KAPITEL 3
Thondras Entscheidung
Die Sieben wagten nicht, die Straße zu benutzen. Sie bevorzugten den Wald, suchten immer wieder Deckung und bemühten sich, nicht in die Nähe von größeren Ansiedlungen zu reiten, denn König Scurrs Männer waren schon wieder unterwegs. Nach etwa vierzehn Tagen war das Ufer des Meeresarmes, der Balmacann vom Norden trennte, beinahe erreicht. Tovion war guter Dinge, denn er hatte von Nelja Nachricht erhalten, dass sie und Brogan bereits in Northfort waren und auf gutem Weg zu ihnen.
Möwen kreisten am Himmel, und der Wind brachte den typischen Meeresgeruch mit sich.
Rudrinn hielt sein Gesicht in die frische Brise und sog die Luft tief ein. »Das vermisse ich immer, wenn ich im Landesinneren bin.«
Die Pferde wurden unruhig und stampften aufgeregt. Seit einigen Tagen lag ein Hauch von Frühling in der Luft. Vor ihnen breitete sich eine Wiese aus, auf der nur noch vereinzelt Schneereste zu sehen waren.
»Wollen wir?«, fragte Saliah mit einem Lachen in ihren strahlend blauen Augen.
Dieser Aufforderung konnte keiner widerstehen. Geschwind stoben die Pferde in einer Fontäne aus Schmelzwasser davon. Nach kurzer Zeit waren alle etwa auf gleicher Höhe, aber dann ließ Ariac die Zügel schießen, und Nawárr galoppierte wie der Blitz davon.
In diesem Augenblick waren all ihre Sorgen und Ängste vergessen. Sie waren einfach nur sieben ausgelassene junge Leute, nicht ›Die Sieben‹, nicht ›Thondras Kinder‹, die Hoffnung aller freien Menschen, sondern einfach nur Freunde, die jauchzend vor Freude diesen rasenden Galopp und das Wettrennen genossen.
Am Ende der Wiese wartete ein triumphierend grinsender Ariac. Als die anderen mit geröteten Gesichtern aufgeholt hatten, schimpfte Rudrinn: »War doch klar, dass du gewinnst.«
Ariac streichelte seinem Hengst, der jetzt wieder gesund und wohlgenährt aussah, über den muskulösen Hals.
»Wir sind außer Konkurrenz mitgeritten«, sagte er großzügig.
»Dann habe ich gewonnen«, rief Saliah lachend.
»Das glaubst auch nur du«, widersprach Rudrinn. »Mein Pferd hatte eine Handbreit Vorsprung.«
»Das ist nicht wahr!«
Rudrinn lachte und sprang zu Boden. »Also gut, ich würde niemals wagen, einer so anmutigen Lady zu widersprechen«, behauptete er und verbeugte sich übertrieben.
Daraufhin stieg Saliah ebenfalls ab und stemmte die Hände in die Hüften. »Ich war wirklich schneller.«
Rudrinn nickte, aber mit einem so frechen Grinsen, dass Saliah eine Hand voll Schnee nahm und sie ihm mitten ins Gesicht warf. Nach Luft schnappend wischte Rudrinn sich den Schnee weg, während die anderen breit grinsten. Er machte sich an die Verfolgung der lachenden Saliah, die ihm immer wieder geschickt auswich. Schließlich erwischte er sie am Ärmel, hielt sie fest und rieb ihr das Gesicht mit Schnee ein, während sie wild kreischte und um Hilfe schrie.
Ariac hatte den beiden lächelnd zugesehen, aber dann entdeckte er am fernen Waldrand etwas, das ihn erstarren ließ. Er kniff die Augen zusammen und glaubte schon, sich getäuscht zu haben. Aber dann sah er es ganz genau.
»Hört auf!«, rief er und stieg wieder auf sein Pferd.
Saliah lachte noch immer, während Rudrinn versuchte, sie festzuhalten.
Keiner schien Ariac gehört zu haben, bis er laut schrie: »Verdammt, da sind Scurrs Soldaten im Wald!«
Sofort erstarrten alle und blickten in die Richtung, in die er zeigte. Tatsächlich sah man jetzt hier und da ein rotes Schimmern zwischen den Bäumen.
»Verdammt!« Falkann bestieg ebenfalls sein Pferd, so wie die anderen auch.
»Es scheinen ziemlich viele zu sein«, stellte Tovion fest, der den Waldrand im Auge behalten hatte.
»Wir müssen fliehen.« Ariac wartete, bis Rijana auf ihrer Stute saß. Dann galoppierte er rasch auf den nächsten Hain zu.
»So ein Mist«, schimpfte Broderick und warf einen nervösen Blick nach hinten. »In dem Schnee sehen sie unsere Spuren.«
Bald hatten die Sieben den Waldrand erreicht, doch hinter sich hörten sie heisere Schreie, und zu ihrem Entsetzen sah man etwa dreißig Soldaten in roten Umhängen über die Wiese stürmen.
»Schnell, wir müssen uns teilen, damit wir sie abhängen«, rief Falkann.
»Ich halte sie mit dem Bogen auf«, schlug Ariac vor und machte sich daran, von seinem Pferd zu steigen.
»Ich bleibe bei dir!« Mit wachsendem Entsetzen blickte Rijana auf die Blutroten Schatten, die sich immer weiter näherten.
Ariac schüttelte den Kopf und drückte ihr Nawárrs Zügel in die Hand. »Nimm ihn, er ist schnell.«
Rijana widersprach stur, aber Ariac packte sie eindringlich am Arm. »Jetzt mach schon, wir treffen uns am Meeresufer, ich komme nach.«
»Aber dann nimmst du Nawárr, damit du schnell fortkommst.«
Schließlich stimmte er zu und spannte seinen Bogen.
»Ich bleibe hier, vielleicht brauchst du Hilfe«, bot Falkann plötzlich an.
Die anderen hatten nicht mehr viel Zeit zu widersprechen, denn die Blutroten Schatten näherten sich bedrohlich. Rijana warf Ariac und Falkann noch einen sorgenvollen Blick zu, dann galoppierte sie mit Broderick und Rudrinn in eine Richtung, Saliah und Tovion in die andere.
Als Scurrs Soldaten etwas näher gekommen waren, streckte Ariac gleich zwei von ihnen mit dem Bogen nieder, woraufhin die Männer das Tempo verringerten.
»Guter Schuss«, sagte Falkann anerkennend.
Dann ritten die beiden ebenfalls los, in Richtung Norden, um Scurrs Soldaten abzulenken und den anderen mehr Zeit zu verschaffen. Sie waren noch nicht weit gekommen, als sie entsetzt feststellen mussten, dass auch aus dieser Richtung einige Soldaten heranstürmten. Schnell drehten sie scharf nach Osten ab und sprangen über einen kleinen Fluss. Sie galoppierten in halsbrecherischem Tempo durch die Bäume, wobei Ariac Nawárr zügeln musste, damit Falkann überhaupt mithalten konnte. Zunächst glaubten sie, Scurrs Männer abgehängt zu haben, aber dann brach eine Gruppe von zehn Soldaten aus einem Gebüsch hervor.
»Wo kommen die denn her, verdammt?«, rief Falkann, dessen Pferd bereits schweißnass war und heftig atmete.
Langsam wurde es wirklich brenzlig. Ariac schoss mit seinem Bogen einen weiteren Soldaten vom Pferd, dennoch wurden sie langsam, aber sicher eingekreist.
Die beiden spornten ihre Pferde erneut zu einem halsbrecherischen Galopp an, sprangen über umgekippte Bäume, Wurzeln und Bäche, doch es wurden immer mehr Soldaten. Falkanns Pferd stolperte und stürzte beinahe.
»Es hat keinen Sinn«, keuchte Falkann und blickte hinter sich. »Wir schaffen das nicht.«
Erneut spannte Ariac den Bogen, verfehlte die nächsten Soldaten zwar, aber trotzdem hielten sie kurz inne.
»Dann müssen wir eben kämpfen.« Auch Ariac sah, dass Falkanns Pferd am Ende seiner Kräfte war.
Falkann schüttelte den Kopf. »Es sind zu viele.«
»Komm, Nawárr ist kräftig, er kann uns beide tragen.«
Einen Moment lang zögerte Falkann, doch dann stieg er von seinem entkräfteten Pferd und lief zu dem schwarzen Hengst, der jetzt nervös schnaubte und auswich.
»Ruhig, Nawárr, er tut dir nichts«, sagte Ariac und wurde langsam selbst nervös, denn die Soldaten kamen immer näher. Verzweifelt versuchte er, das Pferd zu beruhigen, doch es wurde nur unruhiger und rollte mit den Augen.
»Es hat keinen Sinn, er hat Angst.« Resigniert stieg Falkann wieder auf sein Pferd.
Dann trabten sie weiter durch den Wald und galoppierten, soweit es der Boden erlaubte. Immer wieder erklangen heisere Schreie, und man sah das Aufblitzen von roten Umhängen. Ariac und Falkann stand die Panik ins Gesicht geschrieben. Sie wurden immer weiter eingekreist, nur noch zu ihrer Linken war überhaupt ein Ausweg, doch Falkanns Wallach war nun wirklich am Ende seiner Kräfte. Schließlich stolperte das Pferd über eine hervorstehende Wurzel und ging zu Boden. Falkann wurde über seinen Kopf geschleudert. Rasch zügelte Ariac Nawárr, um dem Freund aufzuhelfen, doch dieser war bereits wieder unversehrt auf den Beinen. Hinter ihnen kamen jedoch Soldaten in Sicht, sodass Falkann resigniert keuchte: »Los, gib mir deinen Bogen und verschwinde! Ich versuche, sie aufzuhalten.«
Ariac weigerte sich und wollte schon absteigen, als Falkann weiter auf ihn einredete: »Na los, es nützt nichts, wenn wir beide sterben. Nawárr lässt mich nicht aufsteigen.«
»Nein, ich kann dich nicht zurücklassen«, sagte Ariac bestimmt. »Versuch es noch einmal.«
Seufzend und ohne große Hoffnung trat Falkann auf das Pferd zu, das mit Panik im Blick stieg und fortrennen wollte. Ariac konnte ihn gerade noch festhalten.
»Los, mach, dass du wegkommst«, sagte Falkann, der plötzlich ganz ruhig wurde und sein Schwert zog.
Ariac verharrte. Kein Arrowann würde jemals einen Freund in solch einer Lage zurücklassen, nicht einmal, wenn er damit sein eigenes Leben riskierte.
»Also gut, ich muss dir jetzt etwas sagen, Ariac. Ich habe Flanworn damals getötet und nichts gesagt, weil ich eifersüchtig war und dich loswerden wollte.«
Für einen Augenblick konnte Ariac gar nicht glauben, was er hörte.
»Ich habe mir das nie verzeihen können. Ich bin ein verdammter Feigling, und du bist der bessere Mensch von uns beiden, auch wenn du in Naravaack ausgebildet worden bist.« Sein Blick senkte sich. »Vielleicht kann ich jetzt ein wenig von meiner Schuld mildern. Mach Rijana glücklich, ja? Vielleicht kannst du mir eines Tages verzeihen.«
In Ariacs Kopf drehte sich alles. Er wollte Falkann noch etwas fragen, aber der schrie plötzlich: »Verdammt, jetzt verschwinde endlich!« Er nahm sein Schwert und schlug dem erschrocken wiehernden Nawárr mit der flachen Seite auf die Kruppe. Das Pferd sprengte davon, bevor Ariac etwas unternehmen konnte. Als er den Hengst wieder unter Kontrolle hatte, war Falkann bereits auf die sich nähernden Soldaten zugestürmt, die sich sofort auf ihn stürzten.
»Nein, warte, Falkann, nicht!«, schrie Ariac entsetzt und wollte sein aufgeregtes Pferd wenden. Aber da kamen weitere Soldaten und schnitten ihm den Weg ab. Hektisch blickte sich Ariac nach einer Möglichkeit um, Falkann zu helfen; aber dann sah er, dass es wohl aussichtslos war, ihn retten zu wollen. Er stieß einen verzweifelten Schrei aus, dann trieb er sein Pferd an, das sicher und unermüdlich durch den Wald galoppierte.
Die anderen waren ebenfalls in wildem Galopp geflüchtet. Rudrinn, Rijana und Broderick hatten es am besten erwischt, sie waren bald außer Sichtweite der Soldaten und konnten sich in der Nähe der Küste bei den Klippen verstecken. Dort warteten sie nun voller Angst auf ihre Freunde. Broderick stand hinter einem gezackten Felsen und hielt Ausschau, während Rudrinn versuchte, die zitternde Rijana zu beruhigen.
»Sie kommen sicher gleich, ihnen passiert schon nichts«, sagte er und streichelte ihr über die Haare.
»Broderick, siehst du etwas?«, rief Rijana leise, aber der schüttelte bedauernd den Kopf.
Die Zeit schien nicht vergehen zu wollen. Rijana lief unzählige Male auf und ab, bis Broderick endlich rief: »Tovion kommt.«
Sofort lief er auf den Freund zu, der sich suchend umblickte und erleichtert auf Broderick zugaloppierte.
»Ich habe Nachricht vom Falken. Nelja und Brogan sind ganz in der Nähe und mit ihnen etwa einhundert Krieger. Sie helfen uns. Ist Saliah schon bei euch?«
Broderick schüttelte bedauernd den Kopf, und Rudrinn fragte erschrocken: »Ist sie nicht mehr bei dir?«
»Nein, wir mussten uns trennen, weil ich Brogans Leuten den Weg gezeigt habe.« Tovion warf einen nervösen Blick auf den Wald. »Und ich muss auch gleich wieder zurück.«
»Ich begleite dich«, sagte Rudrinn entschlossen, während Broderick meinte: »Ich bleibe zusammen mit Rijana hier, dann können wir uns bei den Klippen treffen.«
»Sollen wir nicht lieber helfen?«, fragte Rijana.
»Wir warten«, bestimmte Broderick, während die beiden anderen rasch auf den Wald zugaloppierten.
»Ich habe Angst«, flüsterte Rijana, und Broderick nahm sie seufzend in den Arm. Auch er machte sich Sorgen.
 
Ariac wusste, dass er es nur Nawárr zu verdanken hatte, dass er noch lebte. Der wendige und kluge Hengst wich den Blutroten Schatten so geschickt aus, dass er selbst aus der ausweglosesten Situation entkommen konnte. Auf einer kleinen Waldlichtung brachte er so viel Abstand zwischen sich und fünf Soldaten, dass er schließlich verschwinden konnte. Aber Ariac war verwirrt. Falkann hatte ihm ein furchtbares Geständnis gemacht und gleichzeitig sein Leben geopfert. In Ariacs Kopf drehte sich noch immer alles. Als er plötzlich auf Brogan traf, der wie aus dem Nichts erschien, konnte er nicht einmal sagen, dass Falkann höchstwahrscheinlich tot war.
»Ariac, bist du verletzt?«, fragte der Zauberer erschrocken, als er Ariacs verstörtes Gesicht sah.
Aber Ariac schüttelte nur stumm den Kopf, bevor er auf seinem Pferd zusammensackte.
Der ältere Mann mit den halblangen braunen Haaren und dem leicht ergrauten Bart runzelte die Stirn, hatte jetzt jedoch keine Zeit, um sich weitere Gedanken zu machen. »Reite zu den Klippen, dort warten Broderick und Rijana.«
Ariac reagierte jedoch nicht und blickte seltsam starr vor sich hin.
»Hast du mich gehört?«, fragte Brogan ungeduldig.
Nach einer Weile nickte Ariac mechanisch, wendete den Hengst und ritt in die beschriebene Richtung. Brogan, der auf einem großen weißen Hengst saß, schüttelte den Kopf und ritt dann rasch weiter.
 
Als Ariac sich der Küste näherte, lief ihm Rijana erleichtert entgegen.
»Ist etwas passiert?«, fragte sie erschrocken, als sie seinen Gesichtsausdruck sah.
Wenige Augenblicke später kam Broderick näher und blickte sich nervös um. »Los, wir müssen uns verstecken.« Dann wunderte er sich ebenfalls über Ariacs starre Miene. »Bist du verletzt?« Doch er konnte keine Wunde entdecken.
Ariac schüttelte den Kopf, stieg vom Pferd und folgte seinen Freunden wie in Trance zu den Klippen, wo die anderen Pferde standen.
»Was ist denn los?«, fragte Rijana, als Ariac noch immer nichts sagte und nur stumm vor sich hin starrte.
Er reagierte nicht, dann sagte er plötzlich wie zu sich selbst und unzusammenhängend: »Er ist einfach auf die Soldaten zugerannt … Ich wollte das nicht … Ich wollte ihn nicht allein lassen … Nawárr hat ihn nicht an sich rangelassen … Ich weiß nicht …« Dann ließ er sich auf den Boden fallen und bedeckte sein Gesicht mit den Händen. Rijana blickte Broderick fragend an, aber der verstand es auch nicht.
Sie legte Ariac einen Arm um die Schultern. »Was ist denn? Und wo ist Falkann?«
Ariac stieß ein heiseres Schluchzen aus. »Er hat Nawárr mit dem Schwert geschlagen und ist einfach allein auf die Soldaten zugestürmt, damit ich flüchten konnte.«
Rijana hielt die Luft an, Broderick riss ungläubig die Augen auf.
»Wo ist er?«, fragte Rijana mit zitternder Stimme.
Ganz langsam hob Ariac den Kopf und blickte sie tieftraurig an. »Ich wollte ihm helfen, das müsst ihr mir glauben, ich wollte das nicht, egal, was er getan hat.«
Noch immer konnte Broderick den Sinn seiner Worte gar nicht richtig erfassen. »Ist er … ist er … tot?«
Ariac nickte und ließ den Kopf wieder auf die Knie sinken. Fassungslos setzte sich Broderick auf den Boden. Er konnte gar nicht begreifen, was er da hörte. Auch Rijana wollte es nicht wahrhaben. Sie schüttelte unablässig den Kopf. Erst nach einer Weile füllten sich ihre Augen mit Tränen.
»Bist du sicher?«
Ariac nickte bedrückt. Als Rijana ihn weinend umarmte, klammerte er sich selbst an ihr fest.
Nach einer Weile hörten die beiden, wie Broderick aufstand.
»Ich muss ihn suchen«, sagte er, seine Unterlippe zitterte.
»Ich wollte ihn wirklich nicht allein lassen«, wiederholte Ariac verzweifelt.
Mit einem stummen Nicken packte Broderick ihn an der Schulter. Dann verschwand er mit gesenktem Kopf zwischen den Felsen. Rijana schluchzte noch immer. Sie konnte und wollte einfach nicht akzeptieren, dass Falkann nicht mehr leben sollte.
Nach einer Weile kamen Tovion und Nelja, die erleichtert darüber berichten wollten, dass Scurrs Soldaten versprengt worden waren. Doch schnell bemerkten sie, wie verzweifelt Rijana und Ariac waren. Als die beiden die Neuigkeiten hörten, brachten auch sie zunächst kein Wort heraus. Ebenso ging es Brogan, der kurze Zeit später auftauchte und gleich darauf wieder aufbrach, um Broderick zu suchen. Stattdessen kehrte er unmittelbar mit dem sich heftig sträubenden Rudrinn zurück. Der wollte weiter nach Saliah suchen, hatte jedoch eine stark blutende Wunde am Oberarm. Er war in einen Kampf mit Scurrs Soldaten verwickelt worden. Erst als Tovion mit zitternder Stimme erzählte, dass Falkann wahrscheinlich tot war, hielt Rudrinn inne und sank erschüttert auf den Boden.
»Ich suche Saliah«, verkündete Brogan.
Es dauerte bis zum Abend, als in der Dämmerung eine Gruppe Männer erschien, die von Brogan angeführt wurde. Weiter hinten folgten einige Krieger, die mehrere behelfsmäßige Tragen bei sich hatten. Es hatte ein paar Verletzte und mehrere Tote gegeben. Dann trat Brogan mit ernstem Gesicht näher.
»Wir haben Falkann gefunden«, sagte er heiser.
Die anderen hörten tiefbetrübt zu, in ihren Augenwinkeln glänzten Tränen. Doch dann räusperte sich der Zauberer erneut, denn er hatte noch etwas zu sagen. Mit brechender Stimme fuhr er fort: »Aber das ist nicht alles … Wir haben … nicht weit entfernt … Saliah ist auch …« Er konnte nicht weiterreden, denn Rudrinn sprang mit einem verzweifelten Aufschrei auf, bevor einer der anderen reagieren konnte. Er rannte zu der Trage, neben der Broderick mit von Trauer gezeichnetem Gesicht kniete. Auf der einen lag Falkann, auf der daneben Saliah, die aussah, als würde sie schlafen. Rudrinn hob sie auf und drückte sie an sich.
»Nein, das ist nicht wahr, das ist nicht wahr«, rief er immer wieder und schüttelte Brogans Hand ab, die dieser tröstend auf seine Schulter gelegt hatte.
Außer Saliah und Falkann waren noch fünfzehn weitere Soldaten tot. Eine lähmende Trauer legte sich über alle, keiner konnte etwas sagen. Die Männer, die Brogan in das nächste Fischerdorf an der Küste geschickt hatte, um Boote zu besorgen, waren zurückgekehrt. So schlimm und traurig es auch war und was auch immer der Tod von Saliah und Falkann für alle bedeutete, sie konnten nicht lange hierbleiben, denn weitere Soldaten aus Ursann oder Balmacann würden bald folgen.
Die Krieger wurden in die Boote gelegt. Nun würden sie in Brand gesetzt werden, um sie auf ihre letzte Reise zu schicken. Auch Falkanns Körper lag bereits in einem Boot, als Brogan Rudrinn energisch an der Schulter rüttelte, weil dieser Saliah immer noch im Arm hielt und sie nicht loslassen wollte.
»Jetzt komm, wir müssen fort von hier. Wir müssen Saliah auf die letzte Reise in Thondras Hallen schicken.« Rudrinn schluchzte leise auf und schüttelte den Kopf. »Nein. Warum hat Thondra denn zugelassen, dass sie getötet wird, wenn sie helfen sollte, die ganze beschissene Menschheit zu retten? So ein verfluchter Bastard!«
»Rudrinn!«, schimpfte Brogan empört, aber dann räusperte er sich. »Wir verstehen die Absichten der Götter nicht.«
»Ich verfluche sie, ich verfluche sie alle miteinander«, schrie Rudrinn und hob sein tränenverschmiertes Gesicht.
»Du musst sie jetzt loslassen«, sagte Nelja sanft.
Mit wütendem Blick fuhr Rudrinn herum, doch schließlich trug er Saliah zu dem Boot und legte sie neben Falkann.
Die anderen standen schweigend am Ufer. Nach und nach wurden die Boote mit den toten Kriegern ins Wasser gestoßen. Brandpfeile schwirrten durch die Luft, mit denen die Boote entzündet wurden. In kurzem Abstand schaukelten sie aufs Meer hinaus, während Brogan den Segen sprach, der die Seelen der Krieger in die Hallen der Götter begleiten sollte.
Ganz am Schluss war das Boot von Saliah und Falkann an der Reihe. Die anderen waren bereits im Meer versunken. Brogan fiel es sichtlich schwer, auch den Segen für sie sprechen zu müssen. Mit Saliah und Falkann waren nicht nur zwei junge Leute gestorben, die er wie seine Kinder hatte aufwachsen sehen, sondern mit ihnen starb auch die Hoffnung für alle Menschen. Er blickte in die verzweifelten Gesichter der übriggebliebenen fünf und wusste, dass keine Worte der Welt sie trösten konnten.
Als sich das Boot vom Ufer entfernte, flüsterte Ariac kaum hörbar: »Ich verzeihe dir, Falkann.«
Mit zitternden Armen spannte Broderick seinen Bogen und schickte einen Brandpfeil, der das Boot traf.
»Möge Thondra euch in seinen Hallen aufnehmen, und möge euch im nächsten Leben ein glücklicheres Schicksal erwarten«, fügte Brogan traurig hinzu.
Sie sahen, wie das Feuer vor dem Nachthimmel aufflammte, doch plötzlich, als das Boot schon außer Schussweite war, erloschen die Flammen.
»Was hat das zu bedeuten?«, murmelte der Zauberer. Das Boot hätte noch einige Zeit brennen müssen, bevor es unterging.
Lange Zeit blickte er aufs Meer hinaus, konnte es sich jedoch nicht erklären. Die meisten der Krieger verließen das Ufer. Die Männer, die mit Brogan gekommen waren, entfernten sich, denn sie hatten selbst Freunde verloren. Tovion und Nelja blieben eng umschlungen am Ufer sitzen, Broderick wollte lieber allein sein und ging in die Nacht hinaus. Ariac und Rijana lehnten sich Arm in Arm an einen Felsen. Sie wussten beide nicht so recht, wie sie sich trösten sollten. Rudrinn saß verloren am Feuer und starrte in die Flammen. Brogan setzte sich zu ihm. Er kannte Rudrinn nur als lustigen Kindskopf, aber jetzt sah er so verzweifelt aus, dass es dem Zauberer das Herz brach.
»Wo habt ihr Saliah gefunden?«, fragte Rudrinn nach einer Weile mit einer Stimme, die nicht zu ihm zu gehören schien.
»Nicht weit von Falkann entfernt. Wahrscheinlich hat sie aus der Ferne gesehen, dass er in Bedrängnis war, und wollte ihm helfen.«
Rudrinn nickte und biss sich auf die Lippe, dann stand er auf und ging allein zum Strand zurück, um auf das nächtliche Meer zu blicken.
Rijana hatte ihre Arme fest um Ariac geschlungen und drückte ihr Gesicht an seine Schulter. Sie glaubte, niemals trauriger gewesen zu sein als in diesem Moment.
»Warum hat Nawárr ihn nur nicht aufsteigen lassen?«, flüsterte Ariac nach einer Weile. »Er hätte uns beide tragen können. Alle werden mir die Schuld geben.«
Rijana hob den Kopf und blickte Ariac ernst an. »Nein, niemand gibt dir die Schuld. Worran hat Nawárr verdorben, deshalb hat er keinen außer dir oder mir mehr an sich herangelassen. Wir wissen, dass du Falkann nicht allein lassen wolltest.«
»Sie werden mir nicht glauben.« Ariac war verzweifelt. »Sie werden mich für einen Verräter halten. Ich war in Ursann, niemand glaubt jemandem, der aus Ursann kommt.«
Rijana nahm seinen Kopf in ihre Hände. »Hör auf! Kein Mensch macht dir Vorwürfe. Alles ist schon schlimm genug, jetzt rede dir nicht so etwas ein.«
Aber Ariac wollte nicht auf Rijanas Beteuerungen hören. Schließlich stand sie seufzend auf und ging zu Tovion hinüber.
»Kannst du bitte zu Ariac gehen und ihm sagen, dass kein Mensch ihn für Falkanns Tod verantwortlich macht?«
»Natürlich, aber das hat doch niemand gesagt.« Tovion blickte sie überrascht an.
»Aber er glaubt es«, sagte sie seufzend, und ihre Augen füllten sich schon wieder mit Tränen. »Ich werde die beiden so sehr vermissen.«
Tovion umarmte sie stumm. Dann ging er zu Ariac, der mit traurigem Gesicht an dem Felsen lehnte. Rijana fand Broderick mit fassungsloser Miene auf einem Stein sitzend. Auch ihn überraschte zu hören, dass Ariac sich selbst die Schuld gab.
»Ich gehe gleich zu ihm«, versprach er.
Nun wollte Rijana Rudrinn suchen, denn sie spürte, dass sie jetzt alle zusammenbleiben und sich Trost spenden mussten. Aber erst nach einer Weile fand sie ihn, wie er am Strand saß und aufs Meer hinausstarrte. Er blickte sich nicht um, als Rijana ihre Hand auf seine Schulter legte.
»Kommst du mit?«, fragte sie vorsichtig.
Er antwortete nicht, nahm nur ihre Hand und blieb sitzen. Rijana setzte sich schließlich neben ihn.
»Warum bin ich nicht mit ihr geritten?«, fragte Rudrinn nach einer Weile.
Rijana legte den Arm um seine Schultern. »Du weißt nicht, ob das etwas geändert hätte.«
»Ich hätte sie beschützt, verdammt«, rief er verzweifelt, und Rijana sah, dass er mit den Tränen kämpfte. »Das mit Falkann ist schlimm, aber Saliah, sie, ich … verflucht noch mal.« Er drückte die Fäuste gegen die Augen.
»Was denn?«, fragte Rijana vorsichtig, und sie spürte, wie Rudrinns Schultern zu zucken begannen.
Rijana nahm ihn in den Arm und legte ihren Kopf an seine Schulter.
»Ich weiß, wie du dich jetzt fühlst.«
»Nein, das weißt du nicht«, rief er verzweifelt und hob den Kopf ruckartig. »Verdammt, ich liebe sie schon seit einer Ewigkeit, und jetzt werde ich sie nie mehr wiedersehen«, brach es aus ihm heraus.
Überrascht riss Rijana die Augen auf und starrte ihn verblüfft an. »Du … du, was?«
Rudrinn stieß einen bitteren Laut aus. »Schon in König Greedeons Schloss habe ich mich in sie verliebt«, gestand er.
Rijana schüttelte entsetzt den Kopf, was Rudrinn jedoch falsch verstand.
Er lachte bitter auf. »Du hast Recht. Was hätte sie auch mit einem wie mir gewollt?«
»Nein, Rudrinn, das ist Blödsinn«, widersprach Rijana stockend. Sie zögerte, dann nahm sie seine Hand. »Saliah war doch selbst in dich verliebt und hat gedacht, dass du sie nicht magst.«
Ungläubig blickte er Rijana an. »Das sagst du jetzt nur, um mich zu trösten«, flüsterte er.
Rijana schüttelte den Kopf, und eine Träne tropfte ihre Wange herunter. »Saliah hat es mir selbst gesagt. Es ist die Wahrheit.«
Nun stieß Rudrinn einen entsetzten Laut aus und versteckte sein Gesicht in den Händen. »Ich glaube es nicht, das kann nicht wahr sein. Das kann nicht sein. Ich bin so ein Idiot«, flüsterte er immer wieder.
Rijana nahm ihn in den Arm und streichelte ihm über den Kopf.
»Aber warum hast du es ihr denn nie gesagt?«, fragte sie irgendwann leise.
Voller Verzweiflung blickte Rudrinn sie an, und sie sah, dass sein Gesicht tränenverschmiert war. »Weil ich nur ein verfluchter, ungehobelter Pirat bin.«
Rijana verzog mitleidig das Gesicht und umarmte ihn fest. »Aber der verflucht beste Pirat, den die Meere jemals gesehen haben.«
»Jetzt ist alles zu spät«, flüsterte er. Rijana konnte darauf nichts erwidern, sondern ihn nur mit ihrer Anwesenheit trösten, sofern das überhaupt möglich war.
Nach einer Weile kam Brogan zu den beiden. »Kommt ihr auch? Die anderen sitzen am Feuer.« Als er Rijanas fragendes Gesicht sah, sagte er beruhigend: »Broderick und Tovion haben Ariac versichert, dass sie ihm glauben.«
Erleichtert seufzend stand Rijana auf und nahm Rudrinns Hand. »Komm bitte mit.«
Aber er schüttelte nur den Kopf. »Lass mich noch eine Weile allein.«
Rijana zog an seinem Arm. »Nicht jetzt, wir sind deine Freunde, und wir müssen zusammenhalten.«
Brogan stimmte ihr zu. »Komm, Rudrinn, Saliah und Falkann hätten es auch so gewollt. Wir müssen wirklich überlegen, wie wir jetzt weitermachen.«
Schließlich erhob sich Rudrinn und folgte Brogan und Rijana mit hängenden Schultern. Die anderen drei saßen mit ernsten Gesichtern am Lagerfeuer, Ariac lächelte nur leicht, als er Rijana sah. Sie setzte sich neben ihn, und er legte den Arm um sie.
»Was heute geschehen ist, ist furchtbar«, begann Brogan, er blickte alle der Reihe nach an. In den Gesichtern der fünf jungen Leute sah er grenzenlose Trauer, Unsicherheit und Verzweiflung. »Aber wir müssen trotz allem weitermachen, wir dürfen jetzt nicht aufgeben …«
»Was hat das jetzt noch für einen Sinn?«, fragte Rudrinn bitter. »Zwei von uns fehlen, wir können Scurr nicht mehr besiegen.«
»Das ist wahr, aber trotzdem …«, fuhr Brogan fort, doch plötzlich ließ ihn etwas innehalten.
Über dem Meer erschien am finsteren Nachthimmel ein merkwürdiges, warmes, gelblich-weißes Licht. Keiner konnte den Blick davon abwenden. Das Licht kam ganz langsam näher, breitete sich über den Strand aus, dann über die ersten Wiesen. Als alle mit offenem Mund hinschauten, glaubten sie, ihren Augen nicht zu trauen. Mitten in dem Licht kamen Saliah und Falkann langsam näher. Sie lächelten und wirkten unversehrt.
Selbst Brogan konnte sich das nicht erklären und schloss kurz die Augen, da er glaubte, eine Halluzination zu haben. Aber als er die Augen öffnete, waren Saliah und Falkann noch immer da.
Das Licht verschwand ganz langsam, aber die beiden blieben.
»Ihr könnte es ruhig glauben«, sagte Saliah mit ihrer sanften Stimme. »Wir sind zurück.«
Falkann nickte zustimmend. »Ich verstehe es selbst nicht, aber Thondra hat uns zurückgeschickt.«
»Thondra hat euch … zurückgeschickt?«, stammelte Rudrinn und sah aus, als würde er gleich in Ohnmacht fallen.
»Im Namen aller Götter, das ist unglaublich«, stieß Brogan hervor.
Rudrinn war der Erste, der aufsprang. Ganz nah vor Saliah blieb er stehen, musterte sie kurz und nahm sie dann vorsichtig in den Arm.
»Sie ist echt!«, rief er schließlich und wirbelte sie herum.
Saliah lachte leise auf und war sehr verwundert, als Rudrinn sie so fest in den Arm nahm, dass es ihr beinahe die Luft abdrückte.
»Saliah, ich liebe dich! Ich liebe dich schon seit einer Ewigkeit, auch wenn ich nur ein verdammter, rüpelhafter Pirat bin«, murmelte er.
Für einen Augenblick erstarrte Saliah, dann drückte sie ihn von sich fort. »Wirklich?«
Er nickte und wirkte plötzlich unsicher. Doch Saliah stieß einen leisen Schrei aus und fiel ihm um den Hals. »Und ich dachte, du willst keine Frau, die in einem Adelshaus aufgewachsen ist. Ich liebe dich nämlich auch, du verfluchter, rüpelhafter Pirat.«
Dann ließ er sie nicht mehr los.
Auf einmal redeten alle wild durcheinander. Jetzt wollten sie alles ganz genau wissen. Rijana fasste Falkann vorsichtig am Arm, so, als wäre sie noch immer nicht sicher, ob er nicht nur eine Erscheinung war.
Brogan konnte sich auf das Ganze keinen Reim machen. In seinem langen Leben als Zauberer hatte er schon viele merkwürdige, mystische, faszinierende oder unheimliche Dinge gesehen. Aber dass zwei Menschen, die eindeutig tot gewesen waren, plötzlich wieder gesund und munter vor ihm standen, das verstand auch er nicht. »Saliah, Falkann, ihr müsst uns jetzt erklären, was passiert ist.«
Sofort verstummte das aufgeregte Geplapper, und die beiden blickten den Zauberer unsicher an. Falkann räusperte sich und blickte in die gespannten Gesichter seiner Freunde.
»Wir … wir waren in einer gewaltigen, lichtdurchfluteten Halle«, begann Falkann langsam. »Ich kann mich nicht mehr an alles erinnern, es war so verwirrend.« Hilfesuchend sah er zu Saliah, aber die war sich auch nicht ganz sicher.
»Es waren, glaube ich, alle Götter anwesend, obwohl man sie nicht wirklich gesehen hat«, erklärte sie in einem verzweifelten Versuch, das Erlebte in Worte zu fassen.
»Ihr habt Thondra, Rammatoch und all die anderen gesehen?«, fragte Rudrinn ungläubig.
»Ich glaube, sie haben uns all unsere Leben aufgezeigt, all unsere Fehler und falschen Entscheidungen.« Dann lächelte Saliah. »Aber auch das, was wir richtig gemacht haben.«
Falkann schluckte und blickte die anderen schuldbewusst an. »Thondra hat uns noch eine letzte Chance gegeben, weil wir in diesem Leben den richtigen Weg eingeschlagen haben und …« Er stockte, straffte schließlich die Schultern und sagte: »Und weil ich meine Fehler erkannt habe. In den letzten Schlachten war immer ich der Verräter. Und auch dieses Mal habe ich einen unverzeihlichen Fehler gemacht. Ich weiß nicht, ob ihr mir das jemals verzeihen könnt.« Dabei blickte er vor allem Ariac an.
Der lächelte zaghaft. »Das habe ich bereits.«
Die anderen wussten jedoch nicht, wovon Falkann sprach.
»Was hast du denn getan?«, fragte Tovion verwirrt.
Falkann warf Ariac einen ungläubigen Blick zu. »Hast du es ihnen nicht erzählt?«
Der schüttelte den Kopf und sagte kaum hörbar: »Ich wollte, dass sie dich als Freund und guten Menschen in Erinnerung behalten, denn ich denke, dass du das eigentlich auch bist.«
Falkann keuchte und senkte den Blick. »Umso schlimmer ist es, dass ich dich verraten habe.« Er blickte schuldbewusst in die Runde seiner ungläubigen Freunde. »Ich habe Flanworn damals umgebracht, dann habe ich das blutige Hemd in Ariacs Zimmer versteckt«, gestand er und fuhr rasch fort, bevor ihn der Mut verließ. »Ich hatte ein furchtbar schlechtes Gewissen, habe es aber nicht aufgeklärt, weil ich wollte, dass Ariac verschwindet und ich Rijana für mich haben kann. Das soll jetzt keine Entschuldigung für meine Tat sein, aber es ist kein Tag vergangen, an dem ich das nicht bereut habe und an dem mich die Schuldgefühle nicht zerfressen haben.«
Alle blickten Falkann ungläubig an. Ausgerechnet er, ihr guter, starker und ehrenvoller Freund, der Sohn eines Königs und einer der mutigsten Kämpfer von Camasann, sollte ein Verräter sein?
»Du warst das?« Fassungslosigkeit und Entsetzen standen nicht nur in Rijanas Gesicht.
Diesen Ausdruck in den Augen seiner Freunde zu sehen, tat Falkann wohl am meisten weh. »Rijana, es tut mir leid, ich wollte nicht …«
Aber diese sprang entrüstet auf: »Das werde ich dir nie verzeihen! Weißt du eigentlich, was Scurr mit Ariac gemacht hätte?« Ihre sonst so sanften blauen Augen leuchteten in diesem Moment beinahe schwarz und schienen Feuer zu sprühen. »Du hast Scurr niemals gesehen, aber wie kannst du nur …« Sie keuchte entsetzt, dann setzte sie nach: »Ich hasse dich, und ich wünschte, du wärst nicht zurückgekommen.«
Damit rannte sie davon. Falkann sank in sich zusammen. Genau diese Reaktion von Rijana hatte er kommen sehen, und davor hatte er sich am meisten gefürchtet. Aber es war trotz allem richtig und eine Erleichterung, dass es jetzt heraus war.
»Ich habe die ganze Zeit über gemerkt, dass etwas nicht mit dir stimmt«, murmelte Broderick und blickte seinen Freund verwirrt an.
Das, was Falkann getan hatte, war wirklich furchtbar, aber Falkann war trotz allem sein Freund. Broderick wusste nicht, was er denken sollte.
Ariac stand auf. »Ich habe ihm verziehen, und Thondra hat ihm ebenfalls noch eine Chance gegeben«, sagte er ernst. »Dann solltet ihr das auch tun.«
Brogan, der das alles mit Staunen angehört hatte, erhob sich und legte Ariac einen Arm um die Schultern.
»Er hat Recht. Anfangs haben wir Ariac für einen Verräter gehalten, wir alle außer Rijana. Wie wir gerade gesehen haben, war das falsch. Nun, wo ihr die einmalige Chance habt, der Welt Hoffnung zu geben, solltet ihr zusammenhalten.«
»Rijana wird mir niemals verzeihen«, murmelte Falkann und senkte den Blick.
»Ich gehe und rede mit ihr«, versprach der Zauberer.
Die anderen setzten sich wieder ans Feuer, und Rudrinn ließ Saliah für keinen Augenblick aus den Augen. Sosehr Falkanns Geständnis ihn schockiert hatte, ihn konnte nichts mehr aus der Fassung bringen, denn er war überglücklich, Saliah an seiner Seite zu haben. An den Blicken von Broderick und Tovion hingegen konnte man sehen, dass sie nicht wussten, wie sie nun mit Falkann umgehen sollten.
Brogan brauchte einige Zeit, bis er Rijana an einen Felsen gelehnt vorfand. Als er kam, sah er, wie sie sich rasch über die Augen wischte.
»Darf ich mich setzen?«
Rijana nickte nur kurz.
»Falkann hat seine Fehler eingesehen«, begann er, aber Rijana schnaubte nur entrüstet. »Rijana, er hat doch selbst am meisten darunter gelitten«, sagte der Zauberer eindringlich.
»Ich hätte niemals so etwas von ihm gedacht.« Ihre Stimme zitterte. »Falkann hat kein bisschen Anstand und Ehre in sich. Er ist ein widerwärtiges Schwein.«
Vorsichtig legte Brogan einen Arm um sie.
»Falkann war eifersüchtig. Sicher, es war falsch, aber er hat seine Fehler eingesehen, und am Ende hat er sogar sein Leben für Ariac geopfert. Zählt das denn gar nichts?«
»Scurr hätte Ariac gefoltert und umgebracht, wenn wir beide ihn damals nicht befreit hätten.« Unglaubliche Wut und Enttäuschung zeichneten sich auf ihrem Gesicht ab.
Brogan nickte bedächtig. »Sicher, das hätte er wahrscheinlich. Aber Ariac hat Falkann verziehen.«
»Ich kann das nicht.« Tränen liefen ihre Wangen hinunter. »Falkann hat mich und die anderen so lange belogen. Ich kann ihm nicht mehr vertrauen.«
Brogan erhob sich und streichelte Rijana noch einmal über den Kopf. »Überleg es dir noch einmal. Es ist wichtig, dass ihr Sieben zusammenhaltet.«
Doch sie schnaubte nur, und der Zauberer ging langsam zum Lagerfeuer zurück.
Falkann blickte ihn erwartungsvoll und zugleich ängstlich an.
»Gib ihr ein wenig Zeit.«
Falkann sank in sich zusammen. Eigentlich hatte er nichts anderes erwartet.
Noch lange saßen sie alle am Lagerfeuer. Sie versuchten, die Ereignisse zu verarbeiten. Besonders Saliah, die mit in Thondras Hallen gewesen war, bemühte sich, für ihren Freund zu sprechen, und obwohl es Falkann sichtlich peinlich war, war er dankbar dafür, dass zumindest sie ihn nicht verachtete.
»Das, was Falkann damals in Balmacann getan hat, ist furchtbar, und es war falsch. Aber bitte, verurteilt ihn nicht für Dinge, die er in früheren Leben getan hat.« Saliah sah ihre Freunde nacheinander an. »Thondra hat mir meine vergangenen Leben aufgezeigt, Dinge, an die ich mich nicht mehr erinnern konnte und die auch jetzt bereits wieder im Begriff sind, aus meinem Gedächtnis zu verschwinden. Keiner von uns kann sagen, dass er nicht in einem früheren Leben einmal etwas Unehrenhaftes getan hat.«
»Irgendwie hat sie Recht«, murmelte Broderick, nachdem er über Saliahs Worte nachgedacht hatte.
Später bat Falkann Ariac, mit ihm zu kommen. Die beiden ungleichen jungen Männer gingen eine Weile stumm nebeneinander her.
»Es ist sehr großzügig, dass du mir verziehen hast, Ariac«, begann Falkann zögernd.
»Schließlich hast du mir das Leben gerettet«, erwiderte der Steppenkrieger.
»Erst jetzt, nachdem ich in der Halle der Götter war, weiß ich, was du bei König Scurr durchgemacht hast. Obwohl es nur noch der verblassende Schatten einer Erinnerung ist, weiß ich jetzt, dass ich in einigen meiner früheren Leben in Ursann ausgebildet wurde«, gab Falkann zögernd zu.
Wie vom Donner gerührt blieb Ariac stehen und betrachtete den etwas größeren Falkann eine ganze Weile nachdenklich. »Das tut mir unglaublich leid für dich.«
Falkann hob die Schultern. »Meine Erinnerung wird wieder verschwinden, aber du musst damit leben. Wenn ich damals nicht so unglaublich egoistisch und dumm …«
»Hör auf«, unterbrach Ariac ihn. »Du hast genug gebüßt.« Er nahm den Freund am Arm und führte ihn zurück zum Lagerfeuer.
Rudrinn wollte Saliah gar nicht mehr loslassen. »Du meine Güte, Saliah, ich wäre verrückt geworden, wenn du wirklich tot gewesen wärst«, flüsterte er, als die anderen sich bereits hingelegt hatten.
Sie lächelte ihn mit ihren strahlend blauen Augen an und streichelte ihm über die schwarzen Haare. »Wir waren schon ziemlich dumm, oder? Ständig haben wir uns gegenseitig beleidigt und verletzt, nur weil wir uns nicht getraut haben, einander einzugestehen, dass wir uns lieben.«
»Ich bin ein verflucht dämlicher Pirat«, stöhnte er.
Saliah zog ihn an der Nase zu sich herunter und gab ihm einen Kuss. »Aber ich mag verflucht dämliche Piraten, obwohl«, sie runzelte ihre Stirn, »ein paar Flüche weniger wären schon nicht schlecht.«
»Das ist doch nichts im Gegensatz zu meinem Vater«, erwiderte Rudrinn empört, doch dann sagte er grinsend: »Kapitän Norwinn, der Schrecken der Meere, wird verdammt stolz sein, so eine hübsche Schwiegertochter zu bekommen.«
Saliah hob ihre perfekt geschwungenen Augenbrauen. »Hast du verfluchter Pirat mir etwa schon einen Antrag gemacht oder bei meinem Vater um meine Hand angehalten?«
Rudrinn schüttelte den Kopf und nahm sie auf seine Arme, woraufhin Saliah leise aufschrie. »Das werde ich auf der Stelle nachholen!«, rief er lachend.
Die anderen, die noch nicht geschlafen hatten, erhoben sich wieder von ihren Decken.
Rudrinn ließ die leise lachende Saliah wieder auf den Boden und kniete sich vor sie. »Saliah von Catharga, ich liebe dich mehr als alles auf der Welt. Möchtest du den Rest deines Lebens mit mir verbringen?«
Einen Moment blickte Saliah ihn verblüfft an. Dass er tatsächlich ernst machen würde, damit hatte sie nicht gerechnet. Dann nickte sie zögernd und lachte schließlich glücklich und befreit auf, als Rudrinn sie heftig in den Arm nahm, sie küsste, dass ihr die Luft wegblieb, und sie anschließend wild im Kreis herumwirbelte.
Ihre Freunde gratulierten Saliah nach und nach. Sie freuten sich wirklich für die beiden. Nur Falkann wirkte noch immer ein wenig schuldbewusst.
Dann kramte Rudrinn in seinen Sachen herum und holte schließlich ein schmales Armband aus silbernen und goldenen, kunstvoll ineinander verschlungenen Gliedern hervor. Triumphierend hielt er es im Schein des Feuers in die Höhe.
»Ha, da ist es«, rief er und legte es der leicht errötenden Saliah um das Handgelenk. »Mein Vater hat gesagt, wenn ich eines von euch beiden Mädchen, oder ein ähnlich hübsches, herumkriege, soll ich es ihr geben.« Als Saliah empört die Luft einsog, erklärte er rasch: »Aber ich hätte ohnehin keine andere gewollt als dich.« Dann grinste er. »Das Armband hat mal einem König gehört, wenn mich nicht alles täuscht, dem König von Balmacann. Einer meiner Vorfahren hat es vor weit über hundert Jahren gestohlen.«
Saliah stieß einen empörten Schrei aus und boxte Rudrinn auf den Arm.
»Du schenkst mir ein gestohlenes Armband?«
Sein Gesicht wirkte nicht sehr schuldbewusst, und er zuckte die Achseln. »Du bist jetzt schließlich eine Piratenbraut. Außerdem hat der König es im weitesten Sinne wohl auch seinem Volk oder sonst jemandem gestohlen.«
Diese Entschuldigung überzeugte Saliah ganz offensichtlich nicht, doch Tovion legte ihr freundschaftlich einen Arm um die Schultern.
»Tja, an so etwas wirst du dich wohl gewöhnen müssen.«
Sie grummelte etwas vor sich hin, das sich stark danach anhörte, dass sie es sich noch einmal überlegen müsste, den Rest ihrer Tage mit einem Piraten zu verbringen.
Aber schließlich seufzte sie und umarmte Rudrinn wieder. »Wie heißt das bei euch Piraten gleich wieder? ›Holt euren verdammten Fusel heraus, wir sollten darauf einen heben?‹«
Rudrinn musste lachen, und Brogan ging los, um die anderen Krieger zu fragen, ob sie zufällig etwas Wein oder Schnaps bei sich hatten.
Ariac hatte sich aufgemacht, Rijana zu suchen. Sie saß noch immer an der Stelle, an der Brogan sie zurückgelassen hatte, und starrte in die Dunkelheit.
Ariac legte einen Arm um ihre Schultern und lächelte ihr zu.
»Komm, Saliah und Rudrinn haben sich gerade verlobt.«
Im ersten Augenblick wirkte Rijana überrascht. »Das freut mich für die beiden«, sagte sie ehrlich, aber dann seufzte sie. »Ich will Falkann jetzt aber nicht sehen.«
Ariac setzte sich neben sie und streichelte ihren Arm. »Jetzt komm schon, er hat doch eingesehen, dass er falsch gehandelt hat.«
»Aber das … das war einfach unglaublich. So etwas Gemeines hätte ich ihm niemals zugetraut.« In ihren Augen schwammen schon wieder Tränen. »Er war für mich immer ein Vorbild, aufrichtig, gerecht und stark, aber er ist ein verdammter Verräter.«
»Sei nicht so hart zu ihm. Wenn ich ihm verziehen habe, dann solltest du das auch. Schließlich hat er mir das Leben gerettet.«
Rijana schloss kurz die Augen, dann stand sie auf und sagte knapp: »Ich werde Saliah und Rudrinn gratulieren.«
Die beiden kehrten zum Lagerfeuer zurück. Inzwischen standen fünfzehn Krieger aus Balmacann am Feuer und schenkten den wenigen Alkohol aus, den sie bei sich hatten. Rijana beachtete Falkann mit keinem Blick, gratulierte Rudrinn und Saliah, die um die Wette strahlten, jedoch aus vollstem Herzen.
Noch bis zur Morgendämmerung wurde geredet und getrunken. Das Versteck war für den Augenblick gut. Das Feuer war nur vom Meer aus zu sehen, und Brogan hatte einigen Kriegern befohlen, aufmerksam Wache zu halten und sie notfalls zu warnen. Alle freuten sich, dass Rudrinn und Saliah nun doch noch zusammengefunden hatten.
Obwohl sich irgendwann doch alle schlafen gelegt hatten, die nicht Wache hielten, fand Tovion keine Ruhe. Er war so unglaublich froh, seine Nelja wieder bei sich zu haben, dass er die Zeit mit ihr nicht mit Schlafen vergeuden wollte.
»Komm mit«, bat er, als die ersten Vögel bereits zu zwitschern begannen.
»Tovion, ich bin todmüde«, stöhnte Nelja, doch dann ließ sie sich von ihm auf die Füße ziehen.
Vorsichtig stiegen die beiden über Rudrinn und Saliah, die engumschlungen unter einer Decke lagen und selbst im Schlaf noch glücklich lächelten.
Gemeinsam kletterten die beiden auf eine Klippe und blickten zum Meer hinaus, das in sanften Wogen ans Ufer brandete.
»Ich kann es nicht glauben, dass Thondra den beiden noch eine Chance gegeben hat«, sagte Tovion und umarmte Nelja von hinten.
Seufzend lehnte sie sich an ihn. »Ich auch nicht, aber ich bin unendlich froh, dass es so ist.«
»Hättest du das von Falkann gedacht?« Noch immer schwang Unglauben in Tovions Stimme mit.
»Nein, niemals im Leben, er erschien mir so aufrecht und mutig.«
»Er war immer der Verräter.«
Auch Nelja machte das zu schaffen. »Ja, aber trotzdem ist er in diesem Leben auch unser Freund.«
»Ja, du hast Recht.« Zärtlich streichelte Tovion ihr über die dunklen Locken. Im Augenblick wollte er nicht weiter über Falkann nachdenken. »Wie ist es euch gelungen, hierherzukommen? Mittlerweile müssen Hawionn und Greedeon doch mitbekommen haben, dass du und Brogan mit uns unter einer Decke stecken.«
»Ja, so ist es wohl.Wir denken aber, dass sie noch nichts davon wissen, dass Rittmeister Londov auf unserer Seite ist, aber sicher können wir uns nicht sein. Und um deine Frage zu beantworten«, Nelja lächelte, »wir haben uns aufgeteilt und sind in kleinen Gruppen gereist. Brogan ist ein wunderbarer Zauberer, er hat einen Schutzzauber über die Männer gelegt, die mit uns gereist sind, da wir wahrscheinlich am meisten gesucht werden und am auffälligsten sind.« Als sie fortfuhr, klang ihre Stimme etwas besorgt. »Es war sehr anstrengend für ihn, so viele Menschen und Pferde zu verschleiern. Ich wollte ihm ja helfen, aber ich beherrsche diese Art von Zauber noch nicht. Brogan hat gemeint, ich solle lieber meine Verteidigungszauber üben, falls es zu einer Schlacht kommt, damit ich euch helfen kann.«
Leise lachend drückte Tovion seiner Gefährtin einen Kuss in den Nacken. »Du warst schon immer ungeduldig und wolltest zu viel auf einmal lernen. Ich glaube, Brogan hat Recht mit dem, was er gesagt hat.«
Nelja zuckte mit den Achseln, dann ließ sie, zu Tovions grenzenlosem Erstaunen, plötzlich einen kleinen Stein unter ihren Füßen in einem gleißenden Feuerwirbel bersten. Anschließend lächelte sie stolz.
Tovion sah sie ehrfürchtig an. »Du hast viel dazugelernt.« Leicht errötend nickte sie. »Ich habe die Zeit, in der wir getrennt waren, genutzt.«
»Du bist wundervoll, Nelja.« In stummer Zweisamkeit blieben sie am Meer sitzen, bis einer der Krieger aus Camasann sie holen kam.
Trotz der Müdigkeit, die alle verspürten, mussten sie nun aufbrechen. Ihr Versteck schien nicht mehr sicher, die Wachen hatten Scurrs Blutrote Schatten entdeckt, die nicht allzu weit entfernt nach ihnen suchten.
 
Der Winter schien noch einmal zurückgekehrt zu sein. Bitterkalte Stürme fegten über das Land. Es war beschlossen worden, zunächst nach Gronsdale zu gehen, um sich dort zu verstecken, bis die vielen Soldaten, die von dem Kampf an der Meerenge Wind bekommen hatten, sich vielleicht endlich doch verzogen hätten. Es war eine beschwerliche Reise in den Norden, und die Gruppe, die nun mit den ehemaligen Kriegern aus Camasann, die überlebt hatten, achtundsiebzig Mann zählte, musste unheimlich aufpassen, nicht entdeckt zu werden. Hier versagten Brogans Kräfte, für so viele Krieger wusste auch er keinen Schutzzauber. Daher teilten sie sich ab und zu auf, um weniger aufzufallen. Zum Glück war der Boden gefroren, sodass man zumindest keine Spuren sah, aber sie wagten es trotzdem nicht, sich in der Nähe irgendwelcher Behausungen aufzuhalten.
In den nächsten Tagen herrschte eine merkwürdige Stimmung unter den Sieben. Zwar waren alle froh, Saliah und Falkann zurückzuhaben, aber besonders Rijana konnte Falkann einfach nicht verzeihen, was diesen sehr traurig machte. Sosehr er sich bemühte, er kam einfach nicht an sie heran.
Natürlich fiel es auch den anderen schwer, Falkanns feige Tat zu verstehen. Er war der Verräter gewesen, der für ihr Scheitern in ihren vorherigen Schlachten verantwortlich war, was ihn nun in einem ganz anderen Licht erscheinen ließ.
Besonders Brogan redete ihnen jedoch ins Gewissen, dass Falkann in seinen früheren Leben häufig unter Scurrs direktem Einfluss gestanden hatte und dass es nun eine ganz andere Situation war. Pure Eifersucht hatte Falkann zu seiner Tat getrieben. Brogan kannte ihn, seitdem er mit sechs Jahren nach Camasann gekommen war, und wusste, dass in ihm ein guter Kern steckte.
Häufig spürte Falkann, wie seine Freunde hinter seinem Rücken tuschelten, und das verletzte ihn. Nachdem aber selbst Ariac, der tief in seinem Inneren Falkanns Beweggründe ein Stück weit nachvollziehen konnte, die Vergangenheit auf sich beruhen ließ, gelang es den anderen nach und nach, wieder normal mit Falkann umzugehen.
Dadurch, dass er bereit gewesen war, sein Leben für Ariac zu opfern, hatte er seine Tat gesühnt, und selbst Thondra hatte ihm verziehen – nur Rijana nicht.