KAPITEL 9
Verrat und
Eifersucht
Als der Morgen graute,
hörte man die Tritte vieler Hufe, und alle sprangen mit gezogenen
Waffen auf. Doch es waren nur Rudrinn, Ariac und die anderen, die
sich in raschem Galopp näherten.
»Geht’s ihm wieder besser?«, fragte Rudrinn und
deutete auf den Elfen, der ruhig schlief.
Brogan versicherte dies, doch bevor er etwas sagen
konnte, fragte Saliah: »Wo ist denn Falkann?«
Nun erklärte Brogan, was passiert war. Sie waren
schockiert. Ariac ging vorsichtig auf Rijana zu, die mit blassem
Gesicht an einem Baum lehnte. Er wusste nicht, was er sagen oder
tun sollte, aber sie nahm ihm die Entscheidung ab und umarmte ihn
heftig schluchzend.
Kurz zögerte Ariac, dann nahm er sie in den Arm und
streichelte ihr tröstend über die Haare. Er kam sich vor wie ein
Verräter, aber es war einfach zu schön, Rijana wieder in den Arm
nehmen zu dürfen.
»Ich wollte das nicht«, flüsterte sie irgendwann
und hob den Kopf. »Ich habe mir so oft gewünscht, ich hätte ihn
nicht geheiratet. Aber ich wollte nicht, dass so etwas
passiert.«
Ariac nickte und drückte ihren Kopf zurück an seine
Schulter. »Ich weiß. Aber es war nicht deine Schuld.«
»Vielleicht finden sie ihn ja doch noch?«
»Vielleicht.« Aber Ariac glaubte nicht wirklich
daran, dann hielt er sie lange fest. Langsam lichtete sich der
Nebel, sodass
die Gefährten sich überlegen mussten, was sie tun sollten. Tja’ris
würde noch nicht reiten können, aber hierbleiben wollten sie auch
nicht.
Mitten in dieser heftigen Diskussion erstarrte
Tovion plötzlich. Er wurde bleich im Gesicht, schnappte nach Luft
und deutete in Richtung der Felsen. Zunächst wussten die anderen
nicht, was mit ihm los war, aber dann sahen sie, wie Bocan und auf
dessen Schulter gestützt Falkann langsam angehumpelt kamen. Sie
waren beide mit Staub und Dreck überschüttet und zerkratzt, aber
sie lebten.
Falkann erstarrte, als er Rijana und Ariac sah, die
Arm in Arm am Boden saßen. Da hob Ariac den Blick und rüttelte
Rijana an der Schulter.
Die konnte es zunächst gar nicht fassen. Dann
sprang sie auf, zum einen voller Freude, aber auch voller
Schuldgefühle.
»Falkann, du lebst?«
Er zog die Augenbrauen zusammen und erwiderte mit
Blick auf Ariac: »Wie es aussieht, wäre es wohl besser gewesen, ich
würde es nicht tun.«
»Was sagst du denn da?« Rijana war entsetzt. Sie
wollte seine Hand nehmen, aber er schnaubte nur und humpelte zum
nächsten Baum.
Broderick machte sich auf, Rolcan und Breor zu
holen, die noch immer unermüdlich in den Gängen gruben.
Nelja untersuchte Falkanns Bein, denn er konnte
nicht richtig auftreten.
»Gebrochen ist nichts, wahrscheinlich nur
verstaucht.«
Falkann nickte und lehnte den Kopf an den
Baumstamm. Rijana setzte sich unentschlossen neben ihn, aber er
wandte sich ab, als sie ihn umarmen wollte. Er war unendlich
enttäuscht und wütend. Das Letzte, was er erwartet hatte, war, sie
hier mit Ariac vorzufinden.
Natürlich wollten alle wissen, wie die beiden den
Einsturz überlebt hatten.
»Wir sind nach unten in eine Höhle gefallen«,
erklärte Bocan und wischte sich über das staubige Gesicht, was den
Dreck allerdings nur noch mehr verteilte. »Ich habe es etwas besser
erwischt und war nicht verschüttet. Also habe ich euren Freund hier
ausgegraben«, er deutete grinsend auf Falkann, »anschließend
mussten wir eine Menge Steine und Felsen zur Seite räumen, aber zum
Glück gab es weiter unten noch einen Ausgang.«
»Meine Güte, Falkann, jetzt bist du schon das
zweite Mal von den Toten zurückgekehrt.« Broderick schlug ihm auf
die Schulter, während die Zwerge, die mit ihm ins Freie gekommen
waren, ihren Freund stürmisch umarmten.
Falkann grinste halbherzig und erhob sich
schwerfällig. »Gibt es hier irgendwo Wasser? Ich sollte mich
waschen.«
Elli’vin deutete nach rechts. »Nicht weit von hier
liegt ein kleiner Teich.«
»Freut mich, dass es ihm besser geht.« Falkann
deutete auf Tja’ris. Dann humpelte er langsam davon.
Unentschlossen blickte Rijana ihm hinterher, und
Saliah versuchte, sie zu trösten.
Nach einer Weile stand Ariac auf und verschwand,
ohne den anderen etwas zu sagen. Falkann war gerade mit nassen
Haaren und frischen Kleidern auf dem Rückweg.
Als er Ariac sah, runzelte er missbilligend die
Stirn. »Was willst du?«
»Du darfst das nicht falsch verstehen.« Ariac rang
nach Worten. »Ich wollte sie nur trösten …«
»Natürlich!« Falkanns Stimme triefte vor Hohn. »Du
hättest wahrscheinlich keinen Tag verschwendet, um sie
wiederzubekommen, wenn ich wirklich tot gewesen wäre.« Er wandte
sich ab und wollte weitergehen.
»Falkann, hör auf! Rijana war sehr traurig, als sie
…«, begann Ariac und wollte ihn festhalten, doch Falkann fuhr herum
und schlug ihn zu Boden.
»Sie ist meine Frau, vergiss das nicht!«, schrie er
mit wütendem Blick und eilte zurück zum Lagerplatz.
Ariac rappelte sich wieder auf und folgte ihm
langsam. Seine Lippe war aufgeplatzt und blutete.
Rijana erschrak, als sie ihn sah.
»Was hast du getan?«, fragte sie Falkann, der
gerade seine nassen Kleider zum Trocknen aufhängte.
»Hätte er mir eine reingehauen, wäre es wohl
weniger schlimm gewesen.«
Wütend riss Rijana ihn am Arm herum, als er sich
abwenden wollte.
»Was soll das? Ich war verzweifelt, als du in
diesem Steinschlag verschwunden bist! Glaubst du wirklich, ich
hätte nichts Besseres zu tun gehabt, als mir gleich den nächsten
Mann zu suchen? Für was hältst du mich denn?« Ihre Augen sprühten
Funken, ihre Hände hatte sie in die Hüften gestemmt.
»Ich habe doch gemerkt, wie du ihn die ganze Zeit
ansiehst«, schrie Falkann zurück.
»Für mich ist das auch nicht so einfach«, erwiderte
Rijana und senkte den Blick.
Falkann wollte noch etwas sagen, dann machte er
eine ungeduldige Handbewegung und stürmte davon.
Brogan, der das Ganze aus der Ferne beobachtet
hatte, seufzte.
»Das war wohl schon lange fällig«, meinte Broderick
und verzog das Gesicht.
Der Zauberer nickte und wollte zu Rijana gehen,
aber die wandte sich ab und lief in eine andere Richtung, sie
wollte jetzt allein sein. Auch Ariac sah reichlich betreten aus.
Die Zwerge hingegen waren einfach nur überglücklich, dass sie ihren
Freund wieder bei sich hatten.
»Was tun wir denn jetzt?«, fragte Brogan zu allen
noch Anwesenden gewandt. Rijana und Falkann blieben
verschwunden.
»Ihr müsst nach Tirman’oc gehen, Thalien wartet
dort auf euch«, sagte Elli’vin.
»Aber wir sollten noch ein wenig warten, bis
Tja’ris wieder reiten kann«, warf Nelja ein.
Doch Tja’ris schüttelte den Kopf. »Nein, nehmt auf
mich keine Rücksicht. Es ist zu gefährlich, wenn ihr alle hier so
nah am Schloss von Balmacann seid.«
Bevor jemand etwas einwenden konnte, fügte Elli’vin
hinzu: »Er hat Recht. Wir beide bleiben hier. Uns wird im Schutz
des Waldes kein Mensch finden. Bali’an kann euch führen.«
Elli’vins kleiner Bruder riss seine Augen weit auf
und schluckte. »Ich … ich soll sie nach Tirman’oc führen?
Wirklich?« Er sprang in die Luft und führte einen Freudentanz
auf.
Elli’vin runzelte ihre Stirn. »Du wirst die ganze
Sache ernst nehmen, sonst kannst du was erleben!«
»Natürlich, natürlich werde ich das ernst nehmen«,
rief er und rannte los, wobei er immer wieder kleine Freudensprünge
machte. »Ich darf sie anführen!«
Mit leisem Lachen sah Brogan ihm nach, während
Elli’vin den Kopf schüttelte. »Er ist wirklich noch ein Kind. Ich
hoffe, das war kein Fehler.«
Doch der Zauberer beruhigte sie. »Wir kennen den
Weg nach Tirman’oc, und dein kleiner Bruder wird schon alles
richtig machen.« Dann blickte er besorgt auf die beiden Elfen, die
sich glücklich anlächelten. »Aber seid ihr sicher, dass ihr nicht
noch jemanden braucht, der euch im Notfall verteidigt?«
»Wir könnten das tun«, brummte Breor.
Aber Elli’vin lehnte lächelnd ab. »Nein danke, es
ist sehr nett von euch. Aber allein sind wir sicherer. Der Wald
wird uns schützen.«
Der Zwerg zuckte die Achseln und brummelte: »Nun
gut, dann werden wir wieder ins Gebirge zurückgehen. Wir wünschen
euch viel Glück.«
Die Zwerge erhoben sich und beschlossen, noch an
diesem Tag aufzubrechen. Zum Abschied sagte Bocan, nachdem sich
alle noch einmal bei den Zwergen bedankt hatten: »Solltet ihr
jemals wieder Hilfe brauchen, ob nun gegen Scurr oder sonst wen,
dann schickt einen Boten ins Donnergebirge. Dort haben sich alle
noch lebenden Zwerge gesammelt.«
»Vielen Dank, vielleicht werden wir sehr bald auf
dein Angebot zurückkommen müssen.« Brogan verbeugte sich vor den
Zwergen, die anschließend durch den Wald davonstapften.
Die anderen blieben noch eine Nacht bei den beiden
Elfen, dann verabschiedeten sie sich. Rijana und Falkann gingen
sehr abweisend und distanziert miteinander um und redeten
kaum.
»Passt gut auf euch auf«, sagte Brogan zum Abschied
zu den beiden Elfen. »Ich würde mich freuen, euch eines Tages
gesund und munter wiederzusehen.«
Elli’vin und Tja’ris lächelten. »Natürlich. Wir
kommen, so bald es geht, nach Tirman’oc, und falls ihr dann nicht
mehr dort seid, sehen wir uns bestimmt irgendwann wieder.«
Alle winkten den Elfen noch einmal zu, als sie
davonritten, angeführt von dem aufgeregten Bali’an, der auf seinem
Pferd kaum stillsitzen konnte.
Rijana ritt mit gesenktem Blick, sie konnte weder
Ariac noch Falkann in die Augen sehen. Saliah und Rudrinn waren
dagegen so glücklich, sich wiederzuhaben, dass sie die anderen
sogar ein wenig mit ihrer guten Laune ansteckten.
Langsam, und nicht zuletzt dank Rudrinns Hilfe,
schien Saliah den Schrecken, den Scurr in ihr hinterlassen hatte,
ein wenig überwinden zu können. Auch Brogan versuchte sie zu
beruhigen und versicherte ihr, dass sie nichts Wichtiges verraten
konnte, weil sie die neuesten Pläne gar nicht gekannt hatte.
Rudrinn feierte Tovion als großen Helden, denn nur
dank seines Wissens hatten sie ins Schloss eindringen können. Der
ruhige junge Mann winkte jedoch bescheiden ab, für ihn war
Tja’ris der eigentlich Held, denn der hätte beinahe sein Leben für
sie geopfert.
»Du sollst nicht immer so bescheiden sein«,
schimpfte Nelja ihn irgendwann liebevoll und fuhr ihm durch die
halblangen dunklen Haare. »Wie du siehst, ist dein Wissen genauso
wichtig wie Ariacs außergewöhnliches Talent mit dem Schwert.«
Am Abend sonderte sich Falkann mal wieder von
seinen Freunden ab. Er wollte mit niemandem sprechen.
Stumm und voller Hass stand er etwas abseits. Erst
vorhin hatte er wieder gesehen, wie sich Rijanas und Ariacs Blicke
getroffen hatten. Noch niemals hatte er diesen unglaublich
zärtlichen und sehnsüchtigen Ausdruck in Rijanas Augen gesehen,
wenn es um ihn ging. Mit der Faust zerdrückte er einen dicken
Erdbrocken. Die Eifersucht übermannte ihn, sodass einige böse
Gedanken sich in seinen Geist schleichen konnten.
Ich bin in der Nähe des
Schlosses. Ich könnte den Wachen sagen, wo Ariac ist. Rasch
schüttelte er den Kopf, um diesen Gedanken wieder
loszuwerden.
Ich könnte Ariac fortlocken,
dann geschieht den anderen nichts. Wenn er fort ist, habe ich
Rijana wieder ganz für mich allein.
Obwohl sich Falkann wehrte, kam ihm dies immer und
immer wieder in den Sinn. Auch während seiner Nachtwache ließ ihn
die Eifersucht nicht los. Vor seinem inneren Auge sah er immer
wieder, wie Ariac Rijana im Arm hielt, und das machte ihn ganz
verrückt. Schließlich warf er all seine moralischen Vorsätze über
den Haufen. Er redete sich sogar ein, das wäre gar kein Verrat, er
beschütze ja nur seine Frau. Leise verschwand Falkann zwischen den
Bäumen. Wenn er sich beeilte, war er bis zur Wachablösung vom
Schloss zurück.
Im Schloss von Balmacann herrschte große
Aufregung, seitdem Saliah verschwunden war. Die Blutroten Schatten
hatten
die Umgebung des Schlosses abgesucht und nichts gefunden. König
Scurr war außer sich.
»Wie konntet Ihr so dumm sein, den Geheimgang nicht
entsprechend bewachen zu lassen?«, schrie König Scurr, als er von
Saliahs Flucht hörte.
»Ich habe die Geheimgänge bewachen lassen«,
rechtfertigte sich König Greedeon, wurde jedoch immer kleiner in
seinem Stuhl.
»Tja, erst dieser Ariac und nun Saliah«, meinte
Hyldor zynisch und säuberte sich die Fingernägel mit seinem Dolch.
»Eure Soldaten sind wirklich außergewöhnlich fähige Männer!«
»Ihr hättet es sicher besser gemacht, nicht wahr?«,
zischte Scurr und kam drohend näher.
Hyldor schluckte und begann, etwas vor sich hin zu
stammeln.
»Und warum habt Ihr dann Euren Bruder, seine
Freunde und Euren Vater einfach entkommen lassen?«, fuhr Scurr mit
eiskalter Stimme fort.
Hyldor klammerte sich an seiner Stuhllehne fest,
ihm brach der Schweiß aus. Blitzschnell zog Scurr sein Schwert und
rammte es Hyldor in den Körper. Greedeon sprang von seinem Stuhl
auf, zu entsetzt, um etwas zu sagen.
Betont langsam drehte sich Scurr um. »Ihr könnt den
Norden haben.«
Fassungslos starrte König Greedeon auf Hyldor, der,
noch immer König Scurrs Schwert im Leib, gurgelnde Laute
ausstieß.
»Aber was will ich denn mit dem Norden?«, stammelte
Greedeon.
»Ihr könnt dort herrschen. Ich werde Balmacann
besitzen.«
König Greedeon hielt inne. Er wollte schon
widersprechen, aber dann blickte er auf Hyldor.
»Aber mein Herr, Ihr wolltet doch den Norden, wenn
ich mich recht erinnere«, begann er vorsichtig.
Scurr durchbohrte ihn mit Blicken. »Ich wollte
schon immer über Balmacann herrschen. Und was soll ich mit dem
Norden? Dort ist doch alles zerstört.« Sein irres Lachen hallte
durch die hohen Hallen, und nicht nur König Greedeon stellte sich
Gänsehaut auf.
So, als ob sich Scurr gerade erst daran erinnerte,
dass er Hyldor an seiner Klinge aufgespießt hatte, blickte er auf
sein Opfer.
Hyldor begannen die Sinne zu schwinden, und er
stieß unzusammenhängende Laute aus.
»Er ist zwar ein Narr, aber ich bin heute gnädig.«
Scurr riss seine Klinge aus Hyldors Körper. Sofort begann sich Blut
auf dem Boden auszubreiten, doch Scurr zischte einen
Zauberspruch.
»Vielleicht wird er überleben.« Damit rauschte der
unheimliche Mann aus dem Thronsaal.
Eine ganze Weile starrte König Greedeon auf Hyldors
leblosen Körper und fragte sich schaudernd, wann er wohl an der
Reihe war.
Es war sehr gefährlich, durch Balmacann zu
reisen, denn überall waren Wachen aufgestellt worden.
Brogan und die anderen mussten aufpassen, nicht
entdeckt zu werden. Bali’ans scharfe Sinne bewahrten sie nicht nur
einmal davor, entdeckt zu werden.
Noch immer schwelte der Streit zwischen Ariac und
Falkann, und nicht nur Brogan machte sich Sorgen darum, dass die
Gemeinschaft der Sieben daran zerbrechen könnte.
Verzweifelt versuchte Rijana, Ariac aus dem Weg zu
gehen, aber immer wieder wurde ihr Blick von seinem angezogen, so
als wäre Magie im Spiel. Ein paar Mal hatte sie versucht, mit
Falkann zu sprechen, aber der war ihr immer ausgewichen.
An diesem Tag verhielt sich Falkann noch seltsamer
als sonst. Er war unkonzentriert, ging wegen jeder Kleinigkeit in
die Luft und wirkte nervös.
Broderick gegenüber behauptete er, er hätte
schlecht geschlafen.
»Es ist wegen Rijana und Ariac, nicht wahr?«,
fragte Broderick, als sie gegen Mittag Rast machten und etwas Brot
und harten Käse aßen.
»Blödsinn, was soll denn mit ihnen sein?« Wütend
biss Falkann in sein Brot. Er erstarrte, als Ariac zu Rijana trat,
die Lenya absattelte. Wie es aussah, berührte er ihre Hand.
Wie gestochen fuhr Falkann auf und war mit wenigen
Schritten bei den beiden. Gleich stieß er den überraschten
Steppenkrieger zurück und begann, auf ihn einzuschlagen.
»Falkann!«, schrie Rijana entsetzt.
»Was tun sie?« Bali’ans Augen waren erstaunt, und
er blickte mit einer Mischung aus Verwirrung und Fassungslosigkeit
auf die beiden Männer, die sich im Dreck wälzten und gegenseitig
anschrien.
»Sie verhalten sich wie verdammte Idioten!« Brogan
ging dazwischen und funkelte die beiden an. »Sollen uns alle
Blutroten Schatten des Landes hören? Falkann und Ariac, ich hätte
euch für vernünftiger gehalten!«
»Er ist vollkommen ohne Grund auf mich
losgegangen.« Mit einer zornigen Geste wischte sich Ariac etwas
Blut vom Mund.
»Er hat meine Frau angefasst!«, schrie Falkann
außer sich.
Nun ergriff Brogan ihn energisch an den Schultern.
Zwar war der Zauberer etwas kleiner und deutlich älter, doch er
hatte nichts von seinem ehrfurchtgebietenden Wesen eingebüßt, das
er schon besessen hatte, als Falkann noch ein kleiner Junge gewesen
war. »Falkann von Catharga, halt den Mund, sonst werden wir alle
getötet.« Jetzt wandte er sich auch an Ariac. »Wenn ihr eure
Streitereien austragen wollt – dann
bitte.« Brogans Augen blitzten. »Aber haltet euch fern von
uns!«
Ariac und Falkann standen sich wutschnaubend
gegenüber.
»Gut, dann gehen wir eben.«
Als Rijana erschrocken etwas einwenden wollte, hob
Brogan die Hand. »Haut euch meinetwegen die Nasen blutig.
Vielleicht ist das sogar notwendig, damit endlich Ruhe einkehrt.
Aber in Thondras Namen, schreit nicht herum, wenn euch eure Freunde
und die letzten freien Menschen aller Länder irgendetwas wert sind.
Und lasst eure Waffen hier!«
Widerstrebend schnallten Falkann und Ariac ihre
Schwertgurte ab und legten sie auf den Boden. Ariac holte ein
Messer aus seinem Stiefel und nickte dann grimmig.
»Brogan, meinst du wirklich, dass das eine gute
Idee ist?«, fragte Saliah skeptisch.
Auch Rijana war nicht überzeugt. Schließlich wusste
sie, dass Falkann voller unbändiger Wut war, und sie kannte Ariac,
wenn er sich im Kampf vergaß. Sie fürchtete um alle beide.
»Ariac hat mir doch nur geholfen, den verklemmten
Sattelgurt zu lösen«, schluchzte sie.
»Es ist besser, sie klären das jetzt, als sich
ständig in den Haaren zu liegen.« Mit wütenden Schritten stapfte
der Zauberer zum Lagerplatz. »Manchmal habe ich den Eindruck, ich
bin mit einem Haufen Kinder unterwegs, nicht mit den größten
Kriegern aller Zeiten!«
»Da soll mal einer sagen, Piraten wären
unzivilisiert!«, versuchte Rudrinn, die gedrückte Stimmung
aufzuheitern.
Aber diesmal ging niemand auf seine Späße ein. Sie
machten sich zu große Sorgen um den Zusammenhalt der Sieben.
Mit angespannten Gesichtern waren Ariac und
Falkann eine ganze Weile stumm nebeneinander hergestapft. Jeder
brütete düster vor sich hin und mied den Blick des anderen.
Irgendwann waren sie in einer von Büschen umgebenen
Senke angekommen. Soldaten schienen keine in der Nähe zu
sein.
»Ist das genügend Abstand?«, blaffte Falkann und
starrte Ariac herausfordernd an.
Dessen Zorn war inzwischen ein wenig verraucht,
auch wenn er noch immer nicht wusste, was genau der Auslöser für
Falkanns Wutausbruch gewesen war.
»Und jetzt sollen wir uns wie kleine Jungen
prügeln? Was soll das bitte bringen?«
»Du willst mir meine Frau wegnehmen!« Im letzten
Augenblick gelang es Falkann, sich an Brogans Worte zu erinnern und
nicht zu schreien, dennoch bebte seine Stimme.
»Ich habe nichts getan …«
Drohend kam der größere und breiter gebaute Falkann
auf den Steppenkrieger zu. »Ich merke doch, wie du sie ansiehst,
wie ihr euch immer wieder heimlich berührt, ihr …«
»Sie hat dich erwählt, verdammt!« Auch Ariac senkte
rasch seine Stimme. »Es lässt sich nicht vermeiden, dass ich sie
gelegentlich ansehe oder versehentlich berühre.«
»Versehentlich!« Falkann schubste Ariac zurück. »Du
lässt doch keine Gelegenheit aus …«
Bevor er weitersprechen konnte, brachen plötzlich
Männer in roten Umhängen durch das Gebüsch.
»Da ist er ja, der Steppenkrieger!«, schrie einer,
und sie galoppierten auf Falkann und Ariac zu.
Mit wachsender Sorge stand Rijana bei ihrer Stute
und versuchte, sich damit abzulenken, das Pferd zu striegeln. Aber
immer wieder wanderte ihr Blick in die Richtung, in der Ariac und
Falkann verschwunden waren.
Bali’an trat zu ihr mit einem fröhlichen Lächeln
auf seinem schmalen Elfengesicht.
»Du bist traurig«, stellte er erschrocken
fest.
Sie zuckte nur mit den Schultern und bürstete
weiterhin Lenyas braunes Fell.
»Bist du traurig, weil sich Falkann und Ariac
geprügelt haben?«, fragte er unschuldig. »Ihnen ist doch nichts
passiert. Ich weiß nur nicht, wieso Brogan sie fortgeschickt
hat.«
Dem jungen Elfen war vieles nicht klar, was Ariac
und Rijana betraf, und seine Schwester Elli’vin hatte ihn
eindringlich davor gewarnt, sich in die Angelegenheiten der beiden
einzumischen.
»Sie streiten wegen mir«, sagte Rijana leise und
traurig.
»Aber wieso?« Tröstend streichelte er ihr über die
Wange.
»Weil sie mich beide lieben.«
»Oh!« Der junge Elf dachte darüber nach. »Und
du?«
Unschlüssig hob sie die Schultern. »Ich liebe sie
beide – jeden auf unterschiedliche Art.«
»Aber Ariac und du, ihr seid doch athéas.«
»Wir sind was?«
Bali’an suchte kurz nach dem richtigen Wort in der
Menschensprache. Als er es hatte, strahlte er. »Verbundene Seelen!
Ihr gehört zusammen!«
Voller Unglauben sah Rijana ihn an. »Wo … woher
weißt du das?«, stammelte sie.
Unbekümmert hob Bali’an die schmalen Schultern.
»Man spürt es. Ich habe es schon bemerkt, als ihr das erste Mal bei
uns im Land der tausend Flüsse wart. Es ist so wie bei Tja’ris und
Elli’vin, die sind auch athéas!«
Als Rijana in Tränen ausbrach, war der junge Elf
vollkommen durcheinander. In dem Versuch, sie zu trösten, nahm er
sie in den Arm.
So ein Mist, dachte er,
jetzt habe ich sie noch trauriger gemacht. Ich
hätte auf Elli’vin hören sollen. Sein Blick fiel auf Lenya, und
er seufzte. Mit Pferden war es einfacher, da konnte man
offensichtlich weniger falsch machen als bei Menschen.
Während Ariac sich hektisch nach einer
Fluchtmöglichkeit oder etwas umsah, das man als Waffe benutzen
konnte, war Falkann starr vor Schreck.
»Das wollte ich nicht. Verdammt, Ariac, ich
…«
»Halt den Mund, wir sollten versuchen, einen von
ihnen vom Pferd zu werfen.« Schon war Ariac auf einen der Männer
zugestürmt, der mit dem Schwert nach ihm schlug. Da es, wie man an
den längeren Haaren sah, keine der Blutroten Schatten waren, hoffte
Ariac, sie überwältigen zu können.
Aber es waren Krieger aus Camasann, und die waren
ebenfalls gut ausgebildet, wenn auch in der Regel nicht so
gnadenlos wie Scurrs Männer.
Es waren nur drei Krieger, wahrscheinlich eine
kleine Patrouille, aber sie setzten den Unbewaffneten hart
zu.
Falkann wurde von einer Klinge gestreift. Zum Glück
trug er sein Kettenhemd, aber trotzdem streckte der Schlag ihn zu
Boden. Im letzten Augenblick stieß Ariac ihn zur Seite, bevor er
von einem der Pferde niedergetrampelt werden konnte. Dann sprang
der Steppenkrieger, Falkann konnte es kaum fassen, geschickt von
hinten auf das Pferd des Gegners und schlug auf den Mann im roten
Umhang ein. Er schaffte es, diesem seinen Dolch zu entwenden.
»Fang, Falkann!« Dieser duckte sich gerade unter
dem Schlag des zweiten Gegners. Es gelang ihm, den Dolch zu
ergreifen und diesen sogleich in den Fuß seines Widersachers zu
stechen. Dieser brüllte auf und riss sein Pferd herum. Falkann
nutzte die Gelegenheit und schnitt die Zügel durch. Für einen
Augenblick war sein Gegner verdutzt – einen Augenblick zu lang,
sodass Falkann den Mann aus dem Sattel ziehen und ihm seinen Dolch
in die Kehle rammen konnte.
Auch Ariac hatte seinen Gegner bereits besiegt und
rutschte in dessen Sattel.
»Ich schnappe ihn mir, warn du die anderen.« Bevor
Falkann etwas einwenden konnte, war Ariac schon auf und davon
galoppiert, dem letzten Krieger hinterher, der wahrscheinlich
Alarm schlagen wollte.
Eilig griff sich Falkann das Schwert seines toten
Widersachers und rannte zum Lager seiner Freunde zurück.
Nicht nur Rijana wurde kreidebleich, als Falkann,
abgekämpft, mit Blut bespritzt und atemlos ankam.
»Verdammt noch mal, was hat das …«, setzte Brogan
an, doch Falkann bedeutete ihm zu schweigen.
»Wachen aus Camasann, sie haben uns entdeckt.« Er
rang nach Luft. »Ariac verfolgt den Letzten.«
Ohne zu zögern, schnappte sich Rijana ihr Schwert
und sprang auf Lenyas ungesattelten Rücken.
»Warte, Rijana, wir sollten …«, rief Tovion ihr
hinterher, doch sie war schon fort.
Eifersucht brannte sich glühend in Falkanns Herz,
doch dann riss er sich zusammen. Wie seine Freunde sattelte er in
fliegender Hast sein Pferd und ritt Rijana hinterher.
Zwar war Rijana durchaus bewusst, dass sie damit
Falkanns Eifersucht nur schürte, doch sie konnte Ariac nicht allein
lassen. Sie trieb Lenya zu einem rasenden Galopp an, fand den
Kampfplatz, wo die beiden toten Männer lagen, und hastete weiter.
In der Ferne glaubte sie, das Geklirr von Schwertern zu vernehmen.
Sie sprang mit Lenya über einen kleinen Bach, galoppierte eine
Anhöhe hinauf und parierte die Stute dann hart durch. Ariac kam den
Berg hinaufgelaufen. Er hielt den Kopf gesenkt, und von seiner Hand
tropfte Blut.
»Ist alles in Ordnung?« Rijana sprang vom Pferd und
nahm seine Hand in ihre.
»Das ist nichts.« Rasch machte er sich von ihr los
und warf einen nervösen Blick hinter sie. »Ich habe den Mann
getötet und seine Leiche versteckt, der verrät nicht mehr, wo wir
sind. Wir müssen die anderen Leichen ebenfalls aus dem Weg
schaffen, komm jetzt.« Schon eilte Ariac weiter in die Richtung,
aus der Rijana gekommen war.
Rijana senkte den Blick. Sie war so froh, dass er
nicht ernsthaft verletzt war, und hätte nichts lieber getan, als
ihn zu umarmen; aber sie wusste, dass Falkann gleich hier sein
würde, und wenn er sie zusammen sah, würde das alles noch viel
schlimmer machen.
Also führte sie Lenya am Zügel hinter Ariac her und
blickte auf seinen Rücken.
Ariac und du, ihr seid doch
athéas, hallten Bali’ans Worte in ihr wider.
Es dauerte nicht lange, bis die anderen sie
eingeholt hatten. »Thondra sei Dank!«, rief Brogan aus.
Alle waren froh, dass Ariac nichts geschehen war,
nur Falkann zog weiterhin eine düstere Miene.
Rudrinn ritt grinsend neben ihn, nachdem Tovion und
Broderick versprochen hatten, die Leichen der Wachen verschwinden
zu lassen.
»Meine Güte, Falkann, als du so blutbesudelt ins
Lager gekommen bist, dachte ich einen Augenblick lang wirklich
…«
»Was?«, blaffte Falkann ihn an. »Dass ich ihn
umgebracht hätte?« Seine Augen funkelten gefährlich. »Einmal
Verräter, immer Verräter, oder was denkst du von mir, Pirat?«
»Ähm, so habe ich das doch nicht gemeint.« Rudrinn
war verwirrt, doch bevor er noch etwas hinzufügen konnte, war
Falkann auch schon davongaloppiert.
»Verdammt, was ist denn mit dem los?«, murmelte
Rudrinn kopfschüttelnd.
Niemand konnte mehr zu Falkann vordringen. Er
wehrte jede nett gemeinte Geste ab, reagierte nicht auf Rijanas
Beteuerungen oder auf Brogans Zurechtweisungen. Seine Miene war
verschlossen und auch ein wenig schuldbewusst, was allerdings nur
Bali’an bemerkte. Doch der fand das Verhalten der Menschen, obwohl
er sie mochte, so befremdlich, dass ihn auch das nicht mehr
wunderte.
Irgendwann hatte Saliah genug. Sie richtete es so
ein, dass sie gemeinsam mit Falkann Wache halten konnte. Sie kannte
ihn wohl mit am besten, denn die beiden waren lange Jahre ein Paar
gewesen, hatten sich jedoch irgendwann in Freundschaft
getrennt.
Wie meist in den letzten Tagen stand Falkann stumm
abseits des Lagers und starrte düster über das weite Land.
»Falkann, wie geht es dir?«, fragte sie sanft und
stellte sich neben ihn.
»Wunderbar, was denkst du denn?«, erwiderte er
zynisch. Seufzend legte Saliah ihre schlanke Hand auf seinen Arm.
»Das ist alles nicht ganz einfach für euch.«
Zunächst wollte Falkann sich, so wie die ganze Zeit
schon, unwirsch abwenden, doch dann sah er Saliah an.
»Für ihn lässt sie ihre Freunde im Stich. Sie holt
ihn aus dem Kerker von Scurrs Schloss. Rijana sucht tagelang nach
ihm, obwohl es vollkommen aussichtslos ist, dass er noch lebt«,
brach es plötzlich aus Falkann heraus, und seine Augen funkelten
zornig. »Und wenn ich verschüttet bin …« Er hob die Hände zum
Himmel. »Kein Problem, es war ja nur Falkann, der Nächste wartet
schon.«
»Das ist überhaupt nicht wahr!«, versuchte Saliah
ihre Freundin zu verteidigen.
»Ach, hör doch auf, du weißt so gut wie ich, dass
es den beiden hervorragend in den Kram gepasst hätte, wenn ich tot
gewesen wäre.« Wütend stieß er mit dem Fuß gegen einen Stein.
»Nein, Rijana wäre sehr traurig gewesen, und ob du
es glaubst oder nicht, ich denke, Ariac auch«, entgegnete Saliah
ruhig und leise. Erst als sie weitersprach, drehte er sich zu ihr
um. »Rijana hat sehr wohl nach dir gesucht. Als du verschüttet
warst, hat sie mit bloßen Händen nach dir gegraben, und als die
Zwerge meinten, es hätte keinen Sinn weiterzusuchen, wollte sie es
auf eigene Faust tun.«
»Wirklich?« Auf Falkanns Gesicht zeichnete sich ein
Lächeln ab. Plötzlich hatte er ein schlechtes Gewissen, vor allem
Ariac gegenüber.
»Ariac wollte sie wirklich nur trösten. Sicher ist
zwischen den beiden …«
Mehr wollte er jedoch nicht hören. Er umarmte
Saliah und drückte ihr einen freundschaftlichen Kuss auf die Wange.
»Danke, Saliah, du bist ein Schatz!«
Als Falkann mit seiner Wache fertig war, ging er
zu Rijana, die bereits in ihre Decke gehüllt war. Er fasste sie
vorsichtig an der Schulter, und sie zuckte zusammen.
»Kommst du mit?«, fragte er.
Da sie ohnehin nicht hatte schlafen können, erhob
sie sich. Eigentlich war es Hochsommer, aber in den letzten Tagen
war es sehr kalt geworden. Außerdem hatte die Erde immer wieder
gebebt. Sie zog sich den Elfenumhang über die Schultern und folgte
Falkann zu einer kleinen Lichtung.
»Es tut mir leid«, begannen sie plötzlich beide
gleichzeitig und mussten anschließend lachen.
Falkann nahm Rijanas Hand und blickte ihr tief in
die Augen. »Ich wollte dich nicht anschreien, aber weißt du, ich
bin gerade noch mal mit dem Leben davongekommen, und dann sehe ich
dich in Ariacs Armen …« Er zuckte die Achseln, und Rijana
seufzte.
»Es tut mir wirklich leid, aber das hast du
vollkommen missverstanden«, erwiderte sie. »Er wollte mich nur
trösten, weil ich so verzweifelt war.«
Vorsichtig legte Falkann einen Arm um sie und zog
sie an sich. »Ich glaube dir, aber warum hat gerade er dich trösten
müssen?«
Nach Worten ringend sah sie zu Falkann auf. »Ich
habe dich geheiratet, und dazu stehe ich. Du bedeutest mir sehr
viel.«
»Aber er auch«, erwiderte Falkann leise und mit
verzweifelter Miene.
Rijana widersprach nicht und senkte den Blick.
»Aber das hast du gewusst. Ich … ich weiß auch nicht, ich kann
nichts dagegen tun …«
Falkann legte ihr einen Finger auf die Lippen und
gab ihr einen Kuss.
»Lass uns damit aufhören«, sagte er und begann, sie
vorsichtig mit Küssen zu bedecken.
Rijana schloss die Augen und versuchte, an gar
nichts mehr zu denken, was ihr allerdings nur für kurze Zeit
gelang.