Ein langer Sommer
Ich lümmelte nun schon seit geraumer Zeit auf dem Sofa herum und räkelte mich müde. Noch eine Woche Ferien. Ich konnte es kaum erwarten, dass die Schule endlich wieder losging. Ich vermisste meine Freundinnen, ja sogar ein wenig den Unterricht. Noch immer konnte ich kaum fassen, was in dem einen Jahr geschehen war. Zum Glück hatten wir alles heil überstanden und ich war endlich im Besitz meiner magischen Kräfte.
Die restlichen Wochen des Schuljahres waren anstrengend gewesen. Eine Prüfung nach der anderen und das nur, weil ich meine Kräfte so spät erlangt hatte. Auch der Test bei Herrn Smith war gut verlaufen. Dank Night und meinen Freundinnen hatte ich alle verlangten Zauber vorweisen können.
Dennoch war es keine einfache Zeit gewesen. Mein Zeugnis konnte sich aber durchaus sehen lassen. Im Durchschnitt eine drei plus. Im Grunde war ich damit sehr zufrieden, auch wenn ich mir für kommendes Schuljahr mehr vornahm.
Ich schlug das Buch auf meinem Schoß zu. Für heute hatte ich genug gelernt. Ich versuchte jede freie Minute in meinen Schulbüchern zu lesen, um den Rückstand zu den anderen aufzuholen. Leider konnte ich in Morbus keine Zauber üben, da die magischen Kräfte weitestgehend blockiert waren. Man war lediglich in der Lage, den Portal Zauber auszuführen. Bei den Radrym und Mitgliedern der Regierung sah dies jedoch ganz anders aus. Sie waren die einzigen, die auch hier ihre Magie benutzen konnten.
Ich hatte immer wieder geübt, ein Portal zu beschwören und es klappte inzwischen recht gut. Es war zwar anstrengend und laugte einen richtig aus, aber ich hoffte, dass ich soweit war, um alleine in die Schule zurückkehren zu können.
Ansonsten hatte ich die freien Tage genutzt, um in die Stadt zu gehen, ich hatte viel gelesen und mich auch mit einer Freundin getroffen. Die Freundschaft war zwar nie sonderlich tief gewesen, aber wir hatten früher hin und wieder etwas zusammen unternommen.
Das Treffen war sehr schwierig gewesen, da ich ständig Lügen und irgendwelche Dinge über meine neue Schule hatte erfinden müssen. Es war anstrengend, nicht erzählen zu können, was ich wirklich lernte und wie aufregend diese andere Welt war. Stattdessen versuchte ich mir auszumalen, wie der Alltag auf einem Internat in Morbus, der Menschwelt, wohl aussehen würde und berichtete davon.
Ich stand auf und ging in die Küche, um etwas zu essen. Meine Mutter arbeitete als Krankenschwester und war gerade in der Klinik. Sie freute sich sehr, dass ich wieder zuhause war und auch ich genoss es, hier zu sein. Dennoch war die Schule inzwischen zu einem neuen Zuhause geworden, das mir fehlte.
Meine Mutter hatte mir damals die Wahl gelassen, ob ich Necare kennenlernen wollte, doch insgeheim hatte sie wohl gehofft, dass ich mich letztendlich für Morbus entscheiden und zurückkommen würde. Es fiel ihr offensichtlich schwer, dass ich nun woanders lebte und dennoch akzeptierte sie meinen Entschluss. Sie fehlte mir natürlich ebenfalls, aber ich war mit meinem neuen Leben glücklich.
Wir hatten in den letzten Wochen viel gemeinsam unternommen, uns unterhalten und eine schöne Zeit miteinander verbracht. Dennoch wurde ich immer unruhiger, je näher es dem Ende der Ferien zuging.
Heute Abend wollte meine Mutter nochmal mit mir ins Kino gehen und morgen würde mein Vater mich abholen kommen. Um uns anzunähern und besser kennenzulernen, hatten wir ausgemacht, dass ich die letzte Woche bei ihm verbringen würde. Ich war gespannt darauf, zu sehen, wie er lebte, wie er seine Zeit verbrachte und hoffte, dass ich ein besseres Verhältnis zu ihm aufbauen konnte. Dennoch war ich auch vorsichtig in meinen Erwartungen, da ich nicht riskieren wollte, enttäuscht zu werden. Ich konnte meinen Vater nur sehr schwer einschätzen. Einerseits kam er mir so kühl, fremd und distanziert vor, dann aber bemühte er sich um eine bessere Beziehung und ging auf mich zu. Ich wollte versuchen, das Beste aus der Zeit zu machen und alles auf mich zukommen zu lassen.
„Du könntest deine Freundinnen auch mal zu uns einladen. Du hast schon so viel von ihnen erzählt, ich würde mich freuen, sie kennenzulernen.“
Meine Mutter und ich saßen zusammen im Auto und würden in etwa zwanzig Minuten in der Stadt ankommen.
Ich dachte über ihren Vorschlag nach. Natürlich war mir dieser Gedanke ebenfalls einige Male gekommen. Ich wusste, dass keine meiner Freundinnen je in Morbus gewesen war und es mit Sicherheit eine Umstellung für sie werden würde. Dennoch hätten sie bestimmt Lust dazu.
„Ja, werd ich machen, es ist sicher toll, wenn ich ihnen auch meine Welt zeigen kann.“
„Freust du dich auf morgen?“, fragte sie weiter und wechselte damit das Thema.
Ich zuckte mit den Schultern.
„Irgendwie schon, andererseits bin ich auch nervös.“
Sie nickte. „Ich hoffe, dass er sich Zeit für dich nehmen und sich
gut um dich kümmern wird.“ Sie schwieg für einen Moment und ihr
Gesicht nahm einen verletzten Ausdruck an. An was dachte sie nur?
Plötzlich begann sie wieder zu lächeln. „Aber ich bin sicher, dass
es dir gefallen wird. Holen dich deine Freundinnen eigentlich bei
ihm ab?“
Thunder, Shadow und Céleste wollten am vorletzten Ferientag kurz zu meinem Vater kommen. Wir hatten vor, anschließend bei Thunder zu übernachten und am nächsten Tag gemeinsam in die Schule zurückzugehen.
Ich nickte. „Ja, ich bin schon gespannt, Thunders Zuhause zu sehen. Ihre Eltern habe ich ja bereits kennengelernt; sie sind wirklich nett.“
Wir schwiegen für einen Moment und meine Mutter parkte ein. Nachdem wir ausgestiegen waren, machten wir uns auf den Weg zum Kino.
„Es freut mich jedenfalls sehr, dass du dich so gut eingelebt und neue Freundinnen gefunden hast. Zumal es zu Beginn ja nicht einfach für dich war.“
„Ja, aber dank den anderen fühl ich mich nun wirklich wohl.“
„Hast du eigentlich einen Freund?“
Ich sah sie überrascht an. „Wie kommst
du denn jetzt darauf?“
Sie lächelte und meinte: „Du erzählst viel über diesen Night und
hast dann immer so einen seligen Gesichtsausdruck.“
Ich spürte, wie meine Wangen hell aufleuchteten. „Nein, da ist nichts. Er ist nur ein guter Freund.“
„Ich versteh schon“ und ihrem Lächeln nach konnte ich ihr wohl wirklich nichts vormachen.
Ich war froh, als wir an der Kinokasse ankamen und das Thema so fallen lassen mussten.
Am nächsten Morgen frühstückten wir zusammen. Der Film am gestrigen Abend war wirklich gut gewesen und wir hatten uns noch eine ganze Weile darüber unterhalten.
Inzwischen war ich ziemlich nervös, weil jeden Moment mein Vater ankommen würde. Auch meine Mutter wirkte angespannt. Sie hatte noch immer kein gutes Verhältnis zu ihm, gab sich wegen mir allerdings redlich Mühe. Als ich gerade von meinem Brötchen abbiss, klingelte es. Ich stand auf und öffnete die Tür.
„Hallo“, begrüßte mein Vater mich. Er war mir noch immer seltsam fremd und gleichzeitig verband ich so viele Erinnerungen mit diesem Gesicht.
Ich erwiderte seinen Gruß und ließ ihn herein. Meine Mutter kam aus der Küche und versuchte sich ihm gegenüber möglichst normal zu verhalten.
„Willst du noch etwas essen, bevor ihr losgeht?“, fragte sie ihn.
Er schüttelte jedoch verneinend den Kopf. „Nein, ich habe noch einiges vor und nicht viel Zeit. Ich würde darum gerne gleich los gehen.“
Ich nickte und holte meine Tasche. Ich nahm meine Mutter in den Arm und verabschiedete mich von ihr. „Ich werde dir wieder schreiben.“
Sie nickte und drückte mich fest. „Es war wirklich schön, dass du hier warst. Mach´s gut und hab viel Spaß.“
Ich nickte und trat langsam neben meinen Vater, der das Portal zu beschwören begann. Augenblicklich öffnete sich ein bunt wabernder Tunnel. Ich trat neben ihn und wir schritten zusammen hindurch. Sofort umfingen uns leuchtende Farben. Hin und wieder konnte man Orte vorbeifliegen sehen, die jedoch alle nicht das eigentliche Ziel waren. Irgendwann erschien eine große braune Tür. Auf die hielt er zu und sprang im rechten Moment mit mir heraus. Wir waren angekommen. Ich blickte mich kurz um. Die Straße schien wie ausgestorben, nirgends war auch nur eine Person zu sehen. Ringsherum befanden sich ausschließlich prachtvolle Gebäude mit großen Gärten. Es schien sich um eine sehr wohlhabende Gegend zu handeln. Dennoch erkannte ich auf den ersten Blick nichts, was ich nicht auch in Morbus hätte finden können.
Mein Vater ging auf die Tür zu und öffnete sie. Unsicher blieb ich stehen. Das Haus war recht groß, wirkte alt und sehr vornehm. Der Eingang war von zwei Säulen umrahmt, auf dem Dach sah ich kleine Turmspitzen und auch ein Erker war vorhanden. Ich konnte kaum glauben, dass er hier wohnen sollte. Es wirkte vielmehr wie ein kleiner Palast oder eine Villa. Dagegen war das Haus meiner Mutter geradezu schäbig. Aber was hatte ich auch erwartet?! Mein Vater war immerhin der große Ventus Carter, einer der Venari der Radrym.
Es war wirklich imposant und gerade darum schüchterte mich dieses Haus irgendwie ein.
„Da wären wir“, erklärte er und lächelte mich an.
Langsam ging ich hinein und sah mich nun auch im Inneren um. Wir standen in einer großen Halle, die wiederum mit Säulen, Statuen und reich mit Gold verziert war. Der Boden bestand aus hellem Stein und führte zu einer Wendeltreppe hinauf. Rechts und links gingen erneut zwei Wege ab.
„Es freut mich, dass Sie zurück sind, mein Herr“, begrüßte uns eine dunkle Stimme. Ich sah erschrocken zu der mageren Gestalt, die plötzlich neben uns stand. Ich hatte diesen großen, dünnen Mann überhaupt nicht bemerkt. Sein Gesicht wirkte versteinert, keinerlei Mimik war darin zu erkennen.
„Guten Tag, Walther“, sagte Ventus, ohne ihm dabei große Beachtung zu schenken. Erst als er meinen Blick bemerkte, mit dem ich vollkommen verdattert den Fremden anstarrte, begann er zu einer Erklärung anzusetzen. „Das ist Walther, einer meiner Hausangestellten.“ Damit schien er alles Nötige gesagt zu haben, denn er wandte sich bereits wieder ab.
„Sklave“, rief Walther und klatschte in die Hände. Das Geräusch hallte durch die kalten Wände und wie aus dem Nichts erschien ein schrecklich aussehender Mann. Er schlurfte mit gekrümmten Rücken auf uns zu. Sein Aussehen war wirklich abstoßend. Die Kleidung hing ihm in Fetzen vom dürren, vernarbten Leib. Die Haare waren fettig und so schmutzig, dass man die eigentliche Farbe nicht mal mehr erahnen konnte. Seine Gesichtszüge waren vollkommen schief, doch das Schlimmste waren diese kalten, hasserfüllten Augen.
„Bring das Gepäck aufs Zimmer“, befahl der Angestellte in überheblichem Tonfall.
Die Gestalt riss meine Tasche an sich, wandte sich um, schlurfte die Treppen hinauf und flüsterte dabei in einer fremden Sprache vor sich hin. Die Worte klangen hart und seiner Stimme nach waren es Flüche, die er unaufhörlich ausstieß.
Mir stockte der Atem und eine Gänsehaut jagte über meinen Körper. Was war hier nur los? Ich war noch immer irritiert, dass mein Vater einen Hausangestellten hatte und nun das? Ein Sklave?!
„Gibt es etwas zu berichten?“, fragte Ventus.
„Ich habe die Post ins Arbeitszimmer gelegt. Es ist nichts sehr Dringendes darunter. Eine Einladung des Senatoren Blanché. Er und seine Frau geben demnächst einen großen Empfang. Zudem kamen einige Schreiben, die von den neuesten Untersuchungen über den Galtias Zauber berichten.“
Er nickte. „Gut, ich kümmere mich darum. Ich werde mich zunächst in mein Arbeitszimmer zurückziehen und später nochmal in den Hauptsitz gehen.“ Er war gerade im Begriff, die Treppe hinaufzugehen, als ihm offenbar einfiel, dass es mich auch noch gab. Zerstreut fuhr er sich durchs Haar: „Walther, seien Sie so nett und zeigen Sie meiner Tochter ihr Zimmer. Kümmern Sie sich gut um sie.“ An mich gewandt, sagte er: „Tut mir leid, dass ich im Moment keine Zeit für dich habe, aber ich muss noch einiges erledigen. Wenn du etwas brauchst, frag ruhig Walther, er wird dir zur Seite stehen.“
Der Diener verbeugte sich bei diesen Worten kurz, wartete, bis sein Herr außer Sichtweite war und schritt dann die Treppe hinauf. „Wenn Fräulein mir bitte folgen würden.“
Ich tat es, doch fühlte ich mich alles andere als wohl. Am liebsten wäre ich wieder nach Hause zurückgekehrt, aber ich hatte es meinem Vater nun mal versprochen und wollte ihm auch die Chance geben. Es wäre nicht fair, gleich wieder abzuhauen, nur weil ich mich hier vollkommen fehl am Platz fühlte. Zwar hatte ich angenommen, dass wir etwas zusammen unternehmen würden, doch er hatte nun mal keinen Urlaub. Ich wollte einfach versuchen, das Beste daraus zu machen… Ich sollte damit beginnen, dieses neue Haus und seine Bewohner besser kennenzulernen.
„Also… Sie arbeiten für meinen Vater…“ Toller Anfang, schoss es mir durch den Kopf.
„Ja, so ist es und ich bin sehr stolz darauf.“
„Arbeiten Sie denn schon lange für ihn?“
Die Miene des Dieners verzog sich nicht einen Millimeter, noch immer sah er grimmig und seltsam aus.
„Einige Jahre und es ist mir weiterhin eine besondere Ehre, im Dienste Ihres Herrn Vaters zu stehen.“
Meine Güte, der Mann war aber mehr als verschlossen. Dazu dieses gestelzte Gerede…
„Stammen Sie aus der Gegend?“
Nun wandte er sich mit einem noch finstereren Gesicht zu mir um.
„Wenn Fräulein auf meine Abstammung hinaus wollen, so muss ich doch
sagen, dass es unhöflich ist, darüber zu sprechen. Vor allem in
solch edlem Hause.“
Ich verstand nun gar nichts mehr. Kam der Mann aus armer Familie oder warum war er plötzlich so feindselig?!
„Hier wäre Ihr Zimmer. Der Sklave hat die Koffer bereit gestellt, wie ich sehe. Wenn Sie nun keine Wünsche mehr haben, darf ich mich empfehlen.“ Damit verließ er mich. Ich stand nun etwas hilflos in dem Raum. Es war eigentlich ein sehr schönes Zimmer. Weiße, flauschige Teppiche bedeckten den Boden, was es etwas gemütlicher aussehen ließ als das, was ich bisher in diesem Haus gesehen hatte. Mein Bett war aus weißem Holz, mit vielen geschnitzten Ornamenten und rosafarbener Bettwäsche. So sah mit Sicherheit das Traumbett eines jeden kleinen Mädchens aus. Mir war es etwas zu verspielt, aber schlafen würde ich darin schon können. Auch der große, wuchtige Kleiderschrank war weiß, mit vielen Schnitzereien. Zudem gab es hier zahlreiche Blumengestecke und andere Spielereien, wie die langen, bauschigen Vorhänge. Ich streifte eine der Gardinen beiseite und sah hinaus. Von hier aus konnte ich in den großen Garten sehen. Auch er erinnerte an einen Schlosspark. Sehr gepflegt, jede Pflanze schien mit Bedacht gewählt worden zu sein. Selbst der Rasen wirkte wie aus einem Werbekatalog. Ich seufzte und setzte mich auf mein Bett. Selbst dazu musste ich mich überwinden. Ich kam mir so fremd und unerwünscht vor. Hoffentlich würde sich das bald legen. Vielleicht brauchte ich nur etwas Zeit, um mich hier einzuleben…
Nach einer Weile beschloss ich, meine Sachen auszupacken. So saß ich nicht weiter untätig herum und hörte vielleicht auf zu grübeln. Als ich meine Tasche hoch hob und auszuräumen begann, musste ich wieder an diesen seltsamen Mann denken. Sklave, hatte Walther ihn genannt. War er wirklich einer? Konnte es denn tatsächlich sein, dass es in Necare so etwas gab? Und was noch viel schlimmer war, unterstützte mein Vater diese Sache auch noch, indem er selbst einen besaß? Das waren Dinge, die ich unbedingt herausfinden wollte. Ich sah kurz auf die Uhr. Ich war schon eine gute Stunde hier. Vielleicht war mein Vater inzwischen mit den wichtigsten Dingen fertig geworden.
Ich verließ mein Zimmer und ging die Treppe hinunter. Dort wandte ich mich nach rechts und fand das Wohnzimmer, allerdings war hier niemand. Der nächste Raum war ein Bad, danach gelangte ich in ein großes Esszimmer, wo ich endlich Geräusche hörte. Ich folgte ihnen und erreichte eine geschlossene Tür. Ich klopfte kurz, als ich ein „Ja?“ hörte, trat ich ein.
Eine etwas rundliche Frau, mit rosigen Wangen und dunklen braunen Augen, blickte mich lächelnd an. Offenbar war ich in der Küche gelandet und stand nun der Köchin gegenüber.
„Oh, Sie müssen die Tochter des Herrn sein?!“, stellte sie fest. Sie trocknete sich die Hände an ihrer Schürze und knickste vor mir.
„Sie hätten doch nicht anklopfen müssen. Fühlen Sie sich wie zuhause. Immerhin wohnt doch Ihr Herr Vater hier.“
„Ähm ja… aber ich wollte nicht einfach irgendwo reinplatzen. Ich kenne mich noch nicht wirklich aus.“
Die Frau nickte verständnisvoll. „Es ist ein wirklich großes Haus. Ich habe auch Zeit gebraucht, bis ich mich zurechtgefunden habe.“
Nun musste auch ich lächeln. Endlich schien ich jemanden gefunden zu haben, der nicht so steif und verschlossen war.
„Wo habe ich nur meine Manieren?
Möchten Sie vielleicht eine Kleinigkeit essen? Üblicherweise nimmt
der Herr nur abends eine warme Mahlzeit zu sich, aber Sie haben
doch bestimmt etwas Hunger, oder?“
Die Frau öffnete den Backofen und holte ein Blech heraus. „Genau
richtig. Die habe ich extra für Sie gebacken. Noch ein paar Minuten
zum Abkühlen, dann können Sie ein paar Kekse essen.“
„Danke, das ist sehr nett.“ Ich setzte mich an den Tisch und
blickte die Köchin an. „Eigentlich habe ich meinen Vater gesucht“,
begann ich.
„Das tut mir leid, aber der Herr ist außer Haus. Er ist, soweit ich weiß, zum Hauptsitz der Radrym gegangen. Er hat Sie wohl nicht davon unterrichtet.“
Ich schüttelte den Kopf.
„Na, auch nicht schlimm. Dann machen Sie es sich einfach ohne ihn etwas gemütlich.“ Damit goss sie mir ein großes Glas Milch ein und füllte einen Teller mit den frischen Keksen.
„Es freut mich übrigens sehr, die Tochter des Herrn endlich einmal kennenzulernen. Mein Name ist Margarete. Ich bin, wie Sie sich denken können, die Köchin.“
„Gab… äh Force“, antwortete ich, es fühlte sich noch immer ungewohnt an, einen neuen Namen zu haben. „Es freut mich sehr.“
Plötzlich stutzte ich. „Sie… heißen Margarete? Aber das… ist doch…“ Warum trug sie einen Namen aus Morbus?
Die Köchin unterbrach mich mit einem freundlichen Lächeln „Sie sind noch sehr unbescholten, das ist schön. Es liegt wohl daran, dass Sie nicht in dieser aufgewachsen sind.“
„Wie meinen Sie das?“
Margarete setzte sich zu mir an den Tisch. „Wissen Sie, bei mir ist
es genauso wie bei Walther. Wir stammen ursprünglich aus
Morbus.“
Ich sah sie verständnislos an. „Das tue
ich auch, aber trotzdem habe ich einen Namen aus Necare.“
„Ja, aber Sie sind zur Hälfte eine Hexe und besitzen Zauberkräfte.
Es gibt viele Menschen wie uns, die die Möglichkeit hatten nach
Necare kommen zu dürfen. Wir arbeiten und leben hier, teilweise
schon seit Generationen, doch wir sind nun mal ganz normale
Menschen. Dennoch haben wir einen festen Platz in dieser Welt. Er
mag vielleicht nicht zu den angesehensten gehören, aber es ist ein
gutes Leben und ich bin glücklich.“
Allmählich verstand ich und je klarer
mir das alles wurde, desto entsetzter war ich darüber. „Soll das
heißen, Sie sind keine vollwertigen Mitglieder der hiesigen
Gesellschaft und dürfen nur „niedere“ Arbeiten
verrichten?“
Margarete zuckte mit den Schultern. „So könnte man es wohl sagen,
auch wenn ich es nicht ganz so drastisch ausdrücken würde. Man hat
es wirklich gut, wenn man sich mit diesem Leben
arrangiert.“
„Und was, wenn man das nicht will?“
Sie blickte mich überrascht an. „So etwas kommt eigentlich nicht vor. Jeder weiß, wo sein Platz ist. Man muss sich dem fügen, wenn nicht, wird man ausgesondert. Aber lassen Sie uns von schöneren Dingen sprechen, denn das alles klingt schlimmer, als es eigentlich ist.“
„Was meinen Sie mit ausgesondert?“
Die Köchin sah mich kurz an und begann dann weiterzusprechen: „Man wird nach Morbus verbannt und darf Necare nie wieder betreten, auch die Erinnerungen daran werden gelöscht.“
Ihr entging mein entsetzter Blick nicht, darum versuchte sie mich zu beruhigen: „Das kommt wirklich selten vor. Jeder ist froh, hier sein zu dürfen und ist mit seiner Rolle zufrieden. Sie sollten das alles nicht in diesem schlechten Licht sehen.“
Ich war noch immer vollkommen fassungslos. „Und was hat es mit diesem Kerl auf sich, den Walther Sklave nennt? Ist er auch ein Mensch oder warum steht er noch weiter unten?!“
„Also nein! Der ist doch kein Mensch. Diese zerlumpte Gestalt ist auch nicht sein wahres Aussehen, er ändert diese ständig nur, um uns alle zu provozieren. Er ist ein Dämon.“
Nun verschlug es mir tatsächlich die Sprache. „Ein Dämon?!“
Die Köchin nickte, als sei dies das Selbstverständlichste der Welt. „Jeder, der in Necare etwas auf sich hält, hat mehrere Diener und eben auch Sklaven. Sie wissen doch bestimmt, dass man einige niedere Dämonenarten beschwören und in Gefangenschaft zwingen kann. Es gibt sogenannte Extaldri, die diese Arbeit verrichten und ihre Gefangenen auf Märkten verkaufen.“
„Das klingt ja grauenhaft.“
„Das kommt Ihnen nur so vor, weil Sie
hier nicht aufgewachsen sind. Es ist vollkommen normal und keiner
würde je Anstoß daran nehmen.“
Jetzt verstand ich auch, warum der Dämon so geflucht hatte. Er war
hier nicht freiwillig. Er war in dieses Leben gezwungen worden.
Kein Wunder, dass er einen solchen Hass hatte.
„Schauen Sie nicht so betrübt. Ich kann mir schon denken, dass er wieder einmal lauter Drohungen ausgestoßen hat. Das macht er ständig, aber keine Sorge, er kann sich nicht befreien. Er wird sein ganzes Leben lang den Worten seines Herrn gehorchen müssen und da die Dämonen sehr alt werden, werden Sie eines Tages dieser Herr sein. Darauf können Sie sehr stolz sein. Ein Dämon sein Eigen nennen zu können, bezeugt Ihren hohen Stand in der hiesigen Gesellschaft.“
Ich legte meinen angebissenen Keks beiseite. Mir war der Appetit gründlich vergangen.
„Und was, wenn ich keinen Sklaven will?
Kann ich ihn irgendwie befreien?“
Nun lachte Margarete. „Kindchen, Sie haben wirklich Humor. Einen
Dämon befreien?! Das ist zu komisch. Warum sollten Sie so etwas
tun? Die Kreatur würde mit Sicherheit zurückkehren, um seinen
ehemaligen Herrn zu töten. Nur ein Wahnsinniger würde so etwas
versuchen.“
Das waren ja tolle Aussichten. Fest stand jedoch, dass ich mit so etwas nichts zu tun haben wollte. In diesem Moment klingelte es.
„Oh, Ihr Herr Vater ist wieder zurück.“
Das wurde ja immer besser. Bei der Rückkehr des Herrn begann offenbar ein Klingelzeichen in der Nähe des Dieners diese zu verkünden. Die Angestellten schienen es nicht viel besser zu haben, als ein Sklave, auch wenn sie es offenbar nicht so sehen wollten.
Ich erhob mich, verließ die Küche und sah gerade meinen Vater die Treppe hinaufeilen. Ich folgte ihm, als er auch schon in einem Zimmer verschwand. Ich klopfte kurz und trat ein. Es handelte sich wohl um sein Arbeitszimmer. Es war vollgestellt mit hohen Bücherregalen, die sich unter der Last geradezu bogen. Auch der Schreibtisch, an dem er nun saß, war voll mit Papieren, Unterlagen und Büchern. Ein heilloses Chaos.
„Oh, Force. Entschuldige, ich habe
leider keine Zeit. Ich muss noch einige wichtige Unterlagen
bearbeiten. Wie wäre es, wenn du die Zeit nutzt und ein bisschen
lernst. Nimm dir ruhig ein paar Bücher. Ich habe so gut wie zu
jedem Thema etwas. Du kannst alles lesen, nur halte dich bitte von
diesem Regal fern. Das sind meine ganz besonderen Stücke, die ich
zur Arbeit benötige.“
Er deutete auf ein kleines Regal in der Ecke. Es war schwarz und
voller alter, zerfledderter Bücher. An einigen Stellen sah man nur
einzelne Seiten liegen.
Im Grunde hatte ich keine große Lust, aber hier herumzustehen brachte auch nichts. Darum nahm ich mir die zwei Nächstbesten und ging damit in mein Zimmer zurück. Ich hatte nicht einmal auf die Titel geachtet. Frustriert legte ich die beiden Bücher auf meinen Schreibtisch und setzte mich auf mein Bett. Wenn die nächsten Tage ebenso verlaufen würden, stand mir wohl eine äußerst langweilige Zeit bevor. Ich hatte mir diesen Besuch so vollkommen anders vorgestellt. Ich hatte wirklich nicht allzu viel erwartet und doch war ich nun enttäuscht. Interessierte er sich tatsächlich so wenig für mich? In all den Jahren hatte er sich nicht um mich gekümmert… Es war wohl eine ziemlich dumme Hoffnung gewesen, dass sich nun alles ändern würde.
Wenn ich an die Erinnerungen dachte, die ich an ihn hatte, waren die meisten ebenfalls wenig erfreulich.
Als ich sechs Jahre alt war, hatten meine Eltern sich scheiden lassen. Davor war mein Vater stets spät nach Hause gekommen, war gereizt gewesen und hatte mich und meine Mutter wie Fremde behandelt. Ich wusste noch allzu gut, dass ich nie in sein Arbeitszimmer hatte gehen dürfen, schon gar nicht, wenn er sich darin befand. Ich hatte immer leise sein müssen, um ihn nicht zu stören. Zu Beginn hatte ich wohl seine Nähe gesucht, doch nachdem er mich jedes Mal rüde zurückgestoßen hatte, hatte ich irgendwann aufgegeben. Noch immer tat es weh, daran zu denken, zumal es Fotos gab, die ein ganz anderes Bild zeigten. Als Baby hatte er mich oft im Arm gehalten, mich voller Stolz und Liebe angeblickt und auch ein inniges Verhältnis zu meiner Mutter gehabt. Man konnte in dem Fotoalbum regelrecht die Veränderung verfolgen. Wie er sich immer weiter von uns entfernte, das Interesse verlor und schließlich so etwas wie Abneigung gegen uns entwickelte. Ich verstand es bis heute nicht. Wie konnte man sich so entfremden? Natürlich hatte ich meine Mutter gefragt, ob etwas vorgefallen war, doch sie hatte gesagt, die beiden hätten sich auseinander gelebt. Die Arbeit bei den Radrym habe ihn immer stärker vereinnahmt und irgendwann sei ihm diese wichtiger gewesen als seine Familie. Er habe sich in dieser Zeit sehr verändert und sie wären beide zu dem Entschluss gekommen, dass sie nicht mehr länger zueinander passten. Dennoch, wenn ich an seinen liebevollen Gesichtsausdruck auf den Fotos dachte… Er hatte so glücklich ausgesehen…
Noch zwei Tage, schoss es mir immer wieder durch den Kopf. Dann hatte ich es endlich überstanden. Am Samstag würden meine Freundinnen mich abholen. Wenn es nur endlich schon soweit wäre. Die Zeit zog sich unerträglich in die Länge. Meinen Vater bekam ich so gut wie nie zu Gesicht. Ich hatte sogar nur ein einziges Mal mit ihm zusammen gegessen. Wenn ich daran zurück dachte, spürte ich dieses schreckliche Gefühl noch immer.
Schweigend hatten wir uns gegenüber gesessen. Keiner hatte gewusst, was er mit dem anderen anfangen sollte. Es war kaum auszuhalten gewesen. Jedes Geräusch schien tausend Mal lauter als normal zu sein. Essen schneiden, kauen, schlucken, trinken. Dazu diese durchdringenden Blicke von ihm. Da war es mir doch lieber, allein zu sein.
Auch mit der Situation der Diener und besonders des Sklaven kam ich weiterhin nicht zurecht. Hin und wieder hatte ich die Kreatur zu Gesicht bekommen, doch er hatte stets voller Hass vor sich hingemurmelt. Mich schien er nicht einmal wahrgenommen zu haben.
Ich seufzte, während ich erneut überlegte, was ich an diesem Tag tun sollte. Weder Margarete noch Walther wollten meine Hilfe. Das hatte ich bereits mehrfach versucht. Auch hinauszugehen kam nicht in Frage. Mein Vater hatte mir streng verboten, in die Stadt zu gehen. Es sei viel zu gefährlich für die Tochter des ach so großen Ventus Carter, alleine in der Stadt umherzulaufen. Außerdem hatte er mit ein paar Zaubern dafür gesorgt, dass ich tatsächlich nicht in der Lage war, das Grundstück zu verlassen. Beinahe wäre es darüber zwischen uns zum Streit gekommen. Ich fühlte mich wie eine Gefangene. Nur der Gedanke daran, dass es bald vorüber war, hielt mich aufrecht. In meiner Verzweiflung war ich tatsächlich dazu übergegangen, einige Zauber zu üben. Selbst die beiden Bücher aus dem Arbeitszimmer meines Vaters hatte ich inzwischen durchgelesen. Allerdings war darin nichts Spannendes zu finden gewesen. Langweilige Geschichtsbücher. Wenn wenigstens ein paar tolle Zauber darin gestanden hätten… Vielleicht sollte ich mich nach so etwas umschauen. Er hatte davon bestimmt einige.
Gähnend erhob ich mich und ging in sein Zimmer. Ich hatte noch immer nicht wirklich Lust, mich jetzt mit schwierigen Sprüchen zu beschäftigen, aber immerhin würde ich so etwas zu tun haben. Ohne großes Interesse las ich die Buchtitel durch. Die meisten waren vollkommen uninteressant. „Die physikalische Energie“, „Die neuen Formeln der altrumagischen Energetik“, „Phonetik der Saluar“, „Die Kriege von 109-310“, „Die größten Heeresführer“, „Strategische Kriegsführung“, „Pirontherose und die schweren Folgen.“ Davon konnte mich beim besten Willen nichts begeistern. Ich sah mich gelangweilt um. Mein Vater würde auch in den nächsten Stunden nicht zurück kommen. Er hatte gesagt, er sei frühestens zum Abendessen wieder hier. Es gab also wenig Aussicht darauf, dass ich mich heute nicht alleine würde beschäftigen müssen. Ich ärgerte mich inzwischen sehr über ihn. Zumal es ja seine Idee gewesen war, die Ferien bei ihm zu verbringen. Zudem sprach er kaum mit mir. Auf meine Fragen bekam ich nur sehr dürftige Antworten. Es war doch klar, dass ich mich für seine Arbeit interessierte. Ich wollte wissen, was er genau tat, doch ich hatte noch immer keinerlei Ahnung.
Ohne darüber nachzudenken, begann ich im Raum auf und abzulaufen und die herumliegenden Sachen genauer zu betrachten. Vor seinem Schreibtisch blieb ich schließlich stehen. Überall lagen Unterlagen, aufgerissene Briefe, unfertige Schreiben und Berichte. Ich nahm einige Papiere in die Hand und überflog sie. Er überwachte offenbar irgendeine Forschung. Den Berichten entnahm ich, dass diese bereits seit etlichen Jahren lief, doch nun endlich schien man auf etwas gestoßen zu sein, das vielversprechend war. Die Handschrift meines Vaters war schwer zu entziffern und dennoch konnte ich seinen Notizen einige Dinge entnehmen:
Das neue Portal wird durch den Log geöffnet…. Ist in seiner jetzigen Form zu schwach…. Nach etlichen Untersuchungen hat sich jedoch ergeben, dass… Stärke gewinnt, wenn es mit Blut…. Es muss danach nur noch… gebracht werden… einmal dort angekommen, ist es immer möglich… Kann nicht mehr entfernt werden…. Breitet sich aus…bis… Nicht mehr aufzuhalten… Ziel erreichen können…
Ich legte das Schreiben beiseite. Auch die anderen Unterlagen halfen mir nicht zu verstehen, um es was bei den Notizen eigentlich ging. Leider konnte ich ihn darüber auch nicht befragen. Ich hätte gerne gewusst, was das für eine Forschung war. Vor allem, weil er sich anscheinend hauptsächlich damit beschäftigte. Vielleicht konnte ich in ein paar Büchern noch etwas finden. Mein Blick fiel auf das kleine schwarze Regal. Seine „besonderen Stücke, die er für die Arbeit benötigte.“ Wieder waren es meine Beine, die mir die Entscheidung abnahmen. Vorsichtig streifte ich mit dem Finger die Buchrücken entlang. Sie alle waren jedoch in einer Sprache verfasst, die mir nichts sagte. Vorsichtig zog ich einen dünnen, roten Band heraus. Ich schlug ihn auf, doch wieder waren nur die seltsamen Symbole und Buchstaben zu sehen. Enttäuscht wollte ich es gerade zuschlagen, als die Seiten zu leuchten begannen. Erschrocken betrachtete ich die Zeichen, wie sie umherzuwandern begannen, sich verformten und andere Plätze einnahmen. Sie wurden lesbar, bildeten Wörter, Sätze und ergaben plötzlich Sinn:
Nefara ist einer der durchtriebensten Dämonen. Er sucht sich arglose Opfer, beobachtet sie und beginnt, Stimmen in ihren Kopf zu senden. So zermürbt er diese, bis sie allmählich den Verstand verlieren und sich für seine Verlockungen öffnen. Irgendwann willigt das Opfer ein und nimmt einen Ableger in sich auf. Wie ein Parasit ernährt dieser sich von seinem Wirt, bis erwünschtes Stadium erreicht ist. Er entschlüpft durch die Öffnung des Mundes und labt sich durch eine Art Nabelschnur an der restlichen Lebensenergie seines Wirts. Innerhalb nur weniger Minuten hat er diesen ausgesaugt. Zurück bleibt lediglich eine vertrocknete, mumifizierte Hülle.
Ich schauderte allein bei der Vorstellung daran. Angewidert schlug ich das Buch zu. Es hätte noch mehr Informationen über das Wesen gegeben, doch das bisherige hatte vollkommen ausgereicht. Ich hoffte inständig, einem solchen Dämon niemals gegenüberstehen zu müssen. Dabei musste ich wieder an den Mytha denken. Eine Erinnerung, die ich gerne verdrängt hätte. Der Kampf gegen ihn war schrecklich gewesen und ich war froh, dass alles so gut ausgegangen war. Zudem beschäftigte mich noch immer einiges, was damals geschehen war: Weshalb hatte er einfach in der Halle gestanden? Regungslos ins Leere starrend und um ihn herum all diese silbrig-dünnen Fäden? Jeder hatte zu ihm geführt und sie waren von überall hergekommen. Schließlich sogar von mir und Night.
Wie vom Blitz getroffen, schlug ich das Buch wieder auf. Hier standen Details über Dämonen drin. Vielleicht auch über den Mytha? Fand ich hier möglicherweise etwas über diese ominösen Fäden? Immerhin hatte der Direktor, Herr Seafar, es nicht ernst genommen. Ihm sei so etwas noch nie zu Ohren gekommen.
Schnell blätterte ich die Seiten durch. Endlich hatte ich ihn gefunden und überflog den Artikel nach neuen Erkenntnissen:
Mytha:
Große Kraft… sehr schnell… gegen viele Schutzzauber immun… An Decken und Wänden laufen… Ton erzeugen, der Gegner töten kann… Gute Augen… Soulreader… Ängste, Geheimnisse, Lügen lesen… und da war es: Benutzt silberne Fäden, um in die Seele seines Gegners sehen zu können.
Mein Herz raste, in meinem Kopf arbeitete es. Endlich hatte ich die Antwort gefunden. Und dennoch war ich kein Schritt weiter. Der Dämon hatte also in uns allen gelesen, darum die Fäden. Doch warum? Weshalb dieser Aufwand? Er war gekommen, um die Schule zu zerstören?! So hatte er es doch auch bei all den anderen getan… Und wenn er auch dort in ihnen allen gelesen hatte? Aber weshalb?! Das ergab alles keinen Sinn. Dennoch war ich mir sicher, dass ich gerade etwas sehr Wichtiges herausgefunden hatte. Diese Fäden, dieses Lesen in uns, es war von Bedeutung. Ich musste dieser Spur nachgehen. Schnell nahm ich mir noch ein paar andere Bücher heraus und begann, sie nach einem weiteren Hinweis zu durchforsten.
Stunden später war ich allerdings noch immer nicht weiter gekommen. Dennoch hatte ich mir ein Blatt Papier geholt und die wichtigsten Dinge kurz notiert. Ich würde dieses Rätsel irgendwann lösen…
Allmählich hatte ich auch Gefallen an den anderen Büchern aus dem schwarzen Regal gefunden. Ich war auf einige Zaubersprüche gestoßen, die sehr interessant klangen und sie bereits aufgeschrieben. Es waren einige Tarnzauber. Man konnte mit ihnen die Augen- und Haarfarbe wechseln, was recht nett klang, dann noch ein paar Angriffssprüche. Aber den, den ich auf einem der losen Blätter gefunden hatte, faszinierte mich am meisten. Es war eine vergilbte, alte Seite mit schwarzer verschnörkelter Schrift. Darauf standen gleich drei Sprüche. Einen, um das Aussehen eines Menschen anzunehmen. Ein anderer für die Gestalt einer Hexe und einen letzten, um in sein wahres Ich zurück zu finden. Ich verstand nicht ganz, was das zu bedeuten hatte. Hexen und Menschen unterschieden sich nicht in ihrem Aussehen und was sollte das mit dieser wahren Gestalt? Meine Neugier war allerdings geweckt. Ich notierte mir alle drei. Sie waren recht kompliziert und man benötigte mit Sicherheit einiges an Übung, um sie ausführen zu können, dennoch wollte ich es unbedingt testen. Schnell schob ich die Bücher zurück in das Regal, sah mich noch einmal um, ob auch alles an seinem richtigen Platz stand, dann huschte ich über den Flur. Gerade im richtigen Augenblick, denn ich hörte, wie mein Vater nach Hause kam. Mit dem Blatt in der Hand ging ich in mein Zimmer zurück und machte mich daran, die Zauber zu üben. Noch nie hatte Ventus mich gesucht oder nach mir gesehen, darum hatte ich keine Angst, erwischt zu werden.
Ich setzte mich auf mein Bett und begann die Sprüche einzustudieren. Ich veränderte die Tonlage, versuchte es mit verschiedenen Betonungen und mit unterschiedlich viel magischer Kraft. Am Ende war ich vollkommen erschöpft und um einiges frustrierter. Es hatte nicht geklappt. Nicht einmal ein Prickeln war zu spüren gewesen. Ganz so, als würde ich nutzlose Worte sprechen. Dieser Zauber musste schwerer sein, als ich gedacht hatte… Oder stimmte irgendetwas nicht damit? Resigniert legte ich das Blatt beiseite und versuchte den Spruch zur Veränderung der Augenfarbe. Dieser war ebenfalls eine kleine Herausforderung, stellte allerdings keinen Vergleich dar.
Ich spürte ein leichtes Prickeln, als ich die Worte gesprochen hatte, stand auf und blickte in den Spiegel. Es hatte funktioniert. Meine Augen strahlten mir nun tiefblau entgegen. Das war wirklich eine nette Spielerei. In diesem Moment wurde ich zum Essen gerufen. Ich löste den Zauber, versteckte das Blatt Papier in meinem Schrank und eilte hinunter.
Der Esstisch war aus dunklem, schwerem Holz und nahm einen großen Platz des Raumes ein. Dicke Teppiche lagen auf dem Boden und verschluckten meine Schritte. Ventus saß bereits am gedeckten Tisch; sein Blick wirkte abwesend. Ich setzte mich ihm gegenüber, während Margarete die Suppe servierte. Schweigend begannen wir zu essen; die Stille wurde von Minute zu Minute unerträglicher.
„Was hast du heute gemacht?“, fragte ich, nur um etwas anderes als das Klirren des Bestecks zu hören.
„Gearbeitet. Warum fragst du?“
Ich musste ein Seufzen unterdrücken. Es war auch einfach zu schwierig, mit ihm zu reden. Nie erhielt man eine vernünftige Antwort, dass er gar von sich aus eine Frage stellte, kam gleich gar nicht vor.
„Weil es mich interessiert…“
Wieder zog er es vor, zu schweigen. Er legte lediglich den Löffel beiseite und wartete, bis die Köchin die Teller weggetragen und das Hauptgericht aufgetischt hatte.
Genervt stocherte ich in meinem Brokkoli herum und überlegte ob, und wenn ja, was ich sagen sollte.
„Freust du dich auf die Schule?“
Ich sah erstaunt auf. Er wollte etwas von mir wissen?!
„Eigentlich schon“, antwortete ich verdutzt.
„Du bist noch für zwei Tage hier, oder?“
Ich nickte. Hoffentlich zogen sich diese nicht endlos in die Länge. Ich wollte endlich von hier weg.
„Hast du Lust, morgen früh mit mir zum Radrym Hauptquartier zu kommen?“
Ich sah ihn überrascht an, nickte dann aber zustimmend. „Ja, gerne.“
„Es gibt dort einige interessante Dinge zu sehen.“ Ventus nahm einen weiteren Schluck aus seinem Glas und sagte: „Herr Seafar hat mir erzählt, dass du dich inzwischen recht gut eingelebt hast.“
„Jetzt, da ich meine Kräfte endlich habe, komme ich ganz gut mit. In einigen Dingen sind mir die anderen zwar noch voraus, aber ich fühle mich auf der Schule wohl.“
„Hast du die Ferien genutzt, um zu lernen?“
„Ja, nur mit dem Üben war es schwierig, da die Kräfte in Morbus blockiert werden.“
„Dann hast du das hier hoffentlich nachgeholt. Hast du ein paar Bücher gefunden, die dich interessiert haben?“
Ich nickte und zählte einige auf. Von denen, die ich aus seinem schwarzen Regal hatte, sagte ich allerdings besser nichts.
„Ich bin wirklich stolz auf dich“, sagte Ventus plötzlich. Dieses Lob kam so unerwartet und brachte mich vollkommen aus dem Konzept. Ich hatte so etwas noch nie von ihm gehört.
„Aber was hätte man auch anderes erwarten sollen, immerhin bist du die Tochter eines Venari.“ Er lächelte und wandte sich erneut dem Essen zu.
Ich hatte alleine gefrühstückt und stand nun erwartungsvoll im Hausflur. Nach dem gestrigen Abendessen hatte ich das Gefühl, meinem Vater etwas nähergekommen zu sein und war nun sehr gespannt darauf, zu den Radrym zu gehen und seine Arbeit näher kennenzulernen.
„Bist du soweit?“, fragte eine Stimme, die mich aus den Gedanken schrecken ließ. Ventus rauschte mit schnellen Schritten durch den Flur auf mich zu.
Ich nickte, als er auch schon das Portal rief und mit mir zusammen hindurch schritt. Die bunten Farben waberten um uns herum; alles drehte sich. Gerade als mein Magen zu rebellieren begann, spürte ich festen Boden unter meinen Füßen. Wir befanden uns auf einer gut belebten Straße, in einer Art Geschäftsviertel. Zumindest wirkten die Passanten hier alle so, als seien sie gerade dabei, zu ihrem nächsten Termin zu spät zu kommen. Eingerahmt wurde die Straße von jeder Menge hoher Gebäude, die sich mal mehr, mal weniger anmutig in die Höhe streckten. Vor uns lag allerdings das mit Abstand hässlichste Haus der ganzen Straße: Ein grauer, riesiger Kasten, der wie ein unfertiger Betonklotz aussah. Die Wände waren aus Schiefer, glatt und schmucklos; die Fenster winzig, als hätte man Angst, dass sich jemand hinaus stürzen könnte, wären sie nur groß genug.
Mein Vater ging nun genau auf dieses Gebäude zu. Eine große Tür lag vor uns, an der sich zwei steinerne Hände befanden. Es musste sich dabei wohl um so etwas wie Türgriffe handeln. Ventus streckte seinen Arm aus und umfasste eine der Hände. Es sah aus, als würde er diese schütteln wollen.
„Ventus Carter mit seiner Tochter Force Franken.“
Die Hand leuchtete auf und mit einem knarrenden Ächzen schob sich die Tür beiseite.
Ich folgte zögernd und fand mich in einem imposanten Eingangsbereich wieder. Das Gebäude hier innen wirkte bei Weitem ansehnlicher als von außen. Die große Halle war kreisförmig angelegt, über uns befanden sich verschlossene Türen, allerdings führten keine Treppen oder Aufzüge dort hinauf. Etliche Leute mit geschäftigen Mienen eilten an uns vorbei, trugen Akten oder schoben gleich ganze Aktenroller umher. Ich beobachtete einen Mann, der einen besonders hohen Stapel auf seinen Armen balancierte, aber deswegen nicht das Tempo verlangsamte. Mit eiligen Schritten durchquerte er die Halle, bis plötzlich unter ihm eine Fliese zu glühen begann. Eine leuchtende, durchsichtige Fläche erhob sich und schob ihn in die Höhe. Wie von Geisterhand bewegte sie sich auf eine der oberen Türen zu, bis der Mann die Hand ausstreckte, sie öffnete und in das Zimmer trat.
„Ich muss als erstes in mein Büro“, erklärte Ventus und ging los. Wir kamen an einer reichverzierten Wand vorbei, an der sowohl Teppiche als auch etliche Gemälde hingen. Einige zeigten wichtige Persönlichkeiten, andere erzählten von Schlachten gegen die Dämonen oder wie diese von den Radrym besiegt wurden. Plötzlich hörte ich eine Stimme: „Carter! Gut, dass ich Sie treffe.“
Wir blieben beide stehen, während ein älterer Herr mit schlohweißem Haar und einem äußerst imposanten Bauch auf uns zu kam. Er trug einen schweren, bunten Mantel, der ziemlich teuer, aber mindestens ebenso hässlich aussah.
„Ich wollte hören, ob es bezüglich der Nachteras neue Ergebnisse gibt. Kommen Sie nachher kurz zu mir?“
„Selbstverständlich.“
Der Mann betrachtete mich mit seinen hellen Augen aufmerksam und fragte: „Ich nehme an, diese junge Dame hier ist Ihre Tochter?“
Ventus nickte. „Ja, ihr Name ist Force.“
„Ich freue mich, Sie kennenzulernen.“ Er reichte mir seine dicke, weiche Hand. „Ich bin einer der Magister, nehmen Sie es mit bitte nicht übel, wenn ich Ihnen meinen Namen nicht verraten kann.“
Ich wusste, dass diese streng geheim gehalten wurden und war gleichzeitig erstaunt darüber, dass dieser unscheinbare Mann einer der Obersten der Radrym sein sollte.
„Es ist schön, dass Sie Ihre Tochter ein wenig herumführen. Ich habe Ihnen immer gesagt“, begann er und wedelte mit seinem Finger lächelnd durch die Luft „dass Familie das allerwichtigste ist. Ganz egal, ob sie nun Menschen, Mischava oder Hexen sind. Eine Familie muss zusammen halten und man kümmert sich umeinander. Gerade wir Obersten müssen mit gutem Beispiel vorangehen.“ Er lächelte und wandte sich erneut an mich: „Sie haben einen sehr tüchtigen Vater, der auf dem besten Weg ist, ganz nach oben zu kommen.“ Seine blassen Augen huschten nun zu Ventus hinüber. „Wer weiß, ob er es nicht sogar zu einem Magister bringen wird.“ Er lachte, dass es seinen Bauch auf und abschüttelte. „Nun ja, die Zeit wird es zeigen. Ich verabschiede mich nun. Sehen Sie sich nur um. Vielleicht wird das hier einmal Ihr zukünftiger Arbeitsplatz.“
Er reichte uns erneut die Hand und eilte davon. Was für ein seltsamer Kerl…
Wir gingen weiter und erreichten schließlich das Ende des Raums, wo ich zuvor gesehen hatte, wie der Mann von der Fliese in die Höhe getragen worden war.
„Stell dich einfach auf die Platte und sage 244.“
Erst jetzt bemerkte ich die seltsamen, geschwungenen Zeichen, die auf manchen Fliesen zu sehen waren.
Ich tat wie geheißen und strauchelte beinahe, als die leuchtende Fläche sich zu bewegen begann und mich allmählich nach oben schob.
„Beweg dich nicht“, mahnte Ventus mich.
Ich versuchte das Gleichgewicht zu halten, doch es war äußerst wackelig auf der Platte. Mein Herz begann wild zu hämmern; ich stieg höher und höher. Eine falsche Bewegung genügte und ich würde in die Tiefe stürzen. Mein Vater wurde ebenfalls hinauf getragen und schwebte nun neben mir, auf einer zweiten Fliese.
„Gleich geschafft“, erklärte er und musterte mich argwöhnisch. Wahrscheinlich überlegte er bereits wie er meinen Aufprall verhindern sollte.
Vor einer Zimmertür hielten wir an. Mein Vater öffnete sie und trat in den Raum hinein. Mit weichen Knien tat ich es ihm nach und atmete erleichtert auf, als ich wieder festen Boden unter den Füßen spürte.
Das Büro war recht groß, was man von außen gar nicht vermutet hätte. Was mich am meisten wunderte, war jedoch das riesige Fenster, durch das Licht einfiel und alles gleich viel freundlicher erscheinen ließ. Von außen waren sie so klein gewesen… Mit Sicherheit war hier Magie im Spiel…
Vor dem Fenster befand sich ein Schreibtisch aus schwarzem Holz. Er wirkte ordentlich und aufgeräumt, ganz anders als der bei ihm zuhause. Jeder Stift, jedes Blatt, jede Büroklammer schien akkurat auf seinem Platz zu liegen. An den Wänden waren Regale befestigt, auf denen die unterschiedlichsten Apparaturen und Gegenstände zu sehen waren: Viele alte und zerfledderte Bücher lagen darin herum, Glaskolben, Phiolen mit bunten Flüssigkeiten, Schädel, mehrere Holzschachteln und einige Pergamentrollen.
Mein Vater hatte sich inzwischen hinter seinen Schreibtisch gesetzt und einige Unterlagen hervorgeholt. Er wollte sich gerade an die Arbeit machen, als sein Blick auf mich fiel. Er schien kurz aus dem Konzept zu geraten, erklärte dann aber: „Setz dich oder schau dich etwas um, ganz wie du willst.“
In einer Ecke stand ein großer Stuhl mit braunem Lederbezug. Ich hatte wenig Lust, untätig herumzusitzen. Mich zog es da eher zu den Regalen. Ich schritt darauf zu und besah mir die Gegenstände genauer. Die Bücher schienen wenig interessant: „Anatomische Grundzüge der Venossa Gattung“, „Tonizität in talagischen Lösungen“, „Abwehrmechanismen von tendugischer Magie.“ Ich sah mich weiter um, betrachtete die Flüssigkeiten in den Gläsern, Phiolen und Flaschen. Sie alle hatten die unterschiedlichsten Farben; in manchen schwammen kleinere Schwebstoffe umher oder wiesen Bodensätze auf. In einer konnte ich sogar etwas erkennen, das wie Knochenstücke aussah. Mein Blick glitt weiter zu den kleinen Holzschachteln. Sie waren reich verziert mit schönen Schnitzereien und Brandzeichen. Ich streckte die Hand aus, um eine davon öffnen zu können, als eine Stimme die Stille durchschnitt: „Lass das!“ Ich schrak zusammen und ließ die Hand augenblicklich sinken.
„Du sollst hier nichts anfassen. Setz dich auf den Stuhl.“
Ich zögerte kurz, kam seiner Aufforderung dann aber doch nach. In mir schwelte jedoch die Wut. Musste er mich wie ein kleines Kind behandeln, das nun seine Strafe abzusitzen hatte? Er hätte zumindest in einem anderen Tonfall mit mir reden können… Ich beobachtete ihn eine Weile, wie er mit flinken Fingern einige Seiten beschrieb. Es schien, als hätte er mich längst vergessen. Er sprach kein Wort mehr mit mir, war vollkommen in seine Arbeit vertieft und verschwendete keinen weiteren Gedanken mehr an mich. Ich hatte eigentlich angenommen, er würde mir etwas von seiner Arbeit erzählen, mir das Gebäude zeigen…
Ich unterdrückte ein Seufzen und fragte mich, wie ich das Eis brechen sollte.
„An was arbeitest du gerade?“ Wenn er nicht auf mich zukommen wollte, musste ich eben den ersten Schritt tun.
Er sah nicht einmal auf, sondern antwortete nur: „Ein Baslargan ist vor einigen Tagen in der Nähe eines Dorfes gesehen worden. Wir haben ein paar Radrym hingeschickt, die sich dort umsehen sollten. Das hier sind deren Berichte.“
Über Baslargans hatten wir im Unterricht von Herrn Gnat gesprochen. „Ich habe von ihnen schon gehört. Sie benutzen einen Gesang, der ihre Opfer einschlafen lässt und saugen deren ganze Kraft aus, bis sie sterben.“
Nun hob mein Vater endlich den Kopf und sah mich mit etwas wie Interesse an. „Ja, das ist richtig. Es freut mich, dass ihr in der Schule so gut unterrichtet werdet.“
„Haben die Radrym den Baslargan finden können?“
„Bis jetzt noch nicht. Es gibt allerdings einige Spuren, die darauf hindeuten, dass er zumindest vor kurzem dort gewesen ist. Ich gehe gerade die Berichte nach weiteren Indizien durch, um dann zu überlegen, welche nächsten Schritte eingeleitet werden müssen.“
„Das klingt interessant“, antwortete ich.
Nun endlich lächelte er mich aufrichtig an. „Das ist nur eine Kleinigkeit. Eigentlich befasse ich mich momentan mit der neuesten Prophezeiung einer Divina.“
Divina? Davon hatte ich noch nie gehört, was sollte das sein? Er bemerkte meinen fragenden Gesichtsausdruck und wirkte ehrlich überrascht. „Du weißt nicht, was eine Divina ist?!“
Ich schüttelte verneinend den Kopf.
„Das gehört zum Grundwissen, weshalb du
sie eigentlich kennen solltest.“ Er seufzte und fuhr fort. „Sie
zählen in unserer Welt zu etwas ganz Besonderem, da diese Hexen
eine äußerst seltene Gabe besitzen. Sie können in die Zukunft und
die Vergangenheit sehen.“
Ich war überrascht, sie waren also so etwas wie
Seherinnen?
„Du kannst dir sicherlich vorstellen, welch enorme Macht von dieser Gabe ausgeht. Darum leben sie hier im Hauptquartier der Radrym, wo sie zu jeder Zeit beschützt und bewacht werden können.“
Diese seltsamen Hexen waren also hier?
„Eine von ihnen hat vor kurzem eine neue Prophezeiung empfangen, die den Occasus betrifft. Allerdings ist diese recht unklar und wir müssen noch herausfinden, was sie nun genau bedeutet.“
Ich hatte natürlich bereits vom Occasus gehört. Eine Weissagung hatte einst verkündet, dass ein besonders mächtiger und grausamer Dämon kommen wird, um alle Welten zu zerstören.
„Eine unserer Hauptaufgaben ist es,
Necare vor dem Occasus zu schützen, ich denke, du kannst erahnen,
wie gefährlich er ist. Da du nicht in unserer Welt aufgewachsen
bist, kennst du die vielen Geschichten und Lieder über ihn nicht,
aber stell ihn dir als den Teufel höchstpersönlich vor, der aus der
Hölle aufsteigt, um alles Leben auszulöschen.“
„Aber bislang gibt es doch bloß diese Legende, die sagt, dass er
irgendwann erscheinen wird.“
„Das ist richtig, aber mit Hilfe der neuesten Prophezeiung können wir vielleicht herausfinden, wann dieser Zeitpunkt sein wird.“
„Denkst du, er könnte bereits geboren worden sein?“
Mein Vater lachte. „Nein, das ist ausgeschlossen. So etwas wäre uns nicht entgangen.“
„Und was, wenn doch?“
Ventus Blick verfinsterte sich schlagartig. Seine Augen wurden kalt und nahmen einen drohenden Ton an. „Solch ein Fehler würde uns niemals passieren. Was denkst du denn, was wir die ganze Zeit machen?! Wir nehmen unsere Aufgaben sehr ernst, also rede nicht so einen Unsinn daher!“
Ich wollte etwas sagen, immerhin hatte ich die Radrym nicht schlecht machen wollen.
„Du bist hier nicht aufgewachsen und verstehst das alles überhaupt nicht. Was rede ich auch mit dir über solche Dinge, das geht dich ohnehin nichts an und jetzt lass mich weiterarbeiten, ich habe noch eine Menge zu tun.“
Seine Worte hatten mich getroffen und für einen Moment sprachlos gemacht. Ich fühlte mich ihm wieder so fremd. Wem saß ich da nur gegenüber? Wie konnte er so reagieren?!
In diesem Moment klopfte es an der Türe.
„Herein.“
Ein junger Mann mit wirrem, braunem Haar betrat den Raum. Sein Gesicht wirkte blass, unter den Augen hatte er dunkle Schatten und er war ziemlich dürr.
„Ich habe hier einige Unterlagen für Sie“, erklärte er mit hoher, piepsiger Stimme.
„Ah, Sie sind es Davis. Legen Sie sie hier auf den Tisch.“
„Gerne.“ Mit nervösem, aufgekratztem Blick trat er näher und stapelte die Schreiben akkurat aufeinander, bevor er sie hinlegte. Erwartungsvoll stand er nun da und schien auf irgendetwas zu warten. Falls er glaubte, er würde ein Lob oder gar ein Dankeschön bekommen, würde er wohl noch lange so stehen bleiben können.
„Ist noch etwas?“, fragte mein Vater schließlich, als ihm auffiel, dass er offenbar nicht vorhatte zu gehen.
„Oh… ähm nein. Kann ich vielleicht noch irgendetwas für Sie tun? Soll ich Ihnen einen Kaffee bringen, die Ablage ordnen oder sonst etwas?“
„Nein, im Moment nicht.“ Damit wandte er sich wieder seinen Unterlagen zu.
Davis schien enttäuscht, drehte sich um und tat vor Schreck einen Satz rückwärts, als er mich in der Ecke sitzen sah. Er stieß dabei gegen den Tisch meines Vaters, der genervt aufsah und es nun offenbar doch für nötig hielt, etwas zu erklären. „Das ist meine Tochter Force Franken.“ An mich gewandt fügte er hinzu: „Das hier ist Repere Davis. Er möchte einmal in der Forschungsabteilung der Radrym arbeiten. Momentan befindet er sich im Probejahr, wo er erst einmal als Praktikant eingestellt ist.“
Davis nickte mit selbstzufriedener Miene und fügte gleich hinzu: „Mein großer Traum ist es, später selbst zu den Venari zu gehören, doch bis dorthin ist es ein weiter Weg.“
„Sie haben die besten Aussichten.“
Auf seinem Gesicht zeichnete sich nun eine fast verlegene Röte ab. Ich musste mir ein Grinsen verkneifen, als ich daran dachte, dass Thunder vielleicht mit so jemandem würde zusammen arbeiten müssen, wenn sie selbst einmal bei den Radrym anfangen sollte. Sie hätte so einen Kerl in Grund und Boden gestampft.
„Soll ich Ihre Tochter vielleicht ein wenig herum führen? Dann können Sie in aller Ruhe weiterarbeiten.“
Ich funkelte ihn zornig an. Was bildete sich der Kerl überhaupt ein?! Ich war doch kein Kleinkind, das einen Babysitter brauchte?! Außerdem hatte ich ohnehin vorgehabt, meinen Vater nicht mehr länger zu „stören.“
„Ich kann mich auch alleine umsehen“, sagte ich darum.
Ventus schüttelte jedoch verneinend den
Kopf. „Nein, es ist besser, wenn dich jemand begleitet. Zeigen Sie
ihr ruhig alles. Ich habe heute noch einiges zu tun. Ich wäre Ihnen
darum sehr dankbar, wenn Sie sie danach zu mir nach Hause zurück
bringen könnten.“
„Das mache ich gerne.“ Mit einem zufriedenen Ausdruck wandte er
sich mir zu. „Folgen Sie mir bitte.“
Das waren ja tolle Aussichten. Er hatte also wieder keine Zeit für mich und schob mich bei der ersten Gelegenheit ausgerechnet an diesen Vollidioten ab. Ein Blick auf Repere genügte und ich hätte dem Kerl am liebsten sein dämliches Grinsen aus dem Gesicht gefegt, doch ich versuchte, mich zusammen zu reißen.
Als er die Türschwelle berührte, erschien erneut die leuchtende Fläche. Er trat darauf und streckte mir die Hand entgegen. Ich sah ihn verblüfft an. Er wollte doch wohl nicht ernsthaft, dass ich zu ihm auf dieses schmale Ding trat?! Ich konnte mir momentan kaum etwas Schlimmeres vorstellen, als mich an diesen Kerl pressen zu müssen.
Ich schüttelte vehement den Kopf. „Ich rufe mir selbst eine.“
„Ich habe die Aufsicht über Sie und möchte nicht riskieren, dass Sie sich verletzen. Immerhin sind Sie die Tochter von Herrn Carter.“
„Force, tu bitte, was er dir sagt.“
Ich wandte mich nach Ventus um, doch er hatte nicht einmal den Blick gehoben. Wahrscheinlich hatte er gar nicht mitbekommen, um was es überhaupt ging. Da ich scheinbar keine andere Wahl hatte, um aus dem Zimmer zu kommen, trat ich auf Davis zu und versuchte so viel Abstand wie nur möglich zu halten. Dennoch roch ich sein widerliches Aftershave, das penetrant stank und indem er gebadet zu haben schien. Seine schweißigen, feuchten Finger legten sich auf meinen Rücken; ich spürte die Nässe durch mein Shirt hindurch und musste einen Würgereiz unterdrücken. Die Fliese war noch nicht auf dem Boden angekommen, da war ich schon herunter gesprungen. Mich schüttelte es vor Ekel, wenn ich den Kerl nur ansah.
„Springen Sie das nächste Mal bitte nicht einfach herunter. Wir wollen doch nicht, dass Ihnen etwas passiert.“
„Ich kann schon selbst auf mich aufpassen, danke“, knurrte ich zurück.
Er schien es vorzuziehen, das Thema zu wechseln: „Folgen Sie mir bitte, ich zeige Ihnen erst mal die Beschwörungsräume.“
Widerwillig ging ich ihm nach. Ich konnte diesen Kerl von Minute zu Minute weniger ausstehen.
„Ihr Vater ist ein äußerst beeindruckender Hexer. Eine Zeitlang hatte ich erwägt, meine Ziele zu überdenken und eine Karriere in seiner Abteilung anzustreben. Doch schließlich hat er mich davon überzeugen können, dass meine Fähigkeiten am besten in der Forschung zum Tragen kommen.“
Meine Güte, seine Selbstzufriedenheit stank ja geradezu zum Himmel.
„Ich hatte bereits in der Schule ein ausgeprägtes Interesse an der magischen Wissenschaft und wusste sehr früh, dass ich einmal zu den Radrym möchte. Es war nicht immer einfach; doch ich habe meine Prioritäten gesetzt und schließlich meinen Schulabschluss mit Auszeichnung bestanden.“ Er blickte mich mit einem überheblichen Lächeln an. „Auch beim Aufnahmetest der Radrym war ich einer der Besten. Ich bin mir sicher, dass sich das alles recht bald auszahlen wird.“
Der Kerl war dermaßen aufgeblasen und von sich selbst überzeugt! Für einen kurzen Moment fragte ich mich, ob ich nicht versuchen sollte, mich abzusetzen. Immerhin war er so damit beschäftigt, sich selbst zu loben, dass er es wahrscheinlich gar nicht bemerken würde. Allerdings kamen wir in diesem Moment an einer Flügeltüre an. Er öffnete sie und wir gingen hinein. Der Raum war riesig. Boden und Wände waren aus blankem, grauem Stein; Fenster gab es keine. An mehreren Stellen konnte man merkwürdige Symbole und Zeichen auf dem Boden erkennen. Darum herum standen jeweils drei bis vier Hexen und Hexer, die Zaubersprüche formulierten und Fingerzeichen taten. Der Gruppe ganz links gelang es, auch in diesem Moment etwas zu beschwören. Mitten auf den Zeichen erschien ein riesiges, schwarzes Ungetüm. Es hatte mehrere spitze Hörner auf dem Kopf, seine Augen glommen giftgrün, das Maul war zum Schrei aufgerissen und Speichel tropfte heraus. Seine riesigen Fäuste zischten durch die Luft und versuchten die Hexen zu treffen, doch er war gefangen. Die Symbole unter ihm leuchteten und eine grün schimmernde Lichtsäule baute sich um ihn herum auf. Noch immer tobte die Kreatur, brüllte und schlug um sich.
Eine der Hexen hob die Hand, ein gelber Lichtblitz schoss daraus hervor und ließ den Dämon vor Schmerz zucken. Er verdrehte die Augen, schrie in markerschütterndem Ton, kein Muskel hielt mehr still, alles an ihm zitterte und bebte. Schließlich erlosch sein Gebrüll und er sank zu Boden. Rauch stieg von seinem Körper auf. Ein Hexer trat auf ihn zu, warf einen weiteren Zauber nach ihm, doch er rührte sich nicht mehr. Zufrieden nickte er, als auch schon drei andere Männer herbeigeeilt kamen. Sie richteten ihre Hände auf den Boden, bis ein seltsam leuchtendes Zeichen erschien. Dieses schob sich unter den bewusstlosen Dämon und setzte sich anschließend mit ihm in Bewegung, immer den drei Männern hinterher, die nun den Raum verließen.
„Kein schlechter Fang“, kommentierte Davis das Geschehen.
Ich verstand nicht recht, was hier vor sich ging.
„Was wird hier gemacht? Warum rufen sie Dämonen und wo bringen sie diesen jetzt hin?“
„Sie werden zu Übungs- und Forschungszwecken beschworen.“ Er ließ seinen kalten Blick durch den Raum gleiten. „Das gerade eben war ein Mantuga. Seine Hörner kann man für ein paar ausgezeichnete Tränke benutzen, Herz und Leber für Gifte. Aber zunächst einmal wird er als Trainingsobjekt dienen.“
Ich starrte ihn entsetzt an.
„Keine Sorge. Die Radrym, die sich an ihm versuchen werden, sind zwar noch in der Ausbildung, aber bestens vorbereitet und Sie können sicher sein, dass ihnen nichts geschehen wird.“
Als ob ich mir deswegen Gedanken gemacht hätte! Mir machte zu schaffen, dass eine Kreatur aus ihrer Welt gerissen, gefangen genommen wurde, nur um danach von Möchtegern-Radrym getötet und in Einzelteile zerlegt zu werden.
„Kommen Sie, ich zeige Ihnen die Trainingsarena. Das wird Sie mit Sicherheit begeistern. Nirgendwo hat man solche Möglichkeiten wie hier; Sie werden erstaunt sein“, erklärte er vielversprechend.
Wir schritten durch eine große Holztür, die reich mit Ornamenten und Bildern verziert war. Wir folgten einem langen Gang, bis ein Eingang neben uns auftauchte.
„Da wären wir“, sagte Davis strahlend.
Das Zimmer war recht klein und mit dicken Teppichen ausgelegt. Eine ganze Reihe Stühle standen vor einem großen Fenster. Dort war eine Halle zu sehen, in der sich vier junge Männer befanden.
„Setzen Sie sich“, forderte mich Davis auf.
In diesem Moment veränderte sich die Halle. Das Bild begann zu flackern, zu wackeln und sich zu verzerren. Grüne Farben tauchten auf; blau, braun und noch mehr grün. Plötzlich befanden sich die Männer mitten in einem Wald. Über ihnen lag der blaue Himmel, den man durch die Blätter schimmern sehen konnte.
Sie wirkten angespannt; sahen sich suchend um. Einer von ihnen hob die Hand und wirkte einen Zauber. Der schoss an einigen Bäumen vorbei, machte eine Kurve und jagte schließlich gen Himmel, wo er sein Ziel fand. Lichter stoben auf und etwas fiel krachend zu Boden. Eine dicke, riesige Schlange war heruntergestürzt und bäumte sich vor den Vieren auf. Sie stellte ihre Hals-Haube auf und gab drohende Zischlaute von sich. Die Männer begannen sofort, Zauber zu rufen, die sie nach dem Dämon warfen. Der wich den Lichtern jedoch geschickt aus. Er klappte den Kiefer auf und zeigte seine scharfen, spitzen Giftzähne. Im selben Moment spritzte eine schwarze Flüssigkeit daraus auf die Männer zu. Doch diese waren urplötzlich verschwunden.
„Sehr gut!“, lobte Davis, während seine Augen kalt brannten. „Trugbilder.“
Da erschien einer von ihnen hinter der Schlange und trieb seinen Zauber tief in deren Rücken. Sie schrie auf und in diesem Moment wuchs aus ihrer Brust ein zweites Gesicht, das menschliche Züge aufwies. Offenbar besaß dieser Dämon so etwas wie zwei Köpfe. Das neue Gesicht brüllte und verdrehte die pechschwarzen Augen. Die Wut verlieh dem Dämon neue Kraft; er wandte sich um und stürzte sich auf den Mann. Da tauchten auf einmal die restlichen auf. Erst da bemerkte ich es: Dünne silberne Drähte hingen überall in der Luft, wie ein geschickt gesponnenes Spinnennetz. Die Schlange raste auf den einen Mann zu; die anderen standen zunächst regungslos da und hoben plötzlich zeitgleich die Hände. Das Netz zog sich zusammen und zerschnitt den Dämon in tausend winzige Stücke. Ein blutiger Nebel stob durch die Luft, während rote Fleischklumpen auf den Boden klatschten.
„Nicht übel“, erklärte Davis.
Ich wollte nur noch weg. Ich hatte genug gesehen und ging zur Türe.
„Ich denke, ich gehe jetzt besser nach Hause.“
Er sah mich überrascht an. „Aber ich
wollte Ihnen doch noch die Forschungsabteilung zeigen. Das ist das
Aufregendste von allem.“
„Mir reicht es für heute wirklich.“
Enttäuscht rümpfte er die Nase, begleitete mich jedoch hinaus.
„Sind Sie sicher, dass Sie wirklich gehen wollen?“, fragte er nochmals nach.
Ich nickte und wollte die Reise schnell hinter mich bringen. Mich jetzt auch noch an den Kerl drücken zu müssen, war mir zuwider, aber ich hatte wirklich genug.
Während er mit mir durch das Portal schritt, versuchte ich alle Gefühle auszuschalten und die Nähe zu seinem Körper zu vergessen.
Ich war heilfroh, als das Haus meines Vaters endlich vor mir lag und ich mich auf mein Zimmer zurückziehen konnte.