Am nächsten Tag wache ich früher auf als sonst und finde Henri bereits am Tisch über Zeitungen gebeugt vor, sein Laptop ist geöffnet. Die Sonne versteckt sich noch und das Haus ist dunkel, das einzige Licht kommt von seinem Bildschirm.
»Was Neues?«
»Nein, nicht wirklich.«
Ich schalte das Küchenlicht an. Bernie Kosar kratzt an der Haustür. Ich öffne sie und er schießt hinaus in den Hof wie jeden Tag, trabt mit erhobenem Kopf herum und sucht nach etwas Verdächtigem. Dabei schnüffelt er mal hier, mal da. Wenn alles ist, wie es sein soll, saust er in den Wald und verschwindet.
Zwei Ausgaben von liegen
auf dem Küchentisch, das Original und eine Kopie, die Henri für
sich gemacht hat, dazwischen eine Lupe.
»Gibt es etwas Besonderes im Original?«
»Nein.«
»Und jetzt?«
»Nun, ich bin ein bisschen fündig geworden. Ich bin Querverweisen in ein paar anderen Artikeln nachgegangen und habe ein paar Treffer gelandet, einer davon hat mich zur Website eines Mannes geführt, dem ich eine E-Mail geschickt habe.«
Ich starre ihn an.
»Kein Grund zur Sorge«, sagt er. »E-Mails können sie nicht zurückverfolgen. Jedenfalls nicht solche, die ich schicke.«
»Ich leite sie durch verschiedene Server in Städte überall auf der Welt um, sodass der Absendeort unterwegs verloren geht.«
»Beeindruckend.«
Bernie Kosar macht sich vor der Tür bemerkbar und ich lasse ihn herein. Die Uhr auf der Mikrowelle zeigt fünf Uhr neunundfünfzig, ich habe also noch zwei Stunden, bevor ich in der Schule sein muss. »Glaubst du wirklich, wir sollten uns damit beschäftigen?«, frage ich. »Und wenn das alles eine Falle ist, wenn sie uns einfach aus dem Versteck locken wollen?«
Henri nickt. »Weißt du, wenn in dem Artikel irgendwas über uns erwähnt worden wäre, hätte mir das zu denken gegeben. Aber da war nichts. Es ging um ihre Eroberung der Erde, es gab den Vergleich mit Lorien. Daran ist so vieles, was wir nicht verstehen. Du hattest recht, als du vor ein paar Wochen sagtest, wir seien so leicht besiegt worden. Das stimmt. Und es ergibt keinen Sinn, genauso wenig wie die ganze Sache mit dem Verschwinden der Ältesten. Sogar dich und die anderen Kinder von Lorien wegzubringen, was mir bisher nie fragwürdig erschien, kommt mir auf einmal seltsam vor. Und obwohl du gesehen hast, was geschah – und ich hatte die gleichen Visionen –, fehlt immer noch etwas an der Gleichung. Wenn wir eines Tages zurückkommen, müssen wir unbedingt verstehen, was geschehen ist, damit es nicht wieder geschehen kann. Du kennst die Redensart: Wer die Geschichte nicht versteht, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen. Und wenn sie sich wiederholt, werden die Einsätze verdoppelt.«
»Okay«, sage ich. »Aber nach dem, was du Samstagabend erklärt hast, scheint die Chance unserer Rückkehr täglich kleiner zu werden. Und du glaubst trotzdem, es lohnt sich?«
Henri zuckt die Achseln. »Es sind immer noch fünf andere dort draußen. Vielleicht haben sie ihr ganzes Erbe erhalten. Vielleicht bist du nur spät dran. Ich glaube, es ist am besten, für alle Eventualitäten zu planen.«
»Okay, und was planst du?«
»Nur einen Anruf. Ich bin neugierig, was diese Person weiß. Ich frage mich, warum er nicht weitergemacht hat. Eine von zwei Möglichkeiten: Entweder er hat keine andere Information gefunden und hat sich nicht mehr für die Geschichte interessiert – oder jemand hat ihn sich nach der Veröffentlichung geschnappt.«
Ich seufze. »Sei bloß vorsichtig!«
***
Ich ziehe eine Trainingshose und ein Sweatshirt über zwei T-Shirts, binde meine Tennisschuhe zu und strecke mich. In meinen Rucksack stecke ich die Sachen, die ich in der Schule tragen will, dazu ein Handtuch, Seife und Shampoo, damit ich duschen kann, wenn ich dort bin. Von jetzt an laufe ich jeden Morgen in die Schule. Henri glaubt angeblich, dass der zusätzliche Sport meinem Training guttut, doch in Wahrheit hofft er, dass das Joggen die fehlenden Teile meines Erbes aus ihrem Schlummer weckt – falls sie denn schlafen sollten.
Ich sehe zu Bernie Kosar hinunter. »Bist du zu einem Sprint bereit, Junge? Hm? Hast du Lust?«
Er wedelt mit dem Schwanz, gibt leise Töne von sich und läuft im Kreis, offensichtlich ist er aufgeregt.
»Bis später!«
»Hab einen guten Lauf«, sagt Henri. »Und sei vorsichtig auf der Straße.«
Vor der Tür empfängt uns kalte, frische Luft. Bernie Kosar bellt ein paar Mal ungeduldig. Ich jogge die Auffahrt hinunter, auf die Kiesstraße, der Hund trabt neben mir wie erwartet. Nach einer Viertelmeile sind wir aufgewärmt.
»Bereit, einen Gang zuzulegen, Bernie?«
Er achtet nicht auf mich, läuft nur mit heraushängender Zunge weiter und sieht absolut glücklich aus.
»Na schön, los geht’s!«
Ich erhöhe das Tempo, spurte und renne dann, so schnell ich kann. Bernie Kosar lasse ich mit einer Staubwolke hinter mir. Ich drehe mich nach ihm um, er läuft so schnell er kann, doch ich bin schneller. Der Wind bläst mir durchs Haar, die Bäume ziehen verschwommen vorbei. Das alles ist großartig! Plötzlich schießt Bernie Kosar in den Wald und ist nicht mehr zu sehen. Ich weiß nicht, ob ich halten und auf ihn warten sollte. Doch da springt er drei Meter vor mir aus dem Gebüsch heraus, schaut zu mir auf, die Zunge auf einer Seite, in den Augen, meine ich, eine gewisse Schadenfreude.
»Du bist ein komischer Hund, weißt du das?«
Nach fünf Minuten kommt die Schule in Sicht. Ich sprinte die letzte halbe Meile, strenge mich an, laufe, so schnell ich kann, weil es so früh ist, dass niemand hier draußen ist und mich sehen kann. Schließlich bleibe ich stehen, verschränke die Finger hinter dem Kopf und hole tief Luft. Bernie Kosar kommt dreißig Sekunden später, setzt sich neben mich und sieht mir zu. Ich knie mich hinunter und streichle ihn.
»Gut gemacht, Junge, ich gehe jetzt rein. Lauf heim. Henri wartet auf dich.«
Er beobachtet mich noch einen Augenblick, dann trabt er zurück. Dass er alles versteht … Verblüfft mache ich mich auf den Weg zu den Waschräumen.
***
Ich komme als Zweiter in die Astronomieklasse: Sam sitzt wie immer schon hinten im Klassenzimmer.
»Hey«, sage ich. »Keine Brille? Was ist los?«
Er zieht die Augenbrauen hoch. »Ich habe nachgedacht über das, was du gesagt hast. Wahrscheinlich ist es dumm von mir, sie zu tragen.«
Ich setze mich neben ihn. An
seine glänzenden Kopfaugen muss man sich erst mal gewöhnen. Ich
gebe ihm sein Heft von zurück und er
steckt es sorgsam in seine Mappe. Danach halte ich die Finger hoch
wie eine Pistole und gebe ihm einen Rippenstoß. »Peng!«
Er fängt an zu lachen, ich stimme ein. Keiner von uns kann aufhören. Immer wenn einer kurz davor ist, fängt der andere wieder an und das Ganze geht von vorn los. Wer hereinkommt, starrt uns an. Dann kommt Sarah, allein, schlendert leicht verwirrt zu uns und setzt sich neben mich. »Worüber lacht ihr zwei?«
»Ich weiß es nicht so genau«, sage ich und gluckse wieder ein bisschen.
Mark kommt als Letzter. Er sitzt auf seinem üblichen Platz, doch statt Sarah hat er jetzt ein anderes Mädchen neben sich. Ich glaube, sie ist ein Senior.
Sarah greift unter dem Tisch nach meiner Hand. »Ich muss mit dir über etwas reden.«
»Worüber?«
»Ich weiß, es ist ein bisschen kurzfristig, aber meine Eltern laden dich und deinen Dad zum Thanksgiving-Dinner morgen ein.«
»Oh Mann! Wahnsinn! Ich muss ihn fragen, aber ich weiß, dass wir keine Pläne haben, also nehme ich an, die Antwort ist Ja. Danke!«
Sie lächelt. »Großartig.«
»Weil wir nur zu zweit sind, feiern wir Thanksgiving meistens gar nicht.«
»Oh, bei uns ist das immer eine große Sache. Und meine Brüder werden vom College zu Hause sein. Sie wollen dich kennenlernen.«
»Woher wissen sie, dass es mich gibt?«
»Rate mal …«
Die Lehrerin kommt herein und Sarah zwinkert mir zu, dann beugen wir uns beide über unsere Notizen.
***
Henri wartet wie gewöhnlich vor der Schule auf mich. Bernie Kosar sitzt auf dem Beifahrerplatz und wedelt, sobald er mich sieht, mit dem Schwanz, der laut gegen die Tür schlägt. Ich rutsche zu ihm.
»Athens«, sagt Henri.
»Athens?«
»Athens, Ohio.«
»Warum?«
»Dort werden die Hefte von
geschrieben und gedruckt. Von dort werden sie verschickt.«
»Wie hast du das herausbekommen?«
»Ich habe meine Quellen.«
Ich sehe ihn an.
»Okay, okay. Drei E-Mails und fünf Telefonanrufe waren nötig, aber jetzt habe ich die Nummer. Das soll heißen, es hat ein bisschen Mühe gekostet, aber es war nicht zu schwierig, das festzustellen.«
Ich nicke und weiß, was er mir sagen will. Die Mogadori hätten es genauso leicht herausfinden können wie er. Und das bedeutet natürlich wiederum, dass alles für Henris zweite Möglichkeit spricht – dass jemand den Verleger erwischt hat, bevor die Geschichte sich weiterentwickelte.
»Wie weit ist es von hier nach Athens?«
»Zwei Stunden mit dem Auto.«
»Fährst du hin?«
»Ich hoffe nicht. Ich rufe zuerst an.«
Zu Hause greift Henri sofort nach dem Telefon und setzt sich damit an den Küchentisch. Ich setze mich ihm gegenüber und höre zu.
»Ja, ich rufe an, um mich
nach einem Artikel in vom letzen Monat
zu erkundigen.«
Eine tiefe Stimme antwortet, aber ich kann nicht verstehen, was sie sagt.
Henri lächelt. »Ja«, sagt er, und nach einer Pause: »Nein, ich bin kein Abonnent. Ein Freund von mir hat es abonniert.« Wieder eine Pause. »Nein, danke.« Er nickt. »Nun, ich interessiere mich für den Artikel über die Mogadori. In der neuen Ausgabe habe ich die angekündigte Fortsetzung nicht gefunden.«
Ich beuge mich vor und bemühe mich, etwas zu verstehen, mein Körper ist angespannt und steif. Als die Antwort kommt, klingt die Stimme aufgewühlt, verwirrt. Dann ist die Verbindung unterbrochen.
»Hallo?« Henri hält das Telefon weg vom Ohr, betrachtet es, dann versucht er es noch einmal. »Hallo?« Dann legt er es auf den Tisch und blickt mich an. »Er hat gesagt: ›Rufen Sie hier nicht mehr an.‹ Dann hat er aufgelegt.«