Kapitel 15

Auch wenn sein Körper vor Schmerzen schrie, bekam Dominic mit, dass er gefesselt und bäuchlings auf einen Pferderücken geworfen wurde. Er biss die Zähne so fest zusammen, dass sein Kiefer zu bersten drohte, während der süßliche Geruch der Pferde in seine Nase drang und er zu Boden sah. Da waren der feste Sand und die eingetretenen Steine einer Dorfstraße, die er erkannt hätte, verfügte er über das Sehvermögen einer verdammten Nachteule.

So aber kämpfte er nur gegen die Benommenheit an, atmete langsam ein und wieder aus. Kurz nachdem Ryle in Giselas Schneiderei erschienen war, hatten Crenardieus Schergen Dominics Hände gefesselt und ihn auf die Straße geschleift. Das Seil schnitt ihm in die Handgelenke und widersetzte sich hartnäckig Dominics Versuchen, sich zu befreien. Die Schurken hatten ihm sogar die Füße gefesselt!

Er kochte vor Wut, was auch gut so war. Seine gesamte verbliebene Kraft konzentrierte er auf seine Rage, wild entschlossen, die Fesseln aufzubrechen. Sobald ihm das gelungen wäre, würde er die beiden Lakaien zusammenschlagen und danach Crenardieu mit demselben Enthusiasmus verprügeln, den seine Männer an ihm bewiesen hatten.

Anschließend würde er zu Gisela zurückkehren, um sie und Ewan vor Ryle zu retten: ganz der Ritter, den Ewan, sein Sohn, in ihm sah. Und er würde siegen. Nie wieder sollte Gisela in Angst vor ihrem früheren Ehemann leben!

Er durfte gar nicht daran denken, wie sie in dem Moment ausgesehen hatte, als sie Ryle erblickte. Blankes Entsetzen hatte in ihren Augen gelegen, und sie war kreidebleich geworden. Dieses Bild würde Dominic für immer verfolgen.

Ich kämpfe gegen deinen Drachen, Gisela, auch wenn er Reißzähne, Flügel und Klauen hat, selbst wenn es mich das Leben kostet. Das verspreche ich dir!

Seine Reue schmerzte ihn mehr noch als die Fesseln, denn er war nicht in der Lage gewesen, sie vor einer Wiederbegegnung mit dem brutalen Mistkerl zu bewahren. Dabei hatte er es versucht. In einem Anfall unglaublichen Zorns hatte er sich geradewegs auf Ryle gestürzt. Leider war er noch zu geschwächt gewesen und folglich zu langsam, so dass Crenardieus Lakaien ihn mühelos unterwarfen.

Er konnte es gar nicht erwarten, ihnen allen ihre Untaten mit gleicher Münze heimzuzahlen!

Wut und Erregung brodelten in ihm, ja, er war fast trunken vor Rachgier. Ein dissonantes Schrillen füllte seine Ohren und drohte, das Gespräch der Schurken zu übertönen, die im Begriff waren, loszureiten.

»Behaltet ihn im Auge!«, murmelte Crenardieu in der Nähe. Dann hörte Dominic das Quietschen eines Ledersattels. Der Franzose war auf sein Pferd gestiegen. »Zwei reiten vor ihm, zwei hinter ihm! Falls er fliehen will, schlagt ihn zusammen, bis er ohnmächtig ist!«

»Wieso machen wir das nicht gleich?«, fragte einer der Männer. Der Stimme nach handelte es sich um den Dunkelhaarigen aus der Gasse. Er lachte, und seine Gefährten stimmten ein.

Nur zu, lacht ihr ruhig! Ich werde euch eure Brutalität noch austreiben!

»Non, du Narr! Du hast ihn schon beim letzten Mal zu heftig verprügelt. Ich brauche ihn wach genug, damit er meine Fragen beantworten kann.«

Das Schrillen in Dominics Ohren wurde lauter, und er wusste, dass er jeden Moment wieder ohnmächtig würde.

Nein! Ohnmacht war Feigheit. Er musste wach bleiben, sonst war er so nutzlos wie ein einbeiniges Maultier!

Ungeachtet seiner Situation – und seiner Verletzungen – hätte es gar nicht besser kommen können. Mit ein bisschen Glück brachten ihn die Männer an den Ort, wo sie die restliche Seide versteckten. Deshalb musste er zunächst einmal alles mitmachen, wenn auch nicht zu bereitwillig, denn dann würden sie misstrauisch. Er sollte gerade ausreichend Widerstand leisten, um ihnen zu zeigen, dass er sich ihre Behandlung nicht stillschweigend gefallen ließ, durfte jedoch nicht fliehen, bevor er das Versteck kannte.

In der Nähe wieherte ein Pferd, dann hörte Dominic das Klappern von Hufen. Sein Pferd setzte sich in Bewegung, wobei der Hufschlag auf dem harten Boden in seinem Schädel dröhnte. Er schloss die Augen und wollte sich von dem gleichmäßigen Schwanken des Pferderückens einlullen lassen, doch das Tier schüttelte ihn hin und her wie einen Sack Bohnen. Hatten die Schurken ihm absichtlich einen Gaul gegeben, der nicht ordentlich gehen konnte, um ihn zusätzlich zu quälen, oder bildete er sich bloß ein, dass die Mähre so schlecht lief?

Bei Gott, wie viele Meilen würde er so durchhalten müssen, mit dem Kopf nach unten und dem Hintern in der Höhe?

Er hätte sich auf ein spöttisches Stöhnen beschränkt, wäre das Tier nicht just im selben Moment gestolpert. Höllischer Schmerz schoss ihm durch den Kopf. Während er langsam nachließ, kehrten die Erinnerungen an Gisela zurück, die ihn mit vor Schreck und Entsetzen geweiteten Augen ansah.

Gisela. Süßes Gänseblümchen. Ging es ihr gut? Was war mit ihr und Ewan geschehen, nachdem Ryle in den Laden gekommen war?

Dominic unterdrückte einen Fluch, starrte in die Dunkelheit hinab und blinzelte sich den Staub aus den Augen, den die Hufe aufwirbelten. Ich komme dich holen, Gisela! Ich lasse dich nicht wieder im Stich wie vor Jahren. Das verspreche ich dir bei meinem Leben.

 

Gisela stand am Tisch in ihrem bescheidenen Heim und rang die Hände. Neben ihr saß Ewan auf Adas Schoß, fest umfangen von deren Armen, und wenige Meter entfernt stand Ryle, den Rücken zu ihnen gewandt. Er war unheimlich still, während er sich in dem kleinen Zimmer umsah.

Innerlich schrie Gisela vor Angst, und das schrill genug, um die beiden Schurken zu übertönen, die Crenardieu zurückgelassen hatte, damit sie die Schneiderei bewachten – obwohl er die Seide gleich mitgenommen hatte.

Anfangs hatte Gisela sich geweigert, das Versteck der Ballen preiszugeben. Dann aber begannen Crenardieus Lakaien, die Tür zum hinteren Zimmer einzubrechen, und drohten, jeden zu verprügeln, der sich dort aufhielt, sofern sie nicht gehorchte. Da hatte sie nachgegeben. Zusammen mit Ryle hatte Crenardieu beobachtet, wie sie die Dielenbretter entfernte. Dann befahl er seinen Männern, die Seide und die halbfertigen Kleider herauszuholen und die Bretter wieder einzufügen. Anschließend zwang er Gisela, ihn nach hinten zu lassen. Wieder hatte er Ewan auf furchterregende Weise beäugt, ehe er hinausging und zwei seiner Männer anwies, hierzubleiben.

»Sie haben, was Sie wollen!«, hatte Gisela gerufen. »Lassen Sie Dominic gehen und uns in Ruhe!«

Crenardieu aber hatte sie bloß spöttisch angelächelt, ein paar Worte mit den Männern gewechselt, die an der Tür standen und gemeinsam aus einer Taschenflasche tranken, und war gegangen.

Ewan schniefte neben Gisela, und Ada murmelte: »Ist ja gut!«

Gisela hätte am liebsten laut gestöhnt. Sie sollte Ewan trösten, nicht Ada! Nur war sie wie gelähmt vor Panik. Ihre Glieder fühlten sich bleiern an, ihr Verstand war vor Angst blockiert. Sie versuchte es, aber sie konnte einfach nicht den Blick von Ryle abwenden.

Schweiß lief ihr zwischen den Brüsten hinunter, während ihre Füße kalt wie Eisblöcke waren. Kämpfe, Gisela!, schrie es in ihr. Du darfst nicht vor Ryle zu Kreuze kriechen! Lass nicht zu, dass er Ewan und dich zerstört!

Sie versuchte, ihrem Sohn ermutigend zuzulächeln, was ihr nicht gelingen wollte. Ryle stand fast an derselben Stelle, an der Ewan ihre Schatzkiste ausgekippt hatte, die eleganten Stiefel einen Fuß breit auseinander, eine Hand in die Hüfte gestützt. In der anderen hielt er eine Lederflasche, aus der er mehrmals einen Schluck nahm.

Ryles silbergraues Haar fiel oben über den Kragen des knöchellangen Umhangs. Trotz des gedämpften Lichts entging Gisela nicht, wie edel das an den Armaufschlägen mit Silberfäden verwebte Tuch war. Ein teures Kleidungsstück. Unwillkürlich fragte sie sich, wie viel er bisher ausgegeben haben mochte, um sie zu finden – und was er Crenardieu bezahlt hatte, damit dieser ihm enthüllte, wo sie war.

Das Tintenschwarz des Umhangs – die Farbe der tiefsten, gefährlichsten Nachtstunden – umhüllte Ryle nicht bloß, sondern schien seine Gegenwart noch zu betonen. Er sah größer aus, als sie ihn in Erinnerung hatte, imposanter, als hätte er sich in seiner Wut und seinem Hass zu einem noch gewaltigeren Monstrum ausgewachsen. Sie starrte ihn in stummem Entsetzen an und wusste, dass ihm nichts verweigert würde, was er verlangte.

Und er wollte, dass sie litt.

Nun drehte er sich um und sah auf ihre und Ewans Pritschen an der Wand hinab sowie auf Sir Smug, der halbnackt auf seinem »Feldbett« lag. Plötzlich schien ihre Hoffnung auf ein unabhängiges Leben nichts als eine alberne Illusion, so nichtig wie ein Lagerfeuer aus einem kleinen Stück Holz und ein Bett aus einem gefalteten Stoffrest. Sie war ebenso verwundbar wie Sir Smug. Ihr Traum von Freiheit würde unter Ryles Stiefeln zermalmt werden.

Kämpfe, Gisela!, schrie es erneut in ihr. Du musst! Hast du vergessen, was du Ewan und Dominic versprachst?

Ryle verschloss seine Feldflasche und steckte sie unter seinen langen Mantel. »Hier also hast du dich verkrochen, Weib.« Weder sah er sie an noch erhob er die Stimme, aber die Wahl seiner Worte ängstigte sie mehr als seine Zornausbrüche.

Wird er mich jetzt töten? Oder bringt er erst Ewan um, damit mir das Herz bricht, ehe er mich ermordet?

»Du hast alles weggeworfen, was ich dir anbot – mein Herrenhaus, feine Kleider, das Ansehen einer reichen Kaufmannsfrau –, für das?« Ryle schwenkte die Hand über die ärmlichen Möbel und den Lehmboden. Seine Schultern zuckten, als er ungläubig lachte.

Kämpfe, Gisela! Für deinen Sohn! Für Dominic!

Sie zwang sich, etwas zu erwidern. »Ja, habe ich.«

Schlagartig erstarb Ryles Lachen, und seine Schultern spannten sich an. Gisela spürte seinen Zorn, auch wenn er sich immer noch nicht zu ihr umdrehte.

»Du hättest nicht weglaufen sollen«, sagte er.

Sie erbebte unter seinem strengen Tonfall.

»Ich hatte dich gewarnt«, fuhr er viel zu ruhig fort. »Ich hatte dir gesagt, was geschehen würde.«

»Vater«, begann Ewan und rutschte von der Bank neben Gisela.

Die Sorge riss Gisela aus ihrer Schockstarre. »Nein …«

Jetzt wandte Ryle sich abrupt zu ihnen. In seinen Augen funkelte es unheimlich, als er mit einem Finger auf Ewan zeigte und brüllte: »Sprich nicht mit mir!«

Ewan wich zurück und schmiegte sich furchtsam an Gisela.

Ryles Mund verzerrte sich zu einem hämischen Grinsen. »Setz dich hin!«

Brav kletterte Ewan auf die Bank zurück, wo er schluchzend auf Adas Schoß kroch, die ihn in die Arme nahm.

Obgleich Giselas Instinkt sie ermahnte, ihre Worte mit Bedacht zu wählen, hatte sie die monatelange Sorge, das ewige Verstecken und das Leben mit bescheidensten Mitteln gestählt und ihr einen Kampfgeist verliehen, der sich nicht stumm stellen wollte. »Rede nie wieder so mit Ewan!«

Ryle sah sie erschrocken an, bevor sein Blick etwas Stechendes, Feindseliges bekam. »Und warum zur Hölle nicht? Er ist mein Sohn.«

Ist er nicht. Er ist Dominics Sohn, wie du sehr wohl weißt! Doch das konnte sie nicht laut aussprechen, denn Ewan wusste es noch nicht.

»Kein Kind verdient, so behandelt zu werden.«

»Ein Kind sollte lernen, was richtig und was falsch ist«, konterte Ryle mit einem ekligen Grinsen, »genau wie ein Eheweib.«

O Gott! O Gott!

Gisela ballte die Fäuste und überlegte fieberhaft. »Was willst du, Ryle? Warum bist du hergekommen?« Sehr gut. Sie musste dafür sorgen, dass er redete, dass er beschäftigt war.

Sein Grinsen blieb. »Ich will zurückholen, was mir gehört.« Dabei wanderte sein Blick über ihr abgetragenes Kleid.

»Ich habe dir nie gehört.« Und das meinte sie aus tiefstem Herzen.

»Du gehörst mir noch, Gisela«, erwiderte Ryle und beugte sich vor wie ein Drache, der sie jeden Moment mit seinem Feuer verschlingen würde. Sein Atem stank nach Alkohol. »Du hast die Leute in diesem Dorf zum Narren gehalten, indem du dich hinter dem Namen Anne verschanzt hast, aber du bist immer noch die Frau, die ich geheiratet habe. Der Priester erklärte uns zu Mann und Weib, weißt du noch? Du gehörst mir!«

Gehören. Wie ein Kleidungsstück, ein Paar Schuhe oder irgendein anderer Besitz.

»Du kommst mit nach Hause, Gisela!« Er streckte die Hand nach ihr aus, die breiten Finger gespreizt, um ihren Arm zu packen.

Gisela wich zurück, stieß rücklings an die Bank und wäre beinahe umgekippt. »Ich kehre niemals mit dir zurück. Niemals!«

»O doch, das wirst du!« Wieder griff Ryle nach ihr.

»Hör auf!«, kreischte Ewan und sprang auf. Tränen strömten ihm übers Gesicht. »Schrei Mama nicht an!«

Ryle bedeutete ihm mit einer Handbewegung, still zu sein. Seine Stiefel knarzten, als er ein weiteres Mal nach Gisela greifen wollte. Diesmal bekam er ihr Handgelenk zu fassen, das er schmerzlich fest umschlang.

Sie stieß einen stummen Schrei aus, denn seine groben Finger drückten ihr Gelenk eisern zusammen. Schmerz und Furcht durchfuhren sie mit neuer Wucht. Das war die Strafe für ihren Trotz. Zugleich sah sie ihn vor sich, wie er mit dem Arm ausholte und sie schlug.

Falls er sie ohnmächtig schlug, wie er es schon früher getan hatte, könnte sie Ewan nicht mehr schützen.

Sie strengte sich an, sich seinem Griff zu entwinden, während sie nebenbei mitbekam, wie ihr Sohn vom Tisch weglief. Unterdessen schnaubte Ryle verärgert und packte sie umso fester.

»Ryle!«, keuchte sie. »Hör auf!«

»Ewan!«, rief Ada im selben Moment besorgt. »Nicht …«

»Lass Mama los!«, schrie Ewan.

Ryle lachte und drehte sich halb zu dem kleinen Jungen um, ohne Gisela loszulassen. Ewan stand mit hocherhobenem Holzschwert da, bereit zum Angriff.

Gisela stockte der Atem. Nein, Knöpfchen! Ihr Sohn glaubte tatsächlich, sie vor Ryle retten zu können, was ihr die Tränen in die Augen trieb.

»Sei nicht albern!«, raunte Ryle.

Ewan umklammerte sein Schwert mit beiden Händen. »Lass sie los!«

»Ewan!«, rief Ada, die sich redlich bemühte, den Kleinen abzulenken.

»Nein. Er tut Mama weh«, erwiderte er kopfschüttelnd. »Das darf er nicht.«

»Und du willst mich aufhalten?« Ryle lachte. »Du bist noch nicht einmal vier!«

Ewan schmollte. »Ich bin ein kleiner Krieger!«

»Kleiner Krieger!«, höhnte Ryle. »Nennt deine Mutter dich so?«

»Lass ihn!«, sagte Gisela.

»Setzt deine Mama dir Flausen in den Kopf, indem sie dir erzählt, du seist ein Ritter?«

»Nein, nicht Mama«, antwortete Ewan, »Dominic.«

Ryle wurde aschfahl und presste die Lippen zu zwei schmalen Linien zusammen. »Dominic!«

»Er hat auf dem Kreuzzug gekämpft. Und er war mit König Richard in der Schlacht. Er weiß alles über Ritter …«

Gisela bekam entsetzliche Angst. »Ewan!«

Doch noch ehe sie seinen Namen zu Ende gerufen hatte, schlug Ryle zu. Seine Faust flog auf ihren Sohn herab.

»Nein!«, schrie sie und wehrte sich mit aller Kraft gegen Ryles Umklammerung.

Ein dumpfer Knall ertönte.

Ryle heulte auf. »Kleiner Hurensohn!«, ächzte er, das Gesicht zu einer Fratze verzerrt, und schüttelte seinen Arm.

Ewan machte einen Schritt zurück und hob sein Schwert wieder hoch. Stolz funkelte in seinen Kinderaugen.

»Ewan!«, flehte Ada und zog an ihm. »Komm hier rüber, zu mir …«

Ryle holte nochmals aus. Er würde wieder nach Ewan schlagen, härter als vorher.

Giselas Blick fiel auf den Tisch. Die Schale!

Sie hielt den Atem an und wartete.

In dem Augenblick, in dem Ryle sich bewegte, riss sie ihren Arm zurück. Er lockerte für einen winzigen Moment seinen Griff, und sie war frei. Knurrend wie ein Tier sah Ryle sie an, doch sie warf sich mit ihrem ganzen Gewicht gegen ihn, so dass er die Balance verlor.

Er stolperte zur Seite.

Blitzschnell packte Gisela die Tonschale, unter der Münzen klimperten, und noch während Ryle sich wieder aufrichtete, knallte sie ihm das schwere Gefäß auf den Kopf. Tonscherben und Haselnüsse regneten zu Boden.

Ryle erstarrte. Sein ganzer Körper versteifte sich, und verwundert glotzte er sie an. Mörderische Wut schimmerte in seinem Blick.

Gütiger Gott! Sie hatte ihn nicht fest genug geschlagen. Jetzt würde er …

Ryle griff sich an den Kopf, dann wurden seine Augen glasig und verdrehten sich. Gleich darauf sackte er in sich zusammen.

Ewan kam zu Gisela gerannt und warf sich in ihre Arme, wobei sein Schwert sie in die Wade traf. »Mama, ich hatte solche Angst!«

»Du warst sehr mutig«, sagte sie und küsste ihn auf sein zerzaustes Haar.

»Genau wie du, Anne. Oder sollte ich Gisela sagen?« Ada kam zu ihnen und sah auf Ryles hingestreckten Körper und rümpfte die Nase. »Wenn ich du wäre, wäre ich auch vor ihm weggelaufen. Jedenfalls hatte er den Schlag auf den Schädel verdient, und die Kopfschmerzen, die er haben dürfte, wenn er wieder zu sich kommt, erst recht.«

Giselas Angst indessen hielt nach wie vor an. »Ich weiß nicht, wie lange er ohnmächtig bleibt.«

Ada grinste. »So lange, wie es für dich am besten ist. Du hast doch noch mehr Schalen, oder?« Mit diesen Worten drehte sie sich um und eilte zum Küchenbereich.

Es klopfte an der Tür. »Was ist da drinnen los?«, fragte einer von Crenardieus Männern.

Ewan zitterte, und Gisela legte die Arme fester um ihn, während sie überlegte, was sie den Schurken erzählen könnte. »Wir …«

Ada, die gerade vor dem Schrank hockte, hob den Kopf. »Wir brauchen Hilfe!«, rief sie.

Gisela sah sie erschrocken an. »Was?«

Doch Ada zwinkerte ihr zu und hielt mehrere Schalen in die Höhe. Dann zeigte sie mit dem Finger zur Tür.

Gisela schluckte. Noch zwei Männer niederschlagen? Ja, das war ein guter Plan.

»Versteck dich unterm Tisch!«, flüsterte sie Ewan zu und bugsierte ihn in Sicherheit. »Ja!«, rief sie laut. »Mein …«, sie musste sich zwingen, es über die Lippen zu bringen, »Ehemann ist zusammengebrochen.« Mit dem Fuß schob sie die Tonscherben und Nüsse unter Ryles gebogenen Arm.

Nachdem sie eine Schale in Reichweite von Gisela auf den Tisch gestellt hatte, drückte Ada sich mit dem Rücken an die Wand. Sie strahlte geradezu vor Entschlossenheit.

»Ich will kämpfen!«, murrte Ewan.

Von draußen hörten sie Stimmen. Die Männer stritten, ob sie hereinkommen sollten oder nicht.

Ewan hob sein Schwert und sah wütend zur Tür.

»Diesmal nicht, Knöpfchen. Geh unter den Tisch, schnell!«

»Ich bin kein Feigling!«, erwiderte er schmollend.

Herr im Himmel! »Natürlich nicht. Ich« – könnte es nicht ertragen, wenn dir etwas zustößt, mein geliebter Sohn – »will deine Kräfte aufsparen. Wir werden sie noch bei anderen Kämpfen brauchen.«

Ein verzücktes Lächeln trat auf Ewans Gesicht. »Ach so. Stimmt, Mama.«

Gisela konnte nicht umhin, zu grinsen, als ihr Sohn brav zurück unter den Tisch krabbelte. Dort legte er sich flach auf den Bauch, sein Schwert neben sich, und sah sie an.

Die Tür öffnete sich langsam. Einer der Männer blickte finster hinein, in einer Hand seine Flasche, die andere Hand auf dem Griff seines Schwertes.

»Er ist zusammengebrochen?«, fragte er misstrauisch und sah zu Ryle.

»Bitte«, sagte Gisela, rang die Hände und tat ihr Bestes, um sich verzweifelt anzuhören, »können Sie nachsehen, ob mit ihm alles in Ordnung ist? Ich bin so … hilflos. Ich weiß gar nicht, was ich machen soll.«

Einen Moment lang zögerte der Mann. Dann stellte er seine Flasche ab und kniete sich neben Ryle.

»Was ist denn?«, fragte sein Kumpan, der ebenfalls hereinkam, sich vorbeugte und trunkenen Blicks auf Ryle starrte. Er duckte sich tiefer, hob eine Tonscherbe auf und raunte: »Aber das sieht aus, als wenn er …«

Mit einem schrillen Kampfruf stieß Ada die Tür zu und sprang mit erhobener Tonschale nach vorn. Beide Männer drehten sich erschrocken zu ihr um.

Gisela ergriff die Schale auf dem Tisch, deren glasierte Oberfläche sich in ihrer schwitzenden Hand rutschig anfühlte.

Mit einem brutalen Rumms donnerte Adas Schale auf den Schädel des zweiten Schurken mit den blutunterlaufenen Augen. Die Schale zerbarst in tausend Stücke, während der Mann aufheulte und seitwärts torkelte. Er versuchte, nach seinem Schwert zu langen.

Fluchend wollte der Kniende sich aufrichten, doch Gisela holte schon tief Luft, hob die Schale in die Höhe und ließ sie auf ihn niederkrachen. Im letzten Moment wich er ihr aus, so dass ihn die Schale nur an der Schulter traf. Allerdings war deutlich das Geräusch brechender Knochen zu hören. Er brüllte vor Schmerz und krümmte den verwundeten Arm an seine Brust.

Gisela erschauderte bei seinem Schmerzensschrei. Aber in diesem Kampf durfte sie kein Mitleid zeigen, also verdrängte sie jede Regung von Reue. Sie würde die Kerle schließlich nicht töten, sondern lediglich davon abhalten, ihr und Ewan zu folgen. Ihrer beider Überleben – und Dominics – rechtfertigte verzweifelte Maßnahmen.

Als Ada schrill aufschrie, sah Gisela zu ihr. Der andere Schurke richtete seine Waffe auf sie, doch bevor er Gisela etwas tun konnte, trat Ada ihm ins Gemächt. Heulend packte er sich an den Schritt, stolperte rückwärts an die Wand und sank dort zusammen. Ada ballte beide Hände zu Fäusten und knallte sie ihm mit voller Wucht auf den Kopf. Nun fiel er endgültig um, und sein Schwert landete klappernd auf dem Boden.

»Ha!« Ada klatschte in die Hände. »Geschafft!«

Gisela packte ihre noch heile Schale fester und blickte wieder zu dem Mann vor ihr. Seine Schulter sah merkwürdig verformt aus, und während er sie wütend anfunkelte, versuchte er, nach seinem Schwert zu greifen. Gisela hob die Schale hoch. Der Schurke wollte nach hinten ausweichen, stieß jedoch gegen Ryles Arm. Er stolperte in demselben Moment, in dem Gisela die Tonschale auf ihn niedersausen ließ. Mit einem lauten Knall traf sie den Schädel des Mannes und zersprang. Er schwankte, bevor er quer über Ryle fiel und sich nicht mehr rührte.

Ada grinste. »Gut gemacht!«

Erleichtert wischte Gisela sich die Hände an ihrem Rock ab. »Gott sei Dank, es ist vorbei!«

Ewan kam unter dem Tisch hervor, hüpfte auf und ab und schwenkte sein Schwert durch die Luft. »Mama, du bist auch ein Krieger!«

Ein Krieger. Ja, fürwahr.

»Danke, Ewan. Und jetzt hol schnell Sir Smug und deinen Mantel! Beeil dich!« Gisela bückte sich, nahm eine der Münzen auf, die auf den Boden gekullert war, und legte sie zu den anderen auf den Tisch.

»Wohin gehen wir, Mama?«

Gisela drehte sich zu ihm um. Er hatte sich nicht von der Stelle gerührt. »Wir beide müssen verschwinden. Ich will weit weg sein, bevor diese Männer wieder zu sich kommen.«

Ein Strahlen ging über Ewans Gesicht. »Verreisen wir? So wie die Ritter in den Liedern?«

»Ja. Und jetzt hol deine Sachen, damit wir aufbrechen können!« Während sie sprach, eilte Gisela zu ihrem Strohbett, nahm es auf und holte ihre Kiste sowie einen Beutel mit Silber darunter hervor – ihre gesamten Ersparnisse. Beides stopfte sie in eine Stofftasche, zog sich ihren Umhang über und hängte sich die Tasche über die Schulter. Dann sah sie wieder zu Ewan, der summend in seinen Mantel schlüpfte. Noch nie hatte er sich so schnell angezogen.

Als Gisela zu ihm ging, nahm Ada die Münzen vom Tisch, stellte sich Gisela in den Weg und hielt ihr das Geld hin. »Nimm das, und geh so weit weg von hier wie möglich!«, sagte Ada sehr ernst. »Das reicht, um dich bis in die nächste Grafschaft zu bringen.«

Gisela blickte auf das Silber hinab. Ada hatte recht. Dieses Silber, zusammen mit dem, was sie gespart hatte, würde reichen, um ein neues Leben zu beginnen. Es war zwar nicht annähernd so viel, wie Crenardieu ihr versprochen hatte, aber genügend.

Sie glaubte, die Freiheit fast schmecken zu können.

Als könnte sie ihre Gedanken lesen, sagte Ada: »Falls dieser Dominic dich mag, wird er wollen, dass du und dein Sohn außer Gefahr seid.«

Leise flüsterte Gisela ihr zu: »Er ist auch sein Sohn.«

»Sein …« Ada riss die Augen weit auf. »Oh!« Sie sah zu Ewan, dann zu Gisela und schließlich zu Ryle. »Oh!«

Gisela blinzelte angestrengt. »Ada, bist du sicher, dass du das Silber entbehren kannst?«

»Für dich und deinen süßen Jungen? Allemal!«, antwortete sie und tätschelte Gisela die Hand. Als sie lächelte, bebte ihr Kinn ein wenig. »Und nun macht, dass ihr wegkommt!«

Seufzend schaute Gisela sich ein letztes Mal in ihrem Zuhause der letzten Monate um. Ihr Blick verharrte bei Ewan, der mit seinem Schwert in der Hand und Sir Smug unter dem Arm an der Tür stand, als wollte er die Männer auf dem Boden bewachen.

»Ich danke dir!«, flüsterte Gisela Ada zu. »Ich zahle es dir zurück, sobald ich kann.«

Die Hebamme winkte ab. »Nein, Gisela. Und jetzt los mit dir, bevor ich diese Schurken noch mal verhauen muss. Ach ja, und ehe du es sagst oder auch bloß denkst: Ich werde nicht hier sein, wenn der französische Trottel zurückkommt. Er weiß nicht, wo ich wohne, also bleibe ich vorläufig zu Hause, und alles wird gut.«

»Mama, komm schon!«, drängelte Ewan.

Gisela ließ das Silber in ihren Münzbeutel fallen, hängte sich die Tasche wieder über und lief zu Ewan. Während sie Ada ein letztes Mal zuwinkte, sagte sie: »Beginnen wir unsere aufregende Reise!«