Kapitel 16

Als käme er aus einem dichten Nebel, nahm Dominic nur langsam alle Geräusche um sich herum wahr: Stiefel, die über festen Boden scharrten, Gemurmel, Lachen, das Knistern eines Feuers.

Er war nicht mehr auf dem Pferderücken, sondern lag mit geschlossenen Augen bäuchlings auf der Erde, die nach Moder und verrottendem Laub roch. Ein Luftzug wehte über ihn hinweg, der von irgendwo vor ihm kam – einer Tür oder einem offenen Fenster – und ihm Stirn und Hände kühlte. Seine Finger waren in den Schmutz gepresst.

Er krümmte sie vorsichtig, bis er die Erdkrümel unter seinen Nägeln spürte, und dankte allen Heiligen, dass er nicht im Delirium war und sich alles bloß einbildete. Dann bewegte er die Hände ein klein wenig, um die Erde genauer zu betasten. Ein vager Schmerz machte ihn lächeln. Gut. Er hatte immer noch Gefühl in den Händen. Seine Arme waren zwar bleischwer, aber es waren keine Knochen gebrochen.

Als Nächstes überprüfte er seine Füße sowie die Beinmuskeln. Zu seiner Erleichterung schien sein Körper vollständig intakt. Nun wagte er, den Kopf ein bisschen zur Seite zu drehen. Eine verklebte Locke fiel ihm ins Gesicht, doch obwohl sie ausgerechnet auf seinem blauen Auge landete, ignorierte er sie und blinzelte ins Halbdunkel. Einige Meter entfernt brannte ein frisch aufgeschichtetes Lagerfeuer in einem Steinkreis, um das mehrere von Crenardieus Schlägern herumsaßen und sich unterhielten.

Unvorsichtige Halunken! Sie bemerkten gar nicht, dass er wach war. Noch dazu hatten sie ihm die Fesseln abgenommen, weil sie wohl glaubten, er bliebe eine ganze Weile länger ohnmächtig. Diesen Fehler musste er zu seinem Vorteil nutzen.

Schlagartig machte er sich entsetzliche Vorwürfe. Er hatte sich fest vorgenommen, wach zu bleiben, damit er alle Informationen bekam, die er brauchte, um einen Sieg für Geoffrey zu erringen. Und er hatte geschworen, Gisela und Ewan zu retten. Trotzdem hatte er seinen Verletzungen nachgegeben, hatte Geoffrey, Gisela und Ewan im Stich gelassen.

Er wollte schlucken, doch sein trockener Mund, in dem er immer noch Blut schmeckte, verweigerte ihm den Dienst. Ein Bild von seinem Vater tauchte in seinen benebelten Gedanken auf. Er wollte es ignorieren, aber es blieb einfach da – so unbarmherzig, wie es der Mann gewesen war, der sich sein Vater nannte.

Wieder fühlte Dominic sich um Jahre zurückversetzt, zu jenem Moment auf den windigen Zinnen der Burg seines Vaters. Und dieser zuckte auf die vertraute strenge Art mit den Schultern und sagte: »Du enttäuschst mich, Dominic. Du wirst deinem Bruder nie ebenbürtig sein.« Sein Mund, der so rasch Lob für Dominics älteren Bruder hervorbrachte, war jetzt nur zu einem missbilligenden, bitteren Lächeln verzogen.

Prompt empfand Dominic dieselbe Wut und Verachtung wie an jenem Tag. »Vater, er und ich sind sehr unterschiedlich.«

»Bei Gott, hörst du mir endlich zu? Wann wirst du aufhören, das Leben eines rücksichtslosen Narren zu führen, und dich deinen Pflichten stellen? Du bist der Sohn eines Lords. Mein Sohn! Du bist es der Familie schuldig, das zu tun, was deine Abstammung von dir verlangt! Falls nicht, enttäuschst du uns alle – ganz besonders mich.«

»Bei allem gebührenden Respekt, Vater, jemand muss sich um Mutter kümmern. Sie … ihre Krankheit schwächt sie jeden Tag mehr.«

»Ich weiß.« Dominics Vater blickte hinaus über das Land. Sein silbergraues Haar war von derselben Farbe wie der Stein hinter ihm. »Sie füllt dir den Kopf mit Geschichten, aber Märchen, Dominic, gewinnen weder Schlachten noch schlagen sie den Feind nieder. Einzig ein begabter Krieger kann seiner Familie und seinem König von Nutzen sein.«

»Ich schwinge das Schwert und schieße den Bogen gut genug, Vater.«

Sein Erzeuger seufzte ungeduldig. »Nicht so gut wie dein Bruder.«

Es gab einen dumpfen Knall: ein Scheit, der in dem Feuer heruntergerutscht war. Dominic blinzelte und hatte Mühe, wieder richtig klar zu werden. Angestrengt bemühte er seinen benommenen Verstand, um sich zu konzentrieren. Hinter seiner Stirn hämmerte es.

Er durfte seine Gedanken nicht wieder abschweifen lassen, sondern musste seine Flucht planen. Schließlich hatte er Geoffreys Auftrag zu erfüllen. Und er musste zu Gisela zurück, um sie und Ewan in Sicherheit zu bringen. Sein Ziel sollte der Triumph sein, nicht das Versagen.

Also blickte er hinüber zu den Männern am Feuer, die dicht beieinanderhockten und redeten. Im Stillen betete er, dass sie so bleiben mochten. Hatte er erst seine Kräfte gesammelt, würde er aufspringen, hinüberlaufen und ihre Köpfe zusammenknallen. Damit wären zwei ausgeschaltet, und ein paar andere …

Schritte näherten sich. Ein Schauer lief Dominic über den Rücken, als ihn ein Luftzug streifte.

»Er ist wach.«

Crenardieu.

Dominic schloss die Augen und öffnete nur das unversehrte einen winzigen Spalt weit. Die teuren Lederstiefel des Franzosen erschienen vor ihm. Crenardieu blieb keine Handbreit vor Dominics Gesicht stehen, nahe genug, dass er den Staub auf den Stiefeln riechen konnte.

Die Schläger am Feuer sprangen eilig auf.

»Idioten!«, schimpfte Crenardieu. »Ich sagte euch doch, ihr sollt mir Bescheid geben, wenn er aufwacht!«

»Wir haben’s nicht gemerkt.«

»Der hat sich gar nicht gerührt«, entschuldigte sie ein anderer, »und keinen Mucks gemacht.«

»Non, dazu ist er zu klug«, murmelte Crenardieu. Bevor Dominic zurückweichen konnte, holte der Franzose mit einem Fuß aus und trat ihm gegen den Arm. Dominic biss sich auf die Zunge, um nicht zu schreien.

»Setz dich hin!«, befahl Crenardieu.

Schmor in der Hölle!, dachte Dominic, schloss sein Auge und lag vollkommen regungslos da, als wäre er noch nicht wieder bei sich.

Ein unheimliches Knirschen, gefolgt von Stoffrascheln, verriet ihm, dass Crenardieu sich bewegt hatte. Wollte er noch einmal zutreten? Dominic öffnete wieder vorsichtig ein Auge und sah, dass der Franzose vor ihm hockte, den Umhang um sich im Schmutz ausgebreitet.

Ihre Blicke begegneten sich.

Crenardieu lächelte. »Ich gebe dir noch eine Chance, oui? Setz dich hin!«

Dominic rang sich ebenfalls ein Lächeln ab, während er den ganzen Körper zum Sprung bereit anspannte. »Eigentlich finde ich es hier recht gemütlich.« Er klopfte mit der Hand auf die Erde. »Viel besser als auf dem trampeligen Gaul.«

Crenardieu runzelte die Stirn. Seine Faust flog auf Dominics Kopf zu.

Im selben Moment richtete Dominic sich in die Hocke auf. Er ächzte, als sich alles um ihn herum drehte. Aber wenigstens schlug die Faust ins Leere. Der Franzose verzerrte das Gesicht vor Wut, und Dominic trat zu. Sein Fuß rammte in Crenardieus Knie. Der guckte perplex, bevor er mit wedelnden Armen nach hinten kippte.

Jeder einzelne von Dominics Muskeln schrie vor Schmerz, doch er konnte aufstehen. Blinzelnd sah er sich nach einer Tür oder einem Fenster um … irgendeinem Ausweg aus diesem Gebäude, bei dem es sich anscheinend um eine verfallene Hütte handelte.

»Haltet ihn auf!«, keuchte Crenardieu.

Männer kamen auf ihn zugestürmt.

Metall pfiff – das Geräusch von einem Schwert, das gezogen wurde.

»Teufel noch mal!«, murmelte Dominic, der an dem Feuer vorbeirannte. Sein Körper bäumte sich gegen jede Bewegung auf, und wieder war da dieses enervierende Schrillen in seinen Ohren.

Die Schurken umzingelten ihn, und eine Schwertspitze drückte gegen seine Kehle.

Dominic erstarrte. Der Raum um ihn herum geriet ins Schwanken, und ihm wurde übel. Er rang nach Atem, während er versuchte, das Würgen zu unterdrücken. Er würde sich nicht vor diesen Halunken übergeben.

Crenardieu tauchte wieder vor ihm auf, sein Schwert auf Dominics Hals gerichtet. Eine edle Klinge, frisch gewetzt. Ein Schnitt, und Dominic brauchte sich keine Gedanken mehr über seine schmerzenden Glieder zu machen.

Wieder versagt.

»Das Seil«, sagte Crenardieu, ohne die Augen von Dominic abzuwenden.

Der Dunkelhaarige brachte ein ausgefranstes Tau herbei, dessen eines Ende er beim Gehen um seine Hand wickelte. Das Geräusch, das es dabei verursachte, ließ Dominic die Nackenhaare zu Berge stehen, und seine Beine drohten nachzugeben.

»Ich nütze euch nichts, denn ich werde de Lanceau nicht verraten.«

Als der Franzose ein paar Schritte zurücktrat, kam sein Lakai vor, der das lose Ende des Seils wie eine Schlange zu Boden hängen ließ.

»Mutige Worte«, entgegnete Crenardieu, »aber ich bringe dich dazu, mir zu sagen, was ich wissen will – auf die eine«, er zeigte auf das Seil, »oder die andere Art.«

 

Gisela hielt Ewan fest an der Hand und eilte die Straße entlang. Die Häuser um sie herum waren in silbrig-wässriges Mondlicht gehüllt. Mit jedem Schritt schlug ihr die Tasche gegen die Hüfte, was ein dumpfes Klopfen hervorrief. Ihre Schneiderschere, die sie noch rasch auf dem Weg durch den Laden eingesteckt hatte, musste neben der Holzkiste gelandet sein.

Ärgerlich! Sie wollte schließlich nicht irgendwelche Diebe auf sich aufmerksam machen. Mit einem nervösen Seufzer drängte sie Ewan, schneller zu laufen, und klemmte ihren Beutel mit dem Arm fest. Die Münzen klimperten leise und erinnerten sie daran, wie dringend sie fliehen musste … und welche Wahl ihr bevorstand, die so real war wie die Schatten, die über ihnen lauerten.

Sie hatte genügend Silber, um einen Wagen mit Fahrer zu bezahlen, der sie auf Nimmerwiedersehen aus Clovebury brachte, auf dass sie sich den Traum erfüllte, der sie während der letzten Monate aufrechterhalten hatte.

»Mama.« Ewan zog an ihrer Hand. »Ich … Sir Smug hat Angst.«

Sie blickte in das Gesicht ihres Sohnes hinab und drückte seine Hand. »Wir schaffen das!«

Wir. Einst waren Dominic und sie ein »Wir« gewesen: in jenem Sommer, als sie zusammen auf der Wiese lagen.

Die Nachtbrise wehte ihr durchs Haar und machte sie blinzeln. Was war mit Dominic? Konnte er Crenardieus Leuten entkommen? War er schlimm verletzt?

Vielleicht war es närrisch, dass sie sich sorgte. Immerhin hatte er einen Kreuzzug überlebt. Schlau und kampferprobt, wie er war, würde er die Schurken bei erster Gelegenheit niedermachen, sie zwingen, ihm das Versteck der restlichen gestohlenen Seide zu verraten, und dann zurückkommen, um Crenardieu zu holen. Dominic war schließlich ein Krieger.

Ein Teil von ihr weinte stumm, während sie Ewan weiterzog. Trotz des Wunders ihres Wiedersehens mit Dominic und trotz des Sohnes, der die Frucht ihrer Liebe war, könnten sie niemals zusammen sein. Sie hatte Dominic wissentlich belogen und betrogen. Sie verdiente, von de Lanceau bestraft zu werden. Zudem könnte Dominic sich nie an eine gemeine Bürgerliche binden, die seinen Freund und Lord verraten hatte – selbst wenn sie die Mutter seines Sohnes war.

Vor langer Zeit hatte sie sich gerühmt, stets das Richtige zu tun. Das war, bevor Ryle ihr in die Brust geschnitten und gedroht hatte, Ewan und jedem anderen etwas anzutun, der ihr lieb und teuer war.

Hätte sie doch nur andere Wahlmöglichkeiten außer denen, die ihr die Verzweiflung diktierte!

Wieder zerrte Ewan an ihrer Hand. »Wohin gehen wir? Suchen wir Dominic?«

Ach, Knöpfchen! »Nein«, antwortete sie und hatte Mühe, ihre Stimme zu beherrschen. »Du und ich, wir reisen weit weg von hier.« Sie rang sich ein Lächeln ab. »Das wird ein Abenteuer.«

Jedes einzelne Wort tat ihr weh. Zwar war Dominic wahrscheinlich längst entkommen, aber liebeskrank, wie sie war, wollte sie, musste sie unbedingt wissen, ob es ihm gutging.

Was, wenn er seinen Entführern nicht entfliehen konnte? Wenn er immer noch geschlagen wurde oder … Schlimmeres? Ein unerträglicher Gedanke!

Ewan blieb so abrupt stehen, dass er sie beinahe umriss. »Ich will zu Dominic!«

Es brach ihr das Herz, ihn so verzweifelt zu sehen. Im Mondlicht glänzten Tränen in seinen Augen. »Ich weiß, dass du das willst, Knöpfchen.«

»Wir müssen ihn suchen.«

»Ewan …«

»Er braucht uns, Mama!«

Er braucht uns. Die Worte rührten an ihr Innerstes, an jenen Teil, der auf ewig ihrer Liebe zu Dominic vorbehalten war. Ja, antwortete dieser Teil, er braucht dich.

Auf einmal empfand sie eine neue Entschlossenheit, und sie hatte das Gefühl, sie könnte doch noch das Richtige tun. Ja, das war es!

Diese Erkenntnis kam so überraschend und klar, dass Gisela zitterte. Der nächste Windhauch trug disharmonischen Gesang von der Taverne herbei, und Gisela lächelte. Unter den Männern im Stubborn Mule würde sie gewiss einen Fahrer mit Wagen finden, der sie für ein paar zusätzliche Münzen bei Nacht fuhr.

Sie würde bezahlen, was verlangt wurde.

»Komm mit!«, sagte sie zu Ewan und zog ihn weiter in die nächste Straße.

Schritte und Schlurfen waren aus der Finsternis weiter vorn zu vernehmen. Jemand kam energischen Schrittes auf sie zu.

Könnte es einer der Männer sein, die sie mit Ada niedergeschlagen hatte? War einer von ihnen zu sich gekommen, hatte Ada überwältigt und war ihr nachgeeilt? Hatte er womöglich ihr Gespräch mit angehört?

Gisela sah zu Ewan und drückte einen Finger auf ihre Lippen, bevor sie ihn zur Seite eines nahen Hauses zog. Dort konnten sie sich im Schatten verkriechen. Mit etwas Glück ging der Mann einfach an ihnen vorbei.

Während sie noch auf die Hausnische zueilte, befreite Ewan seine kleinen Finger aus ihrer Hand. Erschrocken drehte Gisela sich um und wollte wieder nach ihm greifen, doch er ging ins Mondlicht hinaus.

Ewan stand für jedermann sichtbar da, die Beine leicht gespreizt, Sir Smug über seiner rechten Schulter und sein Schwert vorstreckend. Er rief: »Wer da?«

»Ewan!«, flüsterte Gisela unglücklich.

»Keine Angst, Mama! Ich beschütze dich.«

Ein verwundertes »Hmmpf« ertönte aus der Dunkelheit, dann erschien eine große breitschultrige Gestalt und blieb vor Ewan stehen. Haar und Kleidung des Mannes schimmerten gespenstisch weiß.

Der kleine Junge riss den Mund weit auf. Sein Holzschwert schwankte in der Luft, und er stolperte rückwärts. »Ein Geist!«, hauchte er.

Gisela lief zu Ewan, schob ihn hinter sich und starrte den Mann an, der große Ähnlichkeit mit dem Bäcker hatte. Aber warum sollte er mitten in der Nacht durchs Dorf stapfen, noch dazu mit weißem Puder bedeckt?

Der Bäcker stemmte die Hände in die Hüften, worauf eine feine weiße Staubwolke von ihm aufstob. »Dass ich euch hier auf der dunklen Straße treffe!« Er sah erst Gisela, dann Ewan an, der scheu an ihr vorbeilinste.

»Dich hätten wir auch nicht erwartet«, entgegnete Gisela. »Ist etwas passiert?«

Der Mann nickte, als wollte er ihr bedeuten, sie solle ihn doch bloß genauer anschauen. »Das kann man wohl sagen, Anne, o ja, es ist etwas passiert!« Er fuhr sich seufzend mit der Hand durchs Haar und setzte damit eine weitere weiße Staubwolke frei.

»Warum siehst du denn wie ein Gespenst aus?«, fragte Ewan.

»Weil ein paar lumpige Diebe in meinen Laden eingebrochen sind. Ich war in der Taverne, um mit ein paar Freunden ein Bier zu trinken. Erst als ich wiederkam, sah ich die Bescherung.«

»Das tut mir leid«, sagte Gisela, die sich nur zu gut vorstellen konnte, welche Verwüstungen die Schurken angerichtet hatten.

»Sie haben mein Fenster eingeschlagen, meine Tische zu Kleinholz gemacht, mir alle Brote ruiniert und«, der Bäcker zeigte auf den weißen Puder an seiner Kleidung, »die meisten meiner Mehlsäcke zerschnitten. Einen Monat wird es mich kosten, um den Schaden wieder hereinzuholen, mindestens.« Kopfschüttelnd fuhr er fort: »Sie müssen weggerufen worden sein, bevor sie fertig waren, denn ein paar Sack Mehl sind noch übrig, und mein Pferdefuhrwerk haben sie auch in Ruhe gelassen. Das hätten sie sicher gestohlen, wären sie nicht gestört worden.«

Und Gisela glaubte auch zu wissen, was sie davon abgehalten hatte, den Bäcker vollends zu ruinieren: Sie waren abgerufen worden, um Dominic zu verprügeln und zu entführen.

»Das ist alles seine Schuld«, knurrte der Bäcker. »Dieser verräterische, aufgeblasene …«

»Crenardieu«, ergänzte Gisela nickend.

»Hä?« Der Bäcker runzelte die Stirn. »Doch nicht der französische Pinkel! Ich meine den Bettler, der gar keiner war. Meine Freunde sagen, sie haben ihn in der Taverne gesehen, mit ganz feinen Kleidern an.«

»Sein Name ist Dominic«, sagte Gisela. »Er …«

»Du kennst seinen Namen?« Der Bäcker hob einen mehligen Finger. »Anne, halt dich fern von ihm! Er ist ein …«

»Ritter im Dienste von Lord Geoffrey de Lanceau.«

Mitten im Satz verstummte der Bäcker staunend. »Was?!«

»Dominic wurde hergeschickt, um nach gestohlenen Tuchballen zu suchen. Er spionierte für de Lanceau.« Sie sah den Bäcker an und ergänzte: »Er tat seine Pflicht.«

Die erhobene Hand des Bäckers zitterte sichtlich. »Oh«, machte er, ballte die Hand zu einer lockeren Faust und räusperte sich. »Du meinst, ich habe einen unschuldigen Mann verprügelt – einen von de Lanceaus Leuten?«

Gisela nickte wieder.

»Ui«, machte Ewan.

Auf einmal wirkte der Bäcker kreuzunglücklich und wischte sich stöhnend über den Mund.

Im selben Moment kam Gisela ein rettender Einfall. Lächelnd berührte sie den Bäcker am Arm. »Mach dir deshalb keine Sorgen!«

»Wie soll ich mir wohl keine Sorgen machen? Mein Laden ist zerstört, und ich habe de Lanceaus Spion verdroschen!«

»Aber du hast dein Pferdefuhrwerk noch, oder?«

Er blinzelte. »Ja.«

Eilig holte Gisela ihren Beutel mit Münzen hervor und reichte ihn dem Bäcker.

Er riss die Augen weit auf. »Anne …«

»Mein richtiger Name ist Gisela«, erklärte sie.

»Gisela? Und wieso hast du mir gesagt, dass du Anne heißt? Warum …?«

»Das erkläre ich dir später.« Sie drückte ihm den Beutel in die Hand. »Das hier reicht, dass du deinen Laden wieder herrichten kannst und über den nächsten Monat kommst.«

»Wozu gibst du mir das? Was ist mit deiner Schneiderei?«, fragte der Bäcker verwirrt und sah Ewan an, der sich nun hinter Gisela hervortraute. »Du hast ein Kind großzuziehen.«

Gisela atmete tief durch. »Vor ein paar Tagen hast du gesagt, falls ich einmal Hilfe brauche, solle ich mich an dich wenden.«

»Stimmt.«

»Jetzt brauche ich deine Hilfe. Ich möchte dich bitten, uns nach Branton Keep zu bringen.«

»Zu de Lanceaus Burg?« Die Augen des Bäckers wurden noch größer. »Heute Nacht?«

Gisela nickte. »Ich muss so schnell wie möglich mit de Lanceau sprechen. Dominic könnte in großer Gefahr sein.«

Der Bäcker wiegte den Münzbeutel in seiner Hand. »Aber ich habe de Lanceaus Ritter verprügelt.«

»Bitte!«, flehte Gisela und ergriff seine Hände. Ihre Stimme klang brüchig, doch daran konnte sie nichts ändern. »Das sind all meine Ersparnisse. Ich bitte dich, hilf mir! Es ist das Richtige, du musst mir glauben. Und wenn wir gemeinsam Dominic retten können, wird er dir alles verzeihen.«