Lauernde Gefahr

 

Ich war auf meinem Zimmer und versuchte mich auf ein Buch zu konzentrieren. Ich las den Satz aber nun bestimmt zum fünften Mal, ohne dass der Sinn zu mir durchgedrungen war. Ich seufzte und schlug es wieder zu. Nights Worte nagten seit den letzten Tagen an mir.

„Verflucht, sag endlich, was mit dir los ist“, forderte Shadow mich auf. Meine Freundinnen hatten längst bemerkt, dass etwas mit mir nicht stimmte.

„Ist irgendetwas passiert? Du bist schon seit einiger Zeit so seltsam“, meinte Céleste. Es hatte wohl keinen Sinn es länger mit mir alleine herum zu tragen. Ich seufzte und begann zu erzählen.  

„Das heißt doch nicht, dass alles verloren ist“, meinte Céleste, nachdem ich ihnen alles erzählt hatte. „Wenn er dich als Freundin sieht, bedeutest du ihm auf alle Fälle etwas. Vielleicht entsteht daraus eben doch noch Liebe.“

„Ich habe mir die ganze Zeit was vorgemacht“, sagte ich, ohne auf ihre Worte einzugehen.

„Mann, jetzt reiß dich zusammen“, mischte sich Thunder ein. „Du kommst doch ohnehin nicht von ihm los. Ich kann ja verstehen, dass es dich fertig macht, aber Céleste hat Recht. Das heißt noch gar nichts. Du hast immer wieder gesagt, dass du nicht aufgibst. Dann tu das jetzt auch nicht. Es ist vielleicht ein kleiner Rückschlag, mehr aber auch nicht.“

Seine Worte hatten mir einen Schlag versetzt, dennoch hatten meine Freundinnen sicherlich Recht: Ich konnte ohnehin nicht aufgeben. Ich würde Zeit brauchen, um mich davon zu erholen, aber dann… ja, was dann? Ich sollte wirklich nicht ständig darüber nachdenken…

 

Nach Mathematischer Magie war ich auf dem Weg, mich mit meinen Freundinnen wiederzutreffen. Ich ertappte mich bereits nach wenigen Minuten dabei, wie ich in Gedanken wieder bei ihm war. Ich war offenbar so vertieft, dass ich nicht hörte, wie jemand meinen Namen rief. Erst als sich eine Hand auf meine Schulter legte, schreckte ich auf.

„Entschuldige“, lachte Faith mit ihrer wunderschönen Stimme. „Ich wollte dich nicht erschrecken.“

„Ja, sorry, dass ich dich nicht gehört habe.“

„Macht nichts“, meinte sie. „Wie geht es dir?“

Ich seufzte und suchte nach einer Antwort. „Geht so. Es gab schon bessere Zeiten.“

„Liegt es an der Botschaft? Hier drehen ja fast alle durch deswegen.“

Ich schüttelte verneinend den Kopf. Da ertönte die Schulklingel. Ich musste langsam los, wenn ich nicht zu spät zur nächsten Stunde kommen wollte.

„Wo musst du als nächstes hin?“, fragte sie.

„Pflanzenkunde im Raum 700.“

„In die Richtung muss ich auch. Ist es okay, wenn ich dich ein Stück begleite?“

„Klar“, stimmte ich zu.

Wir nahmen eine Abkürzung, die uns durch einige etwas abgelegenere Korridore führte, wo man sich dafür aber besser unterhalten konnte.

„Sag schon? Ist irgendwas mit Night?“, fragte sie mich nach einer Weile.

Ich sog die Luft ein und nickte langsam. „Er hat mir erklärt, dass er in mir eine gute Freundin sieht und so wie er es gesagt hat, glaube ich nicht, dass die Chance auf mehr besteht.“

„Du solltest dich davon nicht entmutigen lassen. Ich kann verstehen, dass dich seine Worte getroffen haben. Aber ich denke, dass nicht alles verloren ist. Als er mir damals einen Korb gegeben hat, war er jedenfalls sehr viel direkter.“

Ich schwieg betroffen. Letzten Valentinstag hatte Faith ihm ihre Liebe gestanden, doch Night hatte ihr daraufhin klargemacht, dass er keine Gefühle für sie hatte.

„Glaub mir, wenn er mir gesagt hätte, dass er mich als Freundin sehe, hätte ich Luftsprünge gemacht.“ Sie betrachtete mich vorsichtig von der Seite. „Entschuldige, ich wollte deine Gefühle nicht klein reden. Ich kann natürlich verstehen, dass du enttäuscht bist, aber versuch das schnell hinter dir zu lassen. Ich bin mir sicher, dass du Chancen bei ihm hast und du bist doch auch gar nicht der Typ, der so schnell aufgibt.“

Ich lächelte und wollte gerade etwas erwidern, als ich Stimmen hörte. Sie klangen wütend, aufgebracht. Zudem kamen sie mir vertraut vor. Sie mussten ganz in der Nähe sein. Faith sah mich kurz an, dann gingen wir leise weiter. Vorsichtig schlichen wir an die Ecke und sahen in den rechten Flur. Sovereign, Dukes Vater, eilte mit großen Schritten weiter, sein Sohn folgte ihm auf dem Fuße.

„Jetzt hör mir endlich zu!“, schrie er seinen Vater an.

Der drehte sich nur drohend um und brüllte zurück: „Ich habe dir meine Meinung dazu gesagt und erwarte, dass du mir gehorchst! Du kehrst augenblicklich zurück, hast du verstanden?!“

„Ich kann aber noch nicht!“

„Verstehst du nicht, dass du dich in höchster Gefahr befindest?! Du hast noch eine wichtige Aufgabe zu erfüllen, viele zählen auf dich, haben lange darauf gewartet, dass du sie endlich erfüllst! Du wirst zurückkehren, keine Widerrede!“

Sovereign ging weiter und ließ Duke stehen. Der hatte inzwischen die Fäuste geballt und schrie ihm hinterher: „Ich habe den Dämon getötet!“

Augenblicklich hielt er inne und wandte sich mit großen Augen seinem Sohn zu.

„Was?“

„Der Dämon, der tot unter der Botschaft lag. Das war ich.“

In Sovereigns Blick lag blanke Verwunderung, aber war da nicht auch etwas wie vorsichtiger Stolz? „Du warst das?“

Er nickte. „Lass mich hier bleiben und die Person suchen. Ich werde sie finden und vernichten!“

„Du mutest dir zu viel zu. Ich sehe dir an, wie sehr dir das alles zu schaffen macht. Aber wenn du meinst, dass du es aushältst. Wir können keinen Versager gebrauchen, das weißt du sehr genau. Ich gebe dir also die Erlaubnis.“

Duke nickte, er schien erschöpft und sein Gesicht war aschfahl, doch voller Entschlossenheit. Noch immer hatte er die Fäuste geballt und auch sein restlicher Körper war zum Zerspringen angespannt.

„Ich denke, damit haben wir alles geklärt. Wir sehen uns demnächst und halte dich bedeckt!“

„Wohin gehst du?“, hakte Duke nach, der ihm verwundert nachstarrte.

„Ich habe noch etwas Wichtiges zu erledigen. Das hat dich allerdings nicht zu interessieren.“

Sovereign ließ ihn zurück und ging weiter in die Tiefen des Gebäudes hinein. Er würde also etwas in der Schule zu tun haben, denn in dieser Richtung gelangte man zu keinem Ausgang. Duke verharrte einige Sekunden auf der Stelle, schließlich fand er wieder zu sich und auch er eilte davon.

„Was war das denn?“, fragte Faith, als wir uns von unserem Beobachtungsposten entfernten.

„Keine Ahnung.“ Ich konnte mit diesem Gespräch wirklich nichts anfangen, aber dennoch hatte ich Gänsehaut und es schüttelte mich innerlich vor Angst. Ich wusste, dass wir hier etwas belauscht hatten, was noch von enormer Bedeutung sein würde…

 

Ich hatte meinen Freundinnen nicht gleich von der seltsamen Begegnung erzählen können. Erst auf unserem Zimmer fühlte ich mich sicher genug, ihnen davon zu berichten.

Für einen Moment waren sie sprachlos, dann ergriff Thunder das Wort und sagte: „Das ist wirklich seltsam…“

„Was meint ihr, um was es dabei ging?“, fragte ich vorsichtig nach.

„Nun ja“, wandte Céleste mit ruhiger Stimme ein. „Auch wenn es eigenartig geklungen hat, sie haben mit Sicherheit über nichts Schlimmes gesprochen. Du weißt doch, dass seine Familie sehr bekannte Extaldri sind.“

Ich hob erstaunt die Brauen. „Nein, das wusste ich nicht.“

„Dann verstehst du jetzt aber sicher, dass es darum ausgeschlossen ist. Sie beschwören Dämonen und nehmen sie gefangen. Das ist nicht nur eine äußerst gefährliche, sondern auch höchst angesehene Arbeit“, erklärte sie weiter.

Ich hörte ihr nur mit halbem Ohr zu. Dukes Familie hatte also wirklich Kontakt zu Dämonen, fing sie ein, bannte und verkaufte sie. Nur hieß das noch lange nicht, dass sie sich nicht mit einem zusammengetan hatten. Duke war so seltsam in letzter Zeit… hatte sich verändert und nun dieses Gespräch. Ich musste an diesen anderen Teil denken, der in ihm ruhte und letztes Jahr in Moorsleben an die Oberfläche gekommen war. Ich hielt die Luft an und meine Augen weiteten sich. Der Gedanke war so absurd! Aber andererseits passte es irgendwie zusammen. Vorsichtig äußerte ich meine Vermutung: „Ein besseres Versteck als in dieser Familie gibt es für den Occasus doch gar nicht.“

Die anderen sahen mich geschockt an.

„Du hast selbst gehört, dass die Radrym bei ihren Untersuchungen nichts festgestellt haben. Die Botschaft war eine Lüge“, brachte Thunder schließlich hervor.

„Und was, wenn nicht?! Immerhin haben sich letztes Jahr auch alle geirrt. Keiner hat die Zeichen ernst nehmen wollen und dennoch war ein Dämon in unserer Nähe. Ihr wollt den Gedanken einfach nicht zulassen, weil er euch Angst macht.“

„Das ist ja auch verständlich“, murmelte Céleste. „Ich gebe ja zu, dass dieses Gespräch gewisse Gedanken aufkommen lässt.“

„Nicht nur das“, erklärte ich weiter. „Duke hat sich vollkommen verändert. Er spielt kein Iceless mehr, hat sich von seinen Freunden zurückgezogen, ist ständig blass und angespannt, dann die Sache neulich im Wald und nun noch dieses Gespräch… Da stimmt doch etwas nicht.“

„Er ist eben noch ein wenig seltsamer geworden, das ist bei ihm ja auch nicht verwunderlich. Und wegen dem Wald… Ich hab dort auch schon mal trainiert“, versuchte Thunder meine Worte zu entkräften. Dennoch wirkten die drei beunruhigt. „Du meinst wirklich, dass die Botschaft wahr sein könnte?“, fragte Céleste vorsichtig, die diesen Gedanken nur schwer zulassen konnte.

„Verdammt“, wisperte Shadow ernst.

„Ich glaub das noch immer nicht“, murmelte Thunder leise. Man sah ihr allerdings an, dass  erste Zweifel an ihr nagten.

„Noch ist es verflucht nochmal nicht sicher“, sagte Shadow. „Wir haben nur einen vagen Verdacht, der im Grunde auf nicht viel beruht. Dennoch sollten wir Duke im Auge behalten und wenn wir irgendetwas herausfinden, das unsere Vermutung untermauert, müssen wir es schnellstmöglich melden.“

„Ob uns das einer glauben wird?“, meinte Thunder.

„Das werden wir dann sehen.“

Ich nickte und obwohl ich das Ganze in Gang gebracht hatte, fiel es mir schwer, den Gedanken zuzulassen…

 

Duke im Auge zu behalten, war einfacher gesagt, als getan. Er ging natürlich zum Unterricht, doch danach war er nirgends zu finden. Wir teilten uns immer wieder auf, um nach ihm zu suchen, doch vergebens. Zudem glaubte ich nicht wirklich daran, dass wir etwas Außergewöhnliches beobachten würden. Er wäre mit Sicherheit nicht so dumm, sich direkt vor uns zu verraten… und selbst wenn, was sollten wir dann tun? Wir mussten uns irgendetwas anderes einfallen lassen… Vielleicht etwas über seine Vergangenheit, seine Familie herausfinden… Es musste doch einen Anhaltspunkt geben. Ich wollte nicht darauf warten, dass er etwas tat. Womöglich war es dann bereits zu spät… Auch die anderen schienen ständig darüber nachzudenken. Oft diskutierten und überlegten wir etwaige Schritte, doch wir kamen einfach nicht weiter.

„Er wird sich verraten“, meinte Thunder. „Immerhin ist es trotz allem Duke. Der ist und bleibt dämlich. Dämon hin oder her, das gibt ihm auch nicht mehr Hirn.“

Wir waren gerade auf dem Weg zur Bibliothek, um Hausaufgaben zu machen.

„Du nimmst das inzwischen ja sehr locker“, meinte Céleste.

Thunder zuckte mit den Schultern. „Ich bin einfach nur zu dem Entschluss gekommen, dass, wenn es schon jemand sein muss, Duke eine gute Wahl wäre. Gegen den kämen wir sicher an.“

Céleste seufzte. „Du spinnst doch! Wenn er sich erst mal in seine wahre Form verwandelt, werden seine Kräfte zurückkehren! Dagegen kommt niemand an.“

„Du vergisst aber eines“, meinte Thunder und zwinkerte ihr wissend zu. „Duke ist hier mit sechs Jahren eingeschult worden. Das heißt, er steckt in der jetzigen Gestalt schon ganz schön lange. Du weißt, was das bedeutet.“

Daran hatte ich gar nicht gedacht! Letztes Jahr hatte ich für eine Prüfung Informationen über Menschen, Hexen und Dämonen lernen müssen. Dabei war es auch um einen Zauber gegangen, den nur Dämonen anwenden können. Mit diesem sind sie in der Lage, ihre Gestalt zu ändern. Sie können dabei zwei Formen annehmen, in denen sie nicht als Dämon zu erkennen sind. Ihre Kräfte nehmen dabei stark ab, aber so ist es ihnen möglich, unter Menschen oder Hexen zu leben, ohne von den Findern, eine Gruppe Radrym, die die Welten nach Dämonen absuchen, entdeckt zu werden. Allerdings heißt es, wenn ein Dämon zu lange in dieser fremden Form bleibt, er sich von seinem wahren Wesen abspaltet, den Verstand verliert und dem Wahnsinn verfällt. Genügten diese Jahre, dass auch an Duke der Irrsinn nagte? Ich konnte mich nicht erinnern, dass irgendwo eine zeitliche Angabe gegeben worden war. Mir kam es jedoch lange genug vor. Immerhin hätte Duke mehr als die Hälfte seines Lebens in dieser fremden Form verbracht. Das wäre in der Tat eine Chance. Aber war ein wahnsinniger Dämon nicht noch gefährlicher?

„Der Park ist wirklich schön“, erklärte eine Stimme fröhlich.

Mein Blick fuhr sofort in deren Richtung; ich kannte sie.

„Das gibt’s doch nicht!“, knurrte Thunder, während ihre Augen schmal wurden. Auch sie beobachtete die vier.

Gerade kamen Melody und Summer zusammen mit Night und Sky den Flur entlang. Ich hatte ja geahnt, dass ich die beiden nicht zum letzten Mal gesehen hatte.

Melody hing an Nights Arm, kicherte schrill und tat alles, um sich noch mehr an ihn schmiegen zu können. Summer ging auf seiner anderen Seite neben ihm her, hatte wieder mal ihre Spinne dabei, hielt Sky an der Hand, während sie unaufhörlich auf Night einredete.

„Ich freue mich so, dass es heute geklappt hat und wir euch besuchen kommen konnten“, flötete Melody aufgekratzt und lachte wiehernd.

Ich hätte mich jetzt schon übergeben können…

„Wenn euch der Park bereits so gut gefallen hat, wartet, bis ihr den Rest der Schule seht“, sagte Sky und grinste breit.

„Ihr habt es wirklich schön“, stellte Summer fest. „Ich wünschte, wir könnten auch hier zur Schule gehen.“

„Ich sage euch ja ständig, dass ihr die Prüfung mal versuchen sollt“, wandte Sky ein.

Summer lachte und gab ihm einen leichten Klaps auf den Arm. „Setz uns nicht solche Flausen in den Kopf. Das schaffen wir doch nie. Es wäre aber toll, wenn wir euch ab und zu besuchen kommen könnten.“

„Klar“, stimmte Sky sofort zu. „Jederzeit. Jetzt, wo das mit dem Praktikum bei deinem Vater klappt, werden wir uns bestimmt öfters sehen.“

„Wo wollt ihr als nächstes hin?“, fragte Night. Ich konnte absolut nicht erkennen, was in ihm vorging. Warum hatte er sich überhaupt wieder mit diesen Mädchen getroffen? War es wegen Skys Praktikumsplatz?

„Ich würde am liebsten“, begann Melody und ließ ihren Blick langsam zu Night wandern, „euer Zimmer sehen.“

Thunder sog hörbar laut die Luft ein. Sie spannte die Fäuste an und ihr Blick brannte vor Wut. Ich konnte es ihr nicht verübeln.

„Das ist aber verboten“, erklärte Sky mit einem Augenzwinkern. „Wir dürfen uns also nicht erwischen lassen.“

„So ist es doch noch viel aufregender“, erwiderte Summer kichernd.

Zusammen machten sie sich auf den Weg. Ich konnte es nicht fassen, dass Night einfach mitging. Ohne mit der Wimper zu zucken, schritt er die Treppe hinauf. Thunder hatte sich inzwischen abgewandt und stapfte wütend davon. Dabei stieß sie ununterbrochen irgendwelche Beschimpfungen aus: „Dämlicher Vollidiot! Immer nur das eine im Kopf. Der soll mir noch einmal unter die Augen kommen!“

Ich folgte ihr und hatte mit Sicherheit nicht weniger Hass im Bauch. In der Bibliothek angekommen, setzten wir uns an einen freien Tisch, doch mit dem Lernen wollte es nicht wirklich klappen.

Thunder starrte die ganze Zeit mit zornigem Blick vor sich hin; wippte ungeduldig mit einem Bein und fluchte.

Céleste und Shadow versuchten uns zum Lernen zu animieren, stellten Fragen zu den Aufgaben und bemühten sich, zwischendurch die Stimmung zu entschärfen. Allerdings halfen ihre Worte auch bei mir nicht. Ständig musste ich daran denken, dass sie nun auf deren Zimmer waren. Ich wollte mir erst gar nicht vorstellen, was sie da womöglich gerade taten. Ich verstand Night einfach nicht. Er hatte mir doch damals im Vergnügungspark gesagt, dass er die beiden nicht mögen würde…

Ja, damals hatte ich auch gedacht, er würde mich gleich küssen. Die Erinnerung schmerzte. Wie hatte ich mich nur so irren können? Was konnte ich überhaupt noch glauben? Vielleicht mochte er die beiden ja doch oder es spielte für ihn gar keine Rolle. So hätte ich ihn zwar nie eingeschätzt, aber was wusste ich denn?!

„Force, ich habe dich gefragt, wie du diesen Satz übersetzen würdest“, wiederholte Céleste und stupste mich dabei an.

„Diesen Satz übersetzen?!“, rief Thunder wütend und schmiss die Lektüre vor sich auf den Tisch. „Der Typ ist ein Scheißkerl!“, schrie sie wütend. „Erst erklärt er Venolera seine ewige Liebe, verspricht ihr weiß Gott was für einen Scheiß und kaum lässt sie ihn einen Tag aus den Augen, schmeißt er sich an die Nächste ran! Männer sind doch alle gleich! Ich weigere mich jedenfalls, so einen Mist zu übersetzen! Herr Hubbe kann mich mal!“

„Jetzt reiß dich zusammen, das sind nun mal unsere verfluchten Hausaufgaben!“, erwiderte Shadow.

„Mir doch egal. Für was brauch ich so einen Mist?! Dass Männer elende Betrüger sind, weiß ich auch so.“

Shadow seufzte gequält und legte resigniert den Kopf auf den Tisch. „Könntest du das alles nicht mal demjenigen sagen, auf den du so sauer bist.“

„Ich glaube kaum, dass das Herrn Hubbe interessieren würde.“

Shadow ächzte und stand auf. „Mir reicht´s für heute. Wenn ihr beide so drauf seid, kann niemand arbeiten. Lasst uns aufhören.“

Wir packten unsere Sachen zusammen und gingen zurück auf unser Zimmer.

„Ich weiß gar nicht, was du hast“, meinte Thunder. „Nur, weil ich den Typen im Buch nicht leiden kann, wirfst du gleich alles hin?“

„Heilige Finsternis, gib mir Kraft“, sagte Shadow und sah hilfesuchend nach oben. Plötzlich hielt sie inne. Sie schien kurz etwas anzustarren, dann rannte sie auch schon los.

„Was ist denn jetzt passiert?“, fragte Thunder und sah ihr nach.

„Los, kommt!“, forderte Céleste uns auf und eilte Shadow hinterher. Wir erblickten sie bald einige Meter vor uns. Sie verfolgte jemanden… oder Etwas… Ich sah gerade noch einen dunklen Schatten durch die Wand gleiten, dann war er verschwunden.

Keuchend kamen wir bei ihr an.

„Was war das?“, fragte ich.

„Ich weiß nicht genau“, erklärte sie. „Ich habe aber das verdammte Gefühl, dass es kein Zufall war, dass wir ihn so nah bei unserem Zimmer ertappt haben.“

„Du meinst…“, begann Céleste und sah uns erschrocken an.

Sie nickte. „Ich vermute, dass Herr Gnat ihn geschickt hat.“

„Wollen wir mal hoffen, dass der Zauber funktioniert hat, den die Jungs rausgesucht haben. Ich habe allerdings keine großen Hoffnungen“, sagte Thunder.

Wir eilten sofort zurück und untersuchten als erstes die Türe. Es war allerdings nichts zu sehen. Wie auch? Wenn der Schatten durch Wände gehen konnte, würde er wohl kaum eine Türe benutzen müssen…

„Ich suche erst mal den Raum ab, ob hier auch alles sicher ist. Wer weiß, ob wir nicht belauscht oder beobachtet werden.“

Shadow wirkte einen Zauber und ließ eine helle rote Kugel in ihrer Hand entstehen. Sie begann langsam nach oben zu schweben und blieb einige Zentimeter über uns stehen. Plötzlich begann sie zu pulsieren und ihr Licht verteilte sich im ganzen Zimmer. Es berührte jeden einzelnen Gegenstand, jeden Punkt. Nach wenigen Sekunden senkte sie sich auf Shadows Hand, wurde blau und löste sich danach auf.

„Alles okay. Hier ist nichts“, erklärte sie.

Kaum hatte sie das gesagt, stürmten wir los und rissen die Schublade im Schrank auf. Ganz hinten hatten wir den Flakon untergebracht. Nachdem wir die Socken herausgerissen und achtlos ins Zimmer geworfen hatten, fanden wir die kleine Flasche. Sie war noch immer da und unversehrt.

„Scheinbar hat der verdammte Spruch funktioniert“, stellte Shadow fest.

Ich tat den Flakon zurück und räumte die Schublade nach und nach wieder ein.

„Dennoch müssen wir was unternehmen und das verflucht schnell“, fuhr sie fort.

„Ich denke nicht, dass Herr Gnat sich ewig aufhalten lässt. Wir müssen ihm irgendwie zuvorkommen… Beweise finden.“

Mir saß der Schrecken tief in den Knochen. Ich wollte mir erst gar nicht vorstellen, was er tat, wenn er das Fläschchen wieder hatte. Ich war mir sicher, dass er uns nicht ungestraft davonkommen lassen würde.

 

 

„Jetzt komm schon“, sagte Thunder und zog mich am Arm. Shadow und Céleste standen vor uns in der Tür und warteten. Ich folgte widerstrebend. Wir hatten jetzt eine Doppelstunde Dämonologie und Accores und mir graute es davor.

„Du bleibst die ganze Zeit in unserer Nähe. Wenn er dich alleine sprechen will, sorgen wir schon dafür, dass das verdammt nochmal nicht funktioniert“, raunte Shadow mir zu.

Wir waren alle angespannt, kein Wunder nach der Sache mit dem Schatten. Wir setzten uns auf unsere Plätze und warteten. Ich rutschte einige Male unruhig hin und her. Seit ich dieses dämliche Fläschchen eingesteckt hatte, zog sich mir vor jeder Stunde bei Herrn Gnat der Magen schmerzhaft zusammen. Bislang hatte er mich nie angesprochen, doch die Blicke, mit denen er mich streifte, ließen mir das Blut in den Adern gefrieren. Die anderen waren der Meinung, dass er mich nicht anders ansehen würde. Natürlich waren seine Augen schon immer grauenhaft gewesen… Dennoch, etwas hatte sich verändert.

Mit schnellen, hastigen Schritten eilte der Lehrer in das Klassenzimmer. Schweigend setzte er sich hinter sein Pult, faltete die Hände und fuhr mit flackerndem Blick über uns Schüler. Plötzlich sprang er auf, ließ dabei seinen Stuhl über den Boden rutschen und erklärte mit zittriger Stimme: „Ich habe etwas ganz Spezielles für Sie vorbereitet.“ Über jeden Einzelnen ließ er seinen irren Blick gleiten, hielt für ein paar Sekunden inne und wanderte zum Nächsten.

„Manche Dämonen verfügen nicht nur über erstaunliche Kräfte, sie haben auch ganz besondere Eigenschaften. Da wir damit nun einmal nicht gesegnet sind, benutzen wir Zauber, Substanzen und Tränke, um dieses Manko wettzumachen. Ich möchte Sie nun einmal spüren lassen, wie viel Macht darin stecken kann. Glauben Sie mir, es wird unangenehm werden, doch noch viel schlimmer wäre es, wenn Sie in so einer Situation einem Feind ausgeliefert wären.“

Jetzt lag dieses seltsam entrückte Lächeln auf seinen Lippen, während er mit hastigen Schritten in sein Hinterzimmer lief und einen dunklen Krug mitbrachte.

„Was hat der nun schon wieder vor?“, fragte Thunder und ihre Augen betrachteten ihn misstrauisch.

„Nach dieser Erfahrung werden Sie vorgewarnt sein und mit Sicherheit nie wieder in Kontakt mit der Flüssigkeit kommen wollen.“ Er hielt den Krug in die Höhe und begann, aufgeregt vor sich hin zu kichern. „Kommen Sie alle nach vorne. Durch diese Lektion werden Sie für Ihr Leben lernen.“

Wir sahen uns fragend an, kamen der Aufforderung jedoch nach. So aufgeregt wie der Lehrer war, musste es sich um etwas ganz besonders Fieses handeln.

„Betrachten Sie die Flüssigkeit ganz genau. Merken Sie sich ihr Aussehen, ihren Geruch.“ Er kicherte und trat nervös von einem Bein auf das andere.

Dem Schüler, der ihm am nächsten stand, hielt er den Krug hin.

„Na, los. Was sehen Sie? Wie riecht es?“

Der Junge betrachtete Herrn Gnat misstrauisch, beugte sich dann aber über das Gefäß und schaute hinein.

„Die Flüssigkeit ist tiefrot, leuchtet und hat eine eigenartige Konsistenz. Als hätte man Silber geschmolzen.“ Er roch vorsichtig daran und meinte: „Riecht leicht süßlich, nach Kupfer und“ er atmete einen weiteren Zug ein „verbranntem Fleisch.“

Der Lehrer nickte und seine Augen leuchteten aufgeregt. „Gut. Jetzt tauchen Sie die Hand hinein.“

Der Junge sah ihn erschrocken an, tat nach einigen Sekunden jedoch auch das.

„Und jetzt hören Sie mir gut zu. Beantworten Sie die Frage nur mit „Ja“ oder „Nein“: Haben Sie schon einmal etwas gestohlen?“

Mir lief es schlagartig heiß und kalt durch die Adern. Ich ahnte sofort, um was für eine Flüssigkeit es sich handeln musste. Durch sie schien man gezwungen zu werden, die Wahrheit zu sagen. Auch meine Freundinnen starrten den Lehrer fassungslos an. Er brauchte nur zwei Fragen zu stellen: Haben Sie schon mal etwas gestohlen und wo ist es? Wenn dieser Trank wirklich funktionierte und er schien genau das zu tun, dann war ich verloren.

Der Junge rang offensichtlich mit sich. Es war deutlich, dass er versuchte, die Wahrheit in sich zu behalten, doch es gelang ihm einfach nicht.

Mit kratziger Stimme erklärte er: „Ja.“

Die Augen von Herrn Gnat flackerten belustigt. Er schien die Situation bis ins Kleinste zu genießen.

„Befindet sich der Gegenstand noch in Ihrem Besitz?“ Seine Stimme war schneidend kalt.

„Nein“, und dieses Wort stieß er beinahe erleichtert aus.

„Gut.“ Herr Gnat nickte und winkte den Nächsten zu sich heran.

„Verdammt, wir sind geliefert“, stellte Shadow fest.

„Das kann er doch nicht machen“, murmelte Céleste erschüttert.

„Selbst, wenn er so erfährt, dass wir das Fläschchen haben und dann auch weiß wo. Er kann es nicht sehen. Der Zauber schützt es“, erklärte Thunder.

„Darauf können wir uns nicht verlassen. Was, wenn er doch einen Weg kennt?!“, meinte Céleste.

„Dann sind wir verdammt nochmal dran“, beendete Shadow den Satz.

„Wir müssen irgendetwas tun“, wisperte ich, während mein Kopf auf Höchsttouren arbeitete. Mir wollte nur nichts einfallen. Einer nach dem anderen trat vor den Lehrer, legte seine Hand in die Flüssigkeit und beantwortete dieselben Fragen. Wir ließen uns immer weiter nach hinten zurückfallen, bis wir schließlich die letzten waren.

„Hat irgendwer eine Idee?“, fragte ich leise.

Die meisten hatten die Prozedur bereits hinter sich gebracht. Nicht mehr lange und es wäre unvermeidlich.

„Wir könnten seine Hose in Brand stecken; vielleicht lässt er den Krug dann fallen?“, schlug Thunder vor.

Céleste und ich hoben entsetzt die Brauen. Das konnte doch wohl nicht ihr Ernst sein.

„Heilige Finsternis, das ist es!“, raunte Shadow uns begeistert zu. „Thunder, du bist ein Genie.“

Offenbar hatte sie selbst nicht wirklich damit gerechnet, dass jemand ihren Vorschlag ernst nehmen würde. Nun sah sie die Freundin nicht weniger überrascht an, als wir.

„Lasst mich nur machen“, erklärte sie und stellte sich vor uns in die Reihe. Vor ihr waren lediglich noch zwei andere, der Rest der Klasse hatte sich auf seinen Platz zurückgesetzt. Ich hoffte inständig, dass Shadow wusste, was sie da tat. Ich konnte mir das noch immer nicht vorstellen. Hatte sie wirklich vor den Lehrer in Brand zu stecken?! Momentan war mir allerdings jeder Ausweg recht und ich vertraute ihr. Sie würde schon nichts Unsinniges anstellen… Hoffte ich zumindest.

Nun war Shadow an der Reihe. Ohne das geringste Zeichen der Anspannung trat sie vor, steckte die Hand in das Gefäß und schrie entsetzt auf. Wir zuckten alle erschrocken zusammen, da schleuderte sie auch schon den Krug aus Herrn Gnats Händen, woraufhin er scheppernd zu Boden fiel und in Scherben zersprang. Ich atmete erleichtert auf, als sich die Flüssigkeit auf dem steinernen Fußboden verteilte. Sie trocknete sich ihre Hand schnell am Kleid trocken, anschließend begann sie sich zu entschuldigen: „Es tut mir wirklich leid, das wollte ich nicht. Ich habe mich nur so erschrocken. Jameson hatte vorhin von flüssigem Silber gesprochen, da war ich davon ausgegangen, die Flüssigkeit sei warm.“ Sie sah den Lehrer entschuldigend an, der sie mit offenem Mund anstarrte. „Sie war verflucht kalt, das hat mich irgendwie verdammt erschreckt.“ Sie ließ den Kopf hängen und trat zu ihrem Platz zurück; wir folgten ihr auf dem Fuße und konnten uns kaum zurückhalten. Sie hatte es geschafft!  

Herr Gnat stand weiterhin da, sah sprachlos auf den Boden und dann auf uns. Sein Blick begann zu brennen und er biss vor Wut die Zähne zusammen. „Glauben Sie bloß nicht, dass Sie um diesen Versuch herumkommen.“ Nun grinste er wieder. „Sie werden ihn, wie jeder hier hinter sich bringen. Leider brauche ich eine Weile, um den Trank neu zu brauen. Doch Sie können sich dessen sicher sein: Ende nächster Woche ist er fertig.“

Es läutete und wir stopften hastig unsere Sachen in die Taschen. Ich war noch nie so schnell mit Packen fertig und aus dem Zimmer gewesen, wie an diesem Tag. Wir eilten als erste die Treppen hinauf und gingen noch einige Flure weiter. Erst dann hielten wir an und begannen uns zu beratschlagen:

„Das war so genial“, freute sich Thunder und grinste diebisch.

„Es hat uns leider nur einen verdammten Aufschub gebracht“, erklärte Shadow und sah nachdenklich drein.

„Ich bin so erleichtert“, seufzte Céleste. „Ich dachte wirklich, er hätte uns.“

„Noch sind wir nicht aus dem Schneider“, fuhr Shadow fort. „Ihr habt es ja gehört. Wir haben eine Woche. In der Zeit muss uns dringend etwas einfallen.“

„Und was soll das sein?“, fragte Thunder.

Shadow zuckte mit den Schultern. „Am besten wäre es, wenn wir Beweise finden würden; etwas in der Hand hätten, womit wir gegen ihn vorgehen könnten.“

„Als hätten wir das nicht die ganze Zeit schon versucht“, knurrte Thunder.

„Dann müssen wir unsere Bemühungen jetzt eben verdammt nochmal verstärken“, meinte Shadow. „Wenn wir wüssten, wie er an die illegalen Substanzen kommt…“

„Er wird sie bestimmt von jemandem kaufen“, sagte Céleste.

„Dann beobachten wir ihn. Vielleicht trifft er sich ja wieder mit diesem verfluchten Verkäufer“, schlug Shadow vor.

Thunder prustete entrüstet. „Du willst, dass wir Gnat stalken?! Wie soll das denn funktionieren?! Wir können ihm ja nicht ständig an den Hacken kleben?! Außerdem wissen wir doch gar nicht, ob er sich überhaupt noch mit diesem Kerl trifft, geschweige denn, ob es ihn tatsächlich gibt.“

„Irgendwo müssen wir aber ansetzen“, meinte ich. „Was ist, wenn er die Dämonen selbst beschwört und daher irgendwie an das Zeug rankommt?“

Shadow schüttelte nachdenklich den Kopf. „Nein, dafür bräuchte es stärkere und ranghöhere Dämonen. So etwas kann er nicht rufen.“

„Dann sollten wir mehr über Herrn Gnat herausfinden. Vielleicht finden wir so etwas“, schlug ich vor.

„Ihr sucht Informationen über Herrn Gnat?“, meldete sich eine Stimme hinter uns zu Wort. Wir zuckten alle erschrocken zusammen und wandten uns der Person zu. Risu betrachtete uns mit einem breiten Lächeln.

Thunder ballte die Fäuste und knurrte leise vor sich hin: „Musst du dich immer so anschleichen?! Du kleine…“ Doch Shadow brachte sie zum Schweigen, ehe das Mädchen doch noch etwas von ihren Worten mitbekam.

„Sucht ihr aktuelle Sachen oder wollt ihr auch etwas aus seiner Vergangenheit wissen?“

Sie war wirklich eine seltsame Person und mir gelang es einfach nicht, sie einzuschätzen. Was ging da hinter dieser Stirn nur vor sich?

„Uns ist eigentlich jede Information recht“, erklärte ich vorsichtig. Wieviel hatte sie überhaupt von unserem Gespräch mitgehört? Wie lange hatte sie hinter uns gestanden?

„An eurer Stelle würde ich die alten Jahrbücher mal durchgehen.“

„Die Jahrbücher?“, fragte Céleste.

„Bevor ich auf diese Schule wechselte, habe ich mich natürlich informiert. Das schloss auch die Lehrer ein. Wusstet ihr denn nicht, dass Herr Gnat, Frau Ilonga und Frau Martinez hier mal zur Schule gegangen sind?“

„Von Frau Martinez wusste ich es“, murmelte Céleste nachdenklich.

„So wie ich das gelesen habe, muss Herr Gnat ein ziemlich guter Schüler gewesen sein. Ihr werdet in den Jahrbüchern sicherlich was finden“, fuhr Risu fröhlich fort. „Ich geh dann mal weiter. Eigentlich bin ich gerade auf der Suche nach Duke.“ Sie kicherte aufgeregt. „Er ist noch immer ziemlich schüchtern, aber langsam beginnt er aufzutauen.“

Thunder runzelte die Brauen und sagte in ironischem Tonfall: „Ja, da bin ich mir sicher. Er freut sich bestimmt jedes Mal wie verrückt, wenn er dich sieht.“

Sie strahlte uns an und erwiderte: „Ja, das denke ich auch. Er kann es nur noch nicht so richtig zeigen, aber das wird schon. Viel Glück bei eurer Recherche.“ Sie winkte uns zum Abschied und eilte den Korridor entlang.

„Mit der stimmt doch irgendwas nicht“, murmelte Thunder. „Ständig schleicht sie um einen herum und natürlich immer genau im falschen Augenblick. Dazu diese Besessenheit von Duke! Die kann nur was am Kopf haben.“

„Hoffen wir mal, dass sie nichts Bedeutendes von unserem Gespräch mitbekommen hat“, murmelte Shadow. Sie seufzte. „Also, weiß jemand, wo wir die Jahrbücher finden?“

„Ich denke mal, dass sie entweder in der Bibliothek oder im Sekretariat sind“, meinte Céleste.

„Gut, dann gehen Force und Thunder in die Bibliothek und du und ich fragen im Sekretariat nach“, schlug Shadow vor. „Wir treffen uns dann nachher auf unserem Zimmer wieder.“

Wir nickten und machten uns auf den Weg. Zur Bibliothek war es nicht weit und um diese Uhrzeit war sie mit ziemlicher Sicherheit auch leer; wir würden also in aller Ruhe suchen können. Wir betraten den Raum und wollten gerade beratschlagen, wo wir mit unserer Suche beginnen sollten, als wir eine Stimme hörten:

„Ich brauche mehr Kraft! Na los, mach schon!“ Die Stimme klang gereizt, ungeduldig und aufgewühlt. Thunder blickte mich kurz an, dann begann sie sich hinter den Regalreihen näher heranzuschleichen. Ich folgte ihr leise. Bald hatten wir eine Position erreicht, von der wir eine gute Sicht hatten. Eine Gänsehaut jagte über meinen Körper, als ich Duke über ein verschmiertes Buch gebeugt sitzen sah. Seine Hand hatte er auf die aufgeschlagenen Seiten gelegt. „Nein, das reicht nicht! Ich brauche etwas Stärkeres. Los, nimm dir schon, was du brauchst!“

Er hob die Hand und die Blätter flogen weiter, bis sie an einer Stelle stehenblieben.

Wieder berührte er die Seiten mit der Handfläche. So harrte er eine Weile aus, doch sein Gesicht begann sich zu verziehen; wurde noch fahler.

Plötzlich trat Thunder hinter dem Regal vor und schritt auf Duke zu. Ich sah ihr zunächst erschrocken nach, entschied mich dann aber, es ihr gleichzutun.

„Was macht ihr hier?!“, zischte er wütend und riss die Hand von den Seiten fort. Ich hätte beinahe geschrien vor Ekel und Entsetzen. Wie schwarze Tentakeln führten dünne Schläuche von seiner Handinnenfläche zu den Seiten. Er riss sie ab, wobei sie ein schmatzendes Geräusch von sich gaben und sich in das Buch zurückzogen. Einzelne Bluttropfen fielen dabei auf den Boden. Was hatte er da nur getan?

„Sag bloß, das ist eines der Bücher aus der verbotenen Abteilung?“

So nannte man den Teil der Bibliothek in den nur ältere Schüler Zugang hatten. Dort wurden ganz besondere Bücher aufbewahrt, in denen man äußerst wirksame, aber auch weitaus gefährlichere Sprüche fand.

„Das geht euch wohl kaum etwas an!“, knurrte er ungehalten und schlug das Buch zu. Erst jetzt wurde mir klar, dass die roten Flecken darauf von getrocknetem Blut stammten.

Er erhob sich, schritt ohne ein weiteres Wort an uns vorbei und verließ den Raum.

„Das muss eines von der ziemlich heftigen Sorte gewesen sein“, murmelte Thunder und sah nachdenklich zur Türe, hinter der Duke verschwunden war.

„Weißt du, was er da gelesen hat?“

„Nein, das nicht. Ich weiß aber, zu welcher Art Bücher es gehören muss.“ Sie betrachtete mich aufmerksam. „Man legt die Hand darauf und es liest in dir, nach welcher Art Zauber du suchst. Hat es etwas Passendes gefunden, blättert es auf die entsprechende Seite. Man soll irgendwie spüren können, ob es das ist, nach was man gesucht hat. Der Text wird nämlich erst dann angezeigt, wenn du bezahlt hast.“

Ich nickte. Sie musste nicht weitersprechen. Die Tentakeln, die aus den Seiten gekommen waren, hatten Dukes Blut getrunken.

„In diese Bücher hat man Dämonen gebannt. Sie werden dazu gezwungen, ihr Wissen weiterzugeben, doch um sie am Leben halten zu können, braucht es das Blut.“

Mich schüttelte es schier vor Ekel. Doch noch viel mehr brannte in mir die Frage, nach was er gesucht hatte. „Ich brauche mehr Kraft!“, hatte er gesagt.

Auch Thunder schien diese Begegnung nachdenklich gestimmt zu haben. War dies ein weiteres Indiz?

„Wir erzählen es später den anderen“, sagte sie. „Lass uns erst mal nach den Jahrbüchern suchen.“

Die fanden wir allerdings nirgends.

„Hätte mich auch gewundert“, meinte sie nach einer Weile. „Mir wären die hier sicher mal aufgefallen. Lass uns aufs Zimmer gehen. Ich hoffe, die anderen hatten mehr Erfolg.“

 

Als wir dort ankamen, warteten Céleste und Shadow bereits auf uns.

„Wir haben es“, erklärte Céleste stolz und hielt das Jahrbuch hoch. „Ihr werdet nicht glauben, was wir herausgefunden haben.“

„Ich bin mir sicher, dass unsere Beobachtung euch auch ziemlich umhauen wird“, sagte Thunder.

Wir erzählten ihnen von Duke und als wir geendet hatten, meinte Shadow: „Das passt irgendwie zu dem, was wir herausbekommen haben.“ Sie schlug die Seiten auf und blätterte zu einer bestimmten Stelle. Ein Foto, auf dem gleich mehrere Personen abgebildet waren. Herrn Gnat erkannte ich sofort. Er musste Anfang zwanzig gewesen sein, war um einiges hagerer und schmaler als heute, doch seine Augen hatten damals schon diesen irren, unruhigen Ausdruck gehabt. Er stand inmitten einer kleinen Gruppe und sein Blick ruhte auf einem jungen Mann schräg neben ihm. Ein ziemlich arroganter Kerl, der mit kühlem Lächeln in die Kamera blickte. Er kam mir bekannt vor und als ich die Namen unter dem Bild las, schoss es mir heiß und kalt durch die Adern: Die Mitglieder der Iceless Mannschaft Dauntless Sharks: Sovereign Graf von Steinau, Tiger Channing, Nebula Sendai, Oculus Gnat, Atrox Serrat.

„Sovereign und Gnat kennen sich also schon lange“, stellte ich fest.

„Nicht nur das“, begann Shadow. Sie blätterte weiter und präsentierte weitere Bilder. „Sie sind immer zusammen auf Fotos zu sehen. Und hier“, sie deutete auf einen schmalen Text unter einem kleinen Bild von Herrn Gnat.

„Oculus Gnat ist bekannt für seinen schneidenden Blick, mit dem er jeden im Auge behält. Er ist Klassenbester und strebt eine Karriere bei den Radrym an. Zu seinen Hobbies zählt Iceless, wo er eine ziemlich gute Figur als Störer abgibt. Zu seinen besten Freunden gehören: Sovereign Graf von Steinau und Atrox Serrat.“

„Sehr ihr, sie waren befreundet“, verkündete Shadow.

„Glaubt ihr, sie haben noch immer Kontakt?“, fragte ich vorsichtig nach.

„Das gilt es verdammt nochmal herauszufinden“, erklärte Shadow.

Céleste schüttelte entsetzt den Kopf; ihre Augen waren vor Fassungslosigkeit geweitet. „Ihr denkt wirklich, dass der Graf illegale Substanzen verkauft?! Aber er ist doch ein Extaldri! Das kann ich einfach nicht glauben.“

„Du weißt ganz genau, dass es auch unter den Extaldri schwarze Schafe gibt“, sagte Thunder mit ruhiger Stimme. „Er wäre nicht der erste, der auffliegt.“

„Er könnte also wirklich mit Dämonen handeln und wer weiß, was sie als Gegenleistung dafür wollen. Vielleicht hat er doch was mit dem Occasus zu tun.“ Céleste blickte uns an und die Angst stand ihr ins Gesicht geschrieben. „Denkt ihr, dass die Botschaft wirklich wahr ist?!“

„Wir haben ja einige Hinweise, wer es sein könnte“, sagte ich vorsichtig.

Céleste nickte betroffen.

Keiner von uns konnte es mit Bestimmtheit sagen und dennoch spürten wir, dass Duke in die Sache verwickelt war.

 

 

Wir hatten beschlossen, Herrn Gnat im Auge zu behalten, es stellte sich nur die Frage, wie wir das anstellen sollten. Immerhin konnten wir ihm nicht ständig hinterherlaufen. Hinzu kam, dass wir das Gleiche auch mit Duke machen wollten. Wie sollten wir das alles miteinander vereinen?

„Wir sollten nach einem Zauber suchen“, meinte Thunder. Wir waren gerade auf dem Rückweg vom Mittagessen und hatten Schulschluss.

„Ich glaube kaum, dass wir etwas finden, womit wir ihn die ganze Zeit überwachen können. Zumindest nichts, was ihm nicht früher oder später auffällt“, meinte Shadow.

Thunder seufzte. „Irgendwas müssen wir aber machen.“

„Wir sollten es dem Direktor oder einem Lehrer melden“, sagte Céleste.

Thunder prustete aufgebracht. „Du spinnst ja! Nicht nur, dass wir Herrn Gnat beschuldigen, mit Dämonen in Kontakt zu stehen und illegale Substanzen zu besitzen. Nein, wir machen dasselbe gleich mit einem hochangesehen Extaldri, der gleichzeitig auch noch den Occasus verstecken soll. Sicher, das werden sie uns alle mit Kusshand abnehmen.“

„Aber irgendetwas müssen wir doch unternehmen“, flüsterte Céleste.

„Uns wird schon was einfallen“, sagte Shadow. „Lasst uns erst mal die verdammten Hausaufgaben machen, dabei können wir weiter überlegen.“

Thunder und Céleste nickten.

„Wird wohl das Beste sein“, stimmte Thunder zu.

„Dann gehen wir aufs Zimmer“, beschloss Shadow.

„Ich hol noch schnell meine Sachen aus dem Spind“, erklärte ich und wandte mich um. „Geht schon mal vor, ich komme gleich nach.“

Ich eilte den Korridor entlang, während meine Gedanken sich noch immer um Herrn Gnat, Sovereign Graf von Steinau und Duke drehten. Es konnte kein bloßer Zufall sein… Alles hing irgendwie miteinander zusammen. Die Vorstellung, dass Duke der Occasus sein sollte, ließ mich allerdings schaudern. Wie hatte er sich so verstellen können? Niemand wäre je auf die Idee gekommen, dass er vielleicht nicht das war, was er vorgab zu sein. In mir drangen dabei jedoch auch immer wieder Erinnerungen an die Oberfläche, die mich erkennen haben lassen, dass da noch etwas in ihm steckte. Letztes Jahr in Moorsleben war es allzu deutlich geworden. Dieses Etwas, das tief in ihm lauerte und hin und wieder nach oben gekrochen kam, um zu zerstören und zu vernichten. War das der Dämon? Mich schüttelte es schier. Ich versuchte, den Gedanken abzustreifen, doch mir war kalt und irgendwie pochte mein Herz so seltsam. Ich versuchte mich zu beruhigen, doch es gelang mir nicht… Ich ging langsam auf meinen Spind zu; ich war vollkommen alleine in diesem Flur. Eisige Schauer jagten mir über den Rücken und erst jetzt wurde mir klar, woher dieses seltsame Gefühl kam. Ich wurde beobachtet. Ich drehte mich suchend um, doch ich konnte nirgends etwas finden. Was war nur los? Ich bemühte mich, möglichst leise zu sein, während meine Augen voller Panik den Flur absuchten. Ich wusste es plötzlich ganz klar: Ich war nicht allein; war es nie gewesen, wenn ich dieses Gefühl verspürt hatte. Ich hatte mich nicht geirrt.

Ich drehte mich im Kreis, wandte den Rücken meinem Spind zu und da geschah es: Etwas Kaltes, Feuchtes packte mich an den Schultern, riss mich von den Füßen und zog mich hinfort. Ich wollte schreien, versuchte mich zu wehren, doch ich konnte mich nicht bewegen. Ich wurde in meinen Spind gezogen, durch die Wand; dann drehte sich alles; Schwärze wechselte mit bunten Farben; der stahlharte Griff bohrte sich in meine Schultern und plötzlich befand ich mich in einem mir vertrauten Raum. Mir war schwindelig und dunkle Punkte tanzten vor meinen Augen. Mir fiel ein, dass ich atmen musste und holte zischend Luft. Gleichzeitig versuchte ich mich aus der Umklammerung zu befreien; doch ich war weiterhin machtlos.

Die Hände, die mich an meinen Schultern gepackt hielten, drehten mich, so dass ich der Person ins Gesicht sehen musste.

Das Lächeln auf seinen Lippen war schmal, dafür voller Triumph. In Herrn Gnats Augen tanzte der nackte Wahnsinn und betrachteten mich mit flackerndem Blick.

„Hab ich dich endlich. Jetzt kannst du mir nicht mehr entkommen. Ich muss schon sagen, du hast mich sehr in Schach gehalten, das hätte ich einer wie dir nie zugetraut!“

Er schüttelte mich und kicherte aufgeregt. „Und nun wollen wir beginnen.“

Mein Blut raste heiß durch meinen Körper, während sich mein Überlebenswille zu Wort meldete. Ich musste hier weg! Ich war in Gefahr und wenn nicht gleich etwas geschah, das spürte ich, konnte mich keiner mehr retten.

„Lassen Sie mich los!“, zischte ich und versuchte eine meiner Hände zu heben. Ich musste einen Zauber sprechen, doch mein Körper gehorchte mir einfach nicht. Was hatte er nur mit mir gemacht?!

„Wenn ich mit dir fertig bin, hebe ich den Zauber wieder auf, keine Sorge.“ Er lächelte, so dass seine Zähne blitzten.

„Ich hol mir nur das, was mir gehört!“ Seine flackernden Augen brannten sich in meine; ich spürte, wie er in mir versank und mich schüttelte es schier vor Ekel. Er drückte mir einen Finger auf die Stirn und malte Zeichen darauf. Seine Lippen bewegten sich, formten Wörter, Sätze, doch ich konnte sie nicht hören. Zu sehr nagte der Schmerz an mir. Es fühlte sich an, als würde mein Kopf auseinander gerissen, so dass etwas schneidend Scharfes Zugang erlangte. Es bohrte sich in meine Gedanken, meine Erinnerungen. Ich zerbarst förmlich in der Qual und Abscheu. Immer tiefer drang dieser Fremdkörper in mich ein; ich spürte den heißglühenden Blick in meinen Augen und da begann ich zu schreien. Ich hielt es nicht mehr aus! Er zerstörte mich! Zerschmetterte und besudelte mein Innerstes. Ich hörte eine Stimme von weit her, die dumpf und fremd klang: „Sag mir, wo du den Trank versteckt hast!“

Die Stimme schnitt sich durch mich hindurch und hinterließ blankes Fleisch. Etwas zwang mich dazu zu antworten; ich fühlte, wie die Worte meinen Hals hinaufkrochen. Ich versuchte sie hinunterzuschlucken, biss mir auf die Lippen, bis ich Blut schmeckte; presste die Zähne aufeinander, doch nichts konnte sie aufhalten. Mein Mund öffnete sich, die Stimmbänder begannen zu schwingen und die ersten Laute verließen mich. Schließlich drang der Satz auch zu meinen Ohren durch: „Ich weiß es nicht.“

Ich blinzelte die Tränen aus den Augen, während mein gequälter Kopf versuchte, die Gedanken zu ordnen. Wie hatte ich das sagen können? Es war doch eine Lüge und das war ein Ding der Unmöglichkeit, denn ich spürte, dass ich genau das nicht konnte. Ich war ein offenes Buch für Herrn Gnat, er konnte in mich hineinsehen und ich war außerstande, etwas zu verbergen. Wie hatte ich dann lügen können? War es denn aber überhaupt eine? Ich konnte mich nicht entsinnen, wie der Trank überhaupt ausgesehen hatte. Worin hatte er sich befunden? Und wie kam Herr Gnat darauf, dass ich ihn hatte?! Ja, ich spürte es ganz genau, ich hatte damit nichts zu tun!

Die Augen des Lehrers rollten vor Qual in den Höhlen. Er tobte, schrie mich an, doch ich bekam kaum etwas davon mit. Er schüttelte mich, dass mein Kopf wie ein lebloser Ball hin und her schwang.

„Ich weiß, dass du es warst! Dein Armband ist auch weg und es war dir so verdammt wichtig. Du hast es gestohlen und dabei meinen Trank mitgenommen, gib es endlich zu!“

Mein Kopf war so vollkommen leer und zugleich drehte sich darin eine unglaublich schwere Masse.

„Wer soll es sonst gewesen sein?!“ fuhr er mich an. „Wer hätte Interesse an solch einem Trank! Du warst es, um mich in der Hand zu haben! Du wolltest mich erpressen! Du dreckige Mischava!“

Er schüttelte mich weiter und ich glaubte, jeden Moment müsse mein Kopf vom Hals fallen. Es würde kurz knacken und dann flöge er meterweit durch den Raum. Ich verstand einfach nicht, was er von mir wollte. Warum redete er so auf mich ein?! In meinem Schädel war nichts mehr, als lose, dünne Gedankenfetzen, die keinen Sinn ergaben. Ich spürte, wie sie sich in mir drehten, bekam hin und wieder einen zu fassen, doch ich verstand sie einfach nicht. Duke und der Occasus. Ein Trank, Gefahr, stechende Augen und eine Botschaft. Zeitgleich riss wieder etwas an mir; verursachte mir unermessliche Schmerzen und zwang mich, den Mund zu öffnen. Ich wusste nicht, was da für Laute herauskamen, es verstrichen Sekunden, bis ich die Bedeutung meiner eigenen Worte verstand.

„Interesse hätte bestimmt der Occasus und es wäre ihm ein Leichtes, an den Trank zu kommen.“ Warum sagte ich so etwas?

Herr Gnat lachte und ein leichter Sprühregen aus Spucke wehte mir ins Gesicht. Sie brannte wie Säure auf meiner Haut. „Du willst mir also weißmachen, dass der Occasus hier ist, dass der Dämon mit der Botschaft nicht gelogen hat?!“

Mein Kopf wippte auf und ab und gab damit etwas wie ein Nicken von sich. „Ja“, krächzte ich.

„Woher weißt du das!“, schrie er mich an und seine Augen quollen beinahe aus seinen Höhlen.

„Ich spüre es.“

Fassungslos starrte er mich an. Plötzlich wurde sein Gesicht aschfahl, sein Blick veränderte sich und seine Hände begannen zu zittern. Er ließ mich los und ging schwankend einige Schritte rückwärts von mir fort. Er ließ mich nicht aus den Augen und starrte mich an, als sehe er dem Teufel persönlich ins Gesicht. Ich verstand nicht, was das sollte. Wusste nicht, woher die Worte gekommen waren. Alles, was ich in diesem Moment fühlte, war, dass ich mich nicht mehr halten konnte. Der Griff war fort und meine Beine viel zu schwach. Noch immer brannten sich die in Todesangst verzerrten Augen von Herrn Gnat in mich hinein, während es langsam immer dunkler um mich herum zu werden begann…

 

Wo war ich? Ich versuchte mich zu erinnern, doch mein Kopf war eine einzige rohe Wunde. Rotglühende Schmerzen fuhren durch mich hindurch, weshalb ich es gleich wieder aufgab. Ich bemerkte jedoch, dass ich mich bewegte. Ging ich etwa? Es musste so sein, wobei ich nicht verstand, wie meine Beine die Kraft dafür aufbringen konnten. Ich war so erschöpft; so vollkommen ausgelaugt und am Ende. Vor mir tauchten einige bunte Flecken auf. Sie kamen auf mich zu; etwas griff mich an der Schulter. Worte drangen an mein Ohr, die ich nicht verstand: „Force, verdammt! Was ist los? Hörst du mich?!“ War das Shadow? Wer war das noch gleich?

„Hey, wir haben sie“, rief eine andere Stimme.

Sie hielt mich fest, hinderte mich am Weiterlaufen und das war nicht gut… Wenn ich nicht ging, spürte ich meine Beine nicht. Da sackte ich auch schon zusammen und fiel auf den Boden.

„Los, schnell! Ihr müsst uns helfen!“ Thunder, schoss es mir durch den Kopf. Das war Thunder. Mir wollte nur nicht einfallen, was das war. Eine Person? Ein Gegenstand? Ich wollte den Kopf schütteln, doch es ging nicht.

„Was ist mit ihr?“, fragte eine männliche Stimme. Sky?

„Sehen wir so aus, als wüssten wir das, du Holzkopf. Hilf uns lieber!“

Ich begann zu fliegen… Schwebte in der Luft… Ich atmete einen unglaublichen Duft ein, der meinen Herzschlag beschleunigte. Ich spürte eine beruhigende Wärme um mich, an die ich mich noch mehr anzulehnen versuchte. Ich drehte den Kopf in deren Richtung und vergrub mein Gesicht darin. Ich fühlte mich plötzlich so wohl. Die Schmerzen vergingen, während ich im Paradies schwebte. Vollkommenes Glück umfing mich und ich klammerte mich mit beiden Händen daran fest…

 

Ich blinzelte und das Licht, das sich in meine Augen bohrte, verursachte Höllenqualen in meinem Kopf. Ich ächzte, während ich mich langsam aufsetzte. Was war denn nur geschehen? Ich startete einen neuen Versuch, meine Augen zu öffnen und dieses Mal gelang es mir, das Licht zu ertragen. Ich betrachtete ein unglaublich schönes Gesicht und spürte, wie ich allmählich in die Gegenwart zurückfand. Night. Was tat er hier? Ich stellte schnell fest, dass ich mich auf meinem Zimmer befand. Er war jedoch nicht allein. Ich erkannte meine Freundinnen, Sky und Saphir.

„Na endlich, sie kommt zu sich“, sagte Sky und grinste mich breit an. „Hey, alles klar? Kannst du mich hören?!“ Er sprach ziemlich laut und betonte jedes Wort, als spreche er mit einer vollkommen Gestörten.

„Schrei nicht so“, krächzte ich, denn seine Stimme dröhnte mir im Schädel.

„Kannst du dich an irgendetwas erinnern?“, wollte Céleste wissen.

Ich forschte in meinem wunden Kopf nach und bekam einige Bilder zu fassen, doch sie ergaben nur wenig Sinn. „Herr Gnat.“ Ich ächzte und spürte Schmerzen. „Ich glaube, er wollte etwas wissen.“

Shadow nickte bestätigend. „Es war also wirklich so.“

Ich sah sie fragend an. „Er hat dich entführt. Wie, wissen wir nicht. Aber das Mal auf deiner Stirn spricht davon, dass er den „Fractura Calvae“ benutzt hat.“ Sie bemerkte meinen verständnislosen Blick und fuhr fort. „Er war mehr oder weniger in deinem Kopf und hat dich gezwungen, ihm auf seine Fragen mit der Wahrheit zu antworten.“

Weitere verschwommene Bilder drangen an die Oberfläche und ich wusste plötzlich, dass es stimmte, was sie sagte. Er hatte mich entführt; durch irgendeine Wand gezogen und mir Fragen gestellt.

„Ich weiß nicht mehr genau, was ich geantwortet habe. Aber ich kann mit Sicherheit sagen, dass es nicht die Wahrheit war. Ich kannte sie in diesem Moment nicht einmal.“

„Dann hat es also funktioniert“, stellte Céleste fest und betrachtete die Jungs. „Sie haben uns erzählt, dass der Zauber, mit dem wir den Flakon geschützt haben, äußerst effektiv ist. Sie meinten, wenn dein Geist genug Stärke besitzt, wird es dir mit Hilfe des Zaubers gelingen, vor Herrn Gnat die Wahrheit zu verbergen.“

Sky grinste nun ziemlich stolz. „Ich hab doch gleich gesagt, dass ihr euch keine Sorgen machen müsst. So leicht lässt sie sich nicht auseinandernehmen.“

„Dann lag das also an dem Spruch, der den Flakon beschützt, dass ich mich nicht mehr daran erinnern konnte“, rekapitulierte ich.

„Wir hatten wirklich Angst um dich“, fuhr Céleste fort. „Wir haben auf dich gewartet und du kamst einfach nicht. Uns war sofort klar, dass irgendwas passiert sein musste. Wir haben dich überall gesucht, dabei die Jungs getroffen und sie haben sich uns angeschlossen. Plötzlich bist du in der Nähe von der Treppe, die zu Herrn Gnats Klassenzimmer führt, langgetaumelt gekommen, warst nicht ansprechbar und bist zusammengeklappt. Night hat dich auf unser Zimmer getragen. Wir haben gerade überlegt, wen wir benachrichtigen sollen.“

„Niemanden!“, zischte Thunder wütend.

Mein Blick richtete sich wie von selbst auf Night. Ich konnte mich an das Gefühl erinnern, als ich geglaubt hatte zu schweben. Er sah mich nun ebenfalls an. Was lag da in seinen Augen? Es schien keine Sorge zu sein, was mich seltsam betroffen machte.  

„Wir müssen es jemandem sagen!“, unterbrach Céleste meine Gedanken. „Herr Gnat hat sie entführt und… diesen Zauber bei ihr angewandt. Dafür muss er bestraft werden!“

„Du denkst doch nicht, dass uns das jemand glauben wird“, wandte Thunder ein.

„Wir melden es keinem“, beschloss ich mit so ruhiger und fester Stimme, dass es mich selbst überraschte. Ich konnte nicht genau sagen, warum mich allein der Gedanke so sehr abstieß. Vielleicht, weil ich den Schmerz und Ekel vergessen wollte und das nur möglich wäre, wenn ich nicht mehr weiter darüber nachdenken und sprechen musste. Vielleicht aber auch, da ich etwas anderes in mir spürte. Ich konnte nicht genau sagen, was es war. Doch es gab mir die Sicherheit, dass dies der einzig richtige Weg war.

„Ich finde nach wie vor, dass es Forces Entscheidung ist und wenn sie es nicht will, dann können wir sie verflucht nochmal nicht dazu zwingen“, sagte Shadow.

Céleste betrachtete mich, nickte aber schließlich vorsichtig. „Also gut. Machen wir es dann so wie besprochen?“ Sie sah Night und die anderen beiden an.

„Wir schaffen das schon“, erklärte Sky. Er zwinkerte verschwörerisch und fuhr fort: „Es wäre ja nicht das erste Mal, dass wir uns heimlich Informationen aus dem Sekretariat beschaffen. Wenn wir etwas Genaueres wissen, melden wir uns.“

Er erhob sich und auch die anderen machten sich daran, das Zimmer zu verlassen.

„Gute Besserung“, wünschte mir Sky grinsend. „Das wird schon.“

„Erhol dich gut“, sagte Night seltsam kühl. Auch Saphir verabschiedete sich von mir. Kaum war die Tür hinter den dreien ins Schloss gefallen, meldete sich Thunder zu Wort. „Sollen wir wirklich auf diesen dämlichen Zauber von Sky vertrauen?! Immerhin hat er ihn erfunden. Der kann doch nichts taugen!“

„Uns bleibt nichts anderes übrig oder hast du eine verdammte bessere Idee?“, fragte Shadow.

„Könnt ihr mir mal sagen, von was ihr sprecht?“, fragte ich.

„Wir haben ihnen erzählt, dass Herr Gnat weiterhin hinter dem Flakon her ist“, begann Céleste „und dass wir annehmen, Herr Gnat und Graf von Steinau stecken unter einer Decke. Keine Sorge, von unseren Befürchtungen bezüglich des Occasus wissen sie nichts“, fügte sie auf meinen Blick hinzu. „Sky erklärte daraufhin, dass sie die Möglichkeit hätten, ins Sekretariat zu kommen, um dort in den Terminplaner zu sehen. So wären sie in der Lage herausfinden, wann Sovereign das nächste Mal in der Schule zu tun hat. Sky kennt zudem einen Zauber, mit dem er ihn überwachen kann, ohne dass er etwas davon bemerkt. Wir würden so also herausfinden können, ob wir mit unserem Verdacht richtig liegen.“

Thunder hatte ihren Kopf auf den Ellbogen gestützt und schaute verdrießlich vor sich hin. „Ich bin mir noch immer nicht sicher, ob der Zauber was taugt. Immerhin reden wir hier von Sky. Es kann keine gute Idee sein, sich so auf ihn zu verlassen.“

„Was meinst du dazu?“, fragte Céleste mich.

„Wir sollten es auf jeden Fall versuchen. Hilfe können wir ohnehin gut gebrauchen.“

„Du solltest erst mal ein bisschen schlafen“, meinte Shadow. „Du siehst verdammt mitgenommen aus. Hast du Schmerzen?“

Ich schüttelte vorsichtig den Kopf. „Nein, es geht. Ein bisschen Kopfweh, aber sonst ist alles okay.“

Schlafen war mit Sicherheit eine gute Idee. Ich legte mich wieder zurück auf das Kissen und schloss langsam die Augen. Meine Freundinnen entfernten sich von meinem Bett, da wurde ich auch schon in eine traumlose Tiefe gezogen.

 

 

„Allmählich wird es besser“, sagte ich, während ich mein Spiegelbild betrachtete. Die rötliche Verbrennung auf der Stirn, die das Zeichen von Herrn Gnat hinterlassen hatte, verblasste immer mehr. Ich musste inzwischen kaum noch Makeup verwenden, um sie abzudecken. Ich machte mich fertig für den Unterricht und ging mit den anderen schließlich los. Von Night, Sky und Saphir hatten wir bislang nichts gehört.

„Wir sollten uns selbst was einfallen lassen“, meinte Thunder. „Ich kann es nicht ausstehen, mich auf Sky verlassen zu müssen.“

„Jetzt warte doch erst mal ab“, versuchte Céleste sie zu beruhigen.

„Wir haben lange genug gewartet, es wird Zeit, dass wir etwas unternehmen.“

„Da Herr Gnat inzwischen in Force gelesen hat, wird er das mit dem verdammten Krug mit Sicherheit sein lassen“, meinte Shadow. „Wir haben also Zeit gewonnen und sollten sie nutzen. Unser nächster Schritt muss gut geplant sein und ich denke, dass uns die Jungs da verflucht hilfreich wären.“

„Wenn du meinst. Ich habe euch jedenfalls gewarnt“, murrte Thunder leise.

Wir hatten jetzt Grundlagen der Magie, betraten das Klassenzimmer und setzten uns auf unsere Plätze. Ich war noch immer ziemlich erschöpft, aber wenigstens waren die Kopfschmerzen inzwischen weg. Tagelang war ich sie nicht losgeworden und es hatte sich angefühlt, als bohre mir jemand ein Loch in den Schädel. Ich fühlte mich allein aus diesem Grund schon sehr viel besser.

Herr Smith betrat pünktlich auf die Minute das Klassenzimmer, stellte sich hinter das Pult und begrüßte uns. „In der letzten Stunde haben wir uns mit einem Eiszauber beschäftigt. Ich möchte diesen heute mit Ihnen in einer praktischen Übung umsetzen. Kommen Sie bitte alle nach vorne.“

Kaum waren wir seiner Aufforderung nachgekommen, wirkte der Lehrer einen Zauber und schon schoben sich alle Tische und Stühle an die hinterste Wand zurück und türmten sich dort aufeinander, so dass nun genügend Platz war.

„Teilen Sie sich bitte auf.“ Er wandte sich seiner Tasche zu und holte ein großes Glas hervor. „Ich habe einige Grillwespen mitgebracht. Diese gilt es, mit dem Eiszauber einzufrieren. Lassen Sie diese Wesen nicht zu nah an sich herankommen, denn ihre Stiche sind äußerst schmerzhaft.“

Er begann den Deckel aufzuschrauben, betrachtete uns noch einmal und erklärte: „Machen Sie sich bereit. Es geht los!“ Damit riss er den Deckel vom Glas und augenblicklich strömten die fingergroßen Insekten heraus. Sie waren blauschwarzgestreift und verbreiteten ein ohrenbetäubendes Summen. Sofort schossen die ersten Zauber auf die Wesen zu, doch sie waren wirklich schnell und wichen den weißen Strahlen aus. Thunder schien bereits vollkommen in ihrem Element zu sein. Sie warf einen Zauber nach dem nächsten; gingen die ersten noch ins Leere, hatte sie bald den Bogen raus und traf die Insekten. Schlagartig wurden diese von einem Eiskristall eingeschlossen, fielen krachend zu Boden und zersplitterten dort samt Inhalt. Ich sah den anderen nur einen kurzen Moment lang zu, denn dann kamen auch auf mich einige zugeflogen. Ich versuchte zu zielen und wirkte den Zauber, allerdings wichen die Wesen ohne Probleme aus. Ich bemühte mich darum, die Strahlen kurz hintereinander loszuschicken und so traf auch ich die Wespen. Eine nach der anderen wurde eingefroren und fiel splitternd zu Boden. Zunächst glaubte ich, die Sache ganz gut im Griff zu haben, doch die Insekten wurden einfach nicht weniger. Das stete Zaubern kostete eine Menge Kraft und auch wenn bereits etliche Wespen tot auf dem Boden lagen, kamen immer mehr neue nach. Ich sah kurz zu dem Glas hinüber und konnte es kaum fassen, aber noch immer strömten sie daraus hervor. Gerade flog eine weitere Welle auf mich zu. Ich hob die Hand und sprach den Spruch. Allmählich spürte ich, wie die Anstrengung an mir nagte. Doch ich war nicht die Einzige. Die anderen atmeten bereits schwer, Schweiß stand ihnen auf der Stirn. Ich warf eine weitere Salve Zauber nach den Wesen, als ich einen Schrei hörte. Ein Junge lag am Boden, schützte sein Gesicht mit den Händen, während die Grillwespen ihn einhüllten und stachen. Ich versuchte, ihn von den Insekten zu befreien, fror eine nach der anderen ein; weitere Mitschüler halfen und bald hatten wir ihn frei. Er krümmte sich und wimmerte vor Schmerz, doch immerhin hatte Herr Smith das Glas geschlossen, so dass keine weiteren mehr nachgekommen waren. Der Lehrer trat zu dem Jungen und sah sich die Stiche an. „Keine Sorge, sie sind nicht gefährlich, schmerzen aber ziemlich. Gehen Sie auf die Krankenstation und lassen Sie sich eine Salbe geben, dann sind Sie gleich wieder in Ordnung.“

Er bemühte sich, auf die Füße zu kommen und schwankte mit aschfahlem Gesicht aus dem Zimmer.

„Den Rest der Stunde analysieren wir diese Übung. Worauf muss man bei einem Eiszauber achten? Welche Nachteile hat er?“ Herr Smith trat zur Tafel und ließ gleichzeitig Tische und Stühle zurück auf ihren Platz rutschen.

 

„Wir lassen dich keinen Moment lang aus den Augen“, versprach Céleste. Nach der Entführung war es die erste Stunde Dämonologie und Accores. Ich war selbst ziemlich nervös und wusste nicht recht, wie ich mich verhalten sollte. Einerseits war ich mir sicher, dass Herr Gnat mir nicht nochmal etwas antun würde und dennoch hatte ich kein gutes Gefühl dabei, ihm wieder zu begegnen.

„Der soll dich nur einmal schief anschauen“, drohte Thunder „dann kann er was erleben.“

Ich lächelte erleichtert über ihre Worte. Mir würde ganz sicher nichts geschehen und ich war auch nicht alleine.

Wir setzten uns auf die Plätze, als es auch schon zum Unterrichtsbeginn läutete. Es verstrichen einige Minuten, in denen nichts geschah. Es war seltsam, denn normalerweise erschien Herr Gnat auf das Klingelzeichen genau. Die anderen begannen allmählich unruhig zu werden, ein Raunen brach los. Jeder fragte sich, wo der Lehrer blieb. Weitere Minuten vergingen und da endlich ging die Türe auf. Herr Gnat betrat langsam das Klassenzimmer; sein Gesicht wirkte blass, die Augen groß und ängstlich. Sein Blick huschte kurz über uns und blieb an mir für den Bruchteil einer Sekunde hängen. Er wurde noch blasser, falls das überhaupt möglich war und mir war so, als kämpfe er gegen den Impuls, das Zimmer auf der Stelle wieder zu verlassen. Was war nur los mit ihm? Hatte er Angst? Aber warum? Machte es ihm womöglich doch zu schaffen, dass er mich entführt hatte? Fürchtete er sich davor, dass ich es melden könnte?

Herr Gnat rang mit sich und schritt schließlich zu seinem Pult. Er setzte sich hinter den Tisch und kramte eine halbe Ewigkeit in seiner Tasche herum. Schließlich holte er ein Buch heraus, legte es vor sich, betrachtete uns erneut und schwieg. Er strich sich mit einer fahrigen Bewegung durchs Haare, stand auf und setzte sich sogleich wieder.

„Wer kann mir sagen“, begann er mit hoher Stimme „welche drei Grundregeln es bei einem Ingarlid zu beachten gilt?“ Wieder huschten seine Augen über uns. Sie waren noch unruhiger als üblich; er wirkte nervös, ängstlich.

„Frau Neumaier“, rief er das brünette Mädchen mit den dunkelbraunen Augen auf. Sie begann eine Antwort zu stammeln: „Ähm… also da wäre… zum ersten…“

„Verlassen Sie auf der Stelle dieses Zimmer!“, brüllte er so laut los, dass wir alle zusammenzuckten. Sein Gesicht war knallrot, eine Ader pochte bedrohlich auf seiner Stirn und seine Augen schienen aus den Höhlen zu quellen.

„Wer seine Aufgaben nicht erledigt, hat bei mir nichts zu suchen! Verschwinden Sie!“

Das Mädchen war vollkommen erschrocken, so gereizt hatten wir ihn noch nie erlebt. Sie stand schnell auf, blickte den Lehrer noch einmal an und verließ das Zimmer.

Üblicherweise beruhigte er sich recht schnell wieder, wenn er den angeblichen Störenfried erst einmal losgeworden war, doch dieses Mal blieb sein Gesicht weiterhin leuchtend rot und in seinen Augen lag der blanke Wahnsinn.

„Frau Franken“, sagte er.

Ich sah ihn erschrocken an, fasste mich aber zugleich wieder. Ich wollte vor ihm keinerlei Schwäche zeigen.

„Die drei Grundregeln?“, stieß er mit zusammengebissenen Zähnen aus. Wollte er sich beweisen, dass er sich doch nicht vor mir fürchtete?

„Erstens: Keine schnellen Bewegungen. Zweitens: Feuerzauber benutzen und Drittens: Die Überreste vergraben.“

Er starrte mich eine Weile an, doch ich wich seinem Blick nicht aus. Ich konnte regelrecht mit verfolgen, wie die alte Blässe zurückkehrte und seine Augen wieder diesen panischen Ausdruck annahmen.

„Wir… wir werden den Rest der Stunde etwas lesen“, begann er und blätterte nervös in seinem Buch herum. „Ab Seite 145.“

Wir waren alle überrascht. Was war nur los? Immerhin hatte er nicht einmal etwas zu der Antwort gesagt.

„Haben Sie nicht gehört?!“, schrie er. „Lesen Sie ab Seite 145.“ Er ließ sich in seinem Stuhl zurückfallen und begann einige Unterlagen zu bearbeiten. Dennoch huschten seine Augen ständig zitternd über uns.

 

 

Thunder gähnte erschöpft, als wir auf dem Weg zur Cafeteria waren. „Das war vielleicht eine merkwürdige Stunde“, sagte sie.

„Allerdings“, stimmte Shadow zu. „Ich möchte zu gerne wissen, was in Gnat gefahren ist. Er war ja schon immer verflucht seltsam, aber jetzt scheint er vollkommen durchgeknallt zu sein.“

„Er wirkte verstört“, meinte Céleste. „Als hätte er vor irgendetwas Angst.“

Shadow nickte zustimmend. „So kam es mir auch vor. Und wie er Force angesehen hat…“

„Vielleicht ist ihm erst im Nachhinein klargeworden, was er da eigentlich getan hat“, schlug Thunder vor.

„Daran habe ich auch schon gedacht“, sagte ich.

„Wie dem auch sei“, fuhr Shadow fort. „In seinem jetzigen Zustand müssen wir uns wohl keine verdammten Sorgen mehr wegen ihm machen.“

Damit hatte sie wohl recht. Wobei ich kaum glaubte, dass er allzu lange so bleiben würde.

„Hey, wartet mal!“, rief uns eine Stimme zu. Wir drehten uns um und erkannten Saphir, der auf uns zugeeilt kam.

„Was gibt’s?“, fragte Thunder.

„Ich habe euch gesucht. Kommt, wir treffen uns mit den anderen am Eingang. Es geht gleich los.“

„Muss man das verstehen?!“, fragte Thunder und zog missbilligend eine Braue nach oben.

Shadow zuckte mit den Schultern, folgte ihm aber.

Am Eingang warteten Sky und Night.

„Na, meine Hübsche. Bist du bereit?“, rief Sky Thunder augenzwinkernd zu.

„Bereit, dir in den Hintern zu treten? Immer!“, bestätigte sie.

„Auch wenn ich auf deine Streicheleinheiten stehe, wir haben jetzt leider keine Zeit dafür.“

„Ich geb dir gleich Streicheleinheiten“, zischte sie wütend. Doch Shadow hielt sie zurück.

„Was machen wir hier?“, fragte Céleste.

„Sovereign kommt heute“, verkündete Night.

„Wir dachten, wir holen euch und schauen mal, was den Herrn Grafen hierher treibt“, fuhr Sky grinsend fort.

Er kramte in seinem Rucksack und holte eine Glasperle, ein kleines Stück Holz und einen Fetzen Stoff heraus. „Den Spruch habe ich vor Jahren entwickelt und ich verspreche euch, er hat es in sich.“

Thunder verschränkte die Arme vor der Brust und musterte ihn abschätzig. „Na, da sind wir ja mal gespannt. Bis jetzt sieht es eher so aus, als würdest du eine Bastelstunde veranstalten.“

„Wart nur ab“, fuhr er fort und begann den Fetzen Stoff um das Stück Holz zu wickeln. Als das geschafft war, legte er es vor sich auf den Boden und begann einen Zauber zu sprechen. Seine Hand glühte und als der grüne Lichtstrahl das Holz getroffen hatte, begann es sich plötzlich zu verändern. Es wurde kleiner, verformte sich und hob sich in die Luft. Sky ließ die Hand sinken und grinste uns stolz an.

Thunder stand der Mund offen vor Überraschung. Vor uns flog ein Insekt, das nicht echter hätte aussehen können. Ein schlanker, dünner Körper, grünlich schimmernde Flügel und schwarze, runde Augen.

„Na, was sagt ihr? Ist doch perfekt, oder?! Die Libelle wird Sovereign überallhin folgen und mit der Perle hier“, er hob das runde Glas in die Höhe, „können wir alles sehen und hören, was unser kleiner Beobachter mitbekommt.“

„Wie hast du das gemacht?“, fragte Thunder. „Was für eine Art Zauber ist das? Wandlungsmagie? Oder Veränderungszauberei? Nun sag schon.“

„Nichts da! Das bleibt ein Geheimnis. Aber vielleicht verrat ich es dir, wenn du besonders lieb zu mir bist“, verkündete er mit einem süffisanten Lächeln.

„Dann wirst du es aber verdammt schwer haben“, meinte Shadow und klopfte der Freundin tröstend auf die Schulter.

„Ich bekomm das schon raus, keine Sorge“, knurrte Thunder leise vor sich hin.

„Wir sollten uns langsam einen ruhigen Platz suchen, wo wir Sovereign beobachten können“, meinte Night.

„Wir könnten auf unser Zimmer gehen“, schlug Sky vor.

Thunder schüttelte sofort vehement den Kopf. „Vergiss es! Ich lass mich von dir doch nicht in dieses Loch schleppen, wo du deine ganzen Weiber hinbringst.“

Zunächst stand Sky echte Verwunderung ins Gesicht geschrieben, doch dann hellte sich seine Miene wieder auf. „Ah, verstehe. Du hast das neulich mit Melody und Summer mitbekommen.“ Sein Lächeln nahm wieder diesen schelmischen Ausdruck an, als er fortfuhr. „Machst du dir etwa Gedanken, was dort passiert ist?“

Thunder ächzte genervt. „Du spinnst wohl?! Als ob mich das interessieren würde. Ich will nur nicht riskieren, dass ich mich womöglich in irgendwelche ekeligen Sachen setze.“

„Mann, beruhig dich“, mischte sich Saphir ein. „Ich war auch dort und kann dir versichern, die Mädchen haben sich nur das Zimmer angesehen und das war´s dann auch schon.“

Mir fiel in diesem Moment wirklich ein Stein vom Herzen. Es war also nichts geschehen.

„Und warum glaubst du, sollte mich das kümmern?!“, giftete Thunder zurück.

„Lasst sie doch, wenn sie nicht wollen. Wir können auch woanders hingehen“, unterbrach Night das Ganze.

„Gehen wir eben zu uns“, schlug Céleste vor. Darauf konnten wir uns schließlich einigen.

 

„Okay, dann wollen wir mal“, verkündete Sky und wirkte einen Zauber auf die Glasperle. Sie begann zu leuchten und projizierte plötzlich ein Bild an die Wand. Man konnte den Eingangsbereich erkennen, wo sich momentan noch niemand befand.

Sky sah auf die Uhr und meinte: „Er müsste eigentlich jeden Moment kommen.“

Wir hatten uns alle im Zimmer verteilt, saßen auf Stühlen oder unseren Betten.

Da kam Bewegung ins Bild. Die Eingangstüre schwang auf und Sovereign betrat den Raum. Mit schnellen, schweren Schritten eilte er die Flure entlang, immer verfolgt von unserer kleinen Libelle. Das Bild war so täuschend echt, dass man fast glaubte, wirklich hinter ihm herzugehen. Hinzu kam die Anspannung, ob wir etwas herausfinden würden und wenn ja, was?

Der Graf hielt schließlich vor einer Türe inne und klopfte an. Es war das Büro des Direktors. Er schritt hinein und begrüßte Herrn Seafar.

„Sovereign, freut mich, dass Sie es geschafft haben. Wie laufen die Geschäfte?“

„Alles bestens“, erklärte der Graf und setzte sich auf den Stuhl, der vor dem Schreibtisch des Direktors stand. „Wollen wir gleich anfangen? Ich habe noch einige Termine.

„Aber natürlich. Es wird sicher nicht lange dauern.“ Herr Seafar holte eine Mappe hervor und reichte sie seinem Gegenüber. Minuten verstrichen, in denen der Graf sich in die Papiere vertiefte und sie durchlas.

„Mann, ist das langweilig“, ächzte Sky. „Ich dachte, wir bekämen was Spannendes zu sehen, aber das hier ist ja die reinste Bestrafung.“

„Was meckerst du hier rum?!“, rief Thunder wütend. „Als könnten wir was dafür, dass die beiden sich nur über Finanzierungen unterhalten.“

Sky streckte ihr herausfordernd die Zunge entgegen, was seine Wirkung nicht verfehlte. Thunder war drauf und dran, aufzuspringen und sich auf ihn zu stürzen.

„Verdammt! Ruhe jetzt!“, rief Shadow und warf ein Kissen nach der Freundin. „Ich glaube, sie sind fertig.“

Der Graf hatte etliche Unterlagen unterschrieben und ein paar Worte dazu gesagt. Inzwischen war er aufgestanden und verabschiedete sich.

„Ich denke, wir sehen uns dann nächste Woche. Ich muss jetzt los, wichtige Termine.“

„Das verstehe ich“, verkündete der Direktor und reichte ihm zum Abschied die Hand. „Dann bis zum nächsten Mal.“

Sovereign nickte und verließ das Zimmer.

„Wie weit kann dein kleines Spielzeug dem Grafen eigentlich folgen?“, fragte Thunder.

„Na ja, wenn er das Gebäude verlässt, vielleicht zweihundert Meter. Irgendwann reicht die Magie nicht mehr aus und sie zerfällt in ihre ursprüngliche Form“, gab Sky zerknirscht zu.

„Na klasse“, zischte Thunder leise.

Der Graf schien allerdings nicht vorzuhaben, das Gebäude zu verlassen. Er nahm erst einige Korridore, die etwas abgelegener waren und ging dann den Weg, der ihn nur zu einem Zimmer bringen konnte: Das von Herrn Gnat.

Ich hatte die Fäuste geballt und konnte meinen Blick nicht von dem Bild wenden. Ich wusste, dass wir kurz davor standen, etwas Wichtiges zu erfahren.

Ohne anzuklopfen, betrat Sovereign das Zimmer. Er schloss die Türe hinter sich und musterte Herrn Gnat, der sofort aufsprang und ihm entgegen eilte.

„Und? Gibt es etwas Neues?“, fragte der Graf mit kalter Stimme.

Die Augen des Lehrers huschten noch nervöser umher als üblich. „Ich habe den Test gemacht und sie wusste von nichts.“

„WAS?! Das kann nicht sein?! Du hattest doch gesagt, dass du dir sicher mit ihr bist!“ Er trat schnell und drohend auf den Lehrer zu. „Oculus, ich warne dich! Wenn herauskommen sollte, dass ich dir das Zeug verkauft habe, dann werde ich Dinge mit dir anstellen, die dich um den Tod betteln lassen werden, ist das klar?!“

„Du weißt sehr genau, dass ich dich nie verraten würde.“

Das schien ihn wieder etwas zu beruhigen. „Das ist auch besser so. Sieh endlich zu, dass du die Sache geregelt bekommst. Ich habe momentan Wichtigeres zu tun, als mich damit herumzuärgern. Finde heraus, wer das Zeug hat und beschaff es dir wieder!“

„Ja, aber es ist nicht so einfach.“
„Glaubst du, das interessiert mich?!“, schrie er ihn an. Er packte ihn am Hemd und zog ihn von den Füßen. „Du warst so selten dämlich, es dir stehlen zu lassen, dann hol es dir auch wieder!“

„Aber…“, versuchte Herr Gnat sich mit krächzender Stimme zu erklären, doch der Graf warf ihn zu Boden.

„Nichts aber! Tu, was ich dir sage und halte mich aus dem ganzen raus!“ Er seufzte und sah den Lehrer voller Abscheu an. „Dass man mit dir auch immer nur Ärger hat und dann ausgerechnet zum völlig falschen Zeitpunkt. Du weißt sehr genau, dass die nächste Zeit entscheidend für meinen Sohn und unsere Familie sein wird. Das alles passierte nun zwar recht überraschend, aber wir werden zu großem Ruhm gelangen. Also regel deine Angelegenheiten selbst. Ich kann mich nicht um alles kümmern!“

„Ja, ich weiß“, murmelte Herr Gnat, der noch immer auf dem Boden saß und den Grafen mit flackerndem, ehrfürchtigem Blick betrachtete.

„Gut, ich denke, wir haben uns verstanden. Und wenn ich das nächste Mal wieder komme, will ich hoffen, dass du das verdammte Zeug wieder hast!“

Damit wandte er sich um und verließ den Raum.

Wir beobachteten ihn noch eine Weile, wie er durch das Gebäude ging und die Schule schließlich durch die Eingangstüre verließ. Es dauerte nicht lange, da begann das Bild zu flackern, es verschwamm und wurde schließlich schwarz.

Céleste sprang schlagartig auf und baute sich vor uns auf. „Wir müssen zum Direktor und ihm sagen, was wir beobachtet haben! Jetzt sofort!“

„Vergiss es“, unterbrach Sky sie. „Du hast doch gesehen. Die beiden sind mehr oder weniger miteinander befreundet. Der lässt nie was auf den Grafen kommen!“

„Wir können doch nicht einfach nur dabei zusehen!“, versuchte sie es weiter. „Auf was wollen wir denn noch warten?“

„Du hast ja Recht“, meinte Shadow. „Aber ich bin mir verflucht sicher, dass er uns nicht glauben wird.“

„Er muss!“, erwiderte Céleste.

„Eines ist aber auch klar“, wandte Saphir ein. „Wenn ihr zu ihm gehen wollt, müsst ihr den Flakon mitnehmen und genau das ist das Problem.“

Wir blickten ihn fragend an. Sky begann schließlich mit der Erklärung. „Nun ja, ihr brauchtet ja dringend einen Spruch, um den Trank zu verstecken. Deshalb haben wir uns vorrangig darum gekümmert. Wir mussten ihn ein wenig verändern und rumknobeln, bis er passend war.“

„Wenn er schon so anfängt, kann das ja nichts Gutes bedeuten“, wisperte Thunder leise.

„Um es auf den Punkt zu bringen“, unterbrach Night das Ganze. „Wir haben keinen Spruch, um den Flakon für andere wieder sichtbar zu machen.“

„Es war erst mal das Wichtigste, ihn zu verstecken und wer konnte denn ahnen, dass ihr sofort zu Seafar rennen wollt!“, mischte sich Sky ein.

„Das ist jawohl nicht euer Ernst!“, schrie Thunder los. „Das heißt, nur wir hier sind in der Lage, den Trank zu sehen und sonst kein anderer? Habt ihr sie noch alle?!“

„Mann, wir mussten uns beeilen und weißt du, wie schwer es war, den Spruch überhaupt so sicher zu bekommen?“, fragte Sky.

„Ein bisschen zu sicher?! Meint ihr nicht!“, Thunder ließ sich wieder auf ihren Stuhl zurückfallen und dachte nach.

„Glaubt ihr, ihr bekommt einen Zauber hin, der den Spruch aufheben kann?“, wollte Shadow wissen.

Night nickte. „Ja, wird aber sicher einige Zeit dauern.“

„Na klasse. Solange sind uns also die Hände gebunden“, schimpfte Thunder.

„Als ob er euch glauben würde, nur weil ihr ihm den Flakon vorzeigt“, erwiderte Sky. „Der lässt nichts auf den Grafen kommen. Ganz egal, was ihr ihm für Fläschchen vor die Nase haltet.“

„Dank eurer tollen Hilfe werden wir das ja erstmal nicht herausfinden können!“

„Beruhig dich, Thunder. Wenn sie uns nicht geholfen hätten, wäre Herr Gnat längst wieder in dessen Besitz. Wir sollten ohnehin weiterüberlegen, ob uns nicht doch noch was anderes einfällt. Ich denke nämlich auch nicht, dass Herr Seafar uns glauben wird“, meinte ich.

„Versucht dennoch etwas zu finden, was den Zauber aufhebt“, wandte Céleste ein.

„Klar, machen wir“, bestätigte Saphir. „Wir gehen dann mal wieder.“ Damit erhob er sich und schritt zur Tür. Seine Freunde folgten ihm.

„Toll“, ächzte Thunder, nachdem sie die Türe hinter sich geschlossen hatten. Sie ließ sich auf ihr Bett fallen und sah uns an. „Und was machen wir jetzt?“

„Wir wissen auf jeden Fall, dass Herr Gnat den Firron Trank von Sovereign hat“, rekapitulierte ich. „Was mir allerdings noch mehr Sorgen bereitet, ist die Sache, von der der Graf gesprochen hat.“

„Du meinst die, die seinen Sohn und seine Familie betrifft?“, fragte Céleste.

Ich nickte. Wir hatten alle wohl denselben Gedanken. Sein Sohn, der Occasus, würde der Familie Ruhm einbringen… Nur worauf wartete Duke so lange? Warum offenbarte er sich nicht? Er trainierte stattdessen, suchte in Büchern nach etwas, das ihm „Kraft verlieh.“ War er vielleicht einfach noch nicht stark genug? Hatte die lange Zeit in dieser fremden Gestalt doch Schaden angerichtet?

„Ohne den verdammten Flakon können wir erst mal nichts ausrichten“, meinte Shadow. „Wir können nur Augen und Ohren offen halten und darauf warten, dass die Jungs einen passenden Spruch finden.“

Thunder ächzte und warf ihr Gesicht in das Kopfkissen. „Das kann doch nicht euer Ernst sein… Wir sollen uns schon wieder auf die verlassen?! Ihr habt doch gesehen, was dabei herauskommt.“

Wir hatten allerdings keine andere Wahl. Immerhin wussten wir nicht, welchen Zauber sie benutzt und inwiefern sie ihn umgewandelt hatten. Vielleicht fiel uns auch noch etwas Hilfreiches ein, denn ich war mir sicher, dass wir auch mit dem Flakon beim Direktor nicht weiterkommen würden.