Die Nacht der Schatten

 

„Und wenn wir es mit einem Wahrheitstrank versuchen?“, fragte Thunder.

Shadow seufzte genervt: „Zum letzten Mal, verflucht! Sieh es endlich ein, wir können nichts mehr machen. Verhalt dich einfach normal, beobachte und geh mir nicht auf die Nerven!“

Thunder ertrug es auch Tage später nicht, sich wieder auf die Jungs verlassen zu müssen. Darum kam sie mit einer aberwitzigen Idee nach der nächsten.

„Lenk dich ein wenig ab“, versuchte Céleste es. „Immerhin ist heute Schattenfest, darauf freust du dich doch normalerweise so.“

„Sky kann einem leider alles vermiesen“, brummte sie vor sich hin.

Geduld war nie eine ihrer Stärken gewesen und auf Sky angewiesen zu sein, widerstrebte ihr aus tiefstem Herzen. Dennoch schien sie allmählich ein Einsehen zu haben. „Also gut. Versuchen wir heute mal, nicht an dämonische Botschaften, illegale Tränke und hinterhältige Grafen zu denken. Amüsieren wir uns zur Abwechslung eben mal, wenn uns ohnehin schon die Hände gebunden sind.“
„Oho, welch verdammter Sinneswandel“, meinte Shadow in sarkastischem Tonfall.

Doch Thunder achtete gar nicht weiter darauf. Sie machte sich fertig für die Schule und ging anschließend mit uns zusammen los.

„Dann wollen wir mal mit dem Training beginnen“, verkündete sie grinsend und stürzte gleich voraus, kaum, dass wir das Zimmer verlassen hatten. Wie jedes Jahr suchte sie nach Fallen, die in der gesamten Schule verborgen waren. Während sie emsig voraussprang und Wände und Böden abklopfte, folgten wir ihr langsam. Ich war froh, dass ich inzwischen im Vollbesitz meiner magischen Kräfte war, denn letztes Jahr hatte das noch ganz anders ausgesehen. Ich wurde ein wenig wehmütig, als ich daran dachte. Damals war ich Night im Geisterhaus begegnet. Er war die ganze Zeit für mich da gewesen… Auf dem Schattenball hatte er versucht, mich aufzumuntern, weil ich mit Duke hatte hingehen müssen. Wir hatten miteinander getanzt… Die damaligen Gefühle durchströmten mich noch heute, wenn ich daran dachte.

Ich schrak auf, als es vor mir eine Explosion gab. Schwarzer, dicker Rauch stieg auf und brannte mir in der Lunge. Auch meine Freundinnen husteten.

„Habt ihr das gesehen?!“, keuchte Thunder voller Triumph.

„Wie soll man hier verdammt nochmal was sehen?!“, krächzte Shadow.

„Ich hab die Falle mit einem Tusdio Zauber ausgeschalten.“

„Toll, und dafür eine andere ausgelöst“, hustete Shadow.

„Stell dich nicht so an… Das bisschen Rauch.“

Röchelnd gingen wir weiter und hatten die dichten Schwaden bald hinter uns gelassen. Ich war beinahe froh um die Kühle, die an diesem Tag im Schulgebäude herrschte, sie legte sich beruhigend über die Atemwege.

„So eine verfluchte Sauerei“, schimpfte Shadow und klopfte ihr Kleid aus. Der Rauch hatte offenbar zu einem großen Teil aus Asche bestanden und die haftete nun in unserer Kleidung und auf der Haut.

„Klasse! Das bedeutet wohl, dass wir das verdammte Frühstück ausfallen lassen müssen“, knurrte Shadow und trat den Rückweg an. Wir würden erstmal duschen und uns umziehen müssen.

„Schau mich nicht so an. Was kann ich denn dafür?!“, fragte Thunder.

Shadow seufzte nur genervt. „Erinnere mich daran, dass ich in Zukunft noch mehr Abstand zu dir halte.“

 

 

Nachdem wir geduscht und uns umgezogen hatten, kamen wir gerade noch rechtzeitig zu Grundlagen der Magie.

Kaum hatten wir uns auf unsere Plätze gesetzt, läutete es auch schon und Herr Smith kam mit schnellen Schritten in den Raum geeilt.

„Ich dachte, wir schauen an diesem besonderen Tag einen Film an“, verkündete er.

Welch Überraschung… Am Tag des Schattenfestes sahen wir ausschließlich Filme im Unterricht an. Dabei ging es immer um dasselbe: Die Bosheit der Dämonen und die grandiose Überlegenheit der Hexen… Ich hatte bereits jetzt keine Lust mehr…

„Zunächst gibt es jedoch ein paar organisatorische Dinge zu klären: Es gibt dieses Jahr zu wenig freiwillige Helfer für den Waldlauf. Darum sind wir angewiesen worden, aus jeder Klasse jemanden zu bestimmen, der die Organisatoren unterstützen wird.“

Ein ablehnendes Raunen und Gemurmel brach auf der Stelle unter uns allen los. Natürlich hatte niemand Lust, auf die Teilnahme zu verzichten und stattdessen irgendwelche dämlichen Aufgaben zu erledigen. So war es nicht verwunderlich, dass sich niemand freiwillig meldete.

„Nun gut“, verkündete der Lehrer. „Ich finde Ihre Einstellung recht bedauerlich, aber was soll´s. Dann müssen wir eben auslosen. Schreiben Sie bitte alle Ihren Namen auf ein Stück Papier und reichen es mir nach vorne.“
Nachdem das geschafft war, mischte er die Zettel durch und zog einen.

„Force Franken“, las er vor. Ich seufzte gequält auf. Was für ein Glück…

„Gehen Sie bitte heute Nachmittag um fünfzehn Uhr in die Eingangshalle. Dort treffen sich alle Helfer und werden eingeteilt.“
„Sollen wir uns auch als Freiwillige melden?“, fragte Céleste mich leise. „Sie werden bestimmt über jeden mehr dankbar sein.“

Ich schüttelte jedoch verneinend den Kopf. „Wer weiß, was ich machen muss und ob wir dann überhaupt zusammen sein können. Es reicht, wenn einem von uns der Waldlauf vermiest wird.“
Den Rest der Stunde sahen wir einen Film über einen der letzten Dämonenkriege an. Natürlich handelte es sich hierbei um eine Nachstellung und die war alles andere als gelungen…

 

Nachdem wir vier weitere Filme gesehen hatten, war der Schultag vorüber. Kurz vor fünfzehn Uhr ging ich zum Treffen der Helfer. An deren Gesichtern konnte man ziemlich genau ablesen, wer sich zu dem Ganzen wirklich freiwillig gemeldet und wer dazu verdonnert worden war. Ich ließ meinen Blick über die anderen schweifen und lächelte, als ich ein mir bekanntes Gesicht erkannte. Ich ging auf Faith zu, die ebenfalls alles andere als glücklich aussah.

„Du hast dich wohl auch nicht freiwillig gemeldet“, stellte ich fest.

„Nein, wir mussten Strohhalme ziehen“, erwiderte Faith geknickt. „Ich hatte bei so etwas noch nie Glück.“

„Geht mir genauso.“

„Ich hoffe, dass die Aufgaben einigermaßen erträglich sind. Am liebsten würde ich hier drinnen irgendetwas vorbereiten oder Getränke ausschenken. Hauptsache, ich muss nicht raus und im Dreck rumstiefeln“, erklärte sie und rümpfte ihre hübsche Nase. „Vielleicht haben wir wenigstens jetzt Glück und können zusammen arbeiten.“

Ich nickte, so wäre ich wenigstens in netter Gesellschaft.

„Gehst du heute Abend auf den Ball?“, fragte sie mich.

„Ja, zusammen mit den anderen.“

„Das heißt, du hast keine Verabredung?“

Ich schüttelte verneinend den Kopf.

„Warum hast du nicht Night gefragt? Das wäre doch die Chance gewesen?“

Zum Glück meldete sich in diesem Moment eine ältere Schülerin zu Wort, die ein Klemmbrett in den Händen hielt und ziemlich geschäftig wirkte, so dass ich ihr einer Antwort schuldig blieb.

„Mein Name ist Tigris und ich bin die Verantwortliche für die Helfer. Ich habe euch alle für die verbleibenden Aufgaben eingeteilt. Um eines vorweg zu nehmen, die Aufgaben werden nicht untereinander getauscht; jeder erledigt das, was ihm aufgetragen wird und es wird keiner nachher zu mir kommen, um sich über irgendetwas zu beschweren. Alles klar?!“

Nachdem keiner etwas darauf erwiderte, fuhr sie fort. „Gut. Dann verlese ich mal die Einteilung.“

Faith schien ihren Wunsch erfüllt zu bekommen. Sie sollte ein Kostüm anziehen und in der Schule umhergehen, um Getränke und kleine Snacks zu verteilen.

Mein Name wurde ziemlich zum Schluss aufgerufen: „Force Franken. Du gehst als Aufpasser in den Sumpf. Du behältst dort alles im Auge und hilfst, wenn irgendwer in Schwierigkeiten geraten sollte. Wir zeigen dir nachher, wo du dich aufstellen und welchen Text du aufsagen musst.“

Text?! Ich sollte etwas aufsagen?! Nur eine halbe Stunde später sollte ich die Antwort erfahren…

 

Ich schlurfte einem Jungen hinterher, der mich zu der mir zugewiesenen Position bringen sollte. Wir waren inzwischen mitten im Wald; es war eisigkalt und wurde immer finsterer um uns herum. Ich hielt die Arme vor der Brust verschränkt, um die Wärme etwas mehr bei mir zu behalten, doch es half nicht viel. Ich hatte ein wirklich abgrundtief hässliches Kostüm anziehen müssen, das aus so vielen Löchern bestand, dass es mich wunderte, wie es zusammenhalten konnte. Es war im Grunde ein zerfetztes graues Kleid, das wie ein Sack an mir hing, dreckig war und ziemlich übel roch. Auf dem Kopf trug ich eine grauhaarige Perücke, die heftig kratzte. Ich hoffte inständig, dass das nicht an irgendwelchem Viehzeug lag, das sich darin eventuell eingenistet hatte. Die Stiefel bestanden aus zerfleddertem Leder und waren mir einige Nummern zu groß, weshalb ich nur schlurfen konnte.

Am schlimmsten war jedoch das weiße Zeug, das mir Tigris ins Gesicht geschmiert hatte. Ich spürte, dass meine Haut darunter nicht atmen konnte und sich deshalb Schweißperlen bildeten. Es juckte und kratzte alles jedenfalls fürchterlich. Am meisten ärgerten mich aber die Warzen, die sie mit einem Spruch an meinem Gesicht hatte wachsen lassen. Borstige, schwarze Haare wuchsen daraus, die mich jedes Mal stachen, wenn ich sie mit der Hand berührte. Natürlich wusste ich inzwischen, wie man so etwas beseitigte, doch leider würde dies erst möglich sein, wenn der Waldlauf beendet war. So hatte ich keine andere Wahl, als mich mit diesem hässlichen Gesicht und den abscheulichen Klamotten auf meine Position zu stellen, mich jedem Mitschüler zu zeigen, der an mir vorkam und aufzupassen, dass alles glatt lief.

„Hier wären wir“, erklärte der Junge schließlich und deutete auf einen Baumstumpf, der aus dem Sumpf ragte.

„Du kannst ohne Probleme dorthin laufen. Hier kann man noch gehen, ohne einzusinken. Etwa zwei Meter hinter dem Stumpf wird es dann langsam gefährlich“, fügte er hinzu.

Um mich herum krochen dichte Nebelschwaden über den Boden; überall streckten sich dunkle, kahle Bäume gen Himmel und ächzten bei jedem Windhauch. Ich hörte das Quaken von Fröschen und spürte, wie sich die Kälte allmählich in meine Knochen fraß.

„Du weißt deinen Text?“, fragte er mich.

Ich nickte.

„Gut, dann viel Spaß. Um halb sieben kannst du zurückgehen. Dann ist der Waldlauf vorbei und auch die Letzten sind am Ziel angekommen.“ Mit diesen Worten ließ er mich schließlich alleine. Ich seufzte und begann durch das kalte Wasser zu waten. Ich spürte, wie der matschige Boden an meinen Stiefeln sog, doch mit einem schmatzenden Geräusch bekam ich sie dann doch wieder frei. Ich setzte mich auf den Baumstumpf und wartete. Meine Füße waren natürlich nass; die Strümpfe klebten wie eine feuchte Haut an mir und halfen nicht, mich warmzuhalten. Ich versuchte sie zu bewegen; allein um zu spüren, dass sie noch da waren. Sie fühlten sich so eisig an; aber ich fror im Grunde am ganzen Körper. Ich hoffte inständig, dass die Zeit schnell vorübergehen würde und ich möglichst wenigen begegnete, die ich kannte. Über meine Freundinnen würde ich mich natürlich freuen. Vielleicht konnten sie mir etwas Gesellschaft leisten. Allerdings hatte sich Shadow bereits im letzten Jahr geweigert, in den Sumpf zu gehen. Thunder war zwar gegangen, doch das sprach eher dafür, dass sie dieses Jahr nicht wieder dasselbe machen würde.

Ich hörte ein Geräusch und sah eine Gruppe jüngerer Mädchen auf mich zukommen. Sie flüsterten aufgeregt miteinander und kicherten unentwegt. Plötzlich schrie eine von ihnen erschrocken auf, als ihr Blick auf mich fiel. Danach lachte sie verlegen.

Ich erhob mich und begann meinen Text aufzusagen: „Willkommen im Sumpf der Namenlosen. Wie ihnen wird es auch euch ergehen. Die Kreaturen, die hier hausen, werden euch jagen und immer tiefer in das Wasser treiben, bis ihr gefangen seid und in eurem kalten Grab versinkt. Doch glaubt mir: Lange bleibt ihr nicht allein.“ Ich versuchte das Kichern nachzuahmen, das Tigris mir zigmal vorgemacht hatte. „Um euer Ende ein wenig hinauszuzögern, gebe ich euch einen Hinweis: Haltet euch immer an den rechten Pfad, dann habt ihr vielleicht eine kleine Chance.“ Ich versuchte nochmals zu kichern, doch die Mädchen hörten mir längst nicht mehr zu. Sie gingen weiter und ich blieb in dieser eisigen, nasskalten Hölle zurück.

Wenigstens würden mich keine Kreaturen angreifen. Der Bann, der auf ihnen lag, zwang sie dazu, uns Helfer in Ruhe zu lassen.

Ich rieb meine Hände aneinander und versuchte sie warm zu bekommen. Da hörte ich erneut Geräusche. Dieses Mal kam ein junger Mann auf mich zu, betrachtete mich kurz und begann zu lachen. „Mann, du siehst ja echt beschissen aus.“

Ich versuchte seinen Kommentar zu ignorieren und begann erneut meinen Text aufzusagen: „Spar dir das! Dein dämliches Gestammel hält mich nur auf und interessiert mich ohnehin nicht.“ Damit wandte er sich ab und eilte davon.

So ein Idiot! Noch bevor ich weiter darüber nachdenken konnte, riss ich meinen Arm empor und wirkte einen Zauber. Sofort hob sich eine Wurzel, so dass der Kerl an ihr hängen blieb, stolperte und vornüber auf den Boden krachte. Ich musste mir das Lachen verkneifen, als er sich aufrappelte und mich wütend mit seinem dreckverschmierten Gesicht anblitzte. Er sah kurz zu der Wurzel und war sich wohl nicht sicher, ob er es sich selbst zu verschreiben hatte, gestolpert zu sein oder mir.

„Tja, Laufen will gelernt sein“, erwiderte ich und grinste.

Er zischte mir ein paar Schimpfworte entgegen und eilte davon. Das hatte wirklich gut getan und mich ein wenig aufgemuntert. Kurze Zeit später sah ich auf meine Uhr: Erst eine halbe Stunde vorüber.

In der nächsten Zeit kamen kleinere Gruppen oder einzelne Personen an mir vorbei. Inzwischen war ich schon so weit, dass ich mich darüber freute. Alles war besser, als hier alleine herumzusitzen und die Kälte und Nässe in sich kriechen zu spüren. Allmählich kamen jedoch merklich weniger. Wie ich aus den Gesprächen der Leute hatte entnehmen können, führte ein Weg wohl direkt in den Sumpf, ein anderer über Umwege. Jetzt würden wohl nur noch die aus der letzten Gruppe zu mir kommen. Da dieser an einigen Kreaturen mehr vorbeiführte, würden das wohl allerdings nicht mehr allzu viele sein. Diesen nahmen ohnehin nur Schüler, die eine möglichst hohe Punktzahl erreichen wollten, um einen der ersten Preise zu bekommen.

Ich schlang erneut die Arme um mich und versuchte zu verhindern, dass meine Zähne klappernd aufeinanderschlugen. Ich rieb die Hände und konzentrierte mich darauf, den Unterkiefer still zu halten, was mir nicht so recht gelingen wollte. Plötzlich schlug mir etwas entgegen, riss mich von dem Baumstumpf und schleuderte mich in das dreckige Wasser. Ich versuchte sofort aufzustehen, prustete die ekelerregende Brühe aus meinem Mund und hatte gleichzeitig Angst, dass ich zu tief in den Sumpf hinein geschleudert worden war. Ich spürte den schlammigen Untergrund an meinen Knien und Händen; sie versanken ein wenig darin, doch ich konnte mich befreien und aufstehen. Wieder saugte es bei jedem Schritt an meinen Stiefeln, während ich zu dem Baumstumpf zurück schlurfte.

Stella, Cat und Ice bogen sich förmlich vor Lachen. Sie quietschten und schienen kaum noch Luft vor Belustigung zu bekommen. Wie hatte ich nur so dämlich sein können?! Ich hätte aufpassen müssen, doch vor lauter Frieren war ich unaufmerksam geworden. Das hatte ich nun davon!

„Meine Güte, siehst du toll aus!“, ächzte Stella unter Lachen.

Ich fühlte mich auch wirklich toll. Ich war von Kopf bis Fuß vollkommen durchnässt. Meine Kleider waren vollgesogen mit stinkendem Sumpfwasser und selbst aus der Perücke floss es mir ins Gesicht. Hatte ich eben bereits geglaubt, kurz vor dem Erfrieren zu stehen, wurde mir in diesem Moment erst klar, was Kälte wirklich war.

„Na, was ist?! Willst du nicht deinen Spruch aufsagen?“, fragte Stella mit süffisantem Lächeln.

„Ich denke“, begann ich, während meine Zähne dabei so heftig aufeinanderschlugen, dass kaum etwas zu verstehen war, „ihr wisst, wo es langgeht.“

„Nicht nur wahnsinnig hässlich, sondern auch noch wahnsinnig unhöflich“, erwiderte Cat.

„Verschwindet besser, bevor ich euch auch in den Dreck werfe“, zischte ich.

„Oh, jetzt haben wir aber Angst“, meinte Ice.

Stella sagte kichernd: „Lasst uns weitergehen. Alleine friert es sich bestimmt noch besser. Viel Spaß dabei und versuch nicht zum Eisklotz zu werden.“

Die drei machten sich auf den Weg, wobei ich sie noch eine ganze Weile lachen hören konnte.

In mir brodelte inzwischen die Wut. Ich hatte genug von diesem Theater! Mir war kalt, ich war nass, stank erbärmlich und für was?! Ich stand auf und stapfte durch das Wasser. Ich würde jetzt zurück zur Schule gehen. Es konnte wohl niemand erwarten, dass ich hier durchnässt bis auf die Knochen rumsaß und mich zu Tode fror. Ich wollte gerade einen weiteren Schritt tun und damit festen Boden betreten, als ich gegen etwas stieß. Ich taumelte ein paar Schritte zurück und sah überrascht vor mich. Da war nichts. Aber irgendwo war ich gegen geprallt. Ich blickte mich um, doch es war niemand zu sehen. Also konnte mich auch kein Zauber getroffen haben. Vorsichtig streckte ich die Hand aus und plötzlich spürte ich einen harten Widerstand. Meine Augen weiteten sich, als das Bild vor mir eine Delle bekam, wo ich es mit der Hand gedrückt hatte. Als hätte man einen Plastikvorhang um mich herum gelegt, der mir keinen Durchgang gewähren wollte. Ich drückte noch einmal, doch wieder beulte es sich nur vor mir aus. Man hatte also einen Spruch um die Helfer gewirkt, damit sie ihre Position nicht vor dem Ende verlassen konnten. Ich ließ meine Hand erglühen und warf einen Zauber, doch die Wand verschluckte ihn einfach, worauf er spurlos verschwand. Ich würde hier nicht wegkommen!

Mit wütenden Schritten stapfte ich zu meinem Holzstumpf zurück. Suchend blickte ich mich nach etwas um, das ich anzünden konnte. Das Holz war jedoch zu nass. Selbst die Äste waren feucht. Dennoch riss ich ein paar ab und versuchte sie in Brand zu stecken. Eine Feuerstelle konnte ich unmöglich anlegen, da ich mich mitten im Wasser befand, aber wenigstens eine Art Fackel müsste gehen. Nach mehreren Versuchen gab ich schließlich auf. Das Holz würde niemals brennen.

Ich warf die Äste fort, zog die Beine an meinen Körper und schlang die Arme darum. Inzwischen zitterte ich am ganzen Leib, meine Nase lief und ich konnte meine Zähne längst nicht mehr am Klappern hindern.

Dieses Mal entging mir nicht, dass sich jemand näherte. Mein Herz stockte und zog sich gleichzeitig schmerzhaft zusammen. Warum musste er es sein?! Warum ausgerechnet jetzt?!

Night erkannte mich natürlich sofort und grüßte mich. „Hast du dich hierfür freiwillig gemeldet oder bist du dazu verdonnert worden?“

Ich versuchte zu lächeln und erwiderte: „Ich hatte leider Pech und mein Name ist gezogen worden.“

„Dann sitzt du hier wohl schon eine ganze Weile“, er zögerte für einen kurzen Moment, sah mich nochmals an und kam schließlich durch das Wasser langsam auf mich zu. 

Ich bemühte mich, vor ihm nicht allzu heftig zu zittern und vor allem mein Gesicht zu verbergen. Allerdings würde dies auch nicht viel helfen. Immerhin konnte ich selbst riechen, wie erbärmlich ich stank.

„Zu Beginn sind wenigstens hin und wieder ein paar Leute gekommen, doch inzwischen verirrt sich kaum jemand hierher.“

„Verstehe und du kannst nicht weg, bevor der Waldlauf zu Ende ist.“

Ich nickte und betrachtete das Wasser unter mir. „Es ist ziemlich langweilig und vor allem frustrierend.“

Er schwieg kurz, zögerte und begann dann wieder zu sprechen: „Soll ich dir ein bisschen Gesellschaft leisten?“

„Bekommst du keinen Ärger mit Sky, wenn du dieses Jahr schon wieder keinen ordentlichen Preis mit nach Hause bringst?“, fragte ich mit einem dünnen Lächeln.

Er zuckte mit den Schultern und ließ sich neben mir auf den Baumstumpf sinken. „Er wird sich wieder beruhigen. Immerhin dauert es sicher nicht lange, bis er mich wieder um einen Gefallen bittet.“

Der Baumstumpf war nicht sonderlich groß, wie ich mit rasendem Plus allmählich feststellte. Night war so nah bei mir, dass ich seine Wärme spüren konnte. Mir war so kalt und es war eine enorme Versuchung, mich einfach an ihn zu lehnen. Allmählich konnte ich das Zittern nicht weiter unterdrücken und es schüttelte mich immer wieder. Plötzlich betrachteten mich seine tiefblauen Augen und er runzelte nachdenklich die Stirn. Ich versank in seinem Blick und spürte, wie meine Knochen butterweich wurden. Er berührte meine Wange mit solcher Zärtlichkeit, dass mich hitzige Schauer durchzuckten.

„Du bist ja ganz nass“, stellte er mit rauchiger Stimme fest.

„Ein kleiner Unfall“, erklärte ich krächzend.

Er streichelte mir über die Wange, berührte meinen Arm und meine Hand. Ich vergaß zu atmen… Wie lange hatte ich ihn nicht mehr so spüren dürfen? Ich konnte in diesem Moment nicht verstehen, wie es mir möglich gewesen war, ohne diese Berührungen überlebt zu haben.

„Du bist eiskalt.“

„Ja, das Kostüm ist nicht das Wärmste und durch das Wasser…“ Ich unterbrach mich. Ich beobachtete stattdessen, wie er sich erhob und sich hinter mich setzte. Ich keuchte auf, als ich spürte, wie er mich an sich zog.

„Nicht! Du wirst auch ganz nass und ich rieche abscheulich.“ Doch mein Widerstand war halbherzig… Wenn überhaupt. Ich spürte seine muskulöse Brust in meinem Rücken, sein Kinn hatte er auf meine Schulter gelegt und die Arme fest vor mir verschlossen.

„Das macht mir nichts“, er strich mir einige Haarsträhnen, die sich unter der Perücke gelöst hatten, aus dem Gesicht. Ich spürte jeden seiner Finger auf meiner Haut brennen. „Und was macht es schon, wenn ich ein bisschen nass werde. Hauptsache, du erfrierst nicht.“

Mein Puls raste und mein Herz stotterte vor Glück. Seine Hand wand sich um meine Taille und zog mich fester an seinen heißen Körper heran. Ich genoss die Wärme, die er ausstrahlte und spürte, wie er die eisigen Knochen in mir zum Tauen, zum Schmelzen brachte. Sein warmer Atem strich mir über den Nacken und hinterließ eine brennende, prickelnde Spur. Hatte ich zunächst meine Arme wie nutzlose Teile an mir herabhängen lassen, zog ich sie nun langsam an mich heran. Da er seine Arme um mich geschlungen hielt, blieb mir kein anderer Ort übrig, als sie auf seine zu legen. Zaghaft ließ ich sie niedersinken. Vorsichtig näherte sich meine Hand seinem Arm und strich mit den Fingern kurz über seine Handfläche. Ich zitterte dabei, was ihm sicherlich nicht entging, doch er würde es hoffentlich auf die Kälte schieben. Ich fuhr über die perfekt modellierte Muskulatur und spürte nichts anderes mehr, als heiße lodernde Wellen, die mein Innerstes hinfort spülten.

Minuten verstrichen, in denen wir einfach so dasaßen, ich seinem Atem und meinem rasendem Herzen lauschte. Ich war so glücklich und gleichzeitig so schrecklich aufgewühlt. Plötzlich hörte ich ein Krachen über uns; durch die dichten Kronen der Bäume zuckte ein heller Lichtstrahl.

„Sieht so aus, als hättest du es überstanden“, sagte Night und strich dabei mit seinem Atem über meine Haut. Härchen stellten sich voller Wohlgenuss auf und versuchten den Hauch einzufangen.

Langsam machte er sich von mir los; es war, als würde ich in diesem Moment etwas Existenzielles verlieren. Am liebsten hätte ich versucht, ihn festzuhalten, denn es tat weh, ihn nicht mehr bei mir zu spüren, doch mein Verstand hielt mich zum Glück davon ab.

„Gehen wir zurück? Es wird Zeit, dass du dir was Warmes anziehst.“

Ich nickte und folgte ihm. Zusammen machten wir uns auf den Weg zur Schule. Ich betrachtete ihn immer wieder vorsichtig von der Seite und konnte meinen Puls einfach nicht beruhigen. Irgendwann konnte ich die Frage nicht länger zurückhalten: „Gehst du heute Abend auf den Ball?“

Er nickte. „Ja, Sky hat Melody und Summer eingeladen. Wir treffen uns nachher mit ihnen und gehen zusammen hin.“

Ich schluckte schwer und versuchte, meinen Blick auf den Boden zu konzentrieren. Ein schwerer Klumpen bildete sich in meinem Magen und schob sich dort schmerzhaft umher. Wenn sie nun bereits zusammen auf den Ball gingen, bedeutete das wohl mit Sicherheit, dass sie einander mochten… Mir fiel es nur schwer, es zu akzeptieren. Damals hatte er mir versichert, dass er die beiden als störend empfand und nichts von ihnen wollte. Aber eine Meinung konnte sich mit der Zeit auch ändern…

„Kommst du auch?“, fragte er und sein tiefer Blick bohrte sich in mein Innerstes.

„Ich gehe mit den anderen. Nach letztem Jahr bin ich ganz froh darüber.“

Er lächelte auf diese Art, die mir jedes Mal das Herz zerriss. „Dann sehen wir uns später sicher noch.“

Ich nickte und wusste nicht einmal, ob ich ihn überhaupt treffen wollte. Allein die Vorstellung, ihn mit den Mädchen zu sehen, ließ diesen Klumpen in meinem Magen einige weitere schmerzhafte Bewegungen tun.

Nur wenige Minuten später kamen wir an der Schule an.

„Schau, dass du schnell wieder warm wirst“, erklärte er und zog mir ein nasses Blatt aus dem Haar. Ich wollte es nicht und dennoch genoss ich seine Berührung, seinen Blick und dieses wundervolle Lächeln.

Ich nickte stumm, während er sich von mir verabschiedete und mit geschmeidigen Bewegungen eine der Treppen hinaufging.

 

„Zieh das verdammte Kleid an“, sagte Shadow und hielt es mir auffordernd hin. Sie wollte mir eines von ihren leihen, weil meine nicht festlich genug waren. Ich hatte im Grunde nichts dagegen. Nur war mir die Lust auf den Ball inzwischen gründlich vergangen. Am liebsten wäre ich auf dem Zimmer geblieben… Alles war besser, als mit ansehen zu müssen, wie Night sich mit diesen Mädchen abgab.

„Du wirst dich hübsch machen, das Kleid anziehen und ihm dann zeigen, was er verdammt nochmal verpasst“, meinte Shadow weiter.

„Mit welcher von beiden geht er eigentlich hin? Nein, warte, sag es nicht. Es interessiert mich ohnehin nicht. Sollen diese Idioten doch machen, was sie wollen. Davon lassen wir uns doch nicht den Tag versauen“, zischte Thunder und warf ein Kleid ziemlich unsanft aufs Bett. „Wer braucht die schon?!“ Sie hob ein recht weit Ausgeschnittenes und Figurbetontes in die Höhe und fragte: „Was meint ihr dazu? Ist doch gut, oder?“

Céleste betrachtete sie ein wenig verunsichert. „Meinst du nicht, es ist vielleicht ein wenig zu… gewagt?“

Thunder prustete entrüstet. „Sei nicht immer so verklemmt. Es ist genau richtig. Damit verschwand sie im Badezimmer, um sich fertig zu machen.

„Das kann ja heiter werden“, seufzte Céleste.