KAPITEL 9
Verrat und Eifersucht
Als der Morgen graute, hörte man die Tritte vieler Hufe, und alle sprangen mit gezogenen Waffen auf. Doch es waren nur Rudrinn, Ariac und die anderen, die sich in raschem Galopp näherten.
»Geht’s ihm wieder besser?«, fragte Rudrinn und deutete auf den Elfen, der ruhig schlief.
Brogan versicherte dies, doch bevor er etwas sagen konnte, fragte Saliah: »Wo ist denn Falkann?«
Nun erklärte Brogan, was passiert war. Sie waren schockiert. Ariac ging vorsichtig auf Rijana zu, die mit blassem Gesicht an einem Baum lehnte. Er wusste nicht, was er sagen oder tun sollte, aber sie nahm ihm die Entscheidung ab und umarmte ihn heftig schluchzend.
Kurz zögerte Ariac, dann nahm er sie in den Arm und streichelte ihr tröstend über die Haare. Er kam sich vor wie ein Verräter, aber es war einfach zu schön, Rijana wieder in den Arm nehmen zu dürfen.
»Ich wollte das nicht«, flüsterte sie irgendwann und hob den Kopf. »Ich habe mir so oft gewünscht, ich hätte ihn nicht geheiratet. Aber ich wollte nicht, dass so etwas passiert.«
Ariac nickte und drückte ihren Kopf zurück an seine Schulter. »Ich weiß. Aber es war nicht deine Schuld.«
»Vielleicht finden sie ihn ja doch noch?«
»Vielleicht.« Aber Ariac glaubte nicht wirklich daran, dann hielt er sie lange fest. Langsam lichtete sich der Nebel, sodass die Gefährten sich überlegen mussten, was sie tun sollten. Tja’ris würde noch nicht reiten können, aber hierbleiben wollten sie auch nicht.
Mitten in dieser heftigen Diskussion erstarrte Tovion plötzlich. Er wurde bleich im Gesicht, schnappte nach Luft und deutete in Richtung der Felsen. Zunächst wussten die anderen nicht, was mit ihm los war, aber dann sahen sie, wie Bocan und auf dessen Schulter gestützt Falkann langsam angehumpelt kamen. Sie waren beide mit Staub und Dreck überschüttet und zerkratzt, aber sie lebten.
Falkann erstarrte, als er Rijana und Ariac sah, die Arm in Arm am Boden saßen. Da hob Ariac den Blick und rüttelte Rijana an der Schulter.
Die konnte es zunächst gar nicht fassen. Dann sprang sie auf, zum einen voller Freude, aber auch voller Schuldgefühle.
»Falkann, du lebst?«
Er zog die Augenbrauen zusammen und erwiderte mit Blick auf Ariac: »Wie es aussieht, wäre es wohl besser gewesen, ich würde es nicht tun.«
»Was sagst du denn da?« Rijana war entsetzt. Sie wollte seine Hand nehmen, aber er schnaubte nur und humpelte zum nächsten Baum.
Broderick machte sich auf, Rolcan und Breor zu holen, die noch immer unermüdlich in den Gängen gruben.
Nelja untersuchte Falkanns Bein, denn er konnte nicht richtig auftreten.
»Gebrochen ist nichts, wahrscheinlich nur verstaucht.«
Falkann nickte und lehnte den Kopf an den Baumstamm. Rijana setzte sich unentschlossen neben ihn, aber er wandte sich ab, als sie ihn umarmen wollte. Er war unendlich enttäuscht und wütend. Das Letzte, was er erwartet hatte, war, sie hier mit Ariac vorzufinden.
Natürlich wollten alle wissen, wie die beiden den Einsturz überlebt hatten.
»Wir sind nach unten in eine Höhle gefallen«, erklärte Bocan und wischte sich über das staubige Gesicht, was den Dreck allerdings nur noch mehr verteilte. »Ich habe es etwas besser erwischt und war nicht verschüttet. Also habe ich euren Freund hier ausgegraben«, er deutete grinsend auf Falkann, »anschließend mussten wir eine Menge Steine und Felsen zur Seite räumen, aber zum Glück gab es weiter unten noch einen Ausgang.«
»Meine Güte, Falkann, jetzt bist du schon das zweite Mal von den Toten zurückgekehrt.« Broderick schlug ihm auf die Schulter, während die Zwerge, die mit ihm ins Freie gekommen waren, ihren Freund stürmisch umarmten.
Falkann grinste halbherzig und erhob sich schwerfällig. »Gibt es hier irgendwo Wasser? Ich sollte mich waschen.«
Elli’vin deutete nach rechts. »Nicht weit von hier liegt ein kleiner Teich.«
»Freut mich, dass es ihm besser geht.« Falkann deutete auf Tja’ris. Dann humpelte er langsam davon.
Unentschlossen blickte Rijana ihm hinterher, und Saliah versuchte, sie zu trösten.
Nach einer Weile stand Ariac auf und verschwand, ohne den anderen etwas zu sagen. Falkann war gerade mit nassen Haaren und frischen Kleidern auf dem Rückweg.
Als er Ariac sah, runzelte er missbilligend die Stirn. »Was willst du?«
»Du darfst das nicht falsch verstehen.« Ariac rang nach Worten. »Ich wollte sie nur trösten …«
»Natürlich!« Falkanns Stimme triefte vor Hohn. »Du hättest wahrscheinlich keinen Tag verschwendet, um sie wiederzubekommen, wenn ich wirklich tot gewesen wäre.« Er wandte sich ab und wollte weitergehen.
»Falkann, hör auf! Rijana war sehr traurig, als sie …«, begann Ariac und wollte ihn festhalten, doch Falkann fuhr herum und schlug ihn zu Boden.
»Sie ist meine Frau, vergiss das nicht!«, schrie er mit wütendem Blick und eilte zurück zum Lagerplatz.
Ariac rappelte sich wieder auf und folgte ihm langsam. Seine Lippe war aufgeplatzt und blutete.
Rijana erschrak, als sie ihn sah.
»Was hast du getan?«, fragte sie Falkann, der gerade seine nassen Kleider zum Trocknen aufhängte.
»Hätte er mir eine reingehauen, wäre es wohl weniger schlimm gewesen.«
Wütend riss Rijana ihn am Arm herum, als er sich abwenden wollte.
»Was soll das? Ich war verzweifelt, als du in diesem Steinschlag verschwunden bist! Glaubst du wirklich, ich hätte nichts Besseres zu tun gehabt, als mir gleich den nächsten Mann zu suchen? Für was hältst du mich denn?« Ihre Augen sprühten Funken, ihre Hände hatte sie in die Hüften gestemmt.
»Ich habe doch gemerkt, wie du ihn die ganze Zeit ansiehst«, schrie Falkann zurück.
»Für mich ist das auch nicht so einfach«, erwiderte Rijana und senkte den Blick.
Falkann wollte noch etwas sagen, dann machte er eine ungeduldige Handbewegung und stürmte davon.
Brogan, der das Ganze aus der Ferne beobachtet hatte, seufzte.
»Das war wohl schon lange fällig«, meinte Broderick und verzog das Gesicht.
Der Zauberer nickte und wollte zu Rijana gehen, aber die wandte sich ab und lief in eine andere Richtung, sie wollte jetzt allein sein. Auch Ariac sah reichlich betreten aus. Die Zwerge hingegen waren einfach nur überglücklich, dass sie ihren Freund wieder bei sich hatten.
»Was tun wir denn jetzt?«, fragte Brogan zu allen noch Anwesenden gewandt. Rijana und Falkann blieben verschwunden.
»Ihr müsst nach Tirman’oc gehen, Thalien wartet dort auf euch«, sagte Elli’vin.
»Aber wir sollten noch ein wenig warten, bis Tja’ris wieder reiten kann«, warf Nelja ein.
Doch Tja’ris schüttelte den Kopf. »Nein, nehmt auf mich keine Rücksicht. Es ist zu gefährlich, wenn ihr alle hier so nah am Schloss von Balmacann seid.«
Bevor jemand etwas einwenden konnte, fügte Elli’vin hinzu: »Er hat Recht. Wir beide bleiben hier. Uns wird im Schutz des Waldes kein Mensch finden. Bali’an kann euch führen.«
Elli’vins kleiner Bruder riss seine Augen weit auf und schluckte. »Ich … ich soll sie nach Tirman’oc führen? Wirklich?« Er sprang in die Luft und führte einen Freudentanz auf.
Elli’vin runzelte ihre Stirn. »Du wirst die ganze Sache ernst nehmen, sonst kannst du was erleben!«
»Natürlich, natürlich werde ich das ernst nehmen«, rief er und rannte los, wobei er immer wieder kleine Freudensprünge machte. »Ich darf sie anführen!«
Mit leisem Lachen sah Brogan ihm nach, während Elli’vin den Kopf schüttelte. »Er ist wirklich noch ein Kind. Ich hoffe, das war kein Fehler.«
Doch der Zauberer beruhigte sie. »Wir kennen den Weg nach Tirman’oc, und dein kleiner Bruder wird schon alles richtig machen.« Dann blickte er besorgt auf die beiden Elfen, die sich glücklich anlächelten. »Aber seid ihr sicher, dass ihr nicht noch jemanden braucht, der euch im Notfall verteidigt?«
»Wir könnten das tun«, brummte Breor.
Aber Elli’vin lehnte lächelnd ab. »Nein danke, es ist sehr nett von euch. Aber allein sind wir sicherer. Der Wald wird uns schützen.«
Der Zwerg zuckte die Achseln und brummelte: »Nun gut, dann werden wir wieder ins Gebirge zurückgehen. Wir wünschen euch viel Glück.«
Die Zwerge erhoben sich und beschlossen, noch an diesem Tag aufzubrechen. Zum Abschied sagte Bocan, nachdem sich alle noch einmal bei den Zwergen bedankt hatten: »Solltet ihr jemals wieder Hilfe brauchen, ob nun gegen Scurr oder sonst wen, dann schickt einen Boten ins Donnergebirge. Dort haben sich alle noch lebenden Zwerge gesammelt.«
»Vielen Dank, vielleicht werden wir sehr bald auf dein Angebot zurückkommen müssen.« Brogan verbeugte sich vor den Zwergen, die anschließend durch den Wald davonstapften.
Die anderen blieben noch eine Nacht bei den beiden Elfen, dann verabschiedeten sie sich. Rijana und Falkann gingen sehr abweisend und distanziert miteinander um und redeten kaum.
»Passt gut auf euch auf«, sagte Brogan zum Abschied zu den beiden Elfen. »Ich würde mich freuen, euch eines Tages gesund und munter wiederzusehen.«
Elli’vin und Tja’ris lächelten. »Natürlich. Wir kommen, so bald es geht, nach Tirman’oc, und falls ihr dann nicht mehr dort seid, sehen wir uns bestimmt irgendwann wieder.«
Alle winkten den Elfen noch einmal zu, als sie davonritten, angeführt von dem aufgeregten Bali’an, der auf seinem Pferd kaum stillsitzen konnte.
Rijana ritt mit gesenktem Blick, sie konnte weder Ariac noch Falkann in die Augen sehen. Saliah und Rudrinn waren dagegen so glücklich, sich wiederzuhaben, dass sie die anderen sogar ein wenig mit ihrer guten Laune ansteckten.
Langsam, und nicht zuletzt dank Rudrinns Hilfe, schien Saliah den Schrecken, den Scurr in ihr hinterlassen hatte, ein wenig überwinden zu können. Auch Brogan versuchte sie zu beruhigen und versicherte ihr, dass sie nichts Wichtiges verraten konnte, weil sie die neuesten Pläne gar nicht gekannt hatte.
Rudrinn feierte Tovion als großen Helden, denn nur dank seines Wissens hatten sie ins Schloss eindringen können. Der ruhige junge Mann winkte jedoch bescheiden ab, für ihn war Tja’ris der eigentlich Held, denn der hätte beinahe sein Leben für sie geopfert.
»Du sollst nicht immer so bescheiden sein«, schimpfte Nelja ihn irgendwann liebevoll und fuhr ihm durch die halblangen dunklen Haare. »Wie du siehst, ist dein Wissen genauso wichtig wie Ariacs außergewöhnliches Talent mit dem Schwert.«
 
Am Abend sonderte sich Falkann mal wieder von seinen Freunden ab. Er wollte mit niemandem sprechen.
Stumm und voller Hass stand er etwas abseits. Erst vorhin hatte er wieder gesehen, wie sich Rijanas und Ariacs Blicke getroffen hatten. Noch niemals hatte er diesen unglaublich zärtlichen und sehnsüchtigen Ausdruck in Rijanas Augen gesehen, wenn es um ihn ging. Mit der Faust zerdrückte er einen dicken Erdbrocken. Die Eifersucht übermannte ihn, sodass einige böse Gedanken sich in seinen Geist schleichen konnten.
Ich bin in der Nähe des Schlosses. Ich könnte den Wachen sagen, wo Ariac ist. Rasch schüttelte er den Kopf, um diesen Gedanken wieder loszuwerden.
Ich könnte Ariac fortlocken, dann geschieht den anderen nichts. Wenn er fort ist, habe ich Rijana wieder ganz für mich allein.
Obwohl sich Falkann wehrte, kam ihm dies immer und immer wieder in den Sinn. Auch während seiner Nachtwache ließ ihn die Eifersucht nicht los. Vor seinem inneren Auge sah er immer wieder, wie Ariac Rijana im Arm hielt, und das machte ihn ganz verrückt. Schließlich warf er all seine moralischen Vorsätze über den Haufen. Er redete sich sogar ein, das wäre gar kein Verrat, er beschütze ja nur seine Frau. Leise verschwand Falkann zwischen den Bäumen. Wenn er sich beeilte, war er bis zur Wachablösung vom Schloss zurück.
 
Im Schloss von Balmacann herrschte große Aufregung, seitdem Saliah verschwunden war. Die Blutroten Schatten hatten die Umgebung des Schlosses abgesucht und nichts gefunden. König Scurr war außer sich.
»Wie konntet Ihr so dumm sein, den Geheimgang nicht entsprechend bewachen zu lassen?«, schrie König Scurr, als er von Saliahs Flucht hörte.
»Ich habe die Geheimgänge bewachen lassen«, rechtfertigte sich König Greedeon, wurde jedoch immer kleiner in seinem Stuhl.
»Tja, erst dieser Ariac und nun Saliah«, meinte Hyldor zynisch und säuberte sich die Fingernägel mit seinem Dolch. »Eure Soldaten sind wirklich außergewöhnlich fähige Männer!«
»Ihr hättet es sicher besser gemacht, nicht wahr?«, zischte Scurr und kam drohend näher.
Hyldor schluckte und begann, etwas vor sich hin zu stammeln.
»Und warum habt Ihr dann Euren Bruder, seine Freunde und Euren Vater einfach entkommen lassen?«, fuhr Scurr mit eiskalter Stimme fort.
Hyldor klammerte sich an seiner Stuhllehne fest, ihm brach der Schweiß aus. Blitzschnell zog Scurr sein Schwert und rammte es Hyldor in den Körper. Greedeon sprang von seinem Stuhl auf, zu entsetzt, um etwas zu sagen.
Betont langsam drehte sich Scurr um. »Ihr könnt den Norden haben.«
Fassungslos starrte König Greedeon auf Hyldor, der, noch immer König Scurrs Schwert im Leib, gurgelnde Laute ausstieß.
»Aber was will ich denn mit dem Norden?«, stammelte Greedeon.
»Ihr könnt dort herrschen. Ich werde Balmacann besitzen.«
König Greedeon hielt inne. Er wollte schon widersprechen, aber dann blickte er auf Hyldor.
»Aber mein Herr, Ihr wolltet doch den Norden, wenn ich mich recht erinnere«, begann er vorsichtig.
Scurr durchbohrte ihn mit Blicken. »Ich wollte schon immer über Balmacann herrschen. Und was soll ich mit dem Norden? Dort ist doch alles zerstört.« Sein irres Lachen hallte durch die hohen Hallen, und nicht nur König Greedeon stellte sich Gänsehaut auf.
So, als ob sich Scurr gerade erst daran erinnerte, dass er Hyldor an seiner Klinge aufgespießt hatte, blickte er auf sein Opfer.
Hyldor begannen die Sinne zu schwinden, und er stieß unzusammenhängende Laute aus.
»Er ist zwar ein Narr, aber ich bin heute gnädig.« Scurr riss seine Klinge aus Hyldors Körper. Sofort begann sich Blut auf dem Boden auszubreiten, doch Scurr zischte einen Zauberspruch.
»Vielleicht wird er überleben.« Damit rauschte der unheimliche Mann aus dem Thronsaal.
Eine ganze Weile starrte König Greedeon auf Hyldors leblosen Körper und fragte sich schaudernd, wann er wohl an der Reihe war.
 
Es war sehr gefährlich, durch Balmacann zu reisen, denn überall waren Wachen aufgestellt worden.
Brogan und die anderen mussten aufpassen, nicht entdeckt zu werden. Bali’ans scharfe Sinne bewahrten sie nicht nur einmal davor, entdeckt zu werden.
Noch immer schwelte der Streit zwischen Ariac und Falkann, und nicht nur Brogan machte sich Sorgen darum, dass die Gemeinschaft der Sieben daran zerbrechen könnte.
Verzweifelt versuchte Rijana, Ariac aus dem Weg zu gehen, aber immer wieder wurde ihr Blick von seinem angezogen, so als wäre Magie im Spiel. Ein paar Mal hatte sie versucht, mit Falkann zu sprechen, aber der war ihr immer ausgewichen.
An diesem Tag verhielt sich Falkann noch seltsamer als sonst. Er war unkonzentriert, ging wegen jeder Kleinigkeit in die Luft und wirkte nervös.
Broderick gegenüber behauptete er, er hätte schlecht geschlafen.
»Es ist wegen Rijana und Ariac, nicht wahr?«, fragte Broderick, als sie gegen Mittag Rast machten und etwas Brot und harten Käse aßen.
»Blödsinn, was soll denn mit ihnen sein?« Wütend biss Falkann in sein Brot. Er erstarrte, als Ariac zu Rijana trat, die Lenya absattelte. Wie es aussah, berührte er ihre Hand.
Wie gestochen fuhr Falkann auf und war mit wenigen Schritten bei den beiden. Gleich stieß er den überraschten Steppenkrieger zurück und begann, auf ihn einzuschlagen.
»Falkann!«, schrie Rijana entsetzt.
»Was tun sie?« Bali’ans Augen waren erstaunt, und er blickte mit einer Mischung aus Verwirrung und Fassungslosigkeit auf die beiden Männer, die sich im Dreck wälzten und gegenseitig anschrien.
»Sie verhalten sich wie verdammte Idioten!« Brogan ging dazwischen und funkelte die beiden an. »Sollen uns alle Blutroten Schatten des Landes hören? Falkann und Ariac, ich hätte euch für vernünftiger gehalten!«
»Er ist vollkommen ohne Grund auf mich losgegangen.« Mit einer zornigen Geste wischte sich Ariac etwas Blut vom Mund.
»Er hat meine Frau angefasst!«, schrie Falkann außer sich.
Nun ergriff Brogan ihn energisch an den Schultern. Zwar war der Zauberer etwas kleiner und deutlich älter, doch er hatte nichts von seinem ehrfurchtgebietenden Wesen eingebüßt, das er schon besessen hatte, als Falkann noch ein kleiner Junge gewesen war. »Falkann von Catharga, halt den Mund, sonst werden wir alle getötet.« Jetzt wandte er sich auch an Ariac. »Wenn ihr eure Streitereien austragen wollt – dann bitte.« Brogans Augen blitzten. »Aber haltet euch fern von uns!«
Ariac und Falkann standen sich wutschnaubend gegenüber.
»Gut, dann gehen wir eben.«
Als Rijana erschrocken etwas einwenden wollte, hob Brogan die Hand. »Haut euch meinetwegen die Nasen blutig. Vielleicht ist das sogar notwendig, damit endlich Ruhe einkehrt. Aber in Thondras Namen, schreit nicht herum, wenn euch eure Freunde und die letzten freien Menschen aller Länder irgendetwas wert sind. Und lasst eure Waffen hier!«
Widerstrebend schnallten Falkann und Ariac ihre Schwertgurte ab und legten sie auf den Boden. Ariac holte ein Messer aus seinem Stiefel und nickte dann grimmig.
»Brogan, meinst du wirklich, dass das eine gute Idee ist?«, fragte Saliah skeptisch.
Auch Rijana war nicht überzeugt. Schließlich wusste sie, dass Falkann voller unbändiger Wut war, und sie kannte Ariac, wenn er sich im Kampf vergaß. Sie fürchtete um alle beide.
»Ariac hat mir doch nur geholfen, den verklemmten Sattelgurt zu lösen«, schluchzte sie.
»Es ist besser, sie klären das jetzt, als sich ständig in den Haaren zu liegen.« Mit wütenden Schritten stapfte der Zauberer zum Lagerplatz. »Manchmal habe ich den Eindruck, ich bin mit einem Haufen Kinder unterwegs, nicht mit den größten Kriegern aller Zeiten!«
»Da soll mal einer sagen, Piraten wären unzivilisiert!«, versuchte Rudrinn, die gedrückte Stimmung aufzuheitern.
Aber diesmal ging niemand auf seine Späße ein. Sie machten sich zu große Sorgen um den Zusammenhalt der Sieben.
 
Mit angespannten Gesichtern waren Ariac und Falkann eine ganze Weile stumm nebeneinander hergestapft. Jeder brütete düster vor sich hin und mied den Blick des anderen.
Irgendwann waren sie in einer von Büschen umgebenen Senke angekommen. Soldaten schienen keine in der Nähe zu sein.
»Ist das genügend Abstand?«, blaffte Falkann und starrte Ariac herausfordernd an.
Dessen Zorn war inzwischen ein wenig verraucht, auch wenn er noch immer nicht wusste, was genau der Auslöser für Falkanns Wutausbruch gewesen war.
»Und jetzt sollen wir uns wie kleine Jungen prügeln? Was soll das bitte bringen?«
»Du willst mir meine Frau wegnehmen!« Im letzten Augenblick gelang es Falkann, sich an Brogans Worte zu erinnern und nicht zu schreien, dennoch bebte seine Stimme.
»Ich habe nichts getan …«
Drohend kam der größere und breiter gebaute Falkann auf den Steppenkrieger zu. »Ich merke doch, wie du sie ansiehst, wie ihr euch immer wieder heimlich berührt, ihr …«
»Sie hat dich erwählt, verdammt!« Auch Ariac senkte rasch seine Stimme. »Es lässt sich nicht vermeiden, dass ich sie gelegentlich ansehe oder versehentlich berühre.«
»Versehentlich!« Falkann schubste Ariac zurück. »Du lässt doch keine Gelegenheit aus …«
Bevor er weitersprechen konnte, brachen plötzlich Männer in roten Umhängen durch das Gebüsch.
»Da ist er ja, der Steppenkrieger!«, schrie einer, und sie galoppierten auf Falkann und Ariac zu.
 
Mit wachsender Sorge stand Rijana bei ihrer Stute und versuchte, sich damit abzulenken, das Pferd zu striegeln. Aber immer wieder wanderte ihr Blick in die Richtung, in der Ariac und Falkann verschwunden waren.
Bali’an trat zu ihr mit einem fröhlichen Lächeln auf seinem schmalen Elfengesicht.
»Du bist traurig«, stellte er erschrocken fest.
Sie zuckte nur mit den Schultern und bürstete weiterhin Lenyas braunes Fell.
»Bist du traurig, weil sich Falkann und Ariac geprügelt haben?«, fragte er unschuldig. »Ihnen ist doch nichts passiert. Ich weiß nur nicht, wieso Brogan sie fortgeschickt hat.«
Dem jungen Elfen war vieles nicht klar, was Ariac und Rijana betraf, und seine Schwester Elli’vin hatte ihn eindringlich davor gewarnt, sich in die Angelegenheiten der beiden einzumischen.
»Sie streiten wegen mir«, sagte Rijana leise und traurig.
»Aber wieso?« Tröstend streichelte er ihr über die Wange.
»Weil sie mich beide lieben.«
»Oh!« Der junge Elf dachte darüber nach. »Und du?«
Unschlüssig hob sie die Schultern. »Ich liebe sie beide – jeden auf unterschiedliche Art.«
»Aber Ariac und du, ihr seid doch athéas
»Wir sind was?«
Bali’an suchte kurz nach dem richtigen Wort in der Menschensprache. Als er es hatte, strahlte er. »Verbundene Seelen! Ihr gehört zusammen!«
Voller Unglauben sah Rijana ihn an. »Wo … woher weißt du das?«, stammelte sie.
Unbekümmert hob Bali’an die schmalen Schultern. »Man spürt es. Ich habe es schon bemerkt, als ihr das erste Mal bei uns im Land der tausend Flüsse wart. Es ist so wie bei Tja’ris und Elli’vin, die sind auch athéas
Als Rijana in Tränen ausbrach, war der junge Elf vollkommen durcheinander. In dem Versuch, sie zu trösten, nahm er sie in den Arm.
So ein Mist, dachte er, jetzt habe ich sie noch trauriger gemacht. Ich hätte auf Elli’vin hören sollen. Sein Blick fiel auf Lenya, und er seufzte. Mit Pferden war es einfacher, da konnte man offensichtlich weniger falsch machen als bei Menschen.
Während Ariac sich hektisch nach einer Fluchtmöglichkeit oder etwas umsah, das man als Waffe benutzen konnte, war Falkann starr vor Schreck.
»Das wollte ich nicht. Verdammt, Ariac, ich …«
»Halt den Mund, wir sollten versuchen, einen von ihnen vom Pferd zu werfen.« Schon war Ariac auf einen der Männer zugestürmt, der mit dem Schwert nach ihm schlug. Da es, wie man an den längeren Haaren sah, keine der Blutroten Schatten waren, hoffte Ariac, sie überwältigen zu können.
Aber es waren Krieger aus Camasann, und die waren ebenfalls gut ausgebildet, wenn auch in der Regel nicht so gnadenlos wie Scurrs Männer.
Es waren nur drei Krieger, wahrscheinlich eine kleine Patrouille, aber sie setzten den Unbewaffneten hart zu.
Falkann wurde von einer Klinge gestreift. Zum Glück trug er sein Kettenhemd, aber trotzdem streckte der Schlag ihn zu Boden. Im letzten Augenblick stieß Ariac ihn zur Seite, bevor er von einem der Pferde niedergetrampelt werden konnte. Dann sprang der Steppenkrieger, Falkann konnte es kaum fassen, geschickt von hinten auf das Pferd des Gegners und schlug auf den Mann im roten Umhang ein. Er schaffte es, diesem seinen Dolch zu entwenden.
»Fang, Falkann!« Dieser duckte sich gerade unter dem Schlag des zweiten Gegners. Es gelang ihm, den Dolch zu ergreifen und diesen sogleich in den Fuß seines Widersachers zu stechen. Dieser brüllte auf und riss sein Pferd herum. Falkann nutzte die Gelegenheit und schnitt die Zügel durch. Für einen Augenblick war sein Gegner verdutzt – einen Augenblick zu lang, sodass Falkann den Mann aus dem Sattel ziehen und ihm seinen Dolch in die Kehle rammen konnte.
Auch Ariac hatte seinen Gegner bereits besiegt und rutschte in dessen Sattel.
»Ich schnappe ihn mir, warn du die anderen.« Bevor Falkann etwas einwenden konnte, war Ariac schon auf und davon galoppiert, dem letzten Krieger hinterher, der wahrscheinlich Alarm schlagen wollte.
Eilig griff sich Falkann das Schwert seines toten Widersachers und rannte zum Lager seiner Freunde zurück.
Nicht nur Rijana wurde kreidebleich, als Falkann, abgekämpft, mit Blut bespritzt und atemlos ankam.
»Verdammt noch mal, was hat das …«, setzte Brogan an, doch Falkann bedeutete ihm zu schweigen.
»Wachen aus Camasann, sie haben uns entdeckt.« Er rang nach Luft. »Ariac verfolgt den Letzten.«
Ohne zu zögern, schnappte sich Rijana ihr Schwert und sprang auf Lenyas ungesattelten Rücken.
»Warte, Rijana, wir sollten …«, rief Tovion ihr hinterher, doch sie war schon fort.
Eifersucht brannte sich glühend in Falkanns Herz, doch dann riss er sich zusammen. Wie seine Freunde sattelte er in fliegender Hast sein Pferd und ritt Rijana hinterher.
Zwar war Rijana durchaus bewusst, dass sie damit Falkanns Eifersucht nur schürte, doch sie konnte Ariac nicht allein lassen. Sie trieb Lenya zu einem rasenden Galopp an, fand den Kampfplatz, wo die beiden toten Männer lagen, und hastete weiter. In der Ferne glaubte sie, das Geklirr von Schwertern zu vernehmen. Sie sprang mit Lenya über einen kleinen Bach, galoppierte eine Anhöhe hinauf und parierte die Stute dann hart durch. Ariac kam den Berg hinaufgelaufen. Er hielt den Kopf gesenkt, und von seiner Hand tropfte Blut.
»Ist alles in Ordnung?« Rijana sprang vom Pferd und nahm seine Hand in ihre.
»Das ist nichts.« Rasch machte er sich von ihr los und warf einen nervösen Blick hinter sie. »Ich habe den Mann getötet und seine Leiche versteckt, der verrät nicht mehr, wo wir sind. Wir müssen die anderen Leichen ebenfalls aus dem Weg schaffen, komm jetzt.« Schon eilte Ariac weiter in die Richtung, aus der Rijana gekommen war.
Rijana senkte den Blick. Sie war so froh, dass er nicht ernsthaft verletzt war, und hätte nichts lieber getan, als ihn zu umarmen; aber sie wusste, dass Falkann gleich hier sein würde, und wenn er sie zusammen sah, würde das alles noch viel schlimmer machen.
Also führte sie Lenya am Zügel hinter Ariac her und blickte auf seinen Rücken.
Ariac und du, ihr seid doch athéas, hallten Bali’ans Worte in ihr wider.
Es dauerte nicht lange, bis die anderen sie eingeholt hatten. »Thondra sei Dank!«, rief Brogan aus.
Alle waren froh, dass Ariac nichts geschehen war, nur Falkann zog weiterhin eine düstere Miene.
Rudrinn ritt grinsend neben ihn, nachdem Tovion und Broderick versprochen hatten, die Leichen der Wachen verschwinden zu lassen.
»Meine Güte, Falkann, als du so blutbesudelt ins Lager gekommen bist, dachte ich einen Augenblick lang wirklich …«
»Was?«, blaffte Falkann ihn an. »Dass ich ihn umgebracht hätte?« Seine Augen funkelten gefährlich. »Einmal Verräter, immer Verräter, oder was denkst du von mir, Pirat?«
»Ähm, so habe ich das doch nicht gemeint.« Rudrinn war verwirrt, doch bevor er noch etwas hinzufügen konnte, war Falkann auch schon davongaloppiert.
»Verdammt, was ist denn mit dem los?«, murmelte Rudrinn kopfschüttelnd.
 
Niemand konnte mehr zu Falkann vordringen. Er wehrte jede nett gemeinte Geste ab, reagierte nicht auf Rijanas Beteuerungen oder auf Brogans Zurechtweisungen. Seine Miene war verschlossen und auch ein wenig schuldbewusst, was allerdings nur Bali’an bemerkte. Doch der fand das Verhalten der Menschen, obwohl er sie mochte, so befremdlich, dass ihn auch das nicht mehr wunderte.
Irgendwann hatte Saliah genug. Sie richtete es so ein, dass sie gemeinsam mit Falkann Wache halten konnte. Sie kannte ihn wohl mit am besten, denn die beiden waren lange Jahre ein Paar gewesen, hatten sich jedoch irgendwann in Freundschaft getrennt.
Wie meist in den letzten Tagen stand Falkann stumm abseits des Lagers und starrte düster über das weite Land.
»Falkann, wie geht es dir?«, fragte sie sanft und stellte sich neben ihn.
»Wunderbar, was denkst du denn?«, erwiderte er zynisch. Seufzend legte Saliah ihre schlanke Hand auf seinen Arm. »Das ist alles nicht ganz einfach für euch.«
Zunächst wollte Falkann sich, so wie die ganze Zeit schon, unwirsch abwenden, doch dann sah er Saliah an.
»Für ihn lässt sie ihre Freunde im Stich. Sie holt ihn aus dem Kerker von Scurrs Schloss. Rijana sucht tagelang nach ihm, obwohl es vollkommen aussichtslos ist, dass er noch lebt«, brach es plötzlich aus Falkann heraus, und seine Augen funkelten zornig. »Und wenn ich verschüttet bin …« Er hob die Hände zum Himmel. »Kein Problem, es war ja nur Falkann, der Nächste wartet schon.«
»Das ist überhaupt nicht wahr!«, versuchte Saliah ihre Freundin zu verteidigen.
»Ach, hör doch auf, du weißt so gut wie ich, dass es den beiden hervorragend in den Kram gepasst hätte, wenn ich tot gewesen wäre.« Wütend stieß er mit dem Fuß gegen einen Stein.
»Nein, Rijana wäre sehr traurig gewesen, und ob du es glaubst oder nicht, ich denke, Ariac auch«, entgegnete Saliah ruhig und leise. Erst als sie weitersprach, drehte er sich zu ihr um. »Rijana hat sehr wohl nach dir gesucht. Als du verschüttet warst, hat sie mit bloßen Händen nach dir gegraben, und als die Zwerge meinten, es hätte keinen Sinn weiterzusuchen, wollte sie es auf eigene Faust tun.«
»Wirklich?« Auf Falkanns Gesicht zeichnete sich ein Lächeln ab. Plötzlich hatte er ein schlechtes Gewissen, vor allem Ariac gegenüber.
»Ariac wollte sie wirklich nur trösten. Sicher ist zwischen den beiden …«
Mehr wollte er jedoch nicht hören. Er umarmte Saliah und drückte ihr einen freundschaftlichen Kuss auf die Wange. »Danke, Saliah, du bist ein Schatz!«
 
Als Falkann mit seiner Wache fertig war, ging er zu Rijana, die bereits in ihre Decke gehüllt war. Er fasste sie vorsichtig an der Schulter, und sie zuckte zusammen.
»Kommst du mit?«, fragte er.
Da sie ohnehin nicht hatte schlafen können, erhob sie sich. Eigentlich war es Hochsommer, aber in den letzten Tagen war es sehr kalt geworden. Außerdem hatte die Erde immer wieder gebebt. Sie zog sich den Elfenumhang über die Schultern und folgte Falkann zu einer kleinen Lichtung.
»Es tut mir leid«, begannen sie plötzlich beide gleichzeitig und mussten anschließend lachen.
Falkann nahm Rijanas Hand und blickte ihr tief in die Augen. »Ich wollte dich nicht anschreien, aber weißt du, ich bin gerade noch mal mit dem Leben davongekommen, und dann sehe ich dich in Ariacs Armen …« Er zuckte die Achseln, und Rijana seufzte.
»Es tut mir wirklich leid, aber das hast du vollkommen missverstanden«, erwiderte sie. »Er wollte mich nur trösten, weil ich so verzweifelt war.«
Vorsichtig legte Falkann einen Arm um sie und zog sie an sich. »Ich glaube dir, aber warum hat gerade er dich trösten müssen?«
Nach Worten ringend sah sie zu Falkann auf. »Ich habe dich geheiratet, und dazu stehe ich. Du bedeutest mir sehr viel.«
»Aber er auch«, erwiderte Falkann leise und mit verzweifelter Miene.
Rijana widersprach nicht und senkte den Blick. »Aber das hast du gewusst. Ich … ich weiß auch nicht, ich kann nichts dagegen tun …«
Falkann legte ihr einen Finger auf die Lippen und gab ihr einen Kuss.
»Lass uns damit aufhören«, sagte er und begann, sie vorsichtig mit Küssen zu bedecken.
Rijana schloss die Augen und versuchte, an gar nichts mehr zu denken, was ihr allerdings nur für kurze Zeit gelang.