KAPITEL 6
Vereint und doch
entzweit
Es war schon spät in der
Nacht, als Ariac aufwachte. Rijana schlief neben ihm und hatte
seine Hand in ihrer. Ariac fuhr sich über das Gesicht. Er konnte
noch immer nicht glauben, dass er sie um ein Haar umgebracht hätte.
Vorsichtig löste er seine Hand und legte Rijana seine Decke über.
Dann erhob er sich mit schmerzverzerrtem Gesicht. Seine Wunde tat
höllisch weh. Langsam humpelte er durch das schlafende Lager und
blickte zum Rand der Steppe. Es war schwülheiß, in der Ferne
zuckten die fernen Blitze eines Sommergewitters.
Als sich eine Hand auf seine Schulter legte, fuhr
er zusammen. Es war Nelja. Sie sah müde aus, denn sie hatte vielen
Verletzten geholfen. Aber trotz ihrer Heilkünste waren einige nicht
mehr zu retten gewesen.
»Wie geht es dir?«
»Du hast das gut hinbekommen«, antwortete er und
deutete auf den Verband.
Nelja lächelte müde. »Das habe ich nicht
gemeint.«
Seufzend lehnte Ariac sich an einen Felsen. Ihm war
etwas schwindlig.
»Ich verstehe das nicht. Wie kann ein Mensch die
Kontrolle über einen anderen gewinnen?«
»König Scurr ist böse. Er wollte wohl, dass du ihm
um jeden Preis dienst. Aber offensichtlich hatte er keinen Erfolg.
Du hast gesiegt.«
Ariac lachte bitter auf. »Ich habe Rudrinn beinahe
umgebracht
und Rijana auch. Wer weiß, wie viele Unschuldige vorher durch mein
Schwert gestorben sind.«
Nelja nahm seine Hand: »Versuch, das zu vergessen.
Wir waren alle am Boden zerstört, weil wir dachten, du wärst tot.
Wir haben dein Schwert zwischen den ganzen Leichen gefunden. Rijana
wäre fast verrückt geworden.« Nelja lächelte. »Sie hat die ganze
Zeit behauptet, du würdest noch leben, doch niemand hat ihr
geglaubt. Am Ende behielt sie Recht.«
Ariac ließ sich zu Boden sinken.
»Und ich hatte gehofft, ihr befreit mich aus
Ursann«, flüsterte er kaum hörbar.
»Wir wussten nicht, dass du noch lebst«, erwiderte
Nelja ernst. »Sonst hätten wir dich befreit, das musst du mir
glauben.«
»Es wäre besser gewesen, wenn Scurr mich getötet
hätte.«
»Ariac!«, rief Nelja entsetzt. »Warum sagst du denn
so etwas?«
»Ich bin eine Gefahr für euch. Das hast du doch
selbst gesehen.«
»Das ist nicht wahr. Es war allein Scurrs Schuld,
du kannst nichts dafür.«
Ariac vergrub sein Gesicht in den Händen, er wusste
nicht mehr weiter.
»Zeig mir deinen Rücken«, verlangte Nelja nach
einer Weile, aber Ariac reagierte nicht.
»Jetzt komm schon, ich möchte sehen, ob sich die
Wunde entzündet hat.«
»Hat sie nicht«, murmelte er.
Aber Nelja zog ihm einfach resolut das Hemd hoch.
Doch dann erschrak sie. Zuvor hatte sie in der Eile nur den Bolzen
entfernt und etwas Salbe auf die Wunde geschmiert, aber jetzt sah
sie die vielen halbvernarbten Striemen und Prellungen, die er
hatte.
»Bist du ausgepeitscht worden?«, fragte sie
entsetzt.
Ariac nickte und wollte das Hemd wieder
herunterziehen, doch Nelja hielt ihn auf. »Warte, ich habe eine
Salbe dafür.« Sie kramte in ihrem Beutel und holte einen kleinen
Tiegel heraus.
»Sag Rijana nichts davon«, bat Ariac und biss die
Zähne zusammen, als Nelja die Wunden säuberte und die Salbe
daraufstrich.
»Sie wird es ohnehin irgendwann sehen«, meinte
Nelja kritisch.
Aber Ariac schüttelte den Kopf. Das wird sie nicht, sagte er zu sich selbst, denn er
hatte einen Entschluss gefasst.
Am Morgen zählte Brogan die Überlebenden durch.
Es war besser ausgegangen, als er gedacht hatte. Trotz allem hatten
sie Freunde und Verbündete verloren. Diese wurden am Morgen
verbrannt und ihre Asche in den Wind gestreut, denn das Meer war zu
weit entfernt. Anschließend wurde besprochen, wie es weitergehen
sollte.
Rudrinn hatte zwar einen fürchterlichen
Brummschädel, aber ansonsten ging es ihm gut. Auch Ariac hatte
Glück gehabt. Der Armbrustbolzen hatte nicht viel Schaden
angerichtet, und die Wunde würde bald verheilt sein. Rijana wich
nicht mehr von Ariacs Seite, sie war überglücklich. Allerdings
wunderte sie sich, dass er so still und auch ein wenig abweisend zu
ihr war. Aber sie hielt das noch für die Nachwirkung von König
Scurrs Zauber.
»Wir haben diese Schlacht gewonnen, aber noch nicht
endgültig gesiegt«, sagte Brogan ernst. »Wir müssen uns irgendwo
sammeln und weitere Verbündete finden, denn Scurr wird nicht
einfach aufgeben.«
Diskussionen brachen an vielen Ecken aus, und alles
Mögliche wurde erwogen. Ariac hörte gar nicht zu. Rijana saß an ihn
gelehnt und lächelte ihn glücklich an, aber er hatte einen dicken
Kloß in der Kehle. So gern hätte er sich gefreut, dass
er sie wiederhatte, dass er hier bei seinen Freunden war, aber das
konnte er nicht.
»Wollen wir in die Steppe reiten, um dort zu
heiraten, oder möchtest du zuerst zu den Elfen?«, flüsterte Rijana
ihm gerade zu, und er zuckte wie vom Blitz getroffen
zusammen.
Für einen Augenblick konnte er nichts sagen,
antwortete dann aber heiser: »Zu den Elfen.«
Rijana umarmte ihn und begann, über ihre gemeinsame
Zukunft zu reden. Ariac schloss seine Augen und konnte nicht
zuhören, denn das tat ihm nur weh.
»Geht’s dir nicht gut?«, fragte Rijana plötzlich
und blickte besorgt zu ihm auf. Vorsichtig streichelte sie über den
Verband an seinem Rücken, aber er schüttelte nur stumm den Kopf und
umarmte sie fest.
Schließlich waren sich alle einig, auf König
Algrims Burg zu bleiben. Die lag auf einem gut zu verteidigenden
Hügel, und das Land außen herum war ziemlich flach und gut zu
überblicken. Falls Scurr angreifen sollte, würde man das schnell
entdecken. Dann verstreuten sich die Krieger wieder im Lager, sie
wollten erst am nächsten Tag aufbrechen.
Ariac nahm Rijana bei der Hand. »Komm bitte mit,
ich muss mit dir reden.«
Rijana erhob sich und lief fröhlich neben ihm her.
Etwas abseits, hinter einer kleinen Felsgruppe, setzte Ariac sich
hin und zog Rijana zu sich hinunter. Sie wollte ihm einen Kuss
geben, aber er hielt sie von sich weg.
»Rijana, wir können nicht …«, stammelte er und fuhr
sich über die Augen. Was er jetzt sagen musste, brach ihm das
Herz.
»Was denn?«, fragte sie und streichelte ihm über
das Gesicht.
»Ich kann dich nicht heiraten«, brach es aus ihm
heraus.
Erschrocken zuckte Rijana zurück. »Warum? Was ist
los?«
Ariac biss sich auf die Lippe. Er konnte es nicht
ertragen, ihr in die Augen zu sehen.
»Ich hätte dich beinahe umgebracht. Das kann ich
mir niemals verzeihen und …«
Sie wollte ihn unterbrechen, aber er hob die
Hand.
»Nicht, lass mich bitte ausreden«, verlangte er.
»König Scurr wird mich niemals in Ruhe lassen. Er wird mich so
lange jagen, bis er oder ich tot sind.« Ariac seufzte. »Ich dachte,
ich könnte Ursann eines Tages vergessen, aber da habe ich mir nur
selbst etwas vorgemacht, denn das werde ich niemals können.«
»Aber wir werden dir dabei helfen«, erwiderte
Rijana mit dünner Stimme.
»Es geht nicht.« Ariac wirkte plötzlich sehr
entschlossen. »Ich kann nicht bei euch bleiben. Scurr hat mich
einmal benutzt und wird es wieder tun. Er hat die Kontrolle über
mich, und es kann jederzeit wieder passieren.«
Mit Tränen in den Augen sah Rijana ihn an. »Nein,
du bleibst bei uns, und wir passen auf dich auf. Es war doch nicht
deine Schuld, und wenn Scurr mich in die Finger bekommen hätte,
dann hätte er eben mich verzaubert.« Sie blickte ihn verzweifelt
an. »Ariac, bitte, du musst bei uns bleiben.«
Doch er sprang auf und schüttelte den Kopf. »Nein,
das ist zu gefährlich. Ich muss gehen. Es tut mir leid,
Rijana.«
Plötzlich wurde Rijana wütend. Sie sprang auf und
schrie ihn an. »Ach ja, du verlässt mich einfach und machst dich
aus dem Staub. Und was ist, wenn König Scurr plötzlich Tovion oder
einen anderen verzaubert und der mich dann umbringt?«
»Daran liegt Scurr nichts. Er will mich quälen, er
wollte, dass ich dich umbringe, und ich war zu schwach, um ihm zu
widerstehen. Bei jemand anderem würde es ihm nicht halb so viel
Freude bereiten. Rijana, er will mich. Ich bin die Gefahr.«
Stur schüttelte sie den Kopf, wollte anscheinend
noch etwas sagen, rannte dann aber einfach überstürzt davon.
Ariac ließ sich zu Boden sinken. Ihn schmerzte das
alles
selbst so sehr, aber er wusste, dass es richtig war. Das, was er
vorhatte, musste er ganz allein tun. Nach einer Weile stand er auf
und ging langsam zum Lager zurück. Er sattelte Nawárr auf und
suchte anschließend Brogan.
»Kannst du die anderen holen, ich muss mit euch
reden.«
Brogan nickte verwundert, Ariac sah schon die
ganzen Tage so merkwürdig in sich gekehrt aus. Schließlich waren
alle bis auf Rijana versammelt.
»Rijana weiß es schon«, sagte Ariac, als Saliah
fragte, ob sie nicht warten sollten.
Anschließend erzählte er mit unbewegtem
Gesichtsausdruck, was er zuvor schon Rijana erklärt hatte.
Ungläubiges Schweigen machte sich breit, als er geendet
hatte.
»Das kannst du nicht machen«, sagte Rudrinn als
Erster und ging auf Ariac zu. »Verdammt, ich kann damit leben, dass
du mir fast den Schädel eingeschlagen hast, aber dass du Rijana
jetzt verlässt, wo sie so lange Zeit um dich getrauert hat, das
kannst du nicht tun.«
Ariac schüttelte stur den Kopf, seine Miene wurde
dabei noch abweisender. »Ich muss gehen, ob ihr es versteht oder
nicht.«
Heftig fluchend schubste Rudrinn Ariac zurück. »Du
bist ein Idiot! Verdammt, wir sind deine Freunde, Scurr wird dich
nicht mehr in die Finger bekommen.«
»Du kennst Scurr nicht«, erwiderte Ariac. »Und ich
hoffe, du wirst ihm niemals begegnen. Seine böse Magie ist
grenzenlos. Er hat auch schon andere Leute verzaubert. Ich würde
immer eine Gefahr für euch bleiben.«
»Hast du plötzlich Angst vor Scurr?« Rudrinn
starrte Ariac herausfordernd an. »Ich hatte dich nicht für einen
Feigling gehalten!«
Zunächst wurde Ariac wütend, doch dann riss er sich
zusammen. »Besser feige als in seiner Gewalt. Ihr solltet alle
Angst vor ihm haben.«
»Ariac, wir brauchen dich, um Scurr zu töten«,
sagte auch Tovion empört, und seine Freunde stimmten ihm zu.
»Ihr seht doch, dass ich ihm nicht widerstehen
kann! Wahrscheinlich würde ich eher einen von euch töten als
Scurr.«
Nun redeten alle auf Ariac ein und versuchten, ihn
zum Bleiben zu bringen, aber er wollte nicht auf sie hören. Brogan
hatte bisher nichts gesagt. Er konnte Ariac sogar verstehen,
wahrscheinlich hatte er nicht einmal Unrecht. Brogan wusste, dass,
wenn jemand einmal unter Scurrs Bann gestanden hatte, oft schon ein
kleiner Zauber aus der Ferne dazu führen konnte, dass er erneut
unter Scurrs Einfluss zusammenbrach. Aber auch ihm gefiel nicht,
was Ariac vorhatte.
»Lasst ihn, ich muss allein mit ihm reden«, befahl
Brogan schließlich, und die anderen verstummten.
Der Zauberer zog Ariac mit sich.
»Ich habe diese Entscheidung getroffen«,
wiederholte Ariac.
»Das ist dein gutes Recht. Aber was ist mit
Rijana?«
Ariac biss sich auf die Lippe. »Es ist besser so,
ich wäre immer eine Gefahr für sie.«
»Aber wenn sie sich entscheidet, mit dieser Gefahr
leben zu wollen?«
»Ich hätte sie beinahe umgebracht, ich darf nicht
in ihrer Nähe bleiben.«
Brogan packte ihn fest an der Schulter. »Aber ihr
seid die sieben Kinder Thondras. Nur gemeinsam seid ihr stark.
Bitte überleg es dir noch einmal. Zauberer Tomis könnte dir ein
Schutzamulett herstellen, das gegen böse Zauber schützt, und wir
würden auf dich achten.«
»Wäre dieses Amulett sicher?«, fragte Ariac halb
hoffend, halb zweifelnd.
Brogan zögerte, er wollte ihn nicht anlügen. »Scurr
ist sehr mächtig …«
»Das ist zu ungewiss.« Seine Augen wurden sehr
traurig, als er sagte: »Vielleicht kehre ich eines Tages
zurück.«
»Was hast du vor?«, fragte Brogan
misstrauisch.
»Ich werde sehen. Zuerst gehe ich zu meinen Leuten
und bitte sie, sich euch anzuschließen.« Mehr wollte er nicht
verraten.
»Und du hast keine Sorge, dass du sie gefährdest?«,
fragte Brogan ernst.
»Ich werde nicht lange bleiben«, erwiderte Ariac
abweisend und ging davon.
Brogan kehrte zu den anderen zurück, die begannen,
ihn zu beschimpfen, als er von dem Gespräch mit Ariac
erzählte.
»Ich kann ihn doch nicht fesseln«, rief er
schließlich zornig und starrte sie mit seinem ehrfurchtgebietenden
Blick an. Plötzlich fühlten sie sich in ihre Zeit als Schüler in
Camasann zurückversetzt und verstummten.
»So ein verfluchter Mistkerl, er kann Rijana doch
jetzt nicht einfach im Stich lassen«, rief Falkann wütend.
»Ich werde noch einmal mit ihm reden«, versprach
Brogan schließlich seufzend, obwohl er wusste, dass das kaum etwas
bringen würde. Brogan wollte jedoch versuchen zu verhindern, dass
sich die Sieben trennten, jetzt, wo sie endlich vereint
waren.
Ariac rannte zu Nawárr. Er musste hier so schnell
wie möglich fort. Als er Rijana bei den Pferden sah, erstarrte er.
Ihr Gesicht war tränenverschmiert, auch wenn sie sich rasch über
die Augen wischte, als sie ihn kommen sah. Er wollte sie noch
einmal in den Arm nehmen, aber sie wich zurück.
»Bitte versteh mich doch. Ich liebe dich, aber
…«
»Nein, das tust du nicht«, sagte sie mit kalter
Stimme, aber ihre Augen wirkten dabei unendlich enttäuscht und
verletzt.
»Rijana, ich …«, begann er, aber sie riss sich die
Kette vom Hals und warf sie ihm vor die Füße, dann schwang sie sich
auf Lenya und galoppierte einfach davon.
Ariac hob die Lederkette mit der Pfeilspitze und
dem geschnitzten
Knochen auf und schloss kurz die Augen. »Warum verstehst du mich
denn nur nicht?«, flüsterte er.
Dann schwang er sich auf sein Pferd und ritt rasch
in die Steppe hinaus.
Wie besessen galoppierte Rijana auf die Berge zu
und schrie all ihre Wut und ihre Verzweiflung heraus, aber auch der
rasende Galopp brachte keine Erleichterung. So lange hatte sie auf
Ariac gewartet, hatte nicht geglaubt, dass er tot war, obwohl alles
dafür gesprochen hatte. Nun war er wieder hier und verließ sie
einfach. Nichts könnte sie mehr verletzen. Es war bereits später
Abend, als sie ins Lager zurückkehrte. Saliah suchte die Freundin
schon seit geraumer Zeit und hatte gedacht, dass sie vielleicht mit
Ariac ausgeritten wäre, um noch einmal mit ihm zu reden, denn auch
Nawárr war fort.
Als Rijana mit verquollenen Augen und ernstem
Gesicht zum Lagerfeuer kam, nahm Saliah sie in den Arm.
»Rijana, es tut mir leid, wir werden versuchen, ihn
zu überreden hierzubleiben. Er muss das doch einsehen.«
Rijana schüttelte jedoch den Kopf und sagte mit
brüchiger Stimme: »Er ist fort.«
»Was? Aber Brogan wollte doch noch mal mit ihm
reden.« Wortlos setzte Rijana sich ans Feuer.
»Er ist weg«, antwortete Saliah auf die fragenden
Blicke der anderen.
Brogan sprang fluchend auf und rannte zu den
Pferden. Er hatte nicht gedacht, dass Ariac ohne ein Wort des
Abschieds einfach weggehen würde.
»So ein Mistkerl«, schimpfte Broderick und wollte
Rijana in den Arm nehmen. »Wenn ich ihn erwische, dann verpasse ich
ihm eine Abreibung …«
Doch sie hob die Hand. »Hör auf, ich will nicht
mehr von ihm reden.«
Ihre Freunde blickten betreten zu Boden und wussten
nicht, was sie sagen sollten. Brogan befragte die Krieger, die
bei den Pferden Wache hielten. Sie deuteten vage in die Richtung,
in die Ariac geritten war. Brogan galoppierte bis spät in die Nacht
hinein, aber von Ariac fand er keine Spur. Brogan fluchte. Das Land
hier war flach, man hätte Ariac irgendwo am Horizont erkennen
müssen, aber er schien wie von der Steppe verschluckt zu
sein.
»Verdammt, Junge, mach nur keinen Blödsinn«,
murmelte der Zauberer.
Er nahm sich vor, einige Männer auszuschicken, die
sich in der Steppe und in der Nähe des Elfenreichs umsehen
sollten.
Ariac war ein Kind der Steppe, er kannte jede
Senke und jedes Tal und wusste, wie man ungesehen verschwinden
konnte. Zuerst war er weit nach Norden galoppiert, da er dachte,
dass er verfolgt wurde, und er sich dort in einigen Senken
verstecken konnte. Erst als er sich weiter östlich befand, wandte
er sich nach Süden. Die Steppenleute müssten allerdings noch etwas
warten, denn es war wichtiger, zunächst Thalien zu besuchen, um
sein Schwert verzaubern zu lassen.
In dieser Nacht ging ein heftiges Gewitter
nieder. Die Erde erbebte unter den Donnerschlägen, und Wasser
überflutete die Ebenen. Eilig waren Zelte aufgebaut worden. Männer
drängten sich in den spärlichen Schutz der wenigen Felsen, die es
hier gab.
Rijana stand draußen, den Blitzen und dem Regen
unmittelbar ausgesetzt. Große Regentropfen prasselten auf sie
herab, sodass sie vollkommen durchweicht war. Warum hatte Ariac das nur getan? Wie konnte er? Sie
war so verzweifelt wie selten in ihrem Leben.
Irgendwann fand Falkann sie und führte sie zu einem
Felsen. Er wickelte sie in seinen Umhang, denn der Regen hatte die
Luft empfindlich abgekühlt, sodass Rijana vor Kälte zitterte.
»Was machst du denn da draußen?«, rief er gegen den
Donner an. »Du hättest vom Blitz getroffen werden können.«
»Das ist doch auch schon egal«, erwiderte sie und
umschlang ihre Beine.
»Rijana, nicht.« Falkann streichelte ihr über die
nassen Haare. »Ich finde auch nicht richtig, was er getan hat, aber
er wollte dich schützen.«
Sie schnaubte bitter. »Dass gerade du ihn
verteidigst.«
»Ja, gerade ich, denn er ist mein Freund geworden,
und im Gegensatz zu mir war er immer ehrlich.«
»Ich hasse ihn!«, schrie Rijana gegen den Donner
an, aber in ihren Augen sammelten sich Tränen.
Falkann drückte ihren Kopf an seine Schulter.
»Nein, das tust du nicht«, flüsterte er und streichelte sie die
ganze Nacht lang beruhigend.
Am nächsten Morgen war der Boden matschig und
aufgeweicht. Trotzdem sammelten sich alle schnell, um in Richtung
Gronsdale loszureiten. Diesmal reisten sie aber nicht heimlich,
sondern offen über die Straßen. In vielen Dörfern wurden sie mit
Jubel begrüßt. Einige Bauern schlossen sich ihnen sogar spontan an.
Die meisten Krieger zogen mit zu König Algrims Schloss, nur einige
blieben bei den Höhlen. Als Broderick Kalina sah, schloss er sie in
seine Arme, er konnte ihre Erleichterung spüren. Brogan schickte
gleich einige Späher in verschiedene Teile des Landes, denn er
traute König Scurr nicht; sicher würde bald ein neuer Angriff
folgen. Rijana war und blieb traurig und zog sich immer mehr
zurück. Sie weigerte sich hartnäckig, auch nur Ariacs Namen zu
erwähnen, obwohl sie beinahe ununterbrochen an ihn dachte. Ihre
Freunde versuchten, sie zu trösten, aber Rijana wollte eigentlich
nur allein sein. Insgeheim hoffte sie, dass Ariac sich besinnen und
zurückkommen würde, aber zugeben konnte sie das nicht.
Das Gewitter hatte einen Wetterumschwung
gebracht. Es wurde stürmisch und viel zu kalt für diese Jahreszeit.
Außerdem erschütterten erneut Erdbeben das ganze Land. Der Sommer
verabschiedete sich langsam. König Scurr verhielt sich zuerst
seltsam ruhig, bevor er dann gnadenlos zuschlug.
An einem stürmischen Herbsttag kam Brogan in das
gemütliche Kaminzimmer von König Algrim gestürmt, wo die Freunde
versammelt waren.
»Flüchtlinge aus Errindale und zum Teil aus
Northfort sind eingetroffen«, berichtete der Zauberer. »Orks haben
ihr Land überrannt und König Reenors Schloss zerstört. Außerdem
haben sie alle Flüsse vergiftet. Menschen und Tiere mussten
qualvoll sterben.«
Broderick fluchte lauthals und nahm Kalina in den
Arm. »Bin ich froh, dass du hier bei mir bist.«
Sie war reichlich blass geworden und blickte
nachdenklich auf ihren kleinen Sohn, der in einer Ecke mit dem Kind
eines Dieners spielte.
»Und wo sollen wir die vielen Leute unterbringen?«,
fragte Tovion. Das Schloss war schon jetzt bis auf den letzten
Platz belegt.
»Wenn ich das nur wüsste«, seufzte der Zauberer.
»Einige könnten in die Höhlen gehen, aber auch dort wird es eng
werden.«
In den folgenden Tagen dachte Brogan darüber nach,
wie es weitergehen sollte. Noch immer hatte er keine Nachricht von
seinen Spähern. Zudem blieb Ariac verschwunden, was ihn sehr
beunruhigte. Doch die wachsende Anzahl der Flüchtlinge ließ ihm nur
wenig Gelegenheit zu grübeln. Sie mussten irgendwie versorgt
werden, obwohl die Ernte erneut schlecht ausgefallen war und ein
harter Winter bevorzustehen schien.
Der Herbst schritt weiter voran und brachte neue
Schreckensmeldungen. König Greedeon und König Scurr hatten sich nun
offiziell verbündet. Auch Falkanns Bruder, der sich
selbst zum neuen König ernannt hatte, war ein Teil dieses
Bündnisses. Die Straßen wurden von Soldaten, die nun alle die
blutroten Mäntel tragen mussten, und Orks bewacht. Niemand in den
Ländern durfte sich noch frei bewegen, und langsam drangen Orks und
Soldaten auch nach Gronsdale vor.
»Wir werden das Schloss auf Dauer nicht halten
können«, sagte Brogan eines Tages besorgt zu König Algrim.
Der nickte zustimmend, auch ihm bereitete das
Sorgen. Im Norden wurden immer mehr Orks gesichtet, es wurde
gefährlich.
»Aber wo sollen wir hin? Es gibt einfach keinen
sicheren Ort mehr.«
Brogan seufzte. »Wir werden uns wohl verteilen
müssen. Kleine Gruppen in allen Ländern, in den Gebirgen und den
dichten Wäldern werden nicht so sehr auffallen. Wir werden durch
Falken oder Botenreiter in Verbindung bleiben und immer wieder mit
gezielten Attacken Teile von Scurrs und Greedeons Armee schwächen.
Und wir müssen eine Möglichkeit finden, Scurr vernichtend zu
schlagen.«
Zauberer Tomis fuhr sich über den Spitzbart.
»Sicher, sicher, aber ist es sinnvoll, uns zu zerstreuen?«
Londov hielt das für eine gute Idee. »Ich denke,
wir sollten es tun. Ich selbst werde hier in Gronsdale bleiben. Ich
kenne mich in diesem Land aus und kann die Angriffe
anführen.«
»Sollen wir uns noch vor dem Winter trennen?«,
fragte Tomis kritisch.
»Ja«, sagte Brogan. »Orks und Trollen sind Schnee
und Eis gleichgültig. Und falls Scurr die Flüsse vergiften lässt,
so wie in Errindale, dann sind wir verloren. Wir müssen uns
verteilen, bevor er zuschlägt.«
Am Abend wurde die Neuigkeit bereits im großen
Thronsaal verkündet und vorgestellt, wer welche Angriffe leiten
würde.
»Ich werde nach Catharga gehen und versuchen, die
Piraten
zu erreichen«, verkündete Rudrinn, der schon seit geraumer Zeit
keine Nachricht mehr von seinen Leuten bekommen hatte.
»Ich komme mit«, verkündete Saliah sogleich,
Rudrinn stimmte zögerlich zu. Da es sowieso nirgendwo mehr sicher
war, hatte er sie lieber bei sich.
Broderick, der sich gut in Errindale auskannte,
wollte eine Gruppe Krieger dort anführen. Kalina, die keine
Kampfausbildung hatte, würde zähneknirschend im Schloss bleiben,
aber sie konnte den kleinen Norick schließlich nicht allein
lassen.
Tovion und Nelja wollten nach Northfort gehen und
dort helfen, wo sie konnten. Nur Rijana hatte die ganze Zeit über
nichts gesagt, sie schien kaum noch etwas zu interessieren.
»Wo möchtest du denn hin?«, fragte Falkann
vorsichtig. »Wirst du hier im Schloss bleiben?«
Rijana zuckte die Achseln. »Wo wirst du
hingehen?«
»Nach Catharga. Ich werde versuchen, meinem
verdammten Bruder das Handwerk zu legen.«
»Aber sei vorsichtig, Falkann«, warnte
Brogan.
Er nickte grimmig.
»Ich komme mit dir«, sagte Rijana zur Überraschung
aller.
Falkann wirkte ziemlich verblüfft, stimmte aber zu.
Zauberer Tomis wollte auf dem Schloss in Gronsdale bleiben und sich
darum kümmern, dass Neuigkeiten an alle weitergeleitet wurden.
Brogan hatte den Entschluss gefasst, nach Balmacann zu
reisen.
»Es muss doch noch Krieger aus Camasann geben, die
nicht damit einverstanden sind, mit Scurr gemeinsame Sache zu
machen. Vor allem jetzt, da es offiziell ist.«
»Aber pass auf«, warnte Saliah. »Sie stehen alle
unter Greedeons und Hawionns Einfluss. Auch bei uns hat es lange
gedauert, bis wir den richtigen Weg gefunden haben.«
Fast schon väterlich streichelte er ihr über die
Wange. »Das weiß ich, mein Kind. Keine Sorge, ich kenne mich gut
aus
in Balmacann und habe dort Menschen, denen ich trauen kann.«
Dann wurden in aller Hast die nötigen
Vorbereitungen getroffen, bevor sich alle voneinander
verabschiedeten. »Rijana, vielleicht hat Ariac nach dem Winter
eingesehen …«, sagte Brogan zum Abschied, aber ihr Gesicht
verschloss sich.
»Selbst wenn, er ist für mich gestorben«, sagte sie
und wandte den Blick ab.
Falkann seufzte, aber sein Blick signalisierte dem
Zauberer, dass er auf Rijana achtgeben würde.
Allen war klar, dass sie eine ungewisse Zukunft
erwartete.
Saliah und Rudrinn hatten Glück. Noch bevor die
schlimmsten Herbststürme über das Meer fegten, gelang es ihnen mit
Hilfe einiger Piraten, im Hafen von Catharga ein Schiff zu stehlen
und durch die Teufelskralle zu segeln. Sie erreichten die
Ayrenn-Inseln wohlbehalten, und Kapitän Norwinn platzte beinahe vor
Stolz über seine zukünftige Schwiegertochter.
Brogan reiste über das Donnergebirge und hörte sich
vorsichtig um. Es gab zwar viele kritische Stimmen, aber jeder
hatte Angst vor Scurr. Nicht nur Greedeons Männer patrouillierten
durch die Dörfer, sondern auch die Blutroten Schatten aus Ursann.
Trotzdem gelang es dem Zauberer im Laufe des Winters, noch einmal
etwa zweihundert seiner ehemaligen Schüler für seine Sache zu
gewinnen.
Broderick führte den ganzen Herbst über Angriffe in
Errindale durch. Seine Heimat war von Orks überrannt worden und
große Teile des Landes zerstört oder verseucht. Es waren nur kleine
Erfolge, die er mit seinen Leuten erzielte, aber sie setzten Scurr
zu und ärgerten ihn maßlos.
Auch Rittmeister Londov war in Gronsdale
erfolgreich. Ihm gelang es, die roten Soldaten und Orks, die aus
dem Gebirge ins Land drängten, einigermaßen unter Kontrolle zu
halten.
Nelja und Tovion waren in Northfort aktiv. Auch sie
führten Angriffe an, halfen Flüchtlingen und rekrutierten neue
Männer für ihre kleine Armee.
Erst zu Einbruch des Winters erreichten Rijana und
Falkann Catharga. Auch hier wimmelte es von Orks und Blutroten
Schatten. In den Bergen wären sie einmal beinahe erwischt worden,
doch sie schafften es, in letzter Sekunde zu fliehen. Etwa
fünfundzwanzig Krieger begleiteten sie, die unter ihrer Leitung
immer wieder Orks und Scurrs Soldaten angriffen. Eines Nachts
lagerten sie nicht weit vom Schloss von Falkanns Vater. Falkanns
Gesicht wirkte ernst und verschlossen. Auch Rijana war unglücklich,
aber die Kämpfe und Angriffe hatten sie ein wenig abgelenkt.
Sie setzte sich neben Falkann an das kleine Feuer,
das von einigen Felsen abgeschirmt wurde. Der Boden war bereits
gefroren und die Nächte eisig kalt.
»Wir haben beide nicht sehr viel Glück im Leben,
oder?«¸ fragte sie plötzlich.
Falkann hob den Kopf. »Weder mit unserer Familie
noch in der Liebe, da hast du Recht.«
Rijana zog sich ihre Decke über die Nasenspitze.
»Was hast du vor?«
»Ich bin mir nicht sicher. Vielleicht sollte ich
noch einmal versuchen, mit meinem Vater zu reden. Er kann doch mit
alledem nicht einverstanden sein.«
»Aber dein Bruder ist doch jetzt König. Was, wenn
dein Vater dich ausliefert?«
»Ich bin mir nicht sicher. Auf jeden Fall sollten
wir Saliahs Eltern Bescheid geben, damit sie sich bereithalten. Ich
habe den Eindruck, dass es im nächsten Frühling wirklich ernst
wird.«
Rijana nickte und legte den Kopf auf ihre Knie.
Dann blickte sie Falkann mit traurigen Augen an. »Meinst du, das
Leben wird irgendwann auch mal wieder schön?«
Er rutschte zu ihr und nahm sie in den Arm. »Das
hoffe ich, das hoffe ich sehr.«
Am nächsten Tag, als ein furchtbarer Schneesturm
die Sicht erschwerte, ritt die kleine Gruppe zu der Burg von
Saliahs Eltern. Lady Melinah und Lord Bronkar hießen sie willkommen
und waren erleichtert, sie wiederzusehen. Sogleich bestürmten sie
die beiden mit zahlreichen Fragen. Saliah und Rudrinn hatten sie
zwar benachrichtigt, dass sie nun ein Paar waren, aber sie wollten
alles ganz genau wissen.
»Ihnen geht es gut, soweit wir wissen«, erzählte
Falkann. »Sie sind jetzt bei den Piraten.«
Lord Bronkar, ein hochgewachsener, gutaussehender
Mann, schüttelte grinsend den Kopf. »Unsere kleine Saliah eine
Piratenbraut, ich glaube es nicht!«
Auch Saliahs Mutter wusste nicht so recht, was sie
von der Wahl ihrer Tochter halten sollte. Die hübsche Frau, Saliah
hatte die Schönheit eindeutig von ihrer Mutter geerbt, fuhr sich
durch die kunstvoll aufgesteckten blonden Haare. »Na ja, wenn sie
ihn liebt, dann soll sie glücklich werden. Und -«, sie lächelte
Rijana an, »du bist ja auch mit diesem jungen Mann aus der Steppe
verlobt. Wo ist er denn?«
Rijanas Gesicht wurde ernst, und Lady Melinah rief
erschrocken: »Oje, ihm ist doch hoffentlich nichts passiert?«
»Nein, wir werden nur nicht mehr heiraten.«
»Das tut mir leid.« Sie sah das Mädchen mitfühlend
an, sagte jedoch nichts mehr.
Anschließend ging es um Falkanns Vater. Lord
Bronkar war der Meinung, dass König Hylonn mit den Machenschaften
seines jüngsten Sohnes schon lange nicht mehr einverstanden
war.
»Ich könnte ein Treffen für dich organisieren,
Falkann«, schlug Lord Bronkar vor.
»Aber was, wenn dann herauskommt, dass wir mit den
Sieben gemeinsame Sache machen?«, fragte seine Frau besorgt.
Lord Bronkar legte ihr eine Hand auf den Arm. »Das
wird es ohnehin bald. Notfalls müssen wir eben fliehen. Aber ich
werde mich Scurr nicht unterwerfen. Es reicht schon, wenn ständig
seine ekelhaften Orks über meine Ländereien trampeln.«
»Ihr müsst das nicht tun«, sagte Falkann ernst,
aber Lord Bronkar ließ sich nicht davon abbringen.
»Nicht weit von hier habe ich einen Landsitz. Ich
werde einen vertrauenswürdigen Boten schicken und deinem Vater dort
ein Treffen vorschlagen.«
Schließlich stimmte Falkann zu. Er machte sich
weniger Sorgen um sich als um Saliahs Vater, denn der hatte viel zu
verlieren. Für den Fall, dass sein Plan schiefgehen würde, ließ
Lord Bronkar alles für eine schnelle Flucht vorbereiten. Unter
seinem Schloss befanden sich unterirdische Tunnel, durch die man
notfalls in die Berge flüchten konnte.
Das Land war mittlerweile schneebedeckt, als
Falkann abreiste.
»Bitte komm zurück, ich brauche dich«, flüsterte
Rijana zum Abschied und umarmte ihn.
Er lächelte und gab ihr einen vorsichtigen Kuss auf
die Stirn. »Natürlich werde ich zurückkommen.«
Noch lange stand sie im Torbogen und blickte
Falkann nach.
Das Treffen mit seinem Vater verlief recht gut,
viel besser, als Falkann gedacht hatte, obwohl er nicht wusste, ob
er seinem Vater wirklich trauen konnte. König Hylonn behauptete,
dass ihm schon lange nicht mehr gefiel, was sein jüngster Sohn
trieb, und behauptete, er hätte vergeblich versucht, Hyldor auf den
richtigen Weg zu bringen.
König Hylonn versprach, im Geheimen einige Männer
zu sammeln und Falkann zur Verfügung zu stellen. Das war ein
Angebot, das Falkann kaum ausschlagen konnte, denn sie konnten
jeden Mann gebrauchen.
»Ich werde mit dir kommen, wenn du gegen Scurr und
Greedeon kämpfst«, verkündete der alte König zum Abschied. »Es tut
mir leid, dass ich dir nicht gleich damals geholfen habe. Ich habe
die Dinge zu lange schleifen lassen und hoffe, dass es jetzt nicht
zu spät ist.«
Falkann nickte ernst. Er wusste nicht, ob sein
Vater wirklich die Wahrheit sprach, und hatte deshalb nichts von
dem Bündnis mit Saliahs Vater erzählt. Er wollte lieber auf der
sicheren Seite bleiben und die Männer, die sein Vater schicken
wollte, an einen anderen Ort bestellen. Sollte es sich als
Hinterhalt herausstellen, konnten sie rasch handeln und würden Lord
Bronkar nicht in Gefahr bringen.
»Wir lagern in den Bergen an der Grenze zu
Errindale. Schicke deine Männer nach der Schneeschmelze
dorthin.«
König Hylonn umarmte seinen Sohn, um seine Worte zu
unterstreichen. »Ich werde dich nicht enttäuschen. Und ich hoffe,
dass du mir eines Tages verzeihen kannst.«
Falkann antwortete darauf nicht, es würde sich
schon bald zeigen, ob er die Wahrheit sprach. Dann schwang er sich
auf seinen Fuchshengst und ritt zurück zu Saliahs Eltern.
Rijana fiel Falkann erleichtert um den Hals. Sie
war unendlich froh, dass er heil zurückgekommen war.
Der Winter blieb ruhig. Hin und wieder erhielten
sie Nachricht von ihren Freunden. Allen schien es gut zu gehen. Nur
von Ariac hörte man nichts mehr.
Im Laufe des langen, kalten und einsamen Winters
kamen sich Rijana und Falkann wieder ein wenig näher. Rijana wusste
selbst nicht, was sie davon halten sollte, denn eigentlich
vermisste sie Ariac noch immer. Doch andererseits hatte er sie tief
enttäuscht, sie glaubte nicht, dass sie ihn jemals wiedersehen
würde.
Falkann drängte sie nicht. Er war für sie da,
tröstete sie, wenn er merkte, dass sie traurig war, und schaffte es
sogar, hin
und wieder ein Lächeln auf ihr ernstes Gesicht zu zaubern. Obwohl
ihm sein Verstand sagte, dass sie niemals ein Paar werden würden,
machte er sich doch Hoffnungen, und Rijana war daran nicht ganz
unschuldig. Als er ihr eines Abends am Kaminfeuer einen zaghaften
und schüchternen Kuss gab, ließ sie das jedenfalls zu.
Immer wieder hörte man Gerüchte, dass König Scurr
angeblich seine Streitkräfte in Ursann sammelte. An einem kalten
Wintertag machten Rijana und Falkann sich daher auf den Weg, das zu
überprüfen. Sie ritten über die schneebedeckten Ebenen bis zu den
Ausläufern des Gebirges. Späher hatten hier eine große Ansammlung
von Orks erblickt, die sich von Ursann aus ihren Weg durch Catharga
bahnten. Jetzt konnten auch Rijana und Falkann von einer kleinen
Erhöhung aus beobachten, wie sich die klobigen Kreaturen in
südliche Richtung wälzten.
»Was hat das zu bedeuten?«, fragte Rijana.
»Vielleicht will Scurr seine Schlacht in Balmacann
austragen.« Falkann grinste unter dem Tuch hervor, welches sein
Gesicht vor dem eisigen Wind schützte. »Es ist doch typisch für
Scurr, dass er die Länder anderer Menschen zerstören lässt und
anschließend die für sich beansprucht, die noch intakt sind.«
Nachdenklich blickte Rijana in Richtung Ursann.
Unwillkürlich musste sie an die Zeit denken, als sie mit Ariac
durch diese Berge gezogen war, doch dann verdrängte sie ihre
Gedanken schnell wieder. Dieser Teil ihres Lebens war
unwiderruflich vorbei.
Sie bemühte sich um ein Lächeln und zog Falkann auf
die Beine. »Komm, mir ist kalt, und ich möchte ins Warme.«
»Natürlich, Mylady«, antwortete er und verbeugte
sich vor ihr. Die beiden stapften leise lachend zu ihren Pferden
zurück.
Doch plötzlich ertönte über ihnen ein Ruf, und ein
Soldat
in rotem Umhang stand über ihnen. An einer schweren Eisenkette
führte er einen der zotteligen Bergtrolle mit sich, der bereits
wütend knurrte.
»Bleibt stehen, im Namen König Scurrs!«
»Lauf!«, rief Falkann und stieß Rijana
weiter.
Eilig hasteten sie den Hügel hinunter, aber in dem
tiefen Schnee kamen sie nicht schnell genug vorwärts. Schon hörten
sie den keuchenden Atem und das Brüllen des Bergtrolls, der seinem
Herrn den Weg bahnte. Das Wesen war mindestens drei Kopf größer als
Falkann und mehr als doppelt so breit. Aus einem zotteligen Gesicht
ragten spitze Fangzähne, die sichtbar wurden, als der Bergtroll
seine Kampfansage brüllte.
Falkann blieb stehen und zog sein Schwert.
»Lauf zu den Pferden, ich halte sie auf.«
»Nein, du kannst nicht allein gegen sie kämpfen«,
rief Rijana entsetzt.
»Hol die Pferde, dann können wir fliehen«, schrie
Falkann und rannte auf den Bergtroll zu, dessen Schritte den Boden
erbeben ließen.
Rijana zögerte, doch dann gehorchte sie und lief
los.
Bald hatte der Troll Falkann erreicht und schlug
mit einer großen Keule auf ihn ein. Der Soldat stand zufrieden
grinsend hinter dem Troll und wartete ab. Falkann wehrte sich mit
seinem ganzen Geschick. Der Troll war zwar plump, aber ungeheuer
kraftvoll, und Falkann war durch den Schnee behindert, denn er
konnte nicht so schnell ausweichen, wie es gerade jetzt notwendig
gewesen wäre. Nach kurzer Zeit verließ ihn die Kraft trotz seines
magischen Schwertes. Es fiel ihm immer schwerer auszuweichen, wenn
er die Keule ganz dicht an seinem Kopf vorbeisausen hörte.
In diesem Moment kam Rijana angaloppiert. Sie
stoppte in einiger Entfernung und zögerte. Falkann würde nicht
schnell genug zu ihr kommen können. Daher ließ sie die Pferde
zurück und lief etwas weiter abseits bergauf. Dort griff sie den
überraschten Soldaten von hinten an, der vor Schreck die lange
Kette des Bergtrolls losließ.
Falkann blickte nach oben. Er hatte Angst, dass
Rijana nicht allein zurechtkäme, doch seine Sorgen waren
unbegründet. Sie war eine hervorragende Kämpferin, und nach kurzer
Zeit lag der Soldat tot im Schnee. Gerade wollte Rijana Falkann zu
Hilfe kommen, als ein heftiges Beben die Berge erschütterte. Der
Boden erzitterte, und Felsbrocken rollten von den Bergen herab. Der
gewaltige Bergtroll wurde von den Füßen gerissen und polterte mit
einer Lawine den Berg hinunter, die auch Falkann erfasste. Rijana
hielt sich an einem Felsen fest und sah entsetzt, wie beide in
einer wirbelnden Schneemasse verschwanden.
Als es endlich aufhörte zu beben, war weder Falkann
noch der Troll zu sehen. Rijana lief den Berg hinunter, fiel aber
in dem tiefen Schnee immer wieder hin und kämpfte sich tapfer
weiter. Dann stieß sie auf den pelzigen Fuß des Bergtrolls, der aus
dem Schnee ragte, aber von Falkann fehlte jede Spur.
»Falkann, Falkann«, rief sie immer wieder und
begann, im Schnee zu graben.
Tränen der Wut und der Verzweiflung liefen über ihr
Gesicht, dann ließ sie sich resigniert in das kalte Weiß sinken.
Aber da erblickte sie neben sich etwas im Schnee. Ohne viel
Hoffnung ging sie darauf zu, und es war tatsächlich ein Stück von
Falkanns Umhang. Sie begann, mit beiden Händen den Schnee
wegzuschaufeln, und hatte ihren Freund nach kurzer Zeit freigelegt.
Aber er bewegte sich nicht, und Rijana nahm ihn in den Arm.
»Falkann, verdammt noch mal, du kannst mich doch
nicht auch noch im Stich lassen«, schrie sie in ihrer Verzweiflung
und schüttelte ihn heftig.
Als er anfing zu husten, konnte sie es zunächst gar
nicht glauben, aber dann öffnete er die schneeverklebten Augen und
sagte heiser: »Ich dachte schon, du wärst der Troll.«
Rijana lachte und weinte gleichzeitig, umarmte ihn
und klopfte ihm den Schnee von den Kleidern. »Und ich dachte, du
wärst tot.«
Er schüttelte den Kopf und blickte auf die Lawine.
»Da muss ich dich enttäuschen.«
»Blödmann! Fehlt dir irgendetwas?«
Falkann versicherte, dass es ihm gut ging, und
blickte ihr tief in die Augen. »Rijana, wenn dir das jetzt zu
plötzlich erscheint, dann musst du nicht antworten«, sagte Falkann
ernst und ein wenig unsicher. »Ich weiß, dass du mich niemals so
lieben wirst wie Ariac, aber ich …«
Sie legte ihm einen Finger auf die Lippen und
sagte: »Hör auf, er hat mich verlassen.«
»Ich liebe dich über alles, Rijana. Könntest du dir
vorstellen, eines Tages wieder dasselbe für mich zu empfinden?
Vielleicht nicht jetzt gleich, aber irgendwann. Ich meine, ich
würde gut für dich sorgen und immer für dich da sein, egal was
passiert.« Er blickte sie hoffnungsvoll und ängstlich an. »Weißt
du, mir ist klar, dass Ariac immer ein Teil von dir sein wird, aber
auch wenn du mich niemals so sehr lieben wirst wie ihn, dann ist
mir ein kleiner Teil doch lieber als gar nichts.«
Rijana senkte den Blick. Wahrscheinlich hatte
Falkann Recht, und es wunderte sie, dass er so offen sprach. Sie
hatte ihn gern, und vielleicht liebte sie ihn sogar ein wenig. Aber
sollte sie sich wirklich noch einmal auf ihn einlassen?
Mit einem enttäuschten Seufzen stand Falkann auf.
»Entschuldige, vergiss es einfach.«
Aber Rijana erhob sich und hielt ihn fest. »Nein,
warte, so war das nicht gemeint. Du bist mir sehr wichtig. Aber
meinst du, es würde gut gehen mit uns, nach allem, was geschehen
ist?«
Falkann nickte und blickte ihr tief in die Augen.
»Es würde mich sehr glücklich machen. Ich wollte niemals ein
anderes Mädchen, nur dich, immer nur dich.«
Rijana kämpfte mit sich. Wahrscheinlich hatte sie
ganz tief in ihrem Inneren noch immer gehofft, dass Ariac eines
Tages zurückkäme. Aber dann riss sie sich zusammen. Sie wollte ihn
ohnehin nicht mehr. Was sie nun sagte, war eigentlich eine reine
Trotzreaktion, und nachdem die Worte aus ihrem Mund gekommen waren,
wurde ihr das auch schlagartig bewusst.
»Gut, ich möchte, dass wir heiraten. Gleich hier
und jetzt in Catharga. Nicht, dass dich am Ende doch noch ein Troll
umbringt.«
Auf Falkanns Gesicht zeichnete sich Unglauben ab.
Wenn er mit allem gerechnet hätte, aber nicht damit. Er schnappte
nach Luft, und nur ganz zögernd wurde ihm bewusst, was Rijana
gesagt hatte. Ein unglaubliches Glücksgefühl durchströmte
ihn.
Rijana hingegen dachte: In
Thondras Namen, was habe ich nur gesagt?
Doch Falkann war bereits bei ihr und wirbelte sie
herum.
»Du machst mich zum glücklichsten Menschen der
ganzen Welt!«
Rijanas Lächeln wirkte etwas gequält. Aber dann
versuchte sie, realistisch zu sein. Falkann war ein guter Mensch,
er hatte Fehler gemacht, aber das hatte sie auch. Zumindest würde
er sie niemals verlassen, da war sie sich sicher.
Die beiden ritten zurück zur Burg, und Falkann
blickte Rijana immer wieder an, so als würde er Angst haben, sie
könnte es sich anders überlegen.
In Rijana tobten widerstrebende Gefühle, denn wenn
sie ehrlich zu sich war, dann wusste sie, dass sie insgeheim noch
immer auf Ariacs Rückkehr hoffte. Gleichzeitig war ihr aber klar,
dass sie ihm niemals würde verzeihen können, dass er sie im Stich
gelassen hatte. Daher wollte sie ihm so wehtun, wie er ihr wehgetan
hatte. Verzweifelt versuchte sie, sich selbst einzureden, dass
Falkann nicht nur Mittel zum Zweck war. Aber
sie liebte ihn ja wirklich, wenn auch auf eine andere Art, als es
bei Ariac der Fall gewesen war.
Saliahs Eltern waren sehr überrascht, als Falkann
ihnen die Neuigkeiten überbrachte, aber sie freuten sich für die
beiden.
Am Abend saß Falkann mit Rijana im Arm vor dem
Kamin und fragte: »Möchtest du nicht lieber, dass unsere Freunde
mit dabei sind? Wir könnten auch bis zum Frühling warten.«
Rijana schüttelte den Kopf. »Nein, wenn man wartet,
passieren immer furchtbare Dinge.«
»Na gut«, sagte Falkann und streichelte ihr
glücklich über die Haare.
Nur Rijana fühlte sich unwohl. Sie starrte in die
Flammen und wusste nicht mehr, was sie denken sollte.
Lord Bronkar hatte einen weisen Mann holen lassen,
der Rijana und Falkann am nächsten Tag trauen sollte. Rijana hatte
von Lady Melinah ein wunderschönes Kleid bekommen, das nur ein
wenig kürzer und enger gemacht werden musste. Als Rijana am Abend
vor der Hochzeitszeremonie in dem großen Ankleidezimmer stand,
fühlte sie sich schrecklich. Eigentlich hätte sie jetzt in einem
anderen Land stehen müssen und einen anderen Mann heiraten sollen.
Plötzlich hatte sie Schuldgefühle Falkann gegenüber.
Lady Melinah kam herein und betrachtete sie mit
einem Lächeln, das sehr an Saliah erinnerte.
»Du siehst wunderschön aus«, sagte sie und steckte
ihr ein paar silberne Haarspangen in die kunstvoll frisierten
Haare.
Rijana rang sich ein Lächeln ab, und Saliahs Mutter
streichelte vorsichtig ihre Wange.
»Stimmt etwas nicht mit dir?«
Rijana schüttelte den Kopf, aber aus ihrem
Augenwinkel tropfte eine Träne. Lady Melinah nahm sie in den
Arm.
»Was ist denn? Willst du nicht heiraten?«
»Ich weiß es nicht«, flüsterte Rijana. »Ich weiß
überhaupt nicht mehr, was richtig und was falsch ist.«
»Falkann wird es verstehen, wenn du noch ein wenig
warten möchtest.«
Aber Rijana straffte die Schultern und erhob sich.
»Nein, er freut sich so sehr, und er wird ein guter Ehemann sein.«
Damit lief sie in ihrem langen Kleid aus dem Raum und ließ Saliahs
Mutter nachdenklich zurück.
Melinah und ihr Mann waren von ihren Eltern
füreinander bestimmt worden, als sie sich noch gar nicht kannten.
Aber sie hatten Glück gehabt und sich lieben gelernt. Sie hoffte,
dass es Rijana ähnlich ergehen würde. Andererseits wusste Melinah
noch immer nicht, was aus dem Steppenkrieger geworden war. Rijana
hatte nie mehr von ihm gesprochen.
Falkann lächelte Rijana stolz an, als sie die
Treppe herunterkam.
Er nahm sie glücklich in den Arm und flüsterte: »Du
bist wunderschön.«
Rijana zwang sich zu einem Lächeln und ging an
seiner Seite auf den Festsaal zu. Es war nur eine kleine
Hochzeitsgesellschaft, und die Zeremonie dauerte nicht sehr lang.
Anschließend wurde ein Essen ausgerichtet, und einige Männer aus
dem Schloss musizierten.
Rijana bemühte sich wirklich, aber ihr Lächeln
wollte nicht so richtig gelingen. Im Gegensatz dazu strahlte
Falkann den ganzen Abend über, doch er merkte, dass sie etwas
beschäftigte.
Als sie am Abend in dem Zimmer auf dem Bett saßen,
das Saliahs Eltern ihnen zur Verfügung gestellt hatten, nahm
Falkann sie in den Arm.
»Bereust du es?«, fragte er und sah sie unsicher
an.
Rijana schüttelte den Kopf und drückte ihr Gesicht
an seine Schulter. Nein, sie bereute es nicht, denn sie hatte
Falkann gern und fühlte sich wohl bei ihm. Sie verfluchte sich
dafür, dass sie gerade heute unablässig an Ariac denken musste.
Er hatte sie und seine Freunde verlassen aus einem, wie ihr
schien, unsinnigen Grund. Scurr war schon immer eine Gefahr
gewesen, deshalb hätte er nicht gehen müssen. Energisch schob
Rijana jeden Gedanken an ihn zur Seite und sah Falkann an, der sie
mit so viel Liebe betrachtete, dass ihr ganz unwohl zumute
war.
Vorsichtig streichelte Falkann über ihr Gesicht und
löste die Spangen aus ihren Haaren, dann begann er, sie zu küssen.
Rijana war etwas angespannt, aber dann ließ sie es einfach
geschehen. Falkann war zärtlich und liebevoll, aber Rijana fühlte
sich furchtbar, nachdem sie mit ihm geschlafen hatte. Noch lange
lag sie wach und weinte leise in ihr Kissen, als Falkann schon
bereits neben ihr eingenickt war. Ihre Hochzeitsnacht hätte doch
eigentlich ganz anders verlaufen sollen.
Rijana und Falkann waren nun schon seit beinahe
zwei Monden verheiratet. Bisher hatten sie ihre Freunde aber noch
nicht davon unterrichtet, sie wollten es ihnen lieber persönlich
sagen. Falkann bemühte sich sehr um Rijana und tat alles, damit es
ihr gut ging, aber er spürte genau, dass sie noch immer an Ariac
dachte.
Irgendwann wird sie ihn
vergessen, dachte er immer wieder, denn er war überglücklich,
dass sie nun seine Frau war.
Schließlich erhielten sie eines Tages Nachricht von
Brogan. Alle sollten sich in Gronsdale bei den Höhlen treffen, denn
König Scurr hatte tatsächlich eine riesige Armee über die Brücke
nach Balmacann geführt. Auf dem Meer patrouillierten anscheinend
wieder große Mengen von Kriegsschiffen, und es gingen Gerüchte um,
dass Scurr plante, Brogan und die Sieben erneut herauszufordern.
Also ritten Rijana und Falkann gemeinsam nach Südosten. Falkanns
Vater hatte Wort gehalten, seine versprochenen Krieger waren keine
Finte gewesen. Er selbst ritt mit ihnen und gratulierte Falkann zu
seiner
hübschen jungen Frau. Aber Falkann blieb reserviert, er hatte
seinem Vater noch lange nicht verziehen.
Vor ihrer Abreise hatte Lord Bronkar versprochen,
seine Männer selbst nach Gronsdale zu führen. Er wollte aber einen
anderen Weg wählen, um nicht zu sehr aufzufallen. Lady Melinah
sollte mit einer Eskorte auf das Schloss von König Algrim gebracht
werden, denn seit sie gezeigt hatten, zu wem sie gehörten, war es
auf ihrer eigenen Burg nicht mehr sicher.
Es war ein warmer Frühlingstag, als Rijana und
Falkann bei den Höhlen eintrafen. Saliah und Rudrinn waren bereits
dort, ebenso Broderick. Die Freunde umarmten sich glücklich und
redeten wild durcheinander. Auch Brogan war schon seit einiger Zeit
hier und freute sich, dass es allen gut ging. König Hylonn
verkündete offiziell, dass er sich von seinem jüngsten Sohn
abgewandt hatte. Zunächst waren alle noch ein wenig misstrauisch,
allerdings konnten sie auf die über hundert zusätzlichen Krieger
nicht verzichten.
Falkann räusperte sich, lächelte strahlend und nahm
Rijanas Hand.
»Wir haben noch eine Neuigkeit für euch.«
»Was denn, habt ihr in Catharga etwa rein zufällig
König Scurr gesehen und in einem See versenkt?«, witzelte Rudrinn
und fing sich damit einen Seitenhieb von Saliah ein.
»Das nicht, aber wir haben geheiratet.«
Damit entgleisten jedem mehr oder weniger die
Gesichtszüge, und Rijana blickte verlegen zu Boden.
»Ihr habt was?«, stammelte Broderick
entgeistert.
»Na wie schön, dass ihr euch so freut«, meinte
Falkann zynisch und wirkte ein wenig beleidigt.
Ȁhm, entschuldige bitte, aber ein wenig wundern
dürfen wir uns ja wohl«, sagte Broderick, dann umarmte er seinen
Freund und klopfte ihm auf die Schulter. »Ich freue mich für
euch.«
Auch die anderen gratulierten ihnen, doch Rijana
konnte Brogans vielsagendem Blick nicht standhalten.
Rudrinn holte gleich etwas von dem Rum, den er von
den Piraten mitgebracht hatte, und schenkte großzügig aus.
Doch Saliah nahm Rijana zur Seite und fragte: »Bist
du glücklich?«
»Natürlich«, antwortete Rijana, allerdings ein
wenig zu überzeugt.
Saliah hob die Augenbrauen, und Rijana ließ die
Schultern hängen. »Ich habe Falkann gern, er ist gut zu mir.«
»Das bezweifle ich auch nicht«, erwiderte Saliah
ernst. »Aber bist du sicher, dass es richtig war, ihn zu
heiraten?«
»Hätte ich denn ewig warten sollen, bis Ariac sich
vielleicht doch noch dazu bequemt zurückzukommen?«, brauste Rijana
auf.
Saliah seufzte. Sie hatte also doch Recht gehabt.
Rijana hatte Ariac noch lange nicht vergessen.
»Ich will dir nichts vorwerfen, aber ich hoffe, du
tust Falkann nicht weh, denn er liebt dich wirklich. Egal was er
getan hat, verletzt zu werden, hat er nicht verdient. Und wenn du
Falkann nur geheiratet hast, um es Ariac heimzuzahlen, dann war das
nicht fair.«
Rijana zuckte zusammen. Tatsächlich hatte sie sich
ausgemalt, was Ariac sagen würde, wenn er irgendwann einmal davon
erfuhr.
»Falkann ist ein guter Mann.« Rijana stand auf und
entfernte sich eilig. Allerdings musste sie noch lange über Saliahs
Worte nachdenken, denn sie wusste selbst, dass ihre Freundin Recht
hatte.