Nachricht aus der Hölle
Leider tat sich in den nächsten Tagen nichts dergleichen. Keiner erfuhr etwas darüber, wen die Dragons in Erwägung zogen. Hatten sie überhaupt Interesse? Die Gespräche darüber flauten immer weiter ab; immerhin stand die Berufsberatung der 16. Klassen an. Ein ziemlich spannendes Thema, denn natürlich erfuhr man von einigen, welchen Weg sie einschlagen würden. Außerdem entschied sich hier, wer weiter an der Schule bleiben und wer sie verlassen würde, um eine Ausbildung zu beginnen. Auch wenn die Schüler bereits einundzwanzig Jahre alt waren, wurden zu dieser wichtigen Entscheidung auch immer die Eltern eingeladen. Darum gab es in der Eingangshalle in diesen Tagen ein ständiges Kommen und Gehen.
Wir standen an einer der Treppen und beobachteten das rege Treiben vor uns.
Eigentlich ging es mehr um die Informationen, die man hier immer als erstes erhielt.
„Hätte ich nie gedacht, dass Tayson von der Schule gehen wird“, erklärte Céleste. Tayson war ein Mitschüler von Night, Sky und Saphir und berüchtigt dafür, dass er extrem viel lernte. Er hatte eine höhere Laufbahn angestrebt; nun verabschiedete er sich mit gesenktem Kopf von seinen Eltern. Die Demütigung und Enttäuschung stand ihm ins Gesicht geschrieben.
„Tja, lernen ist eben nicht alles“, kommentierte Thunder das Ganze emotionslos. Mich ließ es weniger kalt. Ich wollte mir gar nicht erst vorstellen, wie es mir ergehen würde, wenn ich an seiner Stelle wäre. Dass es so kommen könnte, war gar nicht mal unwahrscheinlich. Ich hatte mich zwar vor allem in den praktischen Fächern verbessert, allerdings machte sich der Vorsprung der anderen in vielen Dingen eben doch bemerkbar und ich musste mich wirklich anstrengen. Andererseits wusste ich noch immer nicht, was ich einmal beruflich machen wollte. Alles, was für mich zählte, war, so lange als irgendwie möglich an der Schule zu bleiben. Vielleicht nicht das beste Ziel, aber schaden konnte es auch nicht. Ich seufzte. Irgendwann würde ich mir wirklich Gedanken um meine Zukunft machen müssen.
Plötzlich sah ich mich um, doch hinter mir stand niemand. Dabei hatte ich für den Bruchteil einer Sekunde das Gefühl gehabt, mich hätte eine Hand berührt. Mein Herz stolperte noch immer bei dieser Erinnerung. Sie war kalt gewesen… Kalt und schwer… Hatte ich mir das wirklich eingebildet? Während ich mich allmählich beruhigte, sah ich mich weiterhin um. Hier war nichts und niemand, von dem Gefahr ausging.
„Oh Mann, ich glaub´s nicht“, ächzte Thunder und riss mich aus meinen Gedanken.
Ich sah nach unten in die Halle und erkannte den Grund für ihre Abneigung. Sky war gekommen und wartete offenbar auf die Ankunft seiner Eltern. Sekunden später öffnete sich ein Portal und eine hochgewachsene, schlanke Frau mit blondem, langem Haar trat zusammen mit einem blauhaarigen Mann heraus. Sie rannte sofort auf Sky zu und schloss ihn in die Arme.
„Wie geht es dir?“, fragte sie. „Bist du schon aufgeregt? Ich bin es jedenfalls.“
Der Mann trat nun ebenfalls auf ihn zu und drückte ihn kurz.
„Ach, was soll denn auch schiefgehen?“, sagte er. „Mit diesem unvergleichlichen Charme würde er doch überall zurechtkommen.“
„Genau“, bestätigte Sky grinsend.
„Das will ich aber nicht“, erwiderte seine Mutter nun nicht mehr ganz so freundlich. „Er soll gefälligst weiterhin auf der Schule bleiben und ein höheres Ziel anstreben. Hätte er nicht immer so viele Flausen im Kopf, wäre das auch mit Sicherheit kein Problem, aber in diesem Punkt kommt er ganz nach dir.“ Der letzte Satz klang wie ein ernstgemeinter Vorwurf.
Skys Vater lächelte ungerührt. „Hätte ich die nicht, wäre das mit uns beiden doch nie was geworden.“ Er betrachtete sie herausfordernd.
„Bist du verrückt geworden?! Du weißt ganz genau, dass du mich damit in den Wahnsinn treibst, aber genau das willst du wohl auch!“
Irgendwie kannte ich dieses Verhalten nur zu gut… Auch Shadow und Céleste grinsten wissend. Wir alle betrachteten Thunder.
„Was?!“, fragte sie.
„Na, kommt dir das nicht verdammt bekannt vor?“, fragte Shadow.
Thunder sah sie fragend an.
„Du und Sky verhaltet euch genauso“, sprang Céleste erklärend ein.
Thunders Augen wurden größer und größer. „Ihr spinnt wohl! So bin ich überhaupt nicht! Das ist ja peinlich, wie die beiden sich aufführen. Also vergleicht mich nicht mit denen!“
Shadow ächzte nur: „Ist schon verdammt übel, wenn man mal den Spiegel vorgehalten bekommt, nicht?!“
Thunder wollte gerade etwas erwidern, als Skys Mutter losrannte und den jungen Mann umarmte, der gerade gekommen war.
„Meine Güte, Night. Ich habe dich so lange nicht mehr gesehen. Wann war das letzte Mal?“ Sie betrachtete ihn und fuhr mit geröteten Wangen fort: „Du wirst wirklich immer hübscher. Deine Mutter muss so stolz auf dich sein.“
„Was soll denn das heißen?“, meldete sich Sky nun zu Wort.
„Ach, jetzt stell dich nicht so an“, fuhr sie rüde zurück.
„Schön, Sie wiederzusehen“, unterbrach Night den Zwist.
„Du musst uns unbedingt mal wieder besuchen kommen“, fuhr sie unbeirrt fort.
In diesem Moment öffnete sich ein weiteres Portal. Kaum war die Person herausgetreten, huschten alle Augen zu ihr. Selbst mir stockte der Atem. Die Frau war unglaublich schön. Sie trug ein leichtes Sommerkleid, das ihre perfekte Figur umspielte. Ihr Gesicht wirkte wie von einer makellosen Porzellanpuppe. Weiße ebenmäßige Haut, rote sinnliche Lippen und unglaubliche Augen. Ein Blick hinein genügte, um sich darin zu verlieren. Ihr langes, schwarzes Haar wehte leicht, als sich das Portal hinter ihr schloss und sie sich in Bewegung setzte.
„Wer ist das denn?“, fragte Céleste ebenso verwundert.
Alle Blicke hingen an der jungen Frau. Eine Schülerin konnte sie nicht sein… Eine neue Lehrerin? Unwahrscheinlich… Aber für eine Mutter war sie viel zu jung… Plötzlich trat Night auf sie zu und umarmte sie kurz. Ich konnte klar und deutlich hören, wie er: „Hallo, Mutter“ sagte.
Nicht nur mir schien es die Sprache verschlagen zu haben. Jetzt wussten wir wenigstens, von wem er dieses unglaubliche Aussehen hatte.
„Frau Reichenberg“, rief Sky, während er auf sie zueilte. „Schön, Sie wiederzusehen.“
„Freut mich auch“, antwortete sie mit einer Stimme, die süß und weich wie flüssiger Honig war.
Auch Skys Vater war inzwischen herbeigeeilt und begrüßte sie. „Hätte ich gewusst, dass Sie um dieselbe Zeit los müssen wie wir, hätten wir doch zusammen gehen können“, wandte er ein.
„Das hätte dir wohl so gepasst“, sagte seine Frau und rammte ihm unsanft den Ellbogen in die Seite. „Dass du dich nicht einmal benehmen kannst!“
„Ich weiß gar nicht, wovon du redest.“
„Oh ja, das glaub ich dir sofort. Los, komm jetzt. Wir müssen weiter, sonst kommen wir zu spät.“
Die Gruppe setzte sie sich in Bewegung und verließ die Halle.
Die Grundlagen der Magie-Stunde war recht gut verlaufen. Wir waren momentan dabei, einen neuen Elementzauber zu erlernen. Ein wirklich aufwändiger und komplizierter Spruch, allerdings wären wir dadurch in der Lage, Wasser zu lenken. Die Anfänge hatten bei mir schon recht gut geklappt, was man bei Thunder nicht sagen konnte. Ihre Schuhe waren voll mit Wasser und quietschten bei jedem Schritt. Sie war von oben bis unten durchnässt und schimpfte ununterbrochen vor sich hin.
„So ein beschissener Zauber! Für was soll der überhaupt gut sein?! Ich glaube kaum, dass ich einem Gegner Angst mache, nur weil er ein bisschen nass wird. So ein unnötiger Mist.“
„Jetzt stell dich nicht so an. Du bist einfach zu ungeduldig“, begann Céleste gerade, als wir vom Geschehen vor uns abgelenkt wurden.
„Das kann doch einfach nicht dein Ernst sein?!“, rief Sky wütend. „Du solltest wenigstens darüber nachdenken!“
„Ich sag es dir zum letzten Mal: Das ist meine Sache. Also halte dich da raus und nerv mich nicht weiter, verstanden?!“
„Wenn du in dein Verderben rennst, werd ich ganz sicher nicht einfach nur dabei stehen und zusehen!“
„Das ist mir sowas von egal, was du machst, nur lass mich in Ruhe.“ Damit eilte Night davon und ließ Sky stehen.
„Bleib gefälligst hier, verdammt!“
Doch Night drehte sich nicht einmal mehr nach ihm um.
Sky trat wütend mit dem Fuß gegen die Wand und schimpfte ungehalten vor sich hin.
„Na, Ärger im Paradies?“, fragte Thunder vor Freude grinsend.
„Lass gut sein“, antwortete er grimmig.
Es musste wirklich ernst sein, wenn er nicht mehr auf ihre Provokation einging.
„Was ist denn passiert?“, wollte Céleste wissen.
Er betrachtete uns kurz, als ringe er noch mit sich. Schließlich begann er doch zu erzählen. „Ich war in der Berufsberatung nach Night dran. Nachdem wir im Grunde alles besprochen hatten und meine Eltern und ich gehen wollten, hielt mich der Kerl zurück. Er habe gehört, Night und ich seien gute Freunde und da er das Gefühl habe, sowohl bei ihm als auch bei Nights Mutter auf taube Ohren gestoßen zu sein, solle ich ihm doch nochmal ins Gewissen reden. Immerhin gehe es um seine Zukunft.“
„Muss man das verstehen?“, fragte Thunder ungeduldig.
„Es geht darum, dass er alles einfach wegwirft. Das ist die Chance und er will sie nicht nutzen“, schrie er wütend los.
Ich sah ihn überrascht an. So hatte ich ihn noch nie erlebt.
„Talentsucher der Dragons haben beim letzten Iceless Spiel zugeschaut. Sie wollen ihn haben, doch er lehnt vehement ab. Ich versteh das nicht! Das ist eine einmalige Chance. So eine bekommt er nie wieder. Der Berufsberater meinte, dass er auch gute Aussichten hätte, sich bei den Radrym zu versuchen. Er bräuchte noch etwas bessere Noten, das Potential hätte er jedoch. Er könnte sich mit Sicherheit am Aufnahmetest versuchen…“ Sky schüttelte verständnislos den Kopf. „Er will aber nicht. Er will nicht zu den Dragons und die Radrym würden ihn ebenfalls nicht sonderlich reizen, könnt ihr euch das vorstellen?! Er weiß noch nicht mal genau, was er machen will, dennoch schlägt er diese Chancen in den Wind. Der spinnt doch!“
Er sah uns hilflos an, dann blieben seine Augen an mir hängen. „Sprich du nochmal mit ihm.“
„Was?! Ich?! Wieso sollte er auf mich hören?“ Mal davon abgesehen, dass ich ihn auf keinen Fall zu etwas überreden wollte, wofür er die Schule verlassen musste.
„Versuch es wenigstens“, bat er mich.
In meinem Kopf rasten die Gedanken. Es war nicht nur, dass ich ihn nicht verlieren wollte… Ich wollte vor allem, dass er glücklich war und wenn er für sich entschied, dass es dieser Weg nicht war, dann sollte er ihn auch nicht gehen müssen. Ich schüttelte verneinend den Kopf. „Ich denke, er weiß schon, was er macht.“
„Klasse!“ In seinen Augen glommen Enttäuschung und Wut. Ohne ein weiteres Wort wandte er sich ab und stapfte davon.
Einige Tage später ging ich in der Parkanlage spazieren und hing dort meinen Gedanken nach. Ich überlegte, welches Thema ich für einen Aufsatz in Literatur wählen sollte, doch allzu schnell stahl sich Night wieder in meine Gedanken. Natürlich würde es mich treffen, wenn er die Schule verlassen sollte, aber wenn er dadurch glücklich wäre… Warum sollte ihn jemand zu etwas zwingen, was er nicht wollte?! Und weshalb sollten ihn gerade meine Worte überzeugen?!
Ich schlug den Weg zur Lichtung ein und sah ihn sofort. Night hatte sich auf eine der Bänke gelegt, die Arme unter dem Kopf verschränkt und den Blick gen Himmel gerichtet. Ich ging langsam auf ihn zu, während sein wundervoller Anblick sich in meine Seele brannte. Er wandte mir den Kopf zu; ein sanftes Lächeln umspielte seine Lippen.
„Was führt dich hierher?“, fragte er, während er sich aufsetzte und neben sich Platz machte.
„Ich hab nur einen Spaziergang gemacht.“
Ich ließ mich neben ihn sinken. Es hatte keinen Sinn, drumherum zu reden…
„Habt ihr euch wieder vertragen?“
Er schwieg kurz und seufzte. „Sky hat wohl endlich verstanden, dass er mit seinem ständigen Gerede nicht weiterkommt. Sauer ist er wohl noch immer, aber das gibt sich wieder.“
Ich nickte und hoffte, dass er Recht behielt.
„Er hat mir von der Sache mit dem Berufsberater erzählt“, begann ich vorsichtig.
Nun glitten seine tiefblauen Augen zu mir und sein Blick flammte kurz auf. „Sag bitte nicht, dass er dir auch diesen Floh ins Ohr gesetzt hat und dich letztendlich von dieser schwachsinnigen Idee überzeugen konnte.“
Ich kratzte mit meinen Fußspitzen in der Erde herum und betrachtete sie aufmerksam dabei; dann schüttelte ich verneinend den Kopf. „Er hat mir erzählt, dass die Talentsucher dir einen Vertrag angeboten haben und auch von der Chance bei den Radrym…“
„So ein Blödsinn“, ächzte er ungeduldig. „Eine Iceless-Karriere hat mich noch nie interessiert. Allein der Gedanke, an die Exercitatio wechseln zu müssen, ödet mich an. Ich habe versucht, ihm klarzumachen, dass ich keine Lust auf das alles habe… Ständig Training, Konkurrenzkampf und das alles neben einem knallharten Unterrichtsprogramm. Bei den Radrym ist es noch schlimmer… Und für was das Ganze?! Nur, dass ich am Ende hinter einem hartumkämpften Schreibtisch lande…“ Er lehnte sich in der Bank zurück und ließ seinen Blick gen Himmel wandern. „Es geht ihm im Grunde auch gar nicht so sehr darum, dass ich nichts davon machen möchte. Ihn bringt es einfach zur Weißglut, dass ich mich nicht genügend mit der Zukunft befasse und mir Ziele stecke.“
Ich sah ihn überrascht an. So hätte ich Sky gar nicht eingeschätzt. Er fing meinen Blick auf und lachte. „Ja, man merkt es ihm nicht an, aber er hat auch einen sehr ernsten und gewissenhaften Teil in sich. Du hast doch mitbekommen, dass er Arzt werden will. Das hat er schon lange für sich entschieden. Er strengt sich wirklich an und lernt viel… Er hat auch recht gute Noten, aber trotzdem wird er es schwer haben. Gerade darum macht es ihn so sauer zu sehen, dass ich solche Chancen ungenutzt verstreichen lasse.“
Ich nickte und konnte Sky nun tatsächlich besser verstehen. „Ich finde es richtig, dass du deinen eigenen Weg gehen willst. Man muss nicht nach irgendwelchen hohen Zielen greifen, nur des Ansehens und Geldes wegen. Du solltest das machen, was dich glücklich macht, auch wenn es vielleicht nicht das ist, was andere von dir erwarten.“
Er betrachtete mich von der Seite; ich konnte seinen Blick auf mir spüren und ein heißer Schauer durchfuhr mich. Ich wurde mir seiner Nähe immer stärker bewusst, das Blut rauschte in meinen Ohren und meine Hände begannen zu zittern. Ich sah zur Seite und blickte in sein vollendet schönes Gesicht. Ich hätte das besser nicht tun sollen, das war mir klar, denn nun war mein Kopf wie leergefegt. Wie gerne ich mich doch an ihn geschmiegt hätte; selbst die wenigen Zentimeter zwischen uns waren zu viel für mich. Mein Blick glitt an seinem Gesicht entlang und blieb an seinen sinnlichen Lippen hängen. Ich wollte sie endlich spüren! Ich spürte mein Blut heiß und lodernd durch meine Adern jagen… Es wäre der perfekte Moment. Doch Night stand auf. „Ich muss langsam zurück. Kommst du mit?“
Ich nickte enttäuscht und folgte ihm. Mein Herz pochte noch immer hart gegen meine Brust, doch vor allem nagte die Enttäuschung an mir.
Ich versuchte, ein Gähnen zu unterdrücken und mich aufrechter hinzusetzen. Wir hatten Geschichte und sahen einen Film an. Der Raum war abgedunkelt und lud gerade dazu ein, ein wenig zu schlafen. Herr Koslow saß mit dem Rücken zur Klasse und schien der Dokumentation interessiert zu folgen, während seine Schüler allesamt mit ihrer Aufmerksamkeit zu kämpfen hatten.
Der Film war aber auch zu langweilig. Es sollte um irgendein Handelsabkommen im Jahre 1681 gehen. Alles, was jedoch gezeigt wurde, waren einige Männer mit Schnauzbärten, die aus irgendwelchen Gesetzestexten vorlasen und sich dabei offenbar in der Monotonie ihrer Stimme zu übertreffen versuchten.
Thunder saß neben mir und blickte schon lange nicht mehr auf den Fernseher. Sie war damit beschäftigt, in ihrer Hand Zauber entstehen zu lassen: Mal eine kleine Flamme, dann wieder einige Eiskristalle oder ein schwarzer Wirbel.
Doch auch der Rest befasste sich überwiegend mit anderen Dingen. Einige unterhielten sich leise, andere kritzelten auf ihrem Block herum oder lasen wie Shadow ein Buch. Céleste schien eine der wenigen zu sein, die sich tatsächlich bemühte, dem Film zu folgen. Sie notierte sich Stichpunkte, strich die meisten jedoch kurze Zeit später wieder durch.
Nach gefühlter Ewigkeit war die Dokumentation endlich zu Ende und der Lehrer ließ die Vorhänge beiseite ziehen, so dass Licht ins Zimmer kam. Wir kniffen gequält die Augen zusammen, als hätte man uns aus einem langen Schlaf gerissen.
„Ich denke, wir alle haben aus diesem
Film viel lernen können. Sie wissen, dass wir in zwei Wochen die
Klausur schreiben werden. Bitte denken Sie daran, dass auch der
Stoff aus dem Handelsabkommen Bestandteil sein wird.“
Die Klasse stöhnte genervt auf. Das würde einiges an Arbeit
bedeuten, denn dies war ein sehr umfangreiches und zugleich
staubtrockenes Thema.
„Bereiten Sie sich gut vor und behalten Sie vor allem die Paragraphen 45 und 110 im Auge.“
Es klingelte und die Klasse strömte nach draußen. Zwei Wochen waren für die Menge an Stoff ganz schön wenig. Ich würde mich wirklich anstrengen müssen, das alles rechtzeitig zu schaffen.
„Die nächste Trankkunde-Klausur wird ganz schön hart“, bemerkte Céleste, als wir auch die nächste Stunde überstanden hatten.
„Ich versteh einfach dieses verfluchte Onatia-Modell nicht“, sagte Shadow.
„Dabei kann ich dir helfen“, bot ich an. „Ich werde mir vor allem nochmal die Formeln zur transmagischen Keltermethode anschauen müssen.“
„Hör mir bloß damit auf“, jammerte Thunder. „Für was das gut sein soll, werde ich nie kapieren.“
„Wir haben nicht mehr viel Zeit bis zur Klausur. Geschichte schreiben wir außerdem in derselben Woche. Am besten, wir setzen uns gleich heute Nachmittag zusammen hin und fangen mit dem Lernen an“, schlug Céleste vor.
„Och nö“, ächzte Thunder. „Ich wollte doch…“ Weiter kam sie allerdings nicht. Ein gellender Schrei unterbrach sie, der markerschütternder nicht hätte sein können. In ihm lag blanke Panik und man konnte die Todesangst darin allzu deutlich hören. Wir sahen uns nur kurz an und rannten los. Ein weiterer Schrei schallte uns entgegen, so dass mir kalte Schauer den Rücken hinab liefen. Wir bogen gerade um die nächste Ecke, als wir weiteren Schülern begegneten, die ebenfalls in die Richtung strebten. Je weiter wir liefen, desto mehr Leute schlossen sich uns an; wir gerieten mitten hinein ins Gedränge und es dauerte nicht lange, bis ich meine Freundinnen verloren hatte. Ich wurde von der Menge mitgerissen; es ging eine Treppe hinauf und plötzlich blieben wir stehen. Satzfragmente und leise Aufschreie drangen zu mir durch. Ich zwängte mich weiter nach vorne, bis ich endlich etwas sehen konnte. Meine Augen weiteten sich vor Entsetzen, während ich vor Schreck nach Luft schnappte. An der Wand stand etwas. Es war eine Botschaft eingebrannt worden. Die Buchstaben wirkten abgehackt, scharfkantig und grob. Sie verstärkten auf grauenhafte Art den Inhalt:
Der Occasus wird den Untergang bringen. Hier wird es beginnen, denn er ist unter euch.
Es dauerte, bis die Bedeutung zu mir durchgedrungen war und mein Herz erstarrte. Das konnte unmöglich wahr sein… Ich konnte jedoch nicht weiter darüber nachdenken, denn mein Blick war von der toten Gestalt unter den Buchstaben gefesselt. Ein verkohlter, matschiger Haufen, an dem man lediglich Kopf und Glieder erkennen konnte. Mein Magen zog sich schmerzhaft zusammen. Diese tote Gestalt musste ein Dämon gewesen sein. Ich erkannte scharfe Krallen an den Händen; spitze Zähne ragten aus den weggebrannten Lippen hervor und auf Kopf und Rücken waren zahlreiche Verhornungen zu erkennen. Ein Mädchen stand einige Schritte von ihm entfernt. Ihr Gesicht war kreidebleich. Sie starrte mit angstgeweiteten Augen auf die Schrift. Inzwischen standen Mitschüler bei ihr, sprachen beruhigend auf sie ein, doch sie schien kaum etwas wahrzunehmen.
Kurz darauf kam eine Lehrerin, sie drängte sich durch die Masse und sog erschrocken die Luft ein, als sie das Bild vor sich sah. Sie sammelte sich und baute sich vor uns auf: „Ich möchte, dass Sie jetzt alle erstmal von hier weggehen. Ich werde den Direktor informieren; alles Weitere wird sich klären. Gehen Sie jetzt bitte.“
Langsam und widerstrebend löste sich die Menge auf. Auch ich machte mich auf den Weg und fand meine Freundinnen schließlich wieder. Sie waren nicht weniger geschockt als ich.
Céleste schüttelte unentwegt den Kopf. „Das kann nicht sein. Das kann einfach nicht sein.“ Sie blickte uns ängstlich an. „Ihr glaubt doch nicht wirklich, dass der… der…Occasus hier an der Schule ist?“
„Nein! Auf keinen Fall. Warum sollte er sich auch verstecken?! Und dann ausgerechnet in Necare, wo ihm der sofortige Tod bei Entdeckung droht?! Ich halte das für ausgemachten Blödsinn“, sagte Thunder.
„Aber der Dämon… Da lag ein toter Dämon“, wisperte Céleste.
Wir schwiegen und setzten uns in einen der Aufenthaltsräume. Auch dort drehten sich die Gespräche um nichts anderes mehr. Wilde Vermutungen und Spekulationen wurden ausgetauscht; einige schienen die Aufregung regelrecht zu genießen. Anderen stand die Angst ins Gesicht geschrieben. Immer wieder kam jemand hinzu und berichtete die aktuellsten Neuigkeiten, wie zum Beispiel, dass einige Radrym gekommen waren und mit Untersuchungen begonnen hatten. Schließlich sollten sogar Venari dazu geholt worden sein. Ich saß bei meinen Freundinnen und versuchte, meine Gedanken zu ordnen. Ich konnte nicht glauben, dass das wirklich geschehen sein sollte… Das alles machte so gar keinen Sinn. Thunder hatte Recht… Warum sollte sich der Occasus ausgerechnet in Necare aufhalten und dann auch noch an einer Eliteschule?! Er war hier in ständiger Gefahr. Weshalb hätte er Incendium überhaupt verlassen sollen? War der Grund vielleicht doch der, der in der Botschaft gestanden hatte? Um mit der Zerstörung zu beginnen? Aber warum jetzt? Warum hier? Bislang hatte es nie auch nur das geringste Zeichen gegeben, dass der Occasus bereits existierte. Selbst mein Vater hatte bestätigt, dass den Radrym so etwas nie entgangen wäre. Und wenn er wirklich hier war und den Untergang einleiten wollte, warum warnte uns dann ausgerechnet ein inzwischen toter Dämon vor der nahenden Gefahr? Das konnte einfach nicht wahr sein…
Am späten Nachmittag gingen wir alle in die Aula. Der Direktor hatte eine Versammlung einberufen und wir warteten gespannt auf seine Erklärungen. Ich hoffte sehr, dass die Untersuchungen der Radrym etwas Licht ins Dunkel gebracht hatten und wir bald mehr wissen würden.
Herr Seafar stand auf der Bühne, doch statt ihm trat ein älterer Mann mit hängenden Wangen und kleinen runden Augen ans Podium und begann zu sprechen:
„Ich möchte mich zunächst einmal vorstellen. Mein Name ist Kingston und ich gehöre zu den Radrym. Ich befasse mich vor allem mit der Auswertung von dämonischen Spuren. Meine Kollegen und ich haben den hiesigen Vorfall genauestens untersucht. Wir haben allerdings nicht einmal ein Indiz finden können, das den Wahrheitsgehalt der Nachricht bestätigen würde. Wir, die Venari und der Direktor eingeschlossen, gehen davon aus, dass es sich um einen Versuch der Dämonen handelt, unseren Kampfgeist zu brechen und unsere Welt in Angst und Schrecken zu versetzen. Sie denken wohl, uns mit dieser List täuschen zu können, doch wir können mit Gewissheit verkünden, dass sich keine Hexe, kein Hexer in Gefahr befindet. Ich bitte, Sie alle, sich nicht von dieser Botschaft einschüchtern zu lassen. Zeigen Sie, dass wir sehr genau Wahrheit von Lüge unterscheiden können und uns keine Angst durch wirres Gekritzel einjagen lassen. Bitte kehren Sie in Ihren normalen Alltag zurück und messen der Angelegenheit keine Bedeutung mehr bei. Ich danke Ihnen.“ Die Menge applaudierte und pfiff ihm anerkennend zu. Kingston trat vom Podium zurück und schritt mit großen, energischen Schritten von der Bühne. Der Direktor, der danach sprach, bekräftigte noch einmal die Worte seines Vorredners und erklärte, dass alle Flure, die zu besagter Wand führten, fürs Erste gesperrt blieben.
Danach war die Versammlung beendet und wir strömten alle gen Ausgang. Ich war mir nicht sicher, was ich von der Sache halten sollte. Einerseits hatte die Botschaft ihre Wirkung nicht verfehlt, denn es herrschte völliges Chaos. Andererseits fragte ich mich, ob die Dämonen wirklich solch einen Aufwand deswegen betreiben würden? Vielmehr beschäftigte mich allerdings die Frage, warum der Dämon tot unter der Nachricht gelegen hatte? Ich hoffte sehr, dass wir den Worten der Radrym trauen konnten und wir wirklich in Sicherheit waren.
Ich betrachtete meine Freundinnen, die schweigend neben mir hergingen. Allerdings konnte ich ihren Gesichtern entnehmen, dass sie eine gewisse Erleichterung verspürten. In diesem Moment fiel mir ein blasses Gesicht in der Menge auf. Es wirkte erstarrt, panisch und fahl, als hätte es gerade das Grauen persönlich getroffen. Mit abwesendem Blick verschwand es in der Menge. Ich war überrascht, denn so hatte ich Duke noch nie gesehen. Er schien regelrecht Angst zu haben. Vielleicht traute auch er den eben verkündeten Worten nicht. Ich vergaß ihn jedoch schnell, als Shadow mich ansprach und wir uns über Kingstons Worte unterhielten.