Spiel mit dem Feuer

 

„Wir wenden uns zu Beginn dieses Schuljahres den Memoiren des großen Demiror Takles zu. Ich hoffe, Sie haben alle Ihre Wörterbücher dabei und können uns nun den ersten Seiten widmen“, sagte Herr Hubbe, der Literaturlehrer.

Ich seufzte, als ich die ersten Seiten aufschlug. Ich hatte das komplette letzte Jahr benötigt, um Alt-Biramisch zu lernen und nun war die nächste Sprache dran. Hinzu kam, dass keiner außer mir so große Probleme damit hatte. Immerhin waren die anderen in Necare aufgewachsen und Sprachen wie Alt-Biramisch, Pigaranisch, Latein, Griechisch, Velarisch und Nesarus gehörten zur frühen Schulbildung dazu. Das hieß, die anderen waren mir Jahre voraus. Während ich mich noch mit der Grammatik und den Vokabeln quälte, um überhaupt den Sinn des Satzes zu erkennen, analysierten die anderen die Texte. Mittlerweile war Literatur eines meiner absoluten Hassfächer.

„Frau Clarks, welches ist die erste wichtige Aussage, die Demiror getroffen hat und trifft sie auch heute noch zu?“

Céleste schien keine Mühe mit dieser Frage zu haben. „Er sagt, dass es wichtig sei, bereits früh seinen Weg zu erkennen, ihn zu festigen und mit starkem Willen zu verfolgen. Dabei kommt es vor allem darauf an, dass dieser Weg der Gemeinschaft dient, denn nur so kann unsere Kultur bestehen bleiben und sich gegen Feinde schützen.“ Sie machte eine kurze Pause, bis Herr Hubbe nickte. „Und Ihre Meinung dazu?“

„Ich denke, dass es noch immer wichtig ist, der Gemeinschaft zu dienen. Ohne einen starken Zusammenhalt hätten wir viele Angriffe und Kriege gegen die Dämonen nicht bestehen können. Man kann das zum Beispiel deutlich am Krieg von 1005 sehen. Nur dank des festen Zusammenhalts haben wir siegen können.“

„Sehr gut“, lobte der Lehrer. Er ging ein paar Schritte hin und her, bis er die nächste Frage stellte. „Ist es aber nicht so, dass unsere Bereitschaft, füreinander einzustehen, immer geringer wird? Verlieren wir nicht allmählich unser Ziel aus den Augen? Demiror hat dazu eine eindeutige Stellung bezogen, die lautet wie, Frau Franken?“

Na toll… Ich schluckte schwer und spürte, wie sich mein Hals allmählich zuschnürte. Alle Blicke ruhten auf mir und ich konnte rein gar nichts dazu sagen. Ich versuchte verzweifelt, die einzelnen Wort und Bildklumpen, die so etwas wie eine Sprache sein sollten, zu entschlüsseln. Aber ich kam zu nichts. Ich wusste ja nicht einmal, ob ich auf der richtigen Seite war.

„Nur der Zusammenhalt kann uns vor den Dämonen retten“, flüsterte mir Shadow leise zu. „Wenn sie zerbricht, dann ist das unser Untergang. Darum muss jedem, selbst dem kleinsten Kind beigebracht werden, wer unser Feind ist und dass wir nur als Einheit gegen ihn bestehen können.“

Erleichtert wiederholte ich ihre Worte.

„Ganz genau“, sagte Herr Hubbe und wandte sich zum Glück von mir ab.

 

Als es zum Ende der Stunde klingelte, war ich unendlich erleichtert. Ich musste mich in nächster Zeit unbedingt mehr mit dieser Sprache befassen. Auch wenn mir klar war, dass ich den großen Vorsprung zu meinen Klassenkameraden nicht so bald würde aufholen können.

Thunder gähnte müde. Sie war wieder mal vollkommen gelangweilt von der Stunde. Alles, was sie nicht im Kampf gebrauchen konnte, interessierte sie in der Regel herzlich wenig.

„Das war wieder mal dermaßen öde. Ich wäre fast eingeschlafen.“

„Das würde ich auch gerne mal von mir sagen können. Ich sitze in Literatur immer wie auf glühenden Kohlen und hoffe inständig, dass ich nicht dran komme. Danke nochmal, Shadow.“

„Kein Problem und mach dir keine Sorgen. Alt-Biramisch kannst du doch inzwischen auch verflucht gut. Velarisch lernst du sicher ebenfalls schnell.“

„Wenn das Gestammel gut sein soll…“

„Du bist viel zu streng mit dir. Diesen Mist brauchst du sowieso nie wieder“, meinte Thunder. „Jetzt vergiss das erst mal.“

Wir waren gerade auf dem Weg zur Cafeteria und ich begann, mich erneut unruhig umzusehen. Ich hielt Ausschau nach Night. Seit Schulbeginn hatte ich noch kein einziges Wort mit ihm wechseln können. Allerdings schien er auch heute nicht hier zu sein.

„Suchst du nach Night?“, hakte Thunder mit einem Lächeln nach.

„Ich habe nur nach freien Plätzen Ausschau gehalten.“

„Wer´s glaubt.“

Wir stellten uns in die Reihe und luden Essen auf die Teller.

„Du wirst ihn in nächster Zeit kaum zu Gesicht bekommen“, erklärte sie weiter. „Er ist jetzt in der 16. Klasse. Da geht es ganz schön rund. Du weißt ja, dass da die Berufsberatung und sehr viele Tests und Prüfungen stattfinden, damit über die berufliche Laufbahn entschieden werden kann. Die Klassen haben in dem Jahr so viel zu tun, dass sie kaum zum Luftholen kommen. Versuch also am besten, die wenige Zeit mit ihm zu genießen, wer weiß, wie lange du noch dazu kommen wirst.“

Ich sah sie fragend an, erhielt aber gleich eine Antwort. „Na ja, es kommt danach nur noch das V1, das Vorbereitungsjahr. Es gibt viele, die für keine höhere Laufbahn geeignet sind oder es auch gar nicht wollen. Sie gehen danach von der Schule ab und in Berufsausbildungen. Wenn du also Pech hast, ist er nicht mehr lange hier.“

Night könnte also bald von der Schule gehen… Ich hielt die Ferien bereits kaum ohne ihn aus. Allein die Vorstellung, ihn gar nicht mehr sehen zu können, zerriss mir beinahe das Herz. Kein Wunder, dass ich nun so gar keinen Appetit mehr hatte und lustlos in meinem Essen herumstocherte. Meine Freundinnen schienen von meinem Stimmungswandel nichts mitbekommen zu haben. Sie waren auch viel zu abgelenkt von Risu, die sich uns näherte.

„Kann ich mich zu euch setzen?“

Es war Céleste, die freundlich lächelte und zustimmte. Dafür erhielt sie nicht nur einen bitterbösen Blick von Thunder, sondern auch einen ordentlichen Fußtritt.

„Danke, das ist nett von euch“, erklärte Risu lächelnd.

„Und hast du Duke neulich noch getroffen und mit ihm reden können?“, fragte Céleste.

„Leider nicht, aber ich habe mir fest vorgenommen, mich mit ihm beim nächsten Mal zu unterhalten.“

Während Thunder nun erst recht nicht mehr zuhörte, war Céleste weiterhin die Höflichkeit in Person und unterhielt sich angeregt mit dem Mädchen.

Kurze Zeit später sprang Risu abrupt auf, so dass der gesamte Tisch schepperte.

„Mann!“, fluchte Thunder und wollte gerade zu ein paar heftigen Worten ansetzen, als sie sah, wohin Risus Augen blickten. Duke war gekommen.

„Ich geh schnell zu ihm. Drückt mir die Daumen“, flötete sie und machte sich sofort auf den Weg.

„Das muss ich sehen!“, jubelte Thunder und drehte sich so in ihrem Stuhl, dass sie perfekte Sicht hatte. Was sie sagte, konnte man nicht verstehen, doch Dukes verwirrter und grimmiger Blick sprach Bände. Allerdings ließ sich das Mädchen davon nicht beirren. Sie dribbelte einfach neben ihm her, als dieser sie stehen lassen wollte. Selbst seine Freunde schienen nicht recht zu wissen, wie man mit ihr umgehen sollte. Thunder brach in schallendes Gelächter aus, als sich Risu wie selbstverständlich auch noch zu Duke an den Tisch setzte.

„Die lässt sich wirklich nicht schnell in die Schranken weisen“, meinte sie mit fast so etwas wie Anerkennung in der Stimme.

Mich interessierte das Ganze momentan herzlich wenig. Es hatte wenig Sinn länger hier herum zu sitzen, darum stand ich auf und sagte: „Ich geh schon mal. Bis später.“

Die anderen nickten nur und verfolgten weiterhin, wie Risu Duke allmählich zur Weißglut trieb.

 

Unterwegs begegnete ich niemandem; die meisten waren beim Essen oder befanden sich in den Aufenthaltsräumen. Mir war es ganz recht, so konnte ich besser nachdenken. Als ich das nächste Mal aus meinen Gedanken schreckte, bemerkte ich, dass meine Füße mich ganz selbstverständlich zu Nights Lieblingsplatz getragen hatten. Doch die Fensterbank, auf der er immer gesessen hatte, war leer. Es war auch nicht verwunderlich. Seit der Schnitzeljagd war dieser Platz leider nicht mehr allzu geheim, weshalb er sich hier wohl kaum noch aufhielt.

Als nächstes streifte ich an den Klassenzimmern entlang und beschloss, ein wenig hinaus zu gehen, bis der Unterricht weiterging. Es war zum Glück nicht allzu kühl, so dass ich im T-Shirt rausgehen konnte, ohne zu frieren. Die Sonne schien warm auf mich herab und der blaue Himmel strahlte wolkenlos.

Ich ging in den am Schulgebäude angrenzenden Wald und folgte dabei einem der Pfade. Irgendwann schien mir wieder die Sonne entgegen. Erstaunt sah ich vor mich und blickte auf eine wunderschöne Lichtung. Sie war recht weit abgelegen und ich selbst hatte bisher nichts davon gewusst. Ich sah einige Bänke, die dort aufgestellt waren und zum Verweilen einluden. Ich ging ein paar weitere Schritte, als ich wie angewurzelt stehen blieb. Jemand saß grazil und entspannt auf einer der Bänke; hatte Bücher und Papiere um sich ausgebreitet und schien zu lernen. Er hatte mich inzwischen ebenfalls bemerkt und lächelte mir zu. Wie von Geisterhand setzten sich meine Beine in Bewegung. Angezogen von den tiefblauen Augen und dem warmen Lächeln, mit dem er mich betrachtete. Als ich fast bei ihm angekommen war, schob er seine Papiere beiseite, so dass ich mich neben ihn setzen konnte.

„Schön, dich zu sehen“, begrüßte Night mich.

Ich lächelte und fragte: „Ist das dein neuer Geheimplatz?“

„So kann man es nennen. Unser altes Versteck ist inzwischen ja ziemlich bekannt.“

Er blickte mich kurz an und sprach weiter: „Wie waren die Ferien?“

Das war ein Thema, das ich lieber vergessen hätte. „Ging so. In der letzten Woche war ich bei meinem Vater zu Besuch.“
Er nickte wissend „Und wie war´s?“

Ich verzog beinahe unglücklich das Gesicht, als ich mich daran zurück erinnerte. „Ich habe eigentlich nicht viel Zeit mit ihm verbracht. Er war so gut wie nie zuhause, was mir nach einigen sehr stummen und unangenehmen Essen fast schon lieber war.“
„Und bist du traurig darüber?“

Die Frage überraschte mich. Keiner war ab diesem Punkt der Erzählung weiter darauf eingegangen. Sie hatten es mit Floskeln abgetan. Darum hatte ich im Grunde auch nie weiter darüber nachgedacht. Wenn ich nämlich tief in mich hinein hörte, war da zwar eine gewisse Traurigkeit, aber vor allem spürte ich auch so etwas wie eine Bestätigung meiner bisherigen Gefühle.

Ich schüttelte darum den Kopf: „Sagen wir mal, es hält sich in Grenzen.“

Night lächelte mich an und schon begann sich alles wieder in meinem Kopf zu drehen. Um ihn nicht weiter anzustarren, zwang ich meinen Blick auf den Boden. „Wie waren deine Ferien? War es sehr schlimm?“

Auf Grund der Geschehnisse in Moorsleben und Dukes Lügen hatte Night in den Sommerferien an der Schule bleiben und dem Personal helfen müssen.

„Nein, es war eigentlich gar nicht so übel. Es gibt viele nette Leute, die hier an der Schule arbeiten und die man sonst nicht mal zu Gesicht bekommt.“
Ich erinnerte mich dabei an den Satz, den er Duke dazu gesagt hatte. „Besonders die Mädels in der Wäscherei sind klasse, wenn du weißt, was ich meine.“

„Es ist schön, dass es nicht allzu schlimm war“, sagte ich.

Als hätte er meine Ängste in diesem Moment erkannt, erklärte er „Es war eigentlich recht locker. Die Frauen in der Küche und in der Wäscherei waren wirklich nett. Ich habe ihnen wohl ziemlich leidgetan, so dass sie mich meistens gehen ließen. Ich musste eigentlich nur beim Hausmeister und beim Putzen richtig arbeiten.“

Mir fiel ein Stein vom Herzen. Es sah also nicht danach aus, als ob er sich mit irgendwelchen Mädchen amüsiert hatte. Ich blickte beiseite und betrachtete dabei seine Schulsachen.

„Du musst im Moment wohl viel lernen.“

„Ja, ist schon einiges, aber es gibt zwischendurch immer mal wieder ruhigere Zeiten.“

„Weißt du denn schon, was du später mal machen willst?“ In diesem Moment konnte ich nicht anders, als ihm endlich wieder in die Augen zu blicken. Ich hoffte inständig, dass er meine Sorge darin nicht lesen konnte, doch ich machte mir keine allzu großen Hoffnungen.

„Ich habe noch keine konkreten Vorstellungen. Ich will aber erst mal so lange wie möglich an der Schule bleiben.“

Ich war erleichtert. Er würde also nicht aus freien Stücken von der Schule gehen.

„Weißt du denn schon, was du mal machen willst?“

Ich lachte kurz auf „Ich?! Ich bin schon froh, wenn ich das Schuljahr überstehe. An einen Beruf wage ich noch nicht mal zu denken. Die anderen haben da schon sehr konkrete Vorstellungen. Thunder will unbedingt zu den Radrym gehen, aber das wäre überhaupt nichts für mich.“

„Hmm, könnte ich mir für mich auch nicht vorstellen.“

„Dank dem Besuch bei meinem Vater weiß ich wenigstens, dass ich auf keinen Fall bei den Radrym arbeiten oder so ein Leben führen möchte wie er.“

„Du willst also auf Ruhm und Reichtum verzichten? Das ist wirklich ungewöhnlich“, erwiderte er mit diesem schiefen Lächeln.

„Wenn das bedeutet, dass ich Diener und Sklaven haben muss, verzichte ich gerne. Ich war ehrlich geschockt, als ich das gesehen habe. Immerhin sind sie Menschen und kein Abfall, der nur dazu da ist, hinter einem aufzuräumen. Schlimmer fand ich aber noch den Sklaven. Man kann doch kein Wesen aus seiner Welt reißen und es wie Abschaum behandeln…“ Ich biss mir förmlich auf die Zunge. Wahrscheinlich würde Night nun genauso entsetzt darüber sein, wie meine Freundinnen auch.

Er blickte mich jedoch nur an. Es lag darin etwas wie Erstaunen und ja… Bewunderung. Konnte das sein?!

„Es ist toll, dass du dir so viele Gedanken um andere machst. Du bist wirklich etwas Besonderes.“ Seine Augen blickten mich dabei so intensiv an, dass mein Herz zu rasen begann. Was sollte ich nur tun? Ich war außer Stande wegzusehen.

„Ich wollte dich noch etwas fragen. Ich habe bald Geburtstag. Sky und Saphir wollen am darauffolgenden Samstag ein bisschen feiern. Wir haben Freikarten für einen Vergnügungspark. Habt ihr Lust, mitzukommen?“

Wie versteinert starrte ich ihn an. Er lächelte, als er mein Erstaunen sah.

„Heißt das nun ja oder nein? Ich würde mich wirklich freuen, wenn du mitkommen würdest.“
„Ja! Ja, ich bin dabei“, krächzte ich.

„Ich freue mich darauf“, sagte er. „Kommst du mit zurück zur Schule? Der Unterricht geht gleich weiter.“

Ich nickte und ging neben ihm her. Sein Geburtstag war bereits nächste Woche und ich würde mit ihm den Samstag verbringen dürfen!

 

Céleste und Shadow wollten mitkommen, nur Thunder stellte sich wieder mal quer. „Sky kommt also auch mit. Und ihr denkt, dass ich so blöd bin und mich mitschleppen lasse?! Nein, danke. Wenn der Kerl dabei ist, bleib ich hier.“

„Jetzt stell dich verdammt nochmal nicht so an“, sagte Shadow mit einem Ächzen. „Du willst den Samstag doch nicht hier alleine, schmollend im Zimmer verbringen, oder?“

„Das wird sicher lustig“, versuchte es Céleste. „Wir werden alle möglichen Sachen fahren und können uns richtig den Bauch vollschlagen. Und denk daran der Eintritt ist umsonst.“

„Okay, legt noch eine Portion Pommes und Eis obendrauf und ich bin dabei“, feilschte sie.

„Von mir aus“, gab ich nach.

„Oh, das ist so toll!“, freute sich Céleste. „Das wird sicher ein schöner Tag. Ich war schon lange nicht mehr in einem Vergnügungspark.“

Ich konnte den Samstag ebenfalls kaum erwarten. Ich freute mich sehr darauf, Night sein Geschenk zu geben. Auch wenn ich etwas Angst hatte, dass es ihm am Ende nicht gefallen würde.

 

„Bei der Herstellung gilt äußerste Vorsicht“, mahnte unsere Trankkundelehrerin Frau Carré. „Passen Sie bitte auf, dass Sie mit den Flüssigkeiten nicht in Berührung kommen, die Nebenwirkungen sind äußerst unangenehm.“

Ich ließ vorsichtig den ersten Bestandteil in den Glaskolben gleiten und gab zwei Mikrogramm einer zermahlenen Pflanze namens Schafsgertel hinzu. Ich entzündete den Bunsenbrenner und begann das Gemisch langsam zu erhitzen. Während der Dampf allmählich aufstieg, gab ich weitere Zutaten hinzu und öffnete den Wasserzufluss.

Thunder, die neben mir stand, fluchte bereits. Der Dampf stieg viel zu schnell auf, die Flüssigkeit blubberte und brodelte und war kurz vorm Überkochen. Sie zog den Bunsenbrenner weg und versuchte die Wasserzufuhr zu öffnen, verbrannte sich jedoch an dem Glas und fluchte in den derbsten Tönen.

„Frau Gronau?“, fragte die Lehrerin. „Sind Sie etwa in Kontakt mit einer der Substanz gekommen?!“

Ich musste schmunzeln. Wir waren gerade dabei, einen Wuttrank zu brauen, doch Thunder war auch ohne diesen ständig kurz vorm Explodieren.

Sie sah Frau Carré verwundert an. „Nein.“

Die Lehrerin schüttelte resigniert den Kopf. „Dann passen Sie bitte ganz besonders auf, ich will gar nicht wissen, was ansonsten passiert.“

Ja, die Vorstellung konnte einem wirklich Angst machen…

Ich wog ein weiteres Pulver ab und fügte es vorsichtig hinzu, anschließend musste ich die Temperatur langsam erhöhen. Der fertige Trank sollte sehr beliebt und vielfältig einsetzbar sein. Manche benutzten ihn in abgeschwächter Form selbst, um sich für einen Kampf moralisch zu stärken. Überwiegend wurde er jedoch bei Feinden angewandt, die darauf kopflos und konfus handelten und damit leichter zu besiegen waren.

Gegen Ende der Stunde brachten wir unsere fertigen Tränke nach vorne. Sie alle waren von unterschiedlich intensiv orangener Farbe.

„Mann, pass doch auf!“, patzte ein Mitschüler Céleste an, gegen die er gerade gestoßen war.

Sie sagte nichts dazu, obwohl es eindeutig die Schuld des Kerls gewesen war. Sie war einfach viel zu sanft.

Nach dem Klingeln machten wir uns auf den Weg zur Cafeteria.

„Sollen wir gleich nach dem Essen mit den verdammten Hausaufgaben anfangen?“, fragte Shadow.

„Ach nö“, jammerte Thunder „muss das heute sein? Wir können sie doch auch morgen machen.“

„Reiß dich zusammen“, mischte sich Céleste ein. „Überleg doch mal, wo du hier bist?! Da gehört ein gewisses Maß an Arbeitsaufwand eben dazu, aber dir ist immer alles zu viel. Kannst du eigentlich auch noch was anderes, als rum zu jammern?“

Wir blickten Céleste vollkommen überrascht an. Selbst Thunder schien es die Sprache verschlagen zu haben.

„Äh… Alles okay mit dir?“, fragte Shadow vorsichtig nach.

„Natürlich, warum auch nicht. Ich kann nur dieses ständige Rumgeheule nicht ertragen.“

„Wer heult hier?!“, brauste Thunder sofort auf.

„Na wer wohl!“, schrie Céleste zurück.

„Wow, was ist denn hier los?“, mischte sich Sky ein, der eben zusammen mit Saphir den Flur entlang kam. Er grinste dabei breit und betrachtete uns amüsiert, während Saphir neben ihm stand und argwöhnisch die Brauen runzelte.

„Misch du dich da nicht ein!“, fuhr Thunder ihn an.

„Genau, das geht dich gar nichts an!“, brüllte Céleste.

„Hey, ganz langsam. Ihr seid aufeinander wütend, nicht auf mich.“

„Jetzt beruhigt euch mal wieder“, versuchte ich es.

„Beruhigen?!“, schrie Céleste und ihre Wangen liefen rot an vor Zorn. „Wie soll man sich hier beruhigen. Jeden Tag darf ich mir von irgendwelchen Schwachköpfen ihren Mist anhören! Mir steht es bis hier, habt ihr das verstanden!“ Sie deutete mit der Handfläche über ihren Kopf.

„Du meinst ja wohl hoffentlich nicht mich?“, fragte Thunder mit wütendem Unterton. 

„Das fragst du noch?!“
„Mann, was ist denn in dich gefahren?“, hakte Sky nach, dem es allmählich keinen Spaß mehr zu machen schien.

Inzwischen waren einige andere Schüler stehen geblieben und sahen uns belustigt zu.

„Frag nicht so blöd und kümmer dich um deinen eigenen Mist. Davon gibt es ohnehin genug. Und ihr!“, fuhr sie die Herumstehenden an, die hin und wieder amüsiert kicherten. „Was glotzt ihr so blöd?! Gibt es hier irgendwas Lustiges zu sehen?!“
„Ja“, antwortete ein Junge „eine Irre.“

„Wie nennst du mich?!“, fragte Céleste mit kalter Stimme nach. Plötzlich begann sie mit dem Fuß im Takt ihrer Worte zu stampfen: „WIE NENNST DU MICH?!“

„Céleste, jetzt versuch dich mal wieder zu beruhigen“, mischte sich Saphir ein.

Es sah allmählich wirklich angsteinflößend aus. Sie stampfte mit knallrotem Kopf und wutverzerrten Augen wie Rumpelstilzchen höchstpersönlich auf dem Boden herum.

„Ihr könnt mich alle mal!“, schrie sie und begann im Kreis auf und abzuspringen und die Worte immerzu zu wiederholen.

Wir standen einen Moment lang da und sahen ihr zu, wie sie im Kreis hüpfte und ununterbrochen schrie: „Ihr könnt mich alle mal! Ihr Idioten! Ihr Hohlköpfe!“

„Hat sie irgendwas genommen?“, fragte Sky, der Céleste verdutzt hinterher starrte.

Ich wollte schon verneinen, als es mir endlich einfiel. „Der Wuttrank!“ Sie musste etwas davon auf die Haut bekommen haben.

„Dann bringen wir sie wohl besser auf die Krankenstation“, meinte Saphir. Wir nickten und begannen uns um Céleste herum zu verteilen.

„Ich gehe nirgendwohin!“, schrie sie.

„Du hast keine Wahl!“, erklärte Sky grinsend, der sich ihr näherte, als sei sie ein verwundetes Tier, das es einzufangen galt.

Sie ging ein paar Schritte rückwärts und als sie losrennen wollte, stürzten wir uns auf sie. Es gab ein schreckliches Gerangel, wobei ich einige Fußtritte und Schläge abbekam; Zauber zischten kurz umher, doch dann hatten wir sie.

Saphir hatte ihr mit einem Spruch die Hände auf den Rücken gefesselt und Sky warf sich die tobende Céleste kurzerhand über die Schulter.

„Lass mich sofort runter, du blauköpfiger Hohlschädel!“ Sie zappelte und strampelte, doch Sky hielt sie fest.

„Du machst Thunder ja wirklich Konkurrenz“, er blinzelte diese herausfordernd an. „Wenn du so weiter machst, verlieb ich mich noch in dich.“

„Oh tu dir keinen Zwang an“, knurrte Thunder zurück.

„Pah! Dich würd ich nicht mal mit einer Kneifzange anfassen!“, schimpfte Céleste.

„Oh wieder eine, die du mit deinem Charme fesselst“, meinte Thunder.

„Quatsch, das ist bloß pure Leidenschaft“, erwiderte er grinsend.

„Könnt ihr das mal lassen?“, ächzte Saphir. „Es reicht doch wohl, wenn wir Célestes Gebrüll zuhören müssen.“

„Spielverderber“, murrte Sky, blieb aber tatsächlich ruhig.

Auf der Krankenstation nahm die Ärztin unsere Freundin in Empfang.

„Sie ist also in Kontakt mit dem Wuttrank gekommen?“, fragte sie nach.

Wir nickten. „Sie führt sich seither so auf“, erklärte Shadow.

„Da können wir leider nicht viel mehr machen, als abzuwarten, bis die Wirkung nachlässt“, erklärte sie und zeigte Sky, wo er sie ablegen konnte.

„In diesem Zimmer kann sie sich austoben. Spätestens heute Abend müsste sie wieder normal sein.“

Sky legte Céleste auf ein Bett und wir verließen den Raum. Allerdings hörten wir sie selbst hinter der geschlossenen Tür rumschreien.

„Macht euch keine Sorgen, es geht ihr bald wieder besser.“

Wir nickten und verabschiedeten uns.

 

Shadow, Thunder und ich waren auf unserem Zimmer und warteten noch immer auf unsere Freundin. Wir hatten keine Nachricht mehr über ihren Zustand erhalten und auch zum Abendessen war sie nicht erschienen.

„Wer hätte gedacht, dass sie so austicken kann?“, murmelte Thunder.

„Da siehst du mal, was wir mit dir ständig durchmachen“, antwortete Shadow.

„So daneben hab ich mich noch nie benommen!“

In diesem Moment wurde die Türe geöffnet und Céleste trat ein. Sie sah uns vorsichtig an, ihre Wangen waren noch immer gerötet.

„Wie geht es dir?“, fragte ich. „Alles wieder in Ordnung?“

Sie nickte. „Ich kann mich an nichts mehr erinnern, aber ich war bestimmt schrecklich. Das ist mir so unangenehm“, gab sie kleinlaut zu.

„So schlimm war es auch wieder nicht“, meinte Shadow. „Es war zwischendurch sogar verflucht witzig.“

„Oh Gott, ich glaube, ich kann froh sein, dass ich nichts mehr davon weiß“, meinte Céleste und ließ sich erschöpft in ihr Bett fallen.

Wahrscheinlich lag sie damit gar nicht so falsch…  

 

An Nights Geburtstag herrschte heilloses Chaos unter den Mädchen. Sobald er irgendwo auftauchte, war er auch gleich von etlichen umringt, die ihm ihre Geschenke überreichen wollten.

Ich betrachtete das Geschehen mit rasendem Puls und wartete auf die passende Gelegenheit, ihm meines zu geben. Es sollten auf keinen Fall so viele Leute dabei sein. Am liebsten wäre es mir gewesen, ich hätte es ihm unter vier Augen überreichen können. Je später es allerdings wurde, desto weniger Hoffnung machte ich mir diesbezüglich.

„Du hast wohl auch ein Geschenk?“, stellte Thunder fest, als wir gerade auf dem Weg zu Dämonologie und Accores waren.

„Wie kommst du darauf?“

„Das ist wohl kaum zu übersehen. Ständig hältst du nach ihm Ausschau und zwar noch viel schlimmer als normalerweise. Du wartest auf den richtigen Augenblick, oder?“

„Ich weiß nicht, wovon du redest.“

„Jetzt sei nicht so“, fuhr Thunder grinsend fort. „Sag schon, was hast du für ihn?“

„Warum willst du das wissen? Du findest die ganze Sache doch ohnehin bescheuert?“

„Trotzdem möchte ich sehen, was du für ihn hast.“
Hilfesuchend sah ich zu Shadow und Céleste, doch die beiden setzten sich bereits auf ihre Plätze. Thunder und ich taten es ihnen gleich. Ich holte Stifte, Buch und Schreibblock heraus und wartete auf das Erscheinen von Herrn Gnat. Für Thunder dagegen schien es momentan nichts Wichtigeres zu geben, als die Frage nach dem Geschenk.

„Du hast es doch dabei, oder? Komm schon. Hol es raus.“
„Hör jetzt auf. Ich werde es dir ganz sicher nicht zeigen und schon gar nicht hier, wo es jeder sehen kann.“

„War es teuer? Dir würde ich wirklich zutrauen, dass du dich für ihn auch noch in Unkosten stürzt.“

In diesem Moment trat der Lehrer ein. Beinahe freute ich mich über sein Erscheinen, immerhin konnte sie mich jetzt nicht weiter löchern. Andererseits war seine Anwesenheit auch nicht wirklich angenehm. Wie immer überflog er mit diesen unruhigen Augen die Klasse. Anschließend forderte er mit krächzender Stimme: „Holen Sie die Bücher heraus und schlagen Sie Seite 196 auf. Ich gehe davon aus, Sie alle haben die Hausaufgaben gemacht und können folgende Fragen beantworten.“
Ich war angespannt. Zwar versuchte ich immer, besonders in diesem Fach, gewissenhaft meine Aufgaben zu erfüllen, doch Herr Gnat war eine dermaßen unberechenbare Person, dass ich ständig völlig durcheinander kam, wenn er mich aufrief. Ein Trost war, dass es den anderen genauso erging. Wenigstens würde er heute nicht wieder einen seiner gefürchteten Kämpfe starten.

Während die anderen ihre Bücher heraus kramten und der Lehrer langsam vor seinem Pult auf und abschritt, rutschte Thunder näher zu mir. „Jetzt sag schon. Ich werd dich auch ehrlich nicht auslachen.“

„Nicht jetzt!“, zischte ich zurück.

„Herr Tokima, sagen Sie uns doch bitte, welche drei Schritte man unternehmen muss, wenn man von einem Toxiger verletzt worden ist?“
Der Angesprochene zuckte erschrocken hoch und begann zu stammeln: „Ähm… also das war… Die… die Wunde öffnen… Zweitens…“

Herr Gnats Augen blitzten und seine Faust donnerte auf den Tisch. Ein Knall hallte durch das Zimmer, als sie aufprallte, der uns allesamt hochschrecken ließ.

„Sie sehen also offenbar keinen Grund darin, Ihre Hausaufgaben zu erledigen?! Ist es nicht so?! Sie denken, Ihnen wird so etwas schon nicht passieren?!“ Seine Augen zuckten über die Klasse, blieben an Tokima hängen und nahmen einen kalten, hasserfüllten Ausdruck an. „Sie verlassen jetzt sofort mein Klassenzimmer und ich rate Ihnen, sich nochmals gut über den Toxiger zu informieren. Nach der Stunde werde ich Sie diesbezüglich abfragen und sollten Sie ihre Lektion noch immer nicht gelernt haben, ist es wohl das Beste, Sie den Dämon einmal persönlich kennenlernen zu lassen. Vielleicht verstehen Sie dann.“ Seine Stimme war leise geworden, ein raues, heißeres Flüstern, das einem kalte Schauer über den Rücken jagte. Herr Gnat sah zu, wie Tokima sich mit zitternden Beinen erhob und den Raum verließ. Kaum war die Tür ins Schloss gefallen, schlug der Lehrer die Hände zusammen, grinste schief und quietschte mit hoher, irrer Stimme: „Wirklich unerfreulich so etwas.“ Er ließ seinen Kopf auf und ab nicken, als wolle er seine eigenen Worte bestätigen: „Aber manche lernen es einfach nicht. Nein, sie lernen es einfach nicht. Da fällt mir ein!“ Sein Blick huschte nach oben und betrachtete uns alle nun wieder mit diesen flackernden Augen. „Ich habe die richtige Antwort noch gar nicht erhalten. Frau Lamka, seien Sie doch bitte so nett.“

Während das Mädchen sich erhob und es besser zu machen versuchte, rutschte Thunder noch näher zu mir und begann zu flüstern: „Mann, mir ist langweilig und ich will jetzt endlich wissen, was du für ihn hast. Warum bist du nur so verstockt?!“

„Frau Gronau, wollen Sie uns nicht allen mitteilen, was so wichtig ist, dass Sie mitten im Unterricht ein Schwätzchen halten?!“ Sein Kopf ruckte bei jedem Wort von einer Seite zur anderen und seine Pupillen starrten uns wie große, schwarze Löcher entgegen.

„Ich habe nur gerade gesagt: Der zweite Schritt beinhaltet, dass man mit einem silbernen Messer die Wunde ausschabt und zum Abschluss Behiner Kraut darauf legt.“

„Sie scheinen ja bestens informiert zu sein“, knurrte er. „Können Sie mir dann auch sagen, wann eine solche Verletzung absolut tödlich ist?“

„Bei Neumond“, antwortete sie wie aus der Pistole geschossen.

„Gut“, erwiderte er, wobei seine Zähne vor Wut knirschten. „Ich denke, ich werde Sie nun öfters zu Wort bitten.“ Seine Augen verengten sich zu kleinen finsteren Schlitzen, doch erneut schien seine Drohung nicht das zu erzielen, was er beabsichtigt hatte. „Ich werde demnächst bestimmt auch auf Sie zurückkommen und gegen einen Dämon antreten lassen.“

Das hatte ich kommen sehen. Thunder ließ sich zwar nichts anmerken, doch keiner von uns stellte sich gerne einem von Gnats Monstern. Ich sah betreten zu Boden und fühlte mich mitschuldig. Hätte ich nur eher nachgegeben. Ich kannte meine Freundin doch gut genug und hätte es kommen sehen müssen. Dank meines schlechten Gewissens und als eine Art Friedensangebot beugte ich mich vorsichtig zu meinem Rucksack hinunter und holte das Armband heraus. Ich setzte mich wieder aufrecht hin und linste zu ihr hinüber. Sie schien nun aber doch dem Unterricht zu folgen. Ich zischte leise, um ihre Aufmerksamkeit zu erregen, während ich das Band weiterhin in meinen Händen, unter dem Tisch verborgen, hielt.

„Thunder“, versuchte ich es noch einmal.

„Kann ich Ihnen vielleicht helfen?“, fragte die kalte Stimme von Herrn Gnat.

„Nein… ähm, es war nichts.“

„Ach?!“ Er kam langsam auf mich zu. Ich beobachtete ihn aus den Augenwinkeln, während sich mein Magen verknotete. Wo sollte ich das Band nur hin tun? In die Tasche konnte ich es nicht stecken, ohne mich hinab zu beugen und hinzusehen. Ich versuchte es irgendwie zwischen Knien und Händen zu verbergen. Der Lehrer kam immer näher und stand schließlich neben mir. Er blickte mich drohend an, während ich vor Anspannung die Luft anhielt. Ich konnte nicht nur seinen Blick, sondern den der ganzen Klasse auf mir spüren. Es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis er endlich wieder etwas sagte.

„Wären Sie so freundlich, uns allen zu zeigen, was Sie da unter der Bank verstecken?!“

„Nichts…“, stammelte ich. Ich hätte mich dafür ohrfeigen können, dass ich nicht mal annähernd überzeugend klang.

Er baute sich vor mir auf und streckte seine Hand aus; er bebte vor Zorn. „Geben Sie es mir oder Sie werden mich kennenlernen. Seien Sie sich dessen gewiss: Wie Sie sich auch entscheiden, ich bekomme, was Sie da verstecken!“ Seine Augen traten aus seinem Kopf hervor, sein Hals war glühend rot und eine dicke Ader pochte an seiner Schläfe. Mit zitterenden Händen gab ich ihm das Band. Er betrachtete es und schmunzelte amüsiert. „Nein, wie niedlich. Sie glauben an Runen?! Selbst Ihnen hätte ich mehr Verstand zugetraut.“ Fröhlich und beschwingt schritt er zum Lehrerpult, öffnete etwas dahinter und legte das Band hinein.

„Wenden wir uns an dieser Stelle nun wieder der richtigen Magie zu.“

Ich konnte nicht mehr nach oben blicken. Wie versteinert saß ich da und starrte auf mein Buch. Thunder blickte mich hin und wieder an, doch es dauerte eine Weile, bis sie sich traute, etwas zu flüstern: „Hey, es tut mir leid… Das wollte ich nicht.“

„Ist schon gut“, wisperte ich leise. Es war meine eigene Schuld gewesen.  

Nach der Stunde blieb ich sitzen, bis alle gegangen waren. Meine Freundinnen hatten mich aufgefordert, mitzukommen, doch ich hatte nur ein „Gleich“ gemurmelt und war weiter auf dem Stuhl verharrt. Nicht einmal meine Sachen hatte ich eingeräumt.

„Wir warten dann draußen“, erwiderten sie zögernd und ließen mich im Zimmer zurück. Erst jetzt räumte ich zusammen und versuchte, meinen restlichen Mut zu mobilisieren. Mit einem Seufzen erhob ich mich langsam und ging zu Herrn Gnat.

„Es tut mir leid, Ihren Unterricht gestört zu haben. Es wird nicht wieder vorkommen“, murmelte ich leise, ohne ihm in die irren Augen zu sehen. Auch so bekam ich mit, dass er mit seinen dünnen Lippen ein schmales, ekelhaftes Grinsen aufgesetzt hatte.

„Das will ich auch hoffen. Gibt es sonst noch etwas?“

Ich unterdrückte ein Seufzen und sagte: „Ich wollte Sie bitten, mir das Armband wiederzugeben.“

„Nun, das tut mir leid. Ich gebe eingesammelte Gegenstände grundsätzlich nicht zurück. Ich sammle und vernichte sie nach einer Weile. Ich hoffe, das ist Ihnen eine Lehre.“ Damit nahm er seine Tasche und wollte das Klassenzimmer verlassen. Zunächst stand ich fassungslos da, doch dann kam Leben in mich. Er wollte Nights Geschenk vernichten?! Sofort hastete ich Herrn Gnat hinterher, um mich ihm in den Weg zu stellen. Er verzog missbilligend das Gesicht, als ich vor ihm stand.

„Was noch? Ich denke, es ist alles gesagt worden.“

„Hören Sie bitte, ich brauche das Armband wieder. Es ist wichtig, wirklich.“

„Das kann ich mir schon denken, dennoch hätten Sie sich das vorher überlegen müssen.“

„Sie können es doch nicht einfach behalten.“

„Und wie ich das kann. Schlagen Sie es sich am besten aus dem Kopf.“

„Das kann ich nicht!“, allmählich überschwemmten mich immer mehr Gefühle. Panik, Angst und vor allem Wut. „Bitte, es ist ein Geschenk.“

„Ich dachte mir bereits, dass ein Männerarmband nicht für Sie selbst ist. Zudem entgeht auch uns Lehrern nicht der Tag, an dem hier alles kopfsteht, weil ein gewisser Herr Reichenberg Geburtstag hat. Er wird auf ein Geschenk weniger mit Sicherheit gut verzichten können.“

„Aber…“

„Nichts aber!“, seine Stimme überschlug sich, Speicheltropfen flogen in hohem Bogen umher und ich war mir sicher, dass die Ader an der Schläfe jeden Moment platzen würde.

Ich schrak einen Schritt zurück, öffnete den Mund, um etwas zu sagen, schloss ihn aber gleich wieder. Es hatte keinen Sinn. Ich kam nur in Teufelsküche, wenn ich so weiter machte.

„Entschuldigen Sie…“, stammelte ich und wollte das Klassenzimmer verlassen.

„Es sieht einer wie Ihnen ähnlich, solchen Ramsch zu kaufen. Glauben Sie mir, ich tue Ihnen sogar einen Gefallen damit, es nicht zurückzugeben.“ Er betrachtete mich voller Hass, als er fortfuhr. „Wie fühlt es sich eigentlich an, mit der Gewissheit zu leben, dass Sie nur Dank Ihres Vaters hier an der Schule sind? Lebten wir in einer gerechten Welt, würde so etwas wie Sie nicht einmal den Fuß über diese Schwelle setzen dürfen. Ich an Ihrer Stelle würde mich schämen, doch wahrscheinlich sind Sie auch noch stolz darauf, nicht wahr?!“

Heißglühender Hass raste durch meine Adern, doch ich wandte mich wortlos um und verließ den Raum. Draußen erwarteten mich meine Freundinnen. Thunder war die erste, die auf mich zueilte. „Hey, es tut mir leid. Das war doch das Geschenk für… ?“

Ich ging einfach weiter. In meinem Kopf drehte sich alles. Dieser verfluchte Mistkerl! Am liebsten hätte ich ihm ebenfalls ein paar entsprechende Worte an den Kopf geworfen! So einfach würde ich das nicht auf mir sitzen lassen!

„Verflucht, bleib stehen!“, sagte Shadow und packte mich am Arm.

„Ich muss das Armband wiederbekommen!“, erklärte ich.

„Das kann ich ja verstehen“, fuhr sie fort. „Nur wird das verdammt nochmal nicht gehen. Gnat ist bekannt dafür, dass er in dieser Hinsicht unerbittlich ist. Einmal eingesammelt, kannst du es vergessen. Ich weiß, dass dich das ärgert, aber…“

„Nichts aber!“

„Force…“, begann nun auch Thunder. „Es tut mir leid. Es ist meine Schuld. Ich hätte dich nicht so drängen dürfen.“

„Nein, das ist es nicht.“
„Du kannst nichts dagegen tun. Selbst der Direktor wird dir da nicht helfen“, versuchte es nun Céleste.

„Willst du ihm stattdessen nicht einfach was backen oder wir überlegen uns was anderes…“, schlug Thunder vor.

Ich schüttelte den Kopf. „Nein, ich will das Band und wenn ich es stehlen muss. Ich hole es mir zurück.“

Die drei sahen mich erschrocken an. „Das… das ist doch nicht dein Ernst?“, fragte Céleste mit böser Vorahnung.

In diesem Moment fiel die Entscheidung. Zunächst hatte ich die Worte mehr aus Zorn gesprochen... Mein Hass und meine Wut trieben mich jedoch an. Er würde schon sehen, wozu eine wie ich fähig sein konnte.

„Es ist mein Ernst. Heute Mittag werde ich es tun.“ Ich werde das nicht so einfach auf mir sitzen lassen.

„Bist du übergeschnappt?!“, rief Thunder erschrocken.

„Dafür wirst du von der verdammten Schule fliegen!“, warnte Shadow.

„Werd vernünftig und beruhige dich erst mal. Du kannst nicht mehr klar denken“, meinte Céleste. Doch die Worte blieben ohne Erfolg. Ich würde es schon wieder bekommen. Koste es, was es wolle.

 

 

Meine Freundinnen hatten im Laufe des Vormittags immer wieder versucht, mir die Sache auszureden, allerdings vergebens. Sie waren mir sogar nachgeilt, als ich aufgebrochen war, um mein Vorhaben umzusetzen. Sie hatten damit gedroht, mir nicht von der Seite zu weichen. Erst nach etlichen Diskussionen hatten sie nachgegeben.

Nun stand ich an der Treppe, die hinab in die Kellerräume führte, wo Herr Gnat sein Klassenzimmer hatte. Wie ich genau vorgehen wollte, hatte ich mir zigmal überlegt, doch ein guter Plan war mir einfach nicht eingefallen. Ich wusste, dass die Lehrer die Zimmer so gut wie nie abschlossen, nur ob Herr Gnat dies ebenso hielt, konnte ich nicht mit Bestimmtheit sagen. Es blieb mir nichts anderes übrig, als hinunterzugehen und es selbst herauszufinden. Im besten Fall war die Tür offen und Herr Gnat beim Essen. Immerhin hatte ich aus diesem Grund diese Zeit gewählt. Ich würde hineingehen, die Schublade öffnen, das Armband holen und zur Sicherheit einige andere Gegenstände mitnehmen, damit er nicht sofort wusste, um wen es sich bei dem Dieb handelte. Wahrscheinlich würde er sich dennoch denken können, dass ich es war, aber solange er mir nichts beweisen konnte…

Falls mir Herr Gnat doch begegnete, wollte ich sagen, ich hätte nochmal mit ihm reden wollen. Wenn er mich allerdings genau dann erwischen sollte, wenn ich an der Schublade war, dann konnte ich wohl gleich die Koffer packen.

Noch einmal atmete ich tief durch, dann ging ich langsam die ersten Stufen hinab. Es wurde sofort kälter und die Dunkelheit legte sich um mich wie ein schwerer Mantel. Die Fackeln an der Wand schenkten nur spärlich unheimliches Licht. Meine Schritte hallten dumpf, während mein Herz immer stärker gegen den Brustkorb hämmerte. Ja, ich hatte Angst. Zudem mahnte mich ständig eine innere Stimme vor dieser Dummheit. Hin und wieder war ich kurz davor, ihr nachzugeben, aber ich konnte nicht. Es war mir so unglaublich wichtig. Ich verstand mich in diesem Moment selbst nicht. Wie konnte ich nur dieses enorme Risiko eingehen? Dennoch trieb irgendetwas mich unbeirrbar weiter. Ich würde mich davon nicht abbringen lassen und es diesem Mistkerl zeigen. Plötzlich blieb ich stehen. Hatte ich da gerade etwas gehört? Ich lauschte angestrengt in die Kellergewölbe, doch da war nichts, außer meinem rasendem Herzschlag und dem keuchendem Atem. Dennoch hatte ich das Gefühl, nicht alleine zu sein. Wer würde sich außer mir noch hier unten herumtreiben? Es konnte nur eine Person sein: Herr Gnat…

War er hier? Dieses Mal war ich mir sicher, etwas gehört zu haben. Schnelle Schritte. Sie kamen immer näher, wurden lauter. Verdammt, was sollte ich nur tun? Sollte ich versuchen wegzulaufen? Angstschweiß bildete sich auf meiner Haut, als ich sicher war, dass der Lehrer nur noch eine Ecke entfernt hinter mir war. Jede Sekunde würde er bei mir ankommen. Ich wollte mich gerade nach ihm umdrehen, als ich eine Hand auf meiner Schulter spürte. Erschrocken schrie ich auf und sah in sein Gesicht.

„Ich bin´s“, sagte Night, während eine Welle der Erleichterung durch mich raste.

„Was machst du denn hier?“, fragte ich.

„Céleste hat mir erzählt, dass Gnat dir im Unterricht irgendetwas weggenommen hat und du es dir wiederholen willst.“
Ich schwieg kurz und biss mir auf die Lippen. Zum Glück hatte sie ihm nicht gesagt, dass es sich dabei um ein Geschenk für ihn handelte.

„Ich verstehe. Und du bist hier, um mich aufzuhalten.“

„Nein, ich bin nur hier, um aufzupassen, dass du nicht erwischt wirst. Ich denke mal nicht, dass ich dich aufhalten könnte. Immerhin muss es wichtig sein, wenn du das hier auf dich nimmst“, erklärte er mit diesem unvergleichlichen Lächeln.

Nun schmunzelte auch ich und ein großer Teil der Anspannung fiel von mir.

„Danke“, sagte ich. Ich hätte noch so viel mehr hinzufügen können. Unter Anderem, dass er das nicht tun musste, dass er sich in große Gefahr begab. Doch das wusste er selbst nur allzu gut. Er war dennoch gekommen und ich war unendlich dankbar dafür. Auch wenn es nicht jeglicher Komik entbarg, dass er mir helfen würde, sein eignes Geschenk zurückzuholen.

„Mach dir keine Sorgen“, fuhr er fort. „Die anderen sorgen für ein Ablenkungsmanöver, es kann also nichts schiefgehen.“

„Ablenkungsmanöver?“, fragte ich.

„Das wirst du früh genug erfahren“, sein Lächeln war unglaublich. Verschmitzt und schadenfroh.

Die Türe war zwar verschlossen, bot jedoch kein wirkliches Hindernis. Während Night langsam in das Zimmer trat, ließ ich keine Sekunde verstreichen. Ich rannte an ihm vorbei. Er durfte nicht sehen, weshalb ich hier war. Als ich am Pult angekommen war, beugte ich mich an der Rückseite hinunter. Mein Herz stockte, als ich weder eine Schublade noch sonst eine Öffnung vorfand. Ich hatte doch genau gesehen, dass er es hier irgendwo hineingetan hatte. Warum war hier dann nichts?! Panisch fühlte ich das Holz entlang, doch es gab weder eine Vertiefung noch einen Schalter oder Ähnliches.

„Und, hast du es?“, fragte Night und kam auf mich zu.

„Nein“, ich schüttelte den Kopf. Sollte nun alles umsonst gewesen sein? Nun ließ er sich neben mir nieder und betrachtete das Pult genauer.

„Ich habe genau gesehen, dass er es hier irgendwo hineingetan hat. Aber da ist nichts.“

Noch einmal betrachtete er den Tisch mit prüfendem Blick, dann sagte er: „Er muss ihn mit einem Zauber versiegelt haben. Mit normalen Öffnungszaubern kommen wir nicht weiter.“

Ich hätte am liebsten mit dem Fuß gegen dieses verdammte Pult getreten.

Night betrachtete mich kurz und fuhr schließlich fort: „Ich kenne da einen Zauber, mit dem könnte es funktionieren. Es dauert aber einen Moment, er ist nicht einfach.“

Ich konnte mir schon denken, dass er diesen Spruch nicht im Unterricht gelernt hatte. Allerdings war ich froh darüber und hoffte inständig, dass es damit funktionieren würde.

Er legte seine Hand auf das Holz und begann, seltsame unsichtbare Zeichen mit der Fingerkuppe darauf zu schreiben. Er schien sehr konzentriert. Es dauerte etliche Minuten, in denen ich immer unruhiger wurde. Jeden Moment konnte Gnat hereinkommen und uns erwischen. Endlich beendete er das Schreiben und tat stattdessen schnelle, komplizierte Fingerzeichen. Noch ehe ich erkannte, dass er zum Ende gekommen war, gab es ein klackendes Geräusch und ein Fach sprang auf.

„Das hätten wir“, erklärte Night. „Ich warte vor der Türe und passe auf, dass Gnat nicht hereinkommt. Wenn du fertig bist, gehe ich nochmal zurück und verschließe alles wieder. Wir treffen uns danach bei den Schließfächern. Beeil dich, okay?“

Ich nickte mit einem erleichterten Lächeln. Wir hatten es so gut wie geschafft. Jetzt konnte eigentlich nichts mehr schiefgehen. Vorsichtig besah ich mir das Fach genauer. Es waren unübersehbar Dinge, die einst Schülern gehört hatten. Ich fand Bücher, Zeitschriften, eine Art MP3-Player, Süßigkeiten und mein Armband. Schnell nahm ich es an mich sowie eines der Bücher und eine Zeitschrift. Ich wollte gerade Night rufen, als mir ein kleiner Spalt auf der rechten Seite des Fachs auffiel. Er war gerade so groß, dass eine Hand hineinpasste. Ohne weiter darüber nachzudenken, streckte ich meine hinein. Es war ein kleiner, enger Hohlraum, in dem sich nichts weiter befand. Als ich meine Hand zurückzog, streifte ich an der Wand entlang. Da spürte ich es. Eingekratzte Vertiefungen. Vorsichtig fuhr ich diese mit dem Finger nach. Es waren Zeichen. Als ich auch das Letzte berührt hatte, vernahm ich ein weiteres Klacken. Neben mir war eine Lade aufgesprungen. Gebannt blickte ich hinein. Diese Öffnung war um ein Vielfaches größer als die andere und voll mit lauter Flaschen und Gefäßen. Es gab kleine, große, verschnörkelte, bauchige, schmale und längliche. Die meisten waren beschriftet. Ein Gefäß fiel mir sofort ins Auge. Es war schmal und wunderschön gearbeitet. Ein zierlicher, hübscher Flakon. Ich nahm ihn in die Hand und betrachtete ihn näher. Mit krakeliger Schrift konnte man „Firron“ lesen. Plötzlich hörte ich Nights Stimme. Ich schrak zusammen und hätte beinahe den Flakon fallengelassen.

„Herr Gnat, gut, dass Sie da sind“, hörte ich ihn sagen. „Ich sollte Sie holen kommen. Im zweiten Stock herrscht heilloses Chaos. Irgendjemand hat sich dort wohl richtig ausgetobt.“

„Na, dann schnell“, hörte ich die Stimme des Lehrers, die bereits wieder hektisch zu werden begann. Eine tonnenschwere Last fiel von mir, als ich hörte, wie sich die Schritte entfernten. Ich hoffte nur, dass nicht herauskommen würde, wer für dieses Chaos im zweiten Stock verantwortlich war.

Als ich sicher war, dass keine Gefahr mehr bestand, erhob ich mich. Ich strich erneut mit den Fingern die Fläche nach, worauf sich die Lade wieder schloss. Lediglich das Fach, aus dem ich das Band geholt hatte, wollte sich nicht schließen lassen. Night hatte gesagt, er würde zurückkommen und sich darum kümmern. So blieb mir nur darauf zu vertrauen. Ich eilte zur Türe, um noch einmal in den Gang zu lauschen. Es war nichts zu hören. Schnell rannte ich hinaus, stieß die Türe hinter mir zu und rannte die Treppe hinauf. Oben angekommen, bog ich um die nächstbeste Ecke und lief weiter. Erst als ich kaum mehr Luft bekam, blieb ich endlich stehen. Ich hatte es geschafft. Hoffentlich war auch bei Night alles gut gegangen.

Ich bemühte mich, möglichst langsam zu gehen, um nicht unnötig aufzufallen, doch es fiel mir äußerst schwer. Am liebsten wäre ich sofort zu den Schließfächern gerannt, um mir Gewissheit zu verschaffen, dass auch er außer Gefahr war.

Als ich dort ankam, war allerdings niemand zu sehen. Ich musste wohl oder übel warten. Ich lehnte mich gegen meinen Spind, während nochmals all die Ereignisse vor meinem inneren Auge abliefen. Im Nachhinein konnte ich es selbst kaum fassen, dass ich es tatsächlich getan hatte. Ohne Nights Hilfe wäre ich allerdings ganz schön aufgeschmissen gewesen. Hitze durchströmte bei diesem Gedanken meinen Körper. Wären wir erwischt worden, hätte es übel ausgehen können. Noch hatten wir die Sache aber nicht überstanden. Vorsichtig zog ich das Armband aus meiner Tasche. Erst da bemerkte ich einen kleinen Flakon, der ebenfalls darin lag. Mein Herz setzte einen Schlag aus. Ich hatte vergessen, die Flasche zurückzulegen! Verdammt, ich Idiot! Herr Gnat würde uns nicht nur von der Schule werfen, sondern bestimmt noch wegen Diebstahls anzeigen. Wie hatte ich nur so dumm sein können?! Was sollte ich jetzt tun? Vielleicht konnte ich Night noch rechtzeitig finden, bevor er das Fach verschloss? Ich musste den Flakon zurücklegen. In diesem Moment hörte ich Schritte. Zunächst glaubte ich, dass es sich um Night handelte, doch es waren mehrere. Ehe ich die Chance hatte, wegzulaufen, waren die Mädchen auch schon da. Stella, Cat, Ice und einige andere, die ich nur vom Sehen her kannte. In diesem Moment fielen ihre Blicke auf mich. Stellas hübsche Miene verfinsterte sich schlagartig. Ohne zu zögern kam sie auf mich zu.

„Na, sieh mal einer an… Was machst du hier?“ Sie unterbrach sich und winkte ab, als sei ich ein lästiges Insekt. „Ich kann es mir schon denken. Du bist auf dem Weg zu Nights Spind, um ihm ein Geschenk zu geben, stimmt’s?!“ Ihre Stimme nahm einen schneidenden, kalten Ton an.

„Das kann dir wohl ziemlich egal sein“, zischte ich zurück.
Stella musterte mich abschätzig. „Du spuckst ganz schön große Töne!“

Auch die anderen waren nun herangetreten und blickten mich mit hasserfüllten Augen an.

„Lass die Finger von ihm!“, zischte eine Rothaarige. „Oder du wirst es noch bitter bereuen!“

„Ihr habt sie doch nicht mehr alle?!“, erwiderte ich und wollte an der Gruppe vorbeigehen.

„Du sollst dich von ihm fern halten, kapier es endlich!“, rief Stella. „Vielleicht hilft dir das dabei!“ Aus dem Augenwinkel sah ich gerade noch, wie ein glühend rotes Licht auf mich zuraste. Sofort streckte ich die Hände nach vorne; der Spruch traf mich mit voller Wucht. Von der Kraft wurde ich einige Meter weit weggedrückt, doch ich hatte den Zauber abwehren können, so dass ich unverletzt blieb. Mit wütenden Augen funkelte ich sie an. Ich war nicht mehr das schwache Mädchen vom letzten Jahr, das sich nicht zu wehren wusste. Das schien auch Stella in diesem Moment klar zu werden. Eine ihrer Freundinnen zischte ungehalten, da sauste auch schon der nächste Spruch auf mich zu. In diesem Moment wusste ich, was ich zu tun hatte. In den Ferien war ich auf einen Zauber gestoßen, der genau für solch eine Situation gemacht war. Ich hatte ihn bei meinem Vater auch einige Male geübt. Er war nicht ganz einfach, dennoch wirkte ich ihn; meine rechte Hand wurde von einem blauen Licht eingehüllt; ich konzentrierte mich auf die magische Kugel, die auf mich zugeflogen kam und fing sie im rechten Moment mit der blauen Hand auf. Ich spürte es kribbeln, zischen, aber ich konnte sie halten. Augenblicklich warf ich sie Ice zurück, die mich mit verwirrten, großen Augen anstarrte. Sie hatte keine Chance; es riss sie von den Füßen, wirbelte sie durch die Luft, bis sie gegen eine Wand knallte und dort mit dem Kopf nach unten hängen blieb.

„Helft mir!“, schrie sie, wobei ihr Gesicht stetig mehr an Röte zunahm. Die anderen eilten zu ihr; es dauerte eine Weile, bis sie das Mädchen von der Wand heruntergeholt hatten. Erst jetzt bemerkte ich Stella, die etwas vom Boden aufgehoben hatte. Sie hielt es voller Triumpf in die Höhe.
„Das kann doch nur von dir sein!“, stellte sie mit blitzenden Augen fest.

Ich starrte auf den Gegenstand in ihrer Hand. Wie war sie an das Armband gekommen?! Doch es erklärte sich von selbst. Es musste mir bei dem Angriff aus der Tasche gefallen sein.

Sie lachte schrill. „Auf so eine dämliche Idee kannst auch nur du kommen. Ein Runen Armband! Peinlicher geht es wohl nicht.“

Sie warf es mir vor die Füße. Ich hob es überrascht auf und nahm es wieder an mich.

„Das kannst du ihm gerne schenken. Vergiss aber bitte nicht, mir vorher Bescheid zu sagen. Das will ich auf keinen Fall verpassen!“

Stella wandte ich um und ging; die anderen stützten Ice und folgten ihr.

Vielleicht war es wirklich keine gute Idee gewesen, dieses Armband zu kaufen…

Ich steckte es ein und betrachtete meine leuchtende Hand, während ich den Zauber löste. Ein äußerst nützlicher Spruch. Letztes Jahr hatte Night auf dem Schattenfest ebenfalls Zauber auf Duke und seine Freunde zurückgeworfen, als diese uns angegriffen hatten. Da ich davon ziemlich beeindruckt gewesen war, hatte ich mich auf die Suche nach dem Zauber gemacht und war dabei auf den Dextra gestoßen. Die rechte Hand wurde durch schützendes und stärkendes Licht eingehüllt, so dass der komplette Arm mehr Kraft besaß. So war es einem möglich, zum Beispiel Zauber aufzufangen oder ein paar ganz passable Löcher in den Boden zu schlagen.

In diesem Moment hörte ich Schritte. Ich wandte mich um und entdeckte Night.

„Hat alles geklappt?“, fragte er mich.

Ich nickte „Und bei dir?“

„Ich habe das Fach wieder geschlossen. Soweit ist alles in Ordnung.“

„Gut, ihr habt´s geschafft“, rief Sky, der uns in diesem Moment ebenfalls erreichte.

„Das kommt genau richtig“, ächzte er. Er schien ganz schön gerannt zu sein. „Gnat ist gerade auf dem Weg in sein Zimmer zurück.“

In diesem Moment wurde mir eiskalt. Er war auf dem Weg ins Klassenzimmer! Das bedeutete, ich konnte das Fläschchen nicht mehr zurückbringen. Was, wenn er nun das Fach öffnete?! Er würde sofort ahnen, wer der Dieb war. Zwar hatte ich auch ein paar andere Gegenstände mitgenommen, aber dennoch würde sein Verdacht auch auf mich fallen. Mir wurde beinah schwindelig vor Angst.

„Force, alles okay?“, fragte Night besorgt. Ich war aschfahl und hatte eine Schreckensmiene aufgesetzt.

Langsam steckte ich die Hand in meine Hosentasche und zog das Fläschchen hervor. „Ich… ich hab richtig Mist gebaut.“ Das war alles, was ich sagen konnte. Vorsichtig nahm er mir den Flakon aus der Hand und betrachtete mit Sky zusammen das Gefäß.

„Es war ein Versehen“, wisperte ich, als den beiden klar wurde, was ich getan hatte.

„Oh je“, murmelte Sky, auch ihm schien die Tragweite in diesem Moment klar zu werden.

Night drehte und wendete den Flakon hin und her, er überprüfte ihn genau.

„Es tut mir leid…“, stammelte ich unruhig. Was hatte ich da nur angerichtet?!

„Firron“, las er vor.

Sky runzelte nachdenklich die Stirn. „Firron? Was soll das sein? Hab ich noch nie gehört.“

Night schmunzelte leicht, während er uns betrachtete. „Doch hast du. Auf der Liste der verbotenen Substanzen.“

Wir sahen ihn geschockt an. Sky war der erste, in den Leben zurückkam. „Stimmt! Du hast Recht. Mann, das gibt’s doch nicht. Wie kommt der Alte denn an so was und was macht er damit?“

„Tja keine Ahnung, aber es wird nicht leicht gewesen sein und vor allem nicht legal.“ Auf meine fragende Miene hin, erklärte er: „Es gibt Substanzen, die von Dämonen stammen. Nur diese können sie auch herstellen. Ich habe keine Ahnung, wie Gnat da ran gekommen ist, aber er wird mit Sicherheit keinem sagen, dass er bestohlen wurde, denn dieses Fläschchen bedeutet für ihn die Todesstrafe.“

Ich starrte ihn fassungslos an. Unser Lehrer war im Besitz von verbotenen Substanzen und ihm drohte der Tod dafür?! Warum besaß er so etwas?

„Zunächst einmal haben wir damit ein gutes Druckmittel gegen ihn. Zudem wird er sich denken können, dass du das Fach nicht alleine geöffnet hast, da du gar nicht über die entsprechenden Zauber verfügst. Ich denke, dass er dich fürs erste in Ruhe lassen wird. Wir sollten dennoch versuchen, herauszufinden, warum er diesen Trank besitzt.“
„Wo hast du das Fläschchen gefunden?“, fragte Sky nach, der es Night aus der Hand gerissen hatte und ehrfürchtig betrachtete.

„In dem Fach selbst war eine kleine Nische. Als ich darin Zeichen berührte, hat sich ein weiteres geöffnet.“

„Er hat sich wirklich alle Mühe gegeben“, murmelte Night.

„Ich bin ja gespannt, für was es gut ist“, sagte Sky und gab mir den Flakon zurück. „Da hast du einen echten Schatz.“

„Wir werden versuchen, etwas über den Trank herauszufinden und geben dir Bescheid, sobald wir was wissen. Gnat sollten wir währenddessen gut im Auge behalten. Halte dich von ihm fern. Wenn er dich alleine sprechen will, finde eine Ausrede oder bitte deine Freundinnen, dich zu unterstützen; du solltest für die nächste Zeit nie alleine auf ihn treffen. Versuche, dich so normal wie möglich zu verhalten, vielleicht streicht er dich auch ganz schnell von seiner verdächtigen Liste“, erklärte Night.

Ich nickte und betrachtete den Flakon. Von Dämonen geschaffen und aus einer anderen Welt. Auch meine Gedanken kreisten nur noch um die Frage, was es damit auf sich hatte und ob Herr Gnat mich so einfach entkommen lassen würde.

 

Als ich auf mein Zimmer zurückkam, stürmten sogleich meine Freundinnen auf mich ein.

„Hat Night dich rechtzeitig gefunden?! Hat alles geklappt?“, fragte Céleste aufgebracht.

Ich nickte und begann, zögernd zu berichten. Ich ließ allerdings zunächst noch die Stelle mit dem Flakon aus. Ich war dagegen recht froh, erzählen zu können, dass ich dieses Mal gegen Stella angekommen war.

„Du beherrschst den Dextra Zauber!“, fragte Thunder voller Ehrfrucht; ihre Augen leuchteten. „Den musst du mir unbedingt beibringen, hörst du?! Das ist unglaublich!“, jauchzte sie weiter.

„Verdammt, beruhig dich mal“, ächzte Shadow.

Sie zog eine Grimasse, was Shadow dazu veranlasste, genervt die Augen zu verdrehen. Während die beiden sich weiter kabbelten, wandte sich Céleste an mich.

„Bist du sauer auf mich, dass ich Night hinter dir hergeschickt habe?“

Ich schüttelte den Kopf. „Nein, ohne ihn hätte ich es gar nicht erst geschafft.“

„Ich bin froh, dass du nicht böse bist“, entgegnete sie erleichtert. „Sky und Saphir haben übrigens einen kompletten Flur im zweiten Stock unter Wasser gesetzt. Das muss ein unglaubliches Chaos gewesen sein. So gut wie jeder Lehrer war dort und hat versucht, das Ganze in den Griff zu bekommen. Sie werden aber wohl noch ein paar Wochen brauchen, bis alles wieder in Ordnung ist. Solange ist er gesperrt.“

„Sie haben keine Ahnung, dass sie es waren, oder?“, fragte ich vorsichtig nach.

„Nein, keine Sorge. Sie wissen nichts. Aber jetzt sag schon. Hat er sich über das Armband gefreut?“

Ich schwieg und senkte den Blick. „Ich habe es ihm nicht gegeben.“ In diesem Moment fiel mir siedendheiß ein, dass ich ihm nicht einmal gratuliert hatte. Wie hatte ich das nur vergessen können?! Aber in all dem Chaos war es irgendwie untergegangen.  

„Was?! Warum hast du es ihm nicht gegeben? Nach all der Mühe?“

„Ich habe es vergessen“, gab ich kleinlaut zu. Zudem nagten die Zweifel an mir. Nicht nur Stella hatte sich darüber geäußert, wie peinlich mein Geschenk war. Auch meine Freundinnen hatten mich gewarnt.

„Zudem ist es vielleicht doch keine so gute Idee.“

Die drei sahen sich kurz an, dann ergriff Shadow das Wort. „Überleg dir das verdammt nochmal. Es ist doch egal, ob er es trägt oder nicht. Wichtig ist nur, dass du an ihn gedacht hast. Er wird sich sicher allein schon deswegen freuen.“

Ich schüttelte den Kopf. „Es ist ohnehin zu spät.“
„Dann gib es ihm am Samstag. Lass dich von den anderen doch nicht so verflucht runterziehen. Du hast dir so viel Gedanken gemacht und es sogar von Gnat zurückgeholt. Es wäre doch verdammt schade, wenn das alles umsonst gewesen wäre.“

„Wie du dich auch immer entscheidest, ich bin froh, dass alles gut gegangen ist. Ich hoffe nur, dass Herr Gnat euch nicht doch noch erwischt“, sagte Céleste.

Dies war wohl der Moment, in dem ich auch mit dem Rest herausrücken sollte. Zögernd zog ich den Flakon aus meiner Tasche und hielt ihn vor ihnen in die Höhe. „Da ist noch was“, begann ich und erzählte von meinem Fund.

Sie waren sichtlich geschockt. Ein Lehrer, der dämonische Substanzen besaß. Das war wohl etwas, mit dem keiner von ihnen gerechnet hatte. Zumal es ausgerechnet Herr Gnat war. Einer, der uns den Kampf gegen die Dämonen lehren sollte und nun schien es nicht abwegig, dass er mit ihnen in Kontakt stand.

„Wir müssen unbedingt herausfinden, was das für ein Zeug ist“, sagte Thunder, die zuerst die Sprache wiederfand.

„Darum kümmern sich Night und Sky. Sie kommen am ehesten an die entsprechenden Bücher ran.“

„Glaubt ihr, er hat was mit den Dämonen zu tun? Ich meine, ihr wisst doch auch, dass es Hexen und Hexer gibt, die mit ihnen zusammen arbeiten?“ Célestes Stimme wurde leiser, als sie weitersprach. „Vielleicht gehört er zu den Traitor?“

Traitor nannte man eben jene, die sich gegen ihre eigene Rasse stellten, mit Dämonen in Kontakt standen und sogar für sie arbeiteten. Traitor waren der Abschaum in Necare und wurde ein solcher entdeckt, hatte er mit der schlimmsten Strafe zu rechnen.

„Dem würde ich eigentlich alles zutrauen, aber das…“ Thunder schien sich unsicher zu sein.

„Ich finde wir sollten den Direktor informieren“, meinte Céleste. „Das ist zu bedeutend, als dass wir das einfach für uns behalten können.“

Ich schüttelte vehement den Kopf. „Das geht nicht. Ich kann doch schlecht erzählen, dass ich gerade dabei war, Herrn Gnat zu bestehlen, als ich eine verbotene Substanz gefunden habe. Außerdem ist er nicht dumm, er wird bestimmt alles andere verschwinden lassen.“

Sie schwiegen einen Moment, dann nickte Céleste. „Mir gefällt das zwar nicht, aber wir haben wohl keine andere Wahl. Sobald wir allerdings stichhaltige Beweise haben, müssen wir ihn melden.“

 

Vor der nächsten Dämonologie und Accores Stunde hatte es mir gegraut, aber nun war es soweit und ich versuchte, mir möglichst nichts anmerken zu lassen.

Ich setzte mich auf meinen Platz und wartete unruhig auf das Erscheinen des Lehrers. Kurz nach dem Klingelzeichen betrat er das Zimmer. Seine Miene war finster, seine Augen schienen noch gehetzter hin und her zu jagen. Er blickte jedem Einzelnen ins Gesicht und blieb schließlich an meinem hängen. Seine Augen wurden eine Nuance dunkler, der Blick stechender. Mich durchlief es heiß und kalt. Er hatte mich in Verdacht. Er wusste, dass ich es nicht alleine gewesen sein konnte. Ich wäre nie in der Lage gewesen, das Fach zu öffnen, doch er war sich sicher, dass ich daran beteiligt gewesen war. Mir wurde in diesem Moment jedoch noch etwas anderes bewusst: Ich war eine Gefahr für ihn und er würde mit Sicherheit nicht davor zurück schrecken, diese auszuschalten. Ich hatte mir einen gefährlichen Feind gemacht.