Das bittere Ende
Ich sah, wie er plötzlich von schwarzem Rauch eingehüllt wurde. Ein markerschütternder Schrei durchzuckte die Halle. Dann war alles still. Minutenlang war kein Geräusch zu hören. Jeder starrte auf ihn; fassungslos und voller Entsetzen. Der Rauch legte sich allmählich, löste sich auf. Doch Night war verschwunden. Stattdessen stand ein vollkommen Fremder an dessen Stelle. Er trug dieselbe Kleidung, war jedoch ein paar Zentimeter größer, hatte breitere Schultern, wirkte noch durchtrainierter und war gleichzeitig geschmeidig wie eine Raubkatze. Tränen liefen mir die Wangen hinab, während ich das Gesicht betrachtete. Dieser Fremde war schön… so sehr, dass es weh tat. Er wirkte wie ein dunkler Engel. Gefährlich, anmutig, aber vor allem todbringend. Seine Haare waren pechschwarz und wehten im Wind, der ihn durch die Kraft seiner Verwandlung umgab. Seine Augen wirkten fremdartig; sie waren vollkommen schwarz, nichts Weißes war mehr darin zu sehen. Ich zitterte am ganzen Körper. Noch nie hatte ich so etwas Schönes gesehen und gleichzeitig bebte ich vor Angst.
Sky hatte kurz zuvor auf Night eingeredet, ihn festgehalten. Er starrte den Fremden aus einer Mischung aus Fassungslosigkeit, Furcht und Wut an.
„Was… was hast du mit Night gemacht?“, brüllte er, als er seinen Mut wiedergefunden hatte.
Der Fremde lachte kalt, hielt Sekunden später inne und betrachtete Sky mit einem finsteren Lächeln auf den Lippen: „Bist du wirklich so dämlich?! Night…“, er machte eine Pause und funkelte ihn hasserfüllt an, „hat es nie gegeben.“
Sky trat einen Schritt zurück, als wären die Worte ein Schlag ins Gesicht. Doch er schien nicht so schnell aufgeben zu wollen. Erneut trat er vor und schrie ihn an: „Wer bist du und wo ist Night?!“
„Hast du es noch immer nicht kapiert?!“ Der Fremde seufzte theatralisch und lächelte gleichzeitig süffisant. „Mein Name ist Devil Abbadon Samael Diabolos Velmont. Ich bin der Sohn des Kaisers von Incendium und bin der, den ihr so fürchtet. Der Occasus.“
Erst jetzt schienen auch all die anderen aus ihrer Erstarrung zu erwachen. Die ersten begannen entsetzt aufzuschreien, einige andere machten sich auf den Weg, Hilfe zu holen, doch die meisten waren weiterhin unfähig, sich in Bewegung zu setzen.
„Das… das kann nicht sein“, murmelte Sky fassungslos. Für ihn schien gerade eine Welt in Scherben zu zerbrechen und alles, was der Dämon tat, war kalt vor sich hin zu grinsen.
„Endlich!“, schrie Faith und sprang mit einer eleganten Bewegung von der Brüstung. Ich starrte ihr ungläubig hinterher, während sich ihre Gestalt veränderte. Kaum war sie auf dem Boden aufgekommen, stand eine vollkommen andere Person vor uns. Sie wirkte drahtiger, war etwas kleiner als Faith und hatte schneeweißes, kurzes Haar. Sie war unbeschreiblich schön und trat mit eleganten Bewegungen vor Devil. Sie kniete nieder und legte sich zum Gruß die Faust aufs Herz.
„Eure Hoheit. Ich bin so froh, dass Ihr endlich erwacht seid. Wir haben solange nach Euch gesucht.“
„Du warst das also, die dieses Gift hergestellt und mich freigesetzt hat“, stellte der Dämon fest.
„So ist es! Euer Vater hat mir diesen Auftrag erteilt. Zusammen mit einem Mytha habe ich an etlichen Schulen nach Euch gesucht, bis ich Euch hier endlich gefunden habe.“
Darum war das alles geschehen… In meinem Kopf drehten sich die Gedanken. Die silbernen Fäden… Das war der eigentliche Grund für die Angriffe gewesen. Der Mytha hatte in unsere Seelen geblickt, um den Occasus ausfindig zu machen. Währenddessen hatte sich Faith in die Schulen geschlichen, sich als Schülerin ausgegeben, um besser nachforschen zu können und zu überprüfen, wer womöglich in Frage kam. Alles war bloße Tarnung gewesen. Ihre Freundlichkeit, ihre Worte, ihr Lächeln und die angebliche Liebe zu Night.
Ich schluckte schwer und spürte, wie mein Herz zerbrach. Night war der Occasus…
„Dann sollte ich mich wohl bei dir bedanken!“, verkündete er mit einer Stimme, die viel zu schön war, um von dieser Welt zu stammen. Hätte darin nur nicht dieser kalte, drohende Ton gelegen.
„Eure Majestät“, begann Faith, doch weiter kam sie nicht. Mit einer Bewegung, die zu schnell für das Auge war, war Devil vorgetreten und hatte sich die Dämonin geschnappt. Er umklammerte ihren Hals und hielt sie daran in die Höhe, so dass ihre Füße über dem Boden baumelten und sie entsetzt nach Luft schnappte.
„Dann gebe ich dir nun mal deine Belohnung“, verkündete Devil, während seine Augen drohend blitzten.
Faith begann zu schreien, während sie von Flammen ergriffen wurde, die sie schnell einhüllten. Ihr Brüllen war so entsetzlich, dass es mir Schauer über den Rücken jagte. Ich sah, wie sie innerhalb von Sekunden verbrannte und zu schwarzem Staub zerfiel. Als wäre nichts gewesen, wandte sich Devil von ihren Überresten ab und schritt in Richtung Ausgang.
„Bleib stehen!“, rief der Direktor. Er war zusammen mit einigen anderen Lehrern in der Halle angekommen. Anscheinend hatten sie auch die Radrym zu Hilfe gerufen. Ich erkannte sofort meinen Vater und Orion unter ihnen.
Devil wandte sich jedoch nicht einmal nach ihnen um. Die ersten Zauber begannen auf ihn niederzustürzen, doch verursachten sie nicht mal eine Schramme. Nun versuchten auch die Radrym, ihn am Gehen zu hindern und ein buntes Gemisch aus Lichtern und Blitzen fuhr auf Devil nieder. Er durchquerte jedoch weiter die Halle, als ginge ihn das alles gar nichts an. Er tat lediglich eine Handbewegung, als weitere Zauber auf ihn niederprasselten, so dass diese von ihm weggeschleudert wurden. Sie rasten an ihm vorbei, rissen eine komplette Wand des Gebäudes und mehrere Meter Gras und Bäume hinfort. Kurz bevor er den Ausgang erreicht hatte, verkündete er: „Versucht erst gar nicht, mich zu verfolgen. Es wäre besser für euch. Wenn wir uns das nächste Mal sehen, könnt ihr es gerne nochmal versuchen. Macht euch allerdings keine allzu großen Hoffnungen auf einen Sieg.“ Er lachte, schritt durch die Türe und ließ uns sprach- und fassungslos zurück.
Sekunden verstrichen, in denen alle auf die Türe starrten, hinter der er verschwunden war. Plötzlich brachen die ersten Schreie los, einige begannen vor Verzweiflung und Angst zu weinen. Ein Mädchen hielt es nun nicht mehr auf den Beinen und sie brach ohnmächtig zusammen. Der Direktor, die Lehrer und die Radrym berieten sich aufgebracht miteinander, während einige Venari den Dämon verfolgten. Auch ihnen stand der Schrecken ins Gesicht geschrieben. Egal, wohin man blickte, überall sah man Verzweiflung, Furcht und Panik.
Eine Lehrerin kam mit der Schulärztin herbeigeeilt. Zusammen mit anderen kümmerten sie sich um das ohnmächtige Mädchen und versuchten all jene zu beruhigen, die vor Angst weinten und schrien.
„Begeben Sie sich alle in die Aula!“, verlangte der Direktor schließlich. „Es gibt einige Dinge zu klären!“
Die meisten setzten sich langsam in Bewegung, um der Aufforderung nachzukommen. Meine Freundinnen und ich folgten ebenfalls. Schweigend gingen wir nebeneinander her. In mir wirbelten die Gefühle durcheinander; die Gedanken in meinem Kopf rasten… Ich war entsetzt und zugleich zerfraß mich der Schmerz. Nie hätte ich gedacht, dass Night… Ich konnte den Gedanken nicht zu Ende führen. Ständig kamen in mir Erinnerungen hoch: An sein Lächeln, seine Stimme, seine wundervollen Augen. Darin hatte nie etwas Böses gelegen. Er war immer für mich da gewesen, hatte mir geholfen, mich beschützt und nun sollte alles eine Lüge gewesen sein?! Gleichzeitig hatte ich Angst und das verwirrte mich am meisten. Ich fürchtete mich nicht vor dem Ende, das uns nun bevorstand, sondern davor, dass die Radrym Night fassten. Ich wusste, was ihm dann drohte. Es zerriss mir beinahe das Herz, wenn ich daran dachte.
Ich konnte einfach nicht glauben, dass er uns je etwas antun würde. Allerdings hatte er Faith… einfach getötet. Vor unser aller Augen in Brand gesteckt…
Mir wurde übel… Warum hatte ich nie etwas bemerkt? Hatte ich es nur nicht sehen wollen, dass da noch etwas anderes in ihm gewesen war? Ich ballte die Fäuste und versuchte, die Tränen nicht nach außen dringen zu lassen. Ich hatte Night verloren… All meine Träume und Hoffnungen hatten sich zerschlagen und mein Herz lag zertrümmert vor mir…
Es dauerte nur wenige Augenblicke, bis Herr Seafar das Podium betrat und zu sprechen begann: „Wir alle sind von den heutigen Vorkommnissen schwer erschüttert. Keiner von uns hätte je mit so etwas gerechnet. Leider muss ich zugeben, dass das ein Fehler war. Wir waren unvorsichtig, nur aus diesem Grund konnte es dazu kommen. Seien Sie sich allerdings dessen sicher: Der Occasus wird uns nicht entkommen!“ Er hob drohend die Faust, während in seinem Gesicht blanke Entschlossenheit stand. „Die Radrym suchen bereits nach ihm und werden alles dafür tun, um ihn auszuschalten. Da von jedem Gegenstand, der mit Night Reichenberg in Verbindung steht, eine potentielle Gefahr ausgeht, sind wir darüber eingekommen, dass alles, was mit diesem zu tun hat, vernichtet wird. Die Radrym werden darum auch ihre Zimmer durchsuchen. Bitte seien Sie kooperativ, helfen Sie, wo Sie können und halten Sie keine noch so kleine Information zurück.“
Ich schrak sofort auf. Am liebsten wäre ich auf der Stelle losgerannt und auch meine Freundinnen sahen mich erschrocken an. Sie würden mir alles nehmen, was ich von ihm hatte. Plötzlich schienen mir diese Dinge so existenziell. Ich wusste in diesem Moment genau, dass ich alles tun würde, um zu verhindern, dass ich sie verlor. Sie durften mir nicht die letzten Erinnerungen nehmen… Immerhin waren sie ein Beweis für all die gute Zeit mit Night.
„Wenn Ihnen je etwas an Night Reichenberg aufgefallen ist, sei es noch so unbedeutend, melden Sie sich bitte. Es könnte trotz allem wichtig sein. Des Weiteren haben wir mit den Radrym gemeinsam beschlossen, dass Sie alle heute Abend fürs erste nach Hause zurückkehren werden. Es müssen hier einige Dinge untersucht werden und aus diesem Grund wird die Schule solange geschlossen.“ Er ließ seinen Blick über die Menge schweifen und fuhr fort: „Unsere Welt hat sich vor diesem Tag gefürchtet, doch nun ist er gekommen. Ich erwarte von Ihnen allen, dass Sie Stärke zeigen. Seien Sie bereit und haben Sie Zuversicht. Wir sind mächtig genug und werden diese Gefahr vernichten!“ Damit wandte er sich ab und verließ das Podium. Auch mich hielt nichts mehr auf meinem Sitz. Meine Freundinnen folgten mir, während ich auf unser Zimmer rannte.
„Was hast du vor?“, fragte Céleste.
„Ich kann nicht zulassen, dass sie mir alles wegnehmen“, erklärte ich.
„Ich verstehe, dass du verletzt und durcheinander bist, aber du musst einsehen, dass er der… Occasus ist. Night hat niemals wirklich existiert“, sagte Céleste.
Ich blieb abrupt stehen und ballte die Fäuste, als der Schmerz in mir explodierte. Ich spürte, wie mir Tränen die Wangen hinab liefen, doch ich wischte sie nicht weg. Alles, was ich tat, war meinen Schmerz, meine Enttäuschung und Wut hinaus zu brüllen: „Natürlich existiert er! Und du kennst ihn! Du weißt genau, dass er ein guter Mensch ist. Er hat mir und auch euch so oft geholfen. Wir sind Freunde! Wir waren zusammen unterwegs, haben miteinander gelacht… Und du willst mir weismachen, dass das alles nie wirklich gewesen sein soll?! Ich kenne ihn und ihr ihn auch! Ich lasse ihn nicht fallen. Ganz gleich, was sie über ihn erzählen…“ Meine Stimme brach, zu guter Letzt schluchzte ich mehr. „Ich werde immer zu ihm halten.“
Meine Freundinnen blickten mich an, schwiegen kurz. Schließlich war es Thunder, die das Wort ergriff. „Ganz egal, was nun mit dem Occasus ist, die Sachen, die wir haben, können wohl kaum Schaden anrichten. Na los, beeilen wir uns, bevor sie unser Zimmer auseinander nehmen.“
Shadow nickte und auch Céleste stimmte schließlich zu. Ich hätte gerne vor Erleichterung gelächelt, doch ich wusste nicht mehr, wie das gehen sollte. Ich war mir sicher, dass ich das von diesem Tag an nie mehr können würde.
In unserem Zimmer angekommen, sahen wir uns gehetzt um. Was sollte ich alles verstecken und wo?
„Sie werden bestimmt mit Magie nach den Sachen suchen. Da kommen wir mit unseren Zaubern nicht gegen an. Sie werden sie finden“, erklärte Céleste.
„Sie dürfen hier nicht reinkommen“, meinte Thunder.
„Und wie sollen wir das verdammt nochmal anstellen?! Glaubst du, nur weil wir sagen: „Lassen Sie unser Zimmer doch bitte aus“, tun sie das auch?“, fragte Shadow.
Wir waren alle nervös und aufgebracht, wobei dies bei meinen Freundinnen wohl vor allem daran lag, dass sie sich gegen die Radrym stellten. Ich hätte es in diesem Moment mit der ganzen Welt aufgenommen. Alles, was zählte, war, dass ich nicht auch noch das letzte bisschen von Night verlor.
Plötzlich hörten wir Schritte auf dem Flur. Wir zuckten schlagartig zusammen. Wir hatten noch immer keinen Plan und gleich würden sie kommen! Ich ballte die Fäuste. Und wenn ich mich mit Händen und Füßen wehren musste, sie würden dieses Zimmer nicht betreten!
„Ihr nehmt die rechte Seite! Ihr dort drüben, geht nach links“, befahl eine Stimme. Das war mein Vater! Sofort keimte in mir eine winzige Hoffnung auf. Er war die einzige Chance, die ich hatte. Ich lief zur Türe, riss sie auf und rief nach ihm. Er wandte sich sofort nach mir um und kam schließlich zögernd auf mich zu.
„Wie geht es dir?“, fragte er, wobei ich nicht erkennen konnte, ob in seinem Blick wirklich Sorge lag.
„Ich bin ziemlich geschockt. Damit hätte keiner von uns gerechnet.“
Er nickte. „Allerdings ist es auch gut, dass es endlich rausgekommen ist. Ich hatte bei dem Kerl von Anfang an kein gutes Gefühl, darum war ich auch so dagegen, dass du dich mit ihm abgibst.“
„Nach dem Vorfall mit dem Mytha hatte ich auch nichts mehr mit ihm zu tun“, log ich.
„Gut so.“
„Kann ich irgendetwas tun, um zu
helfen. Immerhin bin ich die Tochter eines Venari, da möchte ich
euch unterstützen.“
Er lächelte und es wirkte echt. „Nein, versuch dich nur etwas zu
beruhigen und ruh dich bis zur Heimreise aus.“
Einer der Radrym trat neben ihn und fragte: „Dieses Zimmer hier wäre das nächste. Soll ich mit der Durchsuchung beginnen?“
Jetzt kam es darauf an… Ich trat beiseite und gab den Weg frei, doch das Gesicht meines Vaters wurde gleich wieder ernst. „Hast du irgendetwas von ihm?“
Ich schüttelte verneinend den Kopf und Ventus schien erleichtert.
„Soll ich nun anfangen?“, fragte der Radrym.
„Das ist das Zimmer meiner Tochter“, polterte er los: „Sie haben es doch selbst gehört: Sie hatte nichts mit diesem Reichenberg zu schaffen und gibt sich erst recht nicht mit dämonischem Pack ab. Glauben Sie etwa, die Tochter eines Venari würde Dinge eines Dämons annehmen und verstecken.“
Ich nickte mit ernstem Gesicht. „Ich weiß, wo mein Platz ist. Ich würde nie etwas tun, das dich enttäuscht. Meine Freundinnen haben ebenfalls nichts zu verbergen.“
Der Radrym nickte. „Selbstverständlich.“ Er betrachtete meinen Vater und sagte: „Ich mache dann auf der anderen Seite weiter.“
„In Ordnung.“ Er sah mich nochmal an und meinte: „Ich komme in den nächsten Tagen vielleicht mal bei deiner Mutter vorbei und sehe nach dir. Du sollst aber wissen, dass ich sehr stolz auf dich bin. Du meisterst diese Situation großartig.“
„Danke“, erwiderte ich und setzte ein Lächeln auf.
„Ich muss mich noch um ein paar Dinge kümmern. Ruh dich aus.“
„Ja, das mache ich.“
Er lächelte mich an, wandte sich ab und eilte die Treppe hinunter.
„Dass das gut gegangen ist…“ wisperte Thunder mit bleichem Gesicht.
„Findest du das in Ordnung?“, fragte Céleste. „Du hast deinen Vater belogen und das, wo euer Verhältnis ohnehin angespannt ist.“
„Er hat keine Ahnung, wie Night wirklich ist“, erklärte ich und trat ins Zimmer zurück. „Er sieht nur das, was er sehen will und nicht mehr.“
„Ach und du etwa nicht?!“, fragte mich Céleste. Ihre Stimme war lauter geworden. „Du hast doch auch keine Ahnung. Du krallst dich an diesen alten Bildern fest, ohne zu wissen, auf was du dich da einlässt! Jeder sagt dir, dass er gefährlich ist. Legenden und Geschichten berichten von ihm, doch du willst es einfach nicht wahrhaben und reimst dir deine eigenen Dinge zurecht.“
„Ich erwarte nicht, dass du das verstehst“, fuhr ich fort und nahm eine große Tasche aus meinem Schrank. „Du musst auch nicht zu mir halten. Aber wenn unsere Freundschaft dir je etwas bedeutet hat, dann verrate mich nicht. Mehr will ich gar nicht.“ Damit wandte ich mich ab und war gerade dabei, das Zimmer zu verlassen.
„Wo willst du hin?“, fragte Thunder.
„Das wollt ihr gar nicht wissen“, antwortete ich kurz und machte mich auf den Weg. Ich schlich mich zum Jungentrakt und kam zum Glück ungehindert dort an.
Ich sah, wie ein Radrym Sky etwas aus den Händen riss. Er versuchte sich zu wehren, schrie den Kerl an, doch es war umsonst.
„Ihr habt doch keine Ahnung!“, schrie Sky ihm nach. „Er würde uns niemals etwas tun. Ich kenne ihn, verdammt nochmal!“ Er hielt inne und senkte den Kopf. Ich erkannte, dass er weinte. Saphir trat neben ihn, doch auch er war zu geschockt, als dass er seinem Freund hätte beistehen können. Ich sah mich noch einmal um; die Luft schien rein zu sein.
„Sky?“
Er blickte auf und versuchte, sich die Tränen aus den Augen zu wischen. „Was machst du hier?“
Ich hielt ihm die Tasche hin. „Hast du noch Sachen von ihm?“
Sein Blick verfinsterte sich. „Verstehe, die Tochter des Venari will wohl helfen. Du bist echt das Letzte!“
„Glaubst du das wirklich?!“ Ich blickte ihn herausfordernd an und er schien ins Wanken zu geraten. „Mein Vater hat dafür gesorgt, dass unser Zimmer verschont bleibt, was bedeutet, dass dort Nights Sachen sicher sind. Hast du also noch was, das du retten willst?“
Er betrachtete mich kurz, wandte sich dann aber sofort um und eilte ins Zimmer. Ich folgte ihm und Saphir. Die Radrym hatten ein unglaubliches Chaos angerichtet. Schränke standen offen, das Bett war durchwühlt, die Matratze lag schief auf dem Rost, Bücher waren auf den Boden geworfen worden und überall lagen Klamotten und Papiere.
Schnell riss Sky ein paar Kleidungsstücke aus dem Schrank, schnappte sich Fotos, Bücher und Schulunterlagen. Er stopfte alles in die Tasche und reichte sie mir, als sie voll war.
„Danke, dass du auch weiter zu ihm hältst. Das hätte ihm viel bedeutet.“ Er hielt kurz inne und betrachtete mich. „Du weißt, dass er uns nie etwas tun würde. Ich kenne ihn, verstehst du.“ Ich wusste, was er meinte und nickte.
„Ich leere die Tasche in meinem Zimmer aus und versuche gleich nochmal zu kommen, um weitere Sachen zu holen.“
Doch er schüttelte verneinend den Kopf. „Das brauchst du nicht. Sie haben schon fast alles geholt. Aber dank dir wird er wenigstens nicht ohne alles dastehen, wenn er wieder zurückkommt.“
Ich sah ihn unsicher an. Glaubte er wirklich, Night würde an die Schule zurückkehren? Selbst wenn er es wollte, die Radrym würden ihn sofort stellen. Ich wollte Skys Fantasie nicht zerstören und nickte nur. Ich lugte zur Türe hinaus und eilte davon, als keiner zu sehen war.
Céleste hatte nichts dazu gesagt, als ich mit der vollen Tasche zurückgekommen war. Ich hatte sie in den Schrank gestellt und mich anschließend auf mein Bett
gesetzt.
Seit meiner Rückkehr waren ein paar Stunden vergangen und noch immer hörten wir den Lärm, den die Radrym verursachten. Sie nahmen wirklich jeden Winkel der Schule auseinander und zerrten alles hervor, was mit Night irgendwie in Verbindung stand. Am schlimmsten war jedoch der Geruch des Feuers. In der Eingangshalle warfen sie alle beschlagnahmten Sachen auf einen großen Haufen und verbrannten sie. Allein die Vorstellung zerriss mir das Herz.
Ich fühlte mich gefangen und schritt immer wieder unruhig auf und ab. Ich ertrug es nicht, hier zu sein und gleichzeitig rückte die Abreise immer näher, wovor es mir ebenfalls graute. Ich konnte nicht weg! Es war einfach alles zuviel. Der Geruch des Feuers brannte in der Nase und trieb mir Tränen in die Augen. Ich musste hier raus. Ich wollte davon nichts mehr mitbekommen…, nicht mehr daran denken müssen.
Ich ging zur Türe und erklärte: „Ich geh noch ein wenig raus. Ich komm aber bald wieder.“
Die drei hatten nichts dagegen einzuwenden und nickten schweigend.
Ich eilte die Treppe hinunter und folgte dem Korridor, bis der Weg sich gabelte. Ich konnte nun direkt nach draußen oder durch die Eingangshalle gehen… Wie von selbst wählten meine Füße den letzteren Weg. Als bräuchte ich die Gewissheit, es mit meinen eigenen Augen gesehen zu haben. Dort, mitten in der Halle brannte der Scheiterhaufen. Ständig kamen Radrym herbeigeeilt und warfen weitere Gegenstände in die Flammen: Fotos, Pokale, Bücher. Als einer Nights Iceless Schläger in der Hand hielt, zuckte ich kurz zusammen. Dem Impuls nach wollte ich ihn aufhalten, doch es gelang mir, ihn zu unterdrücken. Ich konnte nichts mehr tun…
„Hey“, sagte eine Stimme neben mir. Sacht legte Risu ihre Hand auf meine Schulter. „Wie geht es dir?“, fragte sie.
Ich nickte. „Geht so. Und dir?“
Sie zuckte mit den Schultern und betrachtete die Flammen. „Ich habe ihn nie wirklich gemocht, aber dennoch hätte ich das nicht erwartet. Es tut mir jedenfalls sehr leid für seine Freunde. Für die muss eine Welt zusammengebrochen sein.“
Sie sah mich an und fragte: „Wirst du nach den Zwangsferien hierher zurückkehren? Ich habe schon von einigen gehört, dass sie die Schule wechseln werden. Sie wollen einfach nicht an einem Ort leben, wo der Occasus ein und ausgegangen ist.“
„Ich werde zurückkommen“, erklärte ich. „Und was ist mit dir?“
„Ich denke auch. Außerdem“, und nun kicherte sie, während ihr Blick nach oben auf die Galerie huschte „kann ich ihn doch nicht verlassen.“
Duke stand dort oben und betrachtete stumm die Flammen. Ich konnte nicht erkennen, was in ihm vorging. Sein Gesicht war vollkommen steinern und leer.
Ich betrachtete Risu und bemerkte wieder diesen seltsamen Ausdruck auf ihrem Gesicht. Er jagte mir Schauer über den Rücken.
Plötzlich bemerkte sie, dass ich sie ansah und sie kicherte verlegen. „Entschuldige, immer wenn ich ihn anschaue, geht es mit mir durch. Er ist sooo süß.“
Ich runzelte erstaunt die Stirn. So sah sie aus, wenn sie jemanden verliebt ansah?! Dieses Mädchen war wirklich seltsam.
„Ich werde Duke ein wenig Gesellschaft leisten. Er sieht einsam aus, findest du nicht?“
Ich nickte nur vage, während sie sich verabschiedete und losging.
Sie eilte die Galerie hinauf und stellte sich neben Duke, der sie finster anblickte. Auch ich machte mich auf den Weg, schlich mich an weiteren Radrym vorbei, verließ das Gebäude und ging in den Schulpark. Es war kühl und die Sonne würde bald untergehen, aber wenigstens war ich hier alleine. Ich versuchte meine Gedanken daran zu hindern, sich erneut um Night zu drehen, doch es gelang mir nicht. Mein Kopf war irgendwie leer. Es war an diesem Tag so viel geschehen, dass alles in mir aufgebraucht zu sein schien. Es war nur ein kaltes Loch geblieben.
Ich ging auf die Lichtung und setzte mich auf eine der Bänke. Dort lehnte ich meinen Kopf zurück und blickte in den Himmel. Ich konnte es noch immer nicht richtig fassen. Es war ein Albtraum; ein schrecklicher, grauenhafter Albtraum. Ich wollte endlich aufwachen und dann wäre alles wieder beim Alten. Night wäre noch immer derselbe und nichts hätte sich verändert… Tränen fielen mir in den Schoß, doch ich spürte sie nicht. Ich fühlte gar nichts mehr.
Ich weiß nicht, wie lange ich so dasaß. Ich spürte nichts, weder die Kälte noch wie die Zeit verging. Irgendwann vernahm ich jedoch ein Geräusch. Zunächst beachtete ich es nicht, doch es schien sich mir langsam zu nähern. Es konnte von keinem Tier stammen, das war mir sofort klar. Doch was erwartete ich? Ich wusste es nicht und dennoch stand ich auf und ging einige Schritte in das Unterholz hinein. Ich hörte Äste knacken… Es waren eindeutig Schritte. Ich eilte ihnen entgegen und spürte nicht, wie mir Dornen an der Hose rissen und mir Zweige entgegen schlugen. Keuchend bog ich um ein dichtes Gebüsch. Nun stand ich ihm genau gegenüber. Nur wenige Meter trennten uns voneinander. Mein Herz stand still und ich vergaß, Luft zu holen. Mit weitaufgerissenen Augen sah ich ihn an und wisperte leise: „Night.“
Er hatte sich zurückverwandelt, schien wieder ganz er selbst zu sein.
„Was... was machst du hier?“, keuchte ich, während Tränen meine Augen überschwemmten.
„Du musst keine Angst haben“, sagte er mit dieser Stimme, die ich so sehr liebte und überall wiedererkennen würde. „Ich werde mich stellen. Darum bin ich zurückgekommen.“ Er lächelte traurig, während ich auf ihn zuging. Mein Herz schlug nun so schnell, dass es schmerzte. Ich hatte Angst, so schreckliche Angst um ihn. Ich wollte und konnte ihn nicht erneut verlieren.
„Das darfst du nicht!“, wisperte ich und blickte ihn flehend an, während mir die Tränen die Wangen hinabströmten. „Bitte, sie werden dich töten. Du musst dich verstecken. Ich helfe dir und zusammen wird uns etwas einfallen. Bitte, wir finden einen Weg, ich verspreche es dir. Nur stell dich nicht.“
Meine Worte schienen ihn zu verwundern. Offenbar hatte er damit gerechnet, dass ich mich vor ihm fürchten würde. Ich nahm seine Hand, als könnte ich so verhindern, dass er mich erneut verließ.
„Die Schule wird fürs erste geschlossen. Darum werden wir nach Hause geschickt. Bitte, komm mit mir. Dort bist du fürs erste sicher. Keiner würde dich bei mir vermuten. Wir werden uns etwas überlegen und eine Lösung finden, nur musst du erst mal von hier weg.“ Ich flehte ihn an, bettelte geradezu. Ich bemerkte allerdings auch, dass er mit seinem Entschluss ins Wanken geriet. Ob es daran lag, dass er meinen Schmerz sah?
„Meine Mutter heißt Anja Franken, wir wohnen im Birkenweg 12, in Neustadt. Bitte komm dorthin. Ich kann erst in ein paar Stunden mit all den anderen abreisen. Warte dort auf mich.“
Er nickte schließlich langsam. „Okay.“
Ich hielt noch immer seine Hand umklammert, als würde mein Leben davon abhängen.
„Du versprichst es mir. Du wirst dort sein.“ Ich brauchte die Gewissheit, ich hatte solche Angst, ihn loszulassen und nicht mehr wiederzusehen. Ich wusste, dass ich das nicht verkraften würde. Ich konnte ihn nicht noch einmal verlieren.
Er betrachtete mich mit diesen unglaublich blauen Augen, blickte so tief in meine, dass es mir kurz die Sprache verschlug.
„Ich verspreche es.“ Er entzog mir ganz langsam die Hand. „Ich danke dir.“
Ich nickte und sah zu, wie er ein Portal rief. Wir sahen uns noch einmal an, dann verschwand er darin. Ich keuchte auf, als er fort war, versuchte mich aber gleichzeitig zusammenzureißen. Ich hoffte inständig, dass er sein Wort halten würde und zu mir nach Hause auf dem Weg war.
Als ich in die Schule zurückkehrte, versuchte ich mir nichts anmerken zu lassen. Es war schwer, denn innerlich zitterte ich vor Nervosität. Würde er wirklich auf mich warten? Und wie sollte es weitergehen? Diese Frage vertrieb ich allerdings erst einmal. Das Wichtigste war, dass er fürs Erste in Sicherheit war. Ich versuchte durchzuatmen und ruhiger zu werden.
Ich ging an dem Feuer vorbei, das inzwischen deutlich kleiner geworden war und eilte auf mein Zimmer zurück. Meine Freundinnen waren dabei zu packen und sahen mich fragend an.
„Geht es dir etwas besser?“, fragte Céleste.
Doch ich schüttelte verneinend den Kopf. Ich konnte ihnen nicht von Night erzählen. Nicht, weil ich ihnen nicht vertraute. Es war vielmehr, dass ich sie nicht noch weiter in das alles hineinziehen wollte. Es war meine Entscheidung gewesen, ihm dieses Angebot zu machen. Ich wollte ihn schützen und damit hatte niemand anderes etwas zu tun. Ich wusste, welches Risiko ich auf mich nahm und wollte mir lieber gar nicht vorstellen, was bei einer Entdeckung geschehen würde…
„Es ist schwer, sich an den Gedanken zu gewöhnen. Besonders, da du ja in ihn…“ Sie hielt kurz inne und betrachtete verlegen den Boden, als hätte sie Angst, meine Wunde weiter aufgerissen zu haben. „Jedenfalls haben wir uns überlegt, dass es vielleicht besser wäre, wenn erst mal keiner von uns alleine wäre. Wir könnten zu Thunders Familie gehen und dort etwas zur Ruhe kommen.“ Sie sah mich vorsichtig an. „Archon wird bestimmt auch vorbei schauen.“
Ich seufzte und riss mich zusammen, nicht das auszusprechen, was mir auf der Zunge lag. Hoffte sie wirklich, dass ich nun auf Archon umschwenken würde, da Night verloren war? Wie konnte sie das nur glauben?
„Es wird bestimmt lustig“, meinte nun Thunder. „Meine Mutter wird sich freuen und es ist doch viel besser, wenn wir uns gegenseitig auffangen können.“
Ich verstand ihre Sorge, doch selbst wenn Night nicht plötzlich wieder aufgetaucht wäre, ich hätte alleine sein wollen. Ich wollte kein fröhliches Gesicht aufsetzen müssen und in Ruhe nachdenken können.
„Das ist nett von euch, aber ich gehe zu mir nach Hause. Ich brauch einfach ein bisschen Zeit für mich. Ich hoffe, ihr versteht das.“
„Bist du dir wirklich sicher?“, fragte Céleste und betrachtete mich prüfend.
„Wenn es mir besser geht, kann ich ja nachkommen.“
Shadow nickte schließlich. „Melde dich aber, wenn irgendetwas ist. Du weißt verdammt gut, dass wir immer für dich da sind.“
Ich nickte dankbar.
Céleste schien noch immer nicht recht wohl bei dem Gedanken, mich allein zu lassen, aber sie gab schließlich nach und packte ihre restlichen Sachen ein. Ich wandte mich ebenfalls meinem Schrank zu. Meine Freundinnen waren mit ihren eigenen Koffern und Taschen beschäftigt und schenkten mir darum keine Beachtung, dennoch war ich vorsichtig, wenn ich etwas von Nights Sachen aus der Tasche zog und in die stopfte, die ich mitnehmen wollte. Ich konnte nicht alles einpacken, das wäre zu auffällig gewesen und es war auch nicht möglich, eine Auswahl zu treffen, dennoch hoffte ich, dass er die Dinge brauchen konnte. Dazwischen tat ich immer wieder etwas von meiner eigenen Kleidung, bis sie schließlich voll war.
„Seid ihr fertig?“, fragte Shadow. „Wir sollten dann langsam los.“
Wir nickten, nahmen unser Gepäck und machten uns auf den Weg zur Eingangshalle, wo bereits etliche Schüler standen und sich voneinander verabschiedeten. Einige wirkten wehmütig, andere geradezu erleichtert, diesen Ort verlassen zu können. Ich selbst konnte die Unruhe kaum mehr verbergen. Ich zitterte und bemühte mich, es zu unterdrücken. Würde Night zuhause auf mich warten?
„Du meldest dich, wenn du uns brauchst, ja?“, fragte mich Céleste und nahm mich zum Abschied in die Arme.
„Ja, mach dir keine Gedanken darum.“
„Du kannst jederzeit nachkommen“, versicherte mir Thunder, während auch sie sich von mir verabschiedete.
„Du schaffst das schon“, meinte Shadow.
Danach machten sie sich auf den Weg, beschworen ihre Portale und traten hindurch. Ich spürte, wie mein Puls raste, mir war schlecht vor Aufregung. Ich hoffte so sehr, dass er wirklich dort war. Hastig rief ich das Portal und betrat es. Die bunten Farben waberten und wirbelten um mich umher, doch ich hatte keinen Blick dafür. Ich konnte nur an eines denken und das ließ mich einfach nicht los. Ich sah den Ausgang auf mich zurasen und sprang heraus. Ich stand nun genau vor der Tür zum Haus meiner Mutter. Ich sah mich um und mein Magen zog sich schmerzhaft zusammen. Night war nicht da. Ich sah zu dem Tor, das in unseren kleinen Garten führte. Das Grundstück selbst war nicht sehr groß und von einer hohen Hecke und mehreren kleinen Bäumen eingezäunt. Ich öffnete das Tor und wisperte leise: „Night?“
Ich hörte Schritte und plötzlich stand er vor mir. Pures Glück und Erleichterung rauschten in diesem Moment durch mich hindurch.
Er hatte sein Versprechen tatsächlich gehalten!
„Entschuldige, dass du so lange hast warten müssen“, sagte ich.
Er lächelte. „Du brauchst dich für gar nichts zu entschuldigen, immerhin erlaubst du mir, bei euch unterzukommen.“
„Gehen wir erst mal rein.“ Ich wandte mich um und ging in Richtung Haustüre und schloss auf.
„Mom?“, rief ich. Doch es kam keine Antwort. „Kann sein, dass sie auf der Arbeit ist“, erklärte ich.
„Was macht sie beruflich?“
„Krankenschwester“, erklärte ich.
Es war seltsam, mit ihm hier zu sein. Ich konnte es gar nicht richtig glauben. Nie hätte ich auch nur zu träumen gewagt, dass er einmal bei mir zuhause sein würde. Es war unwirklich und er schien so gar nicht in diese normale Umgebung zu passen.
Ich betrachtete ihn unsicher. Er war schön wie immer; vollkommen und atemberaubend. Nichts deutete darauf hin, dass da noch etwas anderes in ihm war.
„Ich zeige dir am besten mal dein Zimmer. Es ist nicht sehr groß, aber ich hoffe, du fühlst dich wohl.“
Es war wirklich kein großer Raum, aber immerhin war er mit dem Nötigsten ausgestattet.
„Danke, das ist wirklich schön.“
Dennoch blieb er unsicher in der Türe stehen und sah mich eine
Weile lang an. „Bist du dir sicher, dass deine Mutter nichts
dagegen hat, wenn ich hier bleibe?“
„Nein, das ist in Ordnung. Mach dir darum keine
Gedanken.“
Er sah nicht wirklich überzeugt aus.
„Na ja, immerhin bin ich… du weißt schon. Denkst du nicht, dass sie sich Sorgen machen wird?“
„Meine Mutter interessiert sich nicht für die anderen Welten. Sie hat aber eine gute Menschenkenntnis und zudem vertraut sie mir. Darum wird sie nichts dagegen haben.“
Ich war mir dessen sicher. Womit sie schon eher ein Problem haben könnte, war, dass Night nun mal ein Mann war und sie sah es wahrscheinlich nicht gerne, dass ich mit ihm mehr oder weniger alleine unter einem Dach lebte.
Ich betrachtete ihn kurz und rang mich
dann doch zu einer Frage durch:
„Wie geht es dir?“
Er strich sich durchs Haar und blickte mir in die Augen. „Um ehrlich zu sein, ich weiß es selbst nicht genau. Ich muss erst mal über einiges nachdenken und zur Ruhe kommen.“
Ich nickte und verstand, was er damit meinte. Er wollte momentan nicht darüber sprechen, was ich gut verstehen konnte, da es mir ebenso ging. Darum fuhr ich fort:
„Das Badezimmer ist übrigens gleich hier“, erklärte ich weiter und deutete auf den Raum rechts neben uns.
„Wäre es in Ordnung, wenn ich kurz duschen gehen würde?“
„Ähm klar. Handtücher und Shampoo
findest du dort.“
„Danke.“
Ich zog mich derweil auf mein Zimmer zurück und begann die Tasche auszupacken. Es fiel mir schwer, mich darauf zu konzentrieren. Ich vernahm das Wasser der Dusche und musste mich ermahnen, die aufkeimenden Bilder zu unterdrücken.
Da hörte ich, wie jemand die Eingangstüre aufschloss und das Haus betrat. Sofort eilte ich die Stufen hinunter und begrüßte meine Mutter.
„Was machst du denn hier?“, fragte sie überrascht.
„Die Schule wurde vorübergehend geschlossen, weil es ein kleines Problem mit einem Dämon gab. Sie müssen ein paar Untersuchungen anstellen und bis dahin haben wir sozusagen Ferien.“
Ich wusste nicht recht, wie ich es ihr beibringen sollte, dass besagter Dämon gerade unter unserer Dusche stand. Vielleicht war es besser, wenn ich ihr nicht gleich alles auf einmal beichtete. Immerhin würde sie zunächst verdauen müssen, dass ich einen Mann mit ins Haus gebracht hatte.
„Mom…“, begann ich etwas unsicher, „ich habe jemanden mitgebracht. Er kann momentan nicht zu sich nach Hause und da hab ich ihm angeboten, hier unterzukommen. Ist das okay?“
„Er?“, hakte sie nach.
„Es ist Night.“ Verdammt, warum musste ich ausgerechnet jetzt so rot werden?!
Sie betrachtete mich eine Weile und meinte schließlich: „Wenn er sonst nirgendwo hin kann, ist es natürlich in Ordnung. Ich hätte ihn vorher nur gerne kennengelernt.“
„Er ist wirklich nett, du wirst sehen.“
„Das glaube ich gern, du hast ja bereits oft genug von ihm gesprochen.“ Ihr entging meine Verlegenheit wohl nicht, darum fragte sie: „Bist du mit ihm nun doch zusammen?“
„Nein. Wir sind nur Freunde.“
Um von der Situation ein wenig abzulenken, fragte ich: „Kommst du von der Arbeit?“
Sie nickte. „Ja, du glaubst gar nicht, was das für ein Tag war. Ich muss morgen übrigens erst spät weg. Ich habe Nachtschicht.“ Sie sah mich prüfend an und fragte: „Ich kann euch beide doch wohl alleine lassen?“
„Es ist nichts zwischen uns“, wisperte ich leise. Irgendwie fürchtete ich, er könnte uns womöglich hören.
„Schon gut, du bist alt genug und ich vertraue dir. Wenn du sagst, dass er ein anständiger Kerl ist, dann glaube ich dir. Zudem werde ich ihn ja auch noch kennenlernen. Wo ist er denn?“
„Er duscht gerade“, erklärte ich. Da fiel mir ein, dass er bestimmt was Frisches zum Anziehen brauchte. „Ich geh solange wieder nach oben.“
„Gut, habt ihr Hunger? Ich koch uns gleich was.“
Ich nickte dankend, eilte die Treppe hoch und holte Nights Sachen aus der Tasche. Ich legte sie zusammen und trug sie in sein Zimmer. Gerade, als ich zurückgehen wollte, ging die Badezimmertüre auf und ich stand Night gegenüber. Sein Haar war noch nass, der Oberkörper frei und um die Hüfte hatte er ein Handtuch geschlungen. Für einen Moment konnte ich ihn nur anstarren, unfähig zu sprechen, zu denken oder auch nur zu atmen. Ich starrte auf die perfekten Formen seines Körpers, bewunderte seine nackte muskulöse Brust; allein bei diesem Anblick bekam ich weiche Knie. Er sah wirklich aus wie ein Model, das gerade dabei war, einen Werbespot zu drehen. Ich hätte ihn stundenlang so ansehen können, doch ich zwang mich, die Augen von ihm zu nehmen und auf den Boden zu blicken. Ich wusste, dass mein Gesicht feuerrot war und dass ihm dies wohl kaum entgehen konnte.
„Ich hab ein paar Sachen in dein Zimmer gelegt. Ich hoffe, dass das Wichtigste dabei ist.“
„Danke“, sagte er und sah mich mit diesem unglaublichen Lächeln an. Dann ging er an mir vorbei und trat ins Zimmer. Ich eilte schnell in meins und ließ mich auf mein Bett sinken.
Wenige Minuten später klopfte er an meiner Türe und stand angezogen vor mir.
„Danke für die Sachen.“
Ich nickte. „Keine Ursache. Es tut mir nur leid, dass ich nicht
mehr retten konnte.“
„Die Radrym haben wohl alles mitgenommen?“
Ich schüttelte verneinend den Kopf. „Sie haben alles… verbrannt“, gab ich schweren Herzens zu.
„Du hast dich in wirklich große Gefahr gebracht.“
„Ich konnte doch nicht zulassen, dass sie deine Sachen vernichten. Sky hat ebenfalls versucht zu retten, was er konnte und hat mir eine Tasche gepackt. Einige Dinge sind noch in der Schule auf meinem Zimmer, ich konnte nur nicht alles mitnehmen.“
„Danke. Ich werd dir wirklich nie vergessen, was du für mich getan hast.“
Seine Worte und vor allem sein Blick machten mich ziemlich verlegen. Ich stand darum auf, setzte ein fröhliches Lächeln auf und meinte: „Hast du Hunger? Meine Mutter ist zurück und wollte uns was zu Abendessen kochen.“
„Klar, gerne.“
Zusammen gingen wir die Treppe hinunter. Meine Mutter war gerade dabei, den Tisch zu decken, als wir ins Esszimmer kamen. Ihr Blick legte sich sofort auf Night und nahm einen überraschten Ausdruck an. Ich konnte nicht genau erkennen, was noch darin lag. Bestürzung? Entsetzen? Verzückung?
Es lag jedenfalls plötzlich eine leichte Röte auf ihren Wangen.
Night trat zu ihr und reichte ihr die Hand. „Mein Name ist Night, es freut mich, Sie kennenzulernen. Ich möchte mich auch noch dafür bedanken, dass Sie mich so kurzfristig bei sich aufgenommen haben.“
Sie nickte verdattert und starrte ihm verwirrt ins Gesicht. Dabei schüttelte sie unaufhörlich seine Hand.
„Ähm… Mom“, riss ich sie aus ihren Gedanken. „Was gibt es denn zu essen?“
Augenblicklich erwachte sie aus ihrer Erstarrung. „Oh ja…, das Essen. Ich hab bloß ein paar Nudeln und ein bisschen Soße gemacht. Etwas, das eben schnell ging.“ Sie ging kurz in die Küche und brachte die beiden Töpfe mit.
„Ich hoffe, es schmeckt euch“, erklärte sie, als wir uns an den Tisch setzten und zu essen begannen.
„Es ist wirklich sehr gut“, sagte Night, nachdem wir die ersten Bissen zu uns genommen hatten.
„Das freut mich.“ Sie betrachtete uns beide und fragte: „Geht ihr in dieselbe Klasse oder wie habt ihr euch kennengelernt?“
„Nein, ich bin zwei Klassen über Force.“
„Ich bin auf einer Treppe gestürzt und er hat mich aufgefangen“, erklärte ich schnell und spülte einen Klumpen Nudeln mit meinem Getränk hinunter, der sich plötzlich nicht mehr schlucken lassen wollte.
„Oh, das ist ja eine schöne Geschichte“, rief sie seltsam aufgeregt.
Ich sagte besser nichts darauf und nahm eine weitere Gabel voll.
„Wie lange kennt ihr euch schon?“
„Wir haben uns gleich an ihrem ersten Schultag getroffen“, sagte Night.
Gott, war mir das unangenehm! Musste sie uns so aushorchen?!
„Und ihr seid befreundet?“
„Mom“, zischte ich ungehalten.
„Was denn?“
Night schmunzelte; ihn schien die ganze Situation ziemlich zu amüsieren. „Ja, sind wir“, beantwortete er die Frage.
Zum Glück waren wir mit dem Essen beinahe fertig, so dass das Verhör erst einmal beendet war. Wir räumten den Tisch ab und gingen anschließend nach oben. Es war noch nicht sehr spät und ich grübelte verzweifelt darüber nach, was ich jetzt sagen oder tun sollte… Unschlüssig stand ich im Flur, bis ich endlich eine Frage zusammen brachte. „Ich habe dir noch gar nicht mein Zimmer gezeigt. Willst du kurz mitkommen?“ Hoffentlich klang das nicht irgendwie missverständlich…
„Klar, gerne.“
Außer den Möbeln, die aus einem Bett, einem Schrank und einem Schreibtisch bestanden, gab es noch einen kleinen Fernseher, jede Menge Bücher und Fotos. Die Bilder hatte ich zu mehreren Collagen zusammengestellt und an der Wand befestigt. Sie zeigten Freunde, Familie, aber auch einige Kinderbilder von mir. Night sah sich um, betrachtete die Collagen, schmunzelte hin und wieder und stellte Fragen.
Schließlich meinte er: „Du hast es wirklich schön hier.“
Er ging an einem der Regale entlang, in dem ich meine DVDs stehen hatte und besah sich die Titel genauer.
„Hast du Lust, einen Film zu sehen?“, fragte ich und trat neben ihn.
„Für sowas bin ich immer zu haben.“
„Ist der hier okay?“, wollte ich wissen und zeigte ihm die Hülle.
Er nickte und setzte sich auf mein Bett. Es war leider der einzige Platz, von wo aus man gute Sicht auf den Fernseher hatte. Wie lange war es her, dass wir so beieinander gesessen hatten? Wie viel war in all der Zeit geschehen... hatte sich verändert?! Und dennoch waren meine Gefühle gleich geblieben. Ich sah ihn immer wieder von der Seite an. Es gab so vieles, was ich ihn fragen wollte, doch ich konnte nicht. Vielleicht, weil ich ihn nicht an das erinnern wollte, was in ihm steckte… Oder, weil es dann auch für mich realer werden würde. So konnte ich mir weiterhin einreden, dass er der war, den ich kannte. Trotzdem war mir klar, dass ich die Fragen nicht ewig würde aufschieben können. Ich hoffte so sehr, dass wir einen Weg finden würden, den Dämon in ihm verschlossen zu halten. Der nächste Schritt wäre dann zu überlegen, wo er hin gehen konnte. Mir war klar, dass er nur so lange bei mir bleiben konnte, wie die Schule geschlossen war. Ich betete förmlich dafür, dass dies eine lange Zeit der Fall sein würde. Allerdings mussten wir sichergehen und über eine Alternative nachdenken.
Plötzlich spürte ich etwas auf meine Schulter sinken. Ich sah erschrocken hinüber und musste sogleich lächeln. Night war eingeschlafen, wobei sein Kopf zur Seite gekippt war. Er musste wirklich müde gewesen sein, kein Wunder nach alldem, was er durchgemacht hatte. Wenn ich ihn so ansah, war es unmöglich, mir vorzustellen, dass dieser schwarzhaarige Kerl, dieser Dämon in ihm stecken sollte.
Ich streichelte ihm sanft durch sein weiches Haar und genoss die Nähe. Ich würde nicht zulassen, dass er sich je wieder verwandelte. Er sollte um keinen Preis den Radrym in die Hände fallen. Was die mit ihm tun würden, konnte ich mir nur allzu gut vorstellen. Night sollte ein normales Leben führen können, was natürlich bedeutete, dass er bald von hier fortgehen musste. Mich zerriss es allein beim Gedanken daran, ich wusste nicht, ob ich es tatsächlich über mich bringen würde, ihn gehen zu lassen.
Er regte sich und hob den Kopf. Leicht verschlafen sah er sich für einen Moment um. „Sorry, ich muss wohl eingeschlafen sein.“
„Macht nichts. Du bist sicher sehr erschöpft.“
Er nickte. „Ja, es war ziemlich anstrengend.“
„Dann leg dich hin und schlaf erst mal ein bisschen.“
Ich schaltete den Fernseher aus und stand auf. Night ging zur Türe, blieb dort nochmal stehen und sagte: „Schlaf gut und danke nochmal, dass ich hier übernachten kann.“
„Dafür brauchst du dich nicht zu bedanken.“
Er schenkte mir ein letztes Mal dieses Lächeln, das ich so sehr liebte und verließ anschließend das Zimmer. Ich schloss die Türe hinter ihm und setzte mich auf mein Bett. Ich würde sicher eine Weile brauchen, bis ich zur Ruhe kam. Es war einfach zu viel geschehen an diesem Tag. Ich blickte zur Wand, wohinter sein Zimmer lag. Wir würden das alles irgendwie durchstehen. Das Wichtigste war, dass er hier bei mir und in Sicherheit war.
Ich hatte nicht lange geschlafen und war dennoch ausgeruht und fit am nächsten Morgen. Ich beeilte mich, ging ins Bad, machte mich fertig und trat gerade in den Flur, als die Türe zu Nights Zimmer aufging.
„Oh, du bist schon wach? Hast du gut geschlafen?“, fragte ich.
„Ja, danke. Jetzt geht es mir wieder besser.“ Er wirkte auch bei Weitem nicht mehr so abgespannt.
„Hast du Hunger? Es gibt sicher gleich Frühstück.“
„Ja, ich mach mich schnell fertig.“
Ich nickte und eilte die Treppe hinunter.
Meine Mutter war ebenfalls wach, stand auf der Terrasse und trank eine Tasse Kaffee.
„Du bist ja schon auf?!“, stellte sie erstaunt fest. Normalerweise war ich kein Frühaufsteher. Wir hörten in diesem Moment die Dusche angehen und meine Mutter sah in Richtung Treppe.
„Ich muss schon sagen, er ist wirklich
sehr nett und sieht dazu äußerst gut aus.“ Sie grinste schief.
„Aber ich wusste ja schon immer, dass du einen guten Geschmack
hast.“
„Mom!“, ächzte ich.
„Was?! Darf ich nicht sagen, dass du einen guten Fang gemacht hast.“
„Wir sind nicht zusammen!“
„Ist ja schon gut“, gab sie schließlich nach. Sie ging zurück in die Küche und reichte mir ihr Portemonnaie. „Eigentlich wollte ich noch schnell einkaufen gehen, bevor du aufstehst. Konnte ja keiner ahnen, dass du inzwischen zu den Frühaufstehern gehörst. Gehst du schnell? Dann mache ich uns währenddessen ein paar Waffeln.“
Ich blickte kurz zur Treppe hinauf und rang mit mir. Ich wäre gerne bei Night geblieben, allerdings war es zum Supermarkt nicht weit und wenn ich mich beeilte, wäre ich sicher bald wieder hier.
„Okay“, stimmte ich zu, schnappte mir eine Tasche und eilte los.
Es war ungewohnt, plötzlich wieder die Straßen entlang zu gehen, die jahrelang zu meinem Schulweg gehört hatten. Alles kam mir einerseits vertraut, aber gleichzeitig auch fremd vor. Wie grau und eintönig hier doch alles war… War das schon immer so gewesen? Einige Dinge, das erkannte ich sofort, hatten sich verändert…
Irgendwie fehlte das Gefühl, hier zuhause zu sein. Hatte ich mich in diesem einen Jahr bereits so sehr an Necare gewöhnt?
Viele Dinge hier lösten alte Erinnerungen in mir aus, wobei die meisten recht schön waren. Nur je näher ich dem Supermarkt kam, desto weiter sank auch meine Laune. Der lag nämlich nur wenige Häuser neben meiner alten Schule. Ich war wirklich froh, von dort weg zu sein, zwar hatte ich mich mit einigen Mitschülern ganz gut verstanden, doch der Ärger mit Kara, die ebenfalls eine Klassenkameradin von mir gewesen war, hatte doch überwogen. Ich betrachtete das Gebäude vor mir… So viele Jahre war ich dort ein und ausgegangen. In diesem Jahr hätte ich mein Abitur gemacht… Ich hätte nie gedacht, dass ich mich jemals auf die Schule freuen können würde. Auf der Roldenburg war es aber so. Ich musste lächeln, als ich an meine Freundinnen dachte; dann waren da noch Saphir und Sky, dem immerzu irgendwelcher Blödsinn einfiel und Night… Er wartete bei mir zuhause auf mich. Ich spürte, wie sich mein Puls beschleunigte… Ich war so froh, dass er nicht verschwunden war.
„Jetzt seht euch das mal an!“, rief eine Stimme überrascht. „Ich glaub´s nicht, wenn das nicht unsere kleine Miss Sonderschule ist?!“
Ich schrak aus meinen Gedanken auf und wusste sofort, dass ich diese Stimme kannte. Verdammt, wie hatte ich nur so dämlich sein können?! Es war kurz vor Schulbeginn und natürlich versammelte sich Kara und ihre Clique weiterhin an ihrem alten Treffpunkt.
Kara hatte sich in dem Jahr kaum verändert, lediglich ihre Haare waren noch blonder geworden. Ansonsten trug sie wie immer viel zu viel Makeup im Gesicht und hielt die obligatorische Zigarette zwischen den Fingern.
„Habt ihr gesehen, wie sie gegrinst hat?! Als sei sie jetzt vollkommen übergeschnappt?!“, warf eine von ihren Freundinnen ein.
„Tja, sie versucht sich eben an die Leute auf der Sonderschule anzupassen“, meinte ein Junge.
„Ja, erzähl mal“, rief Kara mir auffordernd zu und lächelte voller Hohn. „Wie ist es auf der Idioten-Schule? Hast du schon Freunde gefunden?“
Schade, dass für normale Hexen und Hexer die Magie in Morbus blockiert war. Ich hätte mich zu gerne für all die schönen Jahre mit ihnen bedankt.
„Na, hast du einen kleinen, netten, sabbernden Freund gefunden, der zu dir passt?“, fragte sie weiter in einem Tonfall, als spreche sie mit jemand vollkommen bescheuerten.
Ich ging weiter und warf ihnen im Vorbeigehen zu: „Ihr habt doch keine Ahnung.“
„Ach nein?! Dann klär uns mal auf. Es hieß, du wärst auf ein Internat für Begabte gekommen?!“
„Ja, sie ist was ganz Besonderes“, stimmte eines der Mädchen zu und betonte dabei die Worte, als stünden sie für was ziemlich bemitleidenswertes.
„Dort wird sie auch bestimmt ganz viele besondere Freunde gefunden haben.“
„Gott, den Kerl würde ich gerne mal sehen, der mit der was anfangen würde“, grölte ein Typ.
„Ja, ich kann ihn mir regelrecht vorstellen: Hornbrille, Pickel, fett wie ein Schwein, verschwitzt und kann keinen geraden Satz sprechen“, lachte Kara.
Okay, das reichte! Im Grunde hätte ich einfach weitergehen sollen, doch ich konnte es mir nicht verkneifen: „Ihr würdet euch wundern! Euch würde vor Neid die Galle hochkommen.“ Das war nicht mal nur auf Night bezogen gewesen, sondern auch auf die Schule, meine Freundinnen, die ganze aufregende Welt… Doch es war ein Fehler. Kara und die anderen bekamen sich nicht mehr ein vor Lachen.
„Du hast also echt einen Freund?!“, jauchzte sie und fuhr fort. „Hast du ein Foto? Den will ich unbedingt sehen!“
Warum gab ich mich überhaupt mit ihnen ab?! Es war sinnlos und eine absolute Zeitverschwendung. Ich wollte gehen, kam allerdings nicht weit.
„Och… Jetzt hau doch nicht gleich ab!“,
rief sie mir nach. „Wir haben uns so viel zu erzählen.“
„Hey, schaut euch den mal an. Ist der nicht heiß?“
Schlagartig blieb ich stehen und traute mich kaum, hinter mich zu blicken. Mein Herz stotterte bereits, als Kara rief. „Wow, der ist ja süß! Habt ihr ihn schon mal irgendwo gesehen?“
Offenbar war ich nun vollkommen uninteressant geworden. Verständlich, wenn man Night dabei zusehen konnte, wie er die Straße entlang geeilt kam.
„Hat es dich etwa schon erwischt, oder warum schaust du so dämlich?“, rief mir ein Mädchen zu.
Okay, vielleicht war ich nicht vollkommen uninteressant geworden.
„Nee!“, lachte Kara gellend. Und sah zwischen Night und mir hin und her. Er war inzwischen nahe genug, dass er uns hören konnte. Er kam auf mich zu, weshalb wohl jedem klar war, dass wir uns kannten.
„Ist das dein angeblicher Freund, von dem du gerade erzählt hast?! Das glaubst du doch selbst nicht!“ Sie lachte schrill, dass es mir durch Mark und Bein fuhr. Ich stand da, starrte Night an, dessen Blick zwischen Kara und mir hin und her wanderte, während er weiter auf mich zukam. Ich wollte im Erdboden versinken. Mein Gesicht war glühend heiß vor Scham, so dass ich davon ausgehen konnte, dass es auch bestimmt in den schönsten Rottönen leuchtete. Oh Gott, ich wollte sterben. Es wäre bereits ein Fortschritt gewesen, wenn ich wenigstens meine Beine dazu bekommen hätte, sich in Bewegung zu setzen, doch ich stand einfach nur da, unfähig, mich zu regen.
Nights Blick hing inzwischen an mir. Ohne zu zögern und als sei es das natürlichste der Welt, kam er auf mich zu, legte seine Hand an meine Wange und hauchte: „Hey, Schatz.“
Ich glaubte, mich verhört zu haben und versuchte aus den Worten schlau zu werden, doch da spürte ich bereits seine Lippen auf meinen. Ich konnte nicht mal die Augen schließen, starrte nur vor mich hin, während ich mich langsam unter seinem Kuss aufzulösen begann. Nichts, das ich je erlebt hatte, ließ sich mit diesem Gefühl seiner heißen Lippen, kraftvoll und zugleich unglaublich sanft, vergleichen. Ich schauderte und schloss die Augen, während mein Herz zu explodieren schien. Ganz automatisch drängte ich mich gegen ihn, bis das Blut heiß in meinen Adern rauschte und jeder Nerv in Flammen stand.
Viel zu schnell verstrich der Moment und er löste sich wieder von mir. Er lächelte, während ich um Fassung rang. Alles drehte sich um mich, mir war regelrecht schwindelig und meine Atmung ging um einiges schneller als zuvor.
Kara und die anderen starrten uns fassungslos an.
„Sind das Freunde von dir?“, fragte er, als sei nichts geschehen.
„Mitschüler“, krächzte ich.
„Gut, dass du die Schule gewechselt hast“, erwiderte er und nahm mich an der Hand. Wortlos führte er mich von ihnen fort, wobei ich ihre Blicke allzu deutlich in meinem Rücken brennen spürte. Es dauerte einige Sekunden, bis ich mich wieder soweit im Griff hatte, dass ich einen klaren Satz sprechen konnte.
„Also… ähm… das mit eben… tut mir wirklich leid.“
„Mir nicht“, sagte er und lächelte mich dabei so an, dass ich erneut zu atmen vergaß. Mit hochrotem Kopf sah ich zu Boden und wisperte: „Danke.“
„Hab ich gern gemacht“, erwiderte er mit einem unglaublichen Funkeln in den Augen.
Mittlerweile hatte er meine Hand wieder losgelassen und wir betraten zusammen den Supermarkt. Erst jetzt fiel mir auf, dass ich gar nicht wusste, was ich besorgen sollte.
„Hier, den hast du vergessen.“ Er hielt mir den Einkaufszettel entgegen, den ich peinlich berührt an mich nahm. Wenigstens hatte meine Schussligkeit auch mal zu etwas Gutem geführt. Zu etwas unfassbar Gutem…
Auf dem Rückweg versuchte ich zu einem normalen Verhalten zurückzufinden. Das war allerdings unglaublich schwer. Immer wieder musste ich an seine Lippen denken, ich konnte sie förmlich noch auf meinen spüren… schmecken…
Ich sprach mit ihm über belanglose Dinge und mahnte mich, nicht länger an den Kuss zu denken.
„Da seid ihr ja“, begrüßte uns meine Mutter, als wir zurückkamen. „Die Waffeln sind auch schon fertig, wollt ihr frühstücken?“
Wir nickten, tischten die Einkäufe auf und begannen zu essen. Allmählich wurde ich wieder etwas lockerer, konnte mich mit ihm unterhalten und meine Gedanken ordnen. Wir waren gerade mitten in ein Gespräch vertieft, als es an der Tür klingelte. Meine Mutter stand auf und öffnete sie. Ich erstarrte augenblicklich, als ich die Stimme hörte. Eisige Kälte jagte durch meine Adern. Ich sprang sofort auf und wisperte Night zu: „Mein Vater! Los, schnell!“
Ich eilte mit ihm die Treppe hinauf und spähte von dort hinunter.
Meine Mutter ging zusammen mit ihm ins Wohnzimmer. Warum hatte ich ihr nicht längst davon berichtet, dass Night von den Radrym gesucht wurde? Was, wenn sie nun etwas Unbedachtes sagte? Es genügte ein Wort und es wäre alles vorbei.
„Wie geht es Force? Hat sie die Sache gut überstanden?“, hörte ich meinen Vater fragen.
„Ja, es ist alles in Ordnung. War der Vorfall an der Schule wirklich so schlimm?“
Er stieß ein verächtliches Lachen aus. „Das ist wieder mal typisch für dich, du kannst die Vorkommnisse einfach nicht richtig einordnen. Natürlich war es schlimm. Immerhin ist der gefürchtetste aller Dämonen erschienen. Es ist unglaublich, dass er es solange in dieser fremden Gestalt ausgehalten hat.“
Oh Gott! Das konnte nur schiefgehen.
Ich musste etwas unternehmen! Ich sah Night an und wisperte: „Ich
versuch ihn loszuwerden. Aber wenn du merkst, dass es nicht klappt,
dann verschwinde von hier.“
„Mach dir keine Sorgen. Ich komm schon rechtzeitig weg“, erwiderte
er.
Ich eilte die Treppen hinab und begrüßte meinen Vater. „Schön, dass du hier bist“, sagte ich und versuchte dabei möglichst unbekümmert zu wirken. Ich spürte, wie mein Herz vor Angst hart gegen die Rippen schlug. Hoffentlich bemerkte er nichts…
„Ich wollte nach dir sehen. Wie geht es dir?“
„Gut“, erklärte ich lächelnd.
Er betrachtete mich und für einen Moment blitzte etwas wie Stolz in seinen Augen auf: „Ja, die Tochter eines Venari lässt sich nicht so leicht erschrecken.“
Ich nickte zustimmend und überlegte verzweifelt, wie ich ihn zum Gehen bewegen konnte.
„Du hast jetzt momentan sicher viel zu tun, oder?“
Er seufzte. „Allerdings, aber du kannst
dir gewiss sein, dass wir diesen Kerl finden werden. Wir ziehen
jede Möglichkeit in Betracht und überwachen diese. Die Presse wird
sich für wenigstens zwei Tage ruhig verhalten, da wir nicht mit
Sicherheit davon ausgehen können, dass er nach Incendium
zurückgekehrt ist. Wir observieren beispielsweise das Haus seines
besten Freundes und das seiner Mutter. Ich bin sicher, dass er
zumindest bei ihr früher oder später auftauchen wird. Allerdings
werden wir nicht allzu lange darauf warten können. Immerhin ist sie
mit großer Wahrscheinlichkeit ebenfalls eine Dämonin. Wir werden
sie also in den nächsten Tagen festnehmen.“
Ich versuchte möglichst interessiert und gelassen zu wirken, doch
innerlich zitterte ich. Nights Mutter hatte so nett, so erhaben
gewirkt… Ich hatte gar nicht daran gedacht, dass sie vielleicht
ebenfalls einen Dämon in sich trug…
„Er hat sich wirklich gut getarnt. Nicht mal ich habe ihn durchschaut, als er mir gegenüber gestanden hat. Ich bin nur froh, dass du dich in letzter Zeit von diesem Night ferngehalten hast. Du besitzt eben das gute Gespür eines Venari.“
Ich hielt geschockt die Luft an und sah mit einem Seitenblick zu meiner Mutter. Ich sah ihr an, dass sie verstanden und die restlichen Puzzleteile aneinandergefügt hatte. Meine Hände waren schweißnass, während ich sie still anflehte, Night nicht zu verraten.
„Nun ja, ich bin mir sicher, dass ihr Erfolg haben werdet“, sagte sie.
„Davon gehe ich aus.“ Er blickte auf seine Uhr und seufzte. „Ich muss auch schon wieder weiter. Dir geht es ja zum Glück gut, das freut mich. Ach ja, du wirst auch bald in die Schule zurückkehren können. Wir sind mit unseren Untersuchungen beinahe fertig. Ich denke, in einer Wochen wird der Schulbetrieb wieder aufgenommen werden.“ Er strahlte, während es mir das Herz zusammenzog. Sobald also schon… Damit hatte ich nicht gerechnet. Das hieß wohl, dass uns sehr bald eine Lösung würde einfallen müssen.
„Ich werde in nächster Zeit ein paar Mal in der Schule zu tun haben, dann sehen wir uns dort.“
Ich nickte und verabschiedete mich von ihm. Kaum hatte er die Tür geschlossen, wisperte ich: „Danke, Mom.“
Ich sah sie verlegen an und hoffte, dass sie Night nun nicht rausschmeißen würde.
„Schon gut. Ich habe ihn kennengelernt und glaube nicht, dass er eine Gefahr darstellt, zudem vertraust du ihm und das ist mir Beweis genug. Außerdem kann man dem Urteilungsvermögen deines Vaters keinen Glauben schenken.“ Sie seufzte. „Ich bin immer wieder überrascht, wie sehr er sich verändert hat. Seit er begonnen hat, bei den Radrym zu arbeiten, ist er nicht mehr wiederzuerkennen.“ Sie betrachtete mich und fand zu einem Lächeln zurück. In diesem Moment kam Night zu uns.
„Es tut mir leid, dass ich Ihnen solche Umstände bereite“, erklärte er.
Doch sie winkte ab. „Das machst du nicht, wirklich. Ich freue mich, dich hier zu haben und du kannst selbstverständlich so lange bleiben, wie du möchtest.“
„Danke.“
Sie nickte und versuchte zur Normalität zurückzufinden. „Habt ihr heute noch irgendetwas vor? Soll ich was kochen?“
„Ich weiß noch nicht“, gab ich zu. Der Schrecken saß mir ganz schön in den Gliedern. Beinahe wäre alles aus gewesen.
„Ich habe heute jedenfalls Nachtschicht und bin darum erst morgen früh wieder hier.“
Wir halfen meiner Mutter, den Tisch abzuräumen und gingen anschließend auf mein Zimmer. Ich setzte mich auf mein Bett, während Night mich musterte. „Tut mir leid, dass ich euch in solche Gefahr bringe.“ Er seufzte und fuhr fort. „Ich denke, dass es besser ist, wenn ich gehe.“
Ich blickte ihn erschrocken an und sprang sofort auf. „Was?! Aber du weißt doch nicht mal, wohin? Du hast selbst gehört, dass sie alle möglichen Orte überwachen. Du musst hier bleiben, bei uns bist du wenigstens sicher.“
„Du weißt selbst, dass das nur eine vorübergehende Lösung ist.“
„Uns wird was einfallen“, versuchte ich es weiter. „Wir werden irgendetwas finden, wo du unterkommen kannst.“
„Du hast keine Ahnung, in welche Gefahr du dich begibst.“
„Ich weiß aber sehr genau, dass sie nicht von dir ausgeht. Ich kenne dich! Du würdest niemandem etwas antun. Legende hin oder her, jeder hat sein Schicksal selbst in der Hand, davon bin ich überzeugt. Du bist ein freier Mensch und kannst selbst entscheiden, wohin dein Weg dich führen wird. Du sollst das Leben wählen können, das du für dich haben möchtest, ganz gleich, was irgendwer sagt oder irgendwo geschrieben steht. Du bist du und niemand anderes.“
Er schwieg eine Weile, nickte dann aber schließlich nachdenklich. „Ich hoffe, dass du recht behältst.“
„Bleibst du erst mal hier?“, fragte ich.
„Ja, bis ich mir über einige Dinge klargeworden bin.“
Mir fiel ein tonnenschwerer Stein vom Herzen. Er würde also nicht gehen. Ich war wirklich erleichtert. Wahrscheinlich wäre das ein passender Moment gewesen, um die Fragen über seine Vergangenheit zu stellen, doch ich konnte nicht. Mir fiel es weiterhin schwer, mich damit auseinanderzusetzen. Zudem hatte für mich Vorrang, mir darüber Gedanken zu machen, wie es weitergehen sollte. Wo würde er hingehen können? Wo wäre er in Sicherheit? Und was würde aus seiner Mutter werden? Konnte er einfach still zusehen, wie sie von den Radrym verhaftet wurde? Würde er eingreifen? Ich konnte es nicht einschätzen… Zudem hatte ich das Gefühl, dass auch er nicht über diesen anderen Teil in sich sprechen wollte. Vielleicht war es auch besser, wenn er sich damit nicht allzu sehr befasste. Möglicherweise fiel es ihm dann leichter, ihn zu unterdrücken.
Den restlichen Tag blieben wir sicherheitshalber in der Wohnung. Wir unterhielten uns, allerdings ließen wir das Dämonen-Thema aus. Es war erstaunlich, wie schnell die Zeit in seiner Gegenwart verstrich. Ich hätte sie am liebsten angehalten, da ich nicht wusste, wie lange wir noch so zusammen sein konnten. Leider wurde es allzu schnell Abend.
Wir aßen alleine, da meine Mutter zur Arbeit musste. Danach setzten wir uns ins Wohnzimmer und sahen einen Film an. Zunächst schwiegen wir und sahen auf den Bildschirm, doch irgendwann fragte Night: „Wie geht es Sky und Saphir?“
„Sie sind ziemlich durcheinander“, erwiderte ich nach einigem Zögern. „Aber sie halten ebenfalls weiter zu dir. Sky hat mir das selbst gesagt.“ Es wäre wohl besser, wenn ich seine Verzweiflung, seine Tränen und die Hoffnung, dass Night bald zurückkäme, ausließ.
„Ich hoffe, dass er mir eines Tages verzeihen kann.“
„Er steht zu dir, ganz genau wie Saphir und ich. Daran wird sich nie etwas ändern.“
Er betrachtete mich und lächelte. „Danke. Es ist nett, dass du das sagst.“
Ich sah in seinem Blick, dass es ihm tatsächlich viel bedeutete. Ich konnte verstehen, warum. Er hatte mit Sicherheit angenommen, dass sich alle von ihm abwenden würden, wenn sein Geheimnis erst herauskam.
„Ich bin dir und auch deiner Mutter wirklich dankbar. Auch, dass ihr mich nicht an Ventus verraten habt.“
„Mein Vater schätzt dich völlig falsch ein. Er glaubt nur dieser dämlichen Legende, alles andere zählt für ihn nicht.“
„Und was, wenn nicht er es ist, der sich irrt, sondern du?“
Er sah mich nicht an und die Worte trafen mich.
„Ich irre mich nicht. Niemand kann dich dazu zwingen, deine Bestimmung zu erfüllen. Du kannst frei entscheiden, welchen Weg du gehen willst und darum bin ich mir sicher.“
Er schwieg und sah nachdenklich drein.
Etwas anderes lag mir auf der Seele und auch wenn es mir schwerfiel, stellte ich die Frage: „Wirst du versuchen, deine Mutter zu warnen? Ich meine, sie weiß doch nicht, dass sie von den Radrym beobachtet wird…“
Er lachte, doch es klang alles andere als erfreut. „Glaub mir, keinem von uns würde so etwas entgehen. Sie weiß längst, dass sie da sind. Wenn sie wollte, könnte sie jederzeit verschwinden.“
Ich war erstaunt. „Warum bleibt sie dann?“
Er sah mich an und sein Blick brannte sich in mein Innerstes. „Dafür gibt es mehrere Gründe…“ Er senkte die Augen und fuhr fort. „Wichtig ist aber nur, dass sie jederzeit entkommen kann. Selbst wenn die Radrym sie gefangen nehmen, ist sie mächtig genug, zu fliehen.“
Ich verstand nicht, warum sie dann blieb… Wartete sie auf Night?
„Wirst du zu ihr gehen?“
„Ich bin bislang noch zu keiner Entscheidung gekommen, wie es weitergehen soll.“
Ich konnte nicht ganz nachvollziehen, dass er wirklich dabei zusehen wollte, wie seine Mutter verhaftet wurde. Auch wenn sie stark war, würde er ihr nicht beistehen wollen? Es war das erste Mal, dass ich ihn nicht verstand und er mir fremd vorkam; ein Gefühl, das mir äußerst unangenehm war.
Wir schwiegen und sahen weiter dem Film zu, doch mir war klar, dass er mit seinen Gedanken ganz woanders war. Er wirkte angespannt, ernst und verschlossen. Ich nahm mir eine Handvoll Popcorn, während ich ihn weiter von der Seite betrachtete. Da kam mir eine Idee, sie war nicht sonderlich brillant, aber vielleicht half es ja. Ich nahm die Maiskörner und begann sie nach ihm zu werfen. Ganz genauso, wie er es damals getan hatte, als ich vor lauter Anspannung nicht mehr klar hatte denken können. Er sah mich verwundert an, lächelte dann aber sofort, als er verstand. Ich warf weiter nach ihm, was er sich nicht gefallen ließ. Er nahm ebenfalls etwas aus der Schüssel und begann nach mir zu werfen. Als seine Hände leer waren und er nach neuem greifen wollte, sprang ich auf, zog die Schüssel an mich und ließ mich zurück aufs Sofa fallen.
Er versuchte irgendwie an den Topf heranzukommen, den ich jedoch schützend in meinen Armen hielt. Wir alberten eine Weile herum und ich schnappte unter Lachkrämpfen nach Luft. Plötzlich hielt er inne und ich spürte seine Augen auf mir; Hitze begann in mir aufzusteigen, während mein Puls laut in meinen Ohren rauschte. Er strich mir sanft über meine Wange und sagte: „Du bist wirklich süß.“
Für einen Moment erfasste mich ein solches Glühen, dass ich glaubte, zu verbrennen. Ich betrachtete seine Augen, seine weiche Haut und die unglaublich schönen Lippen. Gleich würde ich sie spüren und ich sehnte mich so sehr danach. Mein Herz wollte sich nicht mehr beruhigen; süße elektrisierende Blitze schossen durch mich hindurch. Night legte seinen Arm um mich, während sein Blick lodernd auf mir lag. Er zog mich an sich und wandte sich erneut dem Bildschirm zu. Enttäuschung machte sich in mir breit, allerdings verflog diese schnell. Ich lag in seinen Armen, durfte seine Nähe genießen und wurde von seinem berauschenden Duft umweht. Ich war glücklich und wünschte mir, dass dieser Moment nie vergehen würde.
Wir saßen eine ganze Weile so da, sahen den Film zu Ende und schauten anschließend den nächsten an. Ich war glücklich, fühlte mich geborgen und lauschte seinem ruhigem Atem und den gleichmäßigen Herzschlägen. Ich hätte ewig weiter so dasitzen können und alles um mich herum vergessen. Ich spürte, wie ich allmählich müde wurde, doch ich wollte um keinen Preis der Welt aus seinen Armen. Irgendwann ließ es sich jedoch nicht mehr vermeiden.
„Wollen wir schlafen gehen?“
Ich nickte langsam und setzte mich auf. Ich spürte die Enttäuschung in mir, die Sehnsucht… Doch ich versuchte, Vernunft walten zu lassen.
Wir gingen die Treppe hinauf und wünschten uns eine gute Nacht. Auf meinem Zimmer angekommen, lauschte ich den Geräuschen aus dem Badezimmer. Nachdem er fertig war, ging ich hinein und machte mich fertig fürs Bett.
Leider wollte der Schlaf nicht kommen. Ständig rasten die Gedanken durch meinen Kopf. Ich fragte mich, wo Night unterkommen konnte. Wo sollte er hin, wenn ich in die Schule zurück musste? Würde ich ihn dann noch sehen können? Wäre es möglich, dass ich bei ihm blieb? Zwischendurch kamen die Erinnerungen an den Kuss, die Umarmung in mir hoch und ein Glühen erfasste mich…
Ich schrak auf, als ich das kalte lächelnde Gesicht Devils vor mir sah. Seine Augen brannten sich in mich hinein. Ich spürte, wie ich zu Eis erstarrte und schnappte erschrocken nach Luft…
Ich war allein… Natürlich. Ich musste über meine Gedanken eingeschlafen sein und hatte geträumt. Dennoch spürte ich mein Herz rasen. Ich versuchte mich zu beruhigen, als ich Geräusche hörte. Zunächst war ich mir nicht sicher, woher sie kamen, doch da vernahm ich es erneut. Ein Ächzen… Als hätte jemand Schmerzen. Ich riss sofort die Decke von mir, sprang auf und rannte in wilder Todesangst in den Flur hinaus. Ich wusste, was gerade in Nights Zimmer geschah und das durfte um keinen Preis passieren. Ich öffnete die Tür und sah ihn auf dem Boden knien. Rauch begann sich um ihn herum zu bilden… Es blieben nur noch Sekunden.
Er ächzte, Schweiß stand ihm auf der Stirn, während die Schmerzen ihn zu zerreißen drohten.
„Night, du darfst dich nicht verwandeln!“ Ich warf mich neben ihn auf die Knie und berührte seinen Arm. Erschrocken zuckte ich zurück. Sein Körper war glühendheiß. Ich betrachtete meine Hand und sah Brandblasen daran.
„Bitte, sieh mich an“, flehte ich.
Aus seinen Pupillen zogen sich Flecken und schwarze Striche in das Blau seiner Iris. Bald würde er die pechschwarzen Augen des Dämons haben.
„Du schaffst das!“, fuhr ich unbeirrt fort. „Ich bin bei dir und ich weiß, dass du es unterdrücken kannst.“
Ich griff nach seiner Hand und drückte sie fest, während ich ihm unbeirrt in die Augen sah. Ich versuchte den Schmerz zu ignorieren, der mir die Hand verbrannte.
„Ich bin bei dir.“
Sein Blick war auf mich gerichtet; er atmete schwer und langsam zogen sich die schwarzen Striche in seinen Augen wieder zurück. Der Rauch löste sich auf und die Gefahr schien überstanden zu sein.
„Es… tut mir leid“, ächzte Night, während er versuchte, sich aufzusetzen.
„Du hast es geschafft, das ist die Hauptsache.“
Mir steckte noch immer der Schrecken in den Gliedern, doch ich hatte weiterhin keine Angst vor ihm. Ich wollte mir dennoch lieber erst gar nicht ausmalen, was geschehen wäre, wenn wir es nicht hätten verhindern können.
„Deine Hand“, murmelte er. „Hast du dich verbrannt?“
„Ist nicht so schlimm… Wird dein Körper immer so heiß, wenn… wenn es passiert?“
Er schüttelte verneinend den Kopf. „Der Rauch und die Hitze kommen nur, weil ich versuche, es zu unterdrücken. Die Temperaturerhöhung ist immer das erste Anzeichen. Normalerweise verläuft die Verwandlung aber recht schnell und ohne irgendwelche Nebeneffekte.
„Hört es irgendwann wieder auf?“, fragte ich vorsichtig.
„Ich weiß es nicht“, gab er ehrlich zu. „Faith hat mir durch den Dämon, der die Botschaft an die Wand geschrieben hat, ein Gift verabreicht. Dadurch war ich für sie sozusagen markiert. Sie wusste von da an immer, wo ich war und ich konnte nicht mehr verschwinden. Diese Substanz sorgte aber auch dafür, dass ich meine wahre Gestalt nicht mehr länger unterdrücken kann.“
Wahre Gestalt… Es fiel mir schwer, das so zu sehen. Für mich war Night, wie ich ihn kannte, sein wirkliches Ich. Mir kam es immer eher so vor, als hause ein fremder, bösartiger Teil in ihm, den es in Schach zu halten galt.
„Ich hätte viel früher verschwinden müssen“, erklärte er mit geistesabwesendem Blick. „Ich hatte gewusst, dass der Mytha nach mir suchte, aber ich wollte mein jetziges Leben nicht schon wieder aufgeben müssen und glaubte, alles im Griff zu haben. Ein ziemlich dummer Fehler.“
„Gibt es denn nichts, was wir gegen dieses Gift unternehmen können?“
„Nein, es wird mit großer Wahrscheinlichkeit auch nicht mehr nachlassen. Und selbst wenn, kann ich den Teil nicht mehr lange in mir verschließen.“
„Du darfst nicht aufgeben! Du hast es doch gerade auch geschafft.“
Er lächelte gequält. „Ja, zum Glück ist
es nicht soweit gekommen. Ich bin bereits seit so langer Zeit von
meinem wahren Wesen abgespalten, dass ich nicht mehr ich selbst
bin, wenn ich mich verwandle. Ich will mir gar nicht vorstellen,
was eben alles hätte passieren können.“
„Wenn es ein Gift gibt, das dies alles auslöst, dann doch bestimmt
auch etwas, womit man es ausschalten kann. Ich werde versuchen, in
den Büchern meines Vaters nachzuschauen, vielleicht finde ich dort
einen Hinweis.“ Ich wusste selbst, dass ich mich an Strohhalme
klammerte, aber was blieb mir anderes übrig? Ich betrachtete ihn
beinahe flehend. Ich durfte ihn nicht verlieren und spürte sehr
genau, dass ich kurz davor stand. Ich hielt meine verletzte Hand in
der anderen und sah ihn an.
„Es ist zu gefährlich“, begann er
langsam. „Ich kann es nicht riskieren, dass ich mich hier in deiner
Nähe verwandle. Ich kann es nicht kontrollieren, wäre nicht mehr
ich selbst und ich will nicht, dass dir etwas passiert.“
„Das würde es nicht“, erwiderte ich flüsternd. Ich spürte, wie er
sich immer weiter von mir entfernte. Ich startete einen letzten
Versuch. Ich griff nach seiner Hand, achtete nicht auf meine
Verletzungen und sagte: „Bitte geh nicht! Bleib wenigstens solange,
bis wir etwas gefunden haben, wo du in Sicherheit bist. Ich bin mir
sicher, dass du es schaffst den Dämon so lange in dir zu
unterdrücken.“
„Es wäre eben beinahe passiert… Wärst du nicht gekommen…“
„Aber ich war da und zusammen schaffen wir das. Bitte. Ich bleibe bei dir. Spätestens, wenn dein Körper wieder so heiß wird, würde ich es bemerken.“
Eine Weile betrachtete er mich schweigend, sah mir in die Augen und ich spürte, wie er ins Wanken geriet. Mit einem Seufzen gab er schließlich nach. „Okay.“
Er erhob sich und blickte mich an. Erst jetzt wurde mir allmählich klar, welche Folgen meine Worte hatten. Ich würde neben ihm schlafen müssen, wenn ich darauf achten wollte, ob sich seine Temperatur erhöhte. Mein Puls begann sich zu beschleunigen, dennoch ging ich auf das Bett zu, schlug die Decke zurück und legte mich hinein. Ich beobachtete ihn, wie er auf mich zukam und sich neben mir niederließ. Das Bett war nicht sehr groß, dennoch hatten wir genügend Platz, um etwas Abstand halten zu können. Es war angenehm, seine Wärme und ihn so nah bei mir zu spüren.
Er sah mich mit seinen blauen Augen an, als er sagte: „Versuch ein wenig zu schlafen, du siehst müde aus und ich wecke dich, wenn ich deine Hilfe brauche.“
„Kann… kann ich deine Hand halten?“, fragte ich. „Ich würde sie mir verbrennen, wenn es wieder passiert und dann aufwachen.“
Er nickte und reichte sie mir. Es tat gut, sie in meiner Hand zu spüren. Sie gab mir Sicherheit und das Gefühl, dass uns nichts trennen konnte. Ich hielt sie fest umschlossen, während mein Blut aufgewühlt durch mich hindurch raste.
Ich hatte geglaubt, in der Nacht unmöglich schlafen zu können. Ich war zu aufgewühlt gewesen, seine Nähe hatte mich wachgehalten; hinzu kam die Sorge, dass er sich doch verwandeln würde…
Dennoch war ich irgendwann eingeschlafen und blinzelte in die Sonnenstrahlen. Es war Morgen und offensichtlich hatten wir alles gut überstanden. Ich sah neben mich, doch das Bett war leer. Ich stand auf und klopfte am Badezimmer an, erhielt allerdings keine Antwort. Ich blickte hinein, doch es war niemand zu sehen. Als nächstes eilte ich die Treppe hinunter und ging in die Küche.
„Guten Morgen. Hast du zu deinen alten Schlafgewohnheiten zurückgefunden oder wart ihr gestern noch sehr lange auf?“, fragte meine Mutter, die gerade an ihrer Tasse Kaffee nippte.
Ich blickte zur Uhr an der Wand. Es war schon nach zehn.
„Ist Night auf?“
Sie sah mich erstaunt an. „Ich habe ihn heute noch nicht gesehen, warum fragst du?
Ich gab keine Antwort. Ein eisiger Draht schloss sich um mein Herz, drückte meine Lunge zusammen, dass ich kaum mehr Luft bekam. Ich rannte die Treppe hinauf, wäre einige Male beinahe gestolpert.
„Night?“ Doch ich erhielt keine Antwort. Ich sah in meinem Zimmer nach, doch auch hier war er nicht. Mit tauben, gefühllosen Schritten ging ich zurück in sein Zimmer. Es war noch immer leer. Warum hatte ich auch erwartet, dass er jetzt plötzlich hier stehen würde? Hatte er vielleicht nur kurz das Haus verlassen? Möglicherweise kam er gleich zurück? Doch mein schreiendes Herz sprach von etwas anderem. Da sah ich den Zettel auf meiner Kommode. Wie in Trance ging ich darauf zu und begann die Zeilen zu lesen:
Force,
ich danke dir für all das, was du für mich getan hast. Ich werde dir das nie vergessen. Ich wünschte, alles wäre anders gekommen, dass es einen gemeinsamen Weg für uns gegeben hätte, doch die Gefahr, die von mir ausgeht, ist einfach zu groß.
Ich bin zu lange
vor mir selbst geflohen, das ist mir inzwischen klar geworden. Ich
war so viele Jahre auf der Flucht, hatte nie einen Ort, der mein
wirkliches Zuhause war. Das soll sich nun ändern. Ich habe endlich
erkannt, was ich wirklich bin und wo ich hingehöre, darum werde ich
zurückkehren. Ich hoffe, dass du Recht behältst und ich mein
eigenes Schicksal finden kann.
Ich weiß, dass dich dieser Entschluss verletzen wird und das tut
mir unglaublich leid; ich habe dir nie wehtun wollen. Ich hoffe,
dass du mir eines Tages vergeben kannst.
Night
Ich hielt das Papier weiterhin in den Händen und öffnete den Schrank. All seine Sachen waren darin. Er hatte nichts mitgenommen. Da wurde es mir wohl endlich bewusst. Ich sank auf den Boden und weinte. Ein Loch von schier unendlicher Größe breitete sich in meinem Herzen aus und verschlang den Rest von mir. Zitternd hielt ich den Brief in den Händen und versank in meinem Schmerz. Er war nach Incendium zurückgekehrt und ich hatte ihn endgültig verloren.
„Gabriela?“, hörte ich eine Stimme neben mir. Meine Mutter eilte auf mich zu, kniete neben mich und nahm mich in ihre Arme. „Was ist denn nur passiert?“
Ich sah sie mit leeren, tränenüberfluteten Augen an. Ich konnte kaum sprechen, dennoch gelang es mir einen Satz herauszubringen: „Er ist weg“, krächzte ich und spürte wie der winzige Rest meiner Selbst zerbrach.