Kapitel 14
Inmitten ihrer verstreuten Schätze sank Gisela vor Ewan auf die Knie. Sie wollte schreien, als sie behutsam die getrocknete Gänseblümchenkette aufnahm, deren Blütenblätter und verdorrte Stengel ihr von den Fingern rieselten.
Zerstört.
»Mama!«, jammerte Ewan. »Ich wollte die nicht kaputt machen!«
Mit aller Kraft kämpfte Gisela gegen ihren Kummer an, blinzelte die Tränen fort und schloss die Finger um den ruinierten Schatz, bevor sie ihren Sohn ansah.
»Das weiß ich doch, Knöpfchen.«
Der Kleine schluchzte unglücklich. »Ich wollte ja bloß das Holz.«
Gisela seufzte.
Das kleine verdrehte Holzstückchen hatte er auf einem ihrer raren gemeinsamen Ausflüge auf dem Markt gefunden. Nachdem er eine Weile damit gespielt und dann das Interesse daran verloren hatte, hatte Gisela es in die kleine Kiste gesteckt – zu der Locke von seinem allerersten Haarschnitt, seinen ersten Schuhen und anderen kostbaren Erinnerungsstücken.
»Ich hab ein Scheit für Sir Smugs Lagerfeuer gebraucht«, schniefte Ewan verzweifelt.
Gisela entdeckte das Holzstück zwischen den anderen Sachen, nahm es auf und reichte es ihm. »Ich weiß, Knöpfchen, aber ich habe dir doch gesagt, dass du nicht einfach an meine Kiste gehen darfst.«
Ewan schluchzte weiter.
Ächzend hockte Ada sich neben die beiden. »Es ist meine Schuld. Ich hab ihm gesagt, dass er seinem Ritter eine Feuerstelle bauen muss.« Sie begann, die verstreuten Schätze einzusammeln. »Hätte ich gewusst, dass …«
»Mach dir keine Vorwürfe!«, fiel Gisela ihr ins Wort und hob die winzigen Schuhe aus braunem Leder auf.
Schniefend beugte ihr Sohn sich zu ihr, bis er mit Gisela auf Augenhöhe war, und schob ihr die Kiste hin. »Es tut mir leid, Mama.« Heulend schlang er seine Arme um sie, so dass seine Worte von ihrer Schulter gedämpft wurden, als er sagte: »Ich mach dir wieder eine Blumenkette – eine viel schönere!«
Nun wich Giselas Wut einer tiefen Trauer. Tränen kullerten ihr über die Wangen, als sie ihren Sohn umarmte, ihn fest an sich drückte und ihr Gesicht in seinem zerzausten Haar vergrub. »Du bist wirklich ein sehr ehrbarer Ritter«, flüsterte sie.
Unter den Schluchzern erbebte seine kleine Gestalt. »Ich hab dich lieb, Mama.«
»Ich hab dich auch lieb.«
»Obwohl ich die Kiste aufgemacht habe?«
»Ja.« Sie küsste ihn.
Ein lauteres Schniefen ertönte, und Gisela sah Ada an, die sich die Augen mit dem Ärmel abwischte. »Na, guck sich einer mich an! Ich heule wie ein Baby!«, sagte sie lachend.
»Ist schon gut!«, beruhigte Gisela alle und küsste Ewan. »Räumen wir lieber auf.«
Gemeinsam legten sie alle Sachen wieder zurück in die Kiste – alle bis auf die zerbröselte Gänseblümchenkette.
»Vielleicht kann man sie wieder ganz machen«, überlegte Ada mit Blick auf die erbärmlichen Krümel in Giselas Hand.
»Nein, das glaube ich nicht«, erwiderte Gisela. »Eine neue zu winden ist einfacher.«
»Einfacher schon«, pflichtete Ada ihr bei, »aber es wäre nicht dieselbe.«
Adas Entschlossenheit rührte Gisela sehr. Natürlich hatte ihre Freundin recht. Niemals könnte Gisela die Liebe und die Erinnerungen ersetzen, welche die von Dominic gewundene Kette für sie bewahrte.
Nachdem sie ihre Schatzkiste unter ihr Strohbett gesteckt hatte, brachte sie die Gänseblümchenkette zum Tisch, denn sie konnte die Überreste nicht einfach ins Feuer werfen. Sie legte sie gerade sanft ab, als es laut an ihre Ladentür hämmerte. Vor Schreck zuckte sie zusammen, sah zu der Tür, die ihren Wohnraum vom Geschäft trennte, und bekam Angst.
»Das ist Dominic!«, rief Ewan und kam zu ihr gelaufen.
»Ja, vermutlich ja.« Gisela wischte sich die Hände an ihrem Kleid ab. »Aber gewöhnlich klopft er nicht so.«
Die vorherigen Male, die er dich besuchte, wusste er auch nicht, dass du de Lanceaus blaue Seide hast. Jetzt kennt er die Wahrheit und kommt, um dir zu sagen, wie du dich Crenardieu gegenüber zu verhalten hast, wenn er morgen kommt – und welches dein Schicksal sein wird.
»Ich komme mit zur Tür«, sagte Ewan.
Ein dumpfer Schmerz erfüllte Gisela, die den Kopf schüttelte. »Knöpfchen …«
»Bleib du lieber bei mir«, mischte Ada sich ein, nahm die Schale mit Haselnüssen auf und schob ihre Münzen darunter, um sie zu verstecken, bevor sie Gisela zuzwinkerte.
Wieder klopfte es. Nein, es klopfte nicht, sondern jemand schlug mit der Faust gegen die Tür.
Gisela runzelte die Stirn. Dominic hatte kein Recht, so dreist fordernd aufzutreten!
O doch, hat er! Du bist eine Verbrecherin, Gisela. Schnell! Lass ihn ein! Mach ihn nicht noch wütender auf dich, als er es ohnehin schon ist!
Sie ging hinaus in den Laden, schloss die Tür zum Wohnraum hinter sich und eilte zur vorderen Tür. Zitternd griff sie nach dem oberen Riegel, ehe sie ein winziger Zweifel überkam. »Wer ist da?«, rief sie.
»Mach die Tür auf, Gisela!«
Crenardieu!
Gütiger Gott, was konnte er wollen?
Dominic würde jeden Moment zurückkommen, und sollte er Crenardieu hier sehen, würde er glauben, sie wollte ihn betrügen, indem sie dem Franzosen die Seide aushändigte.
Sie musste Crenardieu fortschicken.
»Ich bin gerade beschäftigt«, sagte sie durch die Tür. »Kommen Sie bitte morgen wieder wie besprochen.«
Von draußen drang unverständliches Gemurmel an ihr Ohr, gefolgt von einem hässlichen Rumms, als würde etwas gegen die Tür gerammt.
Ein Mann stöhnte, und das Geräusch ließ Gisela die Nackenhaare zu Berge stehen.
»Gisela«, ächzte eine heisere Stimme.
»Dominic?«
»Nicht auf…«, rief er, bevor seine Stimme abrupt abbrach.
Entsetzliche Angst packte sie, und sie presste ein Ohr gegen das Holz, um besser zu hören. »Dominic? Dominic! Antworte mir!«
»Er ist hier, Gisela«, antwortete Crenardieu statt seiner. »Lass uns rein!«
»Was … Geht es Dominic gut?«
»Oui.«
Ein gedämpfter Schrei war zu hören, wie von einem Mann, der etwas zu rufen versuchte, aber sogleich von einem Schaben und Schlurfen übertönt wurde.
Gisela konnte gar nicht anders, sie musste öffnen. Sie musste die Riegel zurückschieben, den Schlüssel umdrehen und die Tür aufreißen, Dominics Warnung hin oder her. Er war in Gefahr. Sie spürte die tödliche Spannung draußen buchstäblich durch das Holz hindurch.
Was war mit Dominic geschehen? Hatte Crenardieu herausgefunden, dass er für de Lanceau arbeitete? Falls ja, schwebte Dominic in Lebensgefahr.
Sie lehnte ihre Stirn gegen das rauhe Holz und strengte sich an, klar zu denken, ohne auf das Rasen ihres Pulses zu achten. Falls sie Crenardieus Forderung nicht nachkam, was würde er dann Dominic antun? Sie konnte doch nicht einfach hier stehen und zuhören, wie die Lakaien des Franzosen den Mann schlugen oder gar töteten, den sie liebte! Den Mann, den sie immer lieben würde, selbst wenn sie nie zusammen sein konnten.
Sollte sie allerdings gehorchen und den Franzosen hereinlassen, nahm er vielleicht die Seide mit. Er hatte ihr Lohn für das Kleid und den Umhang versprochen, den er ihr nun vermutlich verweigerte. Und sie hätte keine Möglichkeit, ihre Bezahlung einzufordern. Wahrscheinlich würde er sich mit dem Vorwurf herausreden, dass sie ihn mit Dominic gemeinsam in eine Falle gelockt hatte.
Vor allem aber hatte sie keine Handhabe, mit Crenardieu um Dominics Wohlergehen zu feilschen, war er erst einmal drinnen.
»Gisela!«, rief Crenardieu ungeduldig.
Noch mehr Scharren.
»Wer ist sonst noch bei Ihnen? Was machen Sie mit Dominic?«
»Mama?« Ewan zupfte an ihrem Ärmel.
Er hatte sich zu ihr geschlichen und starrte jetzt mit großen Augen zur Tür.
»Ewan!« Ada kam herbeigelaufen. »Du musst auf mich hören!«
Der Kleine entwand sich ihr. »Was ist denn los?«
Gisela drückte seine Hand und gab sich Mühe, ihn nicht anzuschreien. »Geh mit Ada wieder nach hinten, und komm ja nicht raus, egal, was du hörst!«
»Aber …«
»Hör auf mich«, sagte sie streng, »bitte!«
Wieder sah er zur Tür. »Dominic braucht Hilfe.«
»Aber du kannst nichts für ihn tun«, entgegnete sie. »Du musst jetzt ein starker Krieger sein, Knöpfchen. Ada braucht den Schutz eines Ritters.«
Ihre Freundin nickte und zog den Kleinen von ihr weg. »Wir passen gegenseitig auf uns auf, ja?«
Aufgebrachte Stimmen drangen von draußen herein, dann wieder ein lautes Rumms. Das Türholz knarzte.
Gisela hielt sich die Hand vor den Mund. Crenardieu befahl seinen Männern doch nicht etwa, ihre Tür einzuschlagen? Wusste er denn nicht, wie viel sie die Reparatur kosten würde?
»Crenardieu!«, schrie sie.
Noch ein Rumms. Holz splitterte. Die gusseiserne Halterung des obersten Riegels gab nach.
»Mama!«
Gisela wich zurück und schob Ada und Ewan nach hinten.
Rumms. Ein lautes Splittern erklang, dann schoss der Riegel aus der Tür und landete scheppernd auf dem Boden.
»Crenardieu!«, rief sie. »Aufhören!«
Es gab noch ein lautes Krachen, und das Schloss zerbarst. Nun gab auch der untere Riegel nach, worauf die Tür quietschend nach innen schwang.
Als Nächstes erschien Crenardieu auf der Schwelle, dessen zorniger Blick Gisela erstarren ließ. Hinter ihr knallte die Tür zum Wohnraum zu.
Der Franzose trat in ihren Laden. Auf sein energisches Nicken hin folgten ihm zwei seiner Männer, die Dominic zwischen sich hielten. Sein Kopf hing herunter, und er stolperte, als wäre er außerstande, sich allein aufrecht zu halten.
»O mein Gott!«, hauchte Gisela, die unweigerlich schluchzte.
Dominic hob sichtlich angestrengt den Kopf. Sein rechtes Auge war fast zugeschwollen, und Blut tropfte ihm von der Unterlippe. Die beiden Männer schubsten ihn grob nach vorn und grinsten, als er vor Schmerz stöhnte.
»Gisela«, ächzte er mit beängstigend matter Stimme, »sei … nicht …«
»Dominic!«, schluchzte sie und ging auf ihn zu. »Was haben sie mit dir gemacht?«
Crenardieu schwenkte eine Hand, worauf die beiden Männer ihn losließen. Dominic richtete sich mühsam auf und versuchte, die Schultern zu straffen, doch es schien ihn zu viel Kraft zu kosten, denn er sackte auf die Knie.
Mit einem stummen Schrei eilte Gisela zu ihm, kniete sich hin und strich ihm das Haar aus dem Gesicht. Ganz sanft legte sie ihre Hände an seine Wangen und hob sein Kinn vorsichtig an, damit sie ihm in die Augen sehen konnte. Sie fühlte eine klebrige Feuchtigkeit an ihren Fingern.
Blut.
Vor lauter Tränen erkannte sie ihn nur verschwommen. »Dominic!«
Er lächelte schwach.
»Warum haben sie dir das angetan?« Allmählich wich ihre Furcht rasender Wut. »Wie können Sie es wagen!«, zischte sie erbost und sah zuerst die beiden Schläger, dann Crenardieu an.
»Wie ich es wagen kann?« Crenardieu kicherte. »Ich hatte guten Grund dazu.«
»Welchen Grund?«, fragte sie barsch und verdrängte ihre Angst. Der Franzose wusste also, weshalb Dominic hier war. Er wusste, dass Dominic ihn und seine Schergen überführen wollte.
Sie sah weiter nur Dominic an, dessen Augenlider flatterten. Er war eindeutig kurz davor, ohnmächtig zu werden, wogegen er mit aller Macht ankämpfte, ebenso wie gegen den Schmerz, den er erleiden musste. Seine Finger krallten sich in ihre Ärmel, als wollte er unbedingt verhindern, dass er zusammenbrach.
Atemlos raunte er etwas, das dringlich klang, aber leider verstand sie ihn nicht.
Ich liebe dich, bedeutete sie ihm mit ihrem Blick, während sie ihm sanft über das Kinn strich. Dominic, ich liebe dich!
Ein sanftes Rascheln lenkte ihren Blick zu Crenardieu, der etwas aus seinem Umhang zog. Er hielt einen aufgerollten Pergamentbogen hoch, der mit Wachs versiegelt war. Das Siegel war gebrochen.
Verächtlich rollte der Franzose den Bogen auseinander. »›Mein teurer Freund und verehrter Lord Geoffrey de Lanceau‹«, las er hämisch. »›Mit größter Freude schreibe ich Dir, um Dir mitzuteilen, dass ich einen Teil Deiner gestohlenen Seide entdecken konnte.‹« Dann sah er zu Gisela. »Stellen Sie sich vor. Er ist gar kein unbedarfter Kaufmann, der nach Seide für einen Kunden sucht! Er ist de Lanceaus Spion.«
»Woher wissen Sie, dass er den Brief geschrieben hat?«, fragte Gisela. »Jemand hätte ihn ihm gegeben haben können.«
»Zeig’s ihr.«
Einer der Grobiane griff nach unten, packte Dominics Hand und hielt sie in die Höhe, damit Gisela sie sah. Schwarze Tinte befleckte Dominics Daumen und Zeigefinger.
»Er hat ihn geschrieben«, bekräftigte Crenardieu. »Eine Bardame im Stubborn Mule hat gesehen, wie er ihn schrieb.«
Dominic murmelte wieder etwas, diesmal lauter. Gisela sah ihn an. »Sag das noch einmal«, bat sie ihn. »Was?«
»Sei … vorsichtig«, hauchte er. »R…«
Der eine Lakai von Crenardieu trat ihn, und Dominic stöhnte.
»Aufhören!«, schrie Gisela. »Sie haben ihn schon schwer genug verletzt!«
Die beiden Männer tauschten Blicke und schnaubten verächtlich.
Zur offenen Tür drangen weitere Stimmen herein. Draußen mussten noch mehr Lakaien stehen, die wahrscheinlich Wache hielten oder auf Anweisungen warteten.
Gisela schickte ein Stoßgebet gen Himmel und nahm sich fest vor, sich gegen jeden zu stellen, der da noch lauern mochte.
Mit diesem Gedanken richtete sie sich auf und wandte sich zu Crenardieu. »Warum haben Sie Dominic verletzt und hergebracht? Ist das Ihre Art von grausamer Belustigung, einen Mann so zu misshandeln?« Ihre Stimme bebte vor Zorn. »Was immer Sie von mir wollen, ich lehne ab!«
Crenardieus Gesicht verzerrte sich zu einem üblen Grinsen. »Ach ja?«
»Ja.« Trotz ihrer Angst funkelte sie ihn wütend an. »Falls Sie die blaue Seide wollen, nehmen Sie sie, und gehen Sie sofort! Dominic bleibt hier. Sie werden ihm nichts mehr tun. Haben wir uns verstanden?«
Auch wenn sie am ganzen Leib zitterte, brachte sie die Worte sehr bestimmt hervor.
Crenardieu indessen hob die Brauen und lachte. »Ich bewundere deinen Mut, vor allem …« Sein Blick wanderte zu ihrer rechten Brust, »nach dem, was du bereits durchgemacht hast.«
Gisela stockte der Atem, als eine eisige Vorahnung sie von Kopf bis Fuß erkalten ließ. Woher wusste er von ihrer Narbe? Woher?
Mit einem schmerzverzerrten Stöhnen richtete Dominic sich auf. »Gisela, Rrr…«
Die beiden Männer rissen ihn im selben Moment das letzte Stück nach oben, in dem von draußen übles Gelächter erklang.
Dieses Lachen!
Es verfolgte sie in ihren Alpträumen. Es weckte sie mitten in der Nacht, wob sich in ihre sämtlichen Träume.
O Gott! O Gott!
Ihr Atem ging wieder, aber in kleinen Stößen, während ihr speiübel wurde. Dann vernahm sie ein unheimliches Pfeifen.
»Oui, Gisela. Ich würde sagen, es gibt einen Mann, der dich veranlassen kann, mit mir zusammenzuarbeiten«, sagte Crenardieu.
Gelähmt vor Angst beobachtete Gisela, wie ein großer silberhaariger Mann in ihren Laden kam.
Ryle.