Gian Battista Della Pace,
Bargello della Corte:
Am 6. Juli, neun Uhr morgens, begab ich mich in Begleitung meines Stellvertreters, meines Schreibers und eines Baders in den Palazzo Rusticucci, um amtlich festzustellen, daß Signor Peretti, Adoptivsohn Seiner Eminenz Kardinal Montaltos und Dritter Kammerherr Seiner Heiligkeit Gregors XIII., von Mörderhand umgebracht worden war.
Die Totenwache im Festsaal des Palazzo hielten die Mutter des Ermordeten, Signora Camilla Peretti, seine Schwiegermutter, Tarquinia Accoramboni, und deren Kinder Giulietta und Flamineo. Nach Aussage der Signora Accoramboni hatte sich Signora Vittoria Peretti in ihrem Zimmer eingeschlossen, »wahnsinnig vor Schmerz« und außerstande zu sprechen.
Ich bat die Familie, sich zurückzuziehen, und ließ dann durch den Bader den Körper des Toten untersuchen. Er stellte am rechten Bein eine Verwundung fest, die von einem Schuß aus einer Arkebuse herrührte. Die von hinten abgefeuerte Kugel hatte den Oberschenkelknochen durchschlagen und den Sturz des Verwundeten verursacht, jedoch nicht seinen Tod; diesen hatte ein Dolchstich herbeigeführt, der Peretti ins Herz traf, als der Verwundete vermutlich bereits am Boden lag und nicht mehr in der Lage war, sich zu verteidigen. Nach Mitteilung meines Stellvertreters war der Degen von Signor Peretti ohne Scheide am Tatort gefunden worden, allerdings nicht direkt neben dem Toten, sondern in einer Entfernung von einigen Klaftern. Dieser Umstand gab mir zunächst zu denken, fand aber seine Erklärung durch die Aussagen des Kammerdieners Filippo, des einzigen Tatzeugen.
Filippo sagte aus1:
BARGELLO: Filippo, wie mir berichtet wurde, warst du der letzte, der Signor Peretti lebend gesehen hat.
|232|FILIPPO: Signor Bargello, ich habe mit der ganzen Sache nichts zu tun. Ich flehe Euch an, schiebt mir nicht diesen Mord in die Schuhe! Affé di Dio, ich bin unschuldig!
BARGELLO: Geh, Filippo, red nicht so dummes Zeug und hör auf, wie Espenlaub zu zittern. Setz dich, da, auf den Schemel. Niemand verdächtigt dich. Beantworte nur meine Fragen.
FILIPPO: Ja, Signor Bargello.
BARGELLO: Weißt du, weshalb sich Signor Peretti nachts um halb zwölf allein auf die Straßen von Rom wagte?
FILIPPO: Erstens, Signor Bargello, war er nicht allein. Ich war bei ihm. Ich ging ihm mit einer Fackel voran.
BARGELLO: Aber du warst nicht bewaffnet.
FILIPPO: Nein, Signor Bargello, außerdem hätte ich gar keine Waffe führen können, da ich die Fackel trug.
BARGELLO: Wie war Signor Peretti bewaffnet?
FILIPPO: Er hatte nur seinen Degen.
BARGELLO: Warum sagst du: »er hatte nur seinen Degen«?
FILIPPO: Weil es mich sehr verwunderte, daß er nicht auch seine Pistolen mitnahm, wo er doch sonst immer so vorsichtig war.
BARGELLO: Wo verwahrte er seine Pistolen?
FILIPPO: Auf seinem Nachttisch. Sie waren immer scharf geladen, und niemand durfte sie anrühren, nicht einmal zum Staubwischen. Wie gesagt, er war sehr vorsichtig.
BARGELLO: Es war jedoch alles andere als vorsichtig, nachts in den Straßen von Rom herumzuwandern, so unzureichend bewaffnet und mit nur einem Mann Begleitung.
FILIPPO: Das habe ich mir auch gesagt, Signor Bargello, als er mir befahl, ihm mit einer Fackel voranzugehen. Um die Wahrheit zu sagen, ich fühlte mich gar nicht wohl in meiner Haut.
BARGELLO: Kennst du den Grund dieses nächtlichen Ausflugs?
FILIPPO: Nein, Signor Bargello. Doch ich weiß, wohin wir gehen wollten. Signor Peretti hatte es mir gesagt.
BARGELLO: Und wohin?
FILIPPO: Zum Palazzo Montecavallo.
BARGELLO: Der Palazzo ist doch seit einer Woche geschlossen.
|233|FILIPPO: Das wußte ich und war überrascht.
BARGELLO: Alles in allem haben dich also viele Dinge in dieser Geschichte überrascht.
FILIPPO: Oh, ja, Signor Bargello. Das kann man wohl sagen, viele!
BARGELLO: Zum Beispiel?
FILIPPO: Zum Beispiel, daß Signor Peretti nicht mehr Leute mitgenommen hat. Es gibt ein halbes Dutzend kräftige Männer im Palazzo Rusticucci, den Wächter, der früher Soldat war, nicht eingerechnet.
BARGELLO: Wann hat Signor Peretti den Entschluß gefaßt auszugehen?
FILIPPO: Als ich mich gerade zu Bett legen wollte. Gegen elf Uhr. Il mancino hatte ihm kurz davor ein Billett überbracht.
BARGELLO: Weißt du, was darin stand?
FILIPPO: Nein, Signor Bargello.
BARGELLO: Signor Peretti hat das Billett ein paar Minuten vor elf Uhr bekommen, ist aber erst halb zwölf ausgegangen. Was geschah in dieser halben Stunde?
FILIPPO: Die ganze Familie war im Patio versammelt und flehte ihn an, doch ja keinen Fuß vor die Tür zu setzen.
BARGELLO: Was verstehst du unter der »ganzen Familie«?
FILIPPO: Signora Camilla, Signora Tarquinia, Signorina Giulietta, Signor Flamineo. Sie klammerten sich an ihn und beschworen ihn, sein Leben nicht aufs Spiel zu setzen. Ach, Signor Bargello, wenn Ihr das gehört hättet: nichts als Schreien und Jammern!
BARGELLO: Und Signora Vittoria?
FILIPPO: Es ist nicht die Art der Signora, sich an jemanden zu klammern. Aber danach versuchte auch sie, ihn umzustimmen.
BARGELLO: Wonach?
FILIPPO: Nachdem sich die Menschentraube von ihm gelöst hatte.
BARGELLO: Hast du gehört, was Signora Vittoria zu ihrem Mann sagte?
FILIPPO: Nein, dazu war es zu laut. Alle schrien und weinten. Doch an ihrer Miene habe ich deutlich ablesen können, daß auch sie ihm vom Ausgehen abriet.
BARGELLO: Wie sah sie aus?
|234|FILIPPO: Sehr erschrocken und beunruhigt. Sie rang die Hände.
BARGELLO: Wie lange dauerte die Unterredung?
FILIPPO: Ich weiß nicht. Vielleicht gute zehn Minuten. Aber mit einer Unterbrechung.
BARGELLO: Was für eine Unterbrechung?
FILIPPO: Die Signora ließ Signor Peretti stehen, um mit dem mancino zu reden. Danach ist sie zu Signor Peretti zurückgekehrt und hat ihn abermals angefleht.
BARGELLO: Wieso kannst du sagen, sie habe ihn angefleht, wenn du ihre Worte gar nicht gehört hast?
FILIPPO: Ich habe es an ihrem Gesichtsausdruck gesehen.
BARGELLO: Wenn du die Szene mit der Fackel beleuchtet hast, hättest du es hören müssen.
FILIPPO: Signor Bargello, ich bin kein Lügner! Ich sage die Wahrheit! Um mich herum war ein Höllenlärm. Außerdem waren drei Fackelträger im Hof, und ich stand nicht dicht genug bei der Signora.
BARGELLO: Was geschah dann?
FILIPPO: Signor Peretti befahl Pietro, seinen Degen zu holen.
BARGELLO: Und diesmal hast du es gehört …
FILIPPO: Nein, Signor Bargello! Ich habe es nicht gehört. Doch ich begriff, was er verlangt hatte, als ich Pietro mit dem Degen meines Herrn zurückkommen sah. Signor Bargello, ich bitte Euch, behandelt mich nicht länger wie einen Lügner!
BARGELLO: Das tue ich gar nicht. Was geschah dann?
FILIPPO: Pietro brachte den Degen mit Scheide und Gehänge.
BARGELLO: Und dann?
FILIPPO: Mein Herr hat den Degen gezogen und Scheide und Gehänge wütend zu Boden geworfen.
BARGELLO: Wütend?
FILIPPO: Ja, er schien außer sich zu sein. Dann befahl er mir grob, ihm mit der Fackel voranzuleuchten, und rannte wie ein Wahnsinniger hinaus. Ich hatte ihn noch nie in einem solchen Zustand gesehen. Auf der Straße sagte er mir, daß es zum Palazzo Montecavallo gehe, und schrie mich an: »Schneller, schneller!« Er lief, was die Beine hergaben.
BARGELLO: Und dann?
FILIPPO: Dann … Ihr wißt genau, was meinem Herrn dann widerfahren ist: man hat ihn mir umgebracht!
|235|BARGELLO: Komm, Filippo, hör auf zu weinen. Ein Mann darf doch nicht weinen.
FILIPPO: Warum nicht, wenn er traurig ist? Und ich bin doppelt traurig. Erstens, weil Signor Peretti ein guter Herr war, und dann, weil ich nicht weiß, was nun, da er tot ist, aus mir werden soll.
BARGELLO: Erzähle weiter!
FILIPPO: Wäre ich doch nie geboren, um solches nicht erleben zu müssen! Was für ein schreckliches Unglück!
BARGELLO: Weiter, Filippo!
FILIPPO: Entschuldigt, Signor Bargello, ich weiß nicht mehr, wo mir der Kopf steht. Also gut: stellt Euch die Straße vor, die zum Palazzo Montecavallo hinaufführt. Sie steigt ziemlich steil an. Dort mußte mein Herr seinen Schritt verlangsamen. Außerdem war er müde vom Laufen. Auf halber Höhe ging hinter mir ein Schuß aus einer Arkebuse los. Als ich mich umdrehte, lag Signor Peretti rücklings auf der Erde. Sein rechter Schenkel blutete. Aber er hatte noch seinen Degen in der Hand.
BARGELLO: Und was hast du da gemacht?
FILIPPO: Ich habe meine Fackel weggeworfen und mich in Sicherheit gebracht.
BARGELLO: Statt deinem Herrn zu Hilfe zu eilen!
FILIPPO: Meinem Herrn zu Hilfe eilen? Wie denn? Womit denn? Ich hatte nicht einmal ein Messer dabei! Und diese Leute hatten eine Arkebuse! Und jetzt fallen im Palazzo Rusticucci alle über mich her. Sie sollten unsere Leute mal hören: »Filippo, das Hasenherz!« Was für eine Ungerechtigkeit! Ich hätte die mal an meiner Stelle sehen mögen! Womit hätten die denn gegen die Banditen gekämpft? Mit den Zähnen vielleicht?
BARGELLO: Beruhige dich doch, Filippo.
FILIPPO: Trotzdem hat es mir nicht an Courage gefehlt, Signor Bargello. Denn als ich merkte, daß die Mörder mich nicht verfolgten und mich nicht einmal sehen konnten, weil die Fackel die Straße hinuntergerollt war und nun zwei Klafter unterhalb von Signor Peretti lag, bin ich auf leisen Sohlen zurückgeschlichen. Das war nicht schwer, denn ich hatte Filzschuhe an. Und ich habe mich in einer Türnische versteckt. Von da aus konnte ich alles hören. Denn ich war im |236|Schatten, und die Banditen wurden von der Fackel beleuchtet. Ich habe sie so deutlich gesehen, wie ich jetzt Euch sehe. Sie kamen in aller Ruhe die Straße herauf, bis zu der Stelle, wo Signor Peretti lag. Sie waren zu zweit.
BARGELLO: Wie waren sie?
FILIPPO: Sehr höflich.
BARGELLO: Was meinst du mit »sehr höflich«?
FILIPPO: Auch hier, Signor Bargello, sage ich Euch die Wahrheit. Ich fand, daß sie für Banditen sehr höflich mit Signor Peretti sprachen.
BARGELLO: Sie haben mit ihm gesprochen?
FILIPPO: Freilich! Eine richtige Konversation. Ich traute meinen Ohren nicht!
BARGELLO: Was hatten sie denn einander zu sagen?
FILIPPO: Zunächst hat ihnen mein Herr, ohne seinen Degen loszulassen, mit der Linken seine Börse zugeworfen und gesagt: »Wenn es das ist, was ihr wollt, hier nehmt!« Woraufhin der Größere von beiden geantwortet hat: »Mit allem Respekt, Signor Peretti, die fällt uns nach Euerm Tod sowieso zu. Wir sollen Euch töten.« – »Und wer hat euch geschickt?« – »Ein Mönch. Er hat Euren Namen genannt und hat Euch uns vergangenen Sonntag gezeigt, als Ihr mit Eurer Frau Gemahlin in Santa Maria della Corte der Messe beiwohntet.« – »Weißt du, warum der Mönch meinen Tod will?« – »Ich glaube, Signor Peretti, er war nur ein Mittelsmann.« – »Was hat dich auf diesen Gedanken gebracht?« – »Ein Scherz, den er machte.« – »Erzähle ihn mir!« – »Verzeihung, Signor Peretti, das ist ein sehr taktloser Scherz.« – »Sprich trotzdem!« – »Signor Peretti hat eine zu schöne Frau, um sie für sich allein behalten zu können.« Darauf sagte der zweite Bandit zum ersten: »Barca, du hättest diese Worte nicht wiederholen sollen. Das ist ein sehr derber Scherz.«
BARGELLO: Barca? Hast du Barca gesagt?
FILIPPO: Ja, Signor Bargello.
BARGELLO: Schreiber, haltet diesen Namen fest: Barca. Wie sah er aus?
FILIPPO: Groß, vierschrötig, bärtig. Er war bis zu den Augen behaart.
BARGELLO: Und der andere?
|237|FILIPPO: Klein, bartlos, schlank, mit einer sanften Stimme. Eine Tunte vermutlich.
BARGELLO: Eine Tunte?
FILIPPO: Wie ich gehört habe, gibt es Männer, die anderen Männern als Frauen dienen.
BARGELLO: Weiter!
FILIPPO: Danach …
BARGELLO: Wonach?
FILIPPO: Nachdem Barca den Scherz erzählt hatte, sagte Signor Peretti sehr ärgerlich: »Und worauf wartet ihr jetzt noch? Macht Schluß!« – »Signore«, sagte Barca, »wir haben keinen Degen. Aber Ihr habt einen. Wir müssen die Arkebuse erst wieder laden.« – »Hier«, sagte der Kleine, »sie ist fertig.« Und er reichte sie Barca, der auf Signor Peretti anlegte, doch der Schuß ging daneben. »Nehmt doch eure Dolche!« sagte mein Herr im Befehlston.
BARGELLO: Im Befehlston?
FILIPPO: Signor Bargello, ich sage Euch die Wahrheit. Und das ist noch nicht einmal das Unglaublichste. Denn als Signor Peretti den Banditen befahl, die Dolche zu nehmen, meinte Barca vorwurfsvoll: »Ein Dolch gegen einen Degen, Signor Peretti?« Da machte mein Herr etwas ganz Erstaunliches: er führte seinen Arm nach hinten und warf seine Waffe mit aller Kraft die Straße hinab. Der Degen rollte und sprang mit metallischem Geschepper über das Pflaster. Ach, Signor Bargello, es klingt mir noch in den Ohren. (Er weint.)
BARGELLO: Komm, Filippo, fasse dich!
FILIPPO: Madonna mia! Warum hat mein Herr das nur getan? Wird von bewaffneten Banditen bedroht und legt seinen eigenen Degen ab!
BARGELLO: Vielleicht hielt er den Kampf für hoffnungslos. Es waren ja immerhin zwei gegen einen.
FILIPPO: Aber er hätte sie in Schach halten können, während ich Hilfe geholt hätte. Was ich auch getan habe, allerdings zu spät.
BARGELLO: Als Signor Peretti seine Waffe weggeworfen hatte, was passierte da?
FILIPPO: Die zwei haben sich Zeit gelassen. Sie haben sich über ihn gebeugt und ihm das Wams ausgezogen. Und da mein Herr ungeduldig wurde, hat Barca ihm erklärt, daß er das Wams haben wolle, denn es sei aus gutem Büffelleder, |238|welches er nicht durch einen Dolchstich verderben wolle. In diesem Augenblick bin ich geflohen. Ich bin wie ein Wahnsinniger zum Palazzo Rusticucci gerannt und habe Alarm geschlagen. Als ich mit allen kampffähigen Männern zum Ort des Verbrechens zurückkam, war der Körper meines Herrn noch warm.
Domenico Acquaviva (il mancino):
BARGELLO: Acquaviva, ich habe dir einige Fragen zu stellen.1
IL MANCINO: Hier, Signor Bargello? In diesem Kellergelaß? Zwischen all diesen Folterwerkzeugen? Habt Ihr vergessen, daß ich meine Laufbahn als Bandit beendet habe?
BARGELLO: Deine derzeitigen Geschäfte sind genauso unmoralisch.
IL MANCINO: Aber sie stören nicht die öffentliche Ordnung, und sie verschaffen mir unter anderem die Freude, Euch von Zeit zu Zeit gewisse kleine Dienste erweisen zu können.
BARGELLO: Es ist ein Vergnügen, sich mit dir zu unterhalten, Acquaviva: du drückst dich sehr gewählt aus.
IL MANCINO: Ich verzichte gern auf dieses Vergnügen, Signor Bargello, es sei denn, wie gesagt, um Euch gewisse kleine Dienste zu leisten.
BARGELLO: Nun erinnerst du mich schon zum zweiten Mal daran. Das war unnötig, denn ich habe sie nicht vergessen. Meine Dankbarkeit dauert jedoch nicht ewig. Sie wird von deinen Antworten auf meine Fragen abhängen.
IL MANCINO: Was Ihr auch fragen mögt, ich werde die Wahrheit sagen.
BARGELLO: Wer? Wo? Wann?
IL MANCINO: Ich verstehe nicht.
BARGELLO: Ich werde das »wer« präzisieren. Das Weitere versteht sich dann von selbst. Wer hat dir das Billett ausgehändigt, das du gestern, am Donnerstag, um elf Uhr abends Signor Peretti übergeben hast?
IL MANCINO: Ein Mönch. In der Taverne »Zum Ölberg«. Um zehn Uhr abends.
BARGELLO: Kanntest du diesen Mönch?
|239|IL MANCINO: Ich hatte ihn nie gesehen.
BARGELLO: Wie sah er aus?
IL MANCINO: Das ist schwer zu sagen: er hatte seine Kapuze auf. Und deren Rand war bis weit über die Augen heruntergeschlagen. Ihr kennt die Zurückhaltung der Mönche in Gegenwart von Damen, zumal wenn letztere ihre Reize so deutlich zur Schau stellen, wie es an diesem Ort der Fall ist.
BARGELLO: Wie groß war der Mann? War er dick?
IL MANCINO: Klein, schlank, schmale knochige Hände wie bei einem Skelett. Doch er fraß wie ein Scheunendrescher. Am linken Daumen hatte er eine Narbe.
BARGELLO: Gut beobachtet. Schade, daß du auf der falschen Seite stehst; sonst könntest du mir sehr wertvoll sein! Was hat dir der Mönch gesagt?
IL MANCINO: Er hat mich gebeten, umgehend dieses Billett zu Signor Peretti zu bringen, denn es sei sehr dringend. Er hat mir zwanzig Piaster dafür angeboten.
BARGELLO: Fandest du diesen Auftrag nicht ein wenig verdächtig in Anbetracht der späten Stunde?
IL MANCINO: Von jemand anderem, ja. Von einem Mönch, nein. Ich bin ein guter Katholik.
BARGELLO: Hat dir der Mönch das Billett versiegelt oder einfach nur gefaltet gegeben?
IL MANCINO: Gefaltet.
BARGELLO: So war es ein leichtes, es zu lesen, bevor du es Signor Peretti übergeben hast.
IL MANCINO: Ja, ein leichtes für jemand, der lesen kann.
BARGELLO: Und du kannst nicht lesen?
IL MANCINO: Leider nein, Signor Bargello, weder lesen noch schreiben.
BARGELLO: Für einen Analphabeten sprichst du ein bemerkenswertes Italienisch.
IL MANCINO: Das sagt mir alle Welt. Ich wäre vielleicht begabt für andere Berufe als die, die ich ausgeübt habe.
BARGELLO: Du weißt also nicht, was in dem Billett stand?
IL MANCINO: Freilich, ja. Nach Empfang hat Signor Peretti das Billett in meiner Gegenwart laut vorgelesen.
BARGELLO: Was stand darin?
IL MANCINO: Das wißt Ihr genauso gut wie ich, Signor Bargello.
|240|BARGELLO: Sag es trotzdem.
IL MANCINO: In dem Billett bat Marcello Accoramboni, der es angeblich unterschrieben hatte, Signor Francesco Peretti um Hilfe. Er sei verwundet und erwarte ihn auf den Stufen zum Palazzo Montecavallo.
BARGELLO: Warum sagst du »angeblich«?
IL MANCINO: Marcello Accoramboni konnte den Hilferuf gar nicht abgesandt haben, denn er ist seit zehn Tagen mit Signora Sorghini in Amalfi.
BARGELLO: Vielleicht ist er gestern nach Rom zurückgekommen.
IL MANCINO: Das wüßtet Ihr. Man muß einen Zoll- und einen Polizeiposten passieren, um in die Stadt zu gelangen.
BARGELLO: Weder Polizei noch Zoll haben dich früher daran hindern können, in die Stadt zu gelangen …
IL MANCINO: Das ist etwas anderes, Signor Bargello. Ich war Bandit. Ich kannte die Löcher im Netz. Marcello kennt sie nicht.
BARGELLO: Du hättest sie ihm verraten können.
IL MANCINO: Ich dränge mein Wissen niemandem auf.
BARGELLO: Selbst mir nicht, wie ich festgestellt habe. Eines Tages mußt du mit mir zu den bewußten Löchern gehen, Acquaviva.
IL MANCINO: Gern. Aber das wird nicht viel nützen. Wenn ein Schlupfloch erst einmal bekannt ist, sucht man sich ein neues.
BARGELLO: Kommen wir auf das Billett zurück: du hältst es also nicht für echt?
IL MANCINO: Mit Verlaub, Signor Bargello, Ihr auch nicht. Wie hätte Marcello Accoramboni ein Billett schreiben und mit seinem Namen unterzeichnen können, das ihn, noch gestiefelt und gespornt, sofort an den Galgen bringen würde, kaum daß der Mord an seinem Schwager entdeckt wäre?
BARGELLO: Er hätte auf Protektion durch hochstehende Personen hoffen können.
IL MANCINO: In Amalfi?
BARGELLO: In Amalfi nicht, aber in Montegiordano.
IL MANCINO: Wie mir zu Ohren gekommen ist, hat Marcello Accoramboni überhaupt keine Bindung mehr zu Montegiordano.
|241|BARGELLO: Ist das alles, Acquaviva, was dir zu Ohren gekommen ist?
IL MANCINO: Ja, Signor Bargello.
BARGELLO: Deine eigene Schwester ist aber die Kammerzofe von Signora Peretti.
IL MANCINO: Das stimmt, Signor Bargello.
BARGELLO: Vielleicht ist sie eher geneigt als du, ihr Gedächtnis zu befragen?
IL MANCINO: Mein Gedächtnis wirft mir nur meine Vergangenheit vor. Caterina dagegen hat regelmäßig dem Pater Barichelli in Santa Maria gebeichtet. Und in Rom beichtet sie Pfarrer Racasi. Sie würde sogar Euch beichten, wenn Ihr wolltet. Sie ist lauter wie Gold.
BARGELLO: Das werden wir sehen.
IL MANCINO: Signor Bargello, seid nicht zu hart zu meiner kleinen Schwester.
BARGELLO: Nicht anders als zu dir. Ich suche die Wahrheit.
IL MANCINO: Sie findet sich vielleicht nicht da, wo Ihr sie vermutet.
BARGELLO: Was willst du damit sagen?
IL MANCINO: Wer immer diesen Mord befohlen hat, der wollte auch Marcello Accoramboni schaden.
BARGELLO: Ich danke dir für deine wertvolle Hilfe bei meiner Untersuchung.
IL MANCINO: Ihr macht Euch über mich lustig, Signor Bargello.
BARGELLO: Keineswegs. Kehren wir zu dem Moment zurück, da du Signor Peretti das Billett übergeben hast. Wollte er deine Meinung wissen?
IL MANCINO: Ja, Signor Bargello. Und ich habe ihm eindringlich davon abgeraten, sich nachts auf die Straßen Roms zu wagen.
BARGELLO: Aber du hast dich doch selbst auch hinausgewagt, um das Billett zu überbringen!
IL MANCINO: Bei mir ist es etwas anderes. Ich bin bekannt. Ein Spitzbube tut dem anderen nichts zuleide.
BARGELLO: Hat Signor Peretti auf dich gehört?
IL MANCINO: Nein. Er schien entschlossen, seinem Schwager zu Hilfe zu eilen. Daraufhin habe ich Signora Tarquinia |242|Accoramboni alarmiert. Sie hat das von ihrem Sohn geschriebene Billett zu sehen verlangt und klipp und klar erklärt, es sei nicht seine Handschrift.
BARGELLO: Und dann ist die ganze Familie zusammengelaufen und hat angefangen zu schreien und zu weinen?
IL MANCINO: Genauso war es. Familie und Diener, bald zwanzig Menschen waren im Patio. Sogar die schon im Bett lagen, waren wieder aufgestanden und herbeigeeilt. Und all die Menschen rannten im Schein der Fackeln herum, schrien, weinten, ereiferten sich und hoben die Hände zum Himmel. Man kam sich wie im Theater vor.
BARGELLO: Es heißt, Signora Peretti habe mit dir gesprochen. Was hat sie dir gesagt?
IL MANCINO: Da sie Signor Peretti so fest entschlossen sah, dieser Aufforderung nachzukommen, hat sie mich gefragt, ob ich bereit sei, ihn zu begleiten.
BARGELLO: Und was hast du geantwortet?
IL MANCINO: Daß ich das auf gar keinen Fall täte. Selbst wenn sich Signor Peretti von zehn Mann eskortieren ließe! Daß dieser Hilferuf eine Falle sei, und das einzige, was man tun könne, sei, nicht hineinzutappen.
BARGELLO: Was hat sie daraufhin getan?
IL MANCINO: Sie ist zu Signor Peretti gegangen, hat ihm meine Worte wiederholt und ihn angefleht, von seinem Vorhaben abzulassen. Sie sprach ziemlich heftig.
BARGELLO: Vermutlich hat sie sich ihrem Mann in die Arme geworfen?
IL MANCINO: Nein. Das ist nicht die Art von Signora Peretti. Sie hat etwas Königliches.
BARGELLO: Worauf führst du diese Haltung zurück?
IL MANCINO: Auf den Umstand, daß sie von Kindesbeinen an ob ihrer Schönheit von aller Welt vergöttert wurde.
BARGELLO: Hast du gehört, was sie zu ihrem Mann sagte?
MANCINO: Nein. Eigentlich nicht. Es war zuviel Lärm.
BARGELLO: Wo war Caterina in jenem Augenblick?
MANCINO: An Signora Perettis Seite. Sie folgte ihr wie ein Schatten.
BARGELLO: Sie wird mir also wiederholen können, was das Ehepaar Peretti einander zu sagen hatte?
IL MANCINO: Ich flehe Euch an, Signor Bargello, seid nicht zu |243|hart zu meiner kleinen Schwester. Sie ist sehr empfindlich. Eine kleine Ohrfeige, und sie ist den Tränen nahe.
BARGELLO: Wenn man dich so hört, könnte man meinen, du liebtest die Frauen. Und dabei lebst du von ihnen.
IL MANCINO: Signor Bargello! Ich habe niemals Geld von meiner Schwester Caterina verlangt!
BARGELLO: Beruhige dich. Ich rede nicht von ihr, sondern von den Mädchen aus dem »Ölberg«.
IL MANCINO: Das ist etwas anderes. Ich lebe von ihnen, und sie leben dank meiner. Wenn ich nicht wäre, würden sie vom erstbesten Freier totgeschlagen.
Caterina Acquaviva:
Als Filippo in der Nacht vom Donnerstag zum Freitag die traurige Nachricht brachte, dachte ich, die Signora würde wahnsinnig. Sie weinte, schrie, zerkratzte sich die Wangen und riß sich buchstäblich die Haare aus. Das wurde noch schlimmer, als unsere Leute den über und über blutigen Leichnam des Signor Peretti herbeitrugen; sie warf sich über ihn, schluchzte noch heftiger und beschmutzte mit dem Blut des Gatten ihr Nachthemd und sogar ihr Haar. Während dieser ganzen Zeit wurde sie von heftigen Krämpfen geschüttelt, schrie herzzerreißend oder wimmerte wie ein Tier, konnte aber gottlob kein Wort herausbringen. Gottlob! denn als ich merkte, daß sie sich nicht mehr unter Kontrolle hatte, starb ich fast vor Angst bei der Vorstellung, sie könne vor der Familie und den Dienern mehr sagen als nötig … Glücklicherweise wurde die Signora von ihren eigenen Gefühlen übermannt und fiel schließlich in Ohnmacht, weshalb ich sie mit Hilfe von Giulietta und zweien unserer Leute in ihr Zimmer brachte.
Als sie auf ihrem Bett lag, schickte ich die Diener weg, konnte aber leider nicht in gleicher Weise mit Signorina Giulietta verfahren, die ganz so aussah, als wolle sie sich in diesem Zimmer einnisten, in dem sie seit Santa Maria und dem Zerwürfnis mit ihrer Cousine nicht mehr empfangen worden war. Sie machte sich wichtig und tat geschäftig, und ich sah ihren neugierigen Augen deutlich an, daß sie mit ihrer langen Altjungfernnase überall herumschnüffeln wollte. Wer weiß, sagte |244|ich mir, ob sie mich nicht auf eine Besorgung wegschicken wird, damit sie hier stöbern und die Signora beim Erwachen nach ihren Geheimnissen ausfragen kann.
Ich komme ihr jedoch zuvor, indem ich die Töpfchen und Salbengefäße auf dem Frisiertisch untersuche und zu ihr sage:
»Signorina, ich kann das Riechsalzflakon der Signora nicht finden. Würdet Ihr so gut sein und mir das Eure aus Eurem Zimmer holen?«
Ich sehe ihr an, daß sie mir am liebsten entgegnen möchte, ich solle doch selber gehen. Doch ich weiß auch, daß sie das nicht tun wird. Sie ist eine richtige Ordnungsfanatikerin und hat einen Horror davor, daß andere ihre Sachen anrühren, sogar daß jemand auch nur einen Fuß in ihr Zimmer setzt, was so weit geht, daß sie dabeisein will, wenn ihre Zofe Staub wischt. Daher sagt sie mit verkniffenem Gesicht und ziemlich giftig:
»Gut, ich gehe.«
Diese Närrin ist so giftig, weil sie wahnsinnig in Marcello verliebt ist; sie hat ihn heimlich überwacht und so mein Verhältnis mit ihm entdeckt. Gleich nach dem ersten Mal und dann noch öfters hat sie uns bei Signor Peretti, Signora Camilla und Signora Tarquinia angeschwärzt, doch stets ergebnislos: die Affäre eines Sohnes aus guter Familie mit einer kleinen Kammerzofe versetzt niemanden in Erregung, viel weniger jedenfalls als ein öffentliches Konkubinat mit einer alten Frau! Und wer sollte es wagen, Signora Vittoria meine Entlassung abzutrotzen?
Sowie Giulietta aus dem Zimmer ist, verschließe ich die Tür des kleinen Vorzimmers und versuche, Signora Vittoria, deren Lider schon flattern und deren Gesicht wieder etwas mehr Farbe bekommt, durch leichte Klapse auf die Wangen aus ihrer Ohnmacht zu erwecken. Sie tut mir leid, denn mit dem Bewußtsein wird ihr auch die Erinnerung an das Unglück zurückkehren. Doch ich verliere den Kopf nicht. Und als ich sehe, daß sie meine Worte verstehen kann, sage ich hastig:
»Signora, ich habe zugeriegelt. Ich dachte, Ihr würdet jetzt niemanden empfangen wollen.«
Sie murmelt mit schwacher Stimme:
»Du hast recht. Niemanden.«
Und als Giulietta bei ihrer Rückkehr vor verschlossener Tür steht und von der Galerie aus nach mir ruft, finde ich nur mit Mühe den richtigen Ton, um ihr zu sagen:
|245|»Ich bedaure außerordentlich, Signorina. Auf Befehl der Signora habe ich zugeriegelt. Sie möchte niemanden sehen.«
»Wer sagt das?« fragt Giulietta irritiert.
»Die Signora natürlich, Signorina.«
»Ich glaube dir nicht.«
»Signora«, wende ich mich an meine Herrin, »Signorina Giulietta glaubt mir nicht.«
»Bitte, Giulietta, laß mich in Ruhe«, verlangt die Signora mit schwacher Stimme, aber deutlich genug. »Ich möchte allein sein.«
»Gut, wie du willst!« entgegnet Giulietta wütend. »Ich wollte dir nur helfen.«
Schade, daß ich mich nicht zerteilen kann: ich stünde gern hinter der Tür, um ihr den Zutritt zu verwehren, und gleichzeitig vor der Tür, um mit anzusehen, wie ihre Nase immer länger wird. Ich stoße einen Seufzer der Erleichterung aus. Madonna mia! wir sind noch mal davongekommen. Und weiß Gott! ich hatte zu Recht gezittert, denn kaum habe ich die zweite Tür – die zwischen meinem Zimmer und dem der Signora – geschlossen, stößt die Signora wirre Worte hervor, die aber für Giulietta, hätte sie sie gehört, nur allzu deutlich gewesen wären.
»Dieser Elende hat ihn getötet«, sagt die Signora. »Er hat sein Versprechen gebrochen, sein eidliches Versprechen! Francesco hatte sich ihm edelmütig gezeigt, und das ist der Lohn! Ein gemeiner Hinterhalt! Ein feiger Totschlag! Bezahlte Mörder! Er hat nicht einmal den Mut aufgebracht, ihn eigenhändig zu töten! Oh, wie abscheulich! Das werde ich ihm niemals verzeihen! Ein Held? Er? Ein schöner Held! Kein Türke hätte niederträchtiger handeln können! Aber ich werde Francesco rächen! Ich werde den Fürsten, diesen Feigling, öffentlich bloßstellen. Ich werde alles gestehen. Ganz Rom soll erfahren, wie er mich gefügig gemacht, mit schönen Worten eingelullt und mit seiner schmutzigen Liebe besudelt hat. Alle sollen wissen, wie edelmütig Francesco ihm Gnade erwiesen hat und mit welcher Niedrigkeit er dagegen … Oh, ich hasse ihn! Ich hasse ihn!«
Ich höre der Signora aufmerksam zu und erstarre vor Entsetzen. Kein einziges Wort kann ich einwerfen. Sie hat sich erhoben und läuft im Zimmer auf und ab, denn auf die Sprachlosigkeit des ersten Kummers folgt nun ein Strom abgerissener |246|Worte, die sie mit (glücklicherweise) leiser Stimme hervorstößt, während sie sich in die Fäuste beißt, tränenlos, mit blitzenden Augen und vor Zorn verzerrtem Mund.
Als sie endlich wieder zu Atem kommt, sage ich leise, aber in sehr bestimmtem Ton:
»Alles gestehen, Signora? Das glaubt Ihr doch selbst nicht! Man wird Euch öffentlich den Prozeß wegen Ehebruchs machen. Und dann wird man Euch, da Ihr durch Heirat zum Adel gehört, die große Gnade erweisen, Euch mit einer roten Seidenschnur zu erdrosseln.«
»Na gut!« ruft sie erregt mit weit aufgerissenen Augen und hebt den Kopf. »Dann sterbe ich eben. Ich habe so viel zu büßen! Ist nicht Francesco meinetwegen getötet worden?«
»Ihr habt recht, Signora«, entgegne ich kühl. »Mit einer roten Seidenschnur erdrosselt zu werden ist noch das kleinste Übel. Es braucht nur eine Minute zum Sterben. Eine Minute vergeht schnell. Selbst wenn die Sekunden lang sind. Aber wer nicht adlig ist, wird gehängt. Und wie il mancino sagt, dauert es zwanzig Minuten, bis ein Gehenkter ausgelitten hat.«
»Warum erzählst du mir das, Caterina?« fragt sie bewegt.
»Weil ich nicht adlig bin, Signora. Und auf Grund Eures Geständnisses werde ich als Komplizin gehängt werden.«
»Daran habe ich nicht gedacht.«
Wäre sie nicht meine Herrin, würde ich ihr sagen, daß mich das nicht verwundert, denn sie denkt nie viel an andere. Nicht, weil sie nicht großherzig wäre, sondern weil sie zu sehr verehrt worden ist. Von frühester Jugend an. Diese Sitzungen auf der Terrasse in Gubbio! …
»Und auch Marcello wird gehängt werden!« sage ich.
»Aber er hat doch mit diesem abscheulichen Mord nichts zu tun«, ruft sie, »er ist in Amalfi und hat das Billett nicht geschrieben!«
»Es wird heißen, daß er heimlich nach Rom zurückgekehrt ist und daß er seine Handschrift verstellt hat. Und wenn Ihr, Signora, Eure Liaison mit Paolo enthüllt, wer soll dann in Rom noch glauben, daß Ihr nicht auch an der Ermordung Eures Gatten beteiligt wart?«
»Oh, wie unwürdig! Diesen Verdacht könnte ich nicht ertragen! Lieber bringe ich mich um!«
»Dann werdet Ihr verdammt sein, Signora. Und Euer Tod |247|wird die Richter in keiner Weise daran hindern, uns zu hängen, Marcello und mich. Seht, Signora, der einzige Überlebende in dieser Geschichte wird der Fürst sein. Er wird sich völlig unbeschadet aus dieser Affäre ziehen. Ihr glaubt doch nicht, daß der Papst ihn in seiner Festung Montegiordano anzugreifen wagt! Das alles erreicht Ihr mit Eurer Rache, Signora! Bedenkt also die Folgen: der Fürst frisch und munter in seinem schönen Palast, und tief unter ihm vier Tote – Ihr, Marcello, ich und die Sorghini.«
»Die Sorghini?«
»Natürlich. Ist nicht auch sie Eure Komplizin, da sie Euch ihr Haus zur Verfügung gestellt hat?«
»Du hast recht«, sagt die Signora und sinkt erschöpft in einen Sessel.
Langsam geht ihr die Wahrheit auf. Sie muß der Heldenrolle einer Ehebrecherin, die öffentlich ein Schuldbekenntnis ablegt und als Heilige stirbt, entsagen.
»Hinzu kommt«, fahre ich fort, »daß nach Euerm Tod alle Römerinnen dem Fürsten nachlaufen und sich ihm an den Hals werfen werden.«
»Caterina, sprich nicht mehr von diesem abscheulichen Menschen!«
Ich habe ihr offenbar sehr weh getan, aber sei’s drum! Sie muß etwas tun! Es geht auch um die anderen! Seit Beginn des Gesprächs zittern mir die Knie und sträuben sich mir die Haare, als zöge sich schon die Schlinge um meinen Hals zusammen.
»Signora, wo habt Ihr den Schlüssel zum Haus der Sorghini versteckt?« frage ich nach einer Weile.
»In meiner Schmuckkassette. Was willst du damit machen?«
»Ihn in Marcellos Zimmer bringen.«
»Warum?«
»Wenn der Schlüssel bei Marcello gefunden wird, wundert sich niemand. Bei Euch dagegen …«
»Du denkst also«, flüstert sie mit verlöschender Stimme, »daß mein Zimmer durchsucht wird?«
»Ich bin sicher.«
»Wie kannst du dessen so gewiß sein?«
»Ach, Signora, ich bin die kleine Schwester des mancino. Und Polizeigeschichten habe ich mein ganzes Leben lang gehört.«
|248|»Mach, was du willst«, sagt sie müde.
Mühelos finde ich den Schlüssel zur Seligkeit (die von so kurzer Dauer gewesen ist, arme Signora!) in der Schmuckkassette, wo er glanzlos inmitten all der Perlen, Edelsteine und goldenen Geschmeide liegt.
»Bitte, Signora, riegelt Eure Tür hinter mir zu, damit keiner eindringen kann, und macht mir wieder auf, wenn ich zurückkomme.«
»Geh«, sagt sie.
Auf dem Hin- und Rückweg begegne ich keiner Menschenseele. Alle sind im großen Saal um den Toten versammelt, seinen Aufbruch in eine bessere Welt zu beweinen und – sofern es sich um die Dienerschaft handelt – um ihre Zukunft zu bangen: wer wird sie jetzt, da der Kammerherr Seiner Heiligkeit nicht mehr am Leben ist, bezahlen?
Ich kehre zurück, rufe nach der Signora, sie macht mir auf, und ich finde das Zimmer hell erleuchtet. Während meiner Abwesenheit hat sie die Kerzen auf dem Frisiertisch angezündet und ist nun damit beschäftigt, auf einer Schale die von Marcello überbrachten Briefe zu verbrennen. Ich sage nichts, zufrieden, daß sie ihren Schutz endlich in die eigenen Hände nimmt. Und während sie tränenlos und mit unbewegtem Gesicht zusieht, wie diese Briefe, die sie vor kaum zwei Wochen so begierig gelesen hat, zu Asche werden, überlege ich bereits, daß wir für den Auftritt vor dem Bargello unsere Instrumente auf den gleichen Ton stimmen müßten.
Als ich am nächsten Tag sehe, wie sich der Bargello mit Filippo in einem kleinen Raum einschließt, vermute ich, daß ich auch bald vernommen werde, noch vor der Signora, hoffe ich, der ich geraten habe zu sagen, sie sei ab Mittag zu Auskünften bereit. Ich möchte als erste drankommen, um ihr dann den Kammerton angeben zu können.
Ich gehe in mein Zimmer, um Toilette zu machen und ein Mieder mit eckigem Ausschnitt anzuziehen, das mir – aus ersichtlichen Gründen – besonders gut steht. Ich überdenke alles genau und lasse die beiden obersten Knöpfe auf, nicht so sehr, um mehr zu zeigen, sondern um den Blick des Bargello anzuziehen. Noch einmal gehe ich meine Rolle durch, und obwohl ich meiner im Grunde recht sicher bin, zittere ich vor Angst, denn ich habe diesen Mann noch nie im Leben gesehen und |249|weiß nicht, mit wem ich es zu tun haben werde. Mein Herz klopft zum Zerspringen, als Pietro kommt und sagt, der Bargello erwarte mich in Marcellos Zimmer. Ich weiß nicht, ob das gut katholisch ist: ich richte ein Stoßgebet an den lieben Gott, der Bargello möge ein Mann sein, der etwas für Frauen übrig hat, nicht andersherum.
Der Bargello öffnet mir die Tür und läßt mich eintreten. Und als er hinter mir abschließt, sich umdreht und mich ansieht, genügt dieser eine Blick: mein Gebet ist erhört worden.
Und das macht mir um so mehr Vergnügen, als ich ihn bei näherer Betrachtung gutaussehend finde, groß und schlank, mit breiten Schultern und lockigem braunem Haar. Mit seiner Adlernase und seinen durchdringenden schwarzen Augen sieht er eher streng aus, doch an seinem Mund kann man sofort erkennen, daß er kein Sauertopf ist. Mir entgeht auch nicht, daß er seinen Schreiber weggeschickt hat, der noch bei Filippos Vernehmung dabeigewesen ist.
»Caterina«, sagte er mit ernster Miene (den Blick immer wieder auf mein Dekolleté gerichtet), »ich muß dir ein paar Fragen darüber stellen, was in Santa Maria zwischen dem unglücklichen Signor Peretti und der Signora vorgefallen ist.«
»Das ist ganz einfach, Signor Bargello: sie haben sich gestritten. Die Signora warf dem Signore vor, sie in einer Einöde gefangenzuhalten, nur weil sie einen Brief gelesen, den sie anschließend verbrannt und außerdem nicht beantwortet hat.«
»Wer hatte diesen Brief überbracht?«
»Signor Marcello. Er war damals der Sekretär von …«
»Keine Namen!«
Ich sehe ihn an. Hat der Fürst ein Glück! Man wird ihn weder in seinem Palazzo verhören noch überhaupt seinen Namen mit dieser Untersuchung in Verbindung bringen.
»Haben sie sich nur deswegen gestritten?« fragt der Bargello, der meinen Blick genau verstanden hat und der sich nicht ganz wohl in seiner Haut zu fühlen scheint, was ihn mir sympathisch macht. Ich halte ihn für jenen Typ von Polizisten, der ohne Zaudern den Fürsten in seinem Palast inmitten all seiner Verbannten verhören würde, erhielte er nur den entsprechenden Befehl.
»Nein, Signor Bargello. Es gab außerdem Streit aus folgendem Grund: In Santa Maria hatte es die Signora vorgezogen, in |250|einem kleinen Haus am Steilufer statt im Palazzo zu wohnen. Eines Nachts war ein schreckliches Unwetter, und am nächsten Morgen wurden in der kleinen Bucht unterhalb des Steilufers die Trümmer eines Bootes gefunden. Rasend vor Zorn, kam Signor Peretti, den blanken Degen in der Hand, angestürmt. Die Signora und ich lustwandelten friedlich vor dem Häuschen, um die ersten Sonnenstrahlen zu genießen. Signor Peretti ging mit gezücktem Degen auf uns los und brüllte, das Boot könne nur dem hohen Herrn gehören, der an die Signora geschrieben hatte. Ich werfe mich zwischen die beiden. Ohne es zu wollen, verwundet mich der Signore leicht an der Schulter. Wollt Ihr die Narbe sehen, Signor Bargello? Die Signora ist außer sich, stürzt sich auf ihn, überschüttet ihn mit Vorwürfen, und er geht weg. Zwei Tage später hat er sich entschuldigt, und die beiden haben sich versöhnt.«
»Wie?«
Ich mache ihm schöne Augen und frage:
»Was glaubt Ihr wohl, Signor Bargello, wie Eheleute sich versöhnen?«
»Ich weiß nicht, ich bin Junggeselle.«
Und er lacht. Ach, was für ein Lachen! Und der kleine schwarze Schnurrbart bewegt sich mit!
»Bene«, sagt er, wieder ernst, »sprechen wir jetzt über die Nacht von Donnerstag auf Freitag. Wieso hat sich Signor Peretti über die inständigen Bitten der gesamten Familie hinweggesetzt und war so wahnsinnig unvorsichtig, des Nachts allein auszugehen, nur mit einem Degen bewaffnet? Niemand hier kann mir erklären, warum er das getan hat.«
Hier hält mir der Bargello, scheint mir, einen großen Köder hin, und ich frage mich, ob es im Interesse der Signora ist oder nicht, anzubeißen. Ich glaube eher: ja. Es ist ihm vermutlich berichtet worden, daß ich in der besagten Nacht keinen Schritt von der Signora gewichen bin und wahrscheinlich alles gehört habe, was zwischen ihr und Signor Peretti gesprochen wurde. Diesen Punkt habe ich übrigens schon mit ihr erörtert, als sie die Briefe verbrannte, und wir haben uns auf eine Version geeinigt, die von der Wahrheit nicht allzu weit entfernt ist, ihr allerdings auch nicht so nahe kommt, daß die Signora dadurch kompromittiert werden könnte. Während ich mir das alles in Windeseile durch den Kopf gehen lasse, spiele ich vor dem |251|Bargello die Kokette, um seinen durchdringenden Blick von meinem Gesicht abzulenken. Ich weiß nicht, ob mir das wirklich gelingt. Sobald der Blick seiner dunklen Augen sich weglocken läßt und sich ein bißchen weiter nach unten verirrt, wendet der Bargello ihn schnell wieder ab und sieht mir durchdringend in die Augen.
»Ich bin mir nicht sicher«, sage ich mit gespieltem Zögern, »ob die Signora mag, daß ich Euch das erzähle …«
»Zier dich nicht so, meine Schöne, sprich! Ich werde dir Dank dafür wissen.«
»Also gut. An jenem Donnerstag hat es eine kleine Auseinandersetzung zwischen der Signora und Signor Peretti gegeben. Die Signora hatte den ganzen Tag heftige Kopfschmerzen gehabt, und als der Signore am Abend kam und die Nacht in ihrem Schlafzimmer verbringen wollte, verhielt sie sich ablehnend und ein bißchen …«
»… ein bißchen unfreundlich, wie?«
Nun, sagen wir, sie war nicht sehr nett. Signor Peretti wurde ärgerlich, und dann … Ihr wißt ja, wie das in solchen Fällen geht!«
»Nein, das weiß ich nicht, ich bin nicht verheiratet.«
»Es wurden die alten Kamellen aufgewärmt. Und vor allem die Sache in Santa Maria.«
»Daß Signor Peretti plötzlich mit blankgezogenem Degen vor dem Haus auftauchte?«
»Ja, unter anderem auch diese Geschichte.«
»Gab es denn noch andere?«
»Ja. Ziemlich belanglose.«
»Erzähle.«
»Am Abend vor diesem Streit in Santa Maria war ein schreckliches Gewitter. Signor Peretti ließ der Signora durch den Majordomus ausrichten, er fürchte für ihre Sicherheit und bitte sie, aus dem Häuschen in den Palazzo zurückzukehren.«
»Und das warf sie ihm vor? Das war doch sehr aufmerksam?«
»Sie warf ihm vor, den Majordomus geschickt zu haben und nicht selbst gekommen zu sein. Er habe sich vor dem Gewitter und den Blitzen gefürchtet, behauptete sie.«
»Typisch Frau! Und wie nahm Signor Peretti das auf?«
»Sehr schlecht. ›Ihr wagt es‹, sagte er, ›mir Feigheit vorzuwerfen?‹ Er war bleich wie der Tod, biß die Zähne zusammen |252|und konnte kaum sprechen. Und als er es endlich wieder vermochte, warf er seiner Frau zum ersten Mal recht harte Dinge an den Kopf.«
»Zum Beispiel?«
»›Ihr seid verrückt, richtig verrückt. Ihr lest zuviel! In Eurem Kopf spuken ja nur Eure Helden herum!‹ Und beim Hinausgehen schlug er die Tür heftig hinter sich zu.«
»Um wieviel Uhr geschah das?«
»Kurz vor elf, glaube ich. Denn gleich danach erschien mein Bruder mit dem bekannten Billett. Er kann leider nicht lesen, sonst hätte er es Signor Peretti niemals übergeben.«
»Nicht einmal für zwanzig Piaster?«
»Mein Bruder ist Signor Peretti sehr verpflichtet. Dank ihm ist seine Verbannung aus Rom aufgehoben.«
»Dank ihm und dank meiner. Man hat mir berichtet, die ganze Familie sei in jenem Moment um den Signore versammelt gewesen und habe ihn mit Tränen und Jammern beschworen, nicht auf die Straße zu gehen.«
»Das stimmt.«
»Doch die Signora hielt sich abseits.«
»Auch das ist richtig. Es ist nicht ihre Art, sich jemandem an den Hals oder zu Füßen zu werfen. Aber als sich Signor Peretti von den anderen frei gemacht hatte, wollte sie ihn überreden.«
»Was hat sie ihm gesagt?«
»Daß das Billett gefälscht und dieser Hilferuf eine Falle sei, vor der er sich hüten solle. Doch er hörte gar nicht zu. Er war immer noch wütend wegen ihrer Auseinandersetzung. Und auf alle Argumente der Signora erwiderte er nur immer wieder: ›Ich werde Euch beweisen, daß ich kein Feigling bin!‹«
»Und was sagte die Signora darauf?«
»Daß sie nicht habe sagen wollen, er sei ein Feigling. Dies sei ein Mißverständnis, und sie bitte ihn um Verzeihung. Doch er wollte nichts hören und wiederholte nur immer das gleiche.«
»Ich verstehe«, sagt der Bargello.
Er verschränkt die Hände auf dem Rücken und sieht mich schweigend an, und zum ersten Mal, seit er mich verhört, bekomme ich Angst.
»Das ist alles schön und gut, meine Schöne.«
Der Satz gefällt ihm offenbar, denn er wiederholt ihn:
»Das ist alles schön und gut, meine Schöne. Du sagst die |253|Wahrheit, davon bin ich überzeugt. Ja, du sagst mir die Wahrheit. Das heißt, beinahe …«
Schweigen, ein durchdringender Blick, und er fährt fort:
»Und du bist ein gutes Mädchen, Caterina. Du hast ein gutes Herz. Du liebst deine Herrin sehr. Du liebst den mancino sehr. Und bestimmt gibt es auch noch einen anderen, den du sehr liebst, vielleicht sogar in diesem Zimmer. Aber das ist jetzt nicht wichtig. Ich bin nicht dein Beichtvater. Nur …«
Er sieht mich an, zieht ein schiefes Gesicht und schweigt, als warte er auf meine Frage. Doch ich sage nichts. Vielleicht ist das ein Fehler. Aber ich bin unfähig, den Mund aufzumachen. Ich spüre, wie mir ein leichter Schauer über den Rücken läuft.
»Nur«, sagt er, »eine Sache wundert mich. Wenn die Signora Signor Peretti wirklich am Weggehen hätte hindern wollen, so hätte sie wohl auch das Mittel dazu gehabt.«
Auch hier wartet er wieder auf meine Frage, und wieder sage ich nichts. Und diesmal bin ich mir ganz sicher, daß es falsch ist, nichts zu sagen. Obwohl ich wütend über mich bin, schweige ich. Ich kann nicht anders.
»Du fragst gar nicht, welches Mittel?«
»Doch«, sage ich schwach, »welches denn?«
»Also, Caterina, du kennst es ganz genau. Warum fragst du, wenn du es kennst?«
»Ich soll Euch eine Frage stellen, Signor Bargello«, entgegne ich unwillig, »und wenn ich es tue, tadelt Ihr mich!«
Er lacht, doch eher freundlich als spöttisch.
»Sieh mal einer diese Schlaubergerin!« ruft er. »Keine Ausflüchte, Caterina! Antworte mir offen. Was hättest du an der Stelle der Signora getan, um deinen Mann zurückzuhalten? Denk daran, daß er noch wenige Minuten zuvor die Nacht mit dir verbringen wollte.«
»Ach, Signor Bargello, warum stellt Ihr mir diese Frage, wo Ihr doch die Antwort wißt? Aber ich bin nicht die Signora. Die Signora ist eine Königin! Hat sie einmal nein gesagt, fällt es ihr nicht leicht, ihren Sinn zu ändern.«
»Soll das heißen, daß sie nicht einmal daran gedacht hat?«
»Doch«, antworte ich schnell, »aber zu spät. Er war schon weg. Und sie hat es bitter bereut, daß ihr die Idee nicht früher gekommen ist.«
|254|Obwohl ich das mit ehrlicher Miene sage, ist es wahr und unwahr zugleich. Wahr ist, daß sie es jetzt bedauert; unwahr ist, daß sie es damals bedauert hat. Ich bin sicher, damals ist ihr dieser Gedanke überhaupt nicht in den Sinn gekommen.
Ich weiß nicht recht, ob der Bargello mir glaubt oder nicht. Sein Blick ist unergründlich. Nach einer Weile zuckt er nur die Achseln, als seien all diese Vermutungen im Grunde genommen von geringem Interesse. Dann wechselt plötzlich sein Gesichtsausdruck, und er sagt mit unbeteiligter Miene, aber einem gleichsam genießerischen Lächeln um die Mundwinkel:
»Zeig mir jetzt die Narbe an deiner rechten Schulter, die du sozusagen Signor Peretti verdankst!«
»Zweifelt Ihr daran, Signor Bargello?«
»Ich zweifle so lange, bis ich die Narbe gesehen habe.«
»Wie Ihr wollt, Signor Bargello.«
Und mit ein wenig Koketterie, aber ohne zu dick aufzutragen, knöpfe ich langsam mein Mieder auf. Der Mund des Bargello erscheint mir jetzt ausdrucksvoller als seine Augen – aus dem einfachen Grunde, weil ich seine Augen gar nicht mehr sehe: er hat die Lider gesenkt, um mich beim Ausziehen zu beobachten.
Als er endlich mit der Hand über meine Narbe streicht, stelle ich erstaunt fest, wie zärtlich er mich mit sanften Fingern berührt.
»Ehrlich, ich könnte nicht entscheiden«, sagt er lachend, »ob diese Narbe einen Monat oder ein Jahr alt ist und ob sie von einem Degen oder einem Dorn herrührt. Vielleicht hat jemand nur mit einer Rose nach dir geschlagen. Du bist ein gutes Mädchen. Und du hast nicht nur ein gutes Herz, Caterina, die Hülle drumherum ist auch nicht schlecht.«
Bei diesen Worten streichelt er meine linke Brust, was mich vom Kopf bis in die Zehenspitzen erschauern läßt. Wie habe ich vor ihm gezittert! Dio mio, das ist jetzt vorbei. Er zieht mich weiter aus, und ich lasse ihn gewähren. Madonna mia, die Fragen, die er mir gestellt hat! Die Fallen, die jeden Augenblick wie der Rachen eines Tigers zuschnappen konnten, und bei jeder Unachtsamkeit der drohende Strick! Welch ungeheure Erleichterung, daß ich mir nun nicht mehr den Kopf zermartern muß, was ich ihm sagen darf und was nicht, noch dazu schnell, damit es glaubhaft wirkt. Jetzt kann ich mich einfach |255|gehenlassen, und ich bin trunken vor Wonne, mich einem Mann hinzugeben, der mir so große Angst eingejagt hat und der mir keine Fragen mehr stellt mit bohrenden Blicken. Mit seinen Augen verschlingt er nun mein Dekolleté, mit seinem Mund beißt er mich zärtlich – vorbei die Worte, Gott sei Dank! Nur Seufzer noch und Keuchen! Ich bin in meinem Element! Und er ist stolz auf seine Manneskraft. Doch wer der Sieger ist in diesem Zweikampf, möchte ich gern wissen.
Gian Battista Della Pace,
Bargello della Corte:
In meiner Abwesenheit hat mein Schreiber zwei Briefe erhalten, den einen schickt mir Seine Exzellenz der Gouverneur von Rom, den anderen hat ein Bettler, der sofort weggerannt ist, einem meiner Sbirren übergeben. Der erste ist namentlich gezeichnet, der zweite anonym, beide sind hochinteressant.
Der Unterzeichner des ersten Briefes ist Cesare Pallantieri. Ich kenne ihn sehr gut, habe ich ihn doch wegen seiner Verbrechen aus Rom verbannt. Er habe, so erklärt er, mit Marcello Accorambonis Hilfe Peretti wegen eines Streits, den sie vor einiger Zeit hatten, getötet. Dabei präzisiert er weder den Grund für den Streit noch den genauen Zeitpunkt oder Ort, wo er sich zugetragen hat. Vermutlich hat man Cesare Pallantieri bezahlt für dieses Briefchen, das meiner Meinung nach einem doppelten Zweck dient: erstens den wirklichen Auftraggeber dieses Mordes reinzuwaschen, zweitens Marcello Accoramboni zu kompromittieren.
Den zweiten, anonymen Brief nehme ich ernster. In Abwesenheit der Signora Sorghini soll Vittoria Accoramboni einen »gewissen edlen Herrn« im Haus der besagten Witwe getroffen haben. Sie sei durch ein Hintertürchen da hineingelangt, zu dem sie den Schlüssel hat.
Ich begebe mich sofort an Ort und Stelle. Die Örtlichkeiten sind in dem Brief sehr genau beschrieben: eine schmale Sackgasse mit einem offenstehenden Portalvorbau. Man gelangt in einen Gang, der zu der ebenfalls offenstehenden Tür einer kleinen Kapelle führt, die – wie man mir sagt – von Signora Sorghini den Bettelmönchen überlassen worden ist, damit sie für |256|ihr Seelenheil beten. Durch eine zweite Tür am Ende des Ganges, die verschlossen ist, kann man vermutlich den Palazzo oder zumindest dessen Terrasse erreichen.
Vom Fenster eines benachbarten Hauses, in das man mich freundlicherweise einließ, kann ich die Terrasse sehen. Auf ihrer Brüstung prangen üppige Geranien, in ihrer Mitte ist ein großes Zelt errichtet und mit weißen Vorhängen verschlossen. Weiß wie die Unschuld müssen wohl auch die Seelen derer gewesen sein, die – so geschützt – hier ihre Schäferstündchen hatten.
Man kann sich gut vorstellen, daß eine gewisse Signora, dank einer Maske unerkannt und unter dem Vorwand, beten zu wollen, über den unverfänglichen Gang im Erdgeschoß eintritt und in der Kapelle niederkniet, bevor sie zu der Terrasse hinaufsteigt – durch die besagte zweite Tür, die zwar sehr eng ist, aber nicht in den Himmel führt.
Nachdem ich Gouverneur Portici über alles Bericht erstattet habe, lasse ich den Palazzo Rusticucci von meinen Sbirren durchsuchen. Im Zimmer der Signora findet sich nichts, in dem von Marcello Accoramboni dagegen ein Schlüssel zur hinteren Tür des Hauses Sorghini. Doch das beweist nichts gegen seine Schwester, da Marcello urbi et orbi als Geliebter der Sorghini bekannt ist.
Ich befrage die Bewohner des Hauses, von dem aus ich die Terrasse in Augenschein genommen habe. Der Mann hält sich bei meinen Fragen zurück, seine Frau ist schwatzhafter. Vor der Abreise der Sorghini habe sie das Zelt einmal bei geöffneten Vorhängen gesehen und ein großes weißes Bett und einen Badezuber erblicken können. »Das alles auf einer Terrasse! La Sorghini, che svergognata!1 Und einmal habe ich sogar gesehen, wie sich dieser Nichtsnutz, dieser Marcello, vor dem Zelt am hellichten Tag nackt in der Sonne rekelte, glaubt mir, Signor Bargello.« – »Wie das, Signora? Nackt, am hellichten Tag?« – »Zumindest hätte ich ihn nackt gesehen, wenn nicht diese vielen Geranien gewesen wären«, sagt die Frau errötend. – »Und was habt Ihr seit der Abreise der Sorghini nach Amalfi gesehen?« – »Nichts«, sagt sie beinahe bedauernd, »die Vorhänge blieben geschlossen.«
Wieder einmal muß ich erleben, wie sich ein Zeuge, der zum |257|Hauptzeugen werden könnte, in Nichts auflöst! Die Einbildungskraft kann natürlich die Realität ersetzen. Die Frau kann Marcello nackt sehen, selbst wenn die Geranien ihn zur Hälfte verdecken. Und ich könnte mir einbilden, Vittoria mit ihrem langen Haar zu sehen, wie sie sich auf dem weißen Bette wälzt, ihr schöner Körper umfangen von den Armen eines »gewissen edlen Herrn«. Aber was beweist das schon?
Nach diesen beiden Episteln erhielten Gouverneur Portici und ich ein gutes Hundert weiterer Briefe; alle waren anonym, alle ergingen sich in Anklagen und Beschimpfungen gegen Vittoria Peretti, ihren Bruder, ihre Mutter, ihre Zofe und einen »gewissen edlen Herrn«, den sie namentlich nicht nannten. Trotz ihrer Anonymität waren die Schreiber nicht gerade mutig. Fünf oder sechs Briefe an den Gouverneur beschuldigten mich der Inkompetenz, äußerten Kritik an meiner Untersuchung und Unwillen darüber, daß sie noch zu keinem Ergebnis geführt hat. Mehrmals lasen wir diese Briefe durch, in der Hoffnung, auch nur ein einziges ernst zu nehmendes Indiz darin zu entdecken; und weil wir nichts fanden, verbrannten wir sie.
Eine Woche später teilt mir mein Adjutant Alfaro mit, am Sonnabend nach der Ermordung Perettis habe man einen entlassenen Soldaten festgenommen, der in einer Taverne seinen Trinkkumpan erdolcht hatte. Seine Schuld stehe einwandfrei fest, da der Mord vor Zeugen geschehen sei. Der Mann sei dem Richter überstellt und binnen zehn Minuten zum Tod durch den Strang verurteilt worden. Er solle in drei Tagen gehängt werden und habe um eine Unterredung mit mir ersucht, da er mir ein Geständnis ablegen wolle.
»Ein Geständnis?« frage ich. »Was für ein Geständnis? Wo er doch für schuldig erkannt worden ist!«
»Er hat wohl noch ein anderes Verbrechen begangen und will vor dem Sterben sein Gewissen erleichtern.«
»Soll er doch sein Gewissen durch die Beichte erleichtern! Ich kann ihn nicht zweimal hängen.«
Dieses Gespräch findet vor dem Tor zur Corte statt, mein Reitknecht hält schon mein Pferd, weil ich gleich nach Hause reiten will. Ich bin sehr hungrig und habe es eilig, zu Tisch zu kommen. Schon im Sattel, drehe ich mich noch einmal zu Alfaro um und frage aus reiner Routine:
»Wie heißt denn der Mann mit den Gewissensbissen?«
»Barca? Hast du Barca gesagt? Gott im Himmel! Das ändert alles. Führ ihn vor!«
»Jetzt gleich, Signor Bargello?«
»Jetzt gleich!«
Ich sitze ab, werfe dem Reitknecht die Zügel zu und kehre in fliegender Hast ins Gebäude der Corte zurück.
»Schnell, Alfaro, beeil dich!«
Der trödelt nämlich immer so sehr! Als Barca endlich, an Händen und Füßen gefesselt, vor mir erscheint, brauche ich nicht länger zu zweifeln. Er sieht genauso aus, wie ihn Filippo beschrieben hat: groß, brünett, vierschrötig, bis zu den Augen behaart, und er wirkt sehr höflich. Eine Bestie mit der Stimme eines Lamms.
»Du willst mich sprechen?«
»Ja, bitte, Signor Bargello.«
»Was hast du mir zu sagen?«
»Daß ich einen weiteren Mord zu beichten habe und Euch um eine Gunst bitten möchte.«
»Eine Gunst? Ziehst du die Galeere dem Galgen vor?«
»Oh, nein, Signor Bargello, ich bin Soldat. Wenn Schluß sein muß, dann lieber schnell.«
»Da schau mal einer diesen Mörder an!«
Barca richtet sich auf, holt tief Luft und sagt mit einer gewissen Feierlichkeit:
»Ich habe Francesco Peretti getötet.«
»Du allein?«
»Nein, Signor Bargello, zusammen mit meinem guten Freund Alberto Machione. Aber ich war es, der auf Signor Peretti geschossen und ihm dann mit dem Dolch den Rest gegeben hat.«
»Du gibst dir große Mühe, deinen guten Freund Alberto Machione reinzuwaschen. Wo ist er denn?«
»Ich habe ihn getötet.«
»Du hast ihn getötet?«
»Ja, Signor Bargello. In der Taverne.«
»Also war er dir doch nicht ein so guter Freund?«
»Oh, doch«, ruft er, und die Augen stehen ihm plötzlich voller Tränen. »Sein Tod war eine Art Unfall.«
»Berichte!«
»Also gut. Wir tranken einen in der Taverne, nachdem wir |259|das Ding mit Peretti gedreht hatten. Dabei gerieten wir wegen der Beute in Streit. Alberto verlangte die Hälfte der Piaster und außerdem noch das Wams des Toten. Dabei hatte er nichts weiter gemacht, als danebenzustehen und die Arkebuse wieder zu laden. Wir hatten sehr viel Wein getrunken und wurden immer hitziger, da hab ich ihn erstochen.«
»Für ein Wams?«
»Aber es war ein sehr schönes Wams, aus echtem Büffelleder und mit Taschen in den Armausschnitten!«
»Wo ist es?«
»Der Gefängniswärter hat es mir weggenommen«, jammert Barca verzweifelt, und die Tränen kullern ihm über die Backen. »Dazu hatte er kein Recht, Signor Bargello! Nein, dazu hatte er kein Recht. Ich kenne die Bestimmungen. Meine Sachen gehören bis zu meiner Hinrichtung mir. Danach fallen sie dem Henker zu und nicht dem Sbirren! Was für eine Schande, Signor Bargello! Der Sbirre hat einen doppelten Coup gelandet: er hat mich bestohlen und bestiehlt auch noch den Henker!«
»Darüber reden wir später«, sage ich ungerührt. »Nun noch einmal zu den Fakten. Erzähle, wie ihr Peretti ermordet habt.«
Daraufhin gibt mir Barca mit sanfter Stimme einen Bericht, der sich in allen Punkten mit dem von Filippo deckt. Als er geendet hat, frage ich:
»Du hast also Signor Peretti getötet, um ihn zu berauben?«
»Nein, Signor Bargello!« ruft Barca schockiert. »Ich bin kein Dieb, sondern Soldat, wenn auch zur Zeit außer Dienst. Ich töte nur auf Befehl.«
»Und wer hat dir diesen Mord befohlen?«
»Ein Mönch in einer Taverne.«
»Kanntest du ihn?«
»Nein, Signor Bargello.«
»Beschreibe ihn mir.«
»Das ist schwierig. Ich habe ihn nie ohne Kapuze gesehen. Er war klein und mager. Seinen Namen kenne ich nicht.«
»Warum hast du ihm gehorcht?«
»Er hat mir Geld gegeben.«
»Wieviel?«
»Hundert Piaster.«
»Und für hundert Piaster hast du einen Menschen umgebracht?«
|260|»Als Soldat habe ich für viel weniger Geld getötet. Außerdem war ich entlassen, und meine Taschen waren leer. Unsereins muß auch essen.«
»Bei wem standest du als Soldat in Dienst?«
»Beim Fürsten Orsini. Er hat mich und Machione vor zwei Monaten entlassen.«
»Warum?«
»Er verdächtigte uns der Unsittlichkeit.«
»Wieso?«
»Das könnt Ihr Euch doch denken, Signor Bargello.«
»Stimmte es?«
»Nein.«
»Das klingt nicht sehr überzeugend.«
»Was wollt Ihr denn noch, Signor Bargello?« ruft Barca heftig. »Reicht Euch der Galgen noch nicht? Was braucht es weiter, damit Ihr zufrieden seid? Daß ich wegen Sodomie verbrannt werde?«
»Aber nein, nicht doch! Beruhige dich, Barca. Das alles bleibt unter uns. Glaubst du, daß dein früherer Herr diesen Mord durch Vermittlung des Mönchs befohlen haben könnte?«
»Das habe ich zunächst vermutet, wegen der schönen Witwe und der unhöflichen Bemerkung des Mönchs. Aber bei genauerer Überlegung glaube ich es nicht.«
»Warum?«
»Der Fürst hätte sich für einen Mord keine Soldaten ausgewählt, sondern Banditen. Daran mangelt es nicht in Montegiordano. Der Hof ist voll davon.«
»Warum Banditen?«
»Die machen so was besser als wir. Das ist ihr Beruf.«
»Du meinst, du hast dich ungeschickt angestellt?«
»Sehr ungeschickt: die Arkebuse war keine gute Idee, Signor Bargello. Hätte Signor Peretti ein Paar Pistolen gehabt, wären Machione und ich schon beim Näherkommen reif für den Friedhof gewesen.«
Er hatte recht. Die Arkebuse war die Idee eines Soldaten. Und höchst unzweckmäßig. Laut und über die Maßen unsicher, vor allem nachts wegen der schlechten Sicht. Banditen hätten sich in einem Hauseingang versteckt, Peretti von hinten erdolcht und auch nicht vergessen, den einzigen Zeugen, den Fackelträger, ins Jenseits zu befördern. Und außerdem hätte |261|man, falls sie geschnappt worden wären, ihren Auftraggeber nicht ausfindig machen können, ihre Zahl in Rom ist Legion. Dagegen bedeutete der Einsatz eines Soldaten oder eines ehemaligen Soldaten soviel, wie mit seinem Namen für das Attentat einzustehen. Sollte der Fürst so dumm gewesen sein? Oder sind nicht vielmehr diese beiden ehemaligen Soldaten ganz absichtlich vom eigentlichen Anstifter ausgewählt worden, um Orsini zu kompromittieren? Meiner Ansicht nach gibt es in dieser Sache zu viele Fingerzeige, die auf ihn und Marcello verweisen. Mein Verdacht soll offenbar in eine bestimmte Richtung gelenkt werden.
»Nun, Barca, ist das alles?«
»Nein, Signor Bargello. Ich möchte Euch, wie gesagt, um eine Gunst bitten.«
»Sprich.«
»Ich möchte mein Wams zurückhaben.«
»Entschuldige, daß ich dich daran erinnere, Barca, aber du kannst es nur noch drei Tage tragen …«
»Trotzdem. Auf dem Gang zum Hochgericht möchte ich anständig angezogen sein.«
»Gut, es wird dir zurückgegeben.«
»Vielen Dank, Signor Bargello«, sagt er mit Wärme. Er macht Anstalten, mir die Hände zu küssen, die Wachen halten ihn jedoch zurück und führen ihn auf ein Zeichen von Alfaro ab.
»Geh ins Gefängnis, Alfaro, und sorge dafür, daß Barca sein Wams zurückbekommt. Man soll ihn bis zu seinem Ende anständig behandeln und ihm gutes Essen geben.«
»Jetzt gleich, Signor Bargello?«
»Ja, jetzt gleich. Warum immer alles aufschieben? Sag dem Henker auch, er solle Barca heimlich erdrosseln, bevor er ihm den Strick umlegt.«
»Für diesen kleinen Liebesdienst verlangt der Henker im allgemeinen zehn Piaster vom Verurteilten.«
»Zehn Piaster sind nicht zuviel für ein Wams aus Büffelleder, das er ohne Barcas Beschwerde nicht bekommen hätte. Wenn ihn diese Überlegung nicht überzeugt, sag ihm, das ist ein Befehl.«
Ich gehe nach Hause, esse und trinke wie gewöhnlich mit gutem Appetit und verbringe den Nachmittag über meinem Bericht. Ausführlich schildere ich alle Details der verschiedenen |262|Zeugenaussagen und schließe damit, daß es beim derzeitigen Stand der Erkenntnisse unmöglich sei, primo: den Drahtzieher in diesem Mordfall ausfindig zu machen; secundo: mit Bestimmtheit zu sagen, daß es schuldhafte Beziehungen zwischen Vittoria Peretti und einem »gewissen edlen Herrn« gegeben habe; oder tertio: etwa nachzuweisen, daß Vittoria Peretti (beziehungsweise jemand aus ihrer Umgebung) Komplizin des Mörders gewesen sei. Meine Überzeugung sei vielmehr, daß sie nichts mit der Sache zu tun hat.
Noch am selben Abend übergebe ich meinen Bericht dem Gouverneur, der ihn lesen wollte, bevor er dem Papst zugestellt würde, denn Seine Heiligkeit hat den Wunsch geäußert, höchstpersönlich davon Kenntnis zu nehmen. Am nächsten Tag läßt Portici mir ein paar Zeilen zukommen, er finde meinen Bericht ganz ausgezeichnet und werde ihn noch selbigen Tages in den Vatikan bringen.
Eine Woche später bestellt mich Portici zu sich. Beim Eintreten bemerke ich sofort, daß er meinem Blick ausweicht. Er kommt mir sorgenvoll und irritiert vor. Nach einer nichtssagenden langen Vorrede teilt er mir schließlich mit, daß Seine Heiligkeit beschlossen habe, Vittoria Peretti und ihre Zofe in der Engelsburg gefangenzusetzen.
Mir verschlägt es die Sprache. Als ich sie endlich wiederfinde, sage ich:
»Beim gegenwärtigen Stand der Untersuchung ist es mangels Beweisen unmöglich, Vittoria Peretti den Prozeß zu machen.«
»Das weiß der Vatikan auch. Deshalb hat er nicht die Absicht, ihr den Prozeß zu machen, sondern will sie nur einsperren.«
Meine Überraschung wandelt sich in Betroffenheit:
»Für wie lange?«
»So lange, bis der Fürst sich eine Heirat mit ihr aus dem Kopf geschlagen hat.«
»Der Vatikan«, sage ich mit Mühe, »ist also überzeugt, daß es zwischen ihr und dem Fürsten schuldhafte Beziehungen gegeben hat?«
»Ja.«
Ich starre Portici an und finde keine Worte.
»Konntet Ihr in Erfahrung bringen, Exzellenz, worauf sich diese Überzeugung gründet?«
»Nein. In dem Punkt bin ich gegen Mauern gestoßen.«
|263|Nach einem Moment fahre ich fort:
»Wenn ein Ehebruch begangen worden ist, halte ich es für wenig wahrscheinlich, daß die Signora oder der Fürst ihn gebeichtet haben.«
»In der Tat ist das wenig wahrscheinlich.«
»Ich weiß nicht, ob Kardinal Montalto die Einkerkerung seiner Nichte ohne Urteilsspruch sehr gefallen wird.«
»Seine Heiligkeit hat nie versucht, Kardinal Montalto für sich einzunehmen.«
Das stimmt. Aber andererseits kann der Papst doch nicht, nur weil er Montalto ärgern will, dessen Nichte einsperren. Ich schweige und spüre nichts als Bitterkeit in mir. Wenn der Vatikan eine andere Politik als die Corte macht, wenn er sich eher von seinen eigenen Ansichten als von meinen bestimmen läßt, wozu bin ich dann noch nütze?
»Exzellenz …«
Ich verstumme und überlege. Der Papst ist nicht nur oberster Herr über die gesamte Christenheit. Er ist auch mein Gebieter, dem ich Loyalität und Gehorsam schulde.
»Sprecht ohne Furcht, Della Pace«, sagt Portici gütig, »Eure Worte werden nicht über die Mauern dieses Zimmers hinausdringen.«
Ich sehe ihm an, daß er ebenso konsterniert ist wie ich selbst.
»Denkt Ihr nicht, Exzellenz, daß diese Einkerkerung von allen betroffenen Personen als eine schreiende Ungerechtigkeit empfunden wird?«
»Ich befürchte es. Aber in der Umgebung Seiner Heiligkeit gibt es einige, die meinen …«
Er seufzt und fährt mühsam fort:
»… die meinen, daß eine Ungerechtigkeit besser sei als Unruhe.«
»Nur daß eine Ungerechtigkeit häufig Unruhe nach sich zieht«, entgegne ich heftig.
»Woran denkt Ihr, Della Pace?«
»An eine Rebellion hochgestellter Personen oder vielmehr einer hochgestellten Person.«
»Diese Möglichkeit habe ich erwogen«, meint Portici, »und ich habe sie im Vatikan zur Sprache gebracht. Sie sei nicht zu befürchten, hat man mir geantwortet, denn alle Vorkehrungen seien getroffen, einer Rebellion zuvorzukommen.«