart schwadroniert hatte, eine Schlange ringelte, die nur auf einen günstigen Moment wartete, um sich herabfallen zu lassen und zwischen der Contessa und mir eine fürchterliche Verbindungslinie zu ziehen.

Es war ein Feigenbaum gewesen, zwar dichtbelaubt, doch unfruchtbar.

Ich begriff, daß die Hand Gottes, die schon in der Bibel den Feigenbaum hatte verdorren lassen, nun mir meine Stimme genommen hatte, um mich vor Sünden zu bewahren, von denen die meines schwachen Fleisches vielleicht nicht einmal die schlimmste war. Und ich schwankte noch, ob ich mich nicht für den Rest meiner Tage in irgendein Kloster zurückziehen sollte, als ich ein lakonisches Schreiben von Kardinal Montalto erhielt mit der Bitte, ihn in seinem Palast aufzusuchen.

Felice Peretti, dem zwei Jahre zuvor die Kardinalswürde verliehen worden war, hatte den Namen Montalto gewählt, um – so denke ich – einerseits seine hohen Ambitionen, andererseits die Schroffheit seines Charakters anzudeuten. Zitternd begab ich mich zu dem recht bescheidenen und schmucklosen Palast des schrecklichen Kardinals. Mir war sehr wohl bekannt, daß er als Großinquisitor in Venedig mit Feuer und Schwert gegen |11|die Sittenlosigkeit des Klerus vorgegangen war und wegen seiner Strenge sich so verhaßt gemacht hatte, daß sich die Priester am Ende gegen ihn verbündeten und beim Senat seine Vertreibung aus der Repubblica Serenissima erwirkten.

Er lebte so zurückgezogen, daß ich ihn vordem noch nie zu Gesicht bekommen hatte. Und als ich ihn nun sah, war ich von seinem Anblick zunächst enttäuscht. Man muß wissen, daß Rom voll war von majestätischen Prälaten; der schönste unter ihnen war zweifellos Papst Gregor XIII., der damals siebzig Jahre zählte, sich aber dennoch kerzengerade hielt, einen behenden Gang und graziöse Bewegungen hatte und, wenn er aufsaß, wie ein Jüngling in den Sattel sprang.

Kardinal Montalto war von mittlerer Größe. Er war mitnichten verwachsen, wie böse Zungen behaupteten, erweckte jedoch diesen Eindruck mit seinem großen struppigen Kopf zwischen den breiten Schultern. Ich bezeichne seinen Kopf als groß, weil er mir im Vergleich zum übrigen Körper disproportioniert erschien, und als struppig, weil Montalto – ein ehemaliger Franziskaner – Haar und Bart lang trug, beides schlecht gekämmt und nachlässig geschnitten. Diese Behaarung gab ihm einen rauhen Anstrich, was Staunen verursachte in Rom, wo die Prälaten eher Kieselsteinen ähnelten, rund und glatt vom ständigen Aneinanderreiben im Auf und Ab der Gezeiten.

Eine markante Nase, schmale Lippen, ein fliehendes Kinn, dichte schwarze, mit dem graumelierten Haupt- und Barthaar kontrastierende Brauen und darunter, tief in ihren Höhlen, die schwarzen, stark glänzenden, durchdringenden Augen brachten zwar Kraft, aber wenig Gewinnendes in diese Physiognomie, welche ich, wäre da nicht meine große Hochachtung vor Seiner Eminenz, als wild und fanatisch bezeichnen würde.

Von diesem wenig anziehenden und wenig liebenswürdigen Menschen erwartete ich kein Wohlwollen. Trotzdem war ich erstaunt über die Grobheit seines Empfangs und die gebieterische Kürze seiner Rede.

»Rossellino«, sagte er, ohne meine stummen Höflichkeitsbezeigungen zu erwidern, »setzt Euch dorthin, an dieses Tischchen. Ja, da setzt Euch hin! Dort sind Feder, Tinte und Papier, eine brennende Kerze und eine Kupferschale. Wozu die Kerze? Um Eure Antworten zu verbrennen, sowie Ihr sie aufgeschrieben habt. Wozu die Schale? Für die Asche. Schreibt! Aber |12|keine Heuchelei, bitte! Und vor allem keine Seminaristenphrasen! Nichts als die einfache und reine Wahrheit! Sofern die Wahrheit jemals rein ist. Kurz, wenn Ihr mich belügt, und sei es auch nur ein einziges Mal, lasse ich Euch von meinem Diener hinausbringen. Seid Ihr bereit?«

Dieser Beginn erfüllte mich mit Schrecken. Mit zitternder Hand nahm ich die Gänsefeder, tauchte sie in die Tinte und wartete. Die nachfolgenden Antworten wurden auf kleine quadratische Zettel geschrieben. Der Kardinal stand hinter mir und nahm, vielmehr riß sie mir aus den Händen, sowie ich meine Niederschrift beendet hatte, warf einen Blick darauf und verbrannte sie sofort an der Kerzenflamme.

»Seid Ihr keusch?«

»Ja, Euer Eminenz.«

»Laßt die Eminenz weg, das Aufschreiben dauert sonst zu lange. Wart Ihr je in Versuchung, das Keuschheitsgebot zu verletzen?«

»Ja.«

»Wo, wann und mit wem?«

»Im Garten der Contessa V., bevor ich auf den Stufen des Vatikans stürzte.«

»Erläutert mir das!«

»Ich schilderte der Contessa die Qualen der Verdammten in der Hölle, was sie sehr erregte. Und diese Erregung brachte mich in Verwirrung.«

»Habt Ihr die Contessa wiedergesehen?«

»Nach meinem Unfall nicht.«

»Wie seht Ihr diesen Unfall?«

»Als ein Werk der Vorsehung. Mein Sturz bewahrte mich vor dem Fall. Ich begriff die Eitelkeit meines Lebens und daß ich meine schöne Stimme nur dazu nutzte, andere zu umgarnen. Dabei bin ich als erster in diese Schlinge gegangen.«

»Gut gesagt. Was habt Ihr jetzt für Pläne?«

»Mich in ein Kloster einzuschließen.«

»Schlecht überlegt. Ihr seid Weltgeistlicher. Bleibt in der Welt und dienet der Kirche.«

»Bin ich dazu fähig?«

»Gewiß. Was sind nach Eurer Ansicht die Übel des Staates?«

»Anarchie, Korruption, Mißachtung der Gesetze und Straffreiheit für Banditen, ob adlig oder nicht.«

|13|»Was sind die Übel der Kirche?«

»Sittenlosigkeit, Gier nach Gold und Prachtentfaltung, Simonie, die Gebietsfremdheit der Bischöfe, Exkommunizierungen aus anderen als Glaubensgründen.«

»Bene, bene, bene. Doch es genügt nicht, die Mißstände zu beklagen. Man muß sie abschaffen.«

»Kann ich das?«

»Ihr nicht. Ich ja. Wollt Ihr mir dabei helfen?«

»Kann das ein Stummer?«

»Gerade ein Stummer!«

Montalto hielt den durchdringenden Blick seiner schwarzen Augen auf mich gerichtet und schwieg lange, damit ich alle Implikationen dieses »gerade« heraushören konnte.

Ich schrieb: »Mit meiner Ergebenheit, meiner Treue und meiner Verschwiegenheit stehe ich Eurer Eminenz zu Diensten ad maximam gloriam Dei et Ecclesiae1

»Bene. Ich mache Euch zu meinem Privatsekretär. Hört, Rossellino, ich habe kein Vermögen geerbt, ich betreibe keinen Ämterschacher, und ich empfange auch nicht, wie so viele andere Kardinäle, eine Pension Philipps II. von Spanien, denn ich habe ihm meine Stimme im Konklave nicht verkaufen wollen. Ich werde Euch also schlecht bezahlen.«

»Das macht nichts.«

»Bene. Was haltet Ihr vom derzeitigen Papst?«

Da ich zögerte, warf mir Montalto einen furchteinflößenden Blick zu und schrie aufgebracht: »Antwortet! Jetzt sofort! Sagt mir, was Ihr denkt!«

Ich schrieb: »Es ist eine große Verfehlung für einen Priester, ein leibliches Kind zu haben. Für einen Papst ist es skandalös, und dies um so mehr, als er besagten Sohn zum Gouverneur von Rom ernannt hat.«

Montalto riß mir den Zettel aus den Händen, verbrannte ihn an der Kerzenflamme und sagte barsch: »Weiter!«

»Der Papst läßt die Dinge treiben. Er greift nicht ein. Er wird niemals auch nur den kleinen Finger gegen diese Mißstände rühren. Er befaßt sich nur mit den Künsten, mit dem Prunk seines Hofes und mit seiner Schmucksammlung.«

Montalto las das Papier, zündete es an und schaute diesmal |14|zu, wie der Zettel in der Kupferschale langsam zu Asche wurde. Dabei spielte die Andeutung eines Lächelns um seine Lippen, was, wie ich sofort feststellte, in keiner Weise seine wilden Gesichtszüge milderte.

»Wo wohnt Ihr?«

Ich schrieb: »Bei einer alten Tante in der Via Appia.«

»Ich wette, daß sie Euch über die Maßen verwöhnt.«

»In der Tat.«

»Die Frauen haben zwei Möglichkeiten, einen Mann schwach zu machen: mit dem eigenen Fleisch und mit dem Fleisch im Kochtopf. Ihr werdet in meinem Haus wohnen, Rossellino, in einem ungeheizten Zimmer schlafen und mit mir essen, so wie ich esse: wenig und schlecht.«

»Es wird mir eine große Ehre sein, Euer Eminenz.«

»Bene. Genug geredet. Zieht Euch jetzt zurück. Bis morgen!« So wurde ich Privatsekretär von Kardinal Montalto. Als Gregor XIII. davon erfuhr, machte er eine ganze Woche lang seine Witzchen darüber:

»Il bello muto (diesen Beinamen hatte er mir gegeben) muß zu der Zeit, da er noch seine Stimme hatte, ein großer Sünder gewesen sein. Wie anders könnte er sonst diese schreckliche Buße auf sich nehmen, mit Montalto in dessen altem Gemäuer zu hausen, seine schmale Kost zu teilen und seine Launen zu ertragen? Und Montalto, diesem schlauen Mönch, ist ein hübscher Coup gelungen: er hat einen Sekretär von absoluter Diskretion gefunden.«

 

 

Giulietta Accoramboni:

 

Ich wurde in Gubbio in Umbrien geboren, wo mein Vater und sein Bruder Bernardo Majolikateller herstellten und verkauften; der Majolikaüberzug, den arabische Arbeiter aus Mallorca hier bekannt gemacht haben, ergibt einen gleichmäßig weißen Untergrund, auf dem die Farben gut zur Geltung kommen. Die Leuchtkraft dieser Farben ist aber nur mit einer Glasur zu konservieren, die Giorgio Andreoli erfunden hat, ein Maler, der in Gubbio die Manufaktur gegründet hatte, die ihm auf seine alten Tage von den beiden Brüdern abgekauft wurde.

Diese in Italien und darüber hinaus auch in Frankreich, Österreich und ganz Europa berühmten Majoliken waren in der |15|Mitte mit einem sorgfältig gemalten Männer- oder Frauenkopf, auf dem Rand mit allegorischen Motiven verziert. Im Hause meines Onkels Bernardo hing an der Wand eine Majolika, auf der als Medaillon das stolze Profil seiner Gattin Tarquinia dargestellt war, der die Lästerzungen von Gubbio den Beinamen la Superba gegeben hatten, sowohl wegen ihrer körperlichen Reize wie auch wegen ihres hochmütigen Charakters.

Diese Anspielung auf den letzten König des alten Rom1 mißfiel meiner Tante keineswegs. Sie hatte in ihrer Jugend davon geträumt, durch Heirat dem Adel anzugehören, und manchmal, wenn sie zum Herzogspalast von Gubbio hinüberschaute, bereute sie, einen reichen Kaufmann geheiratet zu haben, wo doch ihre Schönheit ihr andere Türen hätte öffnen können.

Dem Teller mit ihrem Porträt war ein sonderbares Schicksal beschieden. Im Verlaufe einer heftigen Auseinandersetzung zwischen Tarquinia und ihrem Sohn Marcello ging dieser, trunken vor Wut, mit ausgestreckten Händen auf sie zu, als wolle er sie erdrosseln; im letzten Moment jedoch, erschrocken über das ungeheuerliche Verbrechen, das zu begehen er im Begriffe stand, richtete er seinen Zorn gegen die Majolika, riß sie von der Wand und schleuderte sie zu Boden, wo sie zerbrach.

Vielleicht muß ich an dieser Stelle erklären, warum ich im Hause meines Onkels Zeugin dieses symbolischen Mordes wurde: im Sommer 1570 waren in Gubbio Fälle von Pest aufgetreten. Tarquinia beschloß, umgehend die Stadt zu verlassen und sich mit ihren drei Kindern, ihrem Mann und mir in ihr Landhaus zurückzuziehen. Die Tatsache, daß ich mitreisen sollte, war keineswegs ein Beweis ihrer Zuneigung für mich, sondern vielmehr meiner Zuneigung für ihre Tochter Vittoria, der ich Spielgefährtin war und auch ein wenig Ratgeberin, denn ich war drei Jahre älter als sie.

Mein Onkel Bernardo hatte gewisse Skrupel, meinen Vater allein in der Majolikamanufaktur zurückzulassen zu einer Zeit, da in Gubbio zu bleiben lebensgefährlich war. Aber sein ganzes Leben lang hatte er der Superba aus einer Mischung von Güte und Apathie heraus, die der Grundzug seines Charakters war, nachgegeben, und nun wußte er nicht, wie er sich ihr widersetzen sollte in einer Situation, in der Bruderliebe und |16|Gerechtigkeitssinn eigentlich ein anderes Verhalten von ihm forderten.

Diese Feigheit rettete ihm freilich das Leben. Doch um welchen Preis! Die Pest in Gubbio raffte meine Brüder, meine Schwestern, meine Mutter, meinen Vater und die meisten seiner Arbeiter hinweg. Der Kummer darüber lastete so schwer auf Bernardo, daß seine sensible und wenig energische Natur allmählich davon erdrückt wurde. Zudem war die Majolikamanufaktur durch den Aderlaß sehr geschwächt und arbeitete nur noch mit halber Kraft. Die von der Pest hinweggerafften maurischen Arbeiter waren nur schwer ersetzbar, und mein Onkel war zwar ein guter Handwerker, doch fehlte ihm das kaufmännische Talent meines Vaters.

Genau diesen Zeitpunkt wählte Tarquinia für ihren Entschluß, sich in Rom niederzulassen, um Vittoria dort entsprechend ihren eigenen ehrgeizigen Plänen zu verheiraten. Ich sah den armen Bernardo bitten und flehen, wo er hätte befehlen müssen. Aber letzten Endes gab er wie immer nach. Er blieb mit seinem jüngsten Sohn Flamineo in Gubbio zurück, und Vater und Sohn gaben sich große Mühe, mit den Majoliken all das Gold aufzubringen, dessen Tarquinia bedurfte, um in Rom nahe dem Petersdom, auf der Piazza Rusticucci, ein wunderschönes Haus zu mieten, wo sie vom Tag ihrer Ankunft an offene Tafel hielt.

Marcello, der keinen Geschmack an der Majolikaherstellung fand – wie übrigens auch an keiner anderen Arbeit –, folgte seiner Mutter nach Rom, gab sich als Adliger aus, trug Dolch und Degen, lernte fechten und schloß Freundschaft mit mancherlei zwielichtigen und hochrangigen Personen, die in seine zweifelhafte Schönheit vernarrt waren. Er pflegte auch die Freundschaft zu einer reichen Witwe, die seine Mutter hätte sein können und mit der er, wie mit seiner Mutter, häufig Streit hatte, vor allem wegen des Geldes, das er sich bei ihr borgte. Eigenartigerweise wagte niemand in Rom, je seinen Adel anzuzweifeln. Dazu muß man sagen, daß Marcello geradezu tollkühn war: wenn ihn auch nur der geringste mißbilligende Blick traf, zog er sofort den Degen. Im übrigen gab es unzählige falsche Adlige in der Ewigen Stadt.

Diese kurze Darstellung mag verdeutlichen, daß zur Familie meines Onkels ebenso viele Engel wie Teufel gehörten. Die |17|Engel arbeiteten in Gubbio, die Teufel gaben in Rom das Geld aus. Und um der Wahrheit die Ehre zu geben: Vittoria gehörte weder zu den Engeln noch zu den Teufeln. Sie hatte von beiden etwas. Ich dagegen zählte nicht; und daran änderte sich auch nichts, nachdem mich Bernardo kurz vor seinem Tod noch adoptiert hatte. Die Superba widersetzte sich dieser Adoption nur deshalb nicht, weil die Interessen ihrer eigenen Kinder davon nicht berührt wurden: Bernardo hatte nur noch Schulden.

Da ich in dieser Familie fast als einzige ein wenig gesunden Menschenverstand besitze, kommt es mir wohl zu, über Vittoria zu sprechen – wenn auch nicht frei von Haß und Liebe, denn ich liebe sie. Aber ich weigere mich, ihr die gleiche abgöttische Verehrung entgegenzubringen, die ihr von allen Seiten zuteil wird. Ich liebe dieses Mädchen, das selbst so wenig vernünftig ist, auf vernünftige Art.

Was das Teuflische betrifft, so hatte Vittoria von der Superba das leidenschaftliche Temperament, den Charakter überhaupt und – bemerkbar nur für Menschen, die sie gut kannten – den scheuen Stolz geerbt. Auch ihre Schönheit verdankt sie der Mutter, die sie darin aber noch weit übertrifft. Denn ihre Güte, die ausschließlich vom Vater stammt, verleiht ihren Augen, ihren fein gezeichneten Lippen und ihren sanften Zügen einen höchst anrührenden Liebreiz. Das Innere hat das Äußere geformt. Ich wage vorauszusagen, daß das Alter ihr Gesicht nicht entstellen wird, wohingegen das Gesicht von Tarquinia mit den Jahren hart und wie aus Erz geworden ist.

Vittoria ist groß und wohlgestalt, eine majestätische Erscheinung. Ihre großen blauen Augen sind von einem dichten Kranz schwarzer Wimpern gesäumt. Und was kaum glaubhaft scheint: ihr seidiges blondes Lockenhaar berührt, wenn sie es löst und den Kopf ein wenig nach hinten neigt, den Boden. In Gubbio konnte sie sich nicht auf der Straße zeigen, ohne daß die Leute – alte wie junge – sich ihr näherten, respektvoll »col suo permesso, signorina«1 sagten und mit den Fingerspitzen ehrerbietig ihr goldenes Vlies berührten.

Diese Haarpracht, mit der sie, nackt, ihren herrlichen Körper verhüllen kann, erfordert so viel Pflege, wiegt so schwer, verursacht ihr so oft Kopfschmerzen und bringt sie, wenn sie sich |18|zu schnell dreht, so gefährlich aus dem Gleichgewicht, daß Vittoria immer wieder davon spricht, sie wenigstens bis zur Taille abzuschneiden. Ich bin die einzige, die dieses Vorhaben vernünftig findet, denn es ruft im Palazzo Rusticucci, auch bei der Dienerschaft, so große Bestürzung hervor, veranlaßt Tarquinia zu solch schrillen Entsetzensschreien und bereitet auch Bernardo – wenn er uns das in Gubbio zusammengekratzte Gold bringt – so offensichtlichen Kummer, daß Vittoria aus purer Gutmütigkeit resigniert und Sklavin ihrer eigenen Schönheit bleiben will.

Vittoria war mit elf Jahren voll entwickelt und bereits mit dreizehn das, was sie heute ist: eine Frau, dazu berufen, die Welt und die Männer zu beherrschen. Wenn sich ein Römer bis nach Gubbio verirrte und herablassend fragte, was es denn in unserer kleinen Stadt zu sehen gebe, sagten die einen: den Herzogspalast, die anderen: den Palast des Rates; aber die am besten Bescheid wußten, antworteten: Vittoria Accoramboni. Und wenn der gute Mann das Glück hatte, sie auf der Straße zu sehen, ging ihm, in die Stadt der Päpste zurückgekehrt, der Mund über von begeisterten Lobeshymnen auf unsere »Bellissima«.

So hatten wir sie in Gubbio genannt, und der Beiname »bellissima« blieb mit ihrem Namen ebenso untrennbar verbunden wie »serenissima« mit der Republik Venedig.

Vittorias Haar wurde jede Woche dienstags und samstags gewaschen. Dieser Ritus brachte unsere gesamte Dienerschaft auf die Beine. Die Männer mußten ein großes Feuer unterhalten, eimerweise warmes Wasser heranschleppen und einen hölzernen Badezuber füllen, dann mittels eines an der Unterseite angebrachten Hahnes das Schmutzwasser ablaufen lassen, den Zuber erneut mit frischem Wasser füllen und so fort; die Dienerinnen hatten mit der nötigen Sorgfalt die ganze unendliche Haarfülle zu seifen. Vittoria selbst saß außerhalb des Zubers auf einem Schemel, den Kopf nach hinten geneigt, den Nacken auf ein kleines Kissen gestützt, mit dem die Holzkante abgepolstert war; nur ihr Haar tauchte in seiner ganzen Länge ins Wasser, während sie die Sonette von Petrarca las, manchmal auch laut.

Dies tat sie, vermute ich, einesteils, um nicht von dem Geschnatter der sämtlich um sie versammelten Frauen des Hauses betäubt zu werden, andernteils aber auch, weil sie die Dichtkunst |19|über alles liebte, denn sie war mit Büchern groß geworden, hatte Tarquinia doch darauf gehalten, ihr die Erziehung einer Königin zuteil werden zu lassen.

Mit Handtüchern allein war eine so lange, üppige Mähne nicht zu trocknen; man brauchte dazu das Kaminfeuer oder, wenn das Wetter es erlaubte, die Sonne, die zudem noch den Vorteil hatte, wie Tarquinia sagte, das Blond aufzufrischen. Nicht ohne einen gewissen Pomp wurde Vittoria zu einem Sitz auf einer nach Süden gelegenen Terrasse geführt, während des Umzugs hielten zwei Dienerinnen das Haar, damit es nicht den Boden berühre, und breiteten es dann auf einem speziell dafür gebauten Gitterrost aus, in langen Docken goldener Seide, wie köstliche Früchte zum Nachreifen.

Diese Zeremonie war in Gubbio bekannt, und da sie am zeitigen Nachmittag stattfand, wurde das Haus von Onkel Bernardo an den genannten Tagen zum Ausflugsziel für Müßiggänger, die einen Blick auf Vittorias Haar zu erhaschen hofften, wie es das Gold der Sonne einfing.

In Rom wurde der Ritus fortgesetzt, nachdem wir uns im Palazzo Rusticucci eingerichtet hatten. Doch da Tarquinia nun auf eine gewisse Etikette sehen wollte, fand er nicht mehr wie in unserer Kleinstadt öffentlich statt, sondern fern den neugierigen Blicken im Innenhof des Palazzo.

Die Strategie der offenen Tafel, die Tarquinia seit ihrer Ankunft in Rom mit großem Kostenaufwand verfolgte, brachte nicht das erhoffte Ergebnis. Viele Edelleute, junge und alte, schöne und häßliche, gingen im Palazzo Rusticucci aus und ein, aber sosehr sie von Vittoria auch eingenommen waren, das geringe Vermögen ihres Vaters schreckte sie ab. Es mag ja noch angehen, die Tochter eines Kaufmanns zu ehelichen und in eine Familie ohne Verbindungen einzuheiraten, aber dann müßte dieser Kaufmann wenigstens reich sein! Onkel Bernardo aber hatte nichts als Schulden, und seine Schulden warfen einen Schatten auf die strahlende Schönheit Vittorias. Außerdem war das Mädchen stolz und klug und konnte dumme Menschen schwer ertragen. Sie hätte mehr gefallen, wenn sie nur mäßig intelligent und weniger stolz gewesen wäre.

Seit zwei Jahren stellte Tarquinia ihre Tochter nun schon zur Schau, doch hatte sie trotz all der Bewerber oder vorgeblichen Bewerber, die – zahlreicher als Fliegen einen Honigtropfen – |20|Vittoria umschwärmten, bisher kein Angebot erhalten. Einer der Bewerber, der unscheinbarste von allen, hatte allerdings ein paar schüchterne Andeutungen gemacht. Aber Tarquinia hatte ihn, ohne ihn richtig abzuweisen, kaum ermutigt, das unredliche Argument vorschiebend, ihre gerade erst sechzehnjährige Tochter sei für eine Heirat noch recht jung. Obwohl Francesco Peretti der Neffe eines Kardinals war, fand die Superba seinen Adel zu gering und sein Vermögen nicht ausreichend. Zu Beginn ihres Aufenthaltes in Rom hätte es schon ein Fürst sein müssen, um sie zufriedenzustellen. Seit kurzem aber schien ihr auch ein Marchese oder Graf zu genügen. Nichtsdestoweniger meinte sie, Perettis Antrag sei ein wenig komisch und unüberlegt, und sie hielt sich etwas darauf zugute, daß sie ihn nicht einfach kurz abgefertigt, sondern auf seine halbe Anfrage diplomatisch mit einer halben Ablehnung geantwortet hatte.

Am 15. April 1573 trat ein Ereignis ein, das Tarquinia hätte absehen können, hätte sie ihrer Umgebung ebensoviel Aufmerksamkeit gewidmet wie ihren ehrgeizigen Zielen: Mein Onkel Bernardo starb. Er hatte es sich niemals verziehen, meinen Vater während der Pest allein in Gubbio zurückgelassen zu haben. Der Niedergang der Majolikamanufaktur, der Umzug Tarquinias nach Rom, die Trennung von seiner geliebten Tochter, die ständigen Geldforderungen ihrer Mutter, die Schulden, die er deshalb gemacht hatte – das alles erschien ihm wie eine Strafe Gottes. Und weit davon entfernt, gegen sein Unglück anzukämpfen, wartete er nur darauf, von ihm zermalmt zu werden.

Die Nachricht wurde uns eines Tages Schlag zwölf Uhr von Flamineo überbracht, der zu Pferde ganz allein, ohne Eskorte von Gubbio herangehetzt war. Völlig verschmutzt, das Haar zerzaust, das Wams geöffnet, erschien er in Stiefeln in dem Saal, in dem wir unsere Mahlzeit einnahmen, und Tränen rannen über sein Gesicht. Als er Tarquinia erblickte, stürzte er auf sie zu, mit ausgebreiteten Armen, als wolle er sich an ihre Brust flüchten, und rief voll Verzweiflung:

»Vater ist tot! Wir sind ruiniert!«

Tarquinia erhob sich, kreidebleich, und ging auf ihn zu; doch sie schloß ihn nicht etwa in ihre Arme, sondern runzelte die Brauen, legte ihm die Hand auf den Mund und flüsterte ihm wütend ins Ohr:

|21|»Bist du wahnsinnig, vor den Dienerinnen zu sagen, wir seien ruiniert? Willst du, daß morgen ganz Rom davon weiß?«

»Ach Mutter, Mutter, Mutter!« schrie Vittoria, immer lauter werdend und weiterer Worte unfähig, stand vom Tisch auf und stürzte mit wehendem Haar aus dem Zimmer.

»Giulietta«, sagte Tarquinia, ohne mit der Wimper zu zucken, »geh ihr nach und sorge dafür, daß sie sich nicht, wie sonst immer, in ihrem Zimmer einschließt. Ich gehe heute abend zu ihr.«

Sprachlos über so viel Kaltblütigkeit, erhob ich mich.

»Mein Sohn«, wandte sie sich dann an Flamineo, »wie siehst du aus! Nachlässig gekleidet und schmutzig! Zieh dich in deine Gemächer zurück und mach Toilette! Ich werde dich in einer knappen Stunde dort aufsuchen. Wir haben miteinander zu reden.«

Um in Vittorias Zimmer zu gelangen, mußte ich das ganze Haus durchqueren, wo bereits überall das Wehklagen der Dienerschaft zu hören war. Bernardo war zweifellos ein guter Herr gewesen, und mancher fürchtete um seine Stellung, wenn der Haushalt nun eingeschränkt würde. Doch sie weinten auch aus Höflichkeit, weil es sich so gehörte bei einfachen Leuten und um uns zu zeigen, daß sie unsere Trauer teilten. Vor allem die Dienerinnen überließen sich ihrem Kummer mit Hingabe; bei Geburten, Hochzeiten und Todesfällen waren sie immer sehr darauf bedacht, durch entsprechende Gefühlsausbrüche ihre Verbundenheit mit der Herrschaft zu zeigen.

Am Fuße der Treppe zum Oberstock begegnete ich Marcello, prächtig anzusehen in seinem Wams aus blaßgelbem Atlas, den Dolch an der Seite. Er hielt mich am Arm zurück und sagte:

»Ich komme gerade aus Amalfi. Was bedeutet dieses Geheul hier? Niemand kann mir vernünftig erklären, was passiert ist. Weißt du es?«

»Dein Vater ist gestorben.«

»Ach je«, sagte er.

Seine großen schwarzen Augen blieben trocken, nichts regte sich in seinem schönen Gesicht.

»Na gut«, sagte er dann, »das war vorherzusehen. Warum hat er sich zum Sklaven und Lasttier von diesem Mannweib machen lassen! Wo ist Vittoria?«

|22|»In ihrem Zimmer. Ich gehe jetzt zu ihr.«

»Gut«, meinte er und verzog seine Oberlippe zu einem ironischen Lächeln. »Weint nur! Weint ihr nur alle zusammen! Tränen haben etwas Wollüstiges. Ich aber kann solch Gejammer nicht aushalten und werde mich in mein Zimmer einschließen. Ich werde es nur verlassen, um Tarquinia zu sagen, was nun zu tun ist, jetzt da – zum großen Teil durch ihre Schuld – unser Ruin besiegelt ist.«

»Sag es mir lieber gleich!« fuhr Tarquinia dazwischen, die plötzlich vor uns auftauchte. »Aber in meinem Zimmer, wo wir vor fremden Ohren sicher sind. Nein, Giulietta, bleib da! Dein gesunder Menschenverstand wird uns von Nutzen sein.«

Während sie sprach, nahm sie Marcellos Arm, als wollte sie ihn mit sich ziehen, er riß sich jedoch heftig los und zischte:

»Faßt mich nicht an! Ihr wißt genau, daß ich es hasse, angefaßt zu werden!«

»Auch von Vittoria?« fragte Tarquinia bissig.

»Gerade von ihr!« antwortete Marcello mit wutverzerrtem Gesicht. »Das weiß ich schon lange: Frauen sind wie Kraken! Nichts als Saugnäpfe und Fangarme! Vittoria macht da keine Ausnahme!«

Tarquinia schwieg, öffnete die Tür zu ihrem Zimmer und ließ Marcello und mich eintreten. Dann schob sie den Riegel vor, drehte sich zu Marcello um, richtete ihre kalten blauen Augen auf ihn und sagte mit perfider Sanftheit:

»Wie eigenartig, Marcello! Ich hätte gedacht, Vittoria sei eine Ausnahme und es gäbe in deinem Herzen aus Stein ein wenig Raum für sie.«

»Das Herz aus Stein habe ich von meiner Frau Mutter geerbt!« parierte Marcello mit einem wütenden Blick. »Denn offensichtlich vermochte der Tod des unglücklichen Mannes, der für Euch in Gubbio Blut und Wasser geschwitzt hat, Euren schönen klaren Augen nicht die kleinste Träne zu entlocken.«

»Sowenig wie den deinen!«

»Mutter, Mutter!« rief ich da (ich mußte Tarquinia wider meinen Willen so nennen, da mich Onkel Bernardo adoptiert hatte). »Verzeiht mir, doch wenn Ihr Euch nur streitet, ist meine Anwesenheit hier nicht vonnöten.«

»Du hast recht, Giulietta«, sagte Tarquinia und blickte mich verächtlich an, obwohl sie mir zustimmte, »du bist die einzige, |23|die hier noch gesunden Menschenverstand hat. Marcello, wenn du mir etwas zu sagen hast, dann tu das!«

Marcello pflanzte sich, Hände in die Hüften gestemmt, vor dem Fenster auf, vielleicht um sein Gesicht im Gegenlicht zu halten, damit man nicht so leicht darin lesen könne, vielleicht auch weil er – als geborener Schauspieler wußte er sich in Szene zu setzen – seine Silhouette vor dem rechteckigen Fenster vorteilhaft zur Geltung bringen wollte.

»Ich möchte darauf hinweisen«, begann er, »daß mein Rat uneigennützig ist. Da ich Euch, Mutter, auch nicht den Schatten der kleinsten Münze koste, bin ich von dem uns bedrohenden Ruin nicht betroffen.«

»Was beweist«, entgegnete Tarquinia verächtlich, »daß die Saugnäpfe und Fangarme der Margherita Sorghini wenigstens ein Gutes haben: sie ernähren und kleiden dich.«

»In der Tat«, erwiderte Marcello. »Und nachdem Ihr jetzt Euer Gift gegen die Dame verspritzt habt, deren Freund ich bin …«

»Ein teurer Freund«, sagte Tarquinia.

»… kann ich fortfahren. Hier also mein Rat. Unsere Manufaktur in Gubbio muß so schnell und so vorteilhaft wie möglich verkauft werden. Damit könnt Ihr Eure Schulden abzahlen.«

»Nur zum Teil«, meinte Tarquinia.

»Mag sein. Das müßt Ihr am besten wissen. Zum anderen muß Vittoria so schnell und so gut wie irgend möglich verheiratet werden.«

»Glaubst du, daß ich deinen Rat brauche, um zu diesem Schluß zu kommen?«

»Dann habt Ihr sicher ein paar schöne Bewerber im Hintergrund«, erwiderte Marcello und verzog spöttisch die Lippen.

»Deutlich erklärt hat sich nur einer: Francesco Peretti«, seufzte Tarquinia.

»Peretti! dieses klägliche Subjekt, Jesus Maria! Kleiner Adel, kleines Vermögen, kleiner Geist!«

»Aber er ist der Neffe eines Kardinals, der ihn adoptiert und ihm seinen Namen gegeben hat. Montalto betrachtet ihn als seinen Sohn und wird ihn zu seinem Erben machen.«

»Wirklich ein schönes Erbe!« rief Marcello und hob die Hände. »Der Kardinal lebt im ärmlichsten Palast von ganz |24|Rom, fährt in einer erbärmlichen Kutsche, und seine Pferde, die er nicht besser füttert als sich selbst, sind dürre Klepper, die nur von der Deichsel gehalten werden. Obendrein hat Montalto in seiner lächerlichen Tugendhaftigkeit die Pension von Philipp II. ausgeschlagen. Ein schöner Kardinal! und ein schöner Erbe!«

»Ich weiß, ich weiß.« Tarquinia zog die Brauen zusammen. »Aber was kann ich dafür? Ich hatte nicht die Zeit, etwas Besseres zu finden.«

»Bernardo ist also zu früh gestorben?« sagte Marcello mit versteckter Ironie und verschränkte theatralisch die Arme vor der Brust.

Tarquinia bemerkte weder das Theater noch die Ironie. Ebensowenig hatte sie die Taktlosigkeit ihrer eigenen Bemerkung wahrgenommen. Ich dagegen war sprachlos über die zynischen Worte von Mutter und Sohn. Es entging mir allerdings nicht, daß Marcello, ganz der bravaccio, der er sein wollte, von den beiden Teufeln der subtilere und empfindlichere war.

»Na gut, und wie denkst du darüber, Giulietta?« fragte Tarquinia herablassend.

Ihr Hochmut galt meiner Situation als Adoptivnichte ohne Vermögen, aber auch meiner geringen Körpergröße und der Tatsache, daß mein bißchen Anmut mit der majestätischen Schönheit der Frauen der Familie nicht zu vergleichen war. Gleichwohl erwies sie mir jene Hochachtung, die Leute ihres Schlages widerwillig ihren Verwandten einräumen, sofern sie Tugenden besitzen, die ihnen selbst abgehen und die zu erwerben sie sich in keiner Weise bemühen.

»Über diese Heirat? oder über Francesco Peretti?« fragte ich nach einer Weile.

»Über beides.«

»Nun, Francesco ist mir sehr sympathisch. Er hat nichts Strahlendes, das stimmt. Aber er ist sanftmütig und feinfühlig, ohne daß es ihm an Mut oder Würde gebräche.«

»Und was sagst du zu der Heirat?« fragte Marcello und sah mich aufmerksam an.

»Vittoria wird nicht unglücklich sein, denn Francesco wird alles tun, was sie will.«

»Und Peretti?«

»Er ist ein zu guter Mensch, um mit einer Accoramboni glücklich werden zu können.«

|25|Marcello brach in Lachen aus: »Aber du bist doch selbst eine Accoramboni, Giulietta!«

»Eben. Deshalb weiß ich, wovon ich rede.«

Hierauf lachte Marcello noch mehr.

»Pst, pst!« machte Tarquinia. Es klang wie das Zischen von einem Dutzend Schlangen. »Marcello, wie kannst du am Sterbetag deines Vaters so ungeniert lachen! Was sollen die Diener denken, wenn sie dich hören?«

»Sie werden denken, daß ich verrückt bin, und das stimmt ja auch. Alle in diesem Haus sind verrückt. Alle, bis auf Giulietta. Mein Vater war eine Memme und zitterte vor seiner Frau. Flamineo ist ein törichter Frömmler. Meine Mutter, eine Medusa …«

»Und Marcello, ein Zuhälter!« fiel ihm Tarquinia brutal ins Wort.

Trotz des Gegenlichts sah ich Marcello erbleichen oder glaubte es zu sehen.

»Signora«, sagte er mit klangloser Stimme, »wenn Ihr ein Mann wäret, hättet Ihr jetzt meinen Stahl zwei Zoll tief in der Kehle!«

Das war kein Theater mehr, trotz der melodramatischen Sprache, denn Marcello tastete mit zitternder Hand nach dem Griff seines Dolches, und ich sah in diesem Augenblick deutlich, daß er sein wütendes Verlangen, ein für allemal mit seiner Mutter Schluß zu machen, nur mühsam zurückhielt. Ich warf mich zwischen die beiden, was ich schon mehr als einmal getan hatte, seit ich in diese unbeherrschte Familie gekommen war, wo alle Leidenschaften auf die Spitze getrieben wurden.

Ich stützte mich mit den Handflächen gegen Marcellos Brust. Er zitterte an allen Gliedern unter der Anstrengung, seinen wahnsinnigen Zorn zu unterdrücken. Er sah mich nicht. Über meinen Kopf hinweg sah er Tarquinia durchbohrend mit seinen schwarzen Augen an.

»Marcello, ich flehe dich an!« rief ich.

Er bemerkte mich endlich, kam wieder zu sich, und der Schatten eines Lächelns – dieses Mal wenigstens nicht gespielt – huschte über sein Gesicht. Vielleicht entsann er sich, daß ich als Kind schon einmal zwischen ihn und seine Mutter getreten war und dabei die für ihn bestimmte Ohrfeige erhalten hatte.

|26|»Du bist ein gutes Mädchen, Giulietta«, sagte er leise und atemlos, legte mir dabei die Hände auf die Oberarme und stieß mich dann, selbst überrascht von dieser Geste, zurück.

»Da ich sehe, daß ihr beide mit mir einer Meinung seid«, schloß Tarquinia ohne jede Spur von Ironie und wie blind oder unempfindlich gegen die Gefahr, der sie soeben entronnen war, »werde ich Vittoria umgehend über meine Pläne im Hinblick auf Peretti informieren.«

»Umgehend!« rief ich unwillig.

»Ihr werdet nichts dergleichen tun, Mutter!« schrie Marcello. »Ich werde Euch daran zu hindern wissen. Wenn nötig, stelle ich mich vor Vittorias Tür. Ihr werdet sie morgen sehen. Habt jetzt wenigstens so viel Takt, ihr einen Tag und eine Nacht für ihre Tränen zu gewähren!«

Schnellen Schrittes verließ er das Zimmer, und als ich wenige Augenblicke später im oberen Stockwerk zu den Gemächern seiner Schwester kam, fand ich ihn in dem kleinen Vorraum, der Caterina Acquaviva manchmal als Schlafzimmer diente.

Er lag ausgestreckt auf einem divano-letto, wo Caterina oft – in Hörweite ihrer Herrin – die Nacht verbrachte und das so klein (obwohl für Caterina groß genug) war, daß Marcellos Füße darüber hinausragten. Das Tageslicht flutete durch eine nach Süden gehende Maueröffnung herein und fiel auf sein düsteres Gesicht. Als ich eintrat, war er damit beschäftigt, die Sonnenstrahlen auf der nackten Klinge seines Dolches einzufangen, ein kleines Spiel, das mir beunruhigend und kindlich zugleich erschien.

Bei meinem Eintritt kam Caterina aus Vittorias Zimmer, schloß behutsam die Tür hinter sich und sagte, sie habe mich gerade suchen wollen, Vittoria habe nach mir verlangt.

Caterina Acquaviva war frisch und lebendig wie ihr Name, brünett und rundlich, hatte einen bemerkenswert reinen, matten Teint und große unschuldige Augen. Als sie über meine Schulter hinweg Marcello auf ihrem Bett liegen sah, errötete sie. Ihr von einem eckigen Ausschnitt halb entblößter bräunlicher Busen hob sich, und sie sagte mit zärtlicher Stimme, deren Beben sie nicht unterdrücken konnte:

»Signor Marcello, Ihr habt es bequemer, wenn ich Euch die Stiefel ausziehe.«

|27|»Wie du willst«, antwortete er ungerührt, ohne Entschuldigung, daß er ihr Lager einnahm, und ohne sie eines Blickes zu würdigen.

Ich fand Vittoria vor dem Fenster auf einem Stuhl mit hoher Rückenlehne, ihr langes Haar hatte sie über die Lehne geworfen, seine Spitzen berührten den Teppich. Sie hatte die Hände in den Schoß gelegt. Sie weinte nicht und schaute ins Leere.

»Ach, Giulietta«, sagte sie mit gedämpfter Stimme, »ich bin froh, dich zu sehen. Du wenigstens hast unseren unglücklichen Vater geliebt. Mein Gott, wie schlecht haben wir ihn behandelt!«

»Du mußt dir keine Vorwürfe machen«, entgegnete ich nach einem Moment des Schweigens. »Es war nicht dein Entschluß, Gubbio zu verlassen und nach Rom zu gehen.«

»Aber es ist meinetwegen geschehen«, erwiderte sie lebhaft. »Und du weißt, wie gerne ich in Rom lebe. Armer Vater! Er hat sich in Gubbio abgerackert, während wir uns hier amüsierten …«

Ich widersprach ihr nicht, denn das stimmte. Wahr ist auch, daß Vittoria ihren Vater bisweilen völlig vergessen zu haben schien. Damals, entsinne ich mich, stellte ich mir zum ersten Mal die Frage, ob die bezaubernde Schönheit Vittorias wirklich ein so großes Geschenk des Himmels sei, wie alle behaupteten.

Da das Schweigen andauerte, wagte ich zu fragen: »Sag ehrlich, Vittoria, möchtest du lieber allein sein?«

»Nein, bleib! Mir war so, als hätte ich nebenan die Stimme Marcellos gehört. Er ist also aus Amalfi zurück? Was macht er hier?«

»Er bewacht dich. Er hat geschworen, Tarquinia am Eintreten zu hindern.«

Sie seufzte und neigte den Kopf zur Seite.

»Sag ihm, daß ich ihm danke. Sag ihm, wenn er mich begrüßen möchte, kann er kommen.«

Ich ging hinüber in den kleinen Vorraum und schloß die Tür hinter mir, bevor ich mich an Marcello wandte. Die Tür war mit einer schweren Stoffbespannung gepolstert, und ich wollte nicht, daß Vittoria alles hörte. Ich wußte genau, wie Marcello die versteckte Bitte seiner Schwester aufnehmen würde.

Marcello hatte sich weder von dem kleinen Lager erhoben |28|noch seinen Dolch in die Scheide zurückgesteckt. Er hatte ihn neben sich auf einem kleinen Nachttisch abgelegt, hatte die Augen geschlossen und schien zu schlafen, so daß Caterina, die mit dem Rücken zur Wand zu ebener Erde auf einem Kissen saß, ohne Furcht vor Zurückweisung seine Züge betrachten konnte.

Sowie ich erschien, stand Caterina auf, wie ertappt, doch ich hieß sie sich wieder setzen, da Vittoria sie im Moment nicht brauche. Ich sprach leise, um Marcello nicht zu wecken. Während ich noch zögerte, ob ich ihn ansprechen sollte, betrat Flamineo auf leisen Sohlen – unmerklich, wie er alles tat – das kleine Zimmer.

Flamineo war so etwas wie das verkleinerte, blasse Abbild von Vittoria. Seine kurzgeschnittenen blonden Locken bildeten eine Art Heiligenschein um seinen Kopf. Die wässerigen blauen Augen erhellten sein etwas weiches Gesicht mit mildem Glanz. Fromm, wie er war, hätte er längst Mönch werden sollen: so wäre er dem Streit in seiner Familie und der zermürbenden Arbeit in der Majolikamanufaktur entgangen. Und besser noch, er wäre mit der Zeit ein hübscher kleiner monsignore geworden, angebetet von den weiblichen Schäfchen seiner Herde wie jetzt schon von den Dienerinnen im Palazzo Rusticucci, wobei Caterina freilich auf ein Abendmahl anderer Art hoffte.

Flamineo war so leise wie ein Mäuschen gewesen, hatte aber nicht einmal Zeit, den Mund zu öffnen: Marcello war mit einem Satz aufgesprungen und hatte ihn an der Gurgel gepackt. Da begriff ich, daß Marcello sich bis jetzt nur schlafend gestellt hatte, um sich an Caterinas stummer Anbetung zu ergötzen. Diesmal mischte ich mich nicht ein: für Flamineo bestand keine Gefahr. Da er sich niemals wehrte, fand Marcello es unter seiner Würde, ihn zu schlagen.

»Was machst du hier?« zischte er mit zusammengebissenen Zähnen. »Wer schickt dich? Antworte! Wer schickt dich? Tarquinia? Welche Botschaft hat sie dir aufgetragen? Antworte, du Abgesandter des Satans!«

»Niemand hat mir eine Botschaft aufgetragen«, sagte Flamineo mit seiner sanften, singenden Stimme, die mich immer wieder erstaunte und die mir, ehrlich gesagt, nur begrenztes Vertrauen einflößte, paßte sie doch auch recht gut zu frommen Lügen.

|29|»Was willst du dann hier?« fragte Marcello, ohne ihn loszulassen und ohne die Stimme zu heben, da er zweifellos befürchtete, die Aufmerksamkeit Vittorias zu erregen, und weil er außerdem sehr wohl wußte, daß sie dazu neigte, Flamineo als ihren jüngeren Bruder in Schutz zu nehmen.

»Ich möchte Vittoria sehen«, sagte Flamineo schwach.

»Sie will niemanden sehen!« entschied Marcello leise, wobei er einen flüchtigen Blick auf Vittorias Tür warf, als fürchte er, sie könne sich öffnen und ihn Lügen strafen. »Niemanden«, wiederholte er, »deshalb stehe ich hier Wache. Niemanden! Verschwinde, oder ich werfe dich hinaus!«

Bei diesen Worten hielt er ihn immer noch an der Gurgel gepackt, öffnete die Tür zur Galerie und stieß ihn hinaus. Vielleicht muß ich hier ergänzen, daß der Palazzo Rusticucci um einen quadratischen Hof herum gebaut war, mit einem Wasserbecken und einem Boskett in seiner Mitte. Die erwähnte Galerie führte auf der Hofseite außen um den ganzen Oberstock herum und wurde vom Hof her je nach Tageszeit mit Sonnenwärme oder Kühle versorgt.

»Marcello«, sprach ich ihn an, nachdem er die Tür wieder geschlossen hatte, »was du eben gesagt hast, stimmt nicht ganz. Vittoria läßt dir ausrichten, wenn du sie begrüßen möchtest, kannst du zu ihr kommen.«

Freude und Kälte wechselten so rasch auf seinem Gesicht, daß ich zweifelte, die Freude wirklich gesehen zu haben, so schnell schlug sie in Kälte um. Marcello streckte sich wieder auf Caterinas kleinem Lager aus, schloß die Augen und sagte:

»Nein, ich lege keinen Wert auf so was: Tränen, Seufzer, Blicke gen Himmel und andere typisch weibliche Affereien. Sag ihr, daß ich müde von der Reise bin und schlafe.«

In meinem Zimmer dann hatte ich in der Nacht einen seltsamen Traum. Ich sage »seltsam«, weil Träume normalerweise vage und ungezügelt sind, dieser mich jedoch durch seinen logischen Zusammenhang und die Deutlichkeit der darin gesprochenen Worte betroffen machte. Sie gruben sich mir unauslöschlich ins Gedächtnis, so daß ich am nächsten Tag meinte, sie tatsächlich gehört zu haben.

Ich war allein in einem großen prächtigen Zimmer, dessen Boden und Wände mit kostbaren Teppichen bedeckt waren. An den Wänden entlang waren Diwane aufgestellt. In der Mitte |30|des Raumes stand ein niedriger achteckiger Tisch aus duftendem Zedernholz, dessen Platte mit zierlichen orientalischen Schnitzereien geschmückt war. Auf dem Tisch stand eine breite flache Kupferschale, in der mir unbekanntes, aber sehr stark duftendes Räucherwerk verbrannte. Das Zimmer war nur mit den Teppichen, Diwanen und diesem Tisch ausgestattet. Die mächtige Tür bestand ebenfalls aus Zedernholz, sie war mit Nägeln und Eisenbändern beschlagen und mit einem vergitterten Guckloch versehen, das Schloß darunter – ich wußte es, ohne versucht zu haben, es zu öffnen – war abgeschlossen.

Eine Fenstertür ließ die Morgensonne hereinfluten und war außen durch ein schmiedeeisernes Gitter gesichert, durch das man einen schönen Garten mit einer verschwenderischen Blumenpracht erblickte. In seiner Mitte befand sich ein goldener Käfig, in dem Vögel mit bunt schillerndem Gefieder sangen. Ich wollte gern näher herangehen, aber das Gitter der Fenstertür war verriegelt.

So blieb ich also stehen, blickte auf den Käfig und bemerkte, daß um ihn herum Vögel flatterten, die das gleiche Gefieder hatten. Sie wollten in den Käfig hineingelangen, so wie die gefangenen Vögel begierig waren hinauszukommen. Auch uns geht es so, dachte ich: wir sehnen uns danach, uns mit dem geliebten Menschen zu verbinden, und sind diese Bande einmal geschmiedet, finden wir sie auf Dauer zu schwer.

Aber dieser Gedanke streifte mich nur leicht, ohne mich traurig zu stimmen. Auch ich war gefangen, konnte weder das Gitter der Fenstertür aufstoßen noch die schwere Zedernholztür öffnen. Und doch war mir, während ich die im Käfig flatternden Vögel beobachtete, als könne ich mich jeden Moment in die Lüfte erheben, so glücklich und leicht fühlte ich mich. Leicht war ich übrigens wirklich, denn ich trug weder die Baskine, das beengende Untermieder, noch den schweren Reifrock, die Vertugade. Unter einem langen und weiten, vorn offenen safrangelben Kleid war ich völlig nackt. Der Stoff umschmeichelte sanft meinen Körper und ließ meinen Gliedern eine köstliche Freiheit. Als ich mich in einem großen venezianischen Wandspiegel erblickte, trat ich näher heran und fand mich zu meiner Überraschung größer und vor allem hübscher, als ich noch am Abend gewesen war. Jeder Mann, schien mir, müsse mich lieben, sobald er mich sah. Ich vollführte einige Pirouetten und |31|tanzte mit ausgebreiteten Armen, die mir in den weiten Ärmeln wie Flügel erschienen, durch das Zimmer. Alles war mir Liebkosung, während ich umherwirbelte: die Falten des Kleides, die laue Brise aus dem Garten, die ich sogar unter meinem Kleid spürte, die Räucherdüfte aus dem flachen Becken, der weiche dicke Teppich unter meinen Füßen.

Zu meinem Verdruß entdeckte ich plötzlich, daß ich nicht allein in dem Zimmer war, wie ich zunächst geglaubt hatte. Auch Vittoria und Caterina waren da und trugen ebensolche Kleider wie ich, nur von anderer Farbe: Vittorias war rosa, Caterinas lila.

Ich bemerkte mißmutig, daß ihnen diese Farben gut standen. Und die Pose, in der ich sie sah, steigerte noch die lebhafte Antipathie, die ich plötzlich gegen beide empfand.

Caterina saß auf dem Teppich und lehnte ihren brünetten Kopf an einen Diwan. Sie hatte den breiten Ausschnitt ihres Kleides über ihren linken Oberarm hinabgleiten lassen, so daß man eine runde Schulter sehen konnte und ihre makellosen bräunlichen Brüste mehr als zur Hälfte entblößt waren. Ihre schwarzen Augen, die mir sehr groß und glänzend vorkamen, waren erwartungsvoll auf die nägelbeschlagene schwere Tür gerichtet.

Vittoria dagegen saß artig auf einem der Diwane, so daß ich an ihrem Betragen zunächst nichts auszusetzen hatte. Doch als ich ihr Gesicht, das mir weniger schön als sonst erschien, genau durchforschte, entdeckte ich darin eine gewisse Falschheit, die ich vorher nie bemerkt hatte und die sie durch ihr Verhalten sogleich bestätigte. Denn sie erhob sich und sagte ungeniert und wie im Selbstgespräch:

»Das Kleid ist mir zu warm. Und da wir unter uns sind, will ich es ausziehen. Mein Haar reicht aus, mich zu bedecken.«

Sie entkleidete sich, streckte sich auf dem Diwan aus und bedeckte Brüste und Leib mit ihrem Haar. Dann stieß sie einen kleinen Seufzer aus und schloß die Augen wie zum Schlafen. Ich ließ mich davon nicht täuschen, denn ich sah, wie ihre Lider einen Spalt geöffnet blieben und sie ebenfalls nach der Tür schaute. In diesem Augenblick wußte ich nicht, was ich mehr verabscheute. Caterinas Schamlosigkeit oder Vittorias scheinheiligen Anstand.

Ich beschloß, die beiden durch meine tadellose Haltung zu |32|beschämen. Ich setzte mich auf einen Diwan, preßte die Beine zusammen und verschränkte die Arme vor der Brust, um den indiskreten Ausschnitt meines Kleides am Verrutschen zu hindern. Einen Augenblick später bemerkte ich, daß der Diwan, auf dem ich Platz genommen und den ich rein zufällig gewählt hatte, der Tür genau gegenüberstand. Ich beschloß, diese unglückliche Wahl zu korrigieren, indem ich meinen Kopf entschlossen nach rechts gedreht hielt, als ob ich durch das Gitter der Fenstertür in den Garten schaute. Dabei wurde mir zu meiner Freude alsbald bewußt, daß ich so einem zur Tür hereinkommenden Besucher meine beste Seite zukehrte. Dieser unfreiwillige Vorteil verwirrte mich nicht im geringsten, betrachtete ich ihn doch als eine Gunst der Vorsehung und als Belohnung für mein untadeliges Betragen.

Caterina stieß einen unterdrückten Schrei aus, und als ich der Richtung ihres Blickes folgte, sah ich den Grund ihrer Verwirrung. Ein Gesicht erschien hinter dem Guckloch, da dieses aber durch ein Gitter verschlossen war, konnte man die Gesichtszüge nicht deutlich erkennen, die schwarzen Augen dagegen waren sehr gut zu sehen, ebenso die glänzenden Blicke, mit denen jede von uns der Reihe nach angestarrt wurde und von denen ich mich wie durchbohrt fühlte.

Aus den Augenwinkeln beobachtete ich Vittoria, die ungerührt wirken wollte und ins Leere schaute, um so die Schönheit ihrer Augen am besten zur Geltung zu bringen. Caterina dagegen, mit wogender Brust, halb geöffneten Lippen, den Kopf unruhig hin und her werfend, schien in einem Höllenfeuer zu schmoren.

Die mit Nägeln verzierte Tür drehte sich leicht in den Angeln, und Marcello trat ein, was uns nicht im mindesten überraschte. Er war mit einer langen tizianroten Robe bekleidet, die durch einen goldenen Gürtel, an dem sein Dolch hing, zusammengehalten wurde. Er verriegelte die Tür hinter sich, zog den Schlüssel ab, zeigte ihn uns mit einer theatralischen Geste, schritt zur Fenstertür und warf ihn durch das Gitter in den Garten. Danach wandte er sich zur Mitte des Zimmers, umschritt langsam den flachen Zedernholztisch, schaute uns der Reihe nach an und sagte mit ironisch verzogenen Lippen:

»Jetzt seid ihr in meiner Gewalt, meine Täubchen, und könnt mir nicht entkommen.«

|33|Da erhob ich mich von meinem Diwan, auf dem ich bis dahin bescheiden sitzen geblieben war, ging beherzt auf ihn zu und sagte:

»Du bist selbst ein Gefangener, Marcello, denn du hast den Schlüssel weggeworfen.«

»Daran erkenne ich deinen gesunden Menschenverstand, Giulietta«, entgegnete er lächelnd. »Man könnte sogar meinen, ich sei euer Gefangener, so wie ihr meine Gefangenen seid. Aber das ist falsch. Ich bin frei, und hier ist das Werkzeug meiner Freiheit!« Er zog seinen Dolch.

Er drehte und wendete den Dolch in seinen Händen, um mit der glänzenden Klinge einen Sonnenstrahl einzufangen, den er abwechselnd auf Vittoria, Caterina und mich zu richten versuchte.

»Willst du damit sagen, Marcello, daß du dir das Leben nehmen willst?«

»Natürlich. Aber zuvor will ich euch das Leben nehmen.«

»Und warum?«

»Warum leben«, entgegnete Marcello, »wenn wir doch alle dem Tod bestimmt sind?«

Vittoria riß ihre blauen Augen weit auf, fegte ihr Haar beiseite (auf die Gefahr hin, ihre Brüste zu zeigen, aber war das nicht Absicht?), stützte sich auf einen Ellenbogen und fragte:

»Warum soll ich sterben, Marcello?«

»Das Leben«, antwortete er mit leiser, müder Stimme, »ist ein grausames, hinterhältiges Spiel. Frauen sind nichts als Fallen der Fleischeslust. Wer in ihre Fangarme gerät, fällt und stirbt. Lieber will ich mich töten, und euch mit.«

Ich war wütend, weil Vittoria durch ihren Einwurf die Aufmerksamkeit Marcellos auf sich gelenkt hatte. Begierig, sie aufs neue zu gewinnen, und um ihm gleichzeitig meine Unterwerfung zu zeigen, trat ich zu ihm, legte meine Hände auf seine Brust und sprach sanft:

»Es geschehe nach deinem Willen, Marcello. Töte uns, wenn es sein muß, doch sag mir wenigstens, mit wem du beginnen willst.«

»Mit dir, Giulietta, du bist so ein braves Mädchen«, sagte er lächelnd.

In diesem Augenblick erwachte ich. Als ich begriff, wo ich war und wer ich war, kam mir – ich weiß nicht warum – meine |34|verstorbene Familie in den Sinn, und ich spürte die Leere meines Lebens mit solcher Grausamkeit, daß ich zu schluchzen begann.

Schließlich ermüdeten mich die Tränen. Ich trocknete mir die Augen, schlug Feuer, zündete meine Kerze an, erhob mich und betrachtete mich in einem kleinen venezianischen Spiegel, der verkleinerten Nachbildung des Spiegels aus meinem Traum. Ich durchforschte meine Gesichtszüge, als könne ich daraus mir bisher unbekannte Dinge über mich erfahren. Eigenartigerweise schien ich nicht mehr dieselbe zu sein. Ob zum Guten oder Schlechten verändert, hätte ich nicht zu sagen gewußt.

Ich spürte Unbehagen. Wie erklärte es sich, daß mein Traum Marcello derart überschätzte, daß er eine Art Held wurde, er, den ich ungeachtet meiner alten Zuneigung für einen skrupellosen, faulen, gewalttätigen und verderbten jungen Mann hielt? Wie erklärte es sich, daß in dem gleichen Traum Vittoria ungerechterweise zu einem falschen Ungeheuer wurde und obendrein für ihren Bruder eine inzestuöse Neigung verspürte, an der sie gewiß unschuldig war?

Ich ging wieder zu meinem Lager, blies die Kerze aus, hielt im Dunkeln einen langen Moment die Augen weit geöffnet, ohne Schlaf zu suchen, da ich sehr wohl wußte, daß ich ihn ohnehin nicht finden würde. Und obgleich ich sicher nicht verantwortlich war für die Phantastereien meines Traums, fühlte ich doch Gewissensbisse, weil ich im Schlaf so böse und negative Gefühle für Vittoria gehegt hatte. Gleichzeitig spürte ich in mir Zweifel über mich aufsteigen. War ich denn wirklich diese gute, diese »vernünftige« Giulietta, von der es hieß, sie sei die Verkörperung des gesunden Menschenverstandes?