Herz in Flammen
Wir hatten unsere Rucksäcke fertig gepackt. Zusammen warteten wir in der Eingangshalle auf die Jungs. Ich war angespannt und konnte es zugleich kaum erwarten. Ich versuchte, Herrn Gnat aus meinen Gedanken zu verbannen. Erst mal war ich vor ihm in Sicherheit. Er hatte keine Beweise, dass ich es gewesen war und zudem war ich im Besitz eines gefährlichen Druckmittels gegen ihn…
In diesem Moment sah ich Night zusammen mit Sky und Saphir die Treppen herunter kommen und meine Gedanken hellten sich auf. Er sah toll aus in dem schwarzen Hemd, das seinen Körper so unwiderstehlich betonte und der Jeans, die sich an ihn schmiegte.
Als sie bei uns angekommen waren, grinste Sky breit und gesellte sich gleich an Thunders Seite. „Wir zwei werden heute sicher viel Spaß zusammen haben.“
„Bild dir bloß nichts ein“, knurrte sie kurz angebunden zurück.
„Verdammt, geht das schon wieder los“, seufzte Shadow leise.
„Also ich kann es kaum mehr erwarten“, verkündete Sky und verfiel in ein kurzes Gespräch mit Shadow und Céleste. Währenddessen raunte mir Thunder leise zu:
„Du musst später mal in deinen Rucksack schauen.“ Ihr Grinsen verriet nichts Gutes.
„Was hast du da reingetan?“, fragte ich sofort.
„Nichts Schlimmes. Wir dachten einfach nur, dass du es versuchen solltest.“ Ich verstand noch immer nicht, um was es eigentlich ging. Ich sah darum nach und fand ein kleines Päckchen, das mit einer roten Schleife verschnürt war.
„Gib es ihm. Du bereust es sonst und heute ist die perfekte Gelegenheit. Ich habe extra die Schachtel besorgt, also mach es gefälligst“, erklärte sie weiter. Sie hatten das Armband heimlich verpackt und in meine Tasche gesteckt. Ich fand es rührend, wie sehr sie versuchten, mir zu helfen, dennoch… Ich sah kurz zu Night hinüber, der mit seinen Freunden herumalberte. Irgendwie konnte ich es nicht…
Schließlich wollten wir aufbrechen und riefen die Portale. Es dauerte nur Sekunden, bis wir ankamen.
Ich hätte nicht gedacht, dass der Vergnügungspark so groß war. Am Eingang hatte jeder eine Karte erhalten, wo die verschiedenen Attraktionen aufgelistet waren. Fest stand, dass wir an einem Tag nur einen Bruchteil davon schaffen würden.
„Und wo gehen wir als erstes hin?“, fragte Sky.
„Wie wäre es mit dem Freefalltower?“, schlug Thunder vor, die die Karte eifrig studierte.
„Ich bin dabei“, stimmte Night zu. Auch wir anderen waren einverstanden, nur Sky wurde ungewöhnlich still.
Am Freefalltower angekommen, mussten wir nicht sehr lange warten und setzten uns anschließend in die Sitze. Sky wurde zusehends blasser im Gesicht und als es losging, wich jegliche Farbe daraus. Einige Male konnte man ein unterdrücktes Schreien aus seiner Richtung vernehmen.
Nach der Fahrt stützte er sich auf Nights Schulter und ging ächzend neben ihm her.
„Mann, ist mir schlecht“, keuchte er.
„Warum fährst du auch mit?“, fragte Night, ohne viel Mitleid.
„Ja ja, jetzt ist es auch zu spät.“ Schwerfällig ließ er sich auf die nächste Bank sinken und legte erst einmal den Kopf auf die Knie.
„Tja, wer hätte das gedacht“, sagte Thunder mit einem triumphierenden Lächeln.
„Mach dich nur lustig über mich“, ächzte er. Sky konnte einem wirklich leidtun.
„Warten wir erst mal, bis du dich ein bisschen erholt hast“, schlug Saphir vor und setzte sich zu ihm. Wir anderen taten es ihm gleich. Während Night und Saphir immer wieder ihren Freund aufzogen und uns anderen damit mehr als nur einmal zum Lachen brachten, genoss ich es in vollen Zügen, so nah bei Night sein zu dürfen. Ich war einfach nur glücklich, diesen Tag erleben zu dürfen und hoffte inständig, dass er nicht allzu schnell enden möge.
Nach mehreren Stunden hatten wir bereits etliche Attraktionen durch. Immerhin hatte Sky keine weitere Pause benötigt. Tapfer war er auch die schnellsten Sachen mitgefahren und hatte sich keine weitere Blöße gegeben, auch wenn er des Öfteren kreidebleich gewesen war. Es lag wohl vor allem an Thunder, dass er alles stoisch durchstand. Nochmal wollte er offenbar nicht riskieren, dass sie sich über ihn lustig machte.
Céleste hatte vorgeschlagen, in eine der vielen Shows zu gehen. Es sollte gerade eine beginnen, in der das „Grauen von Incendium“ gezeigt wurde. Wieder einmal stellten wir uns in die Schlange. Wir waren beinahe die letzten. Immer mehr Leute verschwanden in dem Gebäude, bis schließlich auch wir an der Reihe waren.
„Tut mir leid, es ist nicht mehr genug Platz. Einer von Ihnen muss draußen bleiben“, erklärte der Mann am Eingang.
„Kein Problem. Ich bleibe hier“, sagte Night.
„Ich denke, ich verzichte auch“, begann ich, doch da wurde ich schon von Céleste mitgezogen. „Los, sonst können wir vielleicht nicht nebeneinander sitzen.“
„Bis gleich“, sagte Sky und winkte Night kurz zu, der sich bereits von dem Gebäude entfernte.
„Wir können ihn doch nicht alleine lassen. Immerhin feiern wir seinen Geburtstag nach“, versuchte ich es noch einmal, während wir in dem dunklen Raum durch die Sitzreihen schritten.
„Mach dir keine Sorgen. Shows sind eh nicht so sein Ding und glaub mir, alleine ist er nie lange“, sagte Sky mit einem Augenzwinkern. Das hatte mir noch gefehlt...
Céleste zog mich in eine Reihe, wo noch Plätze frei waren und drückte mich in den Sitz. Wie auf heißen Kohlen saß ich dort und sah mit leerem Blick auf die
Bühne.
Die Show begann, helle Lichter flackerten, während der erste Dämon aus einem Gefäß befreit wurde. Es war eine recht kleine Gestalt, mit Hörnern und spitzer Schnauze. Mich erinnerte er sehr an einen Wasserspeier. An einem goldenen Halsband, an dem eine Kette befestigt war, zog ihn ein muskulöser, bärtiger Mann über die Bühne. Er riss kurz daran, so dass der Dämon sich feuerspuckend aufbäumte. Das Publikum klatschte begeistert, während ein anderer Mann auf die Bühne trat und das Ungetüm mit Zaubern zu malträtieren begann. Immer wieder versuchte der Dämon, sich dagegen zur Wehr zu setzen, doch nach unzähligen Wunden später, ging er mit einem röchelnden Geräusch zu Boden. Blut troff aus seinem Maul und färbte das Holz unter ihm dunkelrot. Schließlich gab der Mann ihm mit einem letzten Zauber den Todesstoß. Der Leichnam wurde von der Bühne gezerrt und der nächste Dämon hereingeführt. Ich konnte kaum hinsehen. Ich war fassungslos, dass so etwas als Vergnügen aufgefasst wurde und dass sich das Publikum darüber so begeistert zeigte.
Nach einer halben Stunde war die Show endlich vorüber. Die Massen strömten nach draußen, um sich weiter zu amüsieren. Auch meine Freundinnen und ich verließen das Gebäude. Ihnen schien die Vorführung gefallen zu haben. Ich versuchte erst gar nicht, mit ihnen darüber zu sprechen. Ich wusste inzwischen nur zu gut, dass ich mit meiner Meinung alleine dastand. Stattdessen hielt ich nach Night Ausschau. Er saß etwas weiter entfernt auf einer Bank und war nicht alleine. Zwei Mädchen waren bei ihm und flirteten ungeniert.
„Ist ja typisch“, sagte Sky grinsend. „Man kann ihn keine fünf Minuten alleine lassen.“ Ich hätte auch das lieber gar nicht erst gehört. Allerdings hätte ich mir denken können, dass er sofort angesprochen wurde, sobald sich die Chance dazu ergab.
Er unterhielt sich angeregt mit den beiden und bemerkte uns erst, als wir bei ihm angekommen waren.
„Du scheinst dich ja gut ohne uns amüsiert zu haben“, sagte Sky grinsend und betrachtete die Mädchen.
„Ah, sind das deine Freunde?“, fragte eine von ihnen. Sie hatte hellblondes Haar und ein sehr schönes Gesicht. Sie wartete nicht auf eine Antwort und stellte sich vor. „Mein Name ist Melody und das ist meine Freundin Summer.“ Diese hatte schneeweißes Haar und war nicht weniger hübsch. Auch Sky stellte sich und uns vor.
„Auf welche Schule geht ihr denn?“, fragte er.
„Wir gehen auf eine öffentliche. Die
Saint Mildran, falls euch das was sagt.“
„Klar“, antwortete er, „ihr habt dort so hübsche
Uniformen.“
Melody lachte kurz wiehernd auf. Ich sah sie erschrocken an. Dieses
grauenhafte, laute Lachen wollte so gar nicht zu dem sonst hübschen
Mädchen passen. „Ja, das ist immer das erste, was Jungs dazu
einfällt.“
Thunder schien immer ungehaltener zu werden. Sie konnte dieses Geflirte wohl ebenfalls kaum ertragen.
„Und auf welche geht ihr?“, wollte Summer wissen.
„Roldenburg“, antwortete Sky. „Wir sind jetzt in der 16. Klasse.“
„Oh, wow. Dann seid ihr auf einer Eliteschule. Das ist ja beeindruckend“, lobte Melody. „Dann habt ihr momentan bestimmt viel mit der Berufsberatung zu tun, oder?“
Sky nickte.
„Wisst ihr denn schon, in welchem Bereich ihr mal arbeiten wollt?“, fragte Summer.
„Ich will Arzt werden“, sagte Sky mit einem gewissen Maß an Stolz.
Thunder prustete augenblicklich los. „Du und Arzt?! Da können sich die Leute ja gleich erschießen.“
Sky runzelte kurz die Brauen, doch sein Blick hellte sich sofort auf, als Melody begeistert in die Hände klatschte: „Das ist ja toll! Mein Vater arbeitet als Chefarzt im Tallgorien Krankenhaus. Wenn du willst, frage ich ihn mal nach einer Praktikumsstelle. Das würde dir doch bestimmt viel bringen.“
„Wirklich?! Mann, das wäre klasse. Ein Praktikum im Tallgorien, das ist die Chance, danke“, jubelte Sky.
„Ihr seid so nett, da mache ich das gerne“, sagte sie.
„Und wie nett wir sind, stimmt´s nicht, Night?! Wir werden euch dafür auf Händen tragen.“
Die beiden Mädchen lachten hell, wobei Melodys besonders hervorstach. Ihre Blicke flogen zu Night; ich mochte nicht, was ich darin erkennen konnte und noch weniger, was ich da gerade alles hatte mit anhören müssen.
„Was ist nun? Wollt ihr ewig hier sitzen bleiben oder gehen wir weiter?“, fragte Thunder barsch, die ebenfalls vor Zorn kochte.
„Klar, sollen wir als nächstes zu der neuen Achterbahn?“, fragte Saphir.
„Was ist mit euch? Ihr kommt doch mit, oder?“, wollte Sky wissen.
Die beiden sahen mit einem begehrlichen Seitenblick zu Night und stimmten lächelnd zu. Thunder schien beinahe überzukochen vor Wut und auch ich musste an mich halten.
Als sei es das Selbstverständlichste der Welt, traten Melody und Summer neben ihn. Sie gingen so dicht es nur irgendwie möglich war, neben ihm her und begannen erneut ein Gespräch. Auch Sky gesellte sich zu ihnen und brachte sich immer wieder in die Unterhaltung ein. Es war offensichtlich, dass er versuchte, die Aufmerksamkeit der beiden zu erlangen. Uns blieb nur übrig, hinter ihnen herzugehen. Unbeachtet, als gehörten wir gar nicht dazu.
„Sky ist so ein Vollidiot“, zischte Thunder wütend. Ihre Augen glühten vor Zorn, die ihn beobachteten, wie er sich immer wieder an die Mädchen ranmachte. „Am liebsten würde ich einfach nach Hause gehen. Wir sind ohnehin überflüssig“, fügte sie zähneknirschend hinzu. Dafür, dass sie ständig betonte, wie sehr sie ihn hasste, machte ihr das Ganze doch verdächtig viel zu schaffen. Allerdings war dies kaum der richtige Zeitpunkt, sich darüber Gedanken zu machen.
Als eine größere Gruppe an uns vorbeiging, hakte sich Melody wie selbstverständlich bei Night unter. Mit grunzendem Lachen sagte sie: „Es ist doch okay, oder? Nicht, dass wir uns noch verlieren.“
Noch ehe er etwas dazu sagen konnte, mischte sich Sky ein. „Ihr müsst nur ganz nah bei uns bleiben, dann passiert schon nichts.“
„So etwa?“, fragte Melody kichernd und schmiegte sich in Nights Arm.
„Ich muss gleich kotzen“, knurrte Thunder angewidert.
„Die sind verflucht dreist“, stimmte Shadow zu.
„Ob Sky wohl irgendwann merkt, dass die beiden nichts von ihm wollen?“, fragte Céleste.
„Der Strohkopf merkt doch gar nichts“, war alles, was Thunder dazu sagte.
Die Laune von meinen Freundinnen und mir sank stetig. Saphir hielt sich aus dem ganzen weitestgehend raus. Er sprach zwar mit den Mädchen, war freundlich, aber hatte kein besonderes Interesse an ihnen. Es wirkte eher, als hätte er so etwas schon öfters durchlebt und ginge nun seiner altbewährten Strategie nach. Sky dagegen überschlug sich beinahe in den Versuchen, näher an die beiden heranzukommen.
„Du hast eine wirklich hübsche Brosche“, stellte Sky fest und deutete auf eine schwarze Spinne, die sich in der Nähe von Summers Schlüsselbein befand.
Das Mädchen tippte diese grinsend an und die Spinne begann sich zu bewegen. Skys Augen weiteten sich vor Staunen, als er fragte: „Ist die etwa echt?“
Summer nickte. „Klar, ich liebe Spinnen und habe eine ganze Sammlung zuhause. Diese hier kommt überall mit.“
„Du müsstest mal ihre Zauber sehen“, begann Melody und kicherte schrill, „sie beherrscht jeden, der etwas mit Spinnen zu tun hat und die sind zum Teil wahnsinnig kompliziert.“
Sky betrachtete das Tier, das damit begonnen hatte, auf Summer langsam umherzuwandern. Schließlich grinste er: „Das ist wirklich mal ein interessantes Hobby. Das gefällt mir.“
„Jetzt aber mal zu euch“, sagte Melody und lachte erneut laut und wiehernd auf. „Kann man euch denn mal auf eurer Schule besuchen kommen?“
„Klar“, antwortete Sky sofort. „Wir würden uns freuen. Ich kann dir gerne mal die Schule zeigen. Vielleicht überlegst du es dir und versuchst dich am Aufnahmetest.“
„Oh, ich glaube, da habe ich keine
großen Chancen. Ich habe schon oft gehört, dass der so schwer sein
soll. Ihr müsst wirklich ganz schön gut sein, wenn ihr ihn
bestanden habt.“
„Bei manchen ist es wirklich nicht zu glauben“, sagte Thunder
plötzlich unüberhörbar laut. „Denen steht die Dummheit ja geradezu
ins Gesicht geschrieben.“
Die Mädchen blickten sie verwirrt an. Wahrscheinlich hatten sie uns
bereits vergessen gehabt.
„Na ja, ich bin sicher, ihr gehört nicht dazu“, sagte Summer lächelnd.
„Night, sag mal, hast du eigentlich eine Freundin?“, fragte Melody weiter, während sie ihm verträumt in die Augen sah.
„Im Moment nicht“, antwortete der.
„Das kann ich mir gar nicht vorstellen. Die Mädchen an deiner Schule müssen doch alle verrückt nach dir sein. Ist da denn keine dabei, die dir gefällt?“
„Tja… wer weiß“, antwortete er, sah sie an und für einen Moment huschte sein Blick zu mir. Ich wäre beinahe vor Schreck gestolpert.
Wir stellten uns in die Schlange und warteten, bis wir dran kamen. Es war eine riesige Achterbahn, die Spitzengeschwindigkeiten versprach. Zudem waren die Sitzreihen für je zwei Personen ausgelegt. Sky schien mit sich zu ringen, bemühte sich aber, alles tapfer durchzustehen. Da knuffte mich Thunder hart in die Seite.
„Lass ihn dir bloß nicht von diesen Miststücken wegschnappen. Es ist ja nicht auszuhalten, wie die sich an ihn ranschmeißen.“
„Ja, halt dich verdammt nochmal ran“, stimmte Shadow zu.
„Sie werden sicher versuchen, neben ihm zu sitzen, aber das können sie vergessen. Du bist jetzt dran!“
„Spinnt ihr?!“, fragte ich entsetzt.
„Ich kann mich doch nicht einfach dazwischen drängen.“
„Warum denn nicht?“, fragte Céleste. „Sie tun es doch
auch.“
„Los jetzt“, zischte Thunder und gab mir einen leichten Stoß, so dass ich zwei Schritte nach vorne fiel. Ich wusste, dass meine Freundinnen Recht hatten und ich selbst konnte es auch nicht länger ertragen. Night setzte sich gerade in einen der Wagen, während ich mit schnellen Schritten auf ihn zuging. Er bemerkte mich und lächelte auf diese unwiderstehliche. Doch kurz bevor ich bei ihm war, stellte sich mir Melody in den Weg.
„Entschuldige, du hast doch sicher nichts dagegen“, sagte diese lächelnd. Ohne auf eine Antwort zu warten, ließ sie sich neben ihm nieder, schlang ihren Arm um den seinen und flötete aufgekratzt. „Oh, ich bin so aufgeregt. Ich habe normalerweise Angst vor so schnellen Sachen, aber mit dir an meiner Seite…“
„Entschuldigen Sie bitte“, wandte sich einer der Angestellten an mich. „Würden Sie bitte einsteigen?“ Inzwischen war ich eine der letzten, die noch stand. Alle Augen ruhten auf mir, während ich mich auf einen der übrigen Plätze setzte. Leider musste ich zu einem fremden Mann einsteigen. Meine Freundinnen sahen mir noch mitleidig hinterher, während Sky vollauf damit beschäftigt war, auf Summer einzureden, die neben ihm Platz genommen hatte.
Die Fahrt war schrecklich gewesen, denn die Wut über Melody hatte mir beinahe die Luft zugeschnürt. Kaum waren wir ausgestiegen, hing sie auch schon wieder an ihm.
„Wie wär´s, wenn wir als Nächstes zur Wildwasserbahn gehen?“, schlug Saphir vor.
Céleste und Sky stimmten sofort zu, doch da mischte sich Melody ein. „Ich brauche jetzt erst mal etwas Ruhigeres. Night, du kommst doch mit, oder?“
„Verflucht gute Idee“, sagte nun auch Shadow.
„Wir drei sind dabei.“ Thunder zog mich am Ärmel mit sich.
„Oh…also“, begann Melody, doch Night unterbrach sie. „Okay, treffen wir uns später wieder hier.“
Die anderen nickten, wobei vor allem Sky den Mädchen zähneknirschend hinterher blickte. Er hatte offenbar wenig Lust, mit Saphir und Céleste zurückzubleiben.
„Und habt ihr euch schon was überlegt, wo ihr hin wollt?“, fragte Shadow in ebensolchem zuckersüßen Ton, wie ihn sonst Melody benutzte.
„Ähm… ja. Wir sind gleich da“, antwortete Summer.
Wir kamen vor einem roten Eingang zu stehen, auf dem in großen Buchstaben „Dreamland“ stand. Überall konnte ich Schilder mit der Aufschrift: „Erst ab 18 Jahren“ lesen. Ich hatte keine Ahnung, was da auf mich zukam, aber ich hatte kein allzu gutes Gefühl. Ich sah die beiden Mädchen an und versuchte verzweifelt etwas zu finden, wie ich sie davon abhalten konnte, mit Night in diesem Gebäude zu verschwinden.
„Man kann hier leider immer nur zu zweit rein“, erklärte Melody, die auf eines der Schilder deutete.
„Oh kein Problem, wir werden uns schon einig“, flötete Shadow. Ich musste an mich halten, um nicht laut los zu lachen. Es war zu komisch, wie sie Melodys Sprechweise nachahmte.
„Ich hab übrigens totalen Durst. Wollt ihr auch was?“, fragte Thunder und holte aus ihrem Rucksack mehrere kleine Flaschen. Je eine davon reichte sie Summer und Melody.
„Oh… danke“, stammelten diese. Beide hatten wohl keinen Durst, wagten aber auch nicht, abzulehnen. Sie öffneten ihre Flaschen und schrien entsetzt auf. In einem großen Schwall ergoss sich der Inhalt über sie und Summers Spinne suchte hilfesuchend auf ihrer Schulter Schutz.
„Oh, waren die etwa durchgeschüttelt?“,
fragte Thunder unschuldig. „Das muss vom Laufen kommen.“
„Was für eine Sauerei“, zischte Melody ungehalten, während Shadow
mit einem Taschentuch an ihr herum wischte. „Das tut mir aber
leid“, sagte sie scheinheilig. Der Mann am Einlass winkte ein
weiteres Pärchen durch und wandte sich nun an mich und die anderen.
„Was ist mit euch? Will noch wer rein?“
„Geht ihr schon mal vor. Wir kommen gleich nach“, erklärte Shadow und hielt Melody am Hosenbein fest, das sie weiterhin zu trocknen versuchte.
„Nein, wartet“, begann diese, doch
Night zuckte nur mit den Schultern und wandte sich an mich. „Wollen
wir?“
Ich lächelte und betrat mit ihm zusammen den dunklen Korridor.
Einige Schritte weiter befanden wir uns in einem schummrigen Raum,
der überall mit Herzen, kleinen Amor-Figuren, Wolken, Sternen und
anderen romantischen Bildern verziert war. Vor uns befand sich ein
Kanal, in dem Boote lagen. Ein Pärchen nach dem anderen stieg ein
und schipperte gemächlich in den nächsten Raum. Ich ahnte
allmählich nichts Gutes. Wo war ich hier nur gelandet? Ich sollte
ganz allein neben Night in einem kleinen Boot sitzen und mit ihm
herum gondeln?! Mein Herz schlug mir bereits bis zum Hals. Wir
stiegen in eines der roten Boote und setzten uns. Sofort zog es mir
die Beine weg. Die Sitze waren so tief, dass man eher darin lag.
Sich aufrecht zu halten, kostete mich alle Mühe. Angespannt saß ich
nun da und spürte seine Wärme an mir. Langsam fuhren wir los und
kamen in einen anderen großen Raum. Auch hier war es dunkel. Kerzen
spendeten ein wenig Licht und leise romantische Musik rieselte auf
uns herab. Ich versuchte, nicht so dicht auf Night zu liegen, doch
die Sitze waren genau dafür ausgelegt. Eine flammende Röte stand
mir im Gesicht, während meine Hände allmählich schweißnass wurden.
Mein hämmernder Herzschlag dröhnte in den Ohren, überspielte so
aber wenigstens das meiste der Musik.
Was sollte ich nur sagen oder tun? Eigentlich hätte ich mich freuen sollen, so nah bei ihm sein zu können, doch das alles war so erzwungen und vollkommen falsch. Zudem schwamm unser Boot an unzähligen Figuren vorbei, die sich zur Musik bewegten, sich in den Armen lagen oder küssten. Wohin man auch sah, alles war voller Herzen, blinkender Lichter, küssender Pärchen oder schmusenden Plastikpuppen.
„Ganz schön kitschig“, durchbrach Night die Stille. Er zog gerade sehr verführerisch eine Augenbrauen nach oben, was ihm aber wohl nicht bewusst war, als wir an zwei bunten Bärenfiguren vorbeifuhren, die sich an den Händen hielten und im Kreis drehten.
„Zum Glück bist du mit dabei, sonst
hätte ich wohl den nächsten Notausgang nehmen müssen.“
Ich konnte mir das Bild nur allzu gut vorstellen. Endlich fiel ein
wenig Anspannung von mir ab und ich konnte in sein Lächeln
einstimmen.
„Ja, da sind mir die Achterbahnen doch lieber“, stimmte ich ihm zu.
Er lehnte sich entspannt zurück, legte
die Arme hinter den Kopf und sagte: „Wenigstens sind wir diese
Kletten für ein paar Minuten los. Dafür ertrage ich auch diesen
Kitsch und diese abartige Musik.“
Er mochte die Mädchen also nicht…
„Tja, die beiden scheinen deine Gegenwart aber sehr zu genießen.“
Er verzog angewidert das Gesicht, als er erklärte: „Sky wollte ja unbedingt, dass sie sich uns anschließen und Melodys Angebot ist für seine berufliche Zukunft sehr wichtig.“ Er versuchte also, zu den beiden freundlich zu sein, damit Sky den Praktikumsplatz bekam?
„Zudem will Sky was von Melody. Geschmack konnte man ihm leider noch nie nachsagen.“
„Ich dachte immer, er wäre in Thunder verknallt. Wie kann er sich dann an diese Ziegen ranmachen, wenn sie auch noch dabei ist?“
Er zuckte mit den Schultern. „Er mag sie, aber ich denke, er rechnet sich nicht besonders viele Chancen bei ihr aus, da nutzt er eben jede andere, die sich ergibt.“
Das Boot machte gerade eine Kurve und in diesem Moment flog ein dicker, kleiner Amor über uns und schüttete einen Eimer mit goldenem Glitter aus. Dazu sang dieses Ungetüm „Liebet euch auf Ewiiiiiig!“
Ich wäre beinahe vor Schreck aus dem Boot gefallen, zum Glück hatte Night mich am Arm festgehalten.
„Das wird ja immer besser“, knurrte er und wischte sich die kratzenden Glitterteile aus Haar und Nacken.
Wieder gab es einen Ruck und plötzlich fuhr das Boot in rasantem Tempo in die nächste Kurve. Dieses Mal war es Night, der sich am Bootsrand festhalten musste, um nicht hinausgeworfen zu werden. Ich wurde stattdessen fest an ihn gedrückt, während schon die nächste Puttenfigur über uns erschien und mit einem Pfeil auf uns zielte. „Ein Liebeszauber für schöne Stunden“, sang sie. In diesem Moment flog das Geschoss auf uns zu. Night schnappte sich meinen Arm und riss mich vom Sitz, so dass wir beide auf dem Boden landeten. Vor Schreck hatte ich die Luft angehalten und staunte nicht schlecht, als zwei Pfeile in den Rückenlehnen steckten. Beinahe wären wir getroffen worden.
„Was soll das?“, fragte ich entsetzt. „Wollen die uns umbringen?“
Gerade lösten sich die Pfeile auf und verschwanden, als hätten sie nie existiert. Langsam setzten wir uns wieder auf unsere Plätze zurück.
„Nein, die Pfeile sind mit einem Liebeszauber versehen. Wahrscheinlich kein besonders effektiver, aber für ein paar Minuten hätte es sicher gereicht.“
Allein bei dem Gedanken schoss flammende Röte über mein Gesicht. Wenn ich mir nur vorstellte, was passiert wäre, wenn wir getroffen worden wären… Ich hätte ihm danach wohl nie wieder ins Gesicht blicken können. Wie effektiv die Pfeile waren, konnte man nur allzu deutlich aus den nächsten Booten hören. Diese schwankten bereits verdächtig und immer wieder hörte man Liebeserklärungen, die von schmatzenden Geräuschen unterbrochen wurden.
„Da scheint ja ganz schön was los zu sein“, sagte Night und konnte sich ein schelmisches Grinsen nicht verkneifen. „Dass das nach dem Zauber noch ähnlich sein wird, wage ich zu bezweifeln.“
„Ich hoffe, dass das die letzte Überraschung war“, sagte ich, während ich mir einen weiteren Glitterfetzen aus den Haaren zog.
„Irgendwie ist es ja auch ganz witzig. Umgeben von absolutem Kitsch, der abscheulichsten Schnulzmusik, die man sich vorstellen kann, Amor, der einen mit Glitter bewirft und eine andere Puttenfigur, von der man durchlöchert wird. Was will man mehr?“
Auch ich musste lachen. „Ja, wenn man das so sieht, war das bisher das actionreichste von allem.“
„Es kommt eben immer auf die Gesellschaft an“, sagte er.
Mein Lachen verstummte. Gebannt blickte ich ihn an. Wie hatte er das… Doch das spielte keine Rolle mehr. Mein Herz raste, während ich sein engelgleiches Gesicht betrachtete. Sein Blick hielt mich gefangen und wieder mal war mir, als würde er bis auf den Grund meiner Seele blicken. Ich fühlte mich ihm so verbunden, so nahe. Hinzu kam, dass ich seine Wärme spürte, seinen Duft riechen konnte. Es fiel mir immer schwerer, mich zur Wehr zu setzen; nicht einfach nachzugeben, mich an ihn zu lehnen und in seinen Arm zu sinken.
Gerade als mein letzter Widerstand sank, gab es einen Ruck und wir legten an. Schlagartig verflog der zauberhafte Moment und mir wurde klar, was ich beinahe getan hätte… Warum nur hatte ich es nicht einfach getan?!
Night stieg aus und half auch mir aus dem schwankenden Boot. Das war´s wohl. Zusammen verließen wir den Raum, doch statt des Ausgangs standen wir nun in einer großen Halle, die nicht minder kitschig geschmückt war. Um uns herum befanden sich etliche Türen.
„Sieht so aus, als ginge es noch weiter“, erklärte Night.
Über den Türen waren kleine Lichter angebracht, die entweder grün oder rot leuchteten. Offenbar erklärte dies, welche man öffnen konnte und welche nicht. Die Paare vor uns mussten jedenfalls allesamt hinter solch einer verschwunden sein. Was dahinter wohl auf uns wartete?
„Eine andere Wahl scheinen wir ja nicht zu haben. Also, welche darf es sein?“, fragte er.
Ich deutete zögernd auf eine und sagte: „Versuchen wir es mit der dort.“
Zusammen gingen wir auf die Tür zu, öffneten sie und traten ein. Zunächst war alles dunkel und ich rechnete mit dem Schlimmsten. Was sich aber nun, da das Licht anging, zeigte, war erschütternd.
Wir befanden uns in einem kleinen Raum, er war fensterlos und sowohl Boden, als auch Wände waren mit weichem dickem Stoff überzogen, ganz so, als sei das gesamte Zimmer eine Matratze. Als wäre das noch nicht schlimm genug, stand an der einen Wand ein großes Bett. Ich war sprachlos. Am liebsten hätte ich mich umgedreht und versucht, aus dem Zimmer zu fliehen. Da schaltete sich aber schon eine mechanische Stimme ein: „Willkommen im Raum der Zweisamkeit. Hier können Sie ihre Gefühle füreinander ausleben. Damit Sie niemand stört, ist das Zimmer nach beiden Seiten verriegelt und öffnet sich erst nach zwanzig Minuten wieder. Falls Sie etwas mehr Zeit miteinander verbringen möchten, werfen Sie bitte je fünf Septima für weitere zehn Minuten in den Automaten neben dem Bett. Wir wünschen Ihnen viel Spaß.“
Meine Augen huschten wie von selbst dorthin. Tatsächlich befand sich neben dem Bett eine große Digitalanzeige, wo gerade die Zahl Zwanzig aufleuchtete und runter zu zählen begann. Genau dort war der kleine Automat, bei dem man die Zeit verlängern konnte. Mir wurde speiübel vor Nervosität. Was wir hier tun sollten, war offensichtlich. Genau darum konnte ich Night momentan nicht mal mehr anblicken. Wir würden hier zwanzig Minuten miteinander verbringen müssen. Das war ja eigentlich nichts Schlechtes, eher im Gegenteil. Ich hatte mir so sehr gewünscht, mit ihm alleine sein zu können und nun war es soweit. Aber dieser ganze Umstand war so grauenhaft. Ich spürte, wie er sich von mir weg bewegte und ans andere Ende des Zimmers trat. Vollkommen entspannt setzte er sich auf den weichen Boden und lächelte mich an. Mein Herz schlug dabei erneut schneller. Als er die Hand nach mir ausstreckte und sagte: „Na komm“, wäre es beinahe stehengeblieben. Wie versteinert starrte ich ihn an, begann dann aber, langsam auf ihn zuzugehen. Was würde nun geschehen? Sein unvergleichliches Lachen riss mich aus meiner Benommenheit.
„Du siehst aus, als würde man dich zur Schlachtbank führen. Keine Angst, ich fress dich nicht. Na, komm. Setz dich.“
Seine Stimme war warm und besänftigend. Genau das hatte ich gebraucht. Ein fröhliches Lachen von ihm, denn nun verschwand die Anspannung allmählich. Ich ließ mich neben ihm nieder, wo ich das Gefühl seiner Nähe in mir aufsog.
„Du hättest dein Gesicht sehen sollen“, scherzte er und stupste mit seinem Finger auf meine Nase. „Als die Stimme mit den Erklärungen begann, dachte ich schon, du fällst mir tot um.“
Auch ich schmunzelte. „Wer rechnet auch mit sowas?“
„Jetzt weiß ich wenigstens, warum Melody und Summer so scharf darauf waren, hier reinzugehen.“
Ich schmunzelte und musste verlegen zu Boden sehen. „Ich fand das Ganze hier trotzdem irgendwie lustig“, gab ich lachend zu.
„Ja, schräger hätte es nicht kommen können. Nur blöd, dass es gleich zwanzig Minuten sein mussten.“
Ich hob leicht die Braue.
Wieder lachte er. „Ich hab nur Hunger, das ist alles.“
Schnell nahm ich meinen Rucksack zu mir und begann darin zu kramen. Mir wurde heiß und kalt, als mir das Päckchen in die Hand fiel, das Thunder hineingetan hatte. Sollte ich es ihm doch geben? Der Moment war bestimmt nicht schlecht, aber da fand ich, was ich gesucht hatte. Einen Schokoriegel.
„Hier“, ich reichte ihm die Schokolade.
„Wow, danke“, sagte er, während er das Papier aufriss. Er brach den Riegel in der Mitte durch und gab mir die Hälfte. Er biss kurz ab, aß und lehnte sich entspannt zurück. Sein Blick war warm und anziehend, seine Körperhaltung mehr als eine Versuchung. Ich versank im tiefen Blau seiner Augen, während er sagte: „Dank dir wird das hier immer besser.“
Ein Kribbeln durchlief meinen Körper und ich vergaß alles um mich herum… Wäre da nur nicht der Schokoriegel in meiner Hand gewesen, der sich langsam darin auflöste. Schnell begann ich ihn zu essen, bevor es noch schlimmer wurde.
„Übrigens wollte ich noch mit dir reden.“
Seine Stimme klang so ernst. Was war los?
„Sky und ich haben die letzte Zeit genutzt und alle möglichen Bücher und Schriften durchgesehen auf der Suche nach dem Firron Trank.“
Gespannt sah ich ihn an. Hatten sie etwas herausfinden können?
„Jedenfalls haben wir wirklich etwas gefunden. Wie du ja weißt, zählt er zu den verbotenen Substanzen und das hat gute Gründe.“
Ich sah ihn erwartungsvoll an, als er fortfuhr.
„Er verschafft einem Unsichtbarkeit.“
Ich runzelte nachdenklich die Brauen. Unsichtbarkeit war durchaus ein beeindruckender Zustand, doch soweit ich wusste, gab es hierfür auch ein paar Zauber und Tränke. Diese waren zwar sowohl kompliziert als auch aufwändig und die Wirkung sollte nur von kurzer Dauer sein, aber dennoch… Irgendwie hatte ich mir von dem geheimnisvollen Fläschchen mehr versprochen. War es etwa nur verboten, weil es von Dämonen stammte?
„Das ist aber nicht alles“, unterbrach er meine Gedanken. „Mit Hilfe von gewissen Zaubern kann man Unsichtbarkeit wieder auflösen. Firron ist jedoch der einzige Trank, bei dem dies nicht möglich ist. Es gibt nichts, mit dem man jemanden, der ihn eingenommen hat, sichtbar machen kann.“
Nun leuchteten meine Augen überrascht auf. Das war eine unglaubliche Nachricht! Nun verstand ich allzu gut, warum er so gefährlich war.
„Eins solltest du zudem noch wissen. Wird die Flasche geöffnet, sollte man sofort von dem Trank trinken, denn drei Stunden nach dem Öffnen verdirbt er und wird unbrauchbar. Das heißt, die Person, die ihn getrunken hat, auch wieder sichtbar.“
„Man kann ihn also nur ein einziges Mal benutzen“, vollendete ich den Gedankengang.
Er nickte. „Trotzdem sehr wirkungsvoll, wenn man weiß, für was man ihn einsetzen will. Wie Herr Gnat daran gekommen ist, würde mich allerdings noch immer brennend interessieren.“
Ich nickte nachdenklich. Ich würde den Flakon gut verstecken müssen. Würde er bei mir gefunden werden, stünde mir mehr als großer Ärger bevor.
„Danke, dass ihr beiden danach recherchiert habt. Jetzt, wo ich weiß, was der Trank wirklich alles kann, werde ich noch besser darauf aufpassen.“
Er nickte kurz. Sein Blick wirkte ein wenig besorgt und in seinen Augen lag die unausgesprochene Bitte, gut auf mich achtzugeben.
Ich fühlte mich unwahrscheinlich wohl bei ihm. Am liebsten wäre mir, wir könnten so noch Stunden miteinander verbringen. Mein Blick fiel auf meinen Rucksack. Sollte ich ihm nicht doch das Geschenk geben? Immerhin waren wir momentan alleine. Die Gelegenheit war günstig. Dennoch schämte ich mich sofort für dieses dämliche Armband.
„Hey, alles okay?“, fragte er und blickte mich an.
„Ähm ja… Ich habe nur darüber nachgedacht, wie ich den Trank am besten verstecke…“, antwortete ich schnell.
„Wir sollten wirklich gute Vorkehrungen treffen“, erwiderte er nachdenklich. „Ich werde mich mit den anderen beiden demnächst nach etwas Passendem umsehen. Wir finden sicher was.“
Ich nickte erleichtert und zog langsam den Rucksack näher zu mir. „Ähm… da ist noch was…“, begann ich zögernd.
Er sah mich fragend an.
„Na ja… Ich bin noch gar nicht dazu gekommen, dir zu gratulieren…“
Ich konnte spüren wie mein Kopf pochte. Er war mit Sicherheit bereits dunkelrot. Ich sah in diesem Moment bestimmt alles andere als attraktiv aus… Stolpernd versuchte ich fortzufahren. „Also… ähm… alles Gute nachträglich.“ Ich hätte mir vorher wirklich ein paar passendere Worte zurecht legen sollen…
Schüchtern ließ ich die Augen nach oben wandern, bis ich seinen Blick auffangen konnte.
Er lächelte und für einen Moment verschlug es mir die Sprache, während er sich zu mir beugte. Ich fühlte, wie sich seine Arme um mich schlossen und er mich an sich zog.
„Danke, das ist lieb von dir“, raunte er mir leise ins Ohr.
Ich spürte seinen warmen Atem auf meiner Haut. Ein unvorstellbares Kribbeln erfasste meinen Körper und ließ mich erschauern.
Eine mechanische Stimme erschallte und riss mich aus meiner glückseligen Erstarrung. Erst jetzt wurde mir klar, dass ich vergessen hatte, zu atmen. Während Night mich wieder los ließ, schnappte ich schnell nach Luft.
„Die zwanzig Minuten sind nun zu Ende. Für weitere zehn Minuten werfen Sie bitte fünf Septima ein.“
„Tja, Gefangenschaft vorbei“, erklärte er und erhob sich langsam. Auch ich rappelte mich auf. Ich war jedoch noch immer nicht ganz bei mir. Mein rasendes Herz wollte sich einfach nicht beruhigen und mich einen klaren Gedanken fassen lassen. Erst als ich meinen Rucksack zu mir nahm, wurde mir klar, dass ich ihm noch immer nicht mein Geschenk gegeben hatte. Night war bereits zu der zweiten Türe gegangen, die wohl ins Freie führte und erst bei der letzten Ansage der Maschine aufgetaucht war. Nun hatte ich die Chance verpasst. Ich seufzte leise, während ich mich für dieses Versäumnis am liebsten geohrfeigt hätte. Langsam folgte ich ihm hinaus und sah mich dort mit ihm zusammen um.
„Okay, wir müssen dort lang.“ Er lächelte aufmunternd, denn er maß meine verdrießliche Miene wohl dem Weg zu. „Keine Sorge, es ist nicht weit.“
Das fürchtete ich leider auch. Ich würde also viel zu schnell wieder bei diesen dummen Ziegen sein und zusehen müssen, wie sie sich erneut an ihn heran warfen. Ich nahm mir allerdings fest vor, sie nicht mehr allzu dicht an ihn herankommen zu lassen.
„Da seid ihr ja endlich wieder“, rief Sky uns winkend zu.
„Ihr wart ja verflucht lange weg“, fügte Shadow mit einem vielsagenden Augenzwinkern hinzu.
„Ich hoffe, ihr hattet viel Spaß“, sagte Céleste mit einem ebenfalls verräterischen Lächeln auf den Lippen.
„Na, schlimmer als bei uns kann es ja nicht gewesen sein“, knurrte Thunder, während ihr Blick zu Sky und den beiden störenden Mädchen wanderte.
„Ja, es war aufregend“, entgegnete Night mit einem Ausdruck im Gesicht, der von viel mehr sprach, als tatsächlich geschehen war.
„Wo wart ihr denn?“, hakte Saphir nach.
„An einem Ort der Zweisamkeit“, erklärte er mit schelmischem Grinsen. Ich musste an mich halten, um nicht laut los zu lachen.
Die verblüfften und erstaunten Blicke der anderen waren letztendlich doch zu viel und ich konnte nicht anders, als los zu prusten. Auch Night schmunzelte über die Blicke seiner Freunde.
Kaum hatte ich mich wieder beruhigt, wurde mir schlagartig klar, dass ich doch besser versucht hätte, das Lachen zu unterdrücken. Nun schien nämlich allen klar geworden zu sein, dass an der Sache gar nichts Großes dran war. Auch Melodys und Summers Gesichter nahmen wieder viel freundlichere Züge an. Ihnen war wohl gerade ein Stein vom Herzen gefallen.
„Okay, hat irgendwer eine Idee, wohin wir als nächstes gehen sollen?“, fragte Saphir.
„Ich hätte verdammt Lust auf eine Achterbahn. Wie wäre es mit der Sudden Death?“, fragte Shadow.
Saphir und Sky nickten bereits zustimmend, als sich Melody einmischte: „Seid mir nicht böse, aber ich würde lieber ein paar langsamere Sachen fahren.“
„Geht mir auch so“, bestätigte Summer.
Konnte es sein, dass die zwei es aufgegeben hatten, um Night herumzuscharwenzeln?! Hatten sie endlich bemerkt, dass sie sich einfach in die Gruppe gedrängt hatten und störten? Ich wollte schon erleichtert aufatmen, als ich Summers Stimme hörte. „Sky, hast du nicht Lust, mitzukommen? Ich würde mich wirklich freuen, wenn du noch ein bisschen bei uns bleiben würdest.“ Ihr Tonfall war lockend, reizend und vor allem verführerisch. Kein Wunder, dass er sofort breit grinste und sich neben die Mädchen stellte. „Klar komm ich mit. Ich lasse doch unsere zwei Schönheiten nicht aus dem Auge.“
Summer lachte hell auf. Ein völlig falsches Lachen, wie ich sofort bemerkte.
„Tja… ähm, sollen wir dann lieber auch was langsameres fahren?“, fragte Saphir.
„Auf keinen Fall!“, erwiderte Thunder, die ihre Stimme kaum vor Wut im Zaum halten konnte. „Gönnen wir den dreien doch ihren Spaß. Ich bin sicher, wir werden uns auch ohne sie prächtig amüsieren.“
Saphir zuckte mit den Schultern und war offensichtlich mit der Lösung einverstanden. Auch die anderen nahmen ihre Rucksäcke hoch und machten sich bereit, loszugehen. Ich behielt Night im Auge, der dicht bei mir stand und im Begriff war, sich uns anzuschließen. Nur noch ein paar Sekunden und wir wären diese Mädchen los.
„Aber zu dritt ist das doof“, mischte sich nun Melody ein. Ich hatte bereits geahnt, dass da noch irgendwas kommen musste. Unsicher sah ich Night an, der jedoch keine Anstalten machte, auf diesen Kommentar zu reagieren.
„Ja, dann ist immer einer allein“, stimmte nun auch Summer zu, während sie mit dem Zeigfinger den schwarzen Körper ihrer Spinne streichelte.
„Tja, dann bleib ich wohl hier“, sagte Melody mit einem schrecklich gequälten Seufzen.
„Wenn du nicht mitkommst, gehe ich auch nicht“, erwiderte Summer, ebenso zerknirscht. „Schade, ich hatte mich schon so gefreut“, fügte sie leise mit einem begehrlichen Blick auf Sky hinzu. Dem entging dieser nicht, sofort setzte er sich in Bewegung und stellte sich zu den Mädchen. „Hey, kein Problem. Night kommt bestimmt mit. Stimmt’s nicht, Kumpel?“, fragte der und sah seinen Freund bittend an.
„Oh, das wäre toll“, jubelten die beiden.
„Das macht dir doch nichts, oder?“, fragte nun Melody in honigsüßem Ton.
Night sah kurz Saphir an, trat dann aber doch vor und stellte sich zu Sky und den Mädchen. „Nein, kein Problem.“
„Gut, dann treffen wir uns in zwei Stunden wieder hier, okay?“, fragte Summer. Sie wartete erst gar nicht auf eine Antwort, sondern nahm Sky an der Hand und schenkte ihm ein aufreizendes Lächeln. „Ich freu mich so“, jauchzte sie.
Auch Sky stand die selige Zufriedenheit ins Gesicht geschrieben. Die vier gingen los und schon nach wenigen Metern zog Summer Sky hinter sich her, um neben Night gehen zu können. Wäre es nicht so traurig gewesen, hätte man über diesen Anblick lachen müssen. Zu Nights Linken ging Melody, himmelte ihn an und prasselte mit schnellen Worten auf ihn ein. Zu seiner Rechten schritt Summer, die ihn ebenso anstrahlte und ihren Teil der Unterhaltung beitrug. Ganz so, als sei er gar nicht anwesend, schleppte sie Sky an der Hand hinter sich her, der fröhlich und zufrieden vor sich hin strahlte.
„Das ist ja erbärmlich“, knurrte Thunder, die sich wütend von der Gruppe abwandte. „Lasst uns gehen“, fügte sie hinzu.
Zögernd folgte ich meinen Freundinnen, auch wenn ich an meiner Wut beinahe zu ersticken drohte.
„Mach dir nichts draus. Das hat nichts zu bedeuten. Er versucht sich nur für Sky zusammen zu reißen. Du hast das doch eben selbst miterlebt. Er wäre nie freiwillig mitgegangen“, erklärte Shadow und seufzte gleichzeitig, als sie meinen Blick sah. „Ich mag dich und Thunder ja verflucht gerne, aber hätte ich gewusst, was heute auf mich zu kommt, wäre ich zu Hause geblieben.“
Ich musste nur kurz nach vorne sehen, um zu verstehen. Thunder lief in großen Schritten vor uns her und schimpfte unermüdlich über „selten dämliche, nur auf ein bestimmtes Körperteil hörende, völlig nutzlose, blauköpfige Vollidioten.“ Ich verstand Shadow, die alle Hände voll zu tun hatte mit uns beiden gekränkten Freundinnen.
„Los, wir gehen da rein“, brüllte Thunder uns entgegen und stapfte auf eine Attraktion zu.
„Oh Mann“, seufzte Shadow und folgte ihr. Auch wir anderen gingen hinterher.
Wir kamen in eine dunkle Halle, die es schnellstmöglich zu durchqueren galt. Hinter allen möglichen Hindernissen und Ecken schossen immer wieder kleine und große Wesen hervor, die wir mit einem Zauber treffen mussten. Natürlich handelte es sich hierbei um keine echten, aber dennoch tauchten sie oft so überraschend auf, dass man durchaus einen Schreck bekam. Es hätte dennoch lustig werden können, wäre da nicht Thunder gewesen, die wie ein Berserker vor uns herlief und alles abschoss, was nicht schnell genug wegkam. Andere Besucher traten ihr nur einmal in den Weg, danach waren auch sie bemüht, einen möglichst großen Bogen um die Wütende herumzumachen.
Saphir zog in diesem Moment den Kopf ein, als ein Zauber ihn nur knapp verfehlte. „Das ist ja echt lebensgefährlich, wenn sie so drauf ist.“
„Das ist noch gar nichts“, erwiderte Céleste.
„Verdammt nochmal!“, schrie Shadow auf, als sie einem weiteren Zauber von Thunder nur knapp ausweichen konnte.
„Steh halt nicht im Weg rum!“, brüllte sie zurück.
„Dir geb ich gleich ein verdammtes steh nicht im Weg rum“, knurrte Shadow.
„Lass gut sein“, versuchte Céleste sie zu beruhigen. „Wir sollten einfach alle weit hinter ihr bleiben und sie sich abreagieren lassen, danach wird sie bestimmt um einiges friedlicher sein.“
Céleste behielt glücklicherweise recht. Nachdem Thunder sich in der Halle richtig ausgetobt hatte, war sie umgänglicher als zuvor. Dennoch konnte man nicht gerade von guter Laune sprechen.
Wir fuhren eine Achterbahn nach der nächsten, amüsierten uns so gut es ging, doch besonders bei mir wollte keine Freude aufkommen. Ständig durchsuchte ich die vorbeilaufenden Menschen nach Night. Enttäuscht musste ich jedoch feststellen, dass er weit und breit nicht zu sehen war. Ich war mir nicht sicher, ob es mehr schmerzte, sich vorzustellen, wo er gerade war und was er tat, als ihn tatsächlich zu sehen, wie er lächelnd die Hand von diesem Mädchen hielt. Auf jeden Fall vermisste ich ihn aufs Schmerzlichste und die Eifersucht kochte mir durch die Adern.
Ich war unglaublich erleichtert, als wir endlich am vereinbarten Treffpunkt waren und auf die anderen warten konnten. Leider blieb es erst mal dabei.
„Sie sind schon eine Viertelstunde zu spät“, knurrte Thunder böse.
„Sie werden sicher jeden Moment kommen“, versuchte Céleste sie zu beruhigen.
Leider halfen ihre Worte nicht. Thunder bedachte sie mit einem mahnenden Blick, bloß still zu sein. Danach ballte sie weiter die Fäuste und fluchte leise vor sich hin. Doch auch mir ging diese Warterei langsam gewaltig auf die Nerven.
„Also mir reicht’s jetzt langsam!“, rief Thunder wütend. Sie sprang von der Bank und baute sich vor uns auf. „Wenn sie jetzt nicht in fünf Minuten hier sind, dann geh ich!“
„Versuch dich zu beruhigen, sie sind bestimmt gleich da“, sagte Saphir, den das Warten nicht wirklich zu kümmern schien. Er war jedoch ein gefundenes Fressen für Thunders Wut: „Ach ja?! Mit was für Typen bist du eigentlich befreundet?! Immerhin lassen sie dich auch einfach sitzen, als gingest du ihnen sonstwo vorbei!“
Saphir grinste entspannt, lehnte sich zurück und erwiderte: „Wir sind einfach schon zu lange und zu gut befreundet, um mich wegen so einer Kleinigkeit aufzuregen.“
Das verschlug ihr wenigstens für ein paar Sekunden die Sprache. Allerdings wirklich nur für ein paar Sekunden. „Du kannst einem echt leidtun.“
Sie hatte offenbar endgültig genug. „Das können wir uns doch nicht länger bieten lassen. Wir warten jetzt seit fünfundzwanzig Minuten. Kommt, lasst uns gehen!“
„Also ich hab langsam auch genug“, gab Shadow zu.
„Dann lasst uns von hier verschwinden“, meinte Thunder. An Saphir gewandt fragte sie: „Du willst ja bestimmt weiter auf deine treuen Freunde warten, oder?“
„Wir können doch nicht einfach gehen“, mischte sich nun Céleste ein.
„Und ob wir das können!“, schimpfte Thunder zurück.
„Hey, da kommen sie“, sagte Saphir und deutete nach rechts, wo vier Leute langsam auf uns zukamen.
Sky wurde weiterhin unbeachtet hinter Summer hergezogen. Im Arm hielten beide Mädchen einige Plüschtiere, die sie offensichtlich irgendwo gewonnen hatten.
Sky schien vor lauter Glück in einer anderen Welt zu schweben, zumindest sprach sein Gesichtsausdruck dafür. Night hingegen war kaum zu durchschauen.
Als die vier endlich bei uns angekommen waren, musste Shadow Thunder erst mal am Arm festhalten, sonst wäre sie Sky wahrscheinlich ins Gesicht gesprungen und danach auf die Mädchen losgegangen.
„Geht’s euch eigentlich noch gut?! Ihr habt uns fast eine halbe Stunde warten lassen!“
„Oh wirklich?“, fragte Melody mit gespielter Süße und kicherte gackernd. „Das tut uns aber leid. Wir haben einfach die Zeit vergessen.“ Dabei strich sie mit einem verträumten Blick über Nights Gesicht.
„Wir waren gerade dabei, ohne euch weiterzugehen“, knurrte Thunder ungehalten.
„Es tut uns wirklich sehr leid, dass wir so spät sind. Uns ist natürlich klar, dass das nicht hätte passieren dürfen, aber sei doch nicht so böse“, säuselte nun Summer, während die Spinne sich in ihre Halsbeuge schmiegte. Was war das nur für ein Tier? Eine normale Spinne schien sie jedenfalls nicht zu sein…
„Wir haben noch an einem Fotoautomaten Bilder gemacht“, erklärte Sky. Er zeigte daraufhin einen Streifen kleiner Fotos. „Sind die nicht toll?“
Unweigerlich folgten alle Blicke. Thunder war die erste, die sich entrüstet abwandte. Sky und Summer waren darauf abgebildet. Auf dem ersten saßen sie nur nebeneinander und lächelten in die Kamera. Aber auf dem nächsten hatte er seinen Arm um das Mädchen gelegt und sie an sich gezogen. Summer grinste zwar, doch wirkte es alles andere als natürlich. Auf dem dritten hatte er seinen Kopf an den ihren geschmiegt und auf dem letzten küsste Summer ihn beinahe schüchtern auf die Wange.
Ich war ebenfalls ein wenig fassungslos. Ich konnte Thunders Wut nur allzu gut verstehen. Ich war bereits im Begriff, etwas zu Sky zu sagen, als sich Melody zu Wort meldete und ihren Streifen zeigte.
„Ich habe auch welche“, flötete sie stolz.
Natürlich war sie darauf mit Night zu sehen. Melody hatte sich offensichtlich alle Mühe gegeben, so nah wie möglich an ihm zu kleben. Sie war noch viel forscher ran gegangen, als Sky das getan hatte. Ein Kuss auf die Wange, eine innige Umarmung, verliebte Blicke, ihr Kopf auf seiner Schulter und das alles immer so eng wie irgendwie möglich.
„Oh ja, wirklich sehr schön“, stimmte Thunder mit blanker Ironie in der Stimme zu. „Sehr züchtig. Ich an deiner Stelle hätte mich ja gleich nackt auf seinen Schoß gesetzt.“
Das verunsicherte Melody nun doch etwas. Zögerlich nahm sie die Bilder wieder an sich und betrachtete Thunder mit bösem Blick.
Mir brannte die Wut ebenfalls wie Säure in den Adern. Zum Glück war auf den Bildern deutlich zu sehen, dass Night nicht gerade begeistert von seiner Fotopartnerin war. Auf einigen Aufnahmen konnte man erkennen, wie er versuchte, Abstand zu dem Mädchen zu gewinnen oder genervt in die Kamera blickte.
„Du kannst einem ja echt leidtun“, stichelte Thunder an Summer gewandt weiter. „Immerhin musstest du mit diesem Kerl da“, wobei sie mit dem Kopf in Richtung Sky deutete, „vorlieb nehmen.“
Diese schüttelte jedoch verneinend den Kopf. „Ich durfte auch noch ein paar Bilder mit Night machen. Die sind soooo toll geworden“, jubelte sie mit schriller Stimme.
Bevor auch sie die Bilder herausholen konnte, mischte sich jedoch Shadow ein. „Wollen wir nicht langsam weitergehen? Ich denke, wir haben uns lange genug die verfluchten Beine in den Bauch gestanden.“
„Nachher soll es auf der Aussichtsplattform ein Feuerwerk geben. Wollen wir dorthin?“, fragte Céleste.
„Oh ein Feuerwerk!“, rief Melody begeistert. „Das wird sicher schön.“
„Wann fängt es denn an?“, fragte Sky.
„In einer Stunde.“
„Dann können wir doch vorher noch in das Geisterschloss dort“, fuhr er fort und deutete auf ein großes Spukhaus, das nicht weit von uns entfernt stand. „Es steht fast keiner an. Wir schaffen es also bestimmt pünktlich zum Feuerwerk.“
Wir hatten nichts dagegen und machten uns auf den Weg. Wieder drängten sich die beiden Mädchen um Night herum, doch dank Sky, der auf jeden Fall in der Nähe der zwei sein wollte und eines immer schmaler werdenden Weges, schaffte er es tatsächlich, sich zurückfallen zu lassen, um endlich wieder bei mir und den anderen sein zu können.
„Sorry nochmal für die Verspätung“, entschuldigte er sich.
„Hauptsache, ihr hattet euren Spaß“, gab Thunder rüde zurück.
„Wenn du das Spaß nennst“, antwortete er gequält.
Er wollte gerade noch etwas hinzufügen, als sich Melody und Summer auch schon wieder nach ihm umwandten. Keine Minute später hatten sie sich bereits um ihn gereiht und in ihre Gespräche eingebunden.
Ich seufzte bei diesem Anblick. Ich hoffte inständig, dass wir diese Mädchen vielleicht wenigstens drinnen für ein paar Minuten loswerden konnten.
„Das sieht gruselig aus“, sagte Melody mit gespielt ängstlicher Stimme, wobei sie sich noch fester an Night klammerte.
Das Spukhaus sah wirklich alles andere als einladend aus. Das Gebäude war ziemlich groß und schien einer alten Villa nachempfunden zu sein. Die Fassade war aus Holz, das einen grauschwarzen Ton aufwies. Die Fensterläden hingen schief in den Angeln und schwangen quietschend im Wind umher. Es gab kein einziges Fenster, das nicht kaputt war. Wie verfaulte Zähne hingen Glasreste im Rahmen, die ab und zu im Sonnenlicht aufblitzten. Auf dem Dach saßen vogelartige Wesen, die mit roten Augen und zerzaustem Gefieder auf uns herabblickten und krächzende Schreie von sich stießen.
Wir näherten uns allmählich dem großen Eingang, der aus einer alten Flügeltür bestand, die offen vor uns lag. Dahinter war alles schwarz, doch der Geruch, der einem entgegen schlug, war bereits ekelerregend. Es roch wie in einem Grab: Modrig, nass, nach Erde und Fäulnis.
Die Dielen unter mir quietschten bei jedem Schritt, die Luft um uns herum wurde kühler und ich konnte Geräusche hören, die eindeutig aus dem Gebäudeinneren kamen.
„Ich hoffe sehr, dass die sich Mühe gegeben haben“, erklärte Thunder, die ziemlich desinteressiert wirkte. „Die meisten Geisterhäuser, die ich kenne, waren äußerst langweilig.“
Mir hätte nach so einem mehr der Sinn gestanden…
Besser, ich hielt mich an meine Freundinnen, denn alleine würde ich dort drinnen nicht umherlaufen wollen.
Kaum waren wir durch den Eingang geschritten, verschwamm alles um uns herum. Keine Sekunde später schien alles wieder normal zu sein; nur dass sich keine Türe mehr hinter uns befand und wir auch ansonsten allein zu sein schienen. Anscheinend war nur unsere Gruppe an diesen Ort befördert worden. Die neue Umgebung trug jedenfalls nicht dazu bei, dass ich mich besser fühlte.
Wir standen in einer Art Eingangshalle. Wände und Boden waren aus getäfeltem, alten Holz, was sicher mal gut ausgesehen haben musste, doch inzwischen war es an vielen Stellen gesprungen, aufgeweicht, verdreckt und mit Staub überzogen. Ganz genauso wie die alten, schweren Möbel. Vor uns lag eine große Treppe, die ins nächste Stockwerk führte. Allerdings konnte man davon nichts erkennen, denn es lag vollkommen im Dunkeln. Allein den Kerzen und den trüben Lampen war es zu verdanken, dass man hier wenigstens etwas erkennen konnte. Da hörte ich Geräusche: Leise, schlurfende Schritte, die sich uns schwer und langsam näherten. Sie kamen aus der Dunkelheit der Treppe. Plötzlich erkannte ich ein aschfahles Gesicht mit blitzenden schwarzen Augen und gelben verfaulten Zähnen. Langsam trat die Gestalt auf uns zu, so dass man den gekrümmten Körper, die langen dünnen Finger und das zerzauste weiße Haar auf dem Kopf erkennen konnte. Ein alter Mann, der nicht unheimlicher hätte aussehen können und offensichtlich alles andere als menschlich war.
„Wie schön, dass Sie endlich hier sind“, sagte er mit rauer krächzender Stimme. „Man hat lange auf Sie gewartet. Bitte gehen Sie nach oben, dort wird man Sie empfangen.“ Nach diesen wenigen Sätzen erstarrte er förmlich, blieb auf der Treppe stehen und regte sich nicht mehr.
„Na, dann wollen wir mal“, erklärte Sky, der munter die knarzenden staubigen Stufen hinauf schritt. Es tat gut, eine lebendige, fröhliche Stimme zu hören, denn noch immer klangen die knarzigen Worte des Mannes in meinen Ohren. Ich folgte den anderen, auch wenn ich lieber wieder hinausgegangen wäre, nur leider war das ja ein Ding der Unmöglichkeit, ohne Türe.
Langsam ging ich den anderen hinterher; wobei ich bei jedem Knarren innerlich zusammenzuckte. Natürlich war mir klar, dass das ganze Spukhaus keine wirkliche Gefahr darstellte und dennoch hatte ich Angst. Plötzlich zog eine rasche Bewegung meine Aufmerksamkeit auf sich. Mir stockte der Atem und mein Herz setzte einen Schlag aus, als ich bemerkte, dass der Mann nicht vollkommen erstarrt war. Seine Augen folgten uns; sie glühten förmlich und auf seinen dünnen, rissigen Lippen lag ein Lächeln… Es war ein grauenhaftes Gefühl, bis ich endlich an der Gestalt vorbei war; die letzten Schritte rannte ich förmlich, um den schrecklichen Kerl hinter mir zu lassen.
Im nächsten Stock angekommen, fand ich mich in einem langen Korridor wieder. Zu beiden Seiten lagen Türen, die allesamt geschlossen waren. An den Wänden hingen Kerzen, weshalb alles in schummrigem Licht tanzte. Kein Wunder, dass man von unten nichts als Dunkelheit hatte sehen können. Hier oben war es deutlich kälter; die Luft trocken und staubig.
„Ich bin wirklich froh, wenn wir hier wieder raus sind“, wisperte ich, als ich neben Céleste stand.
„Ja, ist schon gruselig, aber auch ganz schön spannend, findest du nicht?“
Da konnte ich so rein gar nicht zustimmen. Am liebsten wäre ich auf der Stelle umgekehrt. Plötzlich begann sich der Boden unter uns zu bewegen, die Lichter flackerten, das Gebäude rumorte. Als erschüttere ein Erdbeben den Raum, wackelte der Flur unter unseren Füßen. Ich kreischte erschrocken auf, als die Lichter ausgingen. Dunkelheit umfing uns und diese grauenhaften Erschütterungen nahmen mir die Luft. Es war, als würde jeden Moment das Gebäude über uns zusammen brechen und uns darunter begraben. Der Instinkt wegzurennen, wurde beinahe übermächtig. Gerade, als es kaum mehr auszuhalten war, hörte der Spuk auf.
„Mann, das war heftig“, hörte man Sky aus einiger Entfernung rufen, wobei er eher fasziniert und erfreut klang, als ängstlich.
„Hier stimmt irgendwas nicht“, erklärte Saphir.
Als nächstes vernahm man ein lautes Krachen, danach ein „Autsch, verdammter Mist!“ Es war eindeutig Skys Stimme. „Ja, du hast Recht. Die Wände haben sich verschoben. Der Flur ist jedenfalls nicht mehr da.“
„Night, ich habe Angst“, sagte Melody in gespieltem Ton.
„Ich auch“, krächzte Summer.
Immerhin vertrieb die Wut darüber meine Angst. Allerdings nur für wenige Augenblicke.
„Autsch“, schrie nun Saphir auf. Offenbar war auch er gegen eine Wand gelaufen. „Das ist ein Labyrinth.“
Das klang nicht sonderlich erfreulich. Vorsichtig tastete ich mich mit den Händen durch die Dunkelheit. Ich kam keine zwei Schritte voran, da prallte ich bereits gegen die erste Wand. Ich fühlte das kalte raue Holz, versuchte den Weg zu ertasten, als ich einen Schrei hörte.
„Hey, ist was passiert?“, fragte Sky.
„Lass mich los!“ Nun erkannte man eindeutig, wer da brüllte. Melody und dieses Mal klang es echt. „Hilfe, bitte lass mich los!“
„Jetzt reicht´s aber“, knurrte Night.
Plötzlich zischte ein Geräusch durch die Finsternis und ein grüner Lichtschimmer glomm auf. Endlich konnte man wieder etwas sehen. Die anderen ächzten entsetzt auf und auch mir gefror das Blut in den Adern, denn das was man nun erkennen konnte, war wirklich grauenerregend. Die Wände hatten sich tatsächlich zu einem Labyrinth verschoben. Wenigstens befanden wir uns allesamt soweit beieinander, dass wir uns sehen konnten. Allerdings waren wir nicht allein. Überall im Raum verteilt standen dünne weiße Gestalten. Sie wirkten wie Schaufensterpuppen, die mitten in einer Bewegung erstarrt zu sein schienen. Ihre Haut war schneeweiß und die Gliedmaßen mit groben Fäden an ihre dürren Leiber genäht. Das schlimmste waren jedoch ihre Gesichter. Sie hatten weder Augen, Nase noch Mund; es starrte einem eine leere, weiße Fläche entgegen. Eines dieser puppenartigen Wesen hielt Melody umklammert, die sich mit Händen und Füßen zu wehren versuchte. Dieses Ding war jedenfalls dabei, sie wegzuschleppen.
„Duck dich“, rief Night, der eine Feuerkugel in seiner Hand erscheinen ließ. Das helle Licht tanzte in seinem Gesicht, während Melody seiner Aufforderung nachkam und den Kopf einzog. Kaum hatte sie das getan, warf er die Kugel nach dem Wesen, das zischend Feuer fing und das Mädchen los ließ. Die Puppe gab ein eigenartig ersticktes Geräusch von sich, während es langsam zu Asche zerfiel.
„Danke“, ächzte Melody und eilte zu ihm zurück.
„Warum hat dieses Ding dich angegriffen?“, fragte Summer voller Angst nach.
„Keine Ahnung, ich bin im Dunklen umhergeirrt und plötzlich gegen etwas Weiches gestoßen, da hat mich dieses Teil auch schon gepackt. Das war wirklich grauenhaft!“
Da musste ich ihr ausnahmsweise einmal zustimmen. Ich wollte mir erst gar nicht vorstellen, wie es sein musste, von diesen Dingern weggeschleppt zu werden.
„Die anderen sehen aber nicht so aus, als würden sie angreifen“, stellte Sky fest. Er hatte Recht, die übrigen Figuren bewegten sich nicht.
„Wollen wir doch mal sehen“, fuhr er fort.
Kaum hatte er den ersten Schritt getan, ging ein simultanes Zucken durch die Puppen, doch sie blieben weiterhin stehen.
„Okay“, wisperte er; er schien sich ebenfalls erschrocken zu haben. Vorsichtig näherte er sich der Figur, die ihm am nächsten war. Bei jeder seiner Bewegungen ging ein weiteres Zittern durch die Wesen, doch ansonsten blieben sie starr.
Langsam streckte er die Hand nach der Figur aus.
„Lass das lieber“, bettelte Summer heißer, vor Angst.
„Lass ihn doch, vielleicht haben wir Glück und es schleppt ihn auf Nimmerwiedersehen davon“, erklärte Thunder ungerührt.
Sky überhörte die Kommentare geflissentlich und berührte mit der Fingerspitze die weiße Wange. Ein Rucken ging durch die Puppe, als sie zum Leben erwachte. Mit abgehackten, aber schnellen Bewegungen schnappte sie sich Sky, umklammerte ihn mit stahlhartem Griff und zog ihn in die Dunkelheit hinein.
„Lass den Scheiß!“, rief er, während er versuchte, seine Arme zu befreien.
„Oh Mann“, ächzte Night. „Zieh den Kopf ein!“
Sky tat wie gefordert, woraufhin Night den Feuerball auf die Puppe warf, die zischend und mit kreischendem Geräusch zu Asche zerfiel.
„Na, wenigstens wissen wir jetzt, dass wir sie wohl nicht berühren dürfen“, stellte Sky fest, der den Rest Asche aus seinen Klamotten klopfte.
„Typisch, der kann auch von nichts die Finger lassen“, knurrte Thunder wütend.
„Versucht einfach, diese Dinger nicht zu berühren, dann müssten wir ohne große Probleme an ihnen vorbei kommen“, rekapitulierte Saphir.
Ein ziemlich unnötiger Rat, denn ich konnte mir nichts Schrecklicheres vorstellen, als diese Wesen auch nur aus Versehen zu streifen, allein aus diesem Grund hätte ich auf jeden meiner Schritte Acht gegeben.
„Na los, kommt“, forderte Saphir uns auf.
Langsam schritten wir voran, wobei die Puppen weiterhin bei jeder unserer Bewegungen zitterten. Mir graute es bereits vor der Figur, an der ich vorbei musste. Sie stand mitten im Weg, die Arme auf unnatürliche Art ausgestreckt, das leere Gesicht mir zugewandt. Ich bückte mich unter deren Arm hindurch, schob mich an dem dürren Leib vorbei und konnte den modrig feuchten Geruch der Gestalt riechen. Ich sog erschrocken die Luft ein, als die Figur eine abgehackte Bewegung tat, doch zum Glück blieb sie stehen. Nun war der Weg frei und ich schloss zu meinen Freundinnen auf.
Das Labyrinth war nicht sehr groß und nach wenigen Minuten gelangten wir zu einem Flur, der zu einer Türe führte. Daneben standen rechts und links zwei der Puppen. Auch sie ruckten in unnatürlicher Art mit ihren Gliedmaßen. Die Arme zuckten in Richtung Kopf, dort angekommen verharrten die Finger in der Mundgegend; ein grauenhaftes Geräusch durchfuhr den Raum, als sie sich in das Fleisch gruben und eine Öffnung in das Gesicht rissen. Schwarzes Blut tropfte aus der Höhle, aus der es gurgelnd zu sprechen begann: „Ihr seid schon viel zu tief vorgedrungen. Nun gibt es kein Zurück mehr. Geht weiter hinein in die Hölle, die euer Ende sein wird.“
Ihre Köpfe ruckten in Richtung Türe; dann erstarrten sie.
„Ist ja widerlich!“, krächzte Summer, als sie an den tropfenden Gestalten vorbei schritt, wobei sie versuchte, die schwarzen Blutlachen zu umgehen, die sich auf dem Boden gebildet hatten.
Night öffnete die Türe und ging hindurch; wir anderen folgten ihm. Nun befanden wir uns in einem weiteren Raum, der wohl eher als große Halle zu bezeichnen war. Allerdings kam es einem nicht so vor, als sei man noch in einem Gebäude. Es schien vielmehr, als befänden wir uns in einem Moor. Wabernde Nebelschwaden krochen über den Boden, ein kalter Wind strich einem eisig über die Haut und ließ die kahlen, knorrigen Bäume ächzen. Selbst über uns war keine Decke mehr zu sehen, sondern schwarzer Himmel und ein wolkenverhangener Vollmond. Man konnte Frösche quaken hören sowie das sanfte Plätschern von Wasser. Wir gingen einige Schritte durch feuchtes Gras, bis wir an einen See gelangten. Auch der war mit dichtem Nebel überzogen, so dass es dauerte, bis man die Umrisse darauf ausmachen konnte. Eine Gestalt in einem Boot paddelte auf uns zu. Ich trat erschrocken einen Schritt zurück, als ich bemerkte, dass die Gestalt ein bleiches Skelett war. Wenige Meter vorm Ufer machte es Halt und wandte sich uns zu: „Willkommen im Totengarten, der auch zu eurer Grabstätte werden wird. Die Besitzer des Hauses haben sich viel Mühe damit gegeben und unzählige Leichen vergraben lassen. Leider sind einige noch nicht allzu tot, dafür ziemlich verwest.“ Die Kiefer klapperten aufeinander, als es ein schauriges Lachen ausstieß. „Sie können Lebende nicht wirklich leiden, aber wer kann ihnen das auch verübeln? Darum wundert euch nicht, wenn sie versuchen werden, euch in ihre Gräber zu ziehen; es ist auch zu einsam dort unten und ihr Lebenden seid so schön warm.“ Seine leeren Augenhöhlen betrachteten uns eingehend. „Was?! Ihr wollt nicht?! Aber warum nicht, der Tod ist so wundervoll. Ja, ein wenig einsam und kalt, aber dafür dauert er ewig und ihr könnt euch Freunde suchen… Aber ich seh schon… Ihr könnt versuchen, zu entkommen. Ihr müsst es bis ans andere Ende schaffen, dort führt eine Tür ins Freie, aber es werden einige etwas dagegen haben. Ach ja und eure Zauberkräfte sind hier versiegelt, also lasst es lieber gleich bleiben. Eure einzige Chance, ist euch langsam der Türe zu nähern, denn glaubt mir, haben sie euch erst einmal gefunden, seid ihr schneller bei ihnen im Grab, als ihr ein letztes Mal Luft holen könnt. Ich wünsche also viel Spaß!“, fügte das Skelett mit kaltem Lachen hinzu, während es mit seinem Boot wieder im Nebel verschwand.
„Meine Güte, ist der Kerl endlich fertig? Ich dachte schon, der hört gar nicht mehr auf zu reden“, ächzte Thunder.
„Soll das jetzt so eine Art Versteckspiel werden?“, fragte Saphir genervt. „Darauf hab ich echt keine Lust…“
„Tja, was bleibt uns anderes übrig. Sieht ohnehin so aus, als würde es losgehen“, stellte Sky fest. In der Tat streckten sich in diesem Moment Arme, Köpfe und Füße aus den Gräbern. Halbverweste Leichen oder auch schon vollständig skelettierte mühten sich daraus hervor. Kaum stand der Erste, sauste er in einer unglaublichen Geschwindigkeit auf uns zu.
Melody schrie gellend auf, wobei es wieder mal äußerst gekünstelt klang.
„Tja, dann. Mal sehen, wer es als erstes nach draußen schafft“, verkündete Sky, schnappte sich Summers Hand und rannte mit ihr davon.
„Dieser….“, begann Thunder wütend, doch sie wurde von Shadow unterbrochen. „Los, lauf!“ Sie folgte der Aufforderung und eilte davon. Auch wir anderen rannten so schnell wir konnten und suchten irgendwo Unterschlupf. Ich hastete in Richtung eines Gebüschs, wohinter ich mich verstecken und erst einmal Luft holen konnte. Ich hatte die anderen verloren, dabei hatte ich doch genau das auf jeden Fall verhindern wollen. Vorsichtig lugte ich zwischen den Ästen hindurch, um irgendwo meine Freunde ausmachen zu können. Stattdessen erkannte ich jedoch zwei fast verfaulte Beine, an denen das Fleisch nur noch in Fäden hing und der Knochen bereits durchschimmerte. Dieses Ding stand genau vor dem Gebüsch, hinter dem ich mich verbarg und schien zu schnüffeln. Was, wenn es mich fand?! Würde es mich wirklich verschleppen?! Womöglich in ein Grab?! Ich versuchte, so flach wie nur möglich zu atmen; mich nicht zu bewegen. Doch die Angst ließ mich zittern und schüttelte meinen Körper. Plötzlich spürte ich eine Hand auf meinem Mund, die zum Glück auch meinen Schrei erstickte. Ich blickte zur Seite und sah in Nights Gesicht. Die Leiche schnupperte noch immer und war gerade im Begriff, um den Busch herum zu gehen. Blitzschnell hob Night einen kleinen Stein und warf ihn. Sofort ruckte der Tote herum und schlurfte in die Richtung, wo er aufgeschlagen war.
„Los komm, lass uns von hier verschwinden“, flüsterte er leise und nahm meine Hand. Gerade als wir hinter dem Gebüsch vorkommen wollten, hörten wir eine leise Stimme.
„Night! Night, wo bist du?!“
Sofort zogen wir uns wieder in das Versteck zurück und sahen Melody, die suchend umher stolperte. „Verdammt, wo ist er nur hin!“, fluchte sie.
Ich musste ein Lachen unterdrücken; da würde sie wohl noch einige Zeit suchen dürfen. Als das Mädchen endlich verschwunden war, rannten wir los. Wir achteten darauf, von niemandem gesehen zu werden und hasteten von Versteck zu Versteck.
„Hast du was dagegen, wenn wir nicht den offiziellen Ausgang nehmen?! Ich hab nämlich langsam keine Lust mehr auf diesen ganzen Mist“, sagte er.
„Je schneller wir hier raus sind, desto besser.“
Er lächelte und eilte mit mir hinter ein Gebüsch; rechts davon befand sich eine Steinwand.
„Hier ist der Notausgang“, erklärte er und tatsächlich erkannte man bei genauerer Betrachtung eine Tür.
„Wie hast du den gefunden?“, fragte ich.
Er deutete auf den Boden, wo man kleine Lichter sah, die in Richtung der Notausgänge führten.
Wir traten hindurch und nach wenigen Metern kamen wir zu einer Tür, die ins Freie führte. Inzwischen war es auch hier dunkel, was aber kein Vergleich zu der Finsternis im Spukschloss darstellte.
„Ein Glück, wir sind draußen“, ächzte ich erleichtert.
„Da sagst du was. Ein paar Minuten länger mit den beiden und ich hätte mich freiwillig zu den Leichen ins Grab gelegt.“
Ich schmunzelte. Night hatte mich geholt und endlich war ich wieder allein mit ihm. Mein Blick wurde wie von selbst von seinem beinahe einschüchternd, perfektem Gesicht angezogen. Immer wieder war ich von Neuem überrascht, wie jemand so vollkommen sein konnte. Ich musste mich ablenken, er sollte nicht merken, wie sehr er mich stets durcheinander brachte.
„Am besten, wir gehen schon mal zum Feuerwerk vor, dort werden wir die anderen nachher sicher wiedertreffen.“
Wir benötigten nur wenige Minuten, bis wir an einer langen Treppe ankamen, die zur Aussichtsplattform hinauf führte. Es war seltsam, wie glücklich es mich machte, einfach nur neben ihm hergehen zu können und mich mit ihm zu unterhalten.
Als wir die Treppe hinter uns gebracht hatten, verschlug die Aussicht mir erst einmal die Sprache. Von hier konnte man über den ganzen Park sehen; es war ein unglaublicher Anblick, die vielen Lichter unter uns und die Sterne darüber. Ich hatte mir den Aussichtspunkt viel künstlicher vorgestellt, dabei war er sehr natürlich angelegt. Weiches Gras bedeckte den Boden und um uns herum standen etliche Bäume, durch die sanft der Wind strich.
„Wollen wir dort rüber?“, fragte Night und deutete auf eine noch freie Stelle, direkt vor dem Geländer, das den Abgrund absicherte.
Von dieser Stelle hatten wir tatsächlich die perfekte Sicht. Unter uns lagen unzählige Attraktionen, die mit ihren Lichtern den Nachthimmel erhellten. Leute schritten die Straßen und Gassen entlang und amüsierten sich. Am schönsten war jedoch, wie das Licht Nights Gesicht strahlen ließ. Er stand direkt neben mir, so nah, dass ich seine Wärme spüren konnte. Sollte ich ihm jetzt vielleicht das Geschenk geben? Es war wahrscheinlich die letzte Möglichkeit und eine bessere würde sich wohl kaum ergeben. Wir waren alleine, ganz unter uns… Meine Hände zitterten, als ich in meinem Rucksack kramte und schließlich das Päckchen fand.
„Ich wollte es dir eigentlich schon an deinem Geburtstag geben“, begann ich mit glühendem Gesicht. Ich wagte es nicht, in seine Augen zu sehen, denn der Anblick würde mich mit Sicherheit noch mehr durcheinander bringen. Ich reichte ihm das Geschenk, was er mit einem überraschten Ausdruck annahm. Er begann es auszupacken, während ich mit weiteren Erklärungen fortfuhr. „Es war eine ziemlich dumme Idee, das weiß ich jetzt auch… beim Aussuchen hat es mir nur so gut gefallen und ich musste sofort an dich denken…“ Verdammt, was redete ich da nur… aber ich konnte mich nicht mehr bremsen. „Aber mittlerweile weiß ich natürlich, wie dämlich das war. Ich wollte es dir dennoch geben.“
Gerade, als er das Armband in den Händen hielt, begann das Feuerwerk; doch keiner von uns hatte einen Blick dafür.
„Wie kommst du nur darauf, dass es mir nicht gefallen könnte?!“
Ich wollte etwas erwidern, da streifte er es auch schon über sein Handgelenk.
„Es ist wirklich schön und ich freue
mich sehr darüber.“
„Aber“, begann ich. Das Leuchten in seinen Augen ließ mich jedoch
verstummen. Sein Anblick raubte mir den Atem, die Sprache und ließ
jeden Gedanken ersterben. Ich war von seinem Blick gefangen, von
seinem wundervollen Gesicht… Langsam streifte er mit den Fingern
eine Haarsträhne hinter mein Ohr; wie ein Blitzschlag durchzuckte
diese Berührung meinen Körper. Alles in mir begann zu beben, zu
zittern… Ich spürte meine Beine schwanken; ein heißes Prickeln auf
der Haut, wo seine Finger mich berührt hatten. Als er sich meinem
Gesicht näherte, vergaß ich zu atmen… Ich konnte keinen klaren
Gedanken fassen, mein Kopf war wie leergefegt. Ich spürte zwar,
dass mein Gesicht in Flammen stand, doch es zählte nicht. Alles,
was von Bedeutung war, war Night. Solange hatte ich mich nach
diesem Moment gesehnt und jetzt wusste ich einfach, dass es
geschehen würde. Er würde mich küssen. Ich würde jeden Moment seine
Lippen auf den meinen spüren.
Unter meiner Haut brodelte das Blut und kochte in meinen Adern. Wie oft hatte ich mir diesen Moment ausgemalt und herbeigesehnt und nun war es noch so viel aufregender.
Ich fühlte seine Hand an meiner Wange, er zog mich zu sich. Ein letztes Mal sog ich sein unglaubliches Antlitz in mir auf, dann schloss ich erwartungsvoll die Augen. Ich spürte, wie er mir näher kam, spürte seine andere Hand auf meiner Hüfte; er drückte mich an sich und ich wusste, dass unsere Lippen nur noch Zentimeter voneinander entfernt waren. Meine Beine schwankten vor Glück und dem erregenden Gefühl, das er in mir hervorrief. Wie wundervoll es da erst sein musste, seine unglaublichen Lippen zu spüren…
„Da seid ihr ja!“ rief eine Stimme.
Erschrocken riss ich die Augen auf. Für einen Moment blickte ich noch einmal in Nights tiefblaue Augen, dann wandte er sich der Stimme zu.
„Wir haben euch überall gesucht“, bestätigte nun Thunder.
Night ließ mich langsam los und auch ich betrachtete geschockt die Gruppe, die auf uns zukam. Hätten sie nicht zwei Minuten später hier auftauchen können?! Sie bemerkten anscheinend nicht einmal, was sie hier so rüde unterbrochen hatten. Kein Wunder, aus deren Perspektive hatte man kaum sehen können, wie er mich in den Armen gehalten hatte und wie kurz davor wir gewesen waren, einander zu küssen.
„Ich hab doch gleich gesagt, die haben sich bestimmt nur verdrückt“, verkündete Sky.
„Ihr hättet uns wenigstens Bescheid sagen können“, knurrte Melody.
„Tja, wir haben wohl irgendwie den falschen Ausgang erwischt“, erklärte Night; er war so normal dabei, man merkte ihm nichts an. Ich dagegen zitterte noch immer; die Erregung pulsierte weiterhin durch mich hindurch, wobei es inzwischen dank des überraschenden Auftauchens der Freunde deutlich weniger war. Dennoch war ich knallrot und konnte die anderen kaum ansehen. Night und ich… das konnte doch nicht wahr sein.
„Du hast echt was verpasst“, erklärte Thunder grinsend und stieß mich in die Seite. Erst jetzt bemerkte ich, dass Summer von oben bis unten verdreckt war.
„Was ist euch denn passiert?“, fragte ich erschrocken nach.
„Das hat sie unserem holden Ritter dort zu verdanken“, fuhr sie fort und nickte schadenfroh in Skys Richtung.
„Ich hab doch schon zig Mal gesagt, wie leid es mir tut“, erklärte der.
„Ja, schön für dich“, knurrte Summer zurück.
„Mann, bist du nachtragend“, brummte er.
Dieses Mal schenkte sie ihm einen bitterbösen Blick.
„Der Gute hat sie sehr heldenhaft hinter sich hergezogen, als wir alle vor den Toten geflohen sind. Leider hat er dabei nicht bemerkt, dass ihr dabei unzählige Äste ins Gesicht geknallt sind und sie kaum hinter ihm herkam. Irgendwann ist sie dann gestolpert und mitten in den Dreck geflogen. Wenigstens hat er sie, als sie hinfiel, endlich losgelassen. Sonst würde sie jetzt bestimmt auch nicht so hübsch aussehen.“ Thunder amüsierte sich prächtig darüber, sie wirkte regelrecht befreit. Auch ich konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen. Das Mädchen sah tatsächlich ziemlich mitgenommen aus. Ihr Gesicht war mit Kratzern übersät, die wohl von den Ästen stammten, sie hatte Schlammreste im Haar und ihre Klamotten waren von oben bis unten damit beschmiert. Lediglich ihre Spinne schien nichts abbekommen zu haben, sie verharrte steinern auf einer matschfreien Stelle.
„Schön, dass du dich darüber so gut amüsierst“, zischte sie Thunder voller Zorn an.
„Oh glaub mir, das tue ich“, freute sich diese.
„Und was habt ihr gemacht?“, wollte Melody wissen, wobei sie Night und mich misstrauisch betrachtete.
„Wir haben das Feuerwerk angeschaut und auf euch gewartet“, erklärte ich schnell, mit rotglühenden Wangen.
„Ach und woher hat er das Armband? Das hatte er vorher noch nicht. Es ist doch bestimmt von dir, oder?“
„Er hatte Geburtstag“, sprang Céleste erklärend ein.
Nun hellte sich Melodys Gesicht auf. „Und da schenkst du ihm so was?! Ein Runen-Armband?!“ Sie lachte wiehernd. „Meine Güte, ist das peinlich und dann bestehst du auch noch darauf, dass er es trägt oder wie?!“
„Night ist viel zu nett, um ihr ins Gesicht zu sagen, wie peinlich das ist. Er hat es bestimmt selbst angezogen, um sie nicht zu verletzen. Er ist wirklich süß“, säuselte Summer ergriffen.
„Tja, tut mir ja leid für euch“, meldete er sich zu Wort. „Aber ich steh auf solche Sachen und finde sie ganz und gar nicht peinlich, mir gefällt es sogar ausgesprochen gut.“
Den beiden verschlug es offensichtlich die Sprache und sie starrten ihn verblüfft an. Ich dagegen hörte mein Herz hämmern, dass es kaum auszuhalten war.
„Nun ja, ähm, jedem das seine. Hässlich ist es ja nun auch nicht“, murmelte Melody.
„Du kannst so was tragen, an dir sieht ohnehin alles gut aus“, bestätigte Summer.
Über uns explodierten in diesem Moment die letzten Feuerwerkskörper. Es war schade, dass wir nicht länger hatten alleine sein können und es uns gemeinsam zu Ende ansehen hatten können. Mit einem sehnsüchtigen Ausdruck betrachtete ich ihn noch einmal. Mein Blick flog zu seinen Lippen und ich musste wieder daran denken, dass wir uns beinahe geküsst hätten. War es wirklich fast passiert?
„Wir sollten langsam zurück gehen“, erklärte Céleste.
„Ja, wird Zeit“, stimmte Saphir zu.
Zusammen machten wir uns auf den Weg. Gerade, als ich an Night vorbeischritt, spürte ich seine Hand an meinem Arm. Er hielt mich fest, sah mir mit diesem unglaublichen Blick in die Augen und legte seine Hand an meine Wange. Erneut begann es in mir zu toben und ich glaubte, ich müsse träumen. Er streichelte mir mit dem Daumen sanft über die Wange und meine Lippen.
„Danke nochmal, es bedeutet mir wirklich viel.“
Er lächelte und wandte sich danach ab, um Sky zu folgen, der bereits nach ihm rief. Ich brauchte einige Sekunden, bis ich wieder soweit bei mir war, dass ich zu den anderen gehen konnte. Empfand er wirklich etwas für mich? Waren wir gerade dabei, endlich zueinander zu finden?! Ich blickte ihm sehnsüchtig hinterher und fühlte mich ihm so nah wie nie zuvor.