KAPITEL 1
Neue Wege
Bodennebel lag über dem Land, als sieben schemenhafte Gestalten durch das nächtliche Balmacann trabten. Es war die Stille vor der Morgendämmerung, in der die Welt wie durch einen Schleier gedämpft schien. Nicht nur deswegen klangen in den Ohren der jungen Krieger die Hufschläge ihrer Pferde unnatürlich laut, jedes noch so leise Schnauben und jedes Rascheln eines Wildtiers ließ sie zusammenzucken. Jeder hatte eine Hand um sein Schwert geklammert.
Rudrinn, Broderick, Tovion, Ariac, Falkann, Rijana und Saliah waren keine gewöhnlichen jungen Leute – sie waren »Thondras Kinder«. Vor vielen tausend Jahren hatte der Kriegsgott Thondra sieben junge Krieger auserwählt, immer dann wiedergeboren zu werden, wenn die Welt zu zerbrechen drohte und den Menschen die Hoffnung fehlte. Sie hatten bereits viele Leben gelebt, in unzähligen Schlachten gekämpft und meist ein hartes und entbehrungsreiches Leben geführt.
Nun waren sie auf der Flucht, hatten sich von ihren einstigen Gönnern, König Greedeon von Balmacann und Zauberer Hawionn, losgesagt und somit allem den Rücken gekehrt, an das sie so viele lange Jahre geglaubt hatten. Die Sieben hofften nun, echte Verbündete im drohenden Krieg gegen König Scurr finden zu können, nachdem sie von Greedeon und Hawionn so enttäuscht worden waren. Denn mittlerweile wussten sie, dass diese ein falsches Spiel gespielt hatten und in dunkle Geschäfte mit Scurr verwickelt waren.
Gerade wollten sich die Freunde von Rudrinn, dem ehemaligen Piraten, verabschieden, der als Einziger nach Westen aufbrechen sollte, als das Donnern vieler Hufe ertönte. Alle fuhren herum und sahen von Osten her im fahlen Mondlicht Pferde heranstürmen.
»Mist, wir müssen nach Westen!«, rief Falkann, mit seinen sechsundzwanzig Jahren der Älteste der Sieben, und trieb seinen fuchsfarbenen Hengst in Galopp. Der hochgewachsene blonde Krieger mit dem gestutzten Bart war der Sohn des Königs von Catharga.
Die anderen folgten ihm, stürmten durch ein kleines Wäldchen, über grasige Ebenen, hinunter zum Strand. Sie hofften, so ihre Verfolger abschütteln zu können. Aber König Greedeons Männer blieben ihnen dicht auf den Fersen. Sie ritten hart, galoppierten die Sanddünen hinauf und hinab, aber es waren einfach zu viele Krieger.
Als sie sich in einem kleinen Tal kurz sammelten, rief Rudrinn: »Das nützt nichts, ihr müsst mit mir kommen. Wir müssen ein Schiff stehlen!«
Alle waren sich einig, nur Rijana warf Ariac einen besorgten Blick zu, weil der sich heftig keuchend am Sattel festhielt. Es war noch nicht lange her, dass er vom Biss einer Feuerechse in Ursann genesen war. Nur Nelja, eine junge Zauberin und gleichzeitig die Gefährtin von Tovion, hatte ihn retten können.
»Es geht schon«, sagte er beruhigend.
Rasch galoppierten sie weiter, immer am Meer entlang, und konnten bald das Feuer eines der weiter südlich gelegenen Türme sehen. Noch einmal trieben sie die Pferde an und holten etwas Vorsprung heraus, bis sie vor den zwei Wächtern des Turms angekommen waren.
»Wir brauchen ein Segelschiff«, rief Rudrinn noch im Abspringen. Alle warfen beunruhigte Blicke nach hinten, aber die Verfolger waren noch nicht zu sehen.
»Wofür?«, fragte einer der Wächter misstrauisch.
»Frag nicht so blöd«, knurrte Rudrinn. »Wir sind die Sieben und in König Greedeons Auftrag hier, genügt das nicht?«
Der Mann zog kleinlaut die Schultern ein und deutete auf den Landesteg, der zum nahen Meer führte, das in sanften Wellen ans Ufer brandete.
»Wir haben nur Ruderboote, außer natürlich die ›Meernixe‹, aber das ist eher ein Schiff für weitere Reisen, ich nehme mal an …«, doch weiter kam er nicht mehr, denn die Sieben rannten bereits zum Strand hinunter. Zwar bedauerten sie es, ihre für den Krieg perfekt ausgebildeten Pferde zurücklassen zu müssen, doch das ließ sich nun einmal nicht ändern. Besonders Rijana blickte ihrer braunen Stute Lenya wehmütig hinterher.
»Komm, ich helfe dir«, bot Falkann an, als Ariac immer weiter zurückfiel. Ihn verließ jetzt wirklich die Kraft.
Falkann packte ihn am Arm und zog ihn mit zum Meer hinunter, wo Rudrinn bereits auf dem schmalen Zweimaster stand und einen wachhabenden Matrosen ins Meer beförderte.
»Hisst die Segel!«, wies Rudrinn die anderen an, als man am Strand bereits den Schein der Fackeln der herangaloppierenden Krieger sehen konnte.
Da sich außer Rudrinn allerdings niemand gut mit Segelschiffen auskannte, schrie dieser seinen Freunden rasch und hektisch Befehle zu, sodass sich schon bald die Segel im Wind aufblähten. Sie hatten sich schon etwas vom Landesteg entfernt, als die ersten Krieger in weiß-blau, den Farben Balmacanns, dort angepoltert kamen.
»Im Namen von König Greedeon. Kommt von diesem Schiff und ergebt euch!«, rief ein älterer Krieger ihnen entgegen. Sie alle, die auf Camasann gewesen waren, hatten ihn schon einmal dort gesehen.
»Einen Dreck werden wir tun«, schrie Rudrinn zurück, während er das Schiff geschickt aufs Meer hinaussteuerte.
Der Krieger von König Greedeon zögerte, denn er mochte die jungen Leute, die er schon seit ihrer Ausbildung kannte. Aber Befehl war Befehl. Inzwischen hatten sich auch die restlichen Krieger Balmacanns aufgestellt. Also gab er das Zeichen, die Bögen anzulegen, sodass kurz darauf unzählige Pfeile in den Nachthimmel schossen.
»In Deckung!« Broderick, der kleinste und stämmigste der Sieben, riss Saliah im letzten Moment zu Boden. Alle versteckten sich hinter Kisten und Masten. Aber das Schiff war schon bald zu weit von der Küste entfernt, als dass sie in ernsthafter Gefahr gewesen wären.
Als sie auf offener See waren, kam Rudrinn breit grinsend hinter dem Steuer hervor. Seine halblangen schwarzen Haare flogen im Wind, und man sah ihm deutlich an, dass er sich hier so richtig wohl fühlte. Mit zwölf Jahren war er von den Piraten fortgeholt und nach Camasann gebracht worden. Dort hatte er sich den strengen Regeln der Schule niemals vollständig unterwerfen können und wollen.
»Ha, denen haben wir’s aber gezeigt!«
»Es ist verdammt gut, einen Piraten dabeizuhaben«, erwiderte Broderick lachend und schlug Rudrinn kräftig auf die Schulter.
Der lachte laut auf und hielt seine Nase in den Wind.
»Das habe ich vermisst«, sagte er nachdenklich. Zwar waren er und seine Freunde hin und wieder nach Silversgaard gesegelt, aber da hatten immer ausgebildete Matrosen das Schiff gesteuert.
Rijana kniete neben Ariac, der erschöpft auf den Schiffsplanken lag. Obwohl seine Haut etwas dunkler als die der anderen war, wirkte er nun blass und kraftlos.
»Möchtest du runter in eine der Kojen?«, fragte sie und streichelte ihm über die dunklen Haare.
Aber Ariac schüttelte nur den Kopf und lehnte sich an einen Mast.
»Später vielleicht«, keuchte er, froh darüber, einfach nur sitzen zu können.
Das Schiff brach durch die Wellen weiter aufs offene Meer hinaus, wo der Wind etwas auffrischte. Die »Meernixe« fuhr hinaus in die schwarze Nacht, ihre Segel straff im Wind. Rudrinn orientierte sich nur am Licht der Sterne, das hatte er schon als kleines Kind gelernt.
»Wohin segeln wir?«, fragte Saliah, die sich zu Rudrinn ans Steuer gestellt hatte. Ihre langen blonden Haare wehten im Wind. Sie war eine wahre Schönheit und auf Camasann der Schwarm aller jungen Krieger gewesen. Lange Zeit waren sie und Falkann ein Paar gewesen, hatten sich jedoch irgendwann in Freundschaft getrennt.
»Ähm, na ja, äh, nach Westen«, stammelte Rudrinn.
Saliah lachte mit glockenheller Stimme. »Das war mir schon klar. Aber wie willst du die Piraten finden?«
»Ich werde sie finden, schließlich bin ich selbst einer«, erklärte er ungeduldig. Er und Saliah stritten sich in letzter Zeit ständig und gingen nicht mehr so unbefangen miteinander um wie früher, was ihre Freunde ratlos zurückließ.
Verärgert ging Saliah zurück zu den anderen.
Rudrinn schlug mit der Hand auf das Ruder. Wieder einmal kam er sich ziemlich dämlich vor.
Sie waren noch nicht sehr weit gekommen, als plötzlich in der Ferne weitere Schiffe zu sehen waren.
»Jetzt wird es spannend«, murmelte Rudrinn und versuchte seinen Freunden eilig zu erklären, wie sie im richtigen Moment die Segel wenden sollten.
Drei Segelschiffe hielten auf sie zu, und da der Wind für sie ein wenig günstiger stand, holten sie auch bald auf.
Immer wieder gab Rudrinn Befehle, die seine Freunde nach Kräften bemüht befolgten.
»Festhalten!«, schrie er und führte ein waghalsiges Wendemanöver aus, welches die »Meernixe« beinahe kentern ließ.
»Rudrinn, bist du von Sinnen?«, schrie Saliah erschrocken.
Er lachte nur, während er auf zwei der Segelschiffe deutete, die versucht hatten, es ihm gleichzutun, und nun kollidiert waren.
Rudrinn nahm Kurs auf Südwest und steuerte direkt auf eine Gruppe von scharfkantigen Riffs zu, die auch die »Teufelskralle« genannt wurden. Alle Seefahrer umfuhren diese Gruppe von Felsen großräumig, weil sie sehr gefährlich sein konnten.
»Du willst doch nicht im Ernst dort hinein!«, rief Falkann entsetzt.
Rudrinn nickte jedoch und fuhr mit der Hand nachdenklich über die kurzen Bartstoppeln, die sein Gesicht bedeckten. »Das ist die einzige Chance, sie abzuhängen. Unsere Verfolger haben ein sehr viel schnelleres Segelschiff als wir.«
Falkann schüttelte den Kopf und ging zurück zu den Segeln. Die scharfkantigen Felsen kamen immer näher. Anspannung machte sich breit, als Rudrinn in die Brandung steuerte. Man konnte hören, wie der Fels das Schiff schrammte. Aber Rudrinn blieb ruhig. Er ließ die Segel einholen und steuerte geschickt durch die schmalen Felskanäle. Das Schiff, das sie verfolgt hatte, war zurückgeblieben. Immer wieder schrammte die Meernixe das Gestein, und die Nerven der Sieben lagen blank. Hohe Steinblöcke ragten rechts und links von ihnen auf, und ein kalter Wind wehte durch die schmalen Felsspalten – es wurde immer unheimlicher. Hier und da sah man die Wracks von unglücklichen Seefahrern, die es nicht geschafft hatten, durch die Teufelskralle zu kommen. Rudrinn stand angespannt am Steuer. Er wusste, wie man die Strömung ausnutzen musste, aber es war lange her, dass er hier hindurchgefahren war. Auch wenn er es nicht gesagt hatte, bei seinen früheren Fahrten hatte er immer ein kleineres Schiff gehabt und einen Piraten, der ihm zur Seite gestanden hatte. Rudrinn stand der Schweiß auf der Stirn, und manchmal glaubte er selbst, dass er es nicht schaffen würde. Saliah stieß einen spitzen Schrei aus, als es so eng wurde, dass die »Meernixe« an beiden Seiten die Felsen schrammte. Menschliche Skelette baumelten rechts und links der Felsen, als hätte sie jemand dort hingehängt.
»Was ist denn das?«, flüsterte sie und riss ihre großen blauen Augen mit den langen Wimpern erschrocken auf.
Rudrinn erklärte, ohne den Blick von seinem Weg zu lösen: »Das ist eine Abschreckung für diejenigen, die es bis hierher geschafft haben. Links von uns liegt in einer Höhle ein altes Piratenversteck. Einer meiner Vorfahren hat dort einen wertvollen Schatz versteckt, der aber schon lange geborgen wurde.«
Es war später Nachmittag, als sie endlich wieder offenes Meer sehen konnten.
Einen Triumphschrei ausstoßend reckte Rudrinn die Faust in den Himmel. »Rammatoch hat die Söhne des Meeres also doch nicht verlassen!«
Alle ließen sich erleichtert auf die Schiffsplanken sinken, nachdem sie die Segel wieder gesetzt hatten. Doch plötzlich sprang Broderick auf und nahm Rudrinn in den Schwitzkasten.
»Du bist der verfluchteste, verrückteste Pirat, den die Meere jemals gesehen haben«, knurrte er scherzhaft.
Rudrinn lachte und versuchte, sich zu befreien. Schließlich richtete er sich mit rotem Kopf auf. »Das hat mir mein Vater beigebracht. Deswegen ist er auch der beste Pirat auf den Ayrenn-Inseln. Alle anderen segeln immer südlich an Silversgaard vorbei, aber unsere Leute sind von jeher durch die Teufelskralle gefahren«, erklärte er stolz.
»Ich habe gedacht, du bringst uns um«, stöhnte Falkann und legte den Kopf auf den Schiffsboden, während die »Meernixe« durch die Brandung pflügte.
Rudrinn lachte nur. Seit langer Zeit fühlte er sich endlich wieder richtig frei und glücklich.
»Ariac, ist alles in Ordnung?« Rijana war besorgt und nahm seine Hand.
Er war noch etwas blass im Gesicht und nickte nur, denn er hatte ebenso wie die anderen mithelfen müssen, die Segel in die richtige Position zu bringen oder einzuholen.
»Du solltest vielleicht ein wenig schlafen«, schlug Broderick vor und half ihm aufzustehen.
Ariac schwankte über das Deck und fiel mehrere Male beinahe hin.
»Ich glaube, ich bin nicht für die Meere gemacht«, murmelte er.
Broderick grinste verständnisvoll. »Ja, meine Welt ist das auch nicht.« Der kräftige junge Mann mit den borstigen dunkelblonden Haaren, der aus Errindale stammte, betrachtete Ariac nachdenklich. Es war wirklich ein Wunder, dass Ariac noch lebte. Zu Anfang war ihm der Steppenkrieger mit den Tätowierungen an den Schläfen und am Arm fremd vorgekommen, doch mittlerweile war er ein ebenso guter Freund für ihn wie die anderen. Das lag wohl daran, dass sie schon so viele Leben gemeinsam verbracht hatten; so verrückt es war, sie waren von jeher aneinander gebunden.
 
Mehrere Tage und Nächte segelten sie nach Westen. Tovion entdeckte zu seiner Überraschung, dass er auf Rudrinns Anweisungen das Schiff ganz gut steuern konnte und es ihm sogar Spaß machte. Also wechselten sich die beiden immer wieder ab. Ariac bekam die frische klare Luft sehr gut, nachdem er sich an das ewige Schwanken gewöhnt hatte, sodass er sich schneller erholte, als die anderen gedacht hatten. Überhaupt machte sich eine beinahe fröhliche Stimmung breit. Sie hatten sich von König Greedeons Einfluss gelöst und waren nun für sich selbst verantwortlich. Aber natürlich vermisste Tovion seine Nelja, und alle machten sich Sorgen um sie und Brogan.
Auch an diesem Tag stand Tovion am Heck des Schiffes. Sein glattes Gesicht wirkte meist ein wenig verträumt, und auch wenn er ein hervorragender Schwertkämpfer war, bevorzugte er es eigentlich, sich in Bibliotheken zu vergraben und alte Schriften zu studieren. Heute sah er jedoch besonders bedrückt aus.
Ariac schwankte über die blanken Holzbohlen zu ihm hinüber. »Hast du Nelja schon eine Nachricht geschickt? Sie und Brogan wissen doch jetzt nicht, dass wir alle auf dem Meer sind.«
Aus seinen Gedanken gerissen blickte Tovion zu dem etwas größeren Steppenkrieger hin.
»Nein, hier auf dem Meer hat das keinen Sinn«, antwortete er betrübt.
»Wieso nicht? Und wie kann der Vogel Nelja eigentlich finden?« Ariac deutete auf den Falken, der neben Tovion auf einer Holzkiste saß und sich das Gefieder putzte.
Tovion pfiff, und der Falke landete sofort auf seinem Arm. »Siehst du den kleinen Anhänger mit dem Edelstein?«
Ariac nickte und blickte auf den blassblauen Stein, der um den Hals des Falken hing.
»Er ist verzaubert. Neljas Falke hat auch so einen, und Nelja und ich tragen ebenfalls einen Stein.« Er holte den Edelstein unter seinem Hemd hervor. »Er zeigt den Vögeln die Umgebung an, Berge, Seen und Felsen, woran sie sich orientieren können. Aber so weit auf dem Meer funktioniert das nicht. Ich hätte ihn eher losschicken müssen, aber auf der Flucht fehlte die Zeit.«
»Ich verstehe«, erwiderte Ariac und betrachtete den Falken bewundernd. Es war ein stolzes und edles Tier. »Es muss schwer für euch sein, so lange getrennt zu reisen.«
»Ja, aber wir sind es wohl inzwischen gewohnt. Wir waren nie sehr viel länger als einige Tage zusammen.«
Ariac blickte sich nach Rijana um, die sich gerade ausgelassen mit Rudrinn unterhielt. »Ich kann mir gar nicht mehr vorstellen, ohne Rijana zu sein.«
»Ja, unsere kleine Rijana kann einen verzaubern«, sagte Tovion lächelnd. »Obwohl sie sich früher immer für unansehnlich und hässlich gehalten hat.«
»Das habe ich auch nie verstanden.« Wütend runzelte Ariac die Stirn. »Aber es lag wohl an ihren Eltern. Ich habe sie vor einiger Zeit kennen gelernt, furchtbare Menschen.«
Tovion zog die Augenbrauen zusammen. »Wie hast du es eigentlich in Naravaack ausgehalten?«, fragte er plötzlich.
Augenblicklich versteifte sich Ariac, und sein Gesicht verdüsterte sich. »Mir blieb nichts anderes übrig.«
»Ist es wirklich so furchtbar dort, wie man in den Büchern liest?«, hakte Tovion nach, der sich von jeher für Geschichte und fremde Länder interessiert hatte.
Ariac war dreiundzwanzig, nur ein Jahr älter als er selbst, und Tovion hatte sich häufig gefragt, wie es wohl gewesen wäre, wenn er an seiner Stelle in Ursann ausgebildet worden wäre. Hätte er sich ebenso dem Einfluss Scurrs entziehen können, wie es Ariac getan hatte? In jungen Jahren war Ariac von den Schergen des finsteren König Scurr entführt worden, der angeblich von dem Geist des ehemaligen Zauberers Kââr besessen war und in den unwirtlichen Bergen von Ursann eine Schreckensherrschaft führte. Diese hatte sich bereits weit über alle Länder ausgebreitet. Der grausame Worran, treu ergebener Diener Scurrs, war für die Ausbildung der jungen Leute verantwortlich gewesen. Er hatte Ariac, den wilden und unbeugsamen Jungen aus der Steppe, viele Jahre lang gefoltert und gequält. Am Ende war es ihm jedoch nicht gelungen, Ariacs Willen zu brechen. Nach einigen Umwegen und Wirrungen war Ariac schließlich doch mit den anderen vereint worden, die auf der Insel Camasann eine wesentlich angenehmere, aber durchaus auch harte Ausbildung genossen hatten.
Während ihrer ersten Schlacht hatten sich Tovion und Ariac noch als Gegner gegenübergestanden, bevor Ariac in Gefangenschaft geraten war. Tovion musste daran denken, wie Rijana mit Hilfe des Zauberers Brogan Ariac befreit hatte, und schmunzelte. Die kleine, schüchterne Rijana hatte damals das erste Mal ihre wahre Stärke bewiesen. Der Steppenkrieger und Rijana mussten durch sämtliche Länder flüchten, bevor sie sich beim Steppenvolk miteinander verloben konnten und Rijana zur ›Arrowann‹ wurde wie Ariac selbst. In Ursann hatten sie dann das letzte der magischen Schwerter von König Scurr gestohlen. Erst dann hatten Tovion und seine Freunde Ariac endgültig als einen der ihren akzeptiert.
 
Ariac hatte sich mit seiner Antwort lange Zeit gelassen und unterbrach Tovions Gedanken. »Ich habe noch nie ein Buch gelesen, aber ich gehe davon aus, dass es in Ursann noch viel schlimmer ist, als geschriebene Worte es jemals beschreiben könnten.« Das Gesicht des Steppenkriegers, dessen Schläfen mit geheimnisvollen Zeichen tätowiert waren, wirkte hart und angespannt.
Tovion fragte nicht weiter nach, denn er merkte, dass Ariac nicht darüber reden wollte.
»Ich wünsche dir und allen anderen, dass ihr niemals nach Ursann gehen müsst.« Damit wandte Ariac sich ab und ging auf die andere Seite des Schiffes, denn er wollte jetzt allein sein.
 
Brogan und Nelja wurden einem ausgiebigen Verhör unterzogen, nachdem bekannt geworden war, dass die Sieben verschwunden waren. Zauberer Hawionn nahm sich Brogan sofort vor und fragte ihn nach jeder Einzelheit, aber Brogan blieb gelassen und behauptete, nichts zu wissen. Danach wurde er umgehend nach Camasann zurückgeschickt, was ihm ganz gelegen kam.
König Greedeon, der beeindruckende große Mann mit den dicken dunkelbraunen Haaren, befragte Nelja. Die hübsche junge Zauberin täuschte einen sehr überzeugenden Weinkrampf vor.
»Tovion, dieser verdammte Mistkerl, er hat mir doch versprochen, sich mit mir zu verloben«, schluchzte sie.
Der König betrachtete die scheinbar völlig aufgelöste Nelja kritisch und tätschelte ihr schließlich unbeholfen die Schulter.
»Na, na, du wirst schon noch einen anderen Mann finden, du bist schließlich recht hübsch.«
Sie heulte auf und ging sogar so weit, sich an die Schulter des Königs zu werfen und zu schluchzen, als würde es für sie nie wieder einen anderen Mann geben. Der König war reichlich verlegen und wusste nicht, was er tun sollte. Hilflos streichelte er ihre schwarzen Locken und war froh, als Brogan hereinkam, der sich nur schwerlich das Lachen verkneifen konnte.
König Greedeon schob Nelja in seine Richtung. »Ich glaube, Ihr solltet sie mit nach Camasann nehmen, Meister Brogan.«
»Das erscheint mir auch als das Beste«, erwiderte Brogan und packte Nelja am Arm, während diese sich lautstark die Nase putzte und ihn frech angrinste, sobald sie das Zimmer verlassen hatten.
»An dir ist ja ein Mime verloren gegangen«, bemerkte der braunhaarige Zauberer mit dem gräulichen Bart. »Du solltest dich am Hofe von König Greedeon anstellen lassen.« Brogan war bereits über zweihundert Jahre alt, was nicht ungewöhnlich für einen Zauberer war. Er strahlte Würde und Weisheit aus und war trotz allem bei den Kindern auf Camasann von jeher beliebt gewesen. Viele hatten in ihm wohl eine Art Vaterfigur gesehen.
Auch Nelja mochte den alten Mann sehr. Sie lachte auf. »Nein danke, aber jetzt haben wir doch erreicht, was wir wollten. Greedeon glaubt, dass wir nichts mit dem Verschwinden der Sieben zu tun haben. Wir können nun beruhigt nach Camasann aufbrechen.«
Brogan nickte ernst. »Aber ich fahre allein auf die Insel und sage nur Rittmeister Londov und einigen Kriegern Bescheid, dann sollten wir verschwinden.«
Nelja stimmte ihm zu und warf sich gleich wieder heulend an Brogans Brust, als sie von weitem Zauberer Hawionn sah, das Oberhaupt der Schule von Camasann. Der große Mann mit den grauen Haaren und dem grauen Bart betrachtete sie angewidert und schüttelte den Kopf. Rasch ging er zu dem Zimmer, in dem sich Greedeon aufhielt.
»Komm«, flüsterte Brogan, »wir müssen unsere Vorbereitungen treffen.«
Beide brachen am nächsten Morgen zur Insel Camasann auf und sammelten die wenigen Verbündeten, die sie hatten. Nelja sandte ihren Falken aus. Als dieser ohne Nachricht zurückkam, machte sie sich Sorgen. Sie konnte ja nicht ahnen, dass Tovion und die anderen mit Rudrinn fortgesegelt waren.
 
Mehr als zehn Tage waren die Sieben jetzt schon auf dem Meer. Die schroffe Küste von Ursann war nicht mehr zu sehen, nur noch das endlos wirkende, tiefblaue Meer. Das Wetter war gut, denn es wehte eine steife Brise, die das Segelschiff rasch voranbrachte.
Rijana saß neben Ariac am Heck des Schiffs, wo sie sich die warme Sommersonne ins Gesicht scheinen ließen. Es war nicht viel zu tun. Rudrinn stand am Steuer, und die Segel waren in der richtigen Position.
Rijana betrachtete Ariac nachdenklich. Er sah jetzt wieder gesund aus, seine Haut hatte ihre normale Farbe zurück, und er war auch nicht mehr so abgemagert wie noch vor kurzer Zeit.
»Was ist denn?«, fragte er lächelnd.
»Ich freue mich, dass es dir wieder gut geht«, erwiderte sie und umarmte ihn.
Ariac gab ihr einen Kuss und seufzte. »Ja, das habe ich nur euch zu verdanken.« Liebevoll streichelte er Rijana über die langen hellbraunen Haare. Mit ihren neunzehn Jahren war sie vier Jahre jünger als er selbst, und er freute sich schon sehr drauf, sie im nächsten Sommer in der Steppe heiraten zu können.
Wenn alles gut geht, dachte er bei sich, doch dann schob er die düsteren Gedanken weit weg.
Broderick tauchte mit hochrotem Kopf aus der Luke auf und blickte sich kurz um. »Ariac, kannst du mir mal helfen?«, rief er. »Ich habe ein Fass mit Bier gefunden, aber ich bekomme es nicht allein aus dem verdammten Lagerraum.«
»Ja, natürlich«, rief er zurück. Dann gab er Rijana noch einen Kuss und stand auf.
Rijana schloss die Augen, während sie sich den salzigen Wind um die Nase wehen ließ.
Kurz darauf kam Saliah zu ihr und ließ sich neben sie fallen. »Ich habe uns eine Suppe gekocht. Wenn du möchtest, kannst du nachher etwas essen.«
»Gerne. Wie sieht es denn mit den Vorräten aus?«
»Nicht allzu gut.« Saliah verzog ihren hübschen, wohlgeformten Mund. »Mal abgesehen von dem Fass mit Bier, das Broderick und Ariac gerade durch die Gegend schleppen.«
»Es ist schön, dass ihr ihn jetzt akzeptiert.«
Saliah nickte und blickte Rijana ernst an. »Ich mag ihn wirklich, auch wenn er immer ein wenig misstrauisch wirkt.«
»Er hat eben schlechte Erfahrungen gemacht.«
Saliah nahm ihre Hand und lächelte. »Es freut mich, dass ihr euch verlobt habt. Ich glaube, dass ihr sehr gut zusammenpasst.«
Rijanas Blick fiel auf Falkann, der gerade zum Bug des Schiffes schwankte, um in den Aussichtskorb zu klettern.
»Für ihn ist es nicht ganz einfach.« Saliah wusste, dass Falkann schon seit langer Zeit in Rijana verliebt war, und sie hatte auch mitbekommen, wie schwer er akzeptieren konnte, dass sich Rijana für Ariac entschieden hatte.
»Ich weiß, aber was soll ich denn tun?«, fragte Rijana verzweifelt, doch Saliah schüttelte den Kopf.
»Du kannst nichts tun. Man kann sich schließlich nicht aussuchen, in wen man sich verliebt.« Bei diesen Worten stieß Saliah einen tiefen Seufzer aus.
Überrascht blickte Rijana sie an. »Sag bloß, du hast dich auch wieder verliebt.« Während ihrer ersten Schlacht gegen König Scurr war Saliahs Geliebter, ein junger Krieger aus Balmacann, getötet worden.
»Wie kommst du denn darauf?« Saliah lief knallrot an.
»Ich kenne dich schon zu lange, als dass du mir etwas vormachen könntest.«
»Aber versprich mir, niemandem etwas zu verraten!«
»Natürlich sage ich nichts.« Gespannt beugte sich Rijana vor.
Saliah druckste noch eine Weile herum und sagte dann traurig: »Ach weißt du, er mag mich sowieso nicht.«
»Wer?«
»Rudrinn.« Saliah wurde noch röter.
»Oh!«, rief Rijana überrascht und blickte zu Rudrinn am Ruder.
»Aber du darfst ihm auf keinen Fall etwas sagen!«, rief Saliah erschrocken.
»Natürlich nicht.« Nachdenklich musterte Rijana den jungen Piraten. Irgendwie hatte sie in Rudrinn immer einen großen Bruder gesehen, aber sie musste zugeben, dass er ein gutaussehender, stattlicher Mann geworden war. Eigentlich fiel ihr das erst jetzt so richtig auf. Trotz allem waren die beiden sehr unterschiedlich, der freche, ungehobelte Rudrinn und die perfekte, wohlerzogene Saliah.
»Hat er denn nie gezeigt, dass er sich für dich interessiert?«, fragte Rijana.
Traurig schüttelte Saliah den Kopf. »Er ist immer so abweisend zu mir. Wenn ich ihn etwas frage, fährt er mich meistens ungeduldig an. Manchmal ist er aber auch sehr lieb zu mir, ach, ich weiß auch nicht.« Sie seufzte tief. »Außerdem habe ich aus Broderick herausbekommen, dass er angeblich unglücklich in ein Mädchen verliebt ist, aber auch Broderick weiß nicht, wer sie ist.«
»Komisch«, sagte Rijana mit gerunzelter Stirn, »so etwas hat Rudrinn mir gegenüber auch mal angedeutet. Soll ich ihn nicht einfach mal …«
Energisch schüttelte Saliah den Kopf. »Nein, wenn er sich nicht für mich interessiert, dann muss ich das wohl akzeptieren.« Sie dachte kurz nach. »Vielleicht ist es ja diese Magd aus König Greedeons Schloss …«
Tröstend legte Rijana einen Arm um sie. »Du wirst schon noch eines Tages den Richtigen finden.«
Saliah seufzte erneut und warf Rudrinn einen sehnsüchtigen Blick zu, als dieser gerade mit sicheren Schritten vom Ruder zu den Segelmasten lief, um diese zu kontrollieren. Er lachte und winkte den beiden Mädchen zu.
»Ich hasse es, wenn er so etwas tut«, jammerte Saliah. Später aßen alle außer Tovion, der das Ruder führte, gemeinsam unter Deck und lobten Saliahs Kochkünste.
»Dafür, dass du in einem Adelshaus aufgewachsen bist, kannst du gut kochen«, witzelte Broderick. »Fast so gut wie Kalina.« Betrübt fügte er hinzu: »Jetzt kann ich sie doch nicht so bald sehen.«
»Danke, hoher Herr«, entgegnete Saliah mit gekünstelter Stimme, wohl um ihn von seinen düsteren Gedanken abzulenken. »Normalerweise koche ich nicht für das einfache Volk, aber bei so edlen Kriegern …«
Broderick setzte sein typisch breites Grinsen auf und schlug Rudrinn auf die Schulter. »Siehst du, gleich wird sie wieder hochnäsig. Ich sag’s dir, lass dich nie mit einer Adligen ein! Ein bodenständiges Mädchen wie meine Kalina, das ist das Richtige.«
Zur Überraschung aller sprang Rudrinn auf und rief mit wütendem Gesicht: »Würde ich sowieso nicht.« Er lief zur Luke. »Ich löse Tovion ab.«
»Was ist denn mit dem los?«, fragte Broderick verwirrt.
Keiner konnte Rudrinns Verhalten so richtig verstehen. Saliah warf Rijana einen vielsagenden Blick zu und flüsterte, während die Männer sich über das Bierfass hermachten: »Siehst du, er würde mich niemals wollen.«
 
Die Tage auf dem Meer zogen sich quälend lang dahin. Langsam wurden alle ungeduldig.
»Wann sind wir denn endlich auf den Pirateninseln?«, fragte Falkann eines Abends gereizt. Krampfhaft versuchte er, den Blick von Rijana und Ariac abzuwenden, die Arm in Arm in der kleinen Kajüte saßen und sich verliebt anblickten. Er konnte das noch immer nicht mitansehen, auch wenn er sich immer wieder bemühte, seine Eifersucht unter Kontrolle zu halten.
»Es ist nicht mehr weit«, sagte Rudrinn beruhigend, während er an einem Stück hartem Brot herumkaute. »Wenn du die Ayrenn-Inseln am wenigsten erwartest, dann tauchen sie in deinem Blickfeld auf.«
»Toll«, knurrte Falkann und stieß seinen Dolch in ein Stück verdorbenes Fleisch, das sie beiseitegelegt hatten.
»Rudrinn wird sie schon finden«, meinte Saliah aufmunternd, woraufhin Rudrinn sie sogar mit einem Lächeln bedachte, was sie mit Freude erfüllte.
Allerdings brauchten sie noch weitere fünf Tage, bis plötzlich wie aus dem Nichts eine Gruppe von bewaldeten Inseln auftauchte.
Broderick, der gerade im Aussichtskorb saß, rief gleich aufgeregt: »Land, ich sehe Land!«
Die anderen rannten sofort zum Bug und konnten nach einer Weile ebenfalls die Inseln in der Ferne erkennen.
Rudrinn fuhr sich nervös über die Lippen.
»Jetzt wird es ernst.« Voller Konzentration steuerte er auf die erste Insel zu.
Es dauerte nicht lang, bis fünf Piratenschiffe, teilweise mit zerrissenen Segeln, vor ihnen auftauchten. Die Sieben griffen sofort zu ihren Waffen.
»Unternehmt nichts, bevor ich es euch sage«, befahl Rudrinn.
»Sollen wir uns etwa aufspießen lassen?«, knurrte Falkann, der mit einiger Beunruhigung die vielen Piraten mit Säbeln und Entermessern bewaffnet sah, die sie gerade einkreisten.
»Vertraut mir!« Rudrinn ließ den Anker werfen und ging mit erhobenen Händen nach Backbord.
»Seid gegrüßt, Piraten der Ayrenn-Inseln.« Er schlug sich mit der linken Hand auf die rechte Schulter.
Ein Mann mit grau-schwarzem, wildem Bart und einer Augenklappe steuerte sein Piratenschiff ganz nah an die ›Meernixe‹ heran und sprang an Bord. Statt einer rechten Hand hatte er einen Haken am Arm.
»Was soll das?«, flüsterte Ariac nervös und schob Rijana hinter sich.
Sie drückte beruhigend seine Hand. »Vertrau Rudrinn.«
Alle waren angespannt. Die schätzungsweise hundert Piraten wären wohl selbst für Thondras Kinder zu viel, sollten sie ihnen feindlich gesinnt sein.
»Sei auch du gegrüßt«, erwiderte der Pirat überrascht, schlug sich selbst auf die linke Schulter und verbeugte sich leicht.
»Möge das Meer mich verschlingen und Rammatoch mich verfluchen, wenn ich jemals die Gründe der Piraten verrate«, rief Rudrinn daraufhin.
Der andere Pirat lachte rau auf, und die anderen stimmten mit ein.
»Verflucht noch mal, Junge, wer bist du, dass du die Losungsworte der Piraten kennst?«
»Ich bin Rudrinn, Sohn von Norwinn, dem größten Piraten, den die Meere jemals gesehen haben.«
Die Piraten verstummten plötzlich.
»Du lügst, Junge! Rudrinn lebt schon lange nicht mehr«, erwiderte der Pirat, und die anderen nickten betreten.
»Was?«, fragte Rudrinn entsetzt. »Und woher soll ich dann die Losungsworte kennen?«
»Vielleicht hast du sie aus Rudrinn rausgepresst, bevor du ihn umgebracht hast«, vermutete ein kleiner, buckliger Pirat, der nur noch einen einzigen Zahn im Mund hatte.
Ein anderer, rothaariger Mann mit einem Kopftuch schlug ihm ins Gesicht. »Kapitän Norwinns Sohn hätte das niemals verraten.«
»Eben«, sagte Rudrinn stolz. »Und wer sonst könnte durch die Teufelskralle steuern?«
Gemurmel erhob sich.
»Erklär uns, wie man durch diese Gewässer kommt«, verlangte der Pirat mit dem Haken.
Rudrinn erklärte in allen Einzelheiten den schwierigen Weg durch die Felskanäle, sodass schließlich einer der Piraten einen überraschten Ruf ausstieß und den überraschten Rudrinn freudig umarmte.
»Verfluchter Teufelsjunge, du bist es wirklich!«
Die Piraten brachen in Jubel aus, und derjenige, der vor Rudrinn stand, sagte: »Ich bin Blodwin und werde dich zu deinem Vater bringen.«
»Blodwin?« Überrascht betrachtete Rudrinn den Piraten nun genauer. »Als ich fortgegangen bin, hattest du aber noch alle Körperteile, und so verdammt hässlich und grauhaarig warst du auch nicht«, fügte er breit grinsend hinzu.
Blodwin lachte und versetzte Rudrinn scherzhaft einen Schlag auf den Hinterkopf. »Du warst schon immer ein von den Göttern verfluchter Bengel.«
Nun drängten immer mehr Piraten auf die »Meernixe« und begrüßten Rudrinn überschwänglich.
»Und wer sind die da drüben?«, fragte Blodwin nach einer Weile.
»Das sind Freunde von mir«, antwortete Rudrinn und stellte sie dann nacheinander vor.
»Verdammt hübsche Mädchen«, kicherte ein uralter, verrunzelter Pirat, dem nur noch ein paar wenige Haare vom Hinterkopf herabhingen, nachdem er ebenfalls an Bord gesprungen war.
»Fizzgan?«, fragte Rudrinn überrascht und umarmte den alten Mann anschließend lachend. »Ja verdammt noch mal, haben dich die Meere noch immer nicht verschlungen und Rammatoch dich geholt?«
»Ha, nicht einmal Rammatoch will den alten Stinker noch!«, schrie ein Pirat von einem der Schiffe, woraufhin alle in schallendes Gelächter ausbrachen.
Fizzgan drohte mit seiner Faust. »Ich hab doch erst vor fünfzehn Jahren mein Hemd gewaschen.« Grinsend roch er an seinem fleckigen und vor Schmutz starrenden Kleidungsstück und verzog rümpfend die Nase.
Rudrinn lachte glücklich und befreit. Er war froh, wieder unter seinesgleichen zu sein. Seine Freunde schienen ein wenig skeptisch, aber die Piraten machten keine Anzeichen, sie anzugreifen.
»Jetzt ab zu Norwinn«, rief Blodwin. »Folgt uns, anscheinend weißt du ja noch, wie man ein Schiff steuert, Rudrinn.«
»Aber das hübsche blonde Mädchen könnte doch zu mir aufs Boot kommen«, kreischte Fizzgan und fuhr sich mit der Zunge über die Lippen.
Blitzschnell hielt ihm Rudrinn seinen Dolch an die Kehle. »Fass sie nur ein einziges Mal an, dann wird Rammatoch gezwungen sein, deinen Gestank zu ertragen.«
Fizzgan machte sich leise kichernd davon, und Rudrinn ging wieder zurück ans Steuer. »Das Gleiche gilt für Rijana«, schrie er dem alten Piraten noch nach.
Sie steuerten den Piratenschiffen hinterher durch die kleinen Inselgruppen. Scharfe Riffs forderten mal wieder Rudrinns ganzes Können, aber schließlich gelangten sie an die Steilklippe einer größeren, bewaldeten Insel, wo sie anlegten.
Blodwin schrie nur ein Losungswort, schon wurden lange Strickleitern heruntergelassen. Nach und nach kletterte einer nach dem anderen hinauf, wo sie von weiteren Piraten empfangen wurden, die Rudrinn ebenfalls begeistert begrüßten. Seinen Freunden gegenüber verhielten sie sich jedoch ein wenig unsicher. Ariac wirkte wie immer angespannt. Er ließ Rijana keinen Augenblick los. Die Blicke der Piraten gefielen ihm nicht.
Rudrinn packte ihn beruhigend am Arm. »Hier gibt es nicht viele Frauen, aber sie werden Rijana und Saliah in Ruhe lassen, dafür verbürge ich mich.«
Ariac nickte zögernd, blieb aber dennoch wachsam.
Sie wurden durch die dichten Wälder, die einem Urwald glichen, auf versteckten Pfaden geführt. Es war feucht und stickig. Fremde Vögel flatterten immer wieder unerwartet aus den dicht stehenden Mangrovenwäldern. Währenddessen befragten die Piraten Rudrinn, was er die ganzen letzten Jahre getan hatte und wie es war, unter zivilisierten Menschen zu leben.
»Irgendwann gewöhnt man sich dran«, erwiderte er lachend. »Aber ich bin verdammt froh, wieder hier zu sein.«
Nach einiger Zeit kamen sie an einen breiten Fluss, und schließlich tauchte auf einer Lichtung eine überraschend große Ansammlung von Hütten auf.
»Norwinn, holt Kapitän Norwinn!«, schrien mehrere Piraten. Wenig später kam Rudrinns Vater mit einem Säbel bewaffnet aus einer der Hütten. Eine halb bekleidete Frau folgte ihm. Kapitän Norwinn war zwar noch immer ein beeindruckender Mann, groß und kräftig gebaut, aber seine Haare, die einst ebenso schwarz gewesen waren wie die von Rudrinn, waren jetzt mit grauen Strähnen durchzogen. Er kniff das eine Auge zusammen, welches nicht von seiner Augenklappe bedeckt wurde. Dann ließ er seinen Säbel fallen und rannte auf Rudrinn zu, der ihn unsicher angrinste. Zur Überraschung von Rudrinns Freunden verpasste sein Vater ihm eine gewaltige Ohrfeige und umarmte ihn dann heftig.
»Du dreimal verfluchter Sohn einer Hure, wo bist du verdammt noch mal so lange gewesen?«, donnerte Kapitän Norwinn.
»Vater, es sind Damen anwesend!«
Der Kapitän verpasste seinem Sohn eine zweite, allerdings wesentlich halbherzigere Ohrfeige; aber wer genau hinsah, konnte sehen, dass in seinen Augenwinkeln Tränen glitzerten, die er sich allerdings rasch und verlegen wegwischte.
»Du sollst nicht wie ein verdammter Lord vom Festland reden«, schimpfte er und umarmte Rudrinn noch einmal. »Und jetzt kommst du mit in die Taverne auf einen ordentlichen Schluck!«
Rudrinn lachte und winkte seinen Freunden, ihm zu folgen.
»Sein Vater hat ihm zwei Ohrfeigen verpasst«, empörte sich Saliah, »obwohl er ihn zehn Jahre nicht gesehen hat!«
Falkann grinste ihr zu: »Tja, hier herrschen wohl andere Sitten.«
Das bewahrheitete sich, als sie Rudrinn und seinem Vater in eine finstere Spelunke folgten, in der mehrere knapp bekleidete Mädchen am Tresen standen, die großzügig Wein, Bier und Rum ausschenkten. Die Tür war so niedrig, dass sich der hochgewachsene Falkann den Kopf am Rahmen anstieß.
»Heute wird gefeiert!«, schrie Kapitän Norwinn. »Rum für alle und zwar vom Besten. Nicht diesen Fusel, von dem einem die Eingeweide verätzt werden!«
Die Piraten grölten zustimmend.
Kapitän Norwinn stieg auf eine Bank, hielt einen Becher mit Rum hoch und rief: »Mein Sohn ist zurückgekehrt, und der verdammte Bengel ist jetzt ein richtiger Mann!«
Von überallher ertönten Hochrufe, und der Rum floss nun in Strömen. Falkann, Broderick, Ariac und Tovion hatten das Gefühl, dass das scharfe Gesöff ihnen die Kehle verbrannte, als sie davon tranken. Saliah und Rijana hatten wohlweislich darauf verzichtet.
»Und was soll das dann für ein Zeug sein, von dem einem die Eingeweide verätzt werden?«, keuchte Falkann.
»Na der verfluchte Fusel vom Festland natürlich! Aber der hier, der kommt von den Inseln, der ist hervorragend. Komm, trink noch was, Junge«, rief Kapitän Norwinn und schlug Falkann kräftig auf die Schulter. »Rudrinns Freunde sind auch meine Freunde!«
Falkann verzog gequält das Gesicht und hob abwehrend die Hand. »Nein danke, Kapitän.«
Mit deutlichem Entsetzen schüttelte Kapitän Norwinn den Kopf. »Nein danke, Kapitän!? Du meine Güte, wo kommst du denn her? Bei uns sagt man: Sauf deinen Fusel selbst, du Bastard!«
Broderick verschluckte sich vor lauter Lachen an seinem Rum, der ihm durchaus zusagte. In Errindale wurde häufig Schnaps gebrannt, der ebenso scharf schmeckte. Während seines Besuchs in der Schenke vor einigen Jahren hatte er ihn ausgiebig probiert.
»Mir kannst du noch was einschenken, ich mag so einen verfluchten Teufelstrank«, verkündete er.
Kapitän Norwinn lachte erfreut. »Du bist schon eher meine Kragenweite. Komm her, und lass uns anstoßen.«
Es wurde ein sehr lauter und lustiger Abend. Nachdem sich alle an den rauen Humor der Piraten gewöhnt hatten, amüsierten sie sich prächtig. Rudrinn musste erzählen, wie es ihm auf Camasann ergangen war und was er danach getrieben hatte.
Kapitän Norwinn war mittlerweile schon sturzbetrunken und lallte: »Vor ungefähr, äh«, er begann seine Finger abzuzählen, dann winkte er ab, »egal, vor einigen Jahren sind wir nach Camasann gesegelt. Diese verdammten Zauberer haben uns nicht vorgelassen. Dann kam so ein alter Sack mit dunkelgrauen Haaren und so einem Stab mit Runen.« Rudrinns Vater rülpste laut und fuhr dann fort: »Und sagte zu uns: Euer Sohn wurde bei einer Schlacht getötet, pah. Ich hätte dieser Ratte mit diesem beschissenen Stock gleich seinen arroganten Kopf von den Schultern schlagen und ihm seinen Zauberstab in den Arsch schieben sollen!« Kapitän Norwinn schleuderte seinen Dolch mit für seinen Zustand überraschender Präzision an die Wand – direkt in das Bild eines Segelschiffs.
Broderick, der darunter saß, schluckte hastig, bevor er nach oben blickte.
»Hawionn«, sagte Rudrinn zu den anderen, die seine Vermutung teilten.
»Was fällt dem Kerl eigentlich ein?«, grölte Norwinn und schüttete seinen ganzen Becher mit Rum in einem Zug herunter.
»Er wollte uns alle von unseren früheren Leben fernhalten«, erklärte Rudrinn, aber dann winkte er ab, denn sein Vater schnarchte bereits auf dem alten Holztisch. »Wir sagen es ihm morgen.«
»Meinst du, morgen wird er wieder nüchtern sein?« Kritisch blickte Tovion auf die vielen betrunkenen Piraten, die alle in irgendwelchen Ecken oder über Tischen hingen.
Rudrinn lachte und nickte. »Das ist noch harmlos. Er hat schon ein ganzes Fass Rum alleine geleert.«
»Oh!«, rief Rijana und blickte fassungslos auf Rudrinns Vater, der im Schlaf grunzte und schließlich auf den Boden fiel.
Kurzentschlossen packte Rudrinn ihn am Arm, dann schleifte er ihn hinaus. »Wo wohnt mein Vater?«, fragte er einen nicht völlig hoffnungslos betrunkenen Piraten.
Der deutete vage nach rechts. »Dort, wo die meisten Weiber zu finden sind.«
Kopfschüttelnd folgten Rudrinns Freunde ihm nach draußen. Leichter Nieselregen hatte eingesetzt. Sie fanden eine Hütte, in der drei Frauen saßen, die ein wenig irritiert wirkten, als sie den betrunkenen Kapitän und die sieben jungen Leute sahen.
»Wohnt der Kapitän hier?«, fragte Rudrinn.
Die Frauen bestätigten dies. Saliah betrachtete empört ihre leichte Bekleidung, die mehr offenbarte, als sie verhüllte.
»Heute werden eure Dienste wohl nicht mehr benötigt.« Grinsend verbeugte sich Rudrinn. Dann verschwanden die Frauen rasch nach draußen.
Er ließ seinen Vater auf ein knarrendes Bett fallen und wandte sich dann seinen Freunden zu. »Wir sollten nebenan schlafen. Morgen werden wir weitersehen«, schlug er vor. Dann ging er in den Nebenraum, der mit Schatztruhen, Stoffen und sonstigem Krempel zugestellt war.
»Wir können sogar auf feinstem Tuch schlafen«, sagte Rudrinn mit gespielt arrogantem Unterton und holte einige edel gewebte Decken und Seidentücher hervor.
Rijana blickte staunend auf die vielen wertvollen Gegenstände, während Saliah kritisch die Augenbrauen zusammenzog.
»Das haben sie alles gestohlen!«
»Nur solchen Ratten wie Greedeon«, knurrte Rudrinn.
»Trotzdem«, empörte sich Saliah, »sie können doch nicht einfach …«
»Dann schlaf auf dem blanken Boden, wenn das deinem adligen Hintern lieber ist«, fuhr Rudrinn sie an und wickelte sich in einige Seidentücher.
Saliah blieb mit offenem Mund stehen. Falkann flüsterte beruhigend: »Er meint das nicht so.«
»Tut er doch«, erwiderte sie verletzt und rollte sich, in ihren Umhang gewickelt, auf einem Teppich zusammen.
Rijana ging zu ihr und streichelte ihr tröstend über die seidigen blonden Haare. »Sei nicht traurig, er ist betrunken und durcheinander«, flüsterte sie.
Saliah stieß einen verächtlichen Laut aus. »Er ist eben doch nur ein verfluchter, ungehobelter Pirat«, rief sie so laut, dass es auch jeder hörte.
Aus Rudrinns Richtung kam ein lautes Schnauben, ohne dass er etwas erwiderte.
Bald waren die Freunde eingeschlafen. Am nächsten Morgen hatten alle, die zu viel von dem Rum getrunken hatten, einen üblen Kater.
Rudrinn schwankte mit halb geöffneten Augen nach draußen und steckte erst mal den Kopf in das nächste Wasserfass. Als er in die Hütte seines Vaters trat, stand eine Frau am Feuer und kochte Haferbrei. Rudrinns Vater saß bereits am Tisch und lachte ihn kopfschüttelnd an.
»Verträgst wohl nichts mehr, seitdem du unter den feinen Herren lebst.«
Rudrinn verzog das Gesicht. »Mag sein.«
Er setzte sich hin, und nach und nach kamen auch die anderen, wobei Saliah ihn mit Nichtbeachtung strafte und Broderick bei jedem auch nur annähernd lauten Geräusch zusammenzuckte und das Gesicht verzog.
»Hier, trink das, das beseitigt den heftigsten Kater und macht dich stark für die Frauen«, riet Kapitän Norwinn und tätschelte die hübsche Rothaarige am Hintern, die gerade Schüsseln mit Haferbrei auf den Tisch stellte. Dann schob er Broderick eine merkwürdige, dunkle Flüssigkeit hin.
Broderick trank sie in einem Schluck aus, spuckte aber gleich die Hälfte davon wieder auf den Boden.
»In Thondras Namen, was ist das denn?«
Kapitän Norwinn lachte dröhnend. »Die Eier eines Ebers mit Mangrovenwurzel verquirlt.«
Plötzlich nahm Brodericks Gesicht eine ungesund grüne Färbung an, und er würgte.
»Ha, das war doch nur ein Scherz!«, rief der Kapitän und sein Grinsen erinnerte sehr an das von Rudrinn.
Broderick grinste erleichtert, doch Norwinn fügte rasch hinzu: »Mangrovenwurzeln sind gar nicht drin!«
Nun brachen alle bis auf Broderick in Gelächter aus, selbst Saliah, die sich mit den rauen Sitten nicht wirklich anfreunden konnte, aber Brodericks angeekeltes Gesicht war einfach zu komisch.
Nachdem sie gegessen hatten, machte Rudrinn den anderen ein Zeichen, dass er mit seinem Vater allein reden wollte.
Er druckste eine Weile herum und erzählte schließlich ein wenig verlegen, dass er einer der sieben Kinder Thondras war. Norwinns Gesicht verlor für einen Augenblick jegliche Farbe. Er schwankte zu einem der verstaubten Regale, holte eine Flasche hervor und trank sie in einem Zug leer. Dann blickte er Rudrinn noch einmal an und setzte sich wieder.
»Deswegen bist du nie zurückgekommen«, stammelte er.
»Es tut mir leid«, sagte Rudrinn entschuldigend. »Ich wollte, aber dann hatten wir irgendwelche Aufträge, und ich konnte meine Freunde doch nicht allein lassen.«
Mit nachdenklichem Gesicht nickte Norwinn. »Es sind gute junge Leute. Etwas zu wohlerzogen für meinen Geschmack, aber sehr anständig.« Plötzlich grinste er schon wieder. »Dieser Broderick hätte einen ordentlichen Piraten abgegeben. Er kann saufen wie einer von uns!«
Rudrinn grinste und betrachtete seinen Vater genauer. Er hatte sich nicht sehr verändert.
»Vater, wir sind hier, weil wir eure Hilfe brauchen.« Rudrinn wurde ernst. »Wir haben uns von Camasann und König Greedeon abgewandt und beschlossen, unseren eigenen Weg zu gehen, um Scurr zu bekämpfen.«
»Guter Entschluss«, verkündete Norwinn zustimmend. Dann schlug er seinem Sohn auf die Schulter. »Ihr könnt auf uns zählen. Wenn es gegen Greedeon und Scurr geht, sind wir dabei.«
Erleichtert nahm Rudrinn den Rum entgegen, den sein Vater ihm hinhielt, um anzustoßen. Das war einfacher gewesen, als er gedacht hatte.
Als er später seinen Freunden davon erzählte, meinte Broderick zufrieden: »Das ist gut. Dann sollten wir wohl bald wieder aufbrechen.«
Rudrinn war einverstanden, obwohl er ein wenig traurig wirkte. »Sie werden sich hinter der Teufelskralle bereithalten. Sollten wir Hilfe brauchen, müssen wir nur einige Piraten vom Festland zu ihnen schicken.« Er grinste. »Aber das dürfte kein Problem sein, denn es treiben sich immer welche in den Tavernen herum.«
»Kennt denn kein Pirat eine vernünftige Beschäftigung? Was tun die Menschen denn hier den ganzen Tag lang? Ich habe nicht gesehen, dass sie etwas Sinnvolles machen wie Gemüse anbauen und ernten.« Saliah blickte sich kritisch um.
»Sie nehmen sich das, was sie brauchen«, erwiderte Rudrinn mit zusammengezogenen Augenbrauen.
Saliah schnaubte empört. »Ach ja? Auch wenn sie von den Adligen stehlen, macht es das noch lange nicht besser. Schließlich schädigen sie die armen Menschen, die für die Lords arbeiten, dadurch ja wohl auch.«
Wütend funkelte Rudrinn sie an. »Davon verstehst du nichts.«
Nicht weniger zornig kam Saliah nun auf ihn zu, die Hände in die Hüften gestemmt. »Ich verstehe aber so viel, dass deine Leute alle versoffene, grobe und ungehobelte Rüpel sind, die den Ländern nur schaden.«
Rudrinn lief knallrot an, rang die Hände, wandte sich dann wütend ab und stürmte ohne ein weiteres Wort davon.
»Ich hätte ihn wirklich für zivilisierter gehalten.« Empört blickte Saliah ihm hinterher.
Rijana nahm ihre Freundin am Arm. »Du hast ja irgendwie Recht, aber trotzdem, ich kann Rudrinn auch verstehen. Er ist eben mit dieser Art zu leben aufgewachsen. Die Piraten denken sich anscheinend nichts Böses dabei, wenn sie Handelsschiffe überfallen.«
Saliah schüttelte stur den Kopf, aber Rijana stieß sie grinsend an. »Außerdem finde ich die Piraten lustig. Auch wenn ihre Späße wirklich etwas derb sind.«
Broderick hob Rijana hoch und wirbelte sie herum. »Tja, unsere Rijana ist eben etwas robuster gestrickt als die Edeldame aus Catharga.«
»Betrink du dich nur mit diesen Rüpeln«, schnaubte Saliah beleidigt und stolzierte davon.
Ein paar Piraten kamen zögernd näher und betrachteten die übriggebliebenen fünf Freunde mit einer Mischung aus Respekt und Misstrauen.
»Seid ihr wirklich Thondras Kinder?«, fragte ein Pirat mit fettigen, braunen Haaren, bevor er etwas Tabak auf den Boden spuckte.
Sie nickten einstimmig, woraufhin ein anderer rief: »Dann zeigt uns doch mal etwas von eurem Kampfgeschick.«
Broderick zuckte kurz die Achseln und begann, ohne zu zögern, auf den überraschten Piraten einzuschlagen. Die anderen stellten sich um sie herum und feuerten ihren jeweiligen Favoriten an. Brodericks mit Runen graviertes Schwert wirbelte unglaublich schnell durch die Luft. Man hätte dem eher kleinen, stämmigen Mann solch elegante Bewegungen gar nicht zugetraut, aber er parierte jeden Schlag seines Gegners perfekt. Schon nach kurzer Zeit lag der Pirat am Boden und hob die Arme.
»In Rammatochs Namen, du bist wirklich gut!«
Nach und nach kamen die anderen an die Reihe, nur gegen Rijana wagte keiner zu kämpfen, auch wenn ihre Freunde versicherten, dass sie ebenso gut war.
»Ich will doch ihr hübsches Gesicht nicht zerstören. Wäre verflucht schade drum«, rief ein dürrer Pirat mit einer langen Narbe über dem Gesicht und blickte sie ziemlich anzüglich an.
Sofort trat ein wütender Ausdruck auf Ariacs Gesicht, aber der Pirat versicherte rasch: »Keine Angst, jetzt, wo ich dich kämpfen gesehen habe, werde ich bestimmt nicht mehr versuchen, sie dir wegzunehmen.«
»Ich lasse mich auch nicht wegnehmen«, verkündete Rijana stolz. Zwar war sie die kleinste von allen, doch sie hatte eine Ausstrahlung, die zeigte, dass sie es durchaus ernst meinte.
Als weiterhin niemand mit ihr kämpfen wollte, verkündete Rijana, dass sie Rudrinn suchen wolle. Ariac machte Anstalten, sie zu begleiten, aber Rijana winkte ab.
»Mir wird niemand etwas tun, da bin ich mir sicher. Und wie du schon so schön gesagt hast, ich kann mich sehr gut selbst verteidigen, schließlich bin ich Thondras Tochter.«
Ariac machte ein etwas unglückliches Gesicht und blickte ihr lange hinterher, bis sie zwischen den Bäumen verschwunden war.
Broderick schlug ihm auf die Schulter. »Keine Angst, sie passt auf sich auf.«
Um sich abzulenken, wandte Ariac sich dem nächsten Piraten zu, der mit ihm trainieren wollte.
Rijana konnte Rudrinn nicht finden, er war wie vom Erdboden verschluckt. Es schien, als wollte er gar nicht gefunden werden. Auch in den nächsten Tagen bekam Rijana ihn nicht zu fassen.
Als sie kurz darauf wieder an den Klippen standen, um sich zu verabschieden, umarmte Rudrinns Vater sie alle und wünschte ihnen alles Gute.
»Seid vorsichtig. Rudrinn, du weißt, dass ihr schon jetzt auf die Herbststürme aufpassen müsst.«
»Wir werden euch Nachricht schicken, sobald wir Genaueres wissen«, versprach dieser. Dann umarmte er seinen Vater ein letztes Mal.
»In Rammatochs Namen, dass mein Sohn wirklich der Retter der Menschheit werden soll, ich fasse es nicht«, sagte er kopfschüttelnd, aber dann packte er ihn an der Schulter. »Ich bin stolz auf dich.« Er blickte die anderen an. »Und auf euch auch. Ich weiß, dass Rudrinn sich auf euch verlassen kann.«
»Und wir uns auf ihn«, fügte Broderick hinzu.
»Und die Mädchen wollt ihr wirklich nicht hierlassen?«, krächzte Fizzgan.
Broderick lachte und legte seine Arme um Rijana und Saliah. »Nein, die gehören zu uns, und für nichts auf der Welt werden wir sie hergeben.«
Grummelnd schlurfte Fizzgan davon. Dann kletterten sie nacheinander die Seile hinunter. Kapitän Norwinn hatte ihnen zehn Piraten mitgegeben, damit sie bei einem eventuellen Sturm erfahrene Hilfe hatten.
»Auf so einem verflucht piekfeinen Schiff bin ich ja noch nie gewesen«, rief Blodwin und spuckte auf die sauberen Planken der »Meernixe«.
Bald waren die Segel gehisst und blähten sich im steifen Wind. Rudrinn steuerte das Schiff geschickt aus der Inselgruppe heraus. Auf den Klippen standen die restlichen Piraten und grölten ihnen unflätige Abschiedsgrüße hinterher.
Rudrinn trug jetzt wieder die Kleidung der Piraten, ein weites Hemd, mit einem Ledergürtel zusammengebunden, weite Hosen und Stulpenstiefel. Seine halblangen schwarzen Haare hatte er mit einem bunten Tuch zurückgebunden.
Ein Pirat mit Augenklappe kam auf ihn zu und schlug ihm auf die Schulter. »Hättest wohl auch nicht gedacht, in deinem Alter schon Kapitän zu sein, hä?«
Stolz grinsend steuerte er aufs offene Meer hinaus. Dann seufzte er. »Ich befürchte nur, meine weitere Aufgabe liegt nicht auf dem Wasser, sondern an Land.«
»Ach was«, rief der Pirat. »Du bist Norwinns Sohn, du gehörst auf die See.«
»Aber ich gehöre auch zu den Sieben.«
»Davon verstehe ich nix«, murmelte der Pirat und schwankte zurück zu den Segeln.
 
Sie hatten die Ayrenn-Inseln erst seit zwei Tagen hinter sich gelassen, als plötzlich Lucad, ein kleiner, magerer Pirat, der kaum das Mannesalter erreicht hatte, vom Aussichtskorb herunterschrie: »Wenden! Wenden! Scurrs Männer scharf steuerbord!«
Ohne lange zu überlegen, riss Rudrinn das Steuer herum, und die Piraten beeilten sich unter großem Geschrei, die Segel in die richtige Position zu bringen. Falkann und die anderen rannten ans Heck des Schiffes, verzweifelt bemüht, in dem diesigen Licht des beginnenden Morgens etwas zu erkennen.
»Wo soll denn da ein Schiff sein?«, fragte Broderick und kniff die Augen zusammen.
Rudrinn steuerte das Schiff geschickt in Richtung Westen zurück. Zum Glück war der Wind auf ihrer Seite, sodass sie rasch vorankamen. Nach einiger Zeit verließ Rudrinn das Steuer, um den aufgeregten Lucad zu befragen, der immer wieder bei seiner Piratenehre beteuerte, ein Schiff mit roten Segeln gesehen zu haben.
Rudrinn glaubte ihm. »Dann können wir nicht in Richtung Teufelskralle segeln.«
»Was will Scurr denn dort?«, fragte Tovion.
Rudrinn zuckte die Achseln. »Vielleicht will er nach Silversgaard, dann wäre das für ihn der einfachste und direkteste Weg.«
Blodwin kam zu ihnen und fluchte lauthals über König Scurr. Dann sagte er: »Ich befürchte, wir müssen euch an der Küste von Ursann absetzen.«
Rijana erschrak, und auch Ariac wurde auf einmal ganz bleich im Gesicht.
»Nicht nach Ursann, ich will nie wieder dorthin zurück«, stieß Rijana mit Panik im Blick hervor.
»Aber durch die Teufelskralle können wir nicht. Wer weiß, wie viele von Scurrs Schiffen davor kreuzen. Und Silversgaard können wir auch nicht umsegeln, um in Balmacann an Land zu gehen, denn dort lauern Greedeons Leute«, wandte Rudrinn ein.
»Rijana hat Recht«, bestätigte Ariac. »Wir können nicht nach Ursann. Die Küste wird streng bewacht. Überall lauern Orks, die jeden Eindringling gleich bemerken und erledigen. Das ist viel zu gefährlich.«
»Aber was bleibt uns anderes übrig?« Rudrinn war gereizt.
»Vielleicht können wir ganz nach Süden segeln, Camasann umfahren und im Land der Elfen anlegen«, schlug Saliah vor.
»Das würde viel zu lang dauern«, seufzte Broderick und erhielt Zustimmung von den anderen.
Blodwin kaute auf etwas Tabak herum und spuckte anschließend direkt vor Saliahs Füße, die mit einem angeekelten Quietschen zurücksprang.
»Ihr könntet nördlich von Ursann an Land gehen«, er hob seine eine Hand, als Rudrinn den Mund aufmachte. »Ich weiß, dass es verdammt gefährlich ist, aber im Norden wird Scurr nicht so sehr aufpassen, und ihr wärt bald in Catharga.«
»Schon, nur das Meer nordwestlich von Ursann wird nicht umsonst als ›Die See der Verdammten‹ bezeichnet«, wandte Rudrinn mit gerunzelter Stirn ein und erklärte weiter: »Scharfe Riffe, Untiefen und die raueste See, die ihr euch vorstellen könnt. Außerdem ist es schon Spätsommer, da beginnen bald die Herbststürme.«
Außer Rudrinn kannte sich niemand wirklich gut in der Seefahrt aus, daher waren sie unsicher. Auch die Piraten begannen zu diskutieren. Die meisten versuchten, Rudrinn zu überzeugen. Der machte jedoch ein skeptisches Gesicht und wirkte besorgter, als es normalerweise für ihn typisch war.
»Jetzt komm schon, Junge, du bist mit zehn Jahren durch die Teufelskralle gefahren, da wirst du doch die See der Verdammten bezwingen können«, schloss Blodwin. Die meisten der anderen Piraten brummten zustimmend.
Rudrinn fuhr sich durch die Haare. Er traute es sich schon zu, dieses Meer zu befahren, aber es ging hier schließlich nicht nur um ihn. Seine Freunde, und vor allem die Mädchen, wollte er nicht in Gefahr bringen.
»Wir sollten Rudrinn entscheiden lassen«, sagte Saliah plötzlich und lächelte ihm aufmunternd zu. »Er kann es am besten einschätzen, und ich vertraue ihm.«
Rudrinn lächelte zögernd zurück. »Ich bin mir nicht ganz sicher«, begann er, »aber wenn Rijana und Ariac meinen, Ursann wäre zu gefährlich, dann müssen wir es wohl versuchen.«
Broderick war der Erste, der ihm zustimmend auf die Schulter schlug. »Du wirst das schon machen. Und wenn nicht, dann werden wir dich in Stücke reißen und an die Krähen verfüttern«, fügte er augenzwinkernd hinzu.
Blodwin lachte laut auf. »Rudrinn ist der verflucht beste Pirat, den ich seit Kapitän Norwinn gesehen habe.« Dann blickte er sich nach den anderen Piraten um und rief: »Und wir sind ja auch noch da.«
»Gut, dann können wir euch notfalls auch an die Krähen verfüttern«, scherzte Broderick.
»Ha!« Blodwin stieß Broderick mit seinem Haken in die Seite. »Wenn du nicht als verdammte Landratte geboren worden wärst, hättest du einen guten Piraten abgeben können.«
Also war es beschlossene Sache: Zuerst ging es nach Westen, dann nördlich um Ursann herum auf das Gebirge zu, das Ursann und Catharga trennte. Niemandem war wirklich wohl bei der Sache, aber es blieb wohl kein anderer Ausweg.
Das Wetter verschlechterte sich von Tag zu Tag, und die Fahrt erschien ihnen länger und länger. Alle waren froh, dass die Piraten bei ihnen waren. Selbst bei schlechtestem Wetter, Sturm und Regen schafften sie es, das Schiff auf Kurs zu halten, und hin und wieder konnte jemand Rudrinn am Steuer ablösen.
Je weiter sie nach Norden kamen, desto schwieriger wurde es, sich zu orientieren. Nur die Piraten kannten jetzt noch den Weg. Für alle anderen bestanden die Tage nur aus Regen, Sturm, dem ewigen Auf und Ab des Schiffes und Rudrinns Beteuerungen, auf dem richtigen Kurs zu sein.
An einem stürmischen Tag im ersten Mond des Herbstes klarte es dann doch endlich mal wieder auf. Doch mehr als Wasser war nicht zu sehen, und am wolkenzerfetzten Himmel zeigte sich nur hin und wieder die Sonne.
»Wo liegt denn Ursann?«, fragte Ariac zu Rudrinn gewandt, der mal wieder am Steuer stand.
Er deutete vage nach rechts. »Wir umsegeln es weiträumig, damit uns niemand sieht.«
Ariac war die Seefahrt noch immer nicht geheuer, und er wünschte sich nichts sehnlicher, als endlich festen Boden unter den Füßen zu haben.
Plötzlich hörte man ein lautes, schrammendes Geräusch.
Rudrinn fluchte wüst und rief Ariac zu: »Halt das Steuer fest.«
»Aber ich kann doch nicht …«, begann dieser verzweifelt, doch Rudrinn war schon davongerannt. Also nahm Ariac rasch das Steuer in die Hände, als die »Meernixe« sich bereits leicht nach rechts drehte. Er hielt das Steuerrad, so gut es ging, gerade in der Hoffnung, nichts falsch zu machen.
Rudrinn rannte zu den Klappen und stieg in den Bauch des Schiffes, wo er die anderen Piraten schon aufgeregt rufen hörte.
»Verfluchte Scheiße«, entfuhr es ihm, als er den gut zwei Hand breiten Riss in der rechten Seite des Schiffes sah, der sich beinahe über die ganze Länge zog. Meerwasser strömte herein, sodass die Piraten schon jetzt bis zu den Knöcheln im Wasser standen.
»Wir können das ausbessern, Rudrinn, kein Problem«, schrie Blodwin.
Rudrinn holte schnell die anderen zu Hilfe, und sofort begannen sie mit den Piraten zusammen, Bretter auf den Riss zu nageln und diesen mit Pech zu verschließen.
»Komm, Rijana«, sagte Saliah und schnappte sich einen Eimer. »Wir können Wasser schöpfen.«
Die Mädchen machten sich also an die mühsame Arbeit, aber das Wasser stieg zuerst schneller, als sie es über Bord kippen konnten. Doch bald hatten die Piraten eine Kette gebildet, sodass sie die Wassereimer schneller weiterreichen konnten, die Rijana und Saliah ihnen hinaufreichten. Die Übrigen kämpften darum, das Leck zu schließen.
Als der Tag sich bereits dem Ende zuneigte, war das Leck dicht verschlossen und jeder Helfer nicht nur bis auf die Haut nass, sondern vom kalten Wasser durchgefroren und erschöpft.
Rudrinn grinste, als er die klatschnasse Saliah sah, die mühsam die Leiter nach oben kletterte. Er hielt ihr die Hand hin und half ihr an Deck.
»Du bist also doch keine eingebildete, unnütze Adlige«, sagte er frech.
Saliah wollte gerade zu einer empörten Erwiderung ansetzen, als Rudrinn ihr beruhigend die Hand drückte. »Das war ein Kompliment. Ich bin dir sehr dankbar. Ihr habt das wirklich gut gemacht.«
Überrascht runzelte Saliah die Stirn und schloss ihren Mund wieder. Zu verwirrt, um gleich antworten zu können, fuhr sie sich durch die wirren, klatschnassen Haare.
»Gut, dann antworte ich eben auf Piratenart.« Mit diesen Worten verpasste sie Rudrinn eine schallende Ohrfeige und stolzierte daraufhin mit ihren tropfenden Kleidern davon.
Blodwin, der das Ganze beobachtet hatte, schlug Rudrinn, der sich die Wange rieb, auf die Schulter. »Die Kleine ist aus dem rechten Holz geschnitzt.«
Rudrinn schnaubte und ging zurück zum Steuer. Aus Saliah wurde er einfach nicht mehr schlau.
Auch in den folgenden Tagen gerieten sie immer wieder in gefährliche Situationen. Nebel verschlechterte die Sicht, und die See wurde vom stürmischen Wind aufgepeitscht. Als sie dann noch einmal einen verborgenen Felsen schrammten, hielten alle kurz die Luft an. Aber diesmal hatten sie Glück, und sie mussten kein Leck flicken. Der zweite Herbstmond hatte bereits begonnen, als wieder Land zu sehen war. Ariac stand neben Rijana an der Reling und nahm sie fest in den Arm.
»Ursann«, flüsterte er.
Sie nickte und nahm seine Hand. Schaudernd blickte sie auf die zackige Küste und die hohen Klippen.
»Meinst du, König Scurr hat auch hier Wachen aufgestellt?« Schon bei dem Gedanken an dieses Land lief es ihr kalt den Rücken herunter.
»Das glaube ich nicht. Niemand würde versuchen, dort zu landen.« Ariac grinste halbherzig. »Es sei denn, er wäre so verrückt wie ein Pirat.«
»Ich bin froh, dass wir nicht durch Ursann müssen.« Rijana lehnte ihren Kopf an Ariacs Schulter.
Tovion, der zu ihnen gestoßen war, erwiderte jedoch: »Das nördliche Gebirge wird auch kein Spaß werden, vor allem, da der Winter vor der Tür steht.«
Nur ungern erinnerte sich Ariac an die bitterkalten Winter in Naravaack. Eines war klar, es würde keine leichte Überquerung werden.
 
An einem kalten, diesigen Tag hatte Rudrinn endlich eine Stelle gefunden, die seiner Meinung nach geeignet war, um dort an Land zu gehen. Obwohl die anderen eher skeptisch waren, steuerte er das Segelschiff sicher in eine Felsspalte und ließ den Anker werfen. Anschließend nahm er ein Seil, mit dem er geschickt an den schwarzen Felsen der Klippe hinaufkletterte.
Saliah wurde deutlich blass und packte Falkanns Hand. »Hoffentlich passt er auf«, flüsterte sie ängstlich.
Falkann nahm sie in den Arm. »Rudrinn ist durch und durch ein Pirat, das habe ich erst durch unsere Reise erkannt. Für ihn ist das kein Problem.«
Schon war Rudrinn oben angekommen, winkte den anderen zu und befestigte das Seil. Anschließend rutschte er wieder herunter und landete mit einem lauten Krachen auf den Planken.
»So, jetzt könnt ihr hinaufklettern«, meinte er fröhlich, während er sich den Regen aus dem Gesicht wischte.
Seine Freunde blickten kritisch in die Höhe. Selbst mit dem Seil wäre es auf den glitschigen Felsen extrem gefährlich.
Rudrinn stellte sich vor die Piraten. »Ich bin stolz, mit euch gesegelt zu sein.«
»Möge Rammatoch mich holen, wenn ich jemals mit einem besseren Kapitän gesegelt wäre«, rief Blodwin, und die anderen Piraten begannen zu jubeln und ihre Säbel und Messer in die Höhe zu recken.
Rudrinn grinste verlegen. »Lass das nicht meinen Vater hören, sonst hängt er dich an deinem eigenen Bart an den nächsten Mast.«
Blodwin lachte und umarmte Rudrinn überschwänglich.
»Der würde mir nur zustimmen, sonst wäre er ein verdammter Narr.« Der Pirat blickte Rudrinn und seine Freunde ernst an. »Passt auf euch auf. Den Menschen vom Festland kann man nicht trauen.«
Rudrinn verpasste ihm einen freundschaftlichen Schlag auf den Hinterkopf. »Meine Freunde kommen alle vom Festland.«
»Die meine ich auch nicht«, knurrte Blodwin.
Er winkte einigen Piraten, die daraufhin Proviant und warme Decken brachten. Rudrinn und die anderen verstauten alles, so gut es ging, auf ihren Rücken. Dann begannen sie nach und nach, den glitschigen Felsen nach oben zu klettern, was wirklich nicht ganz leicht war. Broderick wäre um ein Haar abgestürzt, hätte Falkann ihn nicht im letzten Moment auf die sturmumtoste Klippe gezerrt.
Als auch Rudrinn als Letzter nach Saliah oben angekommen war, winkte er den Piraten noch einmal zu und schrie in den Wind: »Möge der Gott der Meere eure Rückfahrt schützen!«
Daraufhin reckten alle Piraten ihre Säbel in die Höhe, bevor ihr Segelboot langsam aufs Meer hinausschaukelte.
»Ich hoffe, sie erreichen die Ayrenn-Inseln noch vor den schwersten Stürmen.« Rudrinn klang ein wenig besorgt.
»Aber sicher«, erwiderte Broderick aufmunternd. »Sie sind doch genauso verfluchte, verrückte Piraten wie du.«
Rudrinn lächelte halbherzig und machte sich dann seufzend auf den Weg über eine steinige Ebene in Richtung der langsam vor ihnen ansteigenden Berge. Südlich ragten die unwirtlichen, düsteren Berggipfel Ursanns auf. Wie ein böses Versprechen hingen drohende dunkle Wolken über ihnen. Dort lebte König Scurr, der ärgste Feind der Sieben und aller freien Völker; ihn mussten sie bezwingen, sonst wäre die Welt seiner sich ausbreitenden Gewaltherrschaft schutzlos ausgeliefert.
Heftiger Regen und ein kalter Wind erschwerte ihnen das Gehen. Die Elfenmäntel wärmten zwar, aber nur Rijanas und Ariacs hielten wirklich dicht, denn ihre waren neu. Die beiden hatten auf ihrer ersten Flucht den König vom Mondfluss, einen uralten Elfen, kennen gelernt, der ihnen geholfen und unter anderem die Mäntel geschenkt hatte. Ihr Angebot, die Mäntel an die anderen auszuleihen, lehnten diese ab.
 
Die hohen Berge des nördlichen Gebirges ragten nun steil vor ihnen auf, und an den wenigen klaren Tagen sah man, dass bereits Schnee auf den Gipfeln lag. Der Aufstieg war hart und beschwerlich. Die Felsen waren scharfkantig und rutschig, und nicht immer fanden sie einen Pfad, der sie weiterbrachte. Als sie nach einem ganzen Tag anstrengendem Aufstieg plötzlich vor einer senkrecht aufragenden Felsmauer standen, verließ sie kurz der Mut. Sie ließen sich im Schutze der Felsen erschöpft auf den Boden sinken und tranken aus ihren Wasserschläuchen.
»Heute können wir nicht weiter«, keuchte Tovion und blickte in den bereits dunkler werdenden Himmel.
Dem konnte niemand widersprechen, denn weiter wollte an diesem Abend keiner. Nachdem sie ein wenig Brot und zähes Räucherfleisch gegessen hatten, wickelten sie sich in ihre Umhänge und Decken.
Ariac nahm Rijana in den Arm und schmiegte sich an sie. »Ist dir sehr kalt?«, fragte er leise.
»Wenn du bei mir bist, nicht.«
Zufrieden lächelnd breitete er die Decke über sie beide, dann schloss er die Augen. Seine Wache würde erst später beginnen.
Broderick, der mit Falkann gemeinsam die erste Wache hielt, sah, wie sein Freund die beiden beobachtete. »Du wirst schon noch ein Mädchen finden.«
Falkann seufzte nur und blickte in die Dämmerung hinaus. Dieses Gebirge hatte eine eigenartig unheimliche und finstere Ausstrahlung. Soviel er wusste, war es von Menschen unbewohnt. In früherer Zeit sollten hier Drachen gelebt haben, aber die waren schon lange ausgestorben.
In der Nacht fielen die ersten Schneeflocken leise zu Boden, sodass am Morgen, als alle steif gefroren aufwachten, der gesamte Boden mit Schnee bedeckt war. Sie konnten nur hoffen, weiter im Süden einen Weg nach oben zu finden.
Der Schnee und die bittere Kälte erschwerten den Marsch noch zusätzlich. Ariac hatte Rijanas Hand genommen, damit sie nicht zurückfiel. Die anderen achteten auf Saliah. Aber nicht nur die Mädchen waren am Ende ihrer Kräfte. Der Aufstieg forderte die Ausdauer eines jeden Einzelnen bis an seine Grenzen.
Es musste wohl etwa der Tag des Herbstfestes sein, als sie endlich einen der niedrigeren Gipfel des Gebirges erklommen hatten und unter sich in der Ferne die Ebenen von Catharga erblickten. Sie lächelten sich mit geröteten Gesichtern erschöpft zu und feierten diesen Abend im Schutze einer kleinen Höhle mit etwas Rum aus Rudrinns Vorrat.
»Den habe ich extra aufgehoben«, verkündete er. »Ich weiß zwar nicht, ob heute wirklich das Neujahrsfest ist, aber egal.« Er grinste breit in die Runde. »Das ist das beschissenste Neujahrsfest, das ich jemals erlebt habe.«
Die anderen lachten, nur Ariac wirkte nachdenklich – dieses Neujahrsfest war das angenehmste, das er seit seiner Zeit in der Steppe erlebt hatte. Rijana, die seinen Blick sah, drückte seine Hand und lächelte ihn an.
Deine nächsten Neujahrsfeste werden noch viel schöner werden, bedeutete sie ihm.
Nachdem Rudrinn die Flasche mit dem Rum durchgegeben hatte, saßen alle hustend und mit hochroten Köpfen da. Doch dann spürten alle die angenehme Wärme von innen, die sie an Feste in Camasann erinnerte, von denen sie nun nacheinander erzählten. Und obwohl Ariac nicht mitreden konnte, musste auch er herzlich lachen, als Rudrinn davon berichtete, wie Broderick mit Zauberer Tomis getanzt hatte.
Broderick verschränkte beleidigt die Arme. »Dieses Erlebnis werde ich niemals vergessen. Du meine Güte, ich dachte, ich versinke im Boden vor lauter Scham.« Dann grinste er Rudrinn zu und erzählte seinerseits zufrieden, wie Rudrinn getobt hatte, als man ihn beim Willkommensritual in den Fluss geworfen hatte.
»Erst Rijana konnte ihn besänftigen«, erzählte Falkann lachend und warf ihr einen etwas wehmütigen Blick zu.
»Ja, er war ein verflucht ungehobelter Pirat«, fügte Broderick lachend hinzu.
»Was heißt hier, war?«, entgegnete Rijana frech, und Rudrinn stürzte sich zum Spaß auf sie.
Ariac hörte den anderen schmunzelnd zu. Er beneidete sie um ihre doch sehr viel leichtere Jugend. Aber ihn erfüllte es mit Glück zu wissen, dass sie nun auch seine Freunde waren, auf die er sich verlassen konnte.
Der Abend verging mit vielen »Weißt du noch« und tiefen Seufzern, sodass es schon spät war, als sie sich im spärlichen Schein des heruntergebrannten Lagerfeuers in ihre Decken wickelten.
Rijana streichelte Ariac über die langen dunklen Haare, die er sich nun an den Seiten wieder zu Zöpfen gebunden hatte.
»Ich hoffe, wir haben dich nicht traurig gemacht mit unseren Geschichten. Ich meine, in Ursann war doch alles so furchtbar …«, flüsterte sie schuldbewusst, denn den ganzen Abend lang hatte sie gar nicht daran gedacht.
Ariac, der schon fast eingeschlafen war, drehte sich noch einmal zu ihr um. »Keine Sorge, es war ein bisschen so, als hätte ich das alles miterlebt und wäre bei euch gewesen.« Er gab ihr einen Kuss und nahm sie fest in den Arm. »Es ist schön, mit euch unterwegs zu sein.«
Rijana drückte sich glücklich an ihn und war einfach nur froh, in Ariacs Nähe zu sein und ihre Freunde um sich zu haben. Nun hoffte sie, bald weitere Verbündete zu finden, und natürlich, dass es ihnen tatsächlich gelang, sich im Frühling mit Brogan, Nelja und den Menschen zu treffen, die der Zauberer dann hoffentlich ebenfalls auf seine Seite gebracht hatte.
 
Während der nächsten Tage stapften die Sieben durch den immer tiefer werdenden Schnee bergab, was auch nicht weniger anstrengend war, als bergauf zu laufen. Doch dann stolperten sie unverhofft auf eine Gruppe von etwa zehn Orks, die sich gerade über ein totes Reh hermachten. Der Anführer der Orks bemerkte sie zuerst und grunzte laut zum Angriff.
Die Sieben zogen ihre silbern glitzernden Schwerter mit den Runen. Trotz ihrer monströsen Kräfte hielten die Orks nicht lange stand, sodass der Schnee schnell mit ihrem stinkenden Blut gefärbt war. Keiner der Sieben war verletzt. Sie säuberten ihre Schwerter im Schnee.
»Das waren nicht Scurrs Orks.« Ariac stieß eine der stinkenden Kreaturen mit dem Fuß an.
»Woher weißt du das?«, fragte Falkann kritisch.
»Sie tragen keine Rüstung, die von Scurr schon«, erwiderte Ariac und stapfte langsam weiter durch den beinahe kniehohen Schnee.
Der weitere Abstieg war beschwerlich, aber zum Glück trafen sie weder auf Orks, noch auf die gefürchteten Schneetrolle, vor denen Ariac sie immer wieder warnte, weil sie ausgehungert in diesen Bergen umherstreifen sollten. Die Berge von Ursann zu überwinden, dauerte dennoch länger, als alle gedacht hatten. Die noch schneefreien Ebenen von Catharga schienen so nah, aber dann taten sich immer neue Hügelketten auf, die sie zu überwinden hatten. In einer Nacht, in der die Gefährten glücklicherweise eine schützende Höhle gefunden hatten, schneite es so stark, dass sie am nächsten Tag kaum vorwärtskamen. Diesmal marschierten sie durch ein langgezogenes Tal. Broderick ging voran und bahnte den anderen einen Weg durch den Schnee. An zweiter und dritter Stelle kamen Tovion und Rudrinn, dann Saliah, gefolgt von Rijana, anschließend Ariac. Falkann lief ganz am Schluss. Endlich hatte Broderick das Ende des Tales erreicht und war schon fast hinter dem nächsten Hügel verschwunden. Die anderen folgten ihm. Falkann musste kurz stehen bleiben, da ihm sein Proviantsack aufgerissen war. Fluchend sammelte er Brot und harten Käse ein. Auch die beiden vor ihm hatten beinahe das Ende des Tales erreicht. Schnell rannte Falkann hinter Ariac her. Dabei trat er wohl nur ein ganz klein wenig weiter nach links als die anderen, und plötzlich ertönte ein lautes Krachen. Falkann war mit einem leisen Aufschrei in das Eis eines schneebedeckten Sees eingebrochen.
Ariac fuhr gleich herum, als er das Geräusch hörte. Plötzlich war Falkann verschwunden. Sofort warf Ariac seine Decke und sein Bündel ab und rannte zurück. Er sah, wie Falkann noch einmal auftauchte und verzweifelt nach Luft schnappte, dann versank er erneut im eiskalten Wasser. Beherzt warf sich Ariac auf den Bauch und krabbelte vorsichtig näher an das Loch heran, packte Falkann im letzten Augenblick am Arm und zog ihn etwas hinauf. Unter ihm krachte das Eis bereits ebenfalls bedenklich, und der Schnee begann, sich mit Nässe zu durchziehen.
»Geh«, brachte Falkann mit bebenden Lippen heraus, als Ariac erschrocken etwas zurückkroch, nachdem das Eis weiter eingebrochen war.
Aber Ariac schüttelte entschieden den Kopf und hielt Falkann, der erneut zu versinken drohte, unter den Armen fest. Er konnte sich nicht mehr bewegen, das eiskalte Wasser betäubte seine Glieder.
Ariac warf einen hektischen Blick nach hinten, aber die anderen hatten offenbar nichts bemerkt und waren weitergegangen. Schon wieder knackte das Eis. Ariac stieß ein stummes Stoßgebet an sämtliche Götter aus und hoffte, dass seine Freunde endlich bemerkten, dass er und Falkann fehlten. Eine Ewigkeit schien vergangen zu sein, bis Tovion hinter ihnen auftauchte.
Ariac aber presste mit angestrengtem Gesichtsausdruck nur heraus: »Nicht, sonst bricht das Eis.«
Wieder krachte es unheilvoll, und Ariac schloss die Augen. Er konnte Falkann, der offensichtlich das Bewusstsein verloren hatte, kaum noch festhalten. Tovion blickte sich vorsichtig um, dann kam er langsam und Schritt für Schritt näher. Als er sich sicher war, dass er noch festen Boden unter den Füßen hatte, legte er sich ebenfalls hin und hielt Ariac an den Füßen fest. Die anderen kamen nach und nach dazu, und Saliah stieß einen verängstigten Schrei aus.
»Wir müssen die beiden rausziehen«, rief Tovion und begann gemeinsam mit Broderick, Ariac vorsichtig an den Füßen in Richtung Ufer zu ziehen.
Rijana schloss die Augen, als es erneut laut knackte und ein Stück Eis einbrach.
»Schnell«, rief Ariac, denn er konnte spüren, wie es unter ihm mehr und mehr nachgab.
Noch einmal zogen Tovion und Broderick kräftig, dann waren Ariac und Falkann endlich auf festem Boden. Das Eis brach bis zum Rand, an dem durchgeweichten Schnee konnte man sehen, dass es sich um einen großen Bergsee handeln musste. Ariac legte sich schwer atmend in den Schnee, während die anderen begannen, Falkann von seinen nassen Sachen zu befreien. Schnell zogen sie ihm ein paar ihrer trockenen Sachen über. Rudrinn holte den Rest des Rums heraus und goss ihn Falkann in den Mund.
»Na los, jetzt schluck schon«, rief er und schüttelte den Freund kräftig.
Schwerfällig hob Falkann die Augenlider, dann sackte er wieder nach hinten.
»Bleib wach, verdammt!«
»Wir suchen Holz.« Tovion zog die entsetzten Mädchen mit sich.
Rijana lief noch einmal zu Ariac und fragte: »Ist mit dir alles in Ordnung?«
Er nickte beruhigend und versuchte, Gefühl in seine erfrorenen Arme zu bringen. Ansonsten ging es ihm gut.
Broderick hatte Falkann auf die Füße gezogen und versuchte gemeinsam mit Rudrinn, ihn zum Laufen zu bringen, aber ihm knickten immer wieder die Beine ein. Nach einer Weile hatten Tovion und die Mädchen etwas trockenes Holz gefunden, schoben, so gut es ging, den Schnee zur Seite und schafften es schließlich, ein Feuer zu entzünden. Broderick und Rudrinn ließen Falkann auf die Decken sinken, und Saliah nahm ihn in den Arm.
»Er wird doch wieder gesund, oder?«
Tovion schaute sie nur verzweifelt an und gab Falkann etwas von dem Tee, den er gekocht hatte. Falkann zitterte nun heftig, sodass er kaum etwas von dem Tee schlucken konnte. Langsam kam Ariac näher und zog seinen Umhang aus.
»Gebt ihm meinen, der hält besser warm«, schlug er vor.
Rijana schüttelte den Kopf. »Nein, sie sollen meinen nehmen, du hast auch halb im Wasser gelegen.«
»Mir ist nicht mehr kalt«, widersprach Ariac und wickelte sich bereits in seine Decke.
Rijana setzte sich zu ihm und reichte ihm einen Becher mit Tee, dann legte sie ihre Hände auf die seinen.
»Danke, dass du ihm geholfen hast«, sagte sie ernst.
Ariac trank vorsichtig von dem Tee. »So was macht man doch unter Freunden.«
Rijana lächelte und blickte dann besorgt auf Falkann, der in den magischen Elfenumhang gewickelt etwas weniger zitterte und langsam einzuschlafen schien.
Vorsichtig streichelte Saliah ihm über die fast steif gefrorenen Haare. »Warum haben wir denn nicht gemerkt, dass es ein See war?«, ihre Augen füllten sich mit Tränen.
»Ich weiß es nicht«, seufzte Ariac. »Ich war auch schon am Ufer, als er plötzlich eingebrochen ist. Das war wohl einfach Pech.«
Das Feuer wärmte nicht ausreichend, und alle machten sich Sorgen um Falkann, der mit blauen Lippen und blassem Gesicht bewegungslos unter den vielen Decken lag. Rijana wollte ihm auch noch ihren Umhang geben, aber Tovion meinte, dass das auch nichts ändern würde.
Es war schon tief in der Nacht, als Falkann mühsam die Augen aufschlug. Ihm war furchtbar kalt, und er konnte sich kaum bewegen. Er blickte in Saliahs erleichtertes Gesicht, die ihm gleich einen Becher mit Tee reichte.
»Was ist denn los?«, fragte er mit bebenden Lippen.
Sie nahm seine Hand in ihre und antwortete leise: »Du bist in einen See eingebrochen, und Ariac hat dich gerettet.«
»Ariac?«, fragte Falkann ungläubig. Er konnte sich an nichts mehr erinnern. Wieder einmal überkamen ihn Schuldgefühle. Vor langer Zeit, als sie das erste Mal auf Ariac getroffen waren, hatte Falkann ihn hinterlistig verraten. Weil Falkann in Rijana verliebt gewesen war, hatte er behauptet, dass Ariac Berater Flanworn getötet hatte, obwohl Falkann selbst es gewesen war. Damit hatte er gehofft, den damals verhassten Steppenkrieger loszuwerden. Obwohl Falkann noch immer heimlich in Rijana verliebt war, mochte er Ariac mittlerweile, und daher zerfraßen ihn seine Schuldgefühle beinahe. Erschöpft ließ sich Falkann zurücksinken und schlief sofort wieder ein.
Als der Morgen dämmerte, ging es ihm ein wenig besser, auch wenn sich weiterhin alles wie betäubt anfühlte. Mit einiger Anstrengung stützte sich Falkann auf die Unterarme und sah, dass Ariac Wache hielt, während die anderen rundherum noch schliefen.
»Ariac«, rief er leise.
Der Steppenkrieger fuhr herum, kniete sich neben ihn und gab ihm noch etwas von dem Tee. Falkann wärmte sich die Hände an dem Becher und blickte Ariac nachdenklich an.
»Warum hast du mich aus dem Wasser gezogen?«, fragte er ernst.
Überrascht hob Ariac die Augenbrauen. »Weil wir Freunde sind. Weil wir Sieben zusammengehören und zusammenhalten müssen.«
Falkann schloss beschämt die Augen. Nie hatte er sich in seinem Leben so schuldig gefühlt.
Mit seiner kalten Hand packte er Ariac am Arm. »Danke, aber … ich … ich bin deine Freundschaft nicht wert … ich …«, begann er stockend. Er wollte weiterreden und Ariac endlich alles beichten, doch da wachte Rijana auf, stieß einen erleichterten Ruf aus und umarmte Falkann überschwänglich.
»Ich hatte wirklich Angst, dass du erfrierst«, sagte Rijana, und Falkann schloss für einen Augenblick die Augen. Es war so schön, wenn Rijana so nah bei ihm war.
Aber dann riss er sich zusammen und meinte: »Ach was, ich bin zäh wie eine alte Eiche aus Catharga.«
»Ist dir kalt?« Besorgt nahm sie seine Hand in ihre. »Soll ich dir meinen Umhang geben, oder reicht dir der von Ariac?«
Falkann blickte an sich herunter und schluckte. Dann sah er Ariac beschämt an. »Du hast mir deinen Umhang gegeben?«
Ariac nickte. Falkann versuchte gleich, sich daraus hervorzuwinden, aber Ariac packte ihn an der Schulter. »Nein, lass es, mir ist nicht kalt, und du siehst immer noch wie eine Wasserleiche aus.«
Falkann musste tief durchatmen. Seine Schuldgefühle schienen ihn fast zu erdrücken. Er glaubte, vor Scham auf der Stelle sterben zu müssen. Ariac hatte ihn gerettet und er, er hatte den Freund damals so gemein verraten.
»Schlaf ruhig noch ein wenig«, flüsterte Rijana beruhigend, die das Ganze natürlich missverstand, und deckte ihn wieder zu. Dann lächelte sie Ariac an: »Ich bin so froh, dass du ihn gerettet hast.«
Falkann bekam noch mit, wie Ariac Rijana einen Kuss gab, dann schlief er tatsächlich wieder ein. Und noch immer hielt er Rijanas Hand.
 
Später am Nachmittag wachte Falkann hustend auf. Er fühlte sich furchtbar und bekam kaum Luft. Saliah hielt ihm mit besorgtem Blick einen Becher mit Tee hin, und langsam richtete sich Falkann zitternd auf.
»Wie lange habe ich geschlafen?«, fragte er heiser.
Saliah wandte den Blick zum Himmel. »Den halben Tag, aber das macht nichts.«
Er nickte und versuchte, sich zu erheben. Broderick packte ihn am Arm.
»Nicht, du musst dich ausruhen!«
Falkann hustete heftig und schüttelte den Kopf. »Nein, wir müssen weiter.«
Mit skeptischem Blick beobachtete Broderick, wie Falkann schwankend auf die Beine kam.
Saliah legte ihm ihre Hand auf die Stirn. »Du hast Fieber, leg dich wieder hin.«
Keuchend stieß Falkann hervor: »Das wird hier auch nicht besser.«
Tovion stimmte zögerlich zu und betrachtete die dunklen Wolken. »Ein Schneesturm zieht auf. Falkann hat Recht, wir sollten sehen, dass wir ein Dorf oder zumindest eine Höhle finden.«
Also machten sich alle auf den Weg durch den Schnee. Immer abwechselnd hielten sie Falkann zwischen sich, der oftmals heftig hustete und kaum laufen konnte. Als es zu dunkel wurde, machten sie im Schutz eines überhängenden Felsens Rast. Es hatte angefangen zu schneien, und ein heftiger Wind erhob sich.
Falkann war in Ariacs Umhang und mehrere Decken gewickelt, aber er zitterte trotzdem, und sein Atem ging rasselnd. Rijana kniete neben ihm und legte ihm ein kaltes Tuch auf die Stirn. Sie warf Tovion einen besorgten Blick zu. »Meinst du, er hält bis zum nächsten Dorf durch?«
»Ich denke schon. Ich bin zwar nicht so gut mit Kräutern wie Nelja, aber ich glaube, die hier helfen gegen Fieber.«
Mit einiger Mühe entzündete er ein kleines Feuer, über dem er die Kräuter in Wasser erwärmte. Anschließend gab er Falkann davon zu trinken, der die fiebrigen Augen nur leicht öffnete und immer wieder vor sich hinmurmelte: »Es tut mir leid, ich wollte dich nicht verraten … ich bin deiner Freundschaft nicht wert … es tut mir leid …«
»Was redet er denn dauernd?«, wunderte sich Saliah.
Tovion zuckte die Achseln. »Ich weiß nicht. Er hat Fieberträume und phantasiert, das geht schon eine ganze Weile so.«
In dieser Nacht schlief niemand gut. Es war bitterkalt, denn der Wind zog in jede Ecke. Dazu kamen die Sorgen um Falkann. Aber als der Morgen graute, schien das Fieber etwas gesunken zu sein, und Falkanns Blick wirkte schon etwas klarer. Er bestand darauf weiterzugehen, auch wenn er mehr stolperte als lief.
Nach zwei Tagen mühsamen Abstiegs sahen die Sieben ein kleines verschneites Dorf nicht weit entfernt an einem Fluss liegen. Falkann ließ sich erschöpft in den Schnee sinken, und Tovion und Rudrinn rannten los, um eine Kutsche oder einen Schlitten zu holen.
Saliah nahm Falkanns fieberheiße Hand: »Siehst du, jetzt haben wir’s geschafft. Wir bringen dich zu meinen Eltern. Deren Burg liegt nicht weit von hier entfernt.«
Falkann hustete qualvoll und nickte, er wollte einfach nur noch schlafen.
Bald tauchten zwei Bauern mit einem von schweren Pferden gezogenen Schlitten auf.
»Ihr seid wirklich Lady Saliah?«, fragte einer der Männer mit dichtem Bart und Fellmütze auf dem Kopf ungläubig.
Saliah nickte lächelnd, während Broderick und Ariac Falkann zum Schlitten schleiften. Seufzend ließ Falkann sich in die dicken Felle sinken.
Die Bauern verbeugten sich tief. »Ich hab Euch nur einmal gesehen, als Ihr ein kleines Mädchen wart.« Er errötete leicht. »Ihr seid wunderschön geworden, wenn ich das bemerken darf.«
Leise lachend stieg Saliah, die solche Komplimente gewöhnt war, in den einfachen Holzschlitten. »Ihr dürft, aber jetzt bringt mich zu meinen Eltern. Falkann braucht einen Heiler.«
Die Bauern verbeugten sich erneut und ließen die Pferde durch den Schnee galoppieren. Einige Zeit fuhren sie am Fluss entlang, dann über eine kleine Steinbrücke auf eine Ebene, die nur von leichtem Schnee bedeckt war. Bald konnte man vor einem kleinen Wäldchen eine Burg erkennen, die sich grau gegen den weißen Schnee abhob. Sie war nicht sehr groß, aber von einem Burggraben umgeben und von einigen Bauernhöfen umringt. Saliah streckte sich. Sie war viele Jahre nicht mehr zu Hause gewesen.
Zwei Wachen vor der alten Zugbrücke versperrten ihnen den Weg.
Saliah erhob sich und rief selbstbewusst: »Ich bin Lady Saliah, lasst mich zu meinen Eltern vor!«
Die Wachen blickten sich überrascht an, gaben dann jedoch den Weg frei.
Die Sieben fuhren über die Brücke in den kleinen Burghof ein. Diener erschienen, und Saliah ließ nach ihren Eltern schicken. Kurz darauf kam eine hochgewachsene Frau, in Pelzgewänder gekleidet, durch den Schnee geeilt. Sie glich Saliah ungemein mit ihrem hübschen Gesicht und den blonden Haaren. So würde Saliah wohl in vielen Jahren einmal aussehen.
»Saliah, ich konnte es gar nicht glauben«, rief ihre Mutter und umarmte sie fest.
»Mutter, wie schön, wieder hier zu sein. Kannst du bitte schnell nach einem Heiler schicken? Falkann ist krank.«
Lady Melinah blickte mit gerunzelter Stirn auf den jungen Mann, der in die Decken gewickelt auf dem Schlitten lag, und dann auf die anderen jungen Leute.
»Natürlich, man wird sich um ihn kümmern.« Lady Melinah sah ihre Tochter fragend an. »Sind das die anderen Kinder Thondras?«
Saliah bestätigte dies lächelnd und bedeutete ihren Freunden, ihr ins Innere der Burg zu folgen. Zwei Diener trugen Falkann in eines der vielen Zimmer, legten ihn in das Bett, das neben dem Kamin stand, und machten sich gleich daran, die Holzscheite zu entzünden. Kurz darauf erschienen zwei Heilkundige, die alle anderen hinausschickten. Saliahs Mutter war sehr freundlich und führte ihre Tochter und ihre Freunde in einen gemütlichen Raum, der gut geheizt war, und ließ ihnen gewürzten Wein und Brot bringen. Sie befragte sie ausführlich, was sie nach Catharga führte, bis die Tür aufgerissen wurde und ein großer, gutaussehender Mann mit grau-blonden Haaren hereingestürmt kam. Saliah sprang auf und ließ sich von ihrem Vater durch die Luft wirbeln.
»Du meine Güte, meine Tochter ist zurückgekehrt!« Er hielt sie etwas von sich und sagte bewundernd: »Du bist noch schöner geworden.«
Saliah errötete ein wenig und umarmte ihren Vater glücklich. »Es ist wunderbar, wieder hier zu sein.«
Anschließend stellte sie ihre Freunde vor. Lord Bronkar nickte allen zu und sagte dann: »Ich hörte, dass Falkann bei euch ist. Ich habe sogleich Nachricht zu König Hylonn geschickt.«
Saliah verzog das Gesicht. »Ist es wahr, dass Catharga sich mit Ursann verbündet hat?«
Lord Bronkar zog die Augenbrauen zusammen. »Man hört Gerüchte, aber ich kann sie kaum glauben. Schließlich war König Hylonn immer ein guter und gerechter Herrscher. Aber lasst uns jetzt nicht über Politik sprechen. Kommt mit in die Speisehalle, ihr werdet hungrig sein. Ich habe ein Wildschwein braten lassen.«
Sofort erhoben sich alle, denn so einem Angebot konnten sie nicht widerstehen. Nach dem Essen würde genug Zeit bleiben, um Saliahs Eltern alles zu erzählen.
Nachdem sie ausgiebig gespeist hatten, berichteten sie dann abwechselnd von den Neuigkeiten. Der König konnte nur staunen und blickte seine Frau immer wieder ungläubig an.
»Balmacann soll Geschäfte mit Ursann machen? Und König Greedeon beschuldigt seinerseits König Hylonn, mit König Scurr verbündet zu sein?« Er fuhr sich durch die dichten Haare. »Das ist alles unglaublich. Und euch wollten sie für ihre Zwecke missbrauchen, ich fasse es nicht!«
»Wir haben uns von König Greedeon losgesagt«, erwiderte Saliah bestimmt. »Wir halten zusammen und wollen nun nur noch Krieger um uns scharen, denen wir auch wirklich vertrauen. Wirst du uns deine Soldaten geben, Vater?«
»Natürlich«, versicherte Lord Bronkar sofort. »Wir haben allerdings nur etwa dreihundert Soldaten hier auf der Burg; aber die werden euch treu ergeben sein, falls es zu einem Krieg gegen Scurr oder wen auch immer kommt.«
Saliah lächelte ihre Eltern strahlend an, die ihr einziges Kind stolz betrachteten. Außer Saliah waren ihnen keine Kinder vergönnt gewesen. Saliahs jüngerer Bruder war, als er noch ein Baby gewesen war, an einem Fieber gestorben. Danach hatte Lady Melinah kein Kind mehr bekommen.
Später setzten sich alle noch auf ein Glas Wein vor den Kamin, dann, bevor sie schlafen gingen, sahen sie noch nach Falkann. Die Heiler versicherten, dass es ihm gut ginge und sie alles für ihn tun würden. Anschließend verschwanden die restlichen sechs Freunde in den kleinen Gastzimmern der Burg und legten sich seufzend in die warmen und weichen Federbetten. Rijana war schon beinahe eingeschlafen, als es leise an ihrer Tür klopfte.
»Ja«, rief sie schläfrig.
Ariac lugte mit einem Lächeln durch den Türspalt.
»Ich habe gehört, dass es sich in den meisten Ländern nicht gehört, schon vor der Hochzeit ein Bett zu teilen, aber ich dachte mir …«
Leise lachend setzte sich Rijana auf, dann hob sie ihre Bettdecke hoch. »Zum Glück sind wir vom Steppenvolk. Also komm her, bevor du erfrierst.«
Eilig schlüpfte Ariac durch die Tür und sprang zu Rijana ins Bett, die leise aufschrie, als er sie mit seinen kalten Händen berührte. Endlich konnten sie mal wieder eine Nacht zusammen verbringen und genossen das sehr.
Am Morgen ließ Rijana Ariac schlafen und gab ihm einen Kuss auf die Stirn, bevor sie Falkann besuchte.
Die Kräuterfrau lächelte ihr beruhigend zu. »Das Fieber ist im Morgengrauen gesunken. Er ist sicher bald wieder auf den Beinen.«
Rijana war erleichtert und setzte sich aufs Bett zu Falkann, der tief und fest schlief. Sie betrachtete ihn nachdenklich und streichelte ihm zärtlich über die dunkelblonden, nun etwas wirren Haare. Sie hatte ihn wirklich gern, und er war ihr auch sehr wichtig, aber eben nur als Freund. Mit Ariac war das ganz anders, ihn liebte sie von ganzem Herzen.
Auf einmal bewegte Falkann sich etwas und öffnete verschlafen die Augen. Ein Lächeln überzog sein Gesicht.
»Rijana, du hier?«
»Wie geht’s dir?«
Er setzte sich ein wenig auf und musste gleich husten. »Ich glaube, schon besser, mir ist jedenfalls nicht mehr so kalt.« Er blickte sich um. »Wo sind wir denn?«
»Auf der Burg von Saliahs Eltern.« Rijana schenkte ihm Tee aus einem Krug ein.
Falkann griff nach Rijanas Hand und betrachtete sie liebevoll. »Schön, dass du hier bist.«
Mit gerunzelter Stirn blickte sie ihn ernst an und stotterte: »Ich … ich habe mir wirklich Sorgen um dich gemacht, aber ich …«
Falkann drückte ihre Hand, und sie kam nicht umhin zu bemerken, dass es ein wenig traurig klang, als er sie unterbrach. »Ich weiß, du bist Ariac versprochen. Aber ich darf mich doch freuen, dass du bei mir bist, oder?«
Erleichtert, dass er offensichtlich ihre Verbindung mit Ariac akzeptierte, gab sie ihm einen freundschaftlichen Kuss auf die Wange. »Das darfst du. Ich hole dir etwas zu essen, damit du bald wieder ganz gesund bist.«
Damit stand sie auf und kehrte kurz darauf mit etwas Haferbrei zurück. Nachdem sie gemeinsam gegessen hatten, erschien ein etwas verschlafen wirkender Ariac im Türrahmen.
»Danke noch mal«, sagte Falkann. Sein schlechtes Gewissen war gleich wieder mit aller Kraft da.
Ariac winkte gähnend ab und legte Rijana einen Arm um die Schultern. Als diese ihn auch noch verliebt anlächelte, durchfuhr Falkann die Eifersucht wie ein Dolch. Sosehr er dagegen ankämpfte, er konnte es einfach nicht ertragen, dass Rijana jemand anderen liebte. Er schloss die Augen und atmete tief durch.
Ich wäre ohnehin nicht gut genug für sie, ich muss es endlich akzeptieren, sagte er zu sich selbst.
»Komm, wir lassen ihn schlafen«, flüsterte Rijana und nahm Ariacs Hand.
Als die beiden hinausgingen, trafen sie auf Saliahs Vater.
»Ein Steppenkrieger! Ariac, nicht wahr?«
Ariac nickte und wirkte wie immer ein wenig angespannt, wenn ihn jemand Fremdes ansprach. Aber Lord Bronkar lächelte ihm freundlich zu und nahm ihn an der Schulter. »Weißt du, ich kannte einmal einen Steppenkrieger, der hat mir das Leben gerettet, als ich noch sehr jung war.« Sie gingen zu der mit dicken Fellen überzogenen Sitzecke vor dem Feuer in der großen Halle. Lord Bronkar blickte in die prasselnden Flammen und schien dabei in die Vergangenheit zu sehen.
»Es war einer dieser überflüssigen Kriege gegen Gronsdale. Errindale hatte meinen Vater um Hilfe gebeten, und wir kämpften an der Grenze des Buschlands.« Saliahs Vater verzog das Gesicht. »Es war jedoch kein Krieger aus Gronsdale, der mir das Leben schwer machte, sondern plötzlich tauchten Scurrs Soldaten auf. Sie waren mir und meinem besten Freund um ein Zehnfaches überlegen. Mein Freund wurde hinterrücks erschlagen, und sie hätten auch mich getötet, wenn nicht plötzlich ein Pfeilhagel auf sie niedergeregnet wäre. Und dann tauchte so ein junger Mann mit schwarzen Haaren und einer Menge Tätowierungen im Gesicht auf.« Er grinste unsicher. »Zunächst war ich ziemlich erschrocken und dachte, er bringt auch mich um. Aber dann stellte er sich vor mich, sah mich eindringlich an und sagte: ›Du hast noch eine Aufgabe zu erfüllen‹. Dann drehte er sich um und verschwand wie ein Schatten im Buschreich.«
Rijana und Ariac hatten Lord Bronkar aufmerksam zugehört. »Hat er Saliah gemeint?«, fragte Rijana aufgeregt.
Lord Bronkar nickte zögernd. »Ich denke schon. Damals war mir das nicht klar, aber nachdem Saliah sich als eine der Sieben herausgestellt hat, musste ich häufig an ihn denken.«
»Kennt Ihr seinen Namen?«, wollte Ariac wissen.
Bedauernd schüttelte Lord Bronkar den Kopf. »Nein, den kenne ich leider nicht. Aber seitdem habe ich versucht, so viel wie möglich über das Steppenvolk zu erfahren. Es gibt kaum Aufzeichnungen über euch.«
»Wir geben unsere Legenden mündlich weiter. Niemand von uns kann schreiben.« Er zuckte die Achseln und lächelte Rijana an. »Außer mir.«
»Das, was man über euch in den Büchern liest, ist immer aus der Sicht der Feinde des Steppenvolkes geschrieben. Ich habe nie wirklich geglaubt, dass ihr die grausamen und verräterischen Wilden seid, für die man euch im Allgemeinen hält. Von Menschen, die am Rande der Steppe leben, habe ich gehört, dass ihr sehr stolze Krieger seid, dass eure Clans zusammenhalten und feste Verbunde bilden und dass ihr nur dann kämpft, wenn euer Volk in Gefahr ist, niemals aber für Reichtum und Macht.«
Überraschung zeichnete sich auf Ariacs Gesicht ab. Unter den anderen Völkern gab es nicht sehr viele, die das Steppenvolk mochten.
»Von welchem Clan bist du, mein Junge?«
»Von den Arrowann.«
Rijana lächelte stolz. »Und ich bin es ebenfalls.«
Verwirrt zog Lord Bronkar die Augenbrauen zusammen. »Du siehst gar nicht aus wie ein Steppenmädchen.«
Rijana schob den Ärmel ihres Kleides hoch, das ihr Saliahs Mutter geliehen hatte. Zwar war es ein wenig zu groß, aber ihre eigene Kleidung war zu schmutzig und nass gewesen.
»Ach«, rief Saliahs Vater aus, als er die Tätowierung sah. »Ich wusste gar nicht, dass fremde Völker aufgenommen werden können.« Er betrachtete die feinen Linien genau. »Eine beeindruckende Zeichnung.«
Ariac und Rijana lächelten sich an. Saliahs Vater schien ein ehrlicher und offener Mann zu sein. Sie mochten ihn beide. Dann erhob er sich wieder. »Ich hoffe, wir haben noch Zeit, einen Ausritt zu machen. Man erzählt sich viel von der Reitkunst der Steppenleute.«
Gern nahm Ariac das Angebot an. Nachdem Lord Bronkar den Raum verlassen hatte, umarmte Rijana ihn.
»Siehst du, es gibt auch Menschen, die die Arrowann mögen.«
 
Zu dem Ausritt kam es allerdings nicht mehr, denn über Catharga und den nördlichen Ländern tobten heftige Schneestürme. Zwei Tage später kam ein Schlitten des Königshauses von Catharga. Ein Bote berichtete, dass König Hylonn Falkann und seine Gefährten zu sich aufs Schloss beorderte. Falkann ging es seit einigen Tagen wieder gut, auch wenn er noch immer heftig hustete.
Zum Abschied bekamen die Sieben praktische Reisebekleidung von Saliahs Eltern. Außer Rudrinn, der seine Piratenkleidung behalten wollte, besaßen alle noch immer nur die blau-weißen Kleider aus Balmacann. Jetzt bekamen sie robuste Lederhosen, dicke Hemden und hohe Lederstiefel. So würden sie nicht sofort als die Sieben auffallen.
Mit leisem Bedauern verabschiedete sich Saliah von ihren Eltern, nachdem ihr Vater ihr noch einmal versicherte, seine Krieger bereitzuhalten. Sie mussten nur einen Boten schicken, wenn sie Hilfe brauchten.
Lady Melinah umklammerte den Arm ihres Mannes, als sie draußen standen und beobachteten, wie die jungen Leute in den pompösen Schlitten stiegen, der von vier schneeweißen Pferden gezogen wurde.
»Warum muss gerade Saliah eine der Sieben sein?«, fragte sie sorgenvoll. »Sie ist doch eine zarte junge Frau und sollte nicht in blutigen Schlachten kämpfen.«
Lord Bronkar nahm seine Frau fest in den Arm und seufzte. »Auch mir behagt es nicht, aber Saliah ist klug und wird den richtigen Weg finden.« Er blickte Melinah fest in die Augen. »Sie wird auf sich achten, und sie hat gute Freunde.«
 
Die Reise zum Schloss von Catharga dauerte mehrere Tage, denn der Weg war durch den hohen Schnee beschwerlich, und die Pferde mussten immer wieder ausgewechselt werden. Falkann und seine Freunde saßen in dicke Felle gehüllt in dem großzügigen Schlitten und übernachteten in Häusern von Adligen oder in Gasthäusern, die auf dem Weg lagen. Besonders Rudrinn fühlte sich in den Adelshäusern überhaupt nicht wohl. Eines Abends musste er ein Zimmer mit Broderick und Ariac teilen, denn das Anwesen des niederen, dafür aber sehr arroganten Lords hatte nicht genügend Zimmer.
»Saliahs Eltern waren ja sehr nett«, sagte der junge Pirat, »aber die anderen aufgeblasenen Kerle hier in Catharga, die würde ich gern mal ein halbes Jahr auf die Ayrenn-Inseln schicken. Da würde ihnen ihr arrogantes Gehabe schnell vergehen.«
Broderick lachte laut auf. »Ja, das wäre doch mal was.« Er ahmte die dröhnende Stimme von Rudrinns Vater nach: »Lord Albaret, du abgebrochener Wicht, sauf deinen Fusel selbst, du Bastard!«
Auch Ariac grinste. Dieser kleine Lord Albaret mit den bösartigen Schweinsaugen war wirklich ein äußerst unangenehmer Zeitgenosse. Bei Falkann hatte er noch versucht, sich einzuschmeicheln; die anderen, besonders Ariac und Rudrinn, die man deutlich als Steppenkrieger und Pirat erkannte, hatte er mehr als abfällig behandelt.
»Und jetzt müssen wir auch noch zu Falkanns Vater. Ich kann Schlösser nicht ausstehen.« Die Aussicht auf weitere Adlige schien dem Piraten nicht sehr zu behagen.
Broderick erhob sich und sagte mit gekünstelter Stimme: »Oh, werter Herr, mit einer Höhle voll stinkender Piraten kann Euch wohl nicht gedient werden.«
Lachend warf Rudrinn ein Kissen nach Broderick. Der wehrte sich sofort, sodass kurz darauf die Luft mit Gänsefedern erfüllt war.
Ariac beobachtete die beiden mit einem Lächeln. Er mochte sie wirklich gern, aber irgendwie fühlte er sich noch immer als Außenseiter. Ihm fehlte die gemeinsame Zeit auf Camasann.
Plötzlich kam Rudrinn auf ihn zu. »Hey, Ariac, jetzt hilf mir mal gegen diesen rüpelhaften Bauern aus Errindale.«
Broderick hatte einen von Rudrinns Armen gepackt und drosch ihm nun lachend mit einem Kissen auf den Hinterkopf. Ariac zögerte, aber als Broderick sich nun auch noch auf ihn stürzte, half er Rudrinn, den lachenden und zappelnden Broderick am Boden festzuhalten, und Rudrinn leerte mit einem triumphierenden Jubelschrei das halb aufgerissene Kissen über Brodericks Kopf aus. Rudrinn schlug Ariac auf die Schulter und wischte sich die wirren schwarzen Haare aus dem Gesicht.
»Ich wusste doch gleich, mit einem Wilden aus der Steppe kann man etwas anfangen!«
Ariac grinste. Es war schön, Freunde zu haben.
 
Auch in den nächsten Tagen herrschte starker Schneefall, was sehr ungewöhnlich für diese Jahreszeit war. Wenn man aus den Fenstern des geschlossenen Schlittens blickte, war nichts außer wirbelnden weißen Schneemassen zu sehen.
Endlich erreichte der Schlitten die Stadt, die vor dem gewaltigen Schloss von Catharga lag. Der viele Jahrhunderte alte Wohnsitz von Falkanns Familie thronte auf einem Hügel und wirkte fast märchenhaft, so schneebedeckt, wie er war. Die Wachen am Tor salutierten zackig. Dann hielt der Schlitten in dem großen Schlosshof, in dem normalerweise reges Leben herrschte. Bei diesen Schneemassen huschten allerdings nur ein paar Diener umher. Ein Wachmann verbeugte sich tief und half Rijana und Saliah aus dem Schlitten. Anschließend führte er die kleine Gruppe durch das große Schlosstor, das prachtvoll mit den eingemeißelten Köpfen längst vergessener Könige verziert war, in die große Eingangshalle. Dort saßen einige Krieger am Feuer und betrachteten die Sieben mit unverhohlener Neugier.
»Euer Vater erwartet Euch«, sagte der Diener zu Falkann, der sich den Schnee vom Umhang klopfte.
»Endlich ist es wieder warm«, seufzte Saliah und rieb die Hände aneinander.
Ein weiterer Diener erschien und führte die kleine Gruppe in ein pompöses Speisezimmer. Dampfende Suppe, heißer Tee und Platten mit Fleisch und Gemüse standen auf dem großen Eichenholztisch. Rudrinn nahm missbilligend den goldenen Löffel in die Hand, zuckte dann jedoch die Achseln und aß von der Suppe, die wunderbar wärmte. Nach der langen und anstrengenden Reise war das ein nicht zu verachtendes Festessen.
Plötzlich wurde die große hölzerne Eingangstür aufgestoßen, und König Hylonn erschien.
»Falkann, mein Junge!«, rief er erfreut und breitete die Arme aus.
Falkann erhob sich und ließ sich von seinem Vater in die Arme nehmen. Ihm fiel auf, dass er in den letzten Jahren noch weiter gealtert war.
»Wie geht es dir?« König Hylonn betrachtete seinen ältesten Sohn besorgt. »Man sagte mir, du wärst krank.«
»Nein, mir geht es wieder gut. Ich bin nur in einen gefrorenen See eingebrochen und war ein wenig erkältet.«
Mit sichtlicher Erleichterung setzte sich König Hylonn zu den anderen an den Tisch. Er betrachtete Falkanns Freunde nacheinander. Als er bei Ariac angelangt war, zuckte er kaum merklich zusammen, sagte jedoch nichts.
»Ruht euch erst mal aus«, schlug der König vor. »Ich habe Zimmer für euch vorbereiten lassen. Morgen können wir dann reden.«
Falkann wirkte zufrieden und wandte sich wieder seinem Essen zu. Jeder von ihnen war ziemlich müde. Die lange und kalte Reise war anstrengend gewesen.
Rijana war froh, dass sich Ariac in der Nacht wieder in ihr Zimmer geschlichen hatte. »Du bist schön warm«, sagte sie und kuschelte sich an ihn.
Ariac lächelte und blickte an die hohe Decke, die mit den Bildern einer längst vergangenen Schlacht verziert war.
»Ich fühle mich in diesem Schloss zwar nicht wohl, aber wenn du bei mir bist, ist es selbst hier schön«, sagte er und gab ihr einen leidenschaftlichen Kuss. Die beiden wurden jedoch unterbrochen, als es an der Tür klopfte.
»Erwartest du etwa noch jemanden?«
Rijana schüttelte grinsend den Kopf. »Wer ist denn da?«, rief sie zögerlich.
»Ich bin’s«, kam es leise von draußen – es war Saliah.
Rijana verzog das Gesicht, aber bevor Ariac verschwinden konnte, ging die Tür auch schon auf.
»Ich konnte nicht schlafen und da …«, begann Saliah, doch dann erblickte sie Ariac, der sie verlegen angrinste.
Saliah stieß einen leisen Schrei aus. »Oh, entschuldigt bitte. Ich konnte ja nicht wissen«, stammelte sie und wollte schon wieder zur Tür hinausgehen.
»Warte«, sagte Rijana. »Was wolltest du mir denn sagen?« Ihre Freundin war jedoch schon mit leicht geröteten Wangen draußen. »Das hat Zeit bis morgen«, rief sie leise hinein.
»Oje«, sagte Ariac schuldbewusst, »ich hoffe, ich habe dich nicht in Schwierigkeiten gebracht.«
»Ach was, sie weiß doch, dass wir verlobt sind.« Dann runzelte sie jedoch nachdenklich die Stirn. »Auf der anderen Seite ist es in Catharga wohl nicht üblich, schon vor der Hochzeit das Bett zu teilen.«
Ariac wollte schon aufstehen, aber Rijana hielt ihn fest.
»Bitte bleib, mir ist kalt, wenn du nicht bei mir bist.« Sie blickte ihn lächelnd an, sodass Ariac sich nur zu gern zum Bleiben überreden ließ.
 
Am nächsten Tag waren sie beim Frühstück jedoch beide ein wenig verlegen, aber Saliah schien den anderen nichts erzählt zu haben.
Später, als sie Rijana in den Badehäusern traf, fragte sie jedoch leicht errötend: »Ist es … ist es bei den Arrowann üblich, dass …«
Rijana wurde ebenfalls leicht rot. »Ja, findest du das falsch?«
»So hat man es mir zumindest beigebracht.« Saliah wirkte etwas unsicher. Dann lächelte sie ihre Freundin jedoch an. »Aber ihr könnt ja tun, was ihr wollt.«
Rijana nickte und begann, sich die langen Haare zu waschen. Als sie fertig war, blickte Saliah sie nachdenklich an.
»Ist, ähm, ist es schön?«, fragte sie vorsichtig und gespannt zugleich.
»Wenn du den Richtigen an deiner Seite hast, schon.«
Saliah biss sich auf die Lippe und senkte den Blick.
Rijana umarmte sie. »Du wirst sicher noch den Richtigen finden, und Rudrinn …«
»Er interessiert sich nicht für mich, zumindest nicht als Frau. Ich versuche, ihn zu vergessen.«
»Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass er kein Interesse an dir hat. Du bist wunderschön, klug und mutig!«
Saliah verzog das Gesicht. »Aber eben keine Piratenbraut. Vergiss es einfach. Ich werde darüber hinwegkommen.«
Die beiden Freundinnen schlenderten durch die hallenden Gänge des riesigen Schlosses und setzten sich schließlich ans Feuer im Lesezimmer, wo Rijana ihre Haare trocknen ließ. Sie unterhielten sich lange darüber, wie es weitergehen solle, kamen aber zu dem Schluss, dass sie wohl würden abwarten müssen, bis Falkanns Vater sich äußerte.
 
Falkann saß zur selben Zeit im Arbeitszimmer von König Hylonn, der sich von tiefstem Herzen freute, dass sein ältester Sohn zurückgekehrt war. Gleichzeitig verhielt er sich jedoch zurückhaltend, wenn es um Scurr ging. Es fiel ihm schwer, die Geschichten aus Balmacann zu glauben.
»König Greedeon soll mit Scurr Geschäfte machen? Und gleichzeitig beschuldigt er uns, das Gleiche zu tun?«
Mit ernstem Nicken trank Falkann von dem gewürzten heißen Wein. »Vater, wirst du uns deine Krieger zur Verfügung stellen, wenn wir gegen Scurr und Greedeon kämpfen?«
König Hylonn wand sich und blickte verlegen zu Boden. »Ich kümmere mich nicht mehr sehr viel um die Staatsgeschäfte. Dein Bruder hat das nun übernommen.«
Das bereitete Falkann Sorgen. Mit Hyldor würde alles noch viel schwieriger werden, denn der würde ihnen wohl schon aus purem Trotz nicht helfen. »Aber, Vater, du bist noch immer König«, wandte Falkann ein und blickte König Hylonn ernst an.
»Ich bin alt, Falkann, und ich bin es müde, Entscheidungen zu treffen. Manchmal hätte ich mir gewünscht, du wärst König geworden.« Er lächelte seinen ältesten Sohn traurig an. »Hyldor ist kein schlechter Mensch, aber er ist ehrgeizig, und manchmal handelt er etwas unüberlegt.«
»Aber du hast doch immer noch das letzte Wort«, beharrte Falkann. Doch obwohl er noch lange auf seinen Vater einredete, wollte oder konnte dieser keine Entscheidung treffen.
 
Währenddessen galoppierte Hyldor, der Thronerbe von Catharga, missmutig durch den Schnee. Er war auf der Jagd gewesen und hatte außerdem nach seinen Orks gesehen, die sich in den Wäldern an der Grenze zu Errindale versteckt hielten. Diese geheime Kampftruppe war ein Geschenk von König Scurr an ihn gewesen. Als Hyldor die Nachricht von der Rückkehr seines verhassten Bruders überbracht wurde, hatte ihn das mehr als nur erzürnt. Voller Wut galoppierte er nun über den verschneiten Weg zum Schloss. Auf der Stelle musste er einen Botenvogel nach Ursann schicken. Wenn Falkann hier war, waren die anderen der Sieben wohl auch dabei. Im Schlosshof hielt Hyldor seinen schweißtriefenden Hengst abrupt an, sprang eilig ab und ließ sein Pferd heftig atmend zurück.
Hyldor rannte durch den hohen Schnee zum Tor, das ihm zwei der Wachen rasch öffneten. Ungehalten stürmte er durch das Schloss, wobei er überall Pfützen aus geschmolzenem Schnee hinterließ.
»Wo sind mein Vater und mein Bruder?«, brüllte er einen der Wachmänner gereizt an.
Der Mann verbeugte sich rasch. »Wo Euer Vater sich aufhält, ist mir nicht bekannt, aber Euer Bruder ist, soweit ich weiß, mit seinen Freunden in der Bibliothek.«
Hyldor stapfte weiter, riss die Tür zur Bibliothek auf und betrachtete mit zusammengezogenen Augenbrauen seinen Bruder und dessen Freunde. Als sein Blick auf Ariac fiel, hielt er erfreut inne. König Scurr würde begeistert sein zu hören, dass dieser Steppenkrieger hier war. Die junge hübsche Frau an seiner Seite musste Rijana sein. Scurr hatte bereits erwähnt, wie schön sie war. Selbst Hyldor, den Frauen nur am Rande interessierten, musste zugeben, dass sie sehr anziehend war. Wenn ich diesen Ariac erst ausgeliefert habe, werde ich mir die Kleine ein wenig vornehmen, dachte er.
Doch dann riss er sich zusammen. »Falkann, was tust du hier?«, fragte er kalt.
Falkann erhob sich gelassen. »Es freut mich auch, dich zu sehen, Bruder.«
Gereizt zog Hyldor die Stirn in Falten. »Du hast dich von König Greedeon abgewandt, soweit ich weiß. Wieso bringst du uns mit deinem Erscheinen in Schwierigkeiten?«
Falkann betrachtete seinen Bruder kopfschüttelnd. Hyldor war noch arroganter und selbstgefälliger geworden. Sein derbes Gesicht besaß schon jetzt verbitterte Züge. »Ich bin dein Bruder. Ich dachte, ich könnte Catharga um Hilfe bitten.«
Verächtlich schnaubend wandte sich Hyldor ab. »Heute Abend in Vaters Arbeitszimmer.« Damit verließ er ohne ein weiteres Wort den Raum.
Broderick blickte ihm verständnislos hinterher. »Na, das ist ja mal ein Sonnenschein.«
Falkann winkte ab. »Hyldor hat mich noch nie gemocht, obwohl ich ihm niemals etwas getan habe. Ich hoffe, ich kann Vater trotz allem überreden.«
 
Mit wutverzerrtem Gesicht lief Hyldor in den nördlichen Turm, in dem die Tauben, Falken und sonstigen Vögel, die er für Botenflüge benutzte, untergebracht waren. Schnell griff er sich eine hässliche Krähe mit bösen, gelblichen Augen und hängte ihr eine Nachricht an den Fuß.
»Na los, flieg zu deinem Meister«, flüsterte er finster.
 
Am Abend redete Falkann erneut auf seinen Vater und auch auf Hyldor ein, der zwar immer noch ein böses Gesicht machte, aber zu Falkanns Überraschung nicht gleich jede Unterstützung ablehnte.
»Bis der Schnee geschmolzen ist, wird ohnehin niemand angreifen«, schloss Hyldor. »Wir sollten sehen, wie sich die Dinge entwickeln.«
Die Worte seines Bruders machten Falkann misstrauisch, aber König Hylonn wirkte zufrieden. Er legte seinen beiden Söhnen die Hände auf die Schultern.
»Ihr werdet euch sicher einig. Schließlich sind wir eine Familie.«
Hyldor verzog gequält das Gesicht. Er hätte Falkann und seine Freunde zu gern sofort vor die Tür gesetzt, aber er musste auf König Scurrs Befehl warten.
Nach der Unterredung ging Falkann in die Bibliothek, wo die anderen bereits gespannt warteten.
»Eines kann ich euch gleich sagen, ich traue Hyldor nicht.« Falkann hatte ausführlich berichtet und lehnte sich nun müde in den großen Sessel. »Er würde mir niemals freiwillig Unterstützung gewähren. Ich muss meinen Vater überzeugen, dass er wieder das Zepter in die Hand nimmt.«
Saliah sprach ihm gut zu. »Das schaffst du sicherlich, und wenn wir jetzt die Krieger meines Vaters, die Piraten und vielleicht noch einige Krieger aus Camasann haben, dann sieht es doch gar nicht so schlecht aus.«
Tovion, der schon seit einigen Tagen ziemlich bedrückt wirkte, seufzte: »Ich habe keine Ahnung, was auf Camasann passiert.«
»Ist der Falke noch immer nicht zurück?«, fragte Rudrinn besorgt.
Bedrückt schüttelte Tovion den Kopf und biss sich auf die Lippe. Er machte sich furchtbare Sorgen um Nelja und auch um Brogan.
In dem Versuch, ihn zu trösten, nahm Rijana seine Hand. »Bei diesen schweren Schneestürmen können die Vögel nicht fliegen. Brogan und Nelja geht es sicher gut.«
»Das hoffe ich.« Tovion wollte nichts lieber glauben.
 
Finster und stürmisch war die Nacht, als ein roter Schatten durch die Berge von Ursann jagte. Die Wege waren geradezu unpassierbar durch den hohen Schnee, aber der Mann trieb seinem Hengst die Sporen nur noch tiefer in die Seiten und ließ die Peitsche ununterbrochen auf seinen Rücken knallen. Blanker Hass trieb Worran an. Als Scurr die Nachricht erhalten hatte, dass Ariac und die anderen in Catharga waren, war Worran sogleich aufgebrochen. Er selbst hatte sich geschworen, Ariac zurück nach Ursann zu bringen, in welcher Form auch immer. Wenn er die anderen der Sieben dabei auch gleich erledigen konnte, umso besser. Gnadenlos trieb er den schwarzen Hengst mit den rötlichen Stichelhaaren an. Das Pferd hatte ihm einer seiner Untergebenen gebracht, der es verletzt im Wald gefunden hatte. Niemals hatte Worran ein besseres Pferd gehabt. Es war nicht nur unglaublich schnell, sondern auch noch ausdauernd und kräftig. Gleichzeitig widersetzte es sich aber ständig seinen Befehlen, sosehr er es auch schlug. Daher hatte Worran ein spezielles Gebiss aus eisernen Stacheln anfertigen lassen und benutzte eine Peitsche mit langen Dornen. Nur so konnte er den Hengst einigermaßen kontrollieren, auch wenn das Tier bei jeder Gelegenheit versuchte, Worran abzuwerfen oder zu verletzen. Manchmal erinnerte es ihn an Ariac, als der noch ein Junge gewesen war. Umso mehr Spaß machte es ihm, das Pferd zu quälen. So jagte er mehrere Tage durch die unwirtlichen Berge von Ursann und über die Ebenen von Catharga, bis er mit seinem erschöpften und blutenden Hengst schließlich das Schloss erreichte.
Ein fahler Halbmond hing am Himmel, und dunkle Wolken, die von neuem Schnee kündeten, verdunkelten die Sterne. Worran trabte in den Schlosshof und schrie gleich nach einem Diener. Während er abstieg, trat er das erschöpfte Pferd noch einmal in die Seite. Dann zog er sich die Kapuze vom Kopf, und ein böses Lächeln überzog sein derbes Gesicht. Heute würde Ariac seine Rache zu spüren bekommen. Zwar hatte Scurr Worran befohlen, Ariac lebend nach Ursann zu bringen, aber in einem Kampf konnten schließlich viele unvorhergesehene Dinge passieren.
 
Weil Ariac in dieser Nacht einfach nicht hatte einschlafen können, hatte er sich auf den Weg zu Rijanas Zimmer gemacht. Als er mit leisen Schritten durch das nächtliche Schloss schlich, bog er in der Dunkelheit allerdings in den falschen Gang ein. Ohne es zu wissen, öffnete er nicht die Tür, die er eigentlich wollte. Was er dort sah, ließ ihm für einen Augenblick das Blut in den Adern erstarren. Worran und Falkanns Bruder saßen einträchtig vor dem Feuer und tranken heißen Wein. Ariac konnte es gar nicht glauben. Er wusste, dass er schnell handeln musste. Zwar war er bis auf einen kleinen Dolch unbewaffnet, trotzdem konnte er sich diese Gelegenheit nicht entgehen lassen. Schließlich saß sein Todfeind vor ihm, den er beinahe noch mehr hasste als König Scurr. Also schlüpfte Ariac geräuschlos durch die Tür und war mit wenigen Schritten bei Worran, der vor Überraschung keinen Ton herausbrachte. Ariac stürzte sich auf ihn und rammte ihm den Dolch, der Worrans Herz nur verfehlte, weil dieser sich reflexartig zur Seite warf, in die Schulter. Die beiden rangen heftig miteinander, während Hyldor erschrocken aufsprang, um die Wache zu holen. Doch Ariac, der Worran von sich stoßen konnte, griff sich einen schweren Weinkrug und schlug Hyldor damit von hinten bewusstlos. Worran grinste dämonisch.
»Nun sind es wohl nur noch wir beide, du kleine Steppenratte«, geiferte Worran und beachtete das Blut nicht, das ihm aus der Wunde an der Schulter lief.
»Was tust du hier?«, zischte Ariac lauernd, bevor er nach Worran stach, der jedoch rasch zurücksprang und sein Schwert zog.
»Oh, ich werde dich nach Hause bringen.« Worran schlug wild nach Ariac, der im letzten Moment zurückweichen konnte.
Ein wilder Kampf entbrannte, in dem die beiden das ganze Zimmer in seine Einzelteile zerlegten. Ariac ließ Regale auf Worran fallen, schlug mit Stühlen nach ihm und versuchte, dem Gegner das Schwert aus der Hand zu schlagen. Aber der zählte nicht umsonst zu den am meisten gefürchteten und grausamsten Schwertkämpfern, die man jemals gesehen hatte. Worran traf Ariac am Arm und glaubte schon, ihn endlich besiegt zu haben, als dieser plötzlich in einer verzweifelten Aktion nach links sprang und sich einen Kerzenständer schnappte, den er Worran in die Seite rammte. Dieser schrie vor Schmerz und Überraschung auf, setzte Ariac jedoch sofort nach. Ariac sah ein, dass er ohne Waffe keine Chance hatte, und drängte sich langsam zur Tür. Dabei griff er sich ein Stuhlbein und wehrte damit, so gut es ging, Worrans wilden Schläge ab. Nur bald war auch das Stuhlbein Kleinholz. Ariac warf ein Regal um, bückte sich blitzschnell und zerrte die Überreste des Holztisches mit sich. Dann stürmte er aus der Tür und verschloss sie von draußen. Sofort warf sich Worran von innen dagegen, aber Ariac gelang es, die Tür zu blockieren, indem er das dicke Tischbein dagegenstemmte und es verkeilte. Da das nicht lange halten würde, sah Ariac sich nach etwas anderem um. Hinter ihm an der Wand fielen ihm zwei lange Lanzen auf, die nur zur Zierde angebracht waren. Während immer wieder Schläge die Tür erschütterten und man Worrans Geschrei selbst durch die dicke Eichenholztüre hören konnte, verkeilte Ariac die langen Lanzen und rannte zurück in sein Zimmer. Eilig rüttelte er Tovion, Rudrinn und Broderick aus dem Schlaf und schrie ihnen zu, dass sie auf der Stelle verschwinden müssten und ihre Waffen holen sollten. Die drei waren zwar verwirrt, aber sie taten, wie Ariac ihnen befohlen hatte. Angezogen und bewaffnet folgten sie ihm zu den Zimmern der Mädchen, die erschrocken aus den Betten sprangen.
»Was ist denn los?«, fragte Rijana und zog sich, so schnell sie konnte, hinter ihrem Umkleidevorhang an.
»Wir müssen zu Falkann, ich habe jetzt keine Zeit«, keuchte Ariac.
Rijana kam angezogen hervor. »Du blutest ja, was ist denn passiert?«
Ariac winkte ab und zog Rijana an der Hand hinter sich her. Auch die anderen konnten sich keinen Reim auf das Ganze machen. Sie stürmten zu den königlichen Gemächern, wo Falkann sogar noch wach am Feuer saß. Als seine Freunde hereinplatzten, sprang er überrascht auf.
»Falkann, wir müssen hier weg«, stieß Ariac hervor. »Worran war bei deinem Bruder. Sie machen gemeinsame Sache. Ich habe deinen Bruder niedergeschlagen und Worran eingesperrt, aber ich weiß nicht, wie lang die Tür hält.«
Alle starrten Ariac verwirrt an.
»Jetzt beruhige dich erst mal«, begann Tovion, aber Ariac schüttelte den Kopf.
»Los, ihr müsst hier weg. Ich weiß nicht, ob nicht noch mehr von Scurrs Leuten in der Nähe sind. Und ich -«, sein Gesicht verzerrte sich hasserfüllt, »ich muss Worran töten.«
Rijana nahm ihn erschrocken am Arm. »Nein, du musst mit uns kommen.«
Bevor er antworten konnte, sagte Falkann ungläubig: »Hyldor soll mit Ursann gemeinsame Sache machen? Dann hätte König Greedeon Recht gehabt.«
Ariac blickte Falkann eindringlich an. »Ich weiß nicht, was mit deinem Vater ist, aber dein Bruder hat sehr vertraut mit Worran geredet. Bitte, du musst mir glauben. Es tut mir leid, dass ich Hyldor niederschlagen musste, aber …«
Falkann unterbrach ihn. Er wusste nicht, ob er Ariac wirklich glauben sollte und vor allem wollte. Aber dann besann er sich. Er schuldete Ariac noch etwas.
»Gut, wir reden mit meinem Vater.«
Ariac nickte erleichtert. »Aber ich muss sehen, ob Worran noch eingesperrt ist.«
»Ariac, nicht!«, rief Rijana ängstlich, aber Rudrinn sagte rasch beruhigend: »Komm, Tovion, wir gehen mit ihm.«
Der stimmte sofort zu. Ariac gab Rijana noch einen Kuss. »Wir treffen uns bei den Stallungen, falls wir fliehen müssen«, rief Falkann und eilte mit den Mädchen und Broderick zum Gemach seines Vaters.
 
Die anderen drei rannten durch das dunkle Schloss. Schon von weitem konnten sie die dumpfen Schläge hören, die gegen die Tür donnerten. Ariacs Gesicht wurde hart und hasserfüllt. Er zog sein Schwert und wollte schon die Tür öffnen, aber Rudrinn und Tovion hielten ihn zurück.
»Warte, du kannst ihn nicht hier töten«, sagte Rudrinn.
»Warum nicht?«, knurrte Ariac. »Dieser verfluchter Bastard, ich warte schon lang darauf, ihn in Stücke zu hacken.«
Aber die beiden hielten ihn eisern fest.
»Du hast doch gesagt, dass Falkanns Bruder ebenfalls in dem Raum ist. Dann müsstest du auch ihn umbringen.«
»Na und?«
Tovion schüttelte Ariac an den Schultern. »Ich weiß, dass du Worran töten willst, und mit Sicherheit hat er es auch verdient. Aber wenn du jetzt Falkanns Bruder umbringst, dann wird uns sein Vater nicht mehr helfen.«
Ariac wollte sich losreißen, doch Tovion packte ihn fest am Arm und sah ihn eindringlich an. »Du bringst uns alle in Gefahr, auch Rijana und Saliah.«
Das ließ Ariac innehalten. Er warf einen Blick auf die bebende Tür. Sein Todfeind saß dort fest, und er konnte nichts tun.
»Eines Tages wirst du ihm wieder gegenüberstehen, dann kannst du Rache nehmen, aber nicht jetzt«, sagte Tovion vernünftig.
»Verdammt«, schrie Ariac und trat gegen die Tür.
Rudrinn öffnete das Zimmer nebenan, in dem er eine schwere Truhe vorfand. Gemeinsam schoben sie das schwere Möbelstück vor die Tür. Das würde einige Zeit halten. Sie griffen sich noch einige Decken, bevor sie sich auf den Weg zu den Stallungen machten.
Falkann schlug laut an die Zimmertür seines Vaters, der ihm verschlafen öffnete.
»Falkann? Was willst du zu dieser späten Zeit?«
Hastig drängte Falkann seinen Vater hinein, seine Freunde folgten.
»Hyldor macht mit Ursann Geschäfte. Er hat mit Scurrs Ausbilder Worran geredet.«
Zur Überraschung aller wirkte das Gesicht des Königs nicht sonderlich schockiert, auch wenn er versuchte, das vorzuspielen.
»Nein, das gibt es nicht.« König Hylonn war nur wenig überzeugend.
Falkann packte seinen Vater am Arm. »Vater, Ariac hat die beiden gesehen. Wusstest du etwa davon?«
Der alte König wand sich verlegen. »Nein, wieso sollte ich …«
»Vater!«, schrie Falkann, der allmählich die Fassung verlor. »Verdammt! Du wusstest davon!«
Der König sank in sich zusammen und ließ die Schultern hängen, dann blickte er seinen Sohn hilfesuchend an. »Was hätte ich denn tun sollen? Hyldor hat die meisten Lords auf seiner Seite. Scurrs Männer haben Catharga buchstäblich überrannt. Die Ernte war schlecht, König Greedeon hat kaum noch Krieger zu unserer Unterstützung geschickt …« Er zuckte hilflos die Achseln.
Entsetzt blickte Falkann seinen Vater an. Jetzt, wo es ausgesprochen war, konnte er es kaum glauben. »Ihr seid tatsächlich mit König Scurr verbündet?«
König Hylonn nickte und wirkte plötzlich um Jahre gealtert. »Falkann, bitte versteh doch! Es war das Beste für unser Land. König Scurr lässt uns in Ruhe. Er hält seine Orks in den Bergen an der Grenze und überfällt nun nur noch die anderen Länder …«
»Was?« Falkann war außer sich. »Du wagst es, das auch noch mit einer solchen Selbstverständlichkeit zu sagen? Das ist … das ist …« Er blickte seinen Vater entsetzt an. »Das ist einfach abartig und widerlich!«
»Falkann, so versteh mich doch …«, flehte sein Vater und wollte ihn wieder am Arm nehmen, aber Falkann schüttelte ihn ab.
»Ich verachte euch alle«, sagte er kalt und stürmte aus der Tür.
Die anderen folgten ihm, ebenfalls fassungslos. Falkann sprach keinen Ton, während sie zu den Stallungen rannten, wo die anderen bereits mit gesattelten Pferden warteten. Sie führten die Pferde hinaus, doch Ariac zögerte plötzlich, als er ein leises Wiehern hörte.
Obwohl die anderen drängten, blieb er stehen und blickte in die nächste Box, in der ein blutverkrustetes und verklebtes Elend von einem Pferd stand. Er öffnete die Holztür und flüsterte fassungslos: »Was im Namen des Sturmgottes haben sie mit dir getan, Nawárr?«
Rijana kam nun hinzu und schlug voller Entsetzen die Hand vor den Mund, als sie das Pferd sah, das vertrauensvoll den Kopf an Ariacs Schulter drückte. Tränen traten ihr in die Augen.
»Was tut er hier?«
Ariac wusste keine Antwort darauf und zog dem Pferd ein Halfter über. »Ich nehme ihn mit.«
»Kommt jetzt«, drängte Rudrinn ungeduldig.
Als Rijana und Ariac mit den Pferden an der Hand aus dem Stall kamen, saßen die anderen bereits im Sattel. Das Morgengrauen kündete sich an, und es hatte wieder zu schneien begonnen. Rasch stiegen sie auf. Ariac führte Nawárr an einem langen Strick mit sich. So abgemagert und misshandelt er auch äußerlich aussah, plötzlich war wieder Leben in seinen Augen. Erwartungsvoll blähte er die Nüstern, als er durch den frischen Schnee trat.
Rijana und Ariac wollten schon das Schlosstor passieren, als eine laute Stimme ertönte: »Haltet sie auf! Haltet sie auf!«
Mit wutverzerrtem Gesicht stand Hyldor im Eingangstor, Blut lief über sein Gesicht. Worran kam sein Schwert schwingend durch den Schnee gewalzt.
Nawárr legte die Ohren an und stieg am Strick.
»Das ist mein Pferd, du verdammte Steppenratte«, schrie Worran keuchend. Ariac drückte der erschrockenen Rijana Nawárrs Strick in die Hand und galoppierte auf Worran zu. Ariac umkreiste den wutschäumenden Worran und schaffte es, ihn sogar noch mit der flachen Klinge am Kopf zu treffen.
»Ariac, jetzt komm endlich«, schrie Rijana voller Panik. Sie hatten die Wachen überwältigt, und die anderen waren voran durch das Tor gestürmt. Alarmierte Bogenschützen formierten sich bereits auf den Zinnen.
»Das nächste Mal bist du tot«, rief Ariac und galoppierte, gefolgt von einer Salve Pfeile, zum Tor hinaus.
Worrans Wutgeschrei folgte ihm noch weit über das Land, aber die Sieben galoppierten sicher über die verschneiten Ebenen.