Kapitel 8

Gisela schlenderte durchs Wiesengras, ein Gänseblümchen zwischen den Fingern. Vor ihr flatterten Schmetterlinge von Wildblumen auf und tanzten einem weißen Schleier gleich durch die Luft, als wollten sie Gisela noch weiter auf die Wiese locken. Hummeln torkelten von Blüte zu Blüte. Wie angenehm die Sonne wärmte, die Gisela auf den Rücken schien!

Jemand beobachtete sie.

Jemand, der sehr nahe war.

Ihr wurde unbehaglich, und sie drehte sich um, bereit, wegzulaufen. Ein Mann kam auf sie zu, bei dessen großen Schritten das hohe Gras raschelte. Giselas Herz pochte schneller. Zuerst erkannte sie ihn nicht richtig, wagte kaum zu hoffen, doch sobald er näher war, wusste sie, dass ihr Herz recht gehabt hatte.

Dominic!

Er grinste und sah im strahlenden Sonnenlicht so wunderschön aus, dass sie nicht umhinkonnte, zu lächeln. Federleicht vor Freude, lief sie ihm entgegen und warf sich in seine Arme. Er hielt sie fest, zog sie an seine breite Brust und wirbelte sie herum, dass ihre Beine flogen. Es fühlte sich herrlich an, in seinen Armen zu sein.

»Ich liebe dich«, sagte er und küsste sie auf die Wange. »Ich liebe dich, mein süßes Gänseblümchen.«

»Und ich liebe dich.« Tränen liefen ihr über die Wangen. »Du hast mir gefehlt.«

Sanft ließ er sie wieder herunter. Solange er sie hielt, fühlte sie sich sicher, geliebt, vollkommen. Dominics Augen waren dunkel vor Verlangen, als er die Hände in ihr Haar tauchte, so dass er ihr Gesicht umfangen hielt. Ihr Atem schien aufzusteigen wie ein Schmetterling, zu schweben …

Dann neigte er den Kopf und streifte ihre Lippen mit seinen. Sie sollte ihn nicht küssen. Sie durfte es nicht! Ihn zu küssen war gefährlich, egal, wie sehr sie es wollte. Ihr Gewissen warnte sie, und dennoch machte seine köstliche Berührung sie wehrlos. Er küsste sie langsam, sinnlich, und sie konnte nicht anders, als seinen Kuss zu erwidern. Welch süße Versprechen sie kostete: Versprechen von Leidenschaft, von unendlicher Liebe.

Er atmete schwer, als er sie hinunter ins Gras legte, das ein weiches Bett für ihren spärlich verhüllten Leib formte. Sie sehnte sich nach seinen Berührungen, seinen Küssen, den Wonnen, die er ihr vor langer Zeit eröffnet hatte. Brennendes Verlangen regte sich in ihr. Sie begehrte ihn so sehr.

Er nahm ihr das Gänseblümchen aus der Hand und strich mit der Blüte über ihr Mieder. Seine Hand zitterte. »Liebe mich, Gisela! Sei mein, jetzt und für immer!«

Sie verzehrte sich nach seinen Zärtlichkeiten, und dennoch bekam sie Angst. »Dominic …«

»Süßes Gänseblümchen.« Seine Finger glitten über ihr Mieder zu ihrem Ausschnitt. Er steckte das Gänseblümchen zwischen ihre Brüste, bevor er die Wölbungen mit einem Finger nachmalte. »Erzähl mir, was mit dir passiert ist! Erzähl es mir!«

Hoffnungslosigkeit legte sich wie ein dunkler Schatten über ihre Freude. »Dominic …«

»Erzähl es mir!«

Als seine Hand über ihre rechte Brust glitt, erstickte das Entsetzen in ihr den letzten Rest von Glück. Sie wollte etwas sagen, ihn warnen, aber sie brachte keinen Ton heraus.

Der Stoff ihres Kleides löste sich auf, und ihre vernarbte Haut war entblößt.

Dominic verzog angewidert das Gesicht. Dann sah er ihr voller Ekel in die Augen und stieß sie weg.

Mit einem stummen Schrei wachte Gisela auf. Sie blinzelte die Tränen fort, die ihre Wimpern benetzten, und rang nach Atem. Ihr ganzer Körper bebte vor Angst.

Während sie aus dem Traum erwachte, bemerkte sie, dass sie nicht auf ihrem Strohbett lag. Der Duft von Seide stieg ihr entgegen, gemischt mit dem säuerlichen Gestank von Kerzenrauch. Giselas Stirn lag auf ihrer Armbeuge.

Sie war am Nähtisch eingeschlafen.

Benommen setzte sie sich auf und rieb sich den Nacken. Ein unangenehmes Kribbeln wie unzählige Nadelstiche jagte ihr durch die tauben Arme. Sie massierte die geschundenen Muskeln, während sie unglücklich auf das halbfertige Kleid sah, das sie im Schlaf zerknautscht hatte. Sie dankte Gott, dass sie es wenigstens nicht beschmutzt hatte.

Wie konnte sie einschlafen? Sie wusste doch, dass sie keine Zeit verschwenden durfte, um Crenardieus Auftrag fertig zu bekommen!

Draußen rollte quietschend ein Karren vorbei. Das Dorf erwachte, und alle machten sich an ihr Tagewerk, was bedeutete, dass sie eine ganze Weile geschlafen haben musste.

»Wie dumm, wie dumm!«, murmelte sie und strich sich das Haar aus dem Gesicht. Als sie von ihrem Hocker aufstand, bemerkte sie eine Pfütze aus Wachs in der oberen Ecke des Tisches. Es war aus dem Kerzenhalter übergelaufen und fast bis an den Stoff heran geflossen.

Erschrocken beugte Gisela sich vor und zog das Kleid weiter von dem Wachs weg. Dabei stieß sie mit einem Fuß gegen den Hocker, der laut scheppernd umkippte.

Gisela stöhnte. Sie könnte Ewan aufgeweckt haben, also musste sie jetzt eiligst das Kleid verstecken, ehe der Kleine kam, um nach ihr zu sehen. Bisher hatte sie es geschafft, das Versteck unter den Dielen vor ihm geheim zu halten, und es war besser, wenn er niemals davon erfuhr.

Zitternd faltete sie die Seide zusammen. Falls sie das teure Tuch beschädigte, schuldete sie Crenardieu einen Großteil ihrer sauer verdienten Ersparnisse. Fortan müsste sie viel vorsichtiger sein. Vor allem durfte sie nie wieder über der Arbeit einschlafen.

Sie hockte sich über die Bodenluke und legte das Kleid sorgfältig neben die zugeschnittenen Teile für den knöchellangen Umhang und den Restballen Seide. Als sie gerade die Dielen einlegen wollte, ging die Tür zum hinteren Zimmer auf.

Eilig sprang sie auf und eilte zur Tür, ehe sie zu weit geöffnet wurde.

Mit schlafzerzaustem Haar blinzelte Ewan sie an und rieb sich die Augen mit den Fäusten. »Mama, ich hab Krach gehört.«

»Ich habe versehentlich den Hocker umgeworfen, das ist alles. Leg dich wieder hin.«

Der Kleine runzelte die Stirn. »Wann bist du denn aufgewacht?«

»Vor einer Weile.« Das war nicht ganz ehrlich, aber eigentlich auch nicht gelogen.

»Darf ich mich zu dir in die Schneiderei setzen?«

»Heute Nachmittag, ja?« Sie zeigte auf sein Strohbett. »Geh wieder ins Bett. Ich wecke dich nachher.«

Er drehte sich langsam um, als wollte er ihr gehorchen. Doch ehe sie sich’s versah, wirbelte er blitzschnell herum und rannte kichernd in den Laden.

»Ewan!«, rief Gisela und hielt sich die Hand an die Stirn.

Sie erkannte genau, wann er das Loch im Boden sah, denn seine Schritte verstummten. Als sie sich zu ihm umwandte, hockte er neben der Luke und spähte hinein. Dann drehte er sich mit leuchtenden Augen zu ihr um. »Das ist ein Geheimversteck!«

Gisela nickte. »Jetzt, wo du es gefunden hast …«

»Sind da Drachen unten drin, Mama?«

Die Frage kam so überraschend, dass Gisela lachen musste. »Nein, Knöpfchen.«

Er ballte die kleinen Fäuste. »Weißt du das genau? Soll ich nicht lieber mein Schwert holen und nachgucken?«

»Nein, sollst du nicht.« Das Letzte, was sie heute Morgen gebrauchen konnte, war, dass er in die Luke krabbelte und nicht wieder herauskommen wollte. Wie sie ihren Sohn kannte, würde er das Versteck sogleich zu seiner Festung erklären. Sie ging an ihm vorbei, kniete sich hin und steckte ein Brett wieder an seinen Platz zurück.

»Och, Mama!«

Drei Bretter noch, dann war alles wieder wie vorher. »So.« Sie wischte sich die Hände am Rock ab und sah Ewan streng an. »Du darfst niemandem von dem Versteck erzählen, hast du gehört? Das ist ein ganz wichtiges Geheimnis. Versprich mir, dass du es niemandem verrätst!«

Ewan blickte mürrisch auf die Dielen. »Ich hab’s nicht mal richtig gesehen!«

»Versprich es, Knöpfchen!«

»Ja, ja, ich versprech’s.«

Gisela begab sich zurück an ihren Arbeitstisch, von dem sie ein paar Seidenfetzen, Wachs und blaues Garn fegte, bevor sie den Besen holte. Als sie sich wieder umdrehte, durchwühlte Ewan den kleinen Haufen, den Wachsklumpen in einer Hand haltend.

Ach du Schreck! Er würde ein neues Stück Seide haben wollen, wie sie es ihm vor Tagen um seinen Schwertgriff gewickelt hatte und dann wieder verschwinden ließ. Das wäre eine Katastrophe.

»Knöpfchen, geh dich bitte anziehen, solange ich hier fege.«

Er schloss die kurzen Finger um den Wachsklumpen, um ihn zu verbergen. »Ich will zugucken.«

Sie fegte mit dem Besen über seine nackten Füße, und er quiekte vor Schreck. »He!«

»Ich könnte dich aus Versehen auffegen, wenn du da stehen bleibst.« Wusch. »Ha! Schon wieder habe ich dich erwischt.«

Lachend hüpfte er zur Tür nach hinten. »Fang mich doch!«

Gisela tat, als würde sie ihn jagen. Dann verschwand er im anderen Zimmer. Leise vor sich hin lachend, fegte sie alle Abfälle auf und nahm sie mit nach hinten, wo sie ein Herdfeuer anmachte. Sie warf die Seide in die knisternden Flammen, die mit einem qualmenden Zischen verbrannte. Alle Beweise waren fort.

Sie summte vor sich hin, als sie an den Strohbetten vorbeischlenderte und mit dem Besenstiel sanft auf die Beule unter Ewans Decke tippte. »Gefangen!«

Er lugte unter der Decke vor. »Oh, Mama!«

Nachdem sie den Besen zurückgestellt und die Kerzen in ihrer Schneiderei ausgepustet hatte, machte sie ihnen beiden Brot mit Honig und half Ewan dann, seine Tunika und seine Hose anzuziehen. Eine bleierne Müdigkeit machte ihr die Lider schwer, doch darauf durfte sie nicht achten. Sie streifte Ewan die Tunika über den Kopf und gab ihm einen dicken Kuss auf die Wange. »Och, Mama!«, stöhnte er, obwohl seine Augen leuchteten.

Gisela strich ihm die Ärmel glatt und musste seufzen. Ihr fiel zum ersten Mal auf, dass die Tunika, die sie ihm vor zwei Monaten genäht hatte, bereits zu kurz an den Ärmeln war.

Aber das war momentan nebensächlich. Zunächst gab es Wichtigeres. Und war sie erst weit genug weg mit ihm, hatte sie alle Zeit der Welt, ihm neue Sachen zu nähen.

Ewan hockte sich auf die Bank, damit sie ihm die Schuhe schnüren konnte. Mit baumelnden Beinen sah er zu ihr hinunter, als sie vor ihm hockte, und fragte: »Wo gehen wir hin?«

Sie fing einen seiner Füße ein und steckte ihn in einen Schuh. »Wir müssen ein paar Besorgungen machen. Danach kommen wir wieder her, damit ich arbeiten kann.«

»Ich will draußen spielen. Weißt du noch, das große Feld …«

»Heute nicht.«

Er schmollte. »Du lässt mich nie draußen spielen.«

Aus gutem Grund, Knöpfchen. Eines Tages wirst du es verstehen und mir verzeihen.

Sobald sie ihm beide Schuhe angezogen hatte, stand Gisela auf. Sie ignorierte den erbosten Blick ihres kleinen Jungen und strich ihm über die Stirn und das unordentliche Haar. Selbst wenn sie ihn heute übers Feld laufen lassen könnte, fehlte ihr schlicht die Zeit. Sie musste das Kleid der Schmiedfrau fertig machen und einige Vorbereitungen treffen, denn wenn Crenardieu sie bezahlt hatte, wollte sie umgehend mit Ewan fliehen.

Und Dominic zurücklassen.

Der Gedanke schmerzte sie unerträglich, doch sie musste ihn verdrängen. Entschlossen nahm sie ihren Umhang vom Wandhaken.

»Darf ich Sir Smug mitnehmen, Mama?«

»Natürlich«, antwortete sie und legte sich den Umhang um. »Und jetzt hol deinen Mantel, Knöpfchen! Ich warte vorn an der Tür auf dich.«

Auf dem Weg durch die Schneiderei blickte sie sich um, ob auch nirgends mehr ein blauer Faden zu sehen war. Sie musste gähnen und hielt sich die Hand vor den Mund. Einen Moment später kam Ewan in den Laden gestapft, seinen Spielzeugritter unterm Arm. Kurz vor der Tür zog er sich die Kapuze über den Kopf.

»Sir Smug freut sich, dass er auch mitdarf. Er sagt, drinnen ist es langweilig, und er will Abenteuer.«

Gisela setzte ihre Kapuze auf und unterdrückte ein Kichern. »Na, dann kommt mal, ihr zwei kleinen Krieger!« Sie zupfte Ewans Kapuze weiter nach vorn, dann öffnete sie die Tür, und sie traten auf die Straße hinaus. Gisela schloss hinter ihnen ab.

Staub und Steine stoben beim Gehen unter ihnen auf. Hunde liefen in schmale Seitengassen, um nach Abfällen zu suchen, während ein paar Kinder in ein ausgedachtes Spiel mit Kieseln vertieft waren. Ewan blickte sehnsüchtig in ihre Richtung und wäre fast gestolpert.

Gisela strebte mit großen Schritten der Ladenstraße des Dorfes zu, wohin der köstliche Duft frischen Brotes sie lockte.

»Mama, du gehst zu schnell!«

Sie nahm Ewan an die Hand und zog ihn mit, als er an einem kleinen Holzstapel stehen blieb, um ihn sich anzusehen. Ein paar Häuser weiter, vorbei an einigen Leuten, die ebenfalls sehr früh zum Einkaufen unterwegs waren, befand sich ein Laden, der von einem sehr freundlichen Ehepaar betrieben wurde. Hier kaufte Gisela häufig Garn und Knöpfe, und die Besitzer hatten ihr sogar schon manche Kunden geschickt.

Das Fenster vorn war offen, wie Gisela erleichtert feststellte.

Ewans Finger zappelten in ihren. Wie leicht er sich ablenken ließ! »Mama …«

»Jetzt nicht, Ewan.«

Sie schritt an zwei Männern vorbei, die Pasteten aßen. Gewiss hatten sie sie gerade beim Bäcker gekauft.

»Mama!«

Seine Stimme klang verzweifelt, deshalb sah Gisela zu ihm. Ewan blickte ängstlich zu ihr und dann hinter sich, presste seinen Stoffritter fester an die Brust und drängte sich dicht an Gisela.

Diese Reaktion kannte sie sehr gut.

Sie schaute sich um und entdeckte Crenardieu, der gerade die beiden plaudernden Männer passierte. Sein Umhang berührte fast den Boden. Er sah erst sie an, dann Ewan.

Sofort wurde Gisela unbehaglich. Die Art, wie er ihren Sohn ansah, war fast … lüstern.

Sie drehte sich zu dem Franzosen und zog Ewan ganz nah zu sich, der sich ausnahmsweise nicht dagegen wehrte.

Crenardieu lächelte. »Bonjour.«

»Guten Morgen.« Sie nickte höflich und wollte weitergehen, aber er stellte sich ihr in den Weg.

Ihr wurde zusehends unheimlich. Andere Leute auf der Straße beobachteten sie. Wahrscheinlich waren es Crenardieus Schergen.

Lass ihn nicht merken, dass du Angst hast!, ermahnte sie sich und reckte das Kinn. Finde heraus, was er will, und geh so schnell wie möglich weiter!

Leider entging Crenardieu wohl nicht, dass ihr nicht wohl war, denn er lächelte noch schmieriger. »Ich würde gern mit dir sprechen. Hast du einen Moment Zeit?«

Nein!, schrie es in ihr. Aber sie durfte ihn nicht schroff abweisen, denn sie brauchte sein Geld. »Ja«, antwortete sie lächelnd.

Seine Hand berührte ihren Ellbogen, worauf ihr kalte Schauer über den Rücken liefen, und er führte sie ein Stück zur Seite, neben ein leeres Geschäft, dessen kaputtes Fenster mit einem Vorhängeschloss gesichert war. Gisela erinnerte sich, dass hier der Töpfer gearbeitet hatte, in dessen Laden unlängst eingebrochen worden war. Nachdem seine gesamten Waren ruiniert worden waren, schloss er das Geschäft und verließ Clovebury.

Nun klaffte hinter dem Fenster nur ein dunkler leerer Raum.

»Sehr schön.« Sein Mund lächelte, aber seine Augen blickten eisig. »Ich wollte dich später noch besuchen, denn ich hätte nicht erwartet, dich zu sehen, wie du durchs Dorf spazierst.«

Wieder fiel sein Blick auf Ewan. Gisela schob den Kleinen hinter sich, außer Sicht des Franzosen, bevor sie entgegnete: »Wir müssen nur ein paar Besorgungen machen.«

Crenardieu nickte. »Wie kommst du mit meinem Auftrag voran?«

»Das Kleid ist beinahe fertig, und beide Gewänder werden nächste Woche zur Abholung bereit sein wie vereinbart.«

Crenardieu wurde ernst. »Ach, aber leider brauche ich sie in zwei Tagen.«

Gisela war es unmöglich, ihren Schrecken zu verbergen. »Was?«

»Ich hole alles vor Morgengrauen bei dir ab, zusammen mit der übrigen Seide. Oui?«

Ihre Gedanken überschlugen sich, während sie nach einer Antwort suchte.

»Eine bedauerliche Änderung im Plan, zugegeben, doch so ist es.«

Gisela hatte alle Mühe, nicht rot vor Zorn zu werden. So höflich wie möglich sagte sie: »Sie wissen, dass ich tagsüber nicht an Ihrem Auftrag arbeiten kann, denn Sie wünschten selbst, dass ich es nicht tue. Sie verlangten von mir, alles geheim zu halten, ohne mir zu erklären, warum.«

Ein gefährliches Funkeln zeigte sich in den Augen des Franzosen, und sogleich bereute Gisela, dass sie ihn provoziert hatte. Es war ihr einfach herausgerutscht. »Es ist unnötig, dass du den Grund weißt. Deine Aufgabe ist, die Kleider zu nähen, und das mit der Kunstfertigkeit, deren man dich rühmt.«

Seine Schmeichelei steigerte nur ihr Unbehagen. Zu gern hätte sie gefragt, ob die Seide gestohlen war, denn diese Frage nagte an ihr. Nur könnte sie damit ihren Handel mit ihm gefährden, und sie durfte nicht riskieren, dass er ihr die unfertigen Sachen wegnahm und ihr der Lohn entging.

»Na, na! Sieh mich nicht so an, Anne, als hätte ich dich gebeten, ein Verbrechen zu begehen. Es wäre ein Jammer, meinem Kunden die Überraschung für seine Frau zu verderben, indem sich herumspricht, woran du arbeitest.«

»Das stimmt«, entgegnete Gisela, obwohl ihr gar nicht wohl war. »Verlangt Ihr Kunde, dass die Sachen früher fertig sind?«

Der Franzose nickte kaum merklich.

»Vielleicht können Sie ihm erklären, dass ich bis nächste Woche brauche, wenn die Arbeit so gut wie möglich gemacht werden soll …«

Crenardieu zuckte mit den Schultern, dass sein Umhang raschelte. »Ich hätte nicht gedacht, dass diese kleine Änderung so schwierig für dich ist. Falls du die Kleider nicht fertigstellen kannst …«

Werde ich jemand anders finden, der die Arbeit erledigt, und du bekommst kein Geld, beendete sie den Satz für ihn im Geiste. »Ich tue, was Sie verlangen.«

»Schön«, sagte er lächelnd. »Es wäre mir gar nicht angenehm, wenn die falschen Leute erfahren, dass du unzuverlässig bist – oder«, fügte er leiser hinzu, »wo genau du dich gerade aufhältst.«

Seine Worte trafen sie wie ein Schlag, und sie erzitterte so sehr, dass sie beinahe gegen die Mauer gesunken wäre.

In letzter Minute stützte sie sich mit einer Hand an dem Stein hinter sich ab und raffte all ihre Kraft zusammen, um ruhig zu bleiben. »Was meinen Sie?«

Er grinste frostig. »Ach komm, Anne!«

Wie er ihren Namen betonte, war beängstigend. O Gott, o Gott! Wusste er, wer sie war?

Und wenn ja, wer wusste es dann sonst noch?

Sie atmete angestrengt und kämpfte gegen den Drang, Ewan zu packen und wegzurennen. Zugleich aber regte sich ihre trotzige, verwundete Ader. Sie hatte alles getan, was der Mann von ihr wollte, also war es eine Frechheit, wie er mit ihr redete! Nein, sie würde sich seine Unverschämtheit nicht gefallen lassen, schon gar nicht vor Publikum – und das, wie sie jetzt feststellte, hatten sie durchaus. Die Umstehenden beobachteten sie teils amüsiert, teils unverhohlen neugierig.

Vielleicht hatte Crenardieu keine Ahnung, wer sie war, sondern wollte sie lediglich verunsichern. Oder aber er hatte Gerüchte von einem seiner Geschäftsfreunde gehört und stellte sie aufs Geratewohl auf die Probe.

Tu so, als wüsstest du nicht, wovon er redet! Mogel dich da raus! Du schaffst es, Gisela!

Mittels purer Willenskraft brachte sie ein verwundertes Lächeln zustande. »Ihre Worte verwirren mich. Sie wissen doch, dass mein Name Anne ist.«

»Schon«, sagte er mit einem grausamen Funkeln in den Augen. »Aber ist es auch dein richtiger Name?«

Ewan zupfte hinten an ihrem Umhang. »Mama! Dein Name ist …«

Sie drehte sich zu ihm um und fuhr ihn an. »Ewan!« Vor Schreck riss der Kleine die Augen weit auf. Es tat ihr leid, aber sie konnte kaum ihre eigene Angst im Zaum halten. Als sie sich wieder dem Franzosen zuwandte, drückte sie ihrem Sohn die Hand. Später würde sie sich bei Ewan dafür entschuldigen, dass sie ihn angeschrien hatte. Jetzt jedoch brauchte sie ihre gesamte Kraft, um sie beide zu schützen.

Sie blickte Crenardieu in die Augen und sagte: »Bitte sagen Sie mir, was Sie von mir wollen. Ansonsten entschuldigen Sie mich bitte, denn ich möchte meine Besorgungen machen.«

Bevor er den Blick abwandte, erkannte sie einen Anflug von Bewunderung in seinem Blick. »Wir im Tuchhandel kennen uns untereinander recht gut, das ist wichtig für unser Geschäft.« Er fingerte an seinen Ringen. »Entsprechend weiß man in unseren Kreisen, dass Ryle Balewyne nach seiner entflohenen Frau und seinem Sohn sucht.« Erst jetzt sah er sie wieder an. »Nach euch.«

Sie wollte ja leugnen, aber vor lauter Angst kam ihr keine Silbe über die Lippen.

»Enttäusche mich nicht!«, warnte der Franzose sie und wandte sich ab. »Zwei Tage, Gisela!«