Alles verändert sich
Die Worte der Radrym und des Direktors schienen die meisten tatsächlich beruhigt zu haben und dennoch war nichts mehr wie zuvor. Es wurde zwar so gut wie nie über den Vorfall mit der Botschaft gesprochen, doch man spürte die unterschwelligen Zweifel. Auch wenn sich niemand seine Angst anmerken ließ, so fürchtete doch jeder, dass die Nachricht wahr sein könnte. Darum lag eine permanente Anspannung über uns allen. Jeder beäugte nun diejenigen, die er nicht gut kannte, mit prüfenden Blicken. Als versuche man, in die anderen hineinzusehen: Kann ich dir trauen? Bist du einer von uns?
Es war seltsam und äußerst unangenehm. Wahrscheinlich würde es mit der Zeit besser werden und sich die Aufregung dann hoffentlich legen.
Ich hatte gerade Mathematische Magie hinter mich gebracht und war auf dem Weg, mich mit meinen Freundinnen zur nächsten Stunde zu treffen. Sie warteten bereits am verabredeten Punkt auf mich. Sie unterhielten sich aufgeregt miteinander, was vor allem an Thunder lag.
„Was ist los?“, fragte ich darum sofort. „Ist irgendwas passiert?“
„Das kann man wohl sagen!“, bestätigte Thunder mit einem breiten Grinsen. „Du wirst es nicht glauben, was ich gerade gehört habe.“
„Jetzt mach nicht so eine verdammt große Sache daraus“, mischte sich Shadow ein. „So wild ist es nun auch wieder nicht.“
Thunder ächzte verächtlich. „Nicht so wild?! Das ist DIE Nachricht!“
„Könntet ihr mich vielleicht auch mal einweihen?“, fragte ich.
„Duke hat die Sharks verlassen. Er will mit dem Iceless aufhören“, erklärte Shadow knapp.
„Mann, ich wollte es doch erzählen!“, schimpfte Thunder.
Duke war aus der Mannschaft ausgetreten? Ich war tatsächlich verwundert. „Warum hat er das denn getan? Er war doch immer so stolz darauf.“
„Es ist doch ganz klar, warum: Er konnte es nicht verkraften, dass die Talentsucher ihn nicht haben wollten. Aus seiner gekränkten Eitelkeit heraus wirft er nun eben alles hin.“
„Ich bin ja mal gespannt, wer seine Position nun einnehmen wird“, meinte Céleste.
„Bestimmt wird demnächst ein Auswahlspiel stattfinden“, fuhr Thunder fort. „Ich würde mir allerdings lieber ein Bein ausreißen, als in diesem Team zu landen.“
Wir waren inzwischen im Klassenzimmer angekommen und warteten auf Frau Martinez, unsere Lehrerin in Pflanzenkunde.
Die Stunde verging recht schnell. Wir mussten ein Kraut analysieren und anhand seines Aufbaus erkennen, welche Eigenschaften es hatte.
Wie im vergangenen Jahr wurde ich am 01. Oktober von meinen Freundinnen geweckt. Dieses Mal sangen sie „Happy Birthday“, als ich langsam die Augen öffnete. Ich strahlte und umarmte eine nach der anderen. „Das ist echt lieb von euch!“
Céleste überreichte mir eine ihrer wundervollen, selbstgebackenen Torten, die wir sogleich anschnitten und probierten.
„Ist das lecker“, schmatzte Thunder mit vollem Mund. „Kann ich noch ein Stück haben?“ Sie hielt Céleste den Teller hin, auf den sie nochmal ein ordentliches Stück legte.
„Hier sind die Geschenke von deiner Mutter“, erklärte Shadow und reichte mir das große Paket. Darin lagen eine Karte, ein paar Bücher und etwas Geld.
„Dein Vater hat dir dieses Jahr auch etwas geschickt“, sagte Céleste und deutete auf ein blaues Päckchen.
Ich betrachtete es verwundert, denn bisher hatte ich nicht mal eine Karte von ihm bekommen. Ich packte es langsam aus und fand ein Buch: „Die Kriege von 321 bis 452.“ Ich runzelte die Brauen und wusste nicht so recht, was ich davon halten sollte.
„Ein Geschichtsbuch“, stellte Thunder fest, als sie es mir neugierig aus den Händen nahm. „Und dann auch noch von Bartel… Der schreibt genauso langweilig, wie Herr Koslow redet.“ Sie rümpfte die Nase und gab es mir zurück. „Wenn es schon ein Buch sein muss, dann hätte es doch eins mit Sprüchen sein können. Er wird bestimmt einige richtig geniale kennen.“
„Er hat es sicher gut gemeint“, versuchte Céleste mich aufzumuntern. „Außerdem hat er das erste Mal an deinen Geburtstag gedacht, da spielt das eigentliche Geschenk doch gar keine Rolle.“
„Du hast sicher recht“, murmelte ich. Es stimmte im Grunde auch. Er hatte an mich gedacht, das war alles, was zählte. Allerdings schien er mich noch immer nicht zu kennen… Ich versuchte, den Gedanken zu vertreiben und nahm Shadows Päckchen entgegen. Es war eine wunderschöne Flasche mit Badezusatz. Ich öffnete sie und roch daran. Sofort umfing mich dieser weiche, angenehme Duft und vertrieb jegliche Anspannung und Sorgen. Ich fühlte mich einfach nur wohl und behaglich.
„Es ist ein Entspannungsbad“, erklärte sie. „Ich dachte, so etwas kann man immer gebrauchen.“
Ich nahm sie in den Arm und bedankte mich nochmals bei ihr.
„Da ihr euch wegen meinem letzten Geschenk so aufgeregt habt“, begann Thunder, während es mich heiß und kalt durchlief, als ich an das Foto von Night dachte, das heimlich in der Umkleidekabine der Wolves geschossen worden war, „gibt es dieses Mal eben etwas langweiligeres. Ich verspreche dir hiermit, eine Woche lang deine Hausaufgaben zu machen. Außerdem gibt es noch das hier.“ Sie warf mir einen klumpigen Gegenstand zu, der in grünes Papier gewickelt war. Man konnte ihm allzu deutlich ansehen, dass Thunder schwer damit zu kämpfen gehabt hatte. Ich packte es aus und hielt eine riesige Tüte Gummibärchen in den Händen. Ich verteilte welche an die anderen und probierte selbst. Sie waren wirklich gut.
Anschließend machten wir uns fertig für die Schule und gingen schließlich los. Als erstes hatten wir Grundlagen der Magie. Auf dem Weg dorthin stieß mich Thunder grinsend in die Seite. „Und, bist du schon aufgeregt?“
Ich runzelte die Stirn und sah sie fragend an. „Was meinst du?“
„Jetzt tu doch nicht so. Du fragst dich doch bestimmt auch, ob Night dir etwas schenken wird.“
Natürlich hatte ich daran gedacht und mein Herz schlug jedes Mal um einiges schneller, wenn ich es tat. Ich hoffte es und gleichzeitig konnte ich es mir nicht vorstellen.
„Och nee“, ächzte sie, als wir eine Gruppe vor uns sahen. Stella, Ice und Cat. Sie verteilte wiedermal Einladungskarten für ihre Geburtstagsfeier. Letztes Jahr hatte sie uns ebenfalls gebeten, zu kommen, allerdings mehr, um uns bloßzustellen. Sie reichte einem nach dem anderen die Karten, uns grinste sie jedoch nur breit an und ging weiter.
„Wenn sie glaubt, uns damit eins auszuwischen, hat sie sich aber gewaltig geschnitten“, meinte Thunder. „Sie kann sich nicht mal vorstellen, wie sehr ich mich freue, nicht hinzumüssen.“
In diesem Moment betraten Sky, Night und Saphir den Flur. Sofort tänzelte Stella auf die drei zu und überreichte ihnen die Umschläge.
„Klasse, ich freu mich!“, hörten wir Sky sagen.
„Typisch“, knurrte Thunder. „Der lässt sich auch keine Gelegenheit entgehen, dieser Vollidiot.“
Wir standen da und beobachteten sie eine Weile, wie sie sich mit Stella unterhielten. Mein Blick suchte wie von selbst Nights Handgelenk und ich stellte enttäuscht fest, dass er das Armband nicht trug. Er konnte es aber auch nicht immer tragen und überhaupt, was war schon dabei…
Die Jungs verabschiedeten sich von Stella und kamen in unsere Richtung. Mein Puls pochte immer lauter in meinen Ohren. Würde er gleich vor mir stehen bleiben und mir gratulieren? Hatte er vielleicht sogar wirklich ein Geschenk für mich? Die drei unterhielten sich angeregt miteinander, scherzten und lachten; dann bogen sie in den nächsten Korridor.
„Mach dir nichts draus“, sagte Céleste tröstend. „Er hat dich bestimmt nur nicht gesehen oder wollte dir nicht vor all den anderen gratulieren.“
Ich nickte und setzte ein gequältes Lächeln auf. Sie hatte sicher recht. Allerdings war ich mir sicher, dass sein Blick kurz zu mir gewandert war…
Ich ärgerte mich den restlichen Tag über mich selbst, denn ständig hielt ich nach ihm Ausschau. In meinem tiefsten Inneren sehnte ich mich danach, dass er mir wenigstens gratulierte und damit zeigte, dass er an mich gedacht hatte. Je mehr Zeit verstrich, desto unruhiger und enttäuschter wurde ich. Er konnte es doch nicht vergessen haben. Er wusste, dass ich am selben Tag wie Stella Geburtstag hatte und spätestens, als sie ihm die Einladung überreicht hatte, hätte es ihm wieder einfallen müssen. War es ihm also vielleicht einfach egal? Oder hatte sich nur keine Chance ergeben? Daran konnte ich nicht glauben…
„Jetzt lass den Kopf nicht hängen. Männer sind einfach dämlich“, erklärte Thunder. „Er hat es bestimmt vergessen.“
„Das denke ich nicht“, sagte ich.
„Ach glaub doch nicht, dass der sich merkt, wann wer Geburtstag hat. Wenn nicht immer eine riesen Ladung Geschenke vor seiner Türe läge, wüsste er nicht mal, wann sein eigener ist. So sind Typen halt. Dämlich und hirnlos!“
Ihrer Rede entnahm ich allzu deutlich, dass sie noch immer auf Sky sauer war.
„Ich will doch schwer hoffen, dass du unrecht hast“, sagte eine Stimme. Ich wandte mich um und lächelte, als ich Faith erblickte. Sie hatte wohl einen Teil unseres Gesprächs mitgehört.
„Gibt es einen speziellen Kerl, über den du dich aufregst?“, fragte sie.
„Bei ihr ist es immer derselbe verdammte Kerl“, erklärte Shadow.
„Das stimmt doch gar nicht. Von mir aus soll er machen, was er will, das interessiert mich alles gar nicht.“
Faith lachte und es klang wirklich schön. „Sag bloß, du bist unglücklich verliebt. Wer ist es denn?“
„Bitte?! Das letzte, was ich bin, ist verliebt!“
„Das glaubst auch nur du“, ächzte Shadow.
Thunder wollte gerade etwas erwidern, als uns eine Gruppe entgegen kam.
„Mann, was soll das?“, rief Spike seinem Kumpel wütend nach.
„Wie oft noch?!“, brüllte Duke seine Freunde mit hasserfülltem Blick an. „Ich hab genug von Iceless! Es gibt Wichtigeres als das, kapiert ihr das nicht?!“
„Mann, warum bist du auf einmal so seltsam?“, fragte Snake. „Seit ein paar Tagen bist du wie ausgewechselt. Was ist denn los? Du verlässt unser Team, redest nicht mehr mit uns, willst nur noch alleine rumsitzen, da stimmt doch was nicht.“
„Mit euch stimmt was nicht. Ihr seid einfach so dämlich. Ihr geht mir gewaltig auf die Nerven und ich kann euch nicht mehr ertragen. Ich weiß ohnehin nicht, wie ich es so lange mit euch ausgehalten habe. Ich sag es euch darum zum letzten Mal: Verpisst euch, klar?! Wir sind von jetzt an geschiedene Leute!“
„Mann, was bist du für ein Arsch?!“,
schrie Cold ihn an. „Du willst nichts mehr mit uns zu tun haben?!
Glaubst du, wir brauchen dich?! Ich habe gleich gewusst, dass man
so einem reichen Sack nicht trauen kann.“
„Ja, genau! Hau ruhig ab!“, rief Spike.
Cold spuckte voller Wut aus, wandte sich mit den anderen ab und eilte davon. Duke machte sich ebenfalls auf den Weg, schien uns erst jetzt zu bemerken und betrachtete uns mit einem Blick, der kälter war als Eis. Man konnte den Hass darin geradezu brennen sehen.
„Wow“, meinte Thunder, nachdem auch er verschwunden war.
„Was war das denn?!“, fragte Faith, die ebenfalls verwundert schien.
„Keine nette Art, auseinander zu gehen“, stimmte Shadow zu.
„Tja, jetzt hat er auch seine letzten Freunde vertrieben“, stellte Thunder trocken fest. „War mir eh ein Rätsel, dass den überhaupt jemand leiden konnte.“
Die Gruppe schien an einer Versöhnung tatsächlich nicht interessiert zu sein. Auch in den nächsten Tagen sah man sie nicht zusammen. Duke hing meistens irgendwo alleine herum, was ihm aber nichts auszumachen schien. Er wirkte weiterhin bedrückt und angespannt. Seinen Freunden machte der Bruch offensichtlich ebenfalls nicht viel aus. Sie lebten weiter wie zuvor und kamen bestens ohne ihn zurecht.
Mehr als Duke und sein seltsames Verhalten beschäftigte mich jedoch Night. Ich wollte es nicht, doch ich war enttäuscht. Ich hatte wirklich damit gerechnet, dass er mir zumindest gratulieren würde. Allerdings war ich an Nights Geburtstag auch nicht dazu gekommen. Also versuchte ich mich, mit diesem Gedanken zu trösten. Dennoch musste ich immer wieder an den Abend im Vergnügungstag denken. Ich war mir inzwischen sicher, dass ich mir das mit dem Kuss nur eingebildet hatte. Wahrscheinlich hatte er mich wirklich nur auf die Wange küssen wollen. Nicht mehr und nicht weniger… Ich hatte mich wieder mal in etwas verrannt und in allem viel zu viel gesehen. Wenn ich ihn wenigstens ab und zu alleine hätte treffen können… In seiner Nähe sein… Mit ihm reden… Doch wenn ich ihm begegnete, was schon selten genug vorkam, dann immer nur in Begleitung seiner Freunde. So auch an diesem Tag:
Es war Samstag. Shadow, Céleste und ich kamen gerade vom Frühstück. Thunder hatte länger schlafen wollen und lag wahrscheinlich noch im Bett. Da trafen wir im Flur auf Night, Sky und Saphir. Sky bemerkte uns, winkte freudig und rannte auf uns zu. Die anderen beiden folgten ihm langsam.
„Na, ihr?“, begrüßte er uns mit einem Grinsen. Seine Augen begannen sofort nach Thunder zu suchen. „Wo ist denn meine Süße?“
„Sie ist auf unserem Zimmer. Sie hatte keinen Hunger und wollte lieber länger schlafen“, erklärte Shadow.
„Oh, das trifft sich gut“, begann er grinsend und der Schalk legte sich in sein Gesicht. „Dann lasst uns mal los, damit ich mein Dornröschen aus dem Schlaf küssen kann.“
Wir drei sahen uns entsetzt an, dann ergriff Céleste das Wort. „Du willst in unser Zimmer?“
Saphir seufzte genervt und sprang erklärend ein. „Was der Hohlkopf hier vergessen hat zu erwähnen, ist, dass wir einen Spruch gefunden haben, um den Firron Trank bestmöglich verstecken zu können. Es dürfte danach schwer werden, ihn zu finden, ganz gleich wie man nach ihm sucht.“
„Ist es okay, wenn wir kurz zu euch gehen und ihn versiegeln?“, fragte Night. Ich wurde aus seinem Gesicht nicht schlau. Wie immer konnte ich darin nichts lesen.
„Klar, ich denke, je früher wir ihn verstecken können, desto besser“, meinte Céleste.
„Und dafür müsst ihr gleich alle mitkommen?“, hakte Shadow nach und hob herausfordernd die Augenbraue.
„Wir haben euch nur gerade zufällig gesehen, da dachten wir, es wäre ein guter Zeitpunkt, es jetzt gleich hinter uns zu bringen. Wenn euch das lieber ist, kann aber auch Night alleine mit euch gehen“, erklärte Saphir.
„Nix da!“, mischte sich Sky ein. „Ich will meine Süße wachküssen. Das lass ich mir auf keinen Fall entgehen.“
„Du bekommst höchstens eine von ihr geklatscht. Zu mehr Körperkontakt wird es sicher nicht kommen“, seufzte Saphir. „Wenn sie nicht wollen, dass wir mitkommen, ist das auch okay.“
„Lasst gut sein“, ächzte Shadow. „Kommt einfach mit.“
Zusammen setzten wir uns in Bewegung. Je näher wir dem Mädchenflur kamen, desto vorsichtiger wurden wir. Es würde richtig Ärger geben, wenn wir erwischt wurden, wie wir drei Jungs einschleusten.
Wir begegneten niemandem auf dem Weg und kamen schließlich ungehindert bei unserem Zimmer an. Shadow wollte gerade die Türe öffnen, als wir Stimmen von drinnen hörten.
„Jetzt komm schon“, sagte eine eindeutig männliche Stimme. „Du willst es doch auch.“
Ich glaubte, mich verhört zu haben und auch die anderen schauten entsetzt drein. Was tat Thunder da alleine mit einem Kerl auf unserem Zimmer?!
„Ich weiß nicht“, meinte Thunder. „Klar würde ich es gerne versuchen, aber was, wenn wir erwischt werden?“
„Es kann nichts schiefgehen. Lass es uns einfach tun. Du wirst sehen, es wird toll.“
„Und du bist sicher, dass nichts passieren kann?“
„Ich pass schon auf. Es ist ja nicht mein erstes Mal.“
Okay, allmählich verstärkte sich der Eindruck und ich wurde ein wenig unruhig. Die Jungs waren ebenso erstarrt wie wir, doch nun kam Leben in sie. Besonders in Sky.
„Also, lass es uns machen, okay?“, sagte die männliche Stimme.
„Nichts da!“, rief Sky und sein Gesicht spannte sich an vor Zorn. Er riss die Türe auf und trat ins Zimmer, während er rief: „Nimm sofort deine dreckigen Pfoten von…“
Er hatte wohl damit gerechnet, eine andere Situation vorzufinden. Thunder saß auf ihrem Bett, ein junger Mann auf einem Stuhl vor ihr. Beide sahen ihn fragend an.
„Okay, gut“, fuhr Sky fort, der sich wieder gesammelt hatte. „Ihr habt also noch nicht angefangen.“ Er baute sich vor dem Mann auf und erklärte: „Du hörst mir jetzt mal gut zu: Du lässt deine Pfoten von meiner Süßen, haben wir uns verstanden. Ich glaub einfach nicht, zu was du sie überreden wolltest!“ Noch ehe jemand die Chance hatte, etwas zu erwidern, wandte er sich an Thunder: „Und du? Warum tust du mir so was an?! Wenn du es so sehr willst, kannst du doch immer zu mir kommen, das weißt du doch!“
Thunders Blick schweifte zwischen ihm und uns anderen hin und her. „Kann mir mal jemand erklären, von was dieser Vollidiot da redet? Und überhaupt? Was macht ihr alle hier?“
„Was wir hier machen?!“, rief Sky aufgebracht. „Deine Unschuld verteidigen!“
Thunder wäre vor Schreck beinahe vom Bett gefallen. Mit knallrotem Kopf und zornverzerrtem Gesicht schrie sie ihn an: „Bist du jetzt völlig übergeschnappt?!“
Der junge Mann lachte inzwischen und krümmte sich vor Belustigung auf dem Stuhl.
„Ähm, Sky“, meldete sich Céleste zu Wort. „Das ist Archon, Thunders Bruder.“
Er betrachtete die beiden, ließ seinen Blick immer wieder hin und her wandern und schnappte schließlich nach Luft. „Oh Gott! Es ist also noch schlimmer, als ich gedacht habe. Wie kannst du deine Schwester zu so etwas überreden?! Wie bist du überhaupt drauf?! Das ist doch echt widerlich. Ich meine, verstehen kann ich es irgendwo, sie ist echt süß und alles, aber Mann, sie ist deine SCHWESTER! Das ist pervers!“
Nun war es an Thunder, nach Luft zu schnappen. Sie sprang auf und stürzte sich auf Sky, der verzweifelt versuchte, sie von sich zu halten.
„Du bist hier der Perverse! Was geht nur in deinem kranken Schädel vor?!“
Archon lachte erneut, während er den beiden zusah, wie sie miteinander rangen.
„Sag mal, ist das dein Freund?“, fragte er mit belustigtem Blick.
„Bist du irre?! Sieht das so aus, als wären wir ein Liebespaar?!“
„Irgendwie schon. Zumindest für deine Verhältnisse!“
„Ich wusste es“, jauchzte Sky, der jetzt unter Thunder am Boden lag und versuchte, ihre Fäuste festzuhalten. „Heute werden meine Träume wahr!“
„Höchstens deine Alpträume. Warte nur, bis ich mit dir fertig bin!“
„Ich finde, ihr passt wirklich gut zusammen“, stellte Archon fest, der noch immer entspannt auf seinem Stuhl saß.
„Langsam ist es aber genug“, mischte sich Céleste ein. Sie sah Shadow an und zusammen machten sie sich daran, die tobende Thunder von Sky herunterzuziehen. Es dauerte eine Weile, bis die sich wieder beruhigt hatte. Wir hatten sie auf einen Stuhl gedrückt und blieben in ihrer Nähe, falls sie doch wieder aufspringen sollte.
„Über was habt ihr nun eigentlich geredet?“, fragte Shadow.
„Über meine Übernachtung in der Schule, das ist alles“, erklärte Archon.
Wir wussten alle, dass das verboten war und bestraft wurde.
„Und wo willst du schlafen?“, fragte Céleste, die wohl schon Panik davor hatte, ihr Zimmer mit einem Jungen teilen zu müssen.
„Ich such mir ein Klassenzimmer, das klappt eigentlich immer recht gut.“
„Du hast schon Erfahrung darin?“, fragte Shadow.
Archon grinste vielsagend. „Nun ja… So kann man das wohl nennen.“
Thunder ächzte angeekelt. „Erzähl uns jetzt bloß nichts von deinen Frauengeschichten, sonst muss ich kotzen.“
„Keine Sorge, ich finde die Sache mit dir und… wie war gleich dein Name?“
„Sky“, antwortete dieser.
„Das werd ich mir merken“, meinte Archon mit seltsamem Gesichtsausdruck. „Eure Geschichte finde ich jedenfalls viel interessanter.“ Sein Blick flog über die anderen beiden und musterte sie prüfend. An Night blieb er besonders lange hängen. Meine Augen glitten ebenfalls ständig zu ihm. Er stand an eine Wand gelehnt, hatte die Arme vor der Brust verschränkt und beobachtete das Geschehen kommentarlos. Ich überlegte, ob sich nachher vielleicht eine Gelegenheit ergeben könnte, um mit ihm alleine zu sein. Ich wollte einfach nur seine Stimme hören, ihn lächeln sehen und spüren, dass ich ihm nicht gleichgültig war.
„Verstehe“, murmelte Archon mit einem eigenartigen Lächeln. Ich ahnte nichts Gutes...
„Wollen wir dann mal loslegen?“, fragte Shadow.
„Ich seh schon“, wandte Archon ein „ihr habt noch was zu tun. Ich lass euch dann solange alleine.“ Er erhob sich und ging in Richtung Türe. Er schritt dabei an mir vorbei und hielt kurz vor mir inne. „Ach ja, ich habe gehört, du hattest Geburtstag. Ich wünsch dir alles Gute nachträglich.“ Er nahm meine Hand und zog mich an sich in seinen Arm. Ich spürte seine Wärme, roch seinen angenehmen Duft und ich musste mir auch eingestehen, dass irgendetwas in mir diese Nähe genoss.
„Hast du gefeiert?“, fragte er weiter.
„Ja… etwas.“
„Nein, hat sie nicht“, erklärte Thunder, die uns belustigt zusah.
„Dann lade ich dich ein. Wie wär´s, wenn wir morgen Abend zusammen essen gingen? Nur wir beide, was sagst du?“
Ich wusste nicht, was ich antworten sollte. Mein Blick flog immer wieder zu Night, der weiterhin ungerührt an der Wand stand. Mir war dieses Gespräch unangenehm vor ihm, doch ihn schien es nicht sonderlich zu interessieren. War ich ihm so gleichgültig?
„Klar geht sie mit“, mischte sich Thunder ein.
Ich nickte schließlich unsicher. Einerseits, weil es unhöflich gewesen wäre ihn vor allen vor den Kopf zu stoßen und auf der anderen Seite aus Trotz, da Night es so kalt ließ.
„Gut, dann ist das abgemacht. Bis später.“ Ein letztes Mal flog sein Blick zu ihm, dann verließ er das Zimmer.
Shadow holte inzwischen den Flakon aus seinem Versteck und reichte ihn Night.
Der stellte ihn auf einen der Schreibtische und begann den komplizierten Zauber zu wirken. Die vielen Fingerzeichen hätte ich mir nie merken können, zumal ich kaum eines davon je zuvor gesehen hatte. Minuten später war er fertig und das Fläschchen schimmerte eigentümlich.
„Damit ist es für jeden, der sich nicht
in diesem Zimmer befunden hat, unauffindbar. Ich denke, dass der
Zauber ausreicht, um es selbst vor Gnat zu verstecken.“
„Das klappt schon“, stimmte Sky zu. „Immerhin haben wir echt lange
nach einem passenden Spruch gesucht und dieser ist einfach optimal.
Es kann gar nicht schief gehen.“
„Gut, dann hätten wir das erledigt“, meinte Saphir und erhob sich. „Gehen wir?“
Sky schob enttäuscht die Unterlippe vor. „Aber ich wollte doch noch ein bisschen bei meiner Süßen bleiben. Ich fände es aber riesig, wenn ihr anderen alle gehen könntet.“ Seine Augen funkelten frech, als er Thunder betrachtete. „Mit dir alleine in einem Zimmer. Vielleicht erfüllen sich meine Träume heute doch noch!“
„Nehmt den bloß mit, sonst seht ihr ihn das letzte Mal in unversehrtem Zustand“, knurrte Thunder.
„Du machst mich ganz schwach. Was hast du nur alles mit mir vor?!“
Sie war gerade dabei aufzuspringen, um sich wütend auf ihn zu stürzen, als wir auch schon an ihrer Seite standen, um sie festzuhalten.
„Du dämlicher Idiot!“, brüllte sie.
„Damit heizt du mein Feuer nur noch mehr an.“
„Komm schon“, sagte Saphir und zog Sky mit sich.
„Halte durch, meine Liebste!“, rief er ihr schmachtend zu. „Auch wenn sich alle gegen uns stellen. Unsere Liebe kann keiner aufhalten!“
„Oh Mann, was hat dich denn gebissen?“, fauchte Saphir wütend, der zusammen mit Night versuchte, ihn aus dem Zimmer zu bugsieren. Endlich hatten sie es geschafft und die Türe schlug laut hinter ihnen zu.
„Dieser Vollpfosten!“, ächzte Thunder wütend. Ihrem Blick nach sollten wir besser auf die Gegenstände in ihrer Nähe achten, sie sah nämlich ganz so aus, als würde sie gleich etwas durch das Zimmer werfen…
Es hatte sich wirklich viel verändert seit der Botschaft. Immer stärker wurde mir bewusst, dass diese auch an meinen Freundinnen nicht spurlos vorüber gegangen war. Thunder war noch reizbarer als sonst und um einiges ungeduldiger. Ihr machte es sehr zu schaffen, dass sie bei einem eventuellen Angriff dem Occasus nicht viel entgegenzusetzen hatte. Sie wollte um jeden Preis stärker werden, doch es ging ihr alles zu langsam.
Shadow war recht in sich gekehrt; sie ließ ziemlich wenig von ihren Gefühlen nach außen dringen und wirkte verschlossener denn je.
Céleste machte sich ständig Sorgen und versuchte, uns alle vor irgendwelchen Gefahren zu behüten. Wenigstens war es durch Archons Anwesenheit ein wenig besser geworden; immerhin lenkte er uns mit seinen Gesprächen, Späßen und Geschichten ab...
An dem Abend, als ich mich mit Archon zum Essen treffen sollte, war ich ziemlich nervös. Meine Freundinnen machten es nicht besser, denn Céleste mahnte mich bestimmt bereits zum zehnten Mal: „Ihr solltet wirklich nicht das Schulgelände verlassen. Wer weiß, was euch passieren könnte.“
„Wenn der Occasus wirklich hier ist“, erklärte ich, „dann, der Botschaft nach, an unserer Schule. Je weiter ich also von hier weg bin, desto besser.“
„Man kann doch keinem Dämon trauen“, sagte sie entsetzt. „Wer weiß, was an der Nachricht überhaupt stimmt.“
„Eben“, bestätigte ich.
„Lass sie doch gehen. Archon ist bei ihr, da passiert schon nichts“, mischte sich Thunder ein.
„Ich finde es einfach nicht gut“, versuchte Céleste es weiter. „Shadow, jetzt sag doch auch mal was.“
Doch diese saß ungerührt auf ihrem Bett und blätterte in einem Buch. Ihre dunklen Augen sahen uns ratlos an. „Was soll ich denn sagen?“
„Ich versteh euch einfach nicht“, begann ich. „Letztes Jahr, als all die seltsamen Dinge geschehen sind, habt ihr euch auch von den Worten des Direktors beruhigen lassen. Ihr wart nicht so… so seltsam wie jetzt. Alle sagen, dass uns keine Gefahr droht und dennoch spielt jeder hier an der Schule verrückt, versucht es sich aber nicht anmerken zu lassen. Was ist nur los mit euch?!“
Die drei senkten den Blick und schwiegen einen Moment lang. Schließlich setzte Céleste zu einer Erklärung an. „Du kannst das nicht verstehen, weil du hier nicht aufgewachsen bist. Uns sind von klein auf die Geschichten erzählt worden, wir sind in Liedern und Erzählungen vor dieser schrecklichen Kreatur gewarnt worden.
Wir waren uns stets bewusst, dass er irgendwann erscheinen wird und dass unser aller Leben dann auf dem Spiel steht… Nein, nicht nur das… Die Existenz aller Welten. Wir hatten dennoch immer in unserem tiefsten Inneren gehofft und gedacht, dass es nicht dazu kommen würde. Immerhin ist die Legende tausende Jahre alt. Zu hören, dass es nun doch geschehen sein soll, macht einfach Angst. Auch wenn es nicht wahr ist, hat es uns doch vor Augen geführt, dass wir uns viel zu sicher gefühlt haben und es eben doch passieren könnte. Uns stünde ein schrecklicher Kampf bevor, aus dem viele nicht lebend zurückkämen… Nichts wäre mehr so wie es mal war, falls es uns überhaupt gelingen sollte, ihn zu vernichten. Darum hat sich in uns allen etwas verändert.“
Es klopfte an der Türe und Archon schlüpfte leise zu uns ins Zimmer. „Na, bist du fertig?“, fragte er mich.
Ich betrachtete meine Freundinnen und nickte langsam. Ich konnte ihre Angst verstehen, doch ich sah nichts Hilfreiches daran, sich zu verkriechen und in Panik vor dem möglichen Grauen zu versinken. Ich würde wie bisher weiterleben und wenn sich die Wahrheit der Nachricht doch noch bestätigen sollte, würde auch ich kämpfen.
Zusammen mit Archon verließ ich das Zimmer und ging in Richtung Ausgang. Auf dem Weg spürte ich es wieder… Als würde ich beobachtet… verfolgt. Doch wohin ich auch sah, da war niemand. Nur das Gefühl in meinem Nacken, dieses kalte Stechen, als bohrten sich Blicke hinein, blieb.
„Wie wollen wir eigentlich vom Schulgelände kommen?“, fragte ich nach einer Weile, um mich abzulenken.
Archon lächelte und blieb stehen. „Gar nicht.“
Ich sah ihn erstaunt an und hob fragend eine Braue.
„Ich weiß doch, dass du gar nicht mit mir ausgehen willst. Ich hab dich nur eingeladen, um etwas zu testen.“
Meine Gesichtszüge schienen mir regelrecht zu entgleiten, denn er lachte amüsiert. „Wie wär´s stattdessen mit einem kleinen Spaziergang?“
Ich nickte vorsichtig und folgte ihm in den Schulpark. Zunächst gingen wir schweigend nebeneinander her, bis ich es nicht mehr aushielt. „Was meinst du damit, du wolltest etwas testen?“
„Ganz einfach.“ Sein Blick funkelte. „Du weißt sicher, dass ich dich sehr mag und äußerst interessant finde. Ich bin ehrlich, wenn ich dir sage, dass ich mich in dich verliebt habe. Thunder hatte ja bereits erwähnt, dass du für jemand anderen Gefühle hegst. Ich bin kein Idiot und auch nicht blind. Es ist dieser Typ, der gestern im Zimmer war, stimmt´s? Night heißt er, oder?“
Ich spürte, wie mein Gesicht zu glühen begann. Ich wusste gar nicht, was mir unangenehmer war. Seine offenen Worte oder dass ich so leicht zu durchschauen war?
„Ich wollte nur sehen, ob ich eine Chance habe und nach meinem Test bin ich mir da ziemlich sicher.“
Ich blickte ihn erschrocken an.
„Tja, es tut mir leid für dich und glaub mir, ich will dir nicht weh tun, aber was nützt es, wenn du einem vergeblichen Traum hinterher jagst?“
Ich verstand sehr gut, was er meinte und betrachtete schweigend meine Füße.
„Du liebst ihn zwar, das sieht man an jedem Blick, jeder kleinsten Bewegung, die du tust, wenn er in der Nähe ist. Ich bin mir nur ziemlich sicher, dass er dir nicht dieselben Gefühle entgegen bringt.“ Er seufzte leise und fuhr fort. „Ich weiß, wie schwer es ist, aber du solltest wirklich versuchen, ihn aufzugeben. Wie lange hoffst du schon auf ihn? Glaub mir, jede Minute ist zu viel. Er mag zwar nett zu dir sein, aber er sieht dich nicht auf die gleiche Art an, wie du ihn.
Ich erwarte nicht, dass du dich von ihm abwendest und gleich in meine Arme fällst. Es spielt nicht mal eine Rolle, ob du jemals etwas für mich empfinden wirst. Ich möchte dich einfach nur wachrütteln, gerade, weil du mir etwas bedeutest. Du hast jemanden verdient, der dich ebenso liebt wie du ihn. Versuch mal darüber nachzudenken, das ist alles, was ich mir wünsche.“
Archon ging dicht neben mir. Ich spürte seine Wärme, die tröstlich und zugleich schmerzhaft war. Ich blickte in seine schönen Augen und sagte mit glänzendem Blick: „Ich habe mir vor einiger Zeit etwas geschworen und auch wenn es dumm und sinnlos ist: Ich kann ihn nicht aufgeben, verstehst du? Es macht mich bereits glücklich, wenn ich in seiner Nähe bin, sein Lächeln spüre und seine Stimme hören kann. Natürlich sehne ich mich danach, dass er meine Gefühle erwidert, aber ich kann ihn nicht loslassen. Zumindest solange, bis ich es aus seinem Mund gehört habe. Mir ist klar, wie idiotisch und selbstzerstörerisch das alles klingt, aber mir reicht das Glück, das ich so fühle.“
Er nickte betroffen. „Es gibt also keine Chance…“ Er schwieg kurz und seine Augen blitzten erneut, als sich ein Lächeln auf seine Lippen legte. „Ich bewundere dich sehr. Du gibst nicht auf und hältst an ihm fest. Ich nehme mir an dir ein Beispiel und werde es ebenfalls so handhaben. Mach dich also auf was gefasst“, erklärte er mit einem Augenzwinkern.
„Da wirst du ein langes Durchhaltevermögen brauchen.“
„Glaub mir, das habe ich.“
Kurz nachdem wir zu den anderen zurückgegangen waren, war es Zeit für Archons Aufbruch. Am nächsten Tag hatte auch er wieder Schule und musste darum schleunigst zurück. Er verabschiedete sich von uns, nahm jeden in den Arm und drückte mich besonders lange an sich. „Irgendwann wirst du zur Vernunft kommen, dafür sorg ich schon“, raunte er mir ins Ohr.
„Liebe hat nicht viel mit Vernunft zu tun“, flüsterte ich leise zurück. Ich mochte ihn. Lieben würde ich ihn aber nie können. Dennoch war es traurig, dass er ging.
Danach kehrte die bedrückende Stimmung zurück und mir wurde umso deutlicher, dass nichts mehr war wie zuvor.
In den nächsten Tagen ging ich oft spazieren, wenn sich die Gelegenheit ergab. Meine Freundinnen waren mir auch weiterhin wichtig, dennoch ließ sich nicht verbergen, dass sich etwas verändert hatte. Ich war gerne mit ihnen zusammen, allerdings brauchte ich ab und zu ein wenig Zeit für mich. Ich ging darum ab und an im Schulpark umher, setzte mich auf eine Bank in der Lichtung und genoss die letzten warmen Sonnenstrahlen des Herbstes. Ich begegnete normalerweise niemandem unterwegs. Schon gar nicht auf der Lichtung selbst. An diesem Tag war ich allerdings nicht allein...
Night saß auf einer der Bänke; um sich herum Schulbücher und Papier verteilt. Endlich bot sich eine Gelegenheit, mit ihm alleine zu sein. So lange hatte ich mich nach seiner Stimme gesehnt, seinem Lächeln… Ich ging langsam zu ihm, während mein Puls stetig heißer und heftiger pochte. Night hob den Kopf und da war es wieder, dieses Lächeln, das ich so sehr liebte.
„Störe ich?“, fragte ich.
„Nein, setz dich.“ Er schob seine Sachen beiseite, so dass ich mich neben ihm niederlassen konnte. Mein Blick flog über seine Schulsachen. Mir graute es jetzt schon davor, wenn ich mir vorstellte, das alles auch mal lernen zu müssen. Es sah äußerst kompliziert aus…
„Ihr habt momentan wohl viel zu tun“, murmelte ich.
Er nickte. „Ja, man kommt kaum hinterher.“ Er betrachtete mich kurz mit diesem unglaublichen Blick.
„Du hattest Geburtstag.“ Seine Augen hingen nicht mehr an mir, sondern sahen in die Ferne. „Tut mir leid, dass ich nicht daran gedacht habe. Du bist eine wirklich gute Freundin und bedeutest mir viel als solche. Wir haben eine tolle Beziehung und können über alles reden, was mit anderen Mädchen nicht immer einfach ist. Sie wollen oft nicht akzeptieren, dass es eben bloß eine Freundschaft ist.“
Als hätte man einen Kübel mit eisigem Wasser über mir ausgekippt, war plötzlich jedes warme Gefühl hinfort gespült. Ich spürte eisige Spitzen, die sich in mein Herz bohrten und es zu zerfetzen drohten. Ich betrachtete meine Hände, die ich ineinander gekrallt hielt, um mich irgendwo festhalten zu können. Ich lächelte tapfer, doch in mir rauschte der Schmerz.
Ich nickte stumm; sah ihn an und meinte: „Das macht nichts. Wirklich. Es ist ja auch einiges passiert und dann müsst ihr auch so viel lernen.“
„Dennoch tut es mir leid.“
„In letzter Zeit ist vieles anders geworden“, sagte ich mit verblüffend fester Stimme.
„Ja, seit der Nachricht traut keiner dem anderen mehr über den Weg. Sie haben alle Angst. Wahrscheinlich hatten wir diese Gefahr einfach zu weit von uns geschoben.“
„Glaubst du, dass es stimmt?“
Er wusste sofort, von was ich sprach. Er lehnte sich in der Bank zurück und blickte in den Himmel. „Ganz ehrlich: Nein. Der Direktor hat gerade letztes Jahr einige Fehler gemacht und viele Dinge nicht ernst genug genommen. Doch diese Botschaft hat sowohl ihm als auch den Radrym zugesetzt. Sie haben alles untersucht und sind sich sicher, dass uns keine Gefahr droht. Ich glaube ihnen in diesem Punkt. Wären sie von etwas anderem überzeugt, hätten sie bereits Vorkehrungen getroffen. Ich denke, die Dämonen wollten uns einfach an einer wunden Stelle treffen und das haben sie ja auch geschafft. Dafür muss man nur mal in die Schule gehen. Man spürt, wie sehr die Angst uns alle beherrscht.“
Ich nickte stumm und wir schwiegen beide.
„Ich geh dann mal zurück. Kommst du mit?“
Ich schüttelte verneinend den Kopf. Ich brauchte Zeit für mich.
„Gut, dann bis bald.“ Er lächelte und es war dieses wundervolle Lächeln, das mich sonst immer so glücklich machte. Dieses Mal schnitt es mir jedoch schmerzhaft in die Brust. Er nahm seine Sachen, ging und war bald nicht mehr zu sehen.
Ich saß weiterhin da. Nicht fähig, einen klaren Gedanken zu fassen.
Fühlte er tatsächlich nicht dasselbe wie ich? War ich ihm nur eine gute Freundin, nicht mehr? Waren all die Momente bedeutungslos? Im Grunde hatte er es ja angedeutet… Er wollte keine Beziehung mit mir. Wir waren eben bloß… Freunde.
Das Schlimme war, dass ich trotzdem nicht von ihm lassen konnte. Ich liebte ihn und wollte bei ihm sein. Ich wusste, dass es mir in seiner Nähe weiterhin gut gehen würde. Auch wenn nie die Chance auf mehr bestehen sollte…
Es war verrückt! Und das machte mir auch so sehr zu schaffen. Mein Verhalten war idiotisch und dennoch änderte es nichts.
Ich weiß nicht, wie lange ich auf der Bank gesessen hatte. Irgendwann, als mein Körper taub war und ich nichts mehr in mir spürte, erhob ich mich und machte mich auf den Rückweg. Mein Kopf war leer und irgendwie war das momentan kein schlechtes Gefühl. Ich ging gerade das Stück, das einen durch den Wald führte, als ich ein Geräusch vernahm. Es riss mich aus meiner Lethargie und ließ mich zusammenschrecken. Da hörte ich es erneut. Ein Zischen. Es kam mir eigenartig vertraut vor. Ich verließ den Pfad und ging weiter in den Wald hinein. Als es erneut durch die Stille zuckte, wusste ich plötzlich, was es war. Ein Zauber. Ich setzte mich in Bewegung und folgte dem Geräusch, das immer lauter wurde. Plötzlich befand sich vor mir ein kleiner Hang und als ich hinunterblickte, sah ich es: Einige Bäume waren umgestürzt… Nein, von einem Zauber weggerissen worden. Eine Gestalt warf einen Spruch nach dem nächsten auf sie. Einer der Stämme stand plötzlich in Feuer; als der nächste Zauber traf, wurde er eingefroren, die Flammen im Eis eingeschlossen. Als nächstes schlug ein Blitz ein und sprengte das gläserne Gefängnis der Flammen, dass sie erneut aufflackern konnten. Duke atmete schwer, war schweißüberströmt und offensichtlich am Ende seiner Kräfte. Dennoch hörte er nicht auf. Ich betrachtete ihn. Er schien zu trainieren und das mit solch einer Verbissenheit, die ich ihm nie zugetraut hätte. Ich wusste nicht, was ich davon halten sollte… Doch ich hielt es plötzlich für besser, schnellstmöglichst von hier zu verschwinden. In diesem Moment nahm ich einige Meter hinter ihm eine Bewegung wahr. Er war nicht allein. Duke wurde von einer weiteren Person beobachtet. Risu versteckte sich hinter einem Baum und sah ihm zu. Doch ihr Blick und dieses eigenartige Lächeln auf ihren Lippen, jagte mir Schauer über den Rücken. Es war so kalt… so wissend… so finster. Ich musste hier weg! So schnell ich konnte, eilte ich los. Ich hatte Angst, richtige Angst, dass einer der beiden mich entdecken würde und verstand mich selbst nicht mehr. Als wäre der Teufel persönlich hinter mir her, rannte ich den kompletten Weg zur Schule zurück. Erst als ich dort angekommen war, fiel die Anspannung von mir. Nach einer Weile beruhigte sich mein jagendes Herz. Ich lächelte und schüttelte über mich selbst den Kopf. Was hatte ich mir da nur eingebildet? Woher war dieses seltsame Gefühl gekommen? Allmählich schien sich die Stimmung der anderen auch immer mehr auf mich zu übertragen.