|348|KAPITEL XII

Ehrwürden Luigi Palestrino,

Theologe:

 

Am 10. April 1585, um drei Uhr nachmittags, hauchte Gregor XIII. seinen letzten Seufzer aus. Dieser Ausdruck ist mir lieber als die Umschreibung »die Seele aushauchen oder aufgeben«, welche die Seele zu Unrecht mit dem Atem gleichsetzt, während sie doch nichts Stoffliches hat und mit keinem Bild oder Gleichnis von dieser Welt verdeutlicht werden kann.

Ich mißtraue der oberflächlichen und unüberlegten Sprache des gemeinen Mannes, und ich bin sehr entrüstet, wenn ich höre und lese, die Seele eines Kindes würde von seinen Eltern im Augenblick der Empfängnis geschaffen. Das ist die reine Irrlehre: die Nachfahren Adams haben dieses Privileg nicht. Es ist allein Gottes Sache. Gott der Herr allein hat die Macht, eine Seele zu erschaffen.

In diesem Punkt gibt es nichts zu debattieren noch in Zweifel zu ziehen. Worüber man allerdings debattieren kann, ist der Zeitpunkt, zu dem einem neuen menschlichen Wesen die Seele eingehaucht wird: im Augenblick der Empfängnis oder im Augenblick der Geburt. Wie immer man sich entscheidet, es spricht in beiden Fällen etwas dagegen. Denn wenn das Kind seine Seele erst im Moment der Geburt erhält, hat es folglich in den neun Monaten seines Lebens im Uterus noch keine gehabt. Wenn es die Seele aber schon im Augenblick der Empfängnis erhalten hat, müßte man es dann nicht bereits im Mutterleib taufen? Denn was wird aus dieser Seele, wenn die Mutter vor der Zeit niederkommt und ihr Kind tot geboren wird?

Es gibt zwei Gründe, weswegen wir Theologen ständig untereinander streiten: zum einen versuchen wir, jene Punkte unseres Glaubens zu erhellen, die die göttliche Offenbarung im dunkeln gelassen hat, und zum anderen ist es uns nicht möglich, unsere diesbezüglichen Thesen durch zwingende Beweise zu untermauern. Ich möchte hier nur ein Beispiel anführen. Seit dem |349|heiligen Thomas von Aquino disputieren wir darüber, ob man das Vorhandensein von Materie bei den Engeln bejahen soll oder nicht. Bekanntlich hat der heilige Thomas es verneint, doch trotz seiner absoluten Autorität sind manche von uns noch sehr weit davon entfernt, sich dieser Ansicht anzuschließen.

Um auf Gregor XIII. zurückzukommen (bei dem, wie ich hier nebenbei und ohne jede Bitterkeit erwähnen möchte, die Theologen nicht gerade gut angeschrieben waren – der Heilige Vater warf ihnen vor, gegenüber seinen precetti Bedenken geäußert zu haben, die er spöttisch als »Gekeife« bezeichnete): er starb, ohne aus den Händen von Kardinal San Sisto die Letzte Ölung empfangen zu haben, weswegen wir in großer, schmerzlicher Angst ob seines Seelenheils waren; denn der Papst hatte sich in seiner Lebensweise, in der Führung der Christenheit und in der Regierung seines Staates nicht immer als sehr gottesfürchtig erwiesen.

Ich war aufs höchste überrascht, als mir Fürst Orsini am Tag nach dem Tod des Papstes eine Kutsche ohne Wappen schickte und ein Billett mit der Bitte, ihn bei Anbruch der Nacht in Montegiordano aufzusuchen. Ich glaubte den Fürsten in Bracciano. Und dort war er am Abend zuvor auch gewesen. Aber da er offenbar noch enge Beziehungen zur Entourage des Heiligen Vaters hatte, war er von dessen unmittelbar bevorstehendem Ende benachrichtigt worden und war in der Nacht gen Rom geritten, was seinem verwundeten Bein heftige Qualen verursacht haben muß.

Ich bemerkte es sofort, als ich ihn beim Betreten des Raumes, in dem er mich erwartete, auf seinem Sessel gleichsam liegen sah, das linke Bein ausgestreckt, mit beiden Händen den Schenkel umfassend, als wolle er so den Schmerz zurückdrängen, und den Mund leidvoll verzogen. Ein Anblick von nur kurzer Dauer, denn sowie der Fürst meiner ansichtig wurde, erhob er sich mit soldatischer Schnelligkeit, kam rasch, wenn auch auffällig hinkend, auf mich zu, begrüßte mich, nahm meine Hände und ließ mich auf dem Sessel Platz nehmen, den er soeben verlassen hatte. Ich war über diesen liebenswürdigen Empfang gerührt, zumal er mir von einem Mann bereitet wurde, der körperlich und seelisch so viel zu leiden hatte.

Ohne Umschweife begann er: »Pater, Ihr habt mir in unserem letzten Gespräch gesagt, ich könnte die Zeit des Interregnums |350|zwischen dem Tod Gregors XIII. und der Wahl des neuen Papstes vorteilhaft für meine Angelegenheit nutzen. Wie steht es nun damit, jetzt, da die Zeit gekommen ist?«

»Wollet mir bitte keine Fragen stellen, Durchlaucht«, erwiderte ich, »und insbesondere nicht diese Frage. Sie ist überflüssig, denn ich weiß genau, weswegen ich hier bin.«

Der Fürst wurde keineswegs ärgerlich, sondern begnügte sich mit einem Lächeln, und ich begriff, warum dieser Mann von den Frauen so geliebt wird: er strahlt große Herzlichkeit aus. Ich weiß nicht warum, doch ich empfand in diesem Augenblick ein gewisses Mitgefühl für ihn. So ein mächtiger Fürst, und so beispielhaft in unserer Zeit: mutig, klug, gebildet, kunstsinnig, und was das Aussehen betrifft, so stattlich, breit und kräftig … Ein schöner Mensch – und doch so verletzlich und gefangen in dieser vergänglichen Welt.

»Durchlaucht«, fuhr ich fort, »ein Interregnum ist ein vorübergehender Zustand in einer Gesellschaft, der aber viel Freiheit läßt für Menschen wie Euch, die ein Unrecht zu bereinigen haben. Denn zum gegenwärtigen Zeitpunkt ist der Kirchenstaat ohne Oberhaupt und die Christenheit ohne Hirt.«

»Darf ich daraus den Schluß ziehen, daß ich dieses Interregnum nutzen kann, die Gültigkeit meiner Ehe zu proklamieren?« fragte er, denn er hatte im Feuer der Leidenschaft meine Ermahnung schon wieder vergessen.

»Durchlaucht, das wäre Wahnsinn! Wenn Ihr ein precetto des dahingeschiedenen Papstes so mißachtet, lenkt Ihr den Zorn des neuen Papstes auf Euch. Die Form muß gewahrt bleiben! Ihr solltet Theologen zusammenrufen und sie konsultieren. Und wenn deren Rat zu Euern Gunsten ausfällt, dann – und nur dann – könnt Ihr wieder heiraten.«

»Wieder heiraten?« sagte er und riß die Augen auf. »Ich bin doch verheiratet!«

»Vergebung, Durchlaucht, Ihr seid es nicht. In den Augen der Kirche seid Ihr es nicht mehr. Und Ihr müßt wissen, daß es auf der Welt keinen Theologen gibt, der ein päpstliches precetto annullieren darf. Er wird Euch nur sagen können, daß Ihr nach seiner Meinung wieder heiraten dürft.«

»Und wer garantiert mir«, fragte er, »daß der neugewählte Papst nicht seinerseits ein precetto zur Auflösung meiner neuen Ehe erläßt?«

|351|»Niemand, Durchlaucht, absolut niemand. Dieses Risiko müßt Ihr eingehen.«

»Mein Gott!« rief er und faßte sich mit beiden Händen an den Kopf. »Welche Tyrannei!«

Darauf erwiderte ich nichts, denn ich teilte im vorliegenden Fall weitgehend seine Meinung. Was aber nichts an dem Prinzip änderte, das ich vertrat: dura lex, sed lex.1 Die Vorteile, die der Christenheit aus der Allmacht des Papstes erwachsen, überwiegen in meinen Augen die aus dem Mißbrauch dieser Allmacht resultierenden Nachteile.

»Wenn Ihr meinen Ansichten folgt, Durchlaucht: hier ist eine Liste mit den Namen von sieben hochgeachteten Theologen. Versammelt sie hier und laßt sie beraten.«

Er warf einen kurzen Blick auf die Liste und fragte: »Warum sieben, Pater?«

»Damit eine Mehrheit zustande kommt, und sei es nur mit einer Stimme; denn wir werden abstimmen, und zwar geheim.«

»Warum geheim?«

»Um nicht auf diesen oder jenen den Zorn des neuen Papstes zu lenken, der unsere Ansicht ja vielleicht nicht teilen wird.«

»Ist es möglich, daß sich die Patres schon morgen hier versammeln?« fuhr er ängstlich fort.

»Ich werde mich dafür verwenden, doch zuvor, Durchlaucht, möchte ich gern unter vier Augen mit Eurer Frau Gemahlin sprechen. Und bitte, wollet mir darüber keine Fragen stellen; ich werde Euch nicht antworten. Es steht Euch frei, die Signora nach dem Gespräch über seinen Inhalt zu befragen.«

Auf seinem ehrlichen und offenen Gesicht konnte ich ablesen, wie es ihn freute, daß ich – aus purer Höflichkeit – Vittoria Accoramboni seine Gemahlin nannte.

»Ich werde sie rufen«, sagte er lebhaft, »und Euch mit ihr allein lassen.«

Ich erhob mich zu einer Verbeugung. Er kam mit seinem ausholenden und hinkenden Gang auf mich zu, nahm wieder, wie schon zuvor, meine Hände, die in den seinen fast verschwanden, und sah mich schweigend und mit einem Ausdruck von Freundschaft und Dankbarkeit an. Mein Kopf reichte ihm |352|gerade bis zur Brust. Welch hünenhafte Gestalt! Diese Knochen! Diese enormen Muskeln! Und wie robust müssen wohl die Organe in diesem gigantischen Körper sein! In der Stunde seines Todes wird sich die Seele des Fürsten nur schwer von einer so imposanten fleischlichen Hülle lösen, während die meine es beinahe schon zu Lebzeiten getan hat! Bei dem bißchen Materie in mir hätte mich der heilige Thomas von Aquino für einen Engel gehalten … Man möge mir diesen kleinen Scherz nachsehen. Die verrinnende Zeit braucht manchmal ein wenig Aufmunterung, ist doch das ganze Leben nur ein langes Warten auf den Tod.

Ich setze mich und warte eine geraume Weile auf die Signora, was mich nicht verwundert, stehen doch die Damen in dem Ruf, niemals fertig zu werden. Ich weiß allerdings nicht, ob dieser Ruf berechtigt ist, denn ich kenne die Frauen kaum. Meine Mutter starb bei meiner Geburt, und meine übrige Familie ging kurz darauf bei einem Erdbeben zugrunde. Ich bin von stummen Nonnen großgezogen worden, die so konsequent schwiegen, daß ich wohl kaum sprechen gelernt hätte, wäre da nicht der alte Klostergärtner gewesen, bei dem ich wohnte und der mein Lehrer war.

Erst mit zwanzig Jahren, als ich Rom zum ersten Mal verließ, habe ich richtige Frauen gesehen. Ihr Anblick verstörte mich so sehr, daß ich zunächst glaubte, sie gehörten einer anderen Spezies an als meine Nonnen. Einmal, weil letztere einen so faden Geruch ausströmten, wohingegen die Frauen auf der Straße von einem ganz besonderen Duft umgeben waren, von dem ich nicht zu sagen wußte, ob er mir gefiel oder nicht. Dann richteten sie ihre lebhaften, beseelten, strahlenden Augen ständig auf alles, was sie sahen. Und schließlich sprachen sie mit lauter, deutlicher Stimme, die in meinen Ohren wie Musik klang. Gleichwohl erfreuten mich diese Entdeckungen nicht, sondern erschreckten mich vielmehr, und bald darauf bekam ich einen Schock, der mich vollends einschüchterte: eine dieser Frauen – vielleicht war es Zufall – sah mich an. Meine Nonnen hielten die Augen gesenkt, und nie waren ihre Blicke den meinen begegnet; daraus erklärt sich, daß mir die Augen der richtigen Frauen sehr glänzend und sehr gefährlich vorkamen. Ihre Blicke sind wie lauter kleine Zangen, mit denen sie den andern packen und hin und her wenden, um ihn besser betrachten zu |353|können. So flüchtig und zufällig der Blick jener Vorübergehenden gewesen sein mag – er ließ mich am ganzen Leib erschauern, und seither machen mir die Frauen angst.

Vielleicht ist es absurd, doch ich fühle mich unbehaglich in Erwartung der Signora, obwohl ich fest überzeugt bin, daß unsere Unterredung für ihre und des Fürsten Sache notwendig ist. Meine Lippen sind trocken, die Kehle ist mir wie zugeschnürt, und die zitternden Hände verstecke ich in meinen weiten Ärmeln. Ich fürchte vor allem, sie merkt, in welche Panik sie mich versetzt, mich, einen Mann, der vom Alter her ihr Vater sein könnte.

Als sie endlich kommt, erhebe ich mich sofort; sie macht eine Handbewegung voller Grazie und sagt mit einer sanften, leisen Stimme:

»Ich höre, Ihr wünscht mich zu befragen. Ich stehe Euch zur Verfügung, Pater.«

Sie ist einen Kopf größer als ich und sieht mich mit ihren großen blauen Augen an, deren Licht mir so unerträglich erscheint, daß ich meinen Blick sofort senke, gerade so weit, daß ich sie noch sehen kann. Sie scheint mir sehr elegant angezogen, obwohl ich die Kleidungsstücke, die sie trägt, nicht zu benennen vermag. Ich bemerke indes, daß ihre Gewänder den Körper weder einengen noch plattdrücken, wie das bei meinen Nonnen der Fall war, sondern seinen Formen angepaßt sind, diese sogar noch zu betonen suchen, dünkt mich. Ihr lockiges blondes Haar ist so übermäßig lang, daß es ihre Fersen berührt und im Rhythmus ihrer Bewegungen hinter ihr herweht. Ihr Gesicht scheint mir in den glücklichsten Proportionen modelliert zu sein, die straffe Haut ist weiß und rosig, die Nase gerade, der Mund ein wenig groß, aber mit feingezeichneten Lippen und regelmäßigen, glänzenden weißen Zähnen.

»Pater«, hebt sie wieder an, wie erstaunt über mein Schweigen, »ich stehe zu Eurer Verfügung.«

Bei diesen Worten hat ihre Stimme ein wenig gezittert, was mich auf den Gedanken bringt, daß sie, trotz ihrer Selbstbeherrschung, diese Unterredung genauso fürchtet wie ich. Da passiert etwas Seltsames: durch ihre Angst vergeht die meine fast völlig.

»Es gibt ein kleines Problem, Signora«, sage ich, denn ich habe meine Stimme wiedergefunden. »Ich möchte unter vier |354|Augen mit Euch sprechen, zugleich aber, als Beleg meiner Fragen und Eurer Antworten, etwas Schriftliches in die Hand bekommen.«

»Wenn das alles ist, Pater, so weiß ich Rat«, erwidert sie lebhaft und mit fröhlichem Lächeln. »Ich werde mich dort an dieses Schreibpult setzen und in einer Person Euer Zeuge und Euer Gerichtsschreiber sein. So bekommt Ihr meine schriftliche Zeugenaussage und zudem eine Probe meiner Handschrift.«

Sie hat ihre Antwort mit sehr viel Takt und Güte vorgebracht. Ich bedeute ihr, daß ich einverstanden bin, und sie läßt sich auf einem Schemel vor dem Schreibpult nieder. Das dauert eine gewisse Zeit, denn bevor sie Platz nimmt, rafft sie ihr langes Haar zusammen und legt es sich beim Hinsetzen in den Schoß, vermutlich um ihren Nacken zu entlasten und nicht von dieser goldenen Pracht nach hinten gezogen zu werden. Ich beobachte sie und frage mich, welche Bedeutung die weibliche Schönheit für einen Theologen haben kann. Manche sehen darin ein Werk des Teufels, was eine unhaltbare These ist. Der Böse hat nur bei einem Mißbrauch der Dinge seine Hand im Spiel. Und die Schönheit an sich ist zweifellos eine Gottesgabe. Doch wozu dient sie, wenn es die Bestimmung des Weibes ist zu gebären? Alle Frauen, ob schön oder häßlich, gebären, und es will mir die Notwendigkeit, so viele Vorzüge in einem Geschöpf zu vereinen, nicht einleuchten. Wenn die Aufgabe der Theologie darin besteht, den Glauben zu begreifen, dann müssen wir zugeben, daß außerhalb des Lichtkreises der göttlichen Offenbarung alles im dunkeln bleibt, selbst ein so unbedeutendes Detail wie der Zweck weiblicher Schönheit. Dennoch bin ich überzeugt, daß gegen den Willen der Vorsehung kein Blatt vom Baume fällt.

»Meine erste Frage, Signora, lautet: Habt Ihr aus freiem Willen, aus Euerm eigenen Entschluß heraus und ohne jeden Druck von außen, ohne daß Ihr bedroht oder erpreßt worden seid, den Fürsten Orsini geehelicht?«

»Aus freiem Willen natürlich.«

»Schreibt das bitte auf, Signora.«

»Im Wortlaut der Frage?«

»Ja.«

Die Signora schreibt, und ich schweige, bis sie die Feder vom Papier nimmt.

»Signora, warum habt Ihr den Fürsten Orsini geheiratet?«

|355|»Weil ich ihn liebte und seine Frau werden wollte.«

»Wie oft hattet Ihr vor Eurer Einkerkerung in der Engelsburg den Fürsten getroffen?«

»Einmal, bei meinem Onkel, Seiner Eminenz Kardinal Montalto.«

»Hattet Ihr nach dieser Begegnung irgendwelche Kontakte – mündliche oder schriftliche – zu ihm?«

»Der Fürst hat mir geschrieben, doch ich habe ihm nicht geantwortet. Pater, muß ich das alles aufschreiben?«

»Nur die Antworten, die Fragen laßt weg.«

Das tut sie.

»Signora, was glaubt Ihr, weshalb Euch Gregor XIII. in der Engelsburg gefangengesetzt hat?«

»Weil er dachte, Fürst Orsini habe meinen Mann ermorden lassen und ich sei seine Komplizin gewesen.«

»Und war es so?«

»Nein, es war nicht so«, ruft sie energisch. »Auch der Bericht des Bargello hat das in aller Form widerlegt. Und Della Pace hat es mir selbst wiederholt, als er kam, mich zu verhaften.«

»Schreibt bitte, Signora.«

Sie schreibt, und die Feder kratzt wütend über das Papier. Ganz offensichtlich war sie auf solche Fragen nicht gefaßt und ist unwillig darüber.

Als sie fertig ist, sage ich zu ihr:

»Muß ich Euch versichern, Signora, daß ich Euch aufs Wort glaube? Säße ich hier, wenn ich Euch für schuldig hielte?«

»Danke, Pater«, sagt sie bewegt.

»Fahren wir fort. Als Ihr dem Fürsten Orsini bei Euerm Onkel, Seiner Eminenz Kardinal Montalto, begegnet seid, habt Ihr da mit ihm gesprochen?«

»Nein.«

»Wie lange habt Ihr ihn gesehen?«

»Etwa fünf Minuten.«

»Und das genügte, Eure Liebe zu wecken?«

»Ja.«

Und gleich darauf fragt sie leicht aggressiv:

»Kommt Euch das unwahrscheinlich vor?«

»Ich weiß nicht«, entgegne ich trocken. »Ich habe keine Erfahrung mit den menschlichen Leidenschaften, nicht einmal vom Hörensagen. Ich bin Theologe, nicht Beichtvater.«

|356|Sie sieht mich zerknirscht an, als bedaure sie den Ton ihrer Frage. Ich sage milde zu ihr:

»Schreibt bitte, Signora.«

Nach einer Weile fahre ich fort:

»Hättet Ihr den Fürsten geheiratet, wenn Gregor XIII. Euch nicht in der Engelsburg eingeschlossen hätte?«

»Ich glaube, nein: aus Angst, man könnte mich für schuldig halten.«

»Wie erklärt Ihr dann, daß Ihr ihn geheiratet habt, nachdem er Euch aus der Engelsburg herausgeholt hatte?«

»Das Unglück war nun einmal geschehen: wegen meiner Einkerkerung hielt mich niemand mehr für schuldlos.«

»Schreibt bitte.«

Dann fahre ich fort:

»Ihr wißt natürlich, Signora, daß Ihr auf Grund des precetto Gregors XIII. jetzt nicht mehr mit dem Fürsten Orsini verheiratet seid?«

»Ja, ich weiß, aber es ist wider das Recht!« ruft sie leidenschaftlich.

»Signora, ich bitte Euch, nehmt diese Bemerkung aus Respekt vor dem Heiligen Stuhl zurück. Anderenfalls müßtet Ihr sie schwarz auf weiß zu Papier bringen, und das wird einen sehr schlechten Eindruck auf die Theologen machen.«

»Ich nehme die Bemerkung zurück.«

»Nun meine letzte Frage: Wenn Ihr in naher Zukunft die Möglichkeit hättet, den Fürsten wieder zu heiraten, würdet Ihr es tun?«

»Aus tiefstem Herzen: ja!«

»Ist dieses ja Euer wohlüberlegter, unerschütterlicher Wille?«

»Gewiß!«

»So schreibt bitte.«

Zum Schluß lasse ich sie noch Datum und Unterschrift hinzufügen. Obwohl dieses Gespräch für mich, der ich so zurückgezogen von der Welt lebe, eine Art Prüfung war (allerdings weniger hart, als ich geglaubt hatte), bin ich mit der Signora zufrieden. Sie hat meine Fragen klar, sicher und logisch beantwortet und hoffentlich auch ehrlich. Der einzige Punkt, der mich ein wenig beunruhigt, ist, daß sie sich in den Fürsten verliebt haben will, nachdem sie ihn nur fünf Minuten lang gesehen |357|hatte. Wenn die Frauen fähig sind, sich in so kurzer Zeit eine Kette zu schmieden, mit der sie dann ein ganzes Leben lang gefesselt sind, so muß man sie wohl zutiefst bedauern.

Die Signora erhebt sich, übergibt mir das Protokoll und verabschiedet sich sehr liebenswürdig von mir. Abgesehen von ihrer Schönheit, deren Bestimmung mir im theologischen Sinne ein quasi unlösbares Problem darstellt, scheint mir die Signora ein höchst achtbares menschliches Wesen zu sein. Ich nutze das Alleinsein, um mich zu sammeln, und richte ein kurzes Gebet an den Himmel, sie möge – mit dem von ihr erwählten Gefährten – ihren Seelenfrieden wiederfinden.

Als der Fürst zu mir zurückkehrt, halte ich ihm wortlos die Aussage der Signora hin. Er liest sie in einem Zug, mit einem leichten Erstaunen.

»Noch eine Frage, Pater, und vielleicht nicht die letzte. Warum insistiert Ihr in solchem Maße, daß mich die Signora aus freiem Willen geheiratet hat und sich gegebenenfalls aus freiem Willen wieder mit mir verheiraten würde?«

»Durchlaucht, ich habe es Euch schon erklärt: es ist der Wille der beiden Ehegatten, einander anzugehören, auf dem das Sakrament der Ehe in den Augen der Kirche beruht. Ich beabsichtige, mit diesem Zeugnis der Signora zu beweisen, wie fest und glaubwürdig die durch das precetto zerstörte Bindung ist.«

»Das verstehe ich; aber warum stellt Ihr dann nicht die gleichen Fragen auch mir?«

Hier kann ich mein Lächeln über die Naivität der Frage nicht unterdrücken.

»Euer Wille, Durchlaucht, die Signora zu ehelichen, muß nicht mehr bewiesen werden, so offenkundig ist er für alle Welt. Ihr habt einen Aufstand ausgelöst, um die Signora aus dem Kerker zu befreien. Und tut Ihr derzeit anderes, als Himmel und Erde in Bewegung zu setzen, um ihr Gatte zu bleiben?«

Als mich später die wappenlose Kutsche zu meiner Behausung zurückbringt, denke ich über meine Worte von eben nach: »Himmel und Erde in Bewegung setzen«. Sie kommen mir jetzt in höchstem Maße unpassend vor. Man kann wohl die Erde »in Bewegung setzen«, da der Mensch aus so veränderlichem Stoff gemacht ist, ganz gewiß aber nicht den Himmel, dessen Gesetze unwandelbar und ewig sind.

 

 

|358|Seine Eminenz Kardinal Cherubi:

 

Der Tod Gregors XIII. löste von der ersten Minute an hektische Aktivitäten aus, denn seine Nachfolge brachte wichtige personelle und nationale Interessen ins Spiel. Ich selbst war wegen meiner unverblümten Direktheit nie papabile gewesen und hatte keine anderen Ambitionen, als eines Tages Patriarch von Venedig zu werden. Deswegen ließen mich diese Machenschaften und Intrigen kalt; ich war nur darauf bedacht, meine Stimme und Unterstützung einem Kardinal zu geben, der sich als künftiger Papst meinen Plänen nicht entgegenstellen würde.

Niemand im Vatikan war naiv genug zu glauben, die Fürsten dieser Welt würden nicht versuchen, Einfluß auf die Wahl zu nehmen, insbesondere der mächtigste von allen, Philipp II., dessen Besitz Österreich, die Niederlande, Spanien, Portugal umfaßte, dazu – in Italien – Mailand und das Königreich Neapel und Sizilien, ganz zu schweigen von seinem ungeheuren Weltreich in den beiden Amerikas, die ihm das Gold für seine Kriege und die Ausweitung seines Einflusses lieferten.

Sein Botschafter, Graf Olivares, trug daher Sorge – bevor sich die Türen zum Konklave schlossen –, alle in Rom anwesenden Kardinäle aufzusuchen und sie zu bedrängen, daß ein Papst gewählt würde, dem die Interessen Spaniens am Herzen liegen. Er kam auch zu mir in meinen römischen Palast und blieb sehr lange, da er mir einen Einfluß auf das Konklave zuschrieb, den ich gar nicht hatte. Nicht, daß er dumm gewesen wäre, aber es fehlte ihm an Fingerspitzengefühl. Und die Arroganz, die alle Welt einstimmig den Iberern zum Vorwurf macht, zeigte sich bei ihm besonders ausgeprägt. Hochmütig und stolz, sprach Olivares zu den Prälaten im Tonfall eines Mannes, der Anweisungen erteilt. Der geringste Widerspruch verärgerte ihn; er machte großzügige Versprechungen, sparte aber auch nicht mit kaum verhohlenen Drohungen. Meine Ansicht nach diesem Gespräch war, daß er des Guten zuviel tat und so der Sache seines Herrn mehr schadete als nützte.

Der König von Frankreich, Heinrich III., dem die Anhänger der Liga – ganz auf der Seite Philipps II. stehend – das Leben schwer und sogar die Macht in seinem eigenen Königreich streitig machten, hatte dagegen wenig Einflußmöglichkeiten auf das Konklave. Doch er genoß gewisse Sympathien bei denen, |359|die den übermächtigen Philipp II. fürchteten, vor allem bei Kardinal d’Este, dessen verwandtschaftliche Bande zum französischen Königshaus bekannt waren. Und d’Este – Sproß eines mächtigen italienischen Fürstengeschlechts, dem das Herzogtum von Ferrara, Modena, Reggio und Rovigo gehörte – hatte durchaus Einfluß unter uns.

Am 21. April nach der Messe gingen wir ins Konklave und verbrachten den Tag damit, unsere Zellen in Besitz zu nehmen und uns gegenseitig Höflichkeitsvisiten abzustatten, wobei ein jeder mit langen Fühlern das Terrain abtastete und die Chancen der bestplazierten Kandidaten und gegebenenfalls seine eigenen einzuschätzen versuchte.

Wir fanden es pikant, unsere schönen Paläste zu verlassen und uns in Klausur zu begeben, jeder in eine bescheidene Zelle für sich. Das verjüngte uns gewissermaßen; und wir konnten dieses neue Gefühl mit um so größerem Vergnügen auskosten, als unser jugendgemäßer Mangel an Komfort nicht von langer Dauer sein würde. Am Beginn des Konklaves, das für die Christenheit, für den Staat und für uns selbst so wichtig war, herrschte hier – neben ständiger Aufregung – eine mit einer gewissen unschuldigen Fröhlichkeit gepaarte klösterliche Atmosphäre.

Sich dieser Stimmung zu überlassen wäre sehr verlockend gewesen, hätten wir nicht auf der Hut sein müssen. Auch hinter den liebenswürdigsten Worten und freundschaftlichsten Blicken konnte sich Berechnung verbergen. Ich selbst, ein unverbesserlicher Tölpel, dessen Tölpeleien amüsierten und daher von meinesgleichen mit einem gewissen Maß an Nachsicht aufgenommen wurden, mußte mich zügeln und durfte meine Direktheit nur zum Schein beibehalten.

Außer mir sprach im Konklave kein Prälat ein lautes Wort: es wurde nur gemurmelt. Sogar wer an eine Tür klopfte, tat es diskret. Begegneten sich die Purpurroben in den engen Gängen zwischen den Zellen, so vernahm man nichts als ein gedämpftes Rascheln. Die Schritte waren fast unhörbar, die Gebärden langsam und lautlos, die Blicke meist gesenkt. Trotz der dicken Mauern unterhielt man sich in den Zellen nur im Flüsterton und bediente sich mit Vorliebe der Litotes. Ein Lächeln, ein Stirnrunzeln, ein Blick sagten mehr als Worte und widerlegten diese manchmal sogar. Keiner redete abfällig über den anderen, es sei denn durch Paralipsen. Und die Sammlung, die Frömmigkeit |360|der Prälaten bei den morgendlichen und abendlichen Offizien hätte selbst die größten Skeptiker erbaut.

Am zweiten Tag begab sich das Konklave in die erste Schlacht, und die Hoffnungen all der Kardinäle, die sich als Anwärter auf die Papstkrone sahen, waren auf dem Siedepunkt angelangt. Denn Anwärter konnte fast jeder sein, auch der unauffälligste; schon manches Mal war ein als unbeschriebenes Blatt geltender Kardinal gewählt worden, nur um einen talentierten Prälaten scheitern zu lassen, den man gerade seiner Talente wegen für gefährlich hielt.

Nach meinem Gefühl hatte von Anfang an Kardinal Alessandro Farnese die besten Chancen. Er gehörte dem berühmten Fürstengeschlecht an, das über das Herzogtum Parma und Piacenza regierte. Intelligent und fähig, war er zudem ein Humanist, ein Mäzen und Freund der Künste; und vor allem fiel wohl ins Gewicht, daß sein Neffe und Namensvetter Alessandro Farnese – von der Mutter her ein halber Österreicher – von Philipp II. zum Statthalter der Niederlande ernannt worden war und sich durch deren Befriedung ausgezeichnet hatte. Die Meriten des Neffen ergänzten also die des Onkels, und beide konnten der Gunst Philipps II. sicher sein, wodurch eine Kandidatur, die der Betroffene zwar nicht erklärte, die sich jedoch unvermeidlich aus seiner Stellung auf dem Schachbrett des Konklaves ergab, erst recht Gewicht und Glanz erhielt.

So löste es Überraschung aus, als am zweiten Tag des Konklaves die Kardinäle Altemps und di Medici dem Kardinal Sirleto den Vorzug gaben, der als Neapolitaner ein Geschöpf Philipps II. war und mithin dessen Sache vertrat.

Seine beiden Fürsprecher hatten ganz unterschiedliche Beweggründe: Altemps unterstützte die Kandidatur, weil er selbst auf seiten Spaniens stand und deshalb dessen Sieg erhoffte. Medici unterstützte Sirleto, weil er als Freund Spaniens gelten wollte, ohne es wirklich zu sein, vor allem aber, um die Kandidatur Farneses scheitern zu lassen, den er für viel gefährlicher als Sirleto hielt. Außerdem konnte er von letzterem eine gewisse Dankbarkeit erhoffen. Medici war Staatssekretär unter Pius IV. und Gregor XIII. gewesen; und warum nicht auch unter Sirleto, wenn Sirleto Papst würde?1

|361|Gegen diese Kandidatur formierte sich sofort eine starke, wenn auch heterogene Opposition. Viele Kardinäle wollten von Sirleto nichts wissen, eben weil sie befürchteten, daß Medici unter seiner Regierung zum dritten Mal Staatssekretär würde. Die Kardinäle d’Este und Farnese waren ihm ebenfalls feindlich gesinnt, aber aus unterschiedlichen Gründen. Ersterer, weil ihm die Interessen Frankreichs am Herzen lagen und er deshalb einen Papst fürchtete, der dem König von Spanien ergeben wäre. Farnese dagegen, weil er selbst auf die Tiara hoffte. Nach Auszählung der Stimmen schied Sirleto aus.

Zu diesem Zeitpunkt traten zwei Ereignisse ein, die besser in eine Komödie gepaßt hätten. Das erste trug sich im Konklave zu, schien zunächst von großer Bedeutung zu sein, hatte aber tatsächlich kaum Einfluß auf die Abstimmung. Das zweite fand außerhalb des Konklaves, noch dazu auf der Straße statt und machte die Chancen des aussichtsreichsten Kandidaten zunichte.

An jenem Tage, dem Ostermontag, kurz vor der Mittagsstunde, wurde mit starken Schlägen an die dreifach verriegelte Tür des Konklaves geklopft: Kardinal Andrea war in Rom eingetroffen und begehrte Einlaß. Viele Kardinäle waren konsterniert, denn Andrea war nicht nur Kardinal, sondern gleichzeitig Erzherzog von Österreich. Daraus erklärte sich auch, daß neben ihm der spanische Botschafter stand. Er war es, der so gebieterisch an die Tür geklopft hatte, daß die Kardinäle hochgefahren waren. Das zeigte sich, als man das Türfensterchen öffnete, um die Unterhandlungen aufzunehmen. Wir waren wirklich alle recht verstört. Dem österreichischen Erzherzog Einlaß zu gewähren bedeutete quasi, Philipp II. an unserer Abstimmung teilnehmen zu lassen. Doch wie sollten wir Andrea den Zutritt verwehren, nachdem Gregor XIII. so schwach gewesen war, ihn zum Kardinal zu ernennen?

Mit unserem Einverständnis, das wir ihm flüsternd zu verstehen gaben, griff Medici zu der Methode, die er schon im Falle seiner kostbaren Gewürzmenage so erfolgreich angewendet hatte: Zeit gewinnen!

»Euer Eminenz wollen gütigst Euern Eintritt etwas verschieben, denn die Teilnehmer des Konklaves setzen sich gerade zur Morgenmahlzeit zu Tisch, und wenn Ihr sofort eingeführt würdet, wären zur Verlesung der Bullen, durch die Ihr als |362|Wähler eingesetzt werdet, reichlich zwei Stunden notwendig, was denen von uns, die jetzt eine Stärkung zu sich nehmen möchten, sehr zum Nachteil gereichen würde.«

Diese wohlgesetzten Worte wurden auf der anderen Seite des Türfensterchens schlecht aufgenommen: »Seine Eminenz der Kardinal-Erzherzog«, sagte Olivares schroff, »kann sich auf keinen Fall vor einer verriegelten Tür die Beine in den Bauch stehen, während seine Confratres sich den Wanst vollschlagen – was zweifellos ihr gutes Recht ist. Wenn sie aber während des Essens einen Papst wählen, wäre das eine schwerwiegende Verletzung der Rechte des Kardinal-Erzherzogs. Ich erkläre daher: wird dem Kardinal-Erzherzog nicht unverzüglich Zutritt gewährt, betrachtet mein Herr und König jede Wahl in Abwesenheit des Kardinal-Erzherzogs für null und nichtig.«

Diese unerhörte Drohung verschlug uns die Sprache: durch den Mund seines arroganten Botschafters stellte Philipp II. schon im voraus die Souveränität des Konklaves in Frage. Wir waren alle – wohlgemerkt: alle, auch die treuesten Anhänger Spaniens unter uns – so vor den Kopf geschlagen, daß wir zunächst nicht wußten, was wir sagen oder tun sollten.

Wieder rettete Medici die Situation. Er trat an das Guckfenster und sagte:

»Wollen Euer Eminenz sich ein paar Minuten gedulden, wir möchten uns untereinander verständigen.«

Und mit sicherer Hand verschloß er die Öffnung. Medici, obzwar höchst rücksichtsvoll gegenüber der spanischen Macht, fürchtete diese ebenso wie auch sein Bruder, der Großherzog von Toskana, wie die Republik Venedig und wie der Bruder von Kardinal d’Este, der Herzog von Ferrara. Diese blühenden, ruhmreichen, aber kleinen Fürstentümer waren besorgt, sie könnten das gleiche Schicksal wie Mailand und das Königreich Neapel erleiden und an Philipp II. fallen, dessen Gier nach Landbesitz genauso unermeßlich groß war wie sein Imperium.

Irgend jemand entsann sich nun, daß der österreichische Erzherzog nur Kardinal-Diakonus war und die Weihen überhaupt nicht, den Kardinalspurpur nur aus Gefälligkeit erhalten hatte. Gemäß einer Bulle von Pius IV. mußte man aber geweihter Priester sein, um am Konklave und an der Wahl teilnehmen zu können. Da ging durch das Konklave eine freudige Bewegung, die aber sofort wieder verebbte. Wer von uns würde die |363|Kühnheit haben, der Katze Olivares die Schelle umzuhängen, jenem Olivares, der schon wieder ungeduldig an die Pforte klopfte mit seiner eisernen Faust, die niemals Samthandschuhe getragen hatte?

Medici erklärte sich für nicht zuständig und machte geltend, er habe sich schon zweimal mit Olivares angelegt. Daraufhin wurde ich bedrängt. Man gab mir in höflichen Worten zu verstehen, daß es bei mir auf eine Tölpelei mehr oder weniger nicht ankomme. Ich lehnte entschieden ab. Nach einer hastig eingenommenen Mahlzeit, die damit endete, daß alle Anwesenden sich eiligst zurückzogen, opferte sich schließlich Kardinal d’Este, wofür man ihm nicht einmal den gebührenden Dank zollte. Alle Welt kannte seine pro-französische Haltung: er hatte folglich bei den Spaniern nichts mehr zu verlieren.

Kardinal d’Este spürte diesen Undank nur allzu deutlich, stieß sich jedoch nicht daran, ging festen Schrittes zu der verriegelten Pforte, öffnete das Guckfenster und sagte:

»Vergebung, Euer Eminenz, das Konklave kann Euch leider keinen Zutritt gewähren: nach der Bulle ›In Eligendis‹ von 1503 dürfen nur geweihte Priester am Konklave teilnehmen.«

Und wieder sprach Olivares für den Kardinal-Erzherzog.

»Diesen Einwand haben wir vorausgesehen«, sagte er trocken. »Hier ist ein Dokument, das ihn hinfällig macht: eine Bulle Gregors XIII., die den Kardinal-Erzherzog von den Weihen dispensiert, ihm aber dennoch das Wahlrecht im Konklave zuerkennt. Lest!«

Olivares schob uns die Bulle durch das Guckfenster, und Kardinal d’Este nahm sie in Empfang und entrollte sie, wobei sich einige von uns um ihn drängten, um über seine Schulter hinweg dieses schändliche Schriftstück mitzulesen.

»Was haltet Ihr davon, Medici?« fragte d’Este bissig. »Ist das wirklich die Unterschrift von Gregor XIII.? Ihr als sein Staatssekretär müßt diese Bulle ja wohl verfaßt haben?«

»Ich kann mich überhaupt nicht mehr daran erinnern«, erwiderte Medici.

Eine Unverschämtheit, die ihm etliche nicht gerade liebenswürdige Blicke eintrug, was ihn jedoch nicht weiter zu berühren schien. Denn er straffte seinen kleinen Körper, schritt zur Pforte und entriegelte sie eigenhändig.

Der Kardinal-Erzherzog trat ein, und kaum war hinter ihm |364|die Pforte wieder verriegelt, sah er sich von einem Schwarm roter Roben umringt: wir begrüßten ihn und überschütteten ihn mit endlosen Höflichkeitsbezeigungen. Gleichzeitig musterten wir ihn voller Neugier, denn er war bisher nur ein einziges Mal in Rom gewesen und hatte sich hier nur so lange aufgehalten, bis er aus der Hand Gregors XIII. den Kardinalspurpur empfing. Er war ein großer, dicker Mann mit wäßrigen blauen Augen, die seinem Gesicht einen höflich-indifferenten Ausdruck verliehen. Unsere italienischen Komplimente nahm er huldreich entgegen, doch verstand er sie offenbar nicht. Daraufhin wurde er auf lateinisch angesprochen, aber Latein beherrschte er auch nicht besser. Richtig, er war ja kein Priester! Dann versuchten wir es mit Französisch und Spanisch: ebenfalls erfolglos. Übrigens kannte er keinen von uns und wußte nichts über unsere Cliquen und Grüppchen, unsere großen und kleinen Interessen, um die es hier ging, und natürlich auch nichts über unsere Intrigen. Die Deutschsprechenden unter uns versuchten, ihn in ihr Lager zu ziehen. Er hörte ihnen höflich zu, ohne sich im mindesten für ihre Darlegungen zu interessieren. Offensichtlich langweilte er sich sehr, sogar während der Messe. Im Verlaufe unserer Debatten machte er nie den Mund auf, es sei denn, um hinter vorgehaltenem Handschuh zu gähnen.

Wir erlebten die eigenartige Situation, daß das Erscheinen des Kardinal-Erzherzogs im Konklave die Abstimmung kaum beeinflußte, dagegen außerhalb des Konklaves einen sehr folgenreichen Zwischenfall provozierte. Der skandalöse Auftritt des Grafen Olivares an der verriegelten Pforte zum Konklave war nicht unbemerkt geblieben, und seine Wünsche für Realität nehmend, schloß das Volk von Rom daraus sofort, die spanische Partei würde obsiegen und Kardinal Farnese würde unverzüglich gewählt, wenn er es nicht schon war. Eine jubelnde Menge zog zum Palazzo Farnese, um ihn zu plündern. Das Volk verehrte den Kardinal, handelte also nicht aus Haß, sondern folgte einem alten Brauch – ich wage nicht, von einer Tradition zu sprechen –, nach dem ein Kardinal, der mit der Tiara ohnehin unermeßlichen Reichtum erwirbt, seinen persönlichen Besitz gut und gern dem Pöbel zum Geschenk machen kann.

Wir waren über die Maßen entrüstet, daß es die Römer wagten, unserer Entscheidung vorzugreifen, aber mehr noch vielleicht empörten wir uns, daß Farnese so beliebt bei ihnen war. |365|Das hieß nämlich: wenn wir ihn zum Papst machten, würde er sich einerseits auf die Macht Spaniens, andererseits auf die Gunst des Volkes stützen und könnte sich so über jeglichen Widerspruch von unserer Seite hinwegsetzen. Es wurden eilig Wachen entsandt, um die Plünderung seines herrlichen Palastes zu verhindern; wir aber schritten umgehend zur Wahl. Farnese erhielt nur ein Dutzend Stimmen. Er hatte sein Haus gerettet, die Tiara aber verloren.

Kardinal di San Sisto, der großen Einfluß auf die römischen Kardinäle hatte, weil sie den Purpur fast alle seiner Fürsprache bei seinem päpstlichen Onkel verdankten, schlug nun den römischen Kardinal Castagna als Kandidaten vor. Die meisten Kardinäle wünschten sich als Nachfolger Gregors XIII. einen tugendhaften Mann, und das war Castagna. Aber er glänzte nicht gerade durch einen starken Charakter, und wir befürchteten, San Sisto könnte als Drahtzieher hinter ihm fungieren. Castagna wurde abgelehnt.

Als nächsten brachten einige den Großinquisitor, Kardinal Savello, ins Gespräch. Er war Römer, und sowie sein Name fiel, lehnten ihn alle römischen Kardinäle ab. Sie wußten nur zu gut, daß Savello ein unerbittlicher Mann war, der überall den Teufel witterte, sogar seinen eigenen Schatten verdächtigte und nur von Scheiterhaufen und Autodafés träumte. Sogar die ranggleichen Kardinäle fürchteten seine Inquisition. So wurde er nicht einmal regulär nominiert: die allgemeine Feindseligkeit erstickte seine Kandidatur bereits im Keime.

Farnese schlug dann Santa Severina vor, der ihm, wie er glaubte, auf Grund seiner Jugend ergeben sein würde. Doch ebendiese Jugend wurde zum wichtigsten Argument derer, die keinen Protegé Farneses auf dem Heiligen Stuhl zu sehen wünschten. »Was«, hieß es, »kaum vierzig Jahre alt? Sollen wir einen putto-papa1 wählen?« Der Schrecken hatte die Kandidatur des Großinquisitors vereitelt; die Lächerlichkeit machte die von Santa Severina zunichte.

Indes, wir waren nun schon drei lange Tage in Klausur, und der Wunsch, die Sache zu Ende zu bringen, wurde bei allen immer stärker. Dieses ganze Hin und Her sowie auch unsere spartanische Lebensweise begannen uns zu ermüden. Farnese, der |366|seine Niederlage nur schlecht verwunden hatte, spürte den Überdruß und beschloß, einen großen Coup zu landen. Er schlug als Kandidaten den spanischen Kardinal Torres vor, dessen Ankunft in Rom für den nächsten Tag in Aussicht stand.

Ich war in meiner Zelle damit beschäftigt, diesen verblüffenden Vorschlag zu verdauen, als Medici an meine Tür klopfte. Ich ließ ihn herein. Er war bleich, und auf seiner Stirn standen große Schweißtropfen.

»Cherubi«, sagte er rundheraus, ohne seine üblichen diplomatischen Verklausulierungen, »was denkt Ihr über die Kandidatur von Torres?«

»Ich bin bestürzt darüber. Ein spanischer Papst auf dem Thron von Sankt Peter! Wenn wir schon so weit sind, warum dann nicht gleich Olivares selbst! Praktisch ist es dasselbe: wenn Torres gewählt wird, herrschen Olivares und Farnese an seiner Stelle. Sie werden unsere Herren sein! Und das Oberhaupt der Christenheit wird nur mehr der Kaplan des Königs von Spanien sein! Was für eine Schande!«

Ich schwieg, denn ich war selbst am meisten überrascht von meiner brüsken, explosiven Offenheit. Doch es war keine Zeit mehr für Scheinmanöver. Medici, der kluge Staatsmann, sah das genauso.

»Wenn Ihr dieser Meinung seid, Cherubi«, stieß er hervor, »so kommt in zehn Minuten in meine Zelle. Ihr trefft dort auf Gleichgesinnte.«

Bevor er ging, reichte er mir die Hand – eine für ihn sehr ungewöhnliche Geste. Seine Hand war feucht. Den Unglücklichen hatte das Entsetzen gepackt, und es bestand auch aller Grund dazu. Wie könnte ein spanischer Papst das Großherzogtum Toskana gegen die Gefräßigkeit Philipps II. verteidigen?

Zehn Minuten später traf ich in Medicis Zelle auf Alessandrino, Santa Severina, Rusticucci und d’Este, alle sehr erregt.

»Farnese ist dabei, eine raffinierte Intrige einzufädeln«, sagte Medici. »Er will sich unseren Brauch zunutze machen, daß wir einem neu ins Konklave eingeführten Kardinal alle zur Begrüßung entgegengehen. Farnese hofft, bei Torres’ Ankunft genug Kardinäle für seine Sache versammelt zu haben, um eine Wahl per Akklamation zu erreichen. In der allgemeinen Konfusion und Aufregung dieses Augenblicks – so hofft er – wären dann die Pro- und Kontra-Stimmen unmöglich zu zählen.«

|367|»Das ist nicht ungeschickt«, sagte d’Este, »aber auch wir können uns dieser Kriegslist bedienen. Laßt uns unverzüglich einen Kandidaten benennen, um Unterstützung für ihn werben und ihn vor Torres’ Ankunft durch Akklamation wählen, wenn wir alle in der Kapelle versammelt sind.«

»Gut, die Zeit drängt«, erwiderte Medici. »Entscheiden wir uns für einen Kandidaten, und zwar schnell. Ich selbst scheide als Bewerber aus.«

»Und ich komme rein rechnerisch auch nicht in Frage«, meinte d’Este. »Stünde ich zur Wahl, bekäme ich nicht einmal alle Stimmen der drei französischen Kardinäle, denn Pellevé ist ein erbitterter Parteigänger der Liga.«

»Ich für mein Teil hege keine so hochfliegenden Pläne«, sagte Rusticucci.

Damit wollte er ausdrücken, daß er gern vom neuen Papst ein hohes Amt im Staat erhalten würde, was ihm Gregor XIII. stets versagt hatte.

»Meine Pläne«, sagte ich, »fliegen nicht; sie schwimmen – mit Kurs auf Venedig!«

»Und die meinen tun beides nicht, weder fliegen noch schwimmen«, äußerte sich Alessandrino zurückhaltend.

»Und ich«, sagte Santa Severina, der wirklich jung war und sich die unbekümmerte Fröhlichkeit der Jugend erhalten hatte, »ich muß nicht erst ausscheiden, ich bin bereits ausgeschieden.«

Bei dieser witzigen Bemerkung des putto-papa mußten trotz des Ernstes der Stunde alle lächeln.

»Beeilen wir uns, die Zeit drängt«, mahnte Medici. »Torres kann jeden Moment erscheinen. Ich schlage Montalto vor.«

Einen Moment herrschte Schweigen; jeder für sich prüfte und wog das Gewicht dieses Namens.

»Er wird sich deutlich von Gregor XIII. unterscheiden«, begann Santa Severina. »Er ist ein tugendhafter, fähiger und sehr arbeitsamer Mann.«

»Ich schätze Montalto«, meinte Kardinal d’Este. »Er hat die Pension von Philipp II. ausgeschlagen.«

»Aber er hat für Farnese gestimmt«, hielt Alessandrino dagegen.

»Eine einfache captatio benevolentiae1 «, sagte Medici. »Er |368|wußte genau, daß Farnese seit dem Krawall des Pöbels nicht mehr die Spur einer Chance hatte.«

»Und Ihr, Cherubi?« fragte d’Este und hob die Brauen. Alle schauten zu mir, denn jedermann kannte die Differenzen, die es zwischen mir und Montalto gegeben hatte.

»Ich bin Montalto zutiefst dankbar«, antwortete ich mit gespieltem Ernst, »daß er mich ›zu meinen Gondeln‹ zurückgeschickt hat. Ohne diese Entlassung wäre ich niemals Kardinal geworden. Ich werde für Montalto stimmen.«

Die ganze Runde lächelte, also hatte ich mich wohl einigermaßen geistreich aus der Affäre gezogen. Wenn die Chancen Montaltos stiegen (was sehr wahrscheinlich war), wäre es gut – so meine Überlegung –, einer seiner engagierten Befürworter zu sein: meine venezianischen Ambitionen bedurften der wohlwollenden Zustimmung des künftigen Papstes.

»Das Gute an Montalto ist – abgesehen von seinen persönlichen Qualitäten –, daß er nach Perettis Tod nur noch Neffen hat, die für Staatsämter zu jung sind. Der Nepotismus Gregors XIII. war abscheulich: nachdem er seine ganze Verwandtschaft versorgt hatte, blieben keine hohen Posten mehr übrig, die nach Verdienst hätten vergeben werden können«, sagte Rusticucci.

Man stimmte zu, nicht ohne eine gewisse Belustigung. Denn keinem war entgangen, daß »nach Verdienst« im Klartext heißen sollte: »an Rusticucci«.

»Alessandrino?« fragte Medici.

»Ich bin natürlich einverstanden«, antwortete der, wie immer von oben herab. »Warum sollten wir gegen diesen armen Alten stimmen? Er wird in uns seine Meister finden.«

»So, glaubt Ihr?« fragte Medici.

 

 

Fürst Paolo Giordano Orsini,

Herzog von Bracciano:

 

Am 11. April, also zehn Tage vor Eröffnung des Konklaves, nahmen meine Theologen die Beratung über das precetto auf. Und zwölf Tage später hatten sie immer noch nichts beschlossen.

Durch eine raffinierte Vorrichtung, die ich meinem Großvater und seinem Architekten zu verdanken habe, konnte man |369|die Stimmen aus dem Saal, den ich den Theologen in Montegiordano zur Verfügung gestellt hatte, in dem darüber liegenden Raum hören. Ich hatte den Plan gefaßt, heimlich und aus der Entfernung die Debatte zu verfolgen, um mich über den Fortgang der Dinge zu vergewissern. Doch da die Theologen ihr Latein sprachen, verstand ich kein Wort. Ich bat Vittoria um Hilfe. Mit aufmerksam gerunzelter Stirn hörte sie ihnen eine reichliche Stunde zu und berichtete mir dann:

»Sie wägen endlos das Für und Wider ab, wobei sie sich zumeist auf Zitate aus der Heiligen Schrift und den Kirchenvätern stützen. Was immer sie vortragen, sie finden stets eine entsprechende Textstelle als Beleg für ihre jeweilige Ansicht. Sie sind sich in keinem Punkt einig, nicht einmal darüber, was Unser Herr Jesus Christus über die Auflösung des Ehebundes meinte: die einen behaupten, er sei eher dafür, die anderen, er sei dagegen gewesen. Sie streiten leidenschaftlich. Jeder attackiert heftig die Meinung des anderen.«

»Liebste, Ihr seid ebenso klug wie schön, und ich bewundere Euch, daß Ihr diese Pedanten verstehen könnt, die vielleicht auch rechte Schlauberger sind. Denn ich fürchte, sie werden uns mit ihren Tricks so lange hinhalten, bis eines schönen Tages das Konklave uns einen Papst beschert, ohne daß sie zu einer Entscheidung gekommen sind.«

»Das fürchte ich auch, Paolo. Mir ist beim Zuhören aufgefallen, daß mit Ausnahme von Pater Palestrino, der sie immer wieder daran zu erinnern versucht, worum es eigentlich geht, niemand von unserem precetto redet.«

»Unser precetto!« rief ich. »Wie seltsam, dieses Possesivpronomen! Doch Ihr habt recht, Vittoria, es ist wirklich unser, wie eine Krankheit, die uns verzehrt, wie ein Blutegel, der an unserer Haut klebt.«

Es war nicht gut gewesen, von einer »Krankheit, die uns verzehrt« zu sprechen. Vittorias schönes Gesicht verdüsterte sich, und ich begriff, daß sie an meine Schenkelwunde dachte, die sie stark beunruhigte, sosehr ich mich auch mühte, ihr das Fortschreiten des Übels zu verheimlichen.

»Aber Vittoria«, fuhr ich fort und tat, als wüßte ich nicht, weshalb sich ihre Miene verändert hatte, »sorgt Euch nicht; ich werde sie zur Eile antreiben und vor allem Pater Palestrino ermahnen, damit uns das Konklave nicht zuvorkommt.«

|370|Was ich noch selbigen Tages tat.

»Durchlaucht«, sagte Palestrino mit dieser kräftigen, sonoren Stimme, die mich bei seinem gebrechlichen Körper immer wieder in Erstaunen versetzte, »die frommen Patres halten Euch nicht hin. Sie sind ratlos und haben Angst.«

»Angst?«

»So wie auch ich sind sie Vertreter der Kirche, Durchlaucht, und ihren Gesetzen unterworfen. Gewiß, sie möchten sich, da sie von Euch so gut behandelt werden, in dem von Euch gewünschten Sinne äußern. Doch die Sache ist nicht ohne Risiko für sie. Weiß man denn, ob Euch der künftige Papst wohlgesinnt sein wird?«

»Ich verstehe, Pater, doch was ist zu tun, damit sie endlich zu einer Entscheidung kommen?«

»Man muß gröbere Geschütze auffahren.«

»Gröbere Geschütze?« fragte ich überrascht. »Wie denn?«

»Das sage ich Euch morgen früh, Durchlaucht, falls Ihr wirklich entschlossen seid, bis zum Äußersten zu gehen.«

Er bat, sich entfernen zu dürfen; und da ich ihn kannte und wußte, er würde auf meine Fragen nicht antworten, sondern stumm wie ein Fisch bleiben, ließ ich ihn ziehen.

Ich erzählte Vittoria von diesem Gespräch, und wir verbrachten gute zwei Stunden zwar nicht in Trübsal (waren wir nicht trotz allem zusammen?), aber in einer wenig behaglichen Mischung aus Ungeduld und Angst. Unsere Ehe schien von allem und jedem abzuhängen, von den Theologen, vom Konklave, von dem künftigen Papst, was weiß ich? – nur nicht von uns selbst!

Am späten Abend beschlossen wir, unsere düsteren Gedanken zu vergessen und Würfel zu spielen. Wir würfelten um galanten Einsatz, den wir einander ins Ohr flüsterten, denn Caterina war dabei, mit sanfter Hand das lange, schöne Haar ihrer Herrin zu bürsten.

Plötzlich wurde diskret an die Tür geklopft, der Majordomus erschien und erklärte mit vielen Entschuldigungen ob der späten Störung, ein Mönch wolle mich unbedingt sprechen. An der Beschreibung erkannte ich il mancino.

»Er soll hereinkommen«, sagte ich. »Er ist hier zu Hause.«

Man hätte meinen können, il mancino habe hinter der Tür gelauert, so schnell tauchte er vor uns auf, im Wams, die Mönchskutte |371|hatte er wahrscheinlich im Vorzimmer abgelegt. Caterina lief sofort mit einem Freudenschrei auf ihn zu, umhalste ihn und bedeckte ihn mit Küssen, was er mit Nachsicht und Geduld über sich ergehen ließ, wie einer, der solcherlei gewohnt ist.

»Ist ja gut, Schwesterchen«, sagte er, »hast du vergessen, wo du bist?«

Er machte sich von ihr los und verbeugte sich tief vor Vittoria, der er sowohl Respekt als auch Bewunderung bezeigte; seine Verbeugung vor mir war einzig von Respekt bestimmt. Wie ich schon früher beobachten konnte, hatte der Mann ein Gefühl für Nuancen.

Dann richtete er sich stolz zu voller Größe auf, wobei er stark an einen kleinen Kampfhahn erinnerte, drahtig und muskulös, wie er war. Übrigens hatte er auch Schnabel und Krallen: einen Dolch am Gürtel, einen zweiten à l’italienne auf dem Rücken und ein griffbereites Messer im Stiefelschaft. Schließlich waren die Straßen Roms so spät am Abend wenig sicher.

»Durchlaucht«, begann er würdevoll, »ich wäre nicht so kühn, Euch zu dieser späten Stunde zu stören, hätte ich nicht eine hochwichtige Nachricht für Euch.«

»Ich höre.«

»Seine Eminenz Kardinal Torres ist gestern abend in Genua eingetroffen und wird morgen nach Rom weiterreisen. Er hat es sehr eilig. Und Botschafter Olivares brennt darauf, ihn sofort nach seiner Ankunft ins Konklave zu bringen.«

Il mancino legte ein Schweigen ein, bis ich ihn fragte:

»Warum?«

»Er hat mit Kardinal Farnese ein Komplott angezettelt: bei Torres’ Eintritt ins Konklave soll Farnese die spanientreuen Prälaten zusammentrommeln und ihn durch Akklamation zum Papst wählen lassen.«

»Ein spanischer Papst!« rief Vittoria. »Oh, welche Schande!«

»Und welche Gefahr für den Fürsten und für Euch!« sagte il mancino mit einer weiteren galanten Verneigung.

»Eine Gefahr, Acquaviva?« fragte Vittoria.

»Mein Engel, ich war General in Venedigs Diensten, das reicht hin für Philipp II., mir zu mißtrauen.«

»Euch und Euren militärischen Talenten, Durchlaucht«, ergänzte il mancino. »Philipp II. verabscheut tüchtige Generäle, |372|Signora, wenn sie ihm nicht gehorchen wie Alessandro Farnese.«

»Acquaviva, deine politischen Ansichten setzen mich abermals in Erstaunen. Woher stammt deine Information über Torres?«

»Von einem meiner Mädchen«, sagte il mancino und schlug bescheiden die Augen nieder. »Obwohl sie nicht taub ist, wird sie so genannt: la Sorda. Sie ist ein vertrauenswürdiges, loyales, mir ergebenes Mädchen nicht ohne den nötigen Verstand.«

»Aber eine Hure bleibt trotzdem eine Hure«, sagte Caterina spitz.

Il mancino warf ihr einen finsteren Blick zu, und Vittoria, halb scheltend, halb fürsorglich, sagte sofort:

»Komm her, Caterina, setz dich auf diesen Schemel mir zu Füßen. Und halte deine Zunge im Zaum!«

Caterina gehorchte; Vittoria legte ihr die Hand auf die Schulter und meinte lächelnd:

»Auch ein Kammermädchen bleibt trotzdem ein Kammermädchen!«

Il mancino umfaßte die beiden Frauen mit einem schnellen Blick. Er war wütend auf Caterina, gleichzeitig aber Vittoria dankbar, daß sie ihre schützende Hand über seine kleine Schwester hielt.

»Kurz und gut, was hat die Sorda gemacht?« fragte ich.

»Sie hat mit dem Sekretär von Olivares Freundschaft geschlossen.«

»Freundschaft!« höhnte Caterina.

»Halt doch den Mund, Caterina«, sagte Vittoria und gab ihr einen Klaps auf die Wange.

Caterina haschte nach der Hand, die ihr den Schlag versetzt hatte, und küßte sie.

»Dieser Sekretär«, fuhr il mancino fort, »ist Italiener, spricht aber ausgezeichnet Spanisch. Er ist Olivares’ Dolmetscher.«

»Und wieso hat er sich der Sorda anvertraut?«

»Aus Freundschaft, wie ich schon sagte, und auch aus Empörung darüber, daß wir in Rom einen spanischen Papst haben sollen.«

»Tausend Dank, Acquaviva. Nimm bitte diese kleine Börse für deine Mühe. Soll ich dich in einer Kutsche zurückbringen lassen?«

|373|»Aufrichtigen Dank, Durchlaucht, aber das ist nicht nötig. Mein Diener«, fuhr er mit bewundernswert gespielter Nonchalance fort, »wartet im Hof mit unseren Reittieren auf mich. Doch bevor ich gehe, Durchlaucht, erlaubt mir bitte noch ein Gespräch unter vier Augen mit meiner kleinen Schwester.«

»Geh, Caterina.«

Sie sprang auf und lief zur Tür, die il mancino ihr aufhielt, nachdem er sich vor uns verneigt hatte. Er ließ sie vorangehen, nicht ohne ihr einen strengen Blick zugeworfen zu haben. Ich für mein Teil hatte noch kein Mädchen gesehen, das hurtiger der Aussicht auf zwei kräftige Ohrfeigen entgegengelaufen wäre.

»Was sollen wir tun, Paolo?« fragte Vittoria voller Angst.

»Gröbere Geschütze gegen die Theologen auffahren.«

»Wie das?«

»Morgen werde ich es wissen.«

Am nächsten Tag erhob ich mich sehr früh und nahm Pater Palestrino gleich bei seiner Ankunft beiseite, um ihn über Olivares’ Pläne zu unterrichten.

»Einen spanischen Papst!« rief er und bekreuzigte sich. »Möge dieser Kelch an uns vorübergehen! Diese Leute würden die Hälfte der Christenheit verbrennen, um die andere Hälfte zu retten!«

»Wie dem auch sei, Pater, das Konklave nähert sich seinem Ende. Ich habe also keine Minute mehr zu verlieren. Welche gröberen ›Geschütze‹ soll ich nun gegen die Theologen auffahren?«

»Gegen uns, Durchlaucht! Ich darf auf keinen Fall davon ausgenommen sein.«

Und er bedeutete mir, mich herabzubeugen, und flüsterte mir etwas ins Ohr.

Ich verließ ihn, um meinem Majordomus Instruktionen zu erteilen, die diesen höchlichst erstaunten; als ich von ihm dann erfuhr, daß alle Theologen versammelt seien, betrat ich den Saal und sagte laut:

»Ehrwürdige Patres, ich bitte Euch auf ein Wort. Da ich des Lateinischen unkundig bin, werde ich einfach und klar auf gut italienisch zu Euch sprechen. Seit zwölf Tagen debattiert Ihr ohne jedes Ergebnis. Diese Verzögerung ist meiner Sache sehr schädlich, und ich kann das nicht länger dulden. Daher habe ich |374|beschlossen, Euch so lange in Montegiordano einzuschließen, bis Ihr zu einem Ende gekommen seid. Ihr werdet nicht Hungers sterben, sondern Brot und Wein nach Belieben haben.«

»Wie!« rief Pater Palestrino mit gespielter Empörung. »Sind wir etwa Eure Gefangenen, Durchlaucht?«

»So ist es, Ehrwürden.«

»Aber das ist Tyrannei!« sagte ein anderer Pater in einem Ton, der gekränkt klingen sollte.

Daraufhin entstand ein Gemurmel, und einer der Patres sagte noch:

»Ihr tut uns Zwang an!«

»Ehrwürdige Patres«, sprach ich mit Entschlossenheit, »bitte laßt uns nicht streiten. Ich schreibe Euch Eure Entscheidung nicht vor. Ich will sie nur beschleunigen.«

Ich grüßte mit einem leichten Kopfnicken, verließ den Saal und verriegelte hinter mir die Tür.

Vittoria, der ich die Geschichte erzählte, sah mich groß an und sagte:

»Ich stelle mir vor, wie sie vor Wut schäumen.«

»Zumindest wollen sie diesen Eindruck erwecken. In Wirklichkeit sind sie begeistert. Jetzt ist alles viel einfacher für sie: Wenn ihre Ansicht über das precetto den Zorn des künftigen Papstes auf sie lenkt, können sie sich hinter dem Argument verstecken, ich hätte ihnen Gewalt angetan, und sagen: ›Was sollten wir machen, Allerheiligster Vater? Der Fürst hat uns genötigt!‹«

Ich beschränkte mich nicht darauf, die Theologen einer ebenso strengen Klausur zu unterwerfen, wie sie den Kardinälen im Konklave auferlegt war, sondern schickte ihnen stündlich meinen Majordomus, um nachfragen zu lassen, wie weit sie mit ihrer Arbeit seien.

Diese Hartnäckigkeit trug Früchte, denn um sechs Uhr abends brachte mir der Majordomus eine Rolle, deren Siegel ich sofort erbrach. Aber da das Schriftstück in Latein abgefaßt war, mußte ich warten, bis Vittoria, die in ihrem Zimmer ruhte, meiner Bitte folgte und es mir übersetzte.

Hier nun das Gutachten, wie ich es aus dem Gedächtnis mit einfachen Worten wiedergeben kann, denn es war eingebettet in die Rhetorik der Kirchensprache, die ich hier nur andeuten kann.

 

|375|Punkt eins:

Wir haben mit großer Beflissenheit das precetto studiert, durch welches der tief betrauerte Allerheiligste Papst Gregor XIII. das Eheband zwischen dem Fürsten Paolo Giordano Orsini, Herzog von Bracciano, und Signora Vittoria Accoramboni, Witwe des Signor Francesco Peretti, aufgelöst hat. Sowohl wegen seines fehlerhaften Lateins als auch wegen der wenig stichhaltigen Entscheidungsgründe deucht uns, als sei dieses precetto nicht vom Heiligen Vater selbst, sondern von einem Sekretär verfaßt worden.

 

Punkt zwei:

Die im precetto für die Auflösung der Ehe angeführten Gründe sind moralischer Natur. Es wird suggeriert – aber nicht klar gesagt –, daß besagte Ehe anstößig sei, weil Francesco Peretti auf Befehl des Fürsten ermordet worden und die Signora heimliche Komplizin dabei gewesen sein soll. Einerseits wird in keiner Form ein Beweis erbracht, um diese implizierte Anschuldigung zu belegen, andererseits läßt der Untersuchungsbericht des Bargello, von dem wir Kenntnis genommen haben, keinerlei Rückschlüsse auf eine Schuld der Betroffenen zu. Auch war, als Signora Vittoria Accoramboni in der Engelsburg eingekerkert wurde, keine Rede davon, sie vor ein Gericht zu stellen. Daraus läßt sich vermuten, daß die gegen sie sprechenden Verdachtsmomente zu geringfügig waren, um den Richtern vorgetragen zu werden.

 

Punkt drei:

Das precetto wurde erlassen auf Antrag zweier durchlauchtigster Herren, deren Namen wir hier aus ehrenwerten Gründen verschweigen und die beide angeheiratete Verwandte des Fürsten Orsini sind. Die Motive, auf die in ihrem Antrag vorrangig Bezug genommen wird, sind moralischer Art und mit denen identisch, die wir weiter oben bereits untersucht haben. Es bleibt also unserer Analyse nichts hinzuzufügen. Allerdings liegt der Gedanke nahe, daß weltliche Beweggründe die Antragsteller beeinflußt haben, die vielleicht meinten, eine Wiederheirat des Fürsten Orsini könnte den Interessen seines Sohnes aus erster Ehe schaden.

 

|376|Erste Schlußfolgerung:

Trotz der Schwächen, Auslassungen und Ungenauigkeiten, welche die Entscheidungsgründe des precetto aufweisen, darf dieses nicht als hinfällig angesehen werden auf Grund der Heiligkeit des tief betrauerten Allerheiligsten Papstes Gregor XIII., der durch die Eingebung des Heiligen Geistes ex cathedra befunden und geurteilt hat. Es darf auch nicht unterstellt werden, der Tod des tief betrauerten Allerheiligsten Papstes Gregor XIII. mache obengenanntes precetto ungültig, ohne daß dies ausdrücklich von seinem Nachfolger erklärt wird.

 

Zweite Schlußfolgerung:

Andererseits kann das im precetto den Betroffenen auferlegte Verbot, eine neue Ehe einzugehen, zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht als zwingend angesehen werden. Erstens, weil der so tief betrauerte Allerheiligste Papst Gregor XIII., der zu seinem Schöpfer in die ewige Glückseligkeit heimgerufen wurde, unser irdisches Jammertal verlassen hat und folglich nicht mehr imstande ist, Zuwiderhandlungen zu bestrafen. Zweitens, weil niemand präjudizieren darf, was der künftige Papst in dieser Angelegenheit befinden wird; Wunsch und Willen seines Vorgängers können für ihn nicht bindend sein, und er wird in voller Souveränität seine eigenen Entscheidungen treffen.

 

Nachdem mir Vittoria dieses Gutachten übersetzt hatte, begab ich mich zu den Theologen und sagte:

»Ehrwürdige Patres, Euer Gutachten ist ein Meisterwerk an Weisheit, Umsicht und Mäßigung. Es erfüllt mich mit großer Genugtuung. Meine unendliche Verbundenheit ist Euch auf immer gewiß. Dank Euch werden die Signora und ich wieder als christliche Eheleute in Würde und Treue zusammenleben können. Wollet noch einen Moment verweilen, bis mein Majordomus jedem von Euch ein materielles Unterpfand meiner Dankbarkeit überreicht hat. Ehrwürden, ich bitte Euch um Euer aller Gebet, damit das von Euch gerettete Band niemals wieder aufgelöst werden möge.«

Daraufhin verneigten sich die Theologen und ließen ein freundliches Gemurmel hören. Ich begab mich aus dem Saal, und mein Majordomus rief als ersten Pater Luigi Palestrino auf. Doch ehe er aus Montegiordano schied, wollte ich ihn |377|noch einmal sehen, ging ihm entgegen und schloß ihn bewegt in die Arme, erstaunt darüber, nur ein Skelett an mich zu drücken.

»Durchlaucht, Ihr erdrückt mich«, sagte der Pater, und seine Wangen röteten sich ein wenig. (Doch kann man von Wangen sprechen, wo nur pergamentene Haut die völlig fleischlosen Backenknochen überspannte?)

»Verzeiht, Pater!« bat ich. »Aber Euch habe ich alles zu verdanken.«

»In Wahrheit haben weder ich noch die anderen Patres viel geleistet. Ich weiß nicht einmal, ob wir berechtigt waren, das wenige, das wir getan haben, auch wirklich zu tun. Es genügt zwar, Euch die Wiederheirat zu erlauben. Doch Eure neuerliche Verbindung bleibt gefährdet, solange der künftige Papst sie nicht gebilligt hat.«

Darüber täuschte ich mich nicht: er sagte die Wahrheit. Unser Warten und Bangen waren noch nicht vorbei. Wir hatten erst eine Etappe zurückgelegt.

Am folgenden Tag, dem 24. April 1585, heiratete ich Vittoria in der Kapelle von Grottapinta zum zweiten Mal.