KAPITEL 15
Am Ende der Zeit
Mit Entsetzen sah Rijana
den Adler von Westen her heranfliegen. Ihre Verbündeten begannen,
in Richtung Tirman’oc zu flüchten, so, wie Thalien es ihnen
befohlen hatte. Aber Ariac war weiter im Norden, sie konnte ihn auf
der Anhöhe mit König Scurr kämpfen sehen, und es gelang ihr einfach
nicht, näher an ihn heranzukommen.
Broderick galoppierte an ihr vorbei.
»Jetzt komm schon, wir müssen uns beeilen!«
Aber Rijana konnte und wollte Ariac nicht im Stich
lassen. Sie musste ihm helfen.
Broderick fasste sie am Arm und wollte sie mit sich
ziehen. Doch Rijana machte sich los, und schon waren sie durch eine
Horde Orks getrennt, die den fliehenden Kriegern
hinterherstürzte.
Erneut drückte Rijana ihrer Stute die Fersen in die
Flanken und trieb sie an. Nichts konnte sie davon abhalten, Ariac
beizustehen.
Einen Augenblick lang war Scurr unaufmerksam.
Auch er hatte den gewaltigen Adler gesehen und gespürt, dass etwas
vor sich ging.
Dies nutzte Ariac aus. In einer verzweifelten
Aktion sprang er vorwärts, denn er wusste, dass die Zeit nun knapp
wurde.
König Scurr schwang sein Schwert hoch und wehrte
Ariacs Klinge zumindest so weit ab, dass sie ihn nur streifte.
Dabei riss er das Hemd des Steppenkriegers auf und entdeckte das
Amulett mit den elfischen Runen. Jetzt wusste er, weshalb seine
Magie nicht wirkte.
Der Steppenkrieger sprang erneut auf ihn zu, deckte
ihn mit Schlägen ein, und Scurr tat so, als würde er straucheln.
Ariac warf ihn zu Boden, doch das war es, was Scurr beabsichtigt
hatte. Er riss Ariac die Kette vom Hals, auch wenn es ihm dabei die
Hand versengte und er vor Schmerz aufschrie.
Scurr lag unter ihm. Ariac packte sein Schwert und
wollte zustechen, wollte Kâârs Geist endgültig aus dieser Welt
verbannen, als ihn eine gewaltige magische Kraft mitten in der
Brust traf. Er konnte nicht mehr atmen, nicht mehr denken und sich
nicht mehr bewegen.
Du kannst mich nicht
besiegen, dröhnte Kâârs zynische Stimme in seinem
Inneren.
Dunkelheit drohte, ihn zu übermannen, Ariac spürte,
wie sich der Griff um sein Schwert lockerte.
Doch dann sammelte Ariac noch einmal all seine
Kräfte und beschwor die Stärken seiner Freunde. Brodericks Willen,
Falkanns Entschlossenheit, Tovions Klugheit, Rudrinns
Unerschrockenheit, Saliahs Anmut und Rijanas Liebe. Mit letzter
Kraft warf er sich nach vorn und trieb König Scurr sein Schwert
direkt ins Herz.
Entsetzt und fassungslos riss Scurr die Augen auf.
Ein seltsames Wesen, geisterhaft und düster, löste sich aus dem
toten Körper, schien sich heftig zu wehren und verschwand dann für
immer vom Antlitz dieser Erde.
Aber das alles bekam Ariac nicht mehr mit. Während
er auf die Seite kippte, liefen all seine Leben noch einmal vor
seinem geistigen Auge ab. Zuletzt sah er seine Eltern, seine
Schwestern und den kleinen Bruder, seine glückliche Kindheit auf
der Steppe. Die schwere Zeit in Naravaack und wie er und die
anderen der Sieben zu Freunden geworden waren. Ganz am Schluss,
bevor er auf dem Boden aufschlug und Dunkelheit
ihn umschloss, sah er Rijana, die durch das Steppengras auf ihn
zugerannt kam. Ihre langen Haare wehten im Herbstwind, und sie
lächelte ihn an. In diesem Augenblick wusste er, dass sich alles
gelohnt hatte.
Heilloses Chaos herrschte auf dem Schlachtfeld.
Der Wind heulte mittlerweile wie ein bösartiger Dämon. Gar nicht
weit entfernt im Norden sah man, wie Feuerfontänen in den Himmel
schossen, und eine gewaltige Flutwelle bahnte sich von Westen her
ihren Weg.
Alle, die von Thaliens Prophezeiung wussten, flohen
nach Tirman’oc. Orks, Scurrs Soldaten und seine weiteren Anhänger
dagegen rannten kopflos in alle Richtungen, nur fort von dem
Wasser, das unaufhaltsam über das Gras auf sie zuströmte. Kaum
jemand hatte bemerkt, dass Scurr besiegt war. Nun herrschte nur
noch Panik.
Endlich konnte Rijana Lenya richtig laufen lassen.
Aus dem Augenwinkel hatte sie gesehen, wie sowohl Scurr als auch
Ariac zu Boden gegangen waren, doch bisher war keiner von ihnen
wieder aufgestanden. Mit wenigen Galoppsprüngen war sie auf der
Anhöhe. Sie sprang vom Pferd und nahm Ariac in den Arm, der
bewegungslos auf dem verdörrten Gras lag.
Auch Rudgarrs Weg war endlich frei. Da er kein
Pferd mehr hatte, rannte er, so schnell ihn seine Füße trugen, zu
der Stelle, wo er Ariac zuletzt gesehen hatte. Als Erstes sah er
Scurr, der mit starrem und offensichtlich erstauntem Blick am Boden
lag. Stolz und Erleichterung erfüllten ihn – Ariac hatte Scurr
besiegt.
Doch dann sah er, wie Rijana Ariac im Arm hielt und
Tränen ihr Gesicht bedeckten.
»Ist er … ist er …«, keuchte Rudgarr und fiel auf
die Knie.
Rijana schluchzte auf. »Was nützt es denn, wenn er
Scurr
besiegt hat?« Sie wurde wütend. »Verdammt, Thondra, was nützt es,
wenn er jetzt tot ist?«
Mit zitternder Hand berührte Rudgarr seinen Sohn,
der ganz friedlich und mit einem Lächeln auf den Lippen in Rijanas
Armen lag. Auf der Brust hatte er allerdings eine tiefe Brandwunde,
selbst die feinen Glieder des Kettenhemdes waren verschmort.
Rudgarr schloss kurz die Augen und schluckte seine
eigenen Tränen herunter.
»Komm, Rijana, der Adler ist erschienen. Wir nehmen
Ariac mit uns.«
Aber sie schüttelte nur den Kopf und drückte Ariac
an sich. »Nein, ich will nicht. Ich bleibe hier.«
»So sei doch vernünftig«, verlangte Rudgarr und
stand auf. Nicht weit von ihnen überschwemmten gewaltige
Wassermassen das Land, selbst unterhalb des Hügels hatte sich
bereits Wasser gesammelt. Der Wind wurde immer stärker.
»Rijana, komm mit mir. Ariac hätte es so
gewollt.«
Aber sie schüttelte weiterhin den Kopf und
streichelte über Ariacs Gesicht. »Ich hätte ihm helfen müssen, ich
bin zu spät gekommen. Wenn Thondra ihn geholt hat, dann soll er
auch mich nehmen.«
»Rijana, bitte.« Rudgarr raufte sich die Haare und
wollte Rijana hochziehen, doch sie wehrte sich.
Der Steppenmann wusste nicht, was er tun sollte. Er
überlegte sogar, Rijana bewusstlos zu schlagen. Ariac hätte
gewollt, dass er sich um sie kümmerte und sie rettete. Da sah er
Thalien auf sie zukommen.
Der Elf galoppierte den Hügel hinauf und kniete
sich neben Rijana und Ariac, dann sprach er einige elfische Worte
und blickte in den dunkler werdenden Himmel.
»Wir müssen uns beeilen, die Zeit ist
gekommen.«
»Sie will nicht mitgehen«, rief Rudgarr
verzweifelt.
Thalien kniete sich neben Rijana und streichelte
über ihre
tränenverschmierte Wange. »Lass Ariacs Opfer nicht umsonst gewesen
sein.«
»Nein«, schluchzte sie, »ohne ihn will ich nicht
weiterleben.«
»Komm mit uns«, bat der Elf.
Doch Rijana versteckte ihr Gesicht in Ariacs Haaren
und ließ nicht mit sich reden. »Ich verfluche Thondra und all die
anderen Götter«, schluchzte sie plötzlich, und wie als Antwort fuhr
ein gewaltiger Blitz nicht weit von ihnen in den Boden. »Wir sind
doch nur ihre Werkzeuge. Wir sind ihnen doch vollkommen
egal!«
Als Thalien klar wurde, dass er sie nicht würde
beruhigen können, stand er auf und deutete auf die heranströmenden
Wassermassen.
»Wir müssen wirklich gehen, Rudgarr.«
»Ich lasse Rijana nicht hier«, widersprach der
Steppenmann entschieden, »das bin ich meinem Sohn schuldig.« In
seinen dunklen Augen sammelten sich Tränen, als er auf ihn und
Rijana blickte. »Die beiden hätten miteinander glücklich werden
sollen. Ich wünschte, ich könnte mein Leben für das seine
geben.«
Daraufhin blickte Thalien den Clanführer der
Arrowann so durchdringend an, dass Rudgarr sich ganz seltsam
fühlte.
Die melancholischen Augen des Elfen schienen in
eine andere Welt zu blicken. Dann legte er Rudgarr eine Hand auf
den Arm. »Du kannst es nicht. Aber in meiner Macht liegt es.«
»Wie?« Rudgarr starrte den Elfenkönig fassungslos
an.
»Wir Elfen können unsere Unsterblichkeit opfern, um
jemanden zu retten, der uns sehr am Herzen liegt.«
»Du willst …«, stammelte der Anführer der Arrowann
hoffnungsvoll und gleichzeitig skeptisch.
»Ich habe über achttausend Jahre gelebt und so
vieles gesehen.« Er blickte auf Rijana, die gar nicht mitbekommen
hatte, was die beiden Männer redeten. »Diese beiden jungen Menschen
kannte ich seit ihrer ersten Schlacht. Sie haben sich immer
geliebt. Und in keinem ihrer Leben ist es ihnen vergönnt gewesen,
mehr als ein paar Jahre zusammen zu verbringen, und selbst diese
kurze Zeit war geprägt von Blutvergießen, Verzweiflung und
Entbehrungen.« Er lächelte. »Diesmal soll es anders sein.«
Rudgarr suchte noch immer nach Worten. Doch der
Elfenkönig deutete entschieden in Richtung Tirman’oc. »Du musst
jetzt gehen. Nimm mein Pferd und reite schnell. Ich werde deinem
Sohn das Leben zurückgeben.«
»Aber …«, setzte Rudgarr an, doch Thalien pfiff
nach seinem silbernen Hengst und half dem Steppenmann mit sanfter
Gewalt hinauf. Dann redete er in seiner Sprache mit dem Pferd,
sodass es den Hügel hinabstürmte.
Anschließend kniete sich Thalien neben Rijana, die
ihn gar nicht wahrzunehmen schien. Er nahm ihre Hand und erklärte,
was er vorhatte.
»Du kannst ihn zurückholen?«
Thalien nickte. »Mit deiner Hilfe und deiner Liebe.
Wenn Ariac aufgewacht ist, werde ich nur noch kurze Zeit leben.
Versucht nicht, mich zu retten, und reitet, so schnell ihr könnt,
nach Tirman’oc.« Er lächelte. »Und sag Elli’vin, Bali’an, Tja’ris
und den anderen, dass ich sie liebe und dass es meine freie
Entscheidung war.«
Unentschlossen blickte Rijana auf Ariac, der leblos
in ihren Armen lag, und dann auf den König vom Mondfluss.
»Aber du kannst doch nicht … würdest du wirklich …
Thalien …«
Er streichelte über ihre Wange. »Auch Elfen werden
eines Tages wiedergeboren. Hab keine Angst, wir werden uns
wiedersehen.«
Rijanas Stimme zitterte, als sie Ariacs kalte Hand
streichelte und den König vom Mondfluss hoffnungsvoll und ängstlich
zugleich ansah. »Du bringst ihn mir zurück?«
Thalien nickte, nahm Rijanas und Ariacs Hände in
seine und begann, den mächtigsten aller elfischen Zauber zu
sprechen. Währenddessen stieg das Wasser immer weiter an, und die
Erde bebte. Blitze zuckten durch den nachtschwarzen Himmel und
beleuchteten Thaliens, Ariacs und Rijanas Gesichter.
Rijana konnte sich später an nichts mehr erinnern,
nur, dass Ariac plötzlich hustete, sich bewegte und zögernd die
Augen aufschlug. Sie weinte und lachte gleichzeitig und drückte ihn
fassungslos an sich. Thalien dagegen schien um Jahre gealtert zu
sein. Sein glattes Gesicht wirkte erschöpft und zerbrechlich.
»Geht jetzt und beeilt euch.«
Obwohl sie wusste, was er gesagt hatte, zögerte
Rijana, sie wollte Thalien nicht zurücklassen. Doch als sie ihn ein
letztes Mal umarmte, wusste sie, dass es sein musste.
Rijana half Ariac auf.
»Kannst du reiten?«
Er wirkte noch immer verwirrt, blickte auf den
toten Scurr, dann auf die Wunde in seiner Brust. »Ich denke schon«,
keuchte er und hielt sich schwankend an Nawárrs Sattel fest.
Rijana half ihm hinauf, dann drehte sie sich zu
Thalien um, der auf dem Hügel kauerte und ihr beruhigend
zulächelte.
»Du brauchst mir nicht zu danken. Werdet
glücklich!« Er hob seine Hand, dann umhüllte ihn der Nebel.
»Was ist mit Thalien?«, fragte Ariac, der sich
seltsam benommen fühlte und die Welt um sich herum wie durch einen
Schleier wahrnahm.
Rijana hatte Tränen in den Augen, doch dann drückte
sie seine Hand. »Es ist schon gut. Komm, wir müssen fort von hier.«
Sie galoppierte mit Lenya an, und Nawárr folgte ihr wie ein
Schatten. Das Wasser war bereits mehr als fesselhoch, und die
gewaltigen Wellen kamen bedrohlich näher.
Rijana stürmte auf Lenya voran und warf immer
wieder
besorgte Blicke nach hinten. Doch wie es aussah, konnte sich Ariac
im Sattel halten.
Nur durch das Licht der Blitze konnte Rijana
erkennen, wohin sie ritt. Das Wasser stieg immer weiter und
verlangsamte den rasenden Galopp von Lenya und Nawárr. Leichen
schwammen im Wasser, aber Rijana versuchte, sie zu ignorieren. Ihr
einziges Ziel war der bewaldete Hügel von Tirman’oc, dort wären sie
in Sicherheit, aber dieser schien noch unendlich weit entfernt zu
sein.
Sie hielt ihre Stute zurück und blickte besorgt auf
Ariac, der vornübergebeugt auf seinem Hengst saß und sich am Sattel
festhielt. Von dem Inferno, das um sie herum tobte, schien er gar
nichts mitzubekommen.
»Es ist nicht mehr weit«, sagte Rijana beruhigend
und legte ihre Hand auf seine.
»Wo bin ich eigentlich?«
»Du musst noch kurz durchhalten. Wir müssen
weiter.«
Wasser umspülte die Beine der Pferde und machte sie
unruhig.
»Ariac, nicht einschlafen«, drängte Rijana und
schüttelte ihn.
Schließlich hob er den Kopf und nickte.
Nawárr und Lenya trabten tapfer durch das steigende
Wasser, während ununterbrochen Blitze vom Himmel zuckten und ein
heftiger Regen auf sie niederging.
Falkann war einer der Letzten, der auf dem Hügel
von Tirman’oc ankam. Seine Freunde begrüßten ihn erleichtert, als
er blutüberströmt, nass und erschöpft vom Pferd rutschte.
»Wo sind Rijana und Ariac?«, keuchte er. »Hat er
Scurr besiegen können?«
Niemand konnte ihm darauf eine Antwort geben.
Falkann blickte sich besorgt um. »Wo ist
Leá?«
»War sie nicht bei dir?«, fragte Nelja erschrocken
und zuckte zusammen, als ein Blitz in der Nähe einschlug.
»Sie war ganz dicht vor mir«, rief er verzweifelt
und schwang sich erneut auf sein Pferd.
»Nicht, Falkann, das Wasser steigt immer höher«,
versuchte Broderick, seinen Freund aufzuhalten.
Aber Falkann wollte nicht hören. Er sprengte den
Abhang hinunter, und sein Fuchshengst landete mit einem Satz im
Wasser.
»Leá! Leá!«, rief er immer wieder, während er in
die Richtung zurückritt, aus der er glaubte gekommen zu sein.
Leá watete durch das eiskalte Wasser und war am
Ende ihrer Kräfte. Sie war ein Stück vor Falkann gewesen, als sie
die Lanze eines Kriegers am Kopf getroffen und aus dem Sattel
gerissen hatte. Der Mann hatte es auf ihr Pferd abgesehen und war
damit geflohen.
Zunächst war Leá bewusstlos gewesen, und erst, als
das Wasser über sie hinweggeschwappt war, war sie aufgewacht. Sie
schien ganz allein zu sein. Hier und da trieb eine Leiche durch das
kniehohe Wasser. Eine Weile hatte sie nach Falkann gerufen, es dann
aber aufgegeben. In dieser Dunkelheit hatte er wohl nichts
mitbekommen.
Als der nächste Blitz vom Himmel fuhr, glaubte sie,
einen bewaldeten Hügel zu sehen. Doch wenige Augenblicke später war
sie sich nicht mehr sicher. Leá schluchzte verzweifelt auf, sie
würde es wohl nicht mehr schaffen.
Hinter sich hörte sie plötzlich etwas und sah aus
dem Augenwinkel, wie ein Mann auf sie zukam. Er hatte etwa ihre
Größe, war jedoch ziemlich breit gebaut und hatte eine klaffende
Wunde an der rechten Wange.
»Wohin flüchtest du?«, schrie er mit Panik in der
Stimme. »Wo ist es sicher?«
»Tirman’oc«, keuchte Leá und kämpfte sich weiter
voran. In der Dunkelheit erkannte sie nicht, dass der Mann König
Scurrs Uniform trug.
Die nächste Welle riss sie beinahe von ihren Füßen,
und sie schrie auf. Doch da stand Falkann vor ihr und sprang vom
Pferd auf sie zu.
»Leá!« Erleichtert nahm er sie in den Arm. Dann
hielt er sie erschrocken etwas von sich weg. »Bist du
verletzt?«
Sie schüttelte den Kopf, obwohl sie wusste, dass
sie, nass und schmutzig wie sie war, ein groteskes Bild abgeben
musste.
Gerade wollte Falkann sie auf sein Pferd heben, als
ihn jemand von hinten ansprang. Er und Leá landeten im kalten
Wasser.
Als Falkann sich wieder aufgerichtet hatte, blickte
er in das dämonische Grinsen seines Bruders.
Hyldor wollte gerade die Zügel von Falkanns Pferd
ergreifen, doch Falkann reagierte instinktiv. Ohne Pferd wären er
und Leá verloren.
Die beiden Brüder rangen um ihr Leben, während der
Regen in Strömen vom Himmel fiel und die Welt um sie herum im Chaos
versank.
Endlich hatte auch Leá sich wieder aufrichten
können, doch ihr fehlte die Kraft, um sich in den Kampf der Brüder
einzumischen. Stattdessen stolperte sie auf Falkanns Pferd zu, um
es festzuhalten.
Hyldor bemerkte, dass sein Bruder in besserer
Verfassung war als er selbst. Also tat er so, als würde er
stolpern, rannte dann jedoch auf die erschöpfte Leá zu und hielt
ihr seinen Dolch an die Kehle.
»Die Kleine oder das Pferd.«
Falkann zitterte vor Wut. »Mit ihr kannst du nichts
anfangen, wenn ich davonreite.«
»Oh, der edle Krieger aus Camasann wird doch nicht
zulassen, dass ich ihr die Kehle durchschneide, oder?«
»In Thondras Namen, Hyldor, was ist nur für ein
Monster aus dir geworden?«, schrie Falkann gegen den nächsten
Donnerschlag an.
Hyldor lachte nur spöttisch und drückte den Dolch
weiter in Leás weiche Haut.
»Gut«, resigniert hielt Falkann seinem Bruder die
Zügel seines Hengstes hin. »Nimm ihn.«
Ganz langsam kam Hyldor näher. Er ergriff die Zügel
und stieß Leá rasch zu Falkann hinüber, dann zog er sich in den
Sattel und ritt mit einem triumphierenden Lachen davon.
»Du … hättest ihm … das Pferd nicht … geben …
dürfen«, sagte Leá zitternd, als Falkann sie in seine Arme schloss.
»Jetzt sind wir beide … verloren.«
Doch Falkann lächelte sie an. »Nein, sind wir
nicht.« Er pfiff kurz, und wenige Augenblicke später stand sein
Hengst vor ihm, ohne Hyldor.
Rasch hob Falkann die fast bewusstlose Leá in den
Sattel und schwang sich hinter sie. »Wir haben auf Camasann von
Rittmeister Londov beigebracht bekommen, wie man ein Pferd so
abrichtet, dass es unsere Feinde abwirft.«
Leá lachte leise und lehnte sich zu Tode erschöpft
an Falkanns starke Brust. Als sie an Hyldor vorbeitrabten,
versuchte dieser es mit Flehen. Er bat Falkann um Verzeihung. Er
könne ihn doch nicht einfach zurücklassen, sie wären doch
Brüder.
»Du hast mich einmal zu viel betrogen«, rief
Falkann über die Schulter und galoppierte auf Tirman’oc zu.
Leá und Falkann trafen fast zeitgleich mit Ariacs
Vater ein. Rudgarr hatte viele Male versucht, Thaliens Pferd zu
wenden, um Rijana und Ariac zu helfen, doch der Hengst war nur
zielstrebig nach Tirman’oc galoppiert.
Rudgarr konnte kaum sprechen, als man ihm aus dem
Sattel half. Dann sah er seine Tochter mit Falkann den Hügel
hinaufgaloppieren. Er schloss Leá in seine Arme. »Wenigstens du
lebst noch.«
Leá schüttelte all ihre Erschöpfung ab. »Was ist
mit Ariac?«
Rudgarrs Augen schwammen in Tränen. »Ich weiß es
nicht.
Er war tot, dann kam Thalien … er wollte ihn ins Leben zurückholen
… ich weiß es nicht.«
Saliah kam mit einer Decke und legte sie Rudgarr um
die Schultern. »Jetzt komm erst mal mit uns. Vielleicht werden sie
ja bald eintreffen.« Sollte Ariac tatsächlich tot sein? Und was war
mit Rijana?
Sosehr alle auf ihn einredeten, der Steppenmann
weigerte sich, etwas anderes zu tun, als in die Nacht zu starren
und auf das Wunder zu hoffen, dass sein Sohn wirklich am Leben
war.
Falkann zwang Leá mit Gewalt, ihre Wunde von
Elli’vin behandeln zu lassen, die ihr zuerst trockene Kleidung gab
und dann eine Tasse heißen Tee.
Der Hügel von Tirman’oc war voller Menschen,
Zwerge, Elfen, und sogar einige Finstergnome hatten sich
versammelt. Man konnte schwer abschätzen, wer überlebt hatte und
wer nicht. Die Verluste waren hoch, doch noch war niemand bereit,
sich dieser Tatsache zu stellen. Saliah hatte sich schwer an einem
Bein verletzt, ihr Vater war noch bewusstlos, aber er schwebte
nicht in Lebensgefahr. Tovion würde wohl nur dank der Elfen sein
linkes Bein nicht verlieren, das ihm ein Ork beinahe durchgehackt
hatte. Auch alle anderen hatten mehr oder weniger schlimme
Verletzungen. Von Ferne hörte Falkann Skengaar mit seinem Sohn
Bocan lachen. Auch einige andere Zwerge, die er kannte, entdeckte
er zu seiner Erleichterung.
Falkanns Vater hatte noch niemand gesehen. Als
Brogan zu Falkann kam, müde, abgekämpft und zerschlagen, fragte er
mit zitternder Stimme: »Hat Rudgarr Recht? Ist Ariac tot – und
Rijana auch?«
Der Zauberer hob die Schultern und blickte auf Leá,
die bereits eingeschlafen war. »Wir wissen es nicht. Er war
vollkommen durcheinander.«
»Wir müssen zumindest Rijana suchen«, sagte Falkann
entschieden.
Doch Brogan schüttelte den Kopf. »Nein, das Wasser
steigt immer weiter, und sie waren zu weit entfernt. Jetzt können
sie sich nur noch selbst retten.«
Mittlerweile reichte das Wasser den Pferden bis
über die Brust. Lenya und Nawárr gaben alles, doch selbst diese
zähen und für den Kampf ausgebildeten Pferde waren am Ende ihrer
Kräfte.
»Lenya, bitte, bitte lauf weiter«, schluchzte
Rijana und drückte der erschöpften Stute ihre Beine in die Seite.
Sie griff nach Nawárrs Zügeln, der inzwischen auch
zurückfiel.
»Ariac, treib ihn an«, rief sie und wischte sich
die nassen Haare aus dem Gesicht.
»Rijana?«, murmelte der jedoch nur und fiel gegen
den Hals seines Pferdes.
Rijana stieß einen verzweifelten Schrei aus und
rüttelte Ariac unsanft an der Schulter. »Du gibst jetzt nicht auf,
verdammt!«, rief sie und schüttelte ihn so lange, bis er sich
stöhnend aufrichtete. »Treib ihn an, wir schaffen es!«
Noch einmal sammelten die beiden Pferde ihre
letzten Kräfte und trugen ihre Reiter durch die Fluten. Auf dem
Elfenhügel hatte man ein Feuer entzündet, und Rijana hielt mit der
Kraft der Verzweiflung darauf zu.
Eine Welle spülte über Lenyas Hinterhand, doch
endlich kletterte die Stute auf den Hügel hinauf, und auch Ariac
und Nawárr folgten, wie Rijana gerade noch mitbekam. Starke Hände
hoben sie vom Pferd, aufgeregte Stimmen fragten sie etwas, doch die
Worte verschwammen. Rijana ließ sich nur noch in die tröstende
Dunkelheit fallen, sie hatten es geschafft.