Kapitel 11

Dominic entfuhr ein Seufzer, der seinesgleichen suchte. So erleichtert war er seit langem nicht mehr gewesen. Endlich vertraute Gisela sich ihm an. Und natürlich war es sehr viel besser, dass sie selbst den Entschluss gefasst hatte, statt dass er sie dazu überreden musste.

Er ließ die Hände zu seinen Seiten sinken und trat einen Schritt näher. »Ich danke dir, Gisela, dass du mir vertraust!«

Ihr Nicken war ein wenig zu ruckartig, so dass ihr das Haar über die Schultern rutschte. Er entsann sich noch, wie ihre seidigen Locken sich angefühlt hatten – ebenso daran, wie sie vor Jahren zu ihm aufgesehen hatte: das Leuchten grenzenloser Liebe und bedingungslosen Vertrauens in ihren Augen.

Die Stille wurde geradezu beklemmend. »Es geht um Crenardieu«, sagte er schließlich leise.

»Ähm … nein.«

Dominic stutzte. »Was meinst du mit ›nein‹?«

Sie senkte den Blick, so dass er ihr nicht mehr in die Augen sehen konnte. »Crenardieu hat nichts mit dem zu tun, was ich …«, erschaudernd rang sie die Hände, »… was ich dir sagen muss.«

Nicht nur glaubte Dominic ihr nicht, sondern ihn bedrückte, dass sie wohl doch nicht ehrlich zu ihm sein wollte. Er war so sicher gewesen, dass sie etwas über die verschwundene Seide wusste und dass Crenardieu hinter dem Diebstahl von Geoffreys Schiffsladung steckte.

Und sein Misstrauen fand er dadurch bestätigt, wie sehr Giselas Hände zitterten. Nun entfuhr ihr überdies noch ein seltsames Kichern. »Jetzt, wo der Moment gekommen ist, weiß ich nicht, wie ich anfangen soll.«

Ihre Stimme bebte so sehr, dass Dominic beinahe schon Mitleid mit ihr bekam. Sie wütend anzustarren dürfte sie jedenfalls kaum ermutigen, ihm zu erzählen, was sie wusste. Vielmehr sollte er ihr mit freundlichen Worten und Gesten Mut machen und ihr erklären, dass er sie nicht verurteilen würde. »Warum fängst du nicht damit an, woher du dein Wissen hast?«

Sie blinzelte, und Tränen glänzten in ihren Wimpern. »Woher ich es habe«, wiederholte sie und lachte wieder auf. »Ach Gott!«

Ihr merkwürdiges Verhalten zerrte an seinen Nerven. Geduld, Dominic! Er stemmte seine Hände in die Hüften, denn nur so konnte er sich davon abhalten, sie ihr auf die Schultern zu legen, sie zu schütteln und ihr auf diese Weise mehr zu entlocken.

Endlich holte sie tief Luft und sagte: »Es geht um … uns.«

»Uns?«, fragte er verwirrt, aber zugleich auch mit einem Anflug freudiger Erregung. Bilder aus der Vergangenheit tauchten in seinem Kopf auf.

»Um das, was zwischen dir und mir war … vor Jahren.«

»Dann hat es nichts mit der Seide zu tun?«, fragte er.

»Der Seide!« Sie wurde bleich. »Warum denkst du, ich könnte …«

»Warum sollte ich nicht? Bisher führt mich alles, was ich in Erfahrung bringen konnte, zu Crenardieu – und, mein süßes Gänseblümchen, zu dir.«

»Zu mir?« Ihr atemloses Flüstern hing eine Weile im Raum.

»Ja, zu dir.«

Sie hob eine Hand an ihren Hals und öffnete den Mund. Zweifellos wollte sie leugnen, brachte jedoch keinen Laut über die Lippen – nicht einen.

Stattdessen erkannte er ein ängstliches Flackern in ihren Augen, bevor sie sich sehr entschlossen umwandte und mit großen Schritten zur Tür marschierte. Dabei schwang ihr langer blonder Zopf auf ihrem Rücken hin und her.

»Gisela!«, rief er ihr nach.

Sie zuckte sichtlich zusammen, blieb aber weder stehen noch drehte sie sich zu ihm um.

»Lauf nicht weg!« Er eilte hinter ihr her.

»Weglaufen? Wieso sollte ich?«, entgegnete sie. »Zeig mir die Schurken, die mir nachspionieren! Frag sie nach der verfluchten Seide! Sie wissen viel mehr als ich.«

Vielleicht hätte er ihr geglaubt, würde sie nicht am ganzen Leib zittern. Und ihre Stimme … Die Verzweiflung darin sagte alles. Sie mochte einen starken Willen besitzen, doch ihr Körper verriet sie.

Gisela griff nach der Klinke und riss die Tür auf.

Im selben Moment war Dominic bei ihr, legte seine Hand auf ihre und schob die Tür wieder zu.

Sie stand ganz still da, wie erstarrt angesichts seiner Kraft. Ihr Atem ging in unregelmäßigen Stößen, was Dominic umso deutlicher spürte, als er leicht an ihren Rücken gelehnt war. Derweil blickte sie auf seine Hand.

Unwillkürlich spreizte Dominic die Finger ein wenig, um mehr von ihr zu berühren. Um sie zu fühlen. Vor Wonne wollte er stöhnen.

Gisela schluckte. Als er ihr Profil ansah, war er verlockt, ihren zarten Hals zu küssen. Dann wanderte sein Blick tiefer, zum betörenden Ausschnitt ihres Mieders, und er erschauderte fast. Bei Gott, er konnte gar nicht anders, er musste hinsehen!

Mit aller Kraft konzentrierte er sich wieder auf ihr Gesicht – die zarte Linie ihres Kinns, den rosigen Mund, die weiche Wange. Die reinste Vollkommenheit. Keine noch so hochgeborene Adlige könnte schöner sein!

»Crenardieus Männer …«, flüsterte sie.

»Ich möchte sie nicht fragen«, sagte er ebenso leise. »Ich möchte dich fragen.«

Ebenso wie ich dich fühlen und dich küssen möchte.

Genüsslich sog er ihren Duft nach Wärme und Sonnenlicht ein. Er schloss die Augen und ließ sich ganz davon erfüllen. Ihre Nähe wischte all seine Vorbehalte, all sein Misstrauen fort, bis nur noch brennendes Verlangen übrig war. Er drängte sich dichter an sie, so dass sein Oberkörper an ihrem Rücken lag, seine Lenden an ihrem Po.

Bei Gott, es war herrlich, sie endlich, nach so langer Zeit wieder zu spüren!

»Dominic!«, hauchte sie und beugte den Rücken nach vorn, um den Kontakt zu unterbrechen, was allerdings nur zur Folge hatte, dass sich ihr Leib an seinem rieb, flüchtig und verlockend wie Sonnenschein, der übers Wasser tanzt.

Intensive, alles verzehrende Hitze loderte in ihm, während er nichts anderes mehr wahrnahm als diese Berührung. Er bekam kaum noch Luft. Fasziniert blickte er auf ihr golden schimmerndes Haar, dessen weiche Locken seinen Blick geradewegs zu ihrem Busen führten.

Wie wunderbar sich ihre Brüste angefühlt hatten, als er sie damals mit den Händen umfangen hatte, so warm und prall!

Er neigte den Kopf und küsste sie aufs Haar.

»Hör auf!«, seufzte sie.

»Warum?«

»Bitte!« Es war nicht einmal mehr ein Flüstern, in dem Angst, aber auch Verlangen zu hören waren.

Dominic gehorchte den Stimmen in seinem Kopf nicht, die ihn anschrien, er solle ihrer Bitte entsprechen. Sie war verheiratet, tabu für ihn. Trotzdem leugnete sie, an einen Ehemann gebunden zu sein, und Dominic musste wissen, was sie ihm verheimlichte. Ritterlichkeit mochte im Umgang zwischen Mann und Frau durchaus ihren Platz haben, doch er war lange genug geduldig gewesen.

Er nahm seine Hand von ihrer, und sofort vermisste er die Wärme ihrer Haut – wenn auch nur für einen Moment. Nachdem sie den Türknauf zögernd losgelassen hatte, legte er beide Hände in ihre Taille. Der Stoff ihres Kleids fühlte sich grob an – ganz anders als die Kleider, die sie in jenem Sommer getragen hatte.

Doch das minderte seine Erregung nicht. Mir ist gleich, dass du sehr schlicht gewandet bist. Ich weiß schließlich, wie seidig zart deine Haut ist, denn ich durfte sie streicheln. Ich habe sie gekostet. Und ich küsste die sonnengewärmte Stelle unter …

»Nein!«, rief sie, als hätte sie seine lüsternen Gedanken gehört, entwand sich ihm und wich blitzschnell zur Seite aus.

Mehrere Schritte entfernt stand sie da, die Finger in ihren Rock vergraben, und sah ihn an. Was in ihren Augen funkelte, war keine Wut, sondern Leidenschaft.

»Komm zurück, Gisela!«, flüsterte er.

»Fass mich nicht noch einmal an!« Ein schluchzendes Flehen.

Und eine Lüge.

»Ich muss«, erwiderte er und ging auf sie zu. »Ich kann gar nicht anders.«

Sie machte ein paar Schritte rückwärts. »Nein! Mich zu berühren …«

»… ist alles, was ich will, seit ich dich in dem Stall sah.«

»… ist gefährlich! Ich erlaube es dir nicht.«

»O doch, Gisela, das tust du!« Er überwand die verbliebene Distanz zwischen ihnen.

Gisela stieß bereits hinten an den Nähtisch, so dass sie nicht weiter ausweichen konnte. »O Gott!«, hauchte sie und blickte sich hilflos um. Doch sie konnte nirgends hinfliehen.

Dominic stand unmittelbar vor ihr, legte die Hände an ihre Wangen und sorgte so dafür, dass sie ihn ansehen musste.

Ihre Augen waren weit aufgerissen und tränenglänzend, als sie zu ihm aufblickte. Sie fasste seine Arme.

»Niemals werde ich bereuen, dich küssen zu wollen!«, raunte er mit heiserer Stimme. »Oder dich genauso zu begehren wie vor Jahren.«

»Dominic …«

»Du bist mein, Gisela! Das wirst du immer sein.«

»Geh fort!«, schluchzte sie. »Vergiss mich!«

»Nie!« Er hauchte einen sanften Kuss auf eine Locke, die ihr in die Stirn hing.

Obwohl unübersehbar war, dass sie ihn ebenso begehrte wie er sie, warf sie ihre Schultern nach hinten und wollte ihn von sich wegschieben. Dabei wirkte sie furchtbar unglücklich. »Bitte! Vertrau mir, wenn ich sage …«

»Vertrau du mir, süßes Gänseblümchen!« Ohne sie loszulassen, beugte er sich noch weiter vor, so dass sie mit dem Po auf dem knarrenden Tisch landete.

Bevor sie sich ihm entwinden konnte, hatte er ihre Beine mit seinem Knie gespreizt. Das Rascheln von Tuch war wie ein leidenschaftliches Seufzen.

Gisela errötete. »Du bist ein sehr dreister Mann.«

»Stimmt«, sagte er lächelnd. Welche Ironie, dass sie erst vor wenigen Tagen, als sie seine Rippen verbunden hatte, auf sehr ähnliche Weise zwischen seinen Beinen gestanden hatte! Wie sie ihm die Schmerzen gelindert hatte, musste nun er ihre lindern. Nur handelte es sich dabei nicht um körperliche, sondern um die seelischen Qualen, die ihre Trennung Gisela bis heute zu bereiten schien.

»Dominic, wenn du mich nicht sofort aufstehen lässt …«

Er lachte. »Was dann?«, fragte er und küsste sie auf die Schläfe. »Trommelst du dann mit den Fäusten auf mich ein?«

So wütend sie auch sein mochte, entsetzte sie dieser Gedanke offenbar. »Doch nicht bei deinen verletzten Rippen!«

»Dann kratzt du mir die Augen aus?«

»O Gott, nein! Wie könnte ich dir weh tun? Wo ich dich doch …« Ihre Stimme versagte, und sie biss sich auf die Unterlippe, als wollte sie die beinahe ausgesprochenen Worte um jeden Preis zurückhalten. Gleichzeitig wandte sie den Blick ab. »Ach, Dominic!«

»Mmm?« Er wartete, küsste ihre Braue, ihr Augenlid sowie die salzige Spur, die über ihre Wange lief.

»Dominic!«, stöhnte sie.

»Süßes Gänseblümchen!« Er neigte den Kopf und streifte ihre Lippen mit seinen. Es war eine zarte Erinnerung an die Liebe, die sie einst verbunden hatte.

In dem Moment, in dem sich ihre Münder berührten, wurde Dominic von einer solchen Erregung gepackt, dass es ihm den Atem raubte und sogar für einen kurzen Augenblick zurückweichen ließ. Er erschauderte, eingeschüchtert von der puren Kraft der physischen Verbindung.

Nach all den Jahren war die feurige Leidenschaft zwischen ihnen immer noch dieselbe.

Gisela ist dein, so wie sie es früher war!, ging es ihm durch den Kopf. Beweise ihr, dass sie damals wie heute und für immer Teil deiner Seele ist!

Sie musste es auch gespürt haben, denn sie wurde sehr still. Voller Verlangen und Furcht blinzelte sie die Tränen fort und schaute zu ihm auf. Dann blickte sie sehnsüchtig auf seinen Mund.

Mehr Aufforderung brauchte es nicht, denn gegen die Begierde, die ihn erfüllte, war er ohnehin machtlos. Also küsste er sie wieder, neckte ihre Lippen, auf dass sie seinen Kuss erwiderten, sie ihm jene Wonnen schenkten, die er ihnen anbot, und endlich zugaben, wie groß ihrer beider Verlangen war.

Ein kurzer Schrei entfuhr ihren Lippen. Anscheinend konnte sie nicht länger widerstehen, denn sie schloss die Augen und öffnete ihre Lippen, um alles anzunehmen, was er ihr geben wollte – um zu nehmen und gleichzeitig zu geben.

Ihre Münder bewegten sich in einem vollkommenen Rhythmus, wie schon vor Jahren.

Geben. Nehmen.

Necken. Kosten.

»Gisela!«, stöhnte Dominic und glitt mit seiner Zunge in ihren Mund. Mit einem genüsslichen Seufzen reckte sie sich ihm entgegen. Ihre Finger umfassten seine Arme fester, so dass die Spitzen tief in seine Muskeln drückten.

»Gisela!« Er küsste sie leidenschaftlicher, hungriger, als könnte er gar nicht genug von ihr bekommen. Dabei beugte er sich weiter zu ihr und tauchte mit seinen Händen in ihr Haar ein, bis sie ganz in den seidig goldenen Locken vergraben waren. Zugleich hielt er ihren Kopf fest und zog sie dichter an seinen Leib und sein Herz.

Ihre Seufzer und Küsse hallten durch den schattigen Raum: die Melodie ihrer frühen Liebe.

Schließlich löste sie den Kuss und rang nach Atem. »Dominic!« In ihrer Stimme schwangen Entzücken und Angst mit.

»Schhh.« Seine Hände glitten aus ihrem Haar und über ihre Schultern. »Gisela, du hast mir so gefehlt!«

»Und du mir.« Zögernd strich sie ihm übers Gesicht. Ihre Fingerspitzen fuhren ganz sachte über die verheilenden Blutergüsse an seinem Kinn.

Er lächelte und küsste ihren Daumen, dann ihre Wange, ihr Kinn und ihren samtig zarten Hals.

»Nein«, seufzte sie und wich ein wenig zurück, »warte!«

Als er ihr leicht über den Hals blies, wurde er mit einem stummen Aufschrei belohnt. Ihre Hand flatterte in dem halbherzigen Versuch auf, ihn abzuwehren. Grinsend nahm er sie und küsste die Fingerspitzen, bevor er ihr unzählige Küsse oberhalb ihres Mieders aufhauchte. Er genoss das Gefühl ihrer zarten wohlduftenden Haut auf seinen Lippen, das alles andere auslöschte.

Von ihrem Mieder küsste er sich wieder hinauf zu ihrem Mund, wo ihre Lippen sich ungeduldig und sehnsüchtig mit seinen vereinten. Sie liebkosten einander voller Inbrunst, und als Dominic ein wonniges Schnurren vernahm, traute er sich, mit einer Hand über ihre Schulter bis zu ihrem Mieder zu wandern. Er schob einen Finger zwischen Stoff und Haut, so dass er die obere Wölbung ihres Busens berührte.

Plötzlich war Gisela wie versteinert. Mit einem erstickten Schrei wich sie zurück.

Ihre Augen waren weit aufgerissen vor Schreck und Panik, und sie atmete zu heftig. Prompt mischte sich Mitgefühl und Zärtlichkeit in Dominics Verlangen. Zögerte sie, weil sie zu lange getrennt gewesen waren? Glaubte sie aus unerfindlichen Gründen, sie könnte für ihn nicht mehr die junge Maid sein, die er einst geliebt hatte? Dass er sie womöglich nicht mehr liebreizend fände?

In seiner Ungeduld hatte er sie offensichtlich nicht genug umworben, um ihr die Angst zu nehmen. Er hatte versäumt, ihr zu zeigen, wie viel sie ihm nach wie vor bedeutete. Er zog seine Finger weg und drückte ihre Hand, die er immer noch hielt. »Es ist alles gut, Gisela.«

Sie schüttelte so vehement den Kopf, dass ihr das Haar über die Schultern fiel. »Wir sollten uns nicht küssen oder … streicheln.« Unsicher versuchte sie, auf dem Tisch zur Seite zu rutschen.

Doch Dominic rührte sich nicht. Er unterdrückte ein Grinsen, als er feststellte, dass sie ihm nicht entkam, es sei denn nach hinten über den Tisch. Aber in diesem Fall würde er einfach ihre Röcke packen und sie wieder nach vorn ziehen.

Mit ihrer freien Hand drückte sie gegen seine Brust. »Bitte, geh zur Seite!«

»Was hier geschieht, geht nur uns etwas an«, sagte er leise. »Nur uns beide.«

»Du verstehst das nicht.«

Wie verzweifelt sie klang! Ihr Ton war ein ganz anderer als jener melodische, mit dem sie ihn auf der Wiese verführt hatte. Und dennoch spürte er die leidenschaftliche Geliebte, die in ihren Gedanken, Erinnerungen und geheimen Träumen überlebt hatte.

»Ganz gleich, was passiert ist, während wir getrennt waren, an unseren Gefühlen hat sich nichts geändert«, murmelte er. »Das kannst du nicht leugnen.«

Sie benetzte sich ängstlich die Lippen und vergrub ihre Finger in seiner Tunika. Gleich darunter war das Lederband mit dem Stoffstück.

Wieder drückte sie gegen seine Brust.

»Indem ich dich berühre«, erklärte er leise, »bestätige ich nur, was wir beide wissen.«

»Nein, es ist falsch.«

»Warum?« Was konnte falsch daran sein, dass er es liebte, ihre seidige Haut zu streicheln? Von selbst begannen seine Finger, kleine Kreise zu malen, als würden sie Blütenblätter nachzeichnen.

Sie zitterte.

»Dominic!«

»Du bist mein, süßes Gänseblümchen.«

»Aber …«

»Mein! Damals, heute und für immer.«

Während er sprach, strich er über ihr Mieder. Köstliche Erinnerungen an ihre Brüste in seinen Händen gingen ihm durch den Kopf, und unweigerlich stöhnte er vor Lust.

Er umfing eine Brust mit der Hand.

Dabei fühlte er mit dem Daumen eine feste Erhebung unter dem Stoff.

Dominic erschrak. Im selben Moment stieß Gisela einen stummen Schrei aus und krümmte sich so ruckartig vor, als hätte sie ein Messer in den Rücken bekommen.

Er nahm seine Hand weg und starrte sie wortlos an, während es in seinen Schläfen pochte.

Was hatte er da gefühlt?

Gütiger Gott, was?

Eine Narbe? Nein, gewiss nicht. Und doch kannte er solche Wunden allzu gut. Während des Kreuzzugs hatte er verwundete Ritter behandelt, manche ihrer Verletzungen sogar genäht, damit sie besser heilten. Er hatte sich um Geoffrey gekümmert, von dessen fast tödlichen Verwundungen heute bloß noch Narben übrig waren.

Sich vorzustellen, dass sie derartige Schmerzen ausgestanden hatte …

»Gisela?« In dem stillen Raum klang Dominics besorgtes Flüstern wie ein Schrei.

Er sah sie an. Gisela hatte schützend die Arme vor ihrer Brust verschränkt, und ihr wunderschönes Gesicht war von Kummer verzerrt.

»Was ist dir zugestoßen?«, fragte er, wobei er sich jedes einzelne Wort abringen musste.

»Gehst du jetzt bitte zur Seite?«, entgegnete sie matt.

»Was?«

»Ich sagte, gehst du jetzt bitte zur Seite?«

Sein Schreck wandelte sich in rasende Wut: Wut, weil sie auf einmal so weit weg war. Wut, weil sie so viel Angst in sich verschloss. Vor allem aber Wut, weil sie eine solche Verwundung hatte erleiden müssen.

»Nein, ich werde nicht zur Seite gehen.« Er versuchte, ruhig zu sprechen und seinen Zorn im Zaum zu halten; trotzdem klang er barsch. »Erzähl mir, was passiert ist!«

Achselzuckend blickte sie zur anderen Seite des Zimmers. Ihr Körper zitterte, aber sie saß aufrecht da, das Kinn trotzig in die Höhe gereckt. Der Stolz einer Frau, die … unbeschreibliche Schrecken erlebt hatte.

Tränen stiegen ihm in die Augen. Was hatte sie durchgemacht? Was war seinem süßen Gänseblümchen widerfahren?

Ihm fielen lauter abscheuliche Szenarien ein, und er biss die Zähne in dem Versuch zusammen, einen klaren Kopf zu bewahren und keine falschen Schlüsse zu ziehen. »Wie wurdest du verletzt? War es ein Unfall?«

Sie lachte bitter. »Nein.«

Jemand hatte sie absichtlich verwundet!

Dominics Magen krampfte sich zusammen, und ihm wurde übel. Er wollte schreien, die Faust gegen die Wand knallen, dass sie zerbarst.

»Wer hat dich verletzt?« In seinem Schädel hämmerte es, als tobte darin jemand mit einem Vorschlaghammer. »Wer?« Dann traf es ihn wie ein Hieb. »Dein … Ehemann?«

Sie fuhr so heftig zusammen, dass der Tisch wackelte. »Ich sagte dir doch schon, ich habe keinen Ehemann.«

»Der Mann, den du geheiratet hast. Hat er dich verletzt?«, wiederholte Dominic und hob unwillkürlich die Stimme. »Hat er?«

Er hielt den Atem an, während er auf ihre Antwort wartete und es vor Zorn in ihm brodelte.

Die Stille war unerträglich, die Anspannung beinahe mit Händen zu greifen.

Dann nickte sie stumm.

Ein Schrei formte sich tief in Dominic und explodierte mit solcher Wucht, dass es ihm unheimlich war. »Gisela!«

Wieder zuckte sie zusammen. »Jetzt weißt du es, Dominic. Ich bin verstümmelt, für den Rest meines Lebens.«

Ihr matter Tonfall war schneidender als jeder Dolch. Machte sie sich für die Grausamkeit ihres Ehemanns verantwortlich? Wie konnte sie? Der Mann war fraglos ein Monstrum!

Dominic juckte es in den Fingern, ein Messer zu ergreifen und sich ihrem früheren Ehemann zu stellen, um dem Schurken eine mindestens ebenso große Wunde beizubringen. Wie konnte er eine Frau entstellen, die so wunderschön war? Oder irgendeine Frau?

»Lass mich deine Narbe sehen!«

Sie starrte ihn entsetzt an.

»Lass mich sie sehen! Ich muss wissen, was er dir angetan hat!« Noch während er sprach, griff er nach ihren verschränkten Armen und nahm sie behutsam herunter.

Obwohl er damit rechnete, dass sie sich wehrte, vielleicht sogar nach ihm schlug, saß sie vollkommen regungslos vor ihm, resigniert. Währenddessen glitt er sanft mit den Fingern unter ihr Hemd und schob es beiseite, so dass ihr Busen entblößt war.

Das durfte nicht wahr sein!

Eine rötlich schimmernde Narbe zerschnitt die helle Haut. Sie verlief in einer diagonalen Linie über ihren Busen bis in die Mitte ihres Brustkorbs, und es war kein übler Kratzer mit dem Messer, sondern ein tiefer Schnitt. Der verfluchte Schweinehund hatte sie als sein Eigentum gezeichnet!

Dominic fluchte.

»Dominic …«, sagte sie und wollte sich wieder bedecken.

»Wer ist er? Wie ist sein Name? Wo finde ich ihn?«

»Dominic!«

Er packte ihre Schultern. »Wo? Antworte mir!«

Im selben Moment hörte er über sein Brüllen hinweg, wie die Ladentür hinter ihm geöffnet wurde. Zunächst ertönte der Schrei einer Frau, dann der eines Kindes.

»Mama?«