KAPITEL 12
Drohender Krieg
Mit der Zeit trafen noch mehr Steppenkrieger ein. Sie brachten beunruhigende Nachrichten. Auf der Handelsstraße zogen tausende von König Scurrs Kriegern in den Süden, genauso wie Trolle, Orks und andere finstere Wesen. Außerdem seien viele Menschen aus dem Norden auf der Flucht, weil die Berge Feuer spuckten.
Diese Neuigkeiten beunruhigten sie alle, sodass an diesem Abend niemand Lust auf Geschichten oder Musik hatte.
Falkann war ein Stück weit in die Berge hinaufgestiegen und saß nun auf einem Felsen, von dem aus er über die Steppe blicken konnte. Es war dunkel, und er konnte nur undeutliche Schemen wahrnehmen. Aber er wusste, dass dort in der Ebene Horden von Feinden entlangzogen.
Als sich eine schmale Hand auf seine Schulter legte, zuckte er zusammen. Er hatte Leá gar nicht kommen hören.
»Das sollte mir als Krieger nicht allzu oft passieren.«
Die schlanke Steppenfrau setzte sich mit einer geschmeidigen Bewegung neben ihn und lächelte.
»Man sagt uns Steppenleuten nach, wir hätten ein klein wenig Elfenblut in uns und könnten mit der Umgebung verschmelzen.«
Nun lächelte Falkann zurück und betrachtete sie im schwachen Abendlicht. Leá wirkte meist ernst, und auf ihrem schmalen Gesicht zeigte sich nur dann ein Lachen, wenn sie mit ihrer Zwillingsschwester herumalberte.
»Du denkst an deine Freunde, nicht wahr?«, fragte sie plötzlich.
Falkann nickte seufzend. »Wie sollen sie denn zu uns durchdringen, wenn Scurrs Leute überall sind?«
»Wir haben Männer ausgeschickt, die ihnen helfen werden. Die Steppe ist unsere Heimat, sie werden deine Freunde auf verborgenen Pfaden zu uns bringen.«
»Danke, Leá.«
»Wofür?«
»Dafür, dass du mir Mut machst.«
»Ich sage nur die Wahrheit.«
Falkann lehnte sich gegen einen Felsen und zog seinen Umhang fester um sich. Ein kalter Wind wehte durch die Berge.
»Möchtest du mir ein wenig von eurem Volk erzählen?«
Auch Leá machte es sich bequem und erzählte die halbe Nacht hindurch von Geschichten und Legenden des Steppenvolkes. Für kurze Zeit konnte Falkann die bevorstehende Schlacht vergessen und begann, Rijana ein wenig zu verstehen – die Arrowann waren ein besonderes Volk.
 
Schneeflocken wirbelten in der Dunkelheit. Eine kleine Gruppe von etwa zwanzig Mann ritt im Schutze der Nacht durch die Steppe. Alle waren aufs Äußerste angespannt. Jeden Augenblick erwarteten sie einen Angriff.
»Der Schnee wird unsere Spuren verraten«, knurrte Broderick und warf einen besorgten Blick auf seine Frau, die ihren kleinen Sohn vor sich auf dem Sattel hatte.
»Nicht, wenn es weiterschneit«, erwiderte Brogan, doch auch er hatte sein Schwert fest in der Hand.
Viele Tage waren sie nun schon unterwegs in Richtung der Berge. Zum Glück hatte ihnen Bali’an mitgeteilt, dass es Falkann, Rijana und Ariac gut ging, außerdem wussten sie nun, wo sie sich versteckt hielten.
Broderick und Brogan hatten ihre Verbündeten in Gronsdale abgeholt und reisten nun in kleinen unauffälligen Gruppen zum Donnergebirge.
Es war gefährlich, denn Scurrs Männer waren überall, mehr als einmal wären sie beinahe entdeckt worden. Einer Gruppe vor ihnen war es weniger gut ergangen. Leider hatten sie nur noch deren Leichen begraben können. Angst hatte sich daher besonders bei Frauen und Kindern breitgemacht.
Der kleine, runzelige Zauberer Tomis, der auf einem viel zu großen Pferd ritt, nieste lautstark und schimpfte vor sich hin. Auch er machte sich Sorgen um Rijana, Ariac, Falkann und um die vielen Männer und Frauen, die ihnen folgten. Aber er musste auch immer wieder mit Sorge an Rudrinn und seine Freunde denken, die im Westen unterwegs waren.
»Er ist zwar ein verfluchter Pirat, aber er wird auf sie achten«, grummelte er vor sich hin und nieste erneut.
 
Rijana und Ariac waren zusammen mit seinem Vater und einigen Steppenkriegern hinunter in die Steppe geritten. Alle waren unruhig, denn sie erwarteten Broderick und Brogan schon seit Tagen. Ein schneidend kalter Ostwind ließ ihre Gesichter frieren. Ariac legte Rijana einen Arm um die Schultern, als sie etwas abseits der anderen standen.
»Willst du nicht zurückreiten, es ist kalt heute.«
Doch sie schüttelte den Kopf und zog sich ihr Tuch weiter über die Nase. Sie hielt das Warten im Lager nicht mehr aus und wollte lieber da sein, wenn ihre Freunde kamen, und ihnen helfen, falls sie ihr Schwert benötigten.
Es war schon dunkel. Rijana und Ariac hatten sich in eine Decke gewickelt und in den spärlichen Schutz eines Felsens zurückgezogen, als ein langgezogenes Heulen wie das eines Steppenwolfes ertönte – der Warnruf der Steppenkrieger.
Sofort sprangen die beiden auf und ergriffen ihre Schwerter. Kampfgeist erwachte in ihnen. Wurden sie angegriffen?
In der Dunkelheit durch die wirbelnden Schneeflocken waren schemenhaft Gestalten zu erkennen. Ariac und Rijana umklammerten mit kalten Händen ihre Schwerter.
»Falls es zu viele sind, musst du Hilfe holen«, flüsterte Ariac.
Nach einigen bangen Augenblicken erschienen zur grenzenlosen Erleichterung der beiden Brogan, Broderick und weitere, erbärmlich frierende Begleiter.
Die Neuankömmlinge stiegen von ihren Pferden, und Broderick nahm Rijana in den Arm.
»Ich bin so froh, dass ihr hier seid«, rief sie aus. Dann fiel ihr Blick auf Brodericks Frau. »Kalina, geht es dir gut?«
»Es ist kein Vergnügen, tagelang durch die Steppe zu reiten, wenn man schwanger ist, aber ich denke, ich bin in Ordnung«, antwortete sie mit halb eingefrorenen Lippen und schnitt eine Grimasse.
»Komm, nimm meinen Umhang«, bot Rijana sofort an.
Doch Kalina winkte ab. Broderick hatte ihr seinen bereits gegeben. Doch auch der Elfenumhang änderte nichts an steifgefrorenen Fingern, Eisfüßen und einem fast vor Kälte erstarrten Gesicht. Der kleine Norick schlief noch im Sattel, und Ariac hob ihn vorsichtig herunter.
»Unser Lager ist zwei Tagesritte entfernt in den Bergen«, erklärte er.
Das rief ein allgemeines Aufstöhnen hervor. »Eigentlich sollte es Sommer sein, aber ich friere mir hier noch sämtliche Körperteile ab«, knurrte Zauberer Tomis.
»Wir sollten weiter in die Berge ziehen, solange es dunkel ist«, schlug Brogan vor. »Wir haben nicht weit entfernt eine Gruppe Blutroter Schatten gesehen.«
Die anderen nickten resigniert und machten sich widerwillig auf den Weg.
Nach zwei Tagen hatten sie endlich das Lager erreicht. Einige Steppenmänner waren unten in der Ebene geblieben, um auf die anderen Gruppen zu warten, die Brogan folgen würden.
Falkann war sehr froh, seinen besten Freund wohlauf zu sehen. Die Steppenfrauen brachten Kalina und Norick sogleich in eines der Zelte, wo sie sich aufwärmen konnten. Kalina war noch immer ein wenig unwohl zumute, wenn sie in die tätowierten Gesichter der Steppenleute blickte, aber sie war so froh, endlich im Warmen zu sein, dass sie ihren Argwohn rasch aufgab.
Nachdem Broderick mehrere Teller mit Eintopf gegessen hatte, setzte er sich neben Falkann, der etwas abseits in einem der Zelte saß.
»Ich soll dir Grüße von deinem Vater ausrichten. Er führt die dritte Gruppe an und sollte bald eintreffen.«
»Vielleicht sollte ich ihm entgegenreiten«, meinte Falkann.
Broderick sah seinen Freund an. »Geht es dir wirklich gut? Bali’an hat mir ziemlich üble Sachen erzählt, dass dir Scurrs Soldaten beinahe den Schädel eingeschlagen hätten.«
Seufzend fuhr sich Falkann über die inzwischen verkrustete Wunde. »Mir geht es gut. Allerdings hätte ich das Ganze ohne Bali’ans und Leás Hilfe nicht überlebt.« Sein Blick fiel auf die junge Steppenfrau, die neben ihrer Mutter stand und in einem Kessel mit Eintopf rührte.
Als hätte sie seinen Blick gespürt, drehte sich Leá um und lächelte ihm zu.
»Ariacs Schwester«, sagte Broderick grinsend und hob die Augenbrauen. »Sie ist sehr hübsch, nicht wahr?«
Augenblicklich lief Falkann rot an und blickte rasch auf seine leere Schüssel. »Findest du?« Er bemühte sich krampfhaft, einen gleichgültigen Tonfall anzuschlagen.
Broderick schlug seinem Freund auf die Schulter. »Ich glaube nicht, dass der Schlag auf den Kopf deine Wahrnehmung so weit getrübt hat, dass dir das entgangen sein kann. Es freut mich, mein Freund.«
Falkann schnaubte. Dann gab er auf, er konnte Broderick ohnehin nichts vormachen.
»Schön, ich mag sie. Aber was nützt mir das?« Er machte ein verzweifeltes Gesicht. »Ihre Schwester hält mich für ein bärtiges Ungetüm. Und Steppenleute lassen sich ja bekanntlich nicht auf andere Völker ein.«
Broderick musste über das ›bärtige Ungetüm‹ lachen. »Sieh dir doch Rijana und Ariac an. Die beiden haben auch einen Weg gefunden.«
»Aber ich will kein Arrowann werden«, wandte Falkann ein, »das könnte ich mir einfach nicht vorstellen. Ich verliebe mich einfach immer in die falschen Frauen.«
»Gib nicht gleich auf!«
Nach einer Weile kam Norick zu ihm.
»Na, hast du gegessen?«
Der Kleine nickte und sagte mit einem Blick auf Ariacs jüngeren Bruder: »Vater, darf ich mit Ruric hinausgehen? Er will mir sein Pferd zeigen.«
»Natürlich, geh nur.«
Wie der Blitz waren die beiden Jungen verschwunden und ließen sich auch nicht von Kalinas empörtem Schrei aufhalten. Die bahnte sich ihren Weg durch die am Boden sitzenden Menschen und stemmte die Hände in die breiten Hüften.
»Gerade habe ich es ihm verboten. Er soll sich ein wenig ausruhen. Es war ein langer Ritt …«
Broderick nahm sie an der Hand und zog sie zu sich hinunter.
»Er findet das alles sehr aufregend. Lass ihn nur.«
Kalina schnaubte und warf einen Blick auf die vielen Steppenleute. »Aber sie sind so … anders. Und dann auch noch die vielen Zwerge.«
»Ihm wird nichts geschehen. Das hier sind nun alles unsere Freunde und Verbündeten. Wir müssen ihnen trauen und uns auf sie verlassen.«
Kalina seufzte tief.
Um sie auf andere Gedanken zu bringen, erkundigte sich Falkann, wie es Finn, Brodericks Ziehvater, ging.
»Er kommt mit einer der nächsten Gruppen«, erzählte sie und lehnte sich anschließend müde an Brodericks breite Schulter. Wenige Augenblicke später war sie eingeschlafen.
 
Immer mehr Menschen trafen ein. Zum Teil waren es Krieger aus Camasann, aber auch Flüchtlinge aus den nördlichen Ländern. Bald wurde das Lager zu eng, und die Zwerge zeigten den menschlichen Verbündeten Höhlen, in denen sich die Familien mit Kindern verstecken konnten. Zum Glück tauchten auch bald Finn, wenig später Falkanns Vater und auch Rittmeister Londov auf. Londov war sehr erleichtert, alle bei guter Gesundheit vorzufinden.
Brogan war nervös. Er spürte, wie wohl die meisten im Lager, dass die Schlacht bevorstand. Durch die Botenvögel hatte er hin und wieder Nachrichten von Rudrinn und Saliah erhalten. Umso mehr beunruhigte es ihn, dass er nun schon seit längerer Zeit nichts mehr von ihnen gehört hatte.
Vielleicht sind sie auf dem Meer. Vielleicht können sie keine Nachricht schicken, dachte er hoffnungsvoll.
Eines Tages kam ganz unverhofft Bali’an ins Lager galoppiert, zwei kleine Kinder vor sich auf dem Pferd. Es handelte sich um ein kleines, mageres Mädchen mit zotteligen strohblonden Haaren, das vielleicht zehn Jahre alt war, und einen Jungen, dem die Nase lief. Er war höchstens fünf.
Rijana lief auf Bali’an zu, da sie hoffte, Neuigkeiten von ihrer Familie zu hören.
»Hier, seht ihr, das ist eure Tante Rijana, sie ist eine mächtige Kriegerin«, sagte er stattdessen, und die beiden Kinder blickten Rijana mit großen Augen an.
Zunächst war Rijana verblüfft: »Bali’an, was hat das zu bedeuten?«
Der Elf zeigte sein typisches, jungenhaftes Grinsen und sagte zu den Kindern: »Seht ihr dort drüben die hübsche junge Frau mit den schwarzen Haaren? Bei ihr könnt ihr euch etwas zu essen holen.«
Das Mädchen blickte den Elfen mit einer Mischung aus Misstrauen und Bewunderung an. Die großen ängstlichen Augen und die Unsicherheit erinnerten Rijana an sich selbst, als sie in diesem Alter gewesen war.
Rijana kniete sich neben die beiden. »Wie heißt ihr?«
»Selja, das ist Bjon«, antwortete das Mädchen kaum hörbar.
Mit einem freundlichen Lächeln nahm sie die beiden an den Händen. »Ich freue mich sehr, dass ihr hier seid. Die Frau am Feuer ist die Schwester meines Verlobten. Ich werde euch zu ihr bringen, dann kann sie euch etwas zu essen geben, und ich unterhalte mich so lange mit Bali’an.«
Die beiden folgten Rijana, und Lynn nahm sie sofort auf ihren Schoß. Ihre eigenen Kinder betrachteten die Neuankömmlinge neugierig, und nachdem Selja und Bjon ein wenig gegessen hatten, wurden sie sofort zum Spielen aufgefordert.
Rijana war zufrieden und setzte sich neben Bali’an auf einen Stein. »Was ist passiert?«
»Deine Eltern haben nicht mehr in dem Dorf gewohnt. Sie leben nun auf einem Landsitz vor der Stadt. Ich habe mein Gesicht nicht gezeigt, weil ich dachte, es könnte sie erschrecken, wenn ein Elf vor ihnen steht. Später wünschte ich mir, ich hätte es getan.« Nun sah er sehr empört aus. »Sie haben unhöfliche Dinge über dich gesagt!«
Rijana senkte traurig den Blick. »Ich weiß.«
»Nun ja, dann habe ich versucht, ihnen zu erklären, dass es Krieg geben wird und dass sie sterben werden, wenn sie nicht fortgehen.«
Erwartungsvoll blickte Rijana zu dem jungen Elfen hinüber, der ein unglückliches Gesicht machte.
»Sie wollten mir nicht glauben. Sie haben gesagt, König Scurr würde sie verschonen, da sie seine treuen Diener sind. Sie wollten einfach nicht verstehen, dass es Dinge gibt, auf die auch Scurr keinen Einfluss hat.« Bali’an runzelte die Stirn. »Ich glaube, sie sind ziemlich dumm.« Dann hob er die Achseln. »Dein Vater hat mich hinauswerfen lassen. Aber ich bin ein Elf, ich habe mich in den Park geschlichen und mit den Kindern geredet. Die meisten hatten Angst vor mir, aber diese beiden«, er blickte zu Selja und Bjon, »die haben mir zugehört. Ihre Mutter ist wohl schon lange tot, und ihre Großeltern kümmern sich nicht um sie.«
»Dann sind sie die Kinder meiner ältesten Schwester«, murmelte Rijana.
»Auf jeden Fall«, fuhr Bali’an fort, »habe ich ihnen von ihrer tapferen Tante erzählt und von den vielen Abenteuern, die du erlebt hast. Sie wollten mitkommen – und nun sind wir hier.«
»Du hast sie einfach mitgenommen?«, fragte Rijana ungläubig.
»Ja, warum nicht, sie haben mein Pferd gemocht. Außerdem, wenn sie geblieben wären, dann wären sie bald tot. Und ich glaube, aus ihnen könnte etwas Vernünftiges werden.«
Rijana konnte es kaum glauben. Dann lächelte sie Bali’an an. »Ich danke dir, dass du die beiden gerettet hast.«
Der Elf verbeugte sich elegant. Dann trat ein betrübter Ausdruck auf sein Gesicht. »Die beiden alten Frauen konnte ich allerdings nicht finden. Dort oben im Norden war alles zerstört.«
Das machte Rijana sehr traurig. Elsa und Muria hatten ihr und Ariac damals sehr geholfen. Nachdem sie Bali’an noch einmal gedankt hatte, lief der Elf beschwingt davon.
Als Ariac kam, war Rijana noch immer in Gedanken versunken. Schließlich erzählte sie ihm alles. Ariac musste über den jungen Elfen lachen.
»Das ist typisch Bali’an.«
»Aber meine restliche Familie …«, begann Rijana unglücklich.
Ariac nahm sie in den Arm. »Du hast mehr für sie getan, als sie verdient haben.« Sein Blick wanderte zu den Kindern, die nun ganz selbstverständlich mit den anderen spielten. »Die beiden werden dank deiner Hilfe leben. Denk lieber daran.«
Sie nickte und drückte ihren Kopf an Ariacs Schulter. Wahrscheinlich hatte er Recht.
Später gingen sie gemeinsam zu Lynn. »Sie können bei mir bleiben, wenn ihr in die Schlacht zieht.«
Die kleine Selja blickte staunend auf Ariacs Tätowierungen.
»Du brauchst keine Angst vor ihm zu haben, er ist ein guter Mensch«, versuchte Rijana ihre Nichte zu beruhigen.
Selja nickte zögernd, und der kleine Bjon sagte unschuldig: »Großvater hat gesagt, Rijana ist eine Hure.«
Selja hielt die Luft an und versetzte dem kleinen Bruder einen Stoß in die Seite. Wahrscheinlich hatte sie Angst, dass sie nun mit ihrem Bruder fortgeschickt wurde.
»Das sagt man nicht«, schimpfte sie und war selbst den Tränen nahe, während der Kleine weinte: »Aber Großvater sagt, Steppenleute sind Mörder und …«
Rijana zog ihn zu sich auf den Schoß. »Das, was dein Großvater gesagt hat, ist nicht wahr. Die Steppenleute sind gute Menschen. Ihr könnt bei ihnen bleiben, wenn ihr möchtet.«
Selja nickte, und auch der kleine Bjon, der das alles wohl gar nicht verstand, klatschte in die Hände.
Später erzählte Rijana ihrer Nichte, wie sie, etwa im selben Alter, von Brogan gefunden worden war. Die Kleine lauschte fasziniert und war von dem Zauberer, der später zu ihnen stieß, offensichtlich beeindruckt.
Es war späte Nacht, die meisten schliefen schon, als Rijana in Ariacs Armen über ihre Familie nachdachte.
»Lynn wird sich um die beiden kümmern«, sagte er plötzlich.
Eigentlich hatte Rijana vermutet, er würde bereits schlafen. Sie drehte ihr Gesicht zu ihm und fuhr ihm über die tätowierten Linien an den Schläfen.
»Ich liebe dich.«
»Und ich dich«, flüsterte er. Seine Hand fuhr sanft über ihre Wange. »Wenn wir diese Schlacht mit König Scurr hinter uns gebracht haben, dann können wir Bjon und Selja bei uns aufnehmen. Sie werden dann mit unseren Kindern aufwachsen.« Dann blickte er sie ernst an. »Und falls ich den Kampf mit Scurr nicht überlebe …«
Rijana legte ihm einen Finger auf die Lippen, und Tränen traten in ihre Augen. »Bitte sag das nicht. Alles wird gut ausgehen.«
Mit ernstem Blick drückte er ihre Hand. »Aber es kann sein, dass ich getötet werde. Ich möchte, dass du weißt, dass du für immer bei meiner Familie bleiben kannst. Sie werden sich um dich kümmern und um die beiden Kleinen auch.«
»Ich weiß«, antwortete sie heiser, »aber ich will nicht ohne dich leben.«
»Das will ich auch nicht«, seufzte er und blickte in den klaren Nachthimmel.
 
Am nächsten Morgen, noch bevor alle aufgewacht waren, trafen zur Freude aller Nelja und Tovion ein. Sie waren schmutzig, sichtlich erschöpft und hatten beide zum Glück nur leichte Verletzungen.
Sofort versammelten sich Brogan, Rittmeister Londov, Zauberer Tomis und die restlichen Sieben ums Lagerfeuer.
»Saliah und Rudrinn geht es gut«, erklärte Tovion und ließ sich mit schmerzenden Muskeln am Feuer nieder. Erleichtert nahm er einen Becher mit Suppe entgegen. »Wir haben sie bis ans Meer begleitet. Es war gefährlich, aber wir konnten uns immer wieder verstecken. Rudrinn hat die Piraten aus den Tavernen gesammelt und sie überredet, eines von Scurrs Schiffen zu entern.«
»Verfluchter Pirat«, knurrte Zauberer Tomis, aber in seinen Augen war ein Lachen zu sehen.
»Es war ein heftiger Kampf, aber schließlich sind sie in Richtung Teufelskralle entkommen.«
Nelja grinste. »Sie haben ein Kriegsschiff mit diesen Feuerkatapulten geentert, und Rudrinn hat gleich fünf von Scurrs Schiffen versenkt. Er will seinen Vater suchen und die restlichen Piraten, damit sie mit uns kämpfen.«
»Es wird ihm gelingen«, vermutete Londov, ein Lächeln erschien auf seinem knochigen Gesicht. »Der Junge ist verrückt, aber er hat Mut für zwei.«
Nachdem die beiden gegessen hatten und Leá ihre Wunden versorgt hatte, berichteten Nelja und Tovion von ihrer gefährlichen Reise durch Balmacann.
»Die Brücke ist dicht«, erzählte Tovion, »nur noch Orks und Blutrote Schatten dürfen hinüber. Wir waren die Letzten, die über die Brücke reisen durften. Und in Balmacann war es auch sehr gefährlich.«
»Wie konntet ihr unentdeckt bleiben?«, wollte Broderick wissen.
Lächelnd deutete Tovion in die Dunkelheit, aus der sich nun zwei schlanke Schatten lösten.
»Elli’vin und Tja’ris haben uns vor einer Patrouille gerettet.« Nun sprangen alle auf. Die beiden Elfen, die blonde Elli’vin und der dunkelhaarige Tja’ris, standen vor ihnen.
»Tja’ris, geht es dir wieder gut?«, fragte Rijana aufgeregt.
Der große, ruhige Elf verbeugte sich vor ihr. »Ja, und ich möchte euch danken. Ohne eure Hilfe hätte ich nicht überlebt.«
»Na hör mal, du hast ja dein Leben für eine von uns riskiert«, stellte Broderick das Ganze richtig.
»Ihr seid nun unsere Freunde und Verbündeten«, sagte der Elf ernst. »Die Völker werden sich gegenseitig helfen und vertrauen müssen und …«
Mitten in seine Ausführungen kam Bocan, der Anführer der Zwerge, geplatzt.
»Ha, die Elfen. Habt ihr etwas von meinem verdammten Narren von einem Vater gehört?«
Elli’vin verneinte, ihnen waren keine Zwerge begegnet.
Bocan fluchte derb in der Zwergensprache und spuckte auf den Boden. »Dann soll ihn doch ein Ork verspeisen!« Damit stapfte er wieder davon.
Die Elfen blickten dem Zwerg kopfschüttelnd hinterher, dann erzählte Tja’ris weiter.
»Thalien hat gesagt, die Zeit ist reif. Beim nächsten Halbmond sollen wir uns in Tirman’oc treffen.«
»Dann müssen wir in spätestens drei Tagen aufbrechen«, murmelte Brogan. »Aber wir werden auffallen. Wir sind inzwischen wohl über tausend Männer.« Er lächelte Rijana zu. »Na ja, und auch ein paar Frauen.«
»In drei Tagen wird eine breite Regenfront über das Land ziehen«, erklärte Elli’vin. »Anschließend wird Nebel das Land bedecken. Wir werden in kleinen Gruppen reisen, dann bleiben wir hoffentlich unentdeckt. Die Zwerge können unter der Erde bleiben, bis die Schlacht beginnt.«
»Woher weißt du das mit dem Wetter?«
»Das können doch alle Elfen«, kam die fröhliche Stimme von Bali’an, der wieder einmal wie aus dem Nichts aufgetaucht war.
»Mein kleiner Bruder«, rief Elli’vin erfreut und umarmte ihn. Dann warf sie einen Blick in die Runde. »Hat er sich anständig verhalten?«
»Er ist ein großer Held«, erklärte Brogan ernst. »Er hat uns gut geführt und Falkann das Leben gerettet.«
Bali’an war sichtlich stolz auf sich.
»Und er hat auch meine Nichte und meinen Neffen gerettet«, fügte Rijana hinzu.
Als sie jedoch die genauen Umstände erklärt hatte, nahm Elli’vins schönes Gesicht einen wütenden Ausdruck an. »Du kannst doch nicht einfach Menschenkinder entführen!« Sie versetzte Bali’an einen Klaps auf den Hinterkopf.
»Aber sie wollten freiwillig mit mir kommen«, jammerte ihr Bruder, »und sie mochten mein Pferd.«
Elli’vin stieß so etwas wie einen elfischen Fluch aus. »Nun wird es heißen, Elfen rauben Menschenkinder. Du meine Güte, Bali’an!«
»Ich habe mein Gesicht nicht gezeigt«, rechtfertigte er sich. Allerdings erinnerte Bali’ans Gesichtsausdruck Broderick nun an seinen kleinen Sohn, wenn er einen Suppenteller zerbrochen hatte.
»Lass ihn doch«, versuchte Rijana das Ganze zu beenden. »Die beiden wären gestorben, wenn Bali’an sie nicht mitgebracht hätte. Bitte, sei ihm nicht böse.«
Elli’vin schien noch immer wütend zu sein, aber auch Tja’ris versuchte, sie zu beruhigen.
Schließlich ruhten sich Nelja und Tovion aus. Sie waren erschöpft, genauso wie die beiden Elfen, die sich jetzt auch hinsetzten.
»Ist mein Vater auch hier?«, fragte Tovion noch, bevor ihm die Augen zufielen.
»Er ist schon seit Tagen bei den Zwergen«, berichtete Broderick und grinste, »er sagt, er könne noch viel von ihnen lernen.«
»Das ist schön«, murmelte Tovion, dann schlief er ein.
 
Die nächsten Tage vergingen mit hektischen Vorbereitungen. Frauen, ältere Leute und Kinder blieben im Lager oder in den Höhlen. Saliahs Eltern, die erst vor kurzem mit einer ganzen Gruppe von Kriegern eingetroffen waren, waren sehr froh, als sie hörten, dass es ihrer Tochter und Rudrinn gut ging. Allerdings machten sie sich Sorgen, denn auf dem Meer war es gefährlich.
»Nun segelt sie auf einem Kriegsschiff inmitten einer Flotte von Blutroten Schatten«, murmelte Lord Bronkar.
Lady Melinah legte ihm ihre schlanke Hand auf den Arm. »Rudrinn wird auf sie achten, da bin ich mir sicher.«
»Dass sie auch ausgerechnet diesen verfluchten, ungehobelten Piraten erwählen musste«, kam es erwartungsgemäß von Zauberer Tomis.
»Saliah ist so oder so eine Kriegerin«, verteidigte Rijana ihre Freundin leidenschaftlich.
»Ich habe nicht das Geringste gegen meinen Schwiegersohn«, stellte Lord Bronkar richtig. »Ich wollte nur sagen, dass es gefährlich ist auf dem Meer.«
»Das ist es inzwischen überall«, erwiderte Brogan seufzend. »Die einen kämpfen an Land, die anderen auf dem Wasser. Wir werden sehen, was die Zukunft bringt.« Sein Blick fiel auf Ariac, der gedankenversunken neben Rijana und seinem Vater stand. Brogan wusste, dass Ariac sich viele Sorgen machte. Vielleicht weniger um sich oder um seinen Kampf mit König Scurr, sondern vielmehr um Rijana.
Auch Leá saß in der Runde. Plötzlich erhob sie ihre Stimme: »Ich werde ebenfalls mitkommen.«
Ihr Vater fuhr überrascht auf. »Warum das denn?«
»Ich bin als Kriegerin ausgebildet worden, und ich bin eine Heilerin, ihr werdet mich brauchen.«
Rudgarr, der dunkle Steppenmann, machte ein besorgtes Gesicht. »Ich kann dich nicht aufhalten, das weißt du, aber vielleicht werden wir auch hier eine Heilerin benötigen, für diejenigen, die verletzt sind und zurückkommen.«
»Vater, du wirst ebenfalls kämpfen, und es war wohl schon immer mein Schicksal, dass ich beides bin – Kriegerin und Heilerin.«
Mit betretenem Gesicht nickte Rudgarr. Er hatte schon genug Angst um Ariac, aber dass nun auch Leá in den Kampf ziehen würde, das vergrößerte den Knoten, der sich in seinem Magen gebildet hatte.
Bei Leás Worten war etwas Seltsames in Falkann vorgegangen. Im ersten Augenblick war er sehr froh und glücklich gewesen, dass Leá sie begleiten wollte. Aber gleichzeitig erfasste ihn Panik, dass ihr etwas passieren könnte.
Als er sah, wie der Vater von Ariac und Leá mit sorgenvollem Gesicht vom Lagerfeuer aufstand und ein wenig abseits zu den Felsen lief, folgte Falkann ihm aus einem Impuls heraus.
»Rudgarr«, rief er zögernd.
Der große Steppenmann mit den wilden Tätowierungen im Gesicht drehte sich um.
»Wenn Ihr es erlaubt, werde ich auf Eure Tochter achten.«
Nachdem es heraus war, kam sich Falkann ein wenig dumm vor.
Eine ganze Weile sah Rudgarr ihn nur an, dann nickte der Clanführer der Arrowann. »Ich denke, das wäre gut für sie.« Ohne ein weiteres Wort lief er weiter und ließ einen verwirrten Falkann zurück.