19

Den Rest des Tages verbrachte Kerr wie im Traum. Er führte Befehle aus, ohne nach dem Sinn zu fragen. Und immer dachte er an diese Fotos. Und obwohl sie ihn anekelten, wurde er durch eine Macht, die jenseits seiner Kontrolle lag, immer wieder gezwungen, die Fotos aus seiner Tasche zu nehmen und sie anzublicken. Und jedesmal bemerkte er, wie sie lächelte, wie sie alles mitmachte.

Um halb sechs schwor er sich, sie nie wiederzusehen. Um sechs Uhr beschloß er, zu ihr zu gehen und sie so sehr zu erniedrigen, wie er konnte. Um halb sieben hatte er sich dazu entschlossen, sie nie wiederzusehen, und um sieben Uhr schließlich stand sein Entschluß fest, er wollte sie treffen.

Im Heim zog er sich sportlich an, dann nahm er einen Bus zum Markt. Er war zehn Minuten zu früh, aber schon als er aus dem Bus stieg, sah er sie ankommen. Sie sah schöner aus als je zuvor. Ihr Gesicht hatte die Frische des Taus auf einer ländlichen Wiese. Ihr Körper war der Körper einer jungen Frau, die die Höhen der Leidenschaft kannte. Und als sie ihn sah, lächelte sie zärtlich, umarmend, verlangend, leidenschaftlich, beschützend, verführerisch.

»Hallo, John«, sagte sie.

Er antwortete nicht.

Ihr Lächeln gefror zu einer Grimasse. »Was … was ist los?«

Er starrte sie an. Er verlangte nach ihr wie nie zuvor, und zur gleichen Zeit haßte er sie, wie er nie jemanden gehaßt hatte.

»Was ist los?« flüsterte sie. »John, sieh mich nicht so an.«

Als er sprach, klang seine Stimme wie ein Krächzen. »Und wie soll ich dich anschauen?«

»Du mußt mir sagen, was los ist. Habe ich was getan?« Sie packte ihn am Arm. »Sag mir’s, hab’ ich was getan?«

»Du hast was getan.«

»Was? Um Himmels willen, was? Ich bin hierher gerast, um dich zu sehen. Das ganze Wochenende über habe ich auf diesen Augenblick gewartet.«

Er blickte in ihre herrlich blauen Augen, über die sich jetzt ein Schleier der Verärgerung gelegt hatte, und er konnte es kaum für möglich halten, daß sie die Frau auf den Fotos sein konnte. Er faßte an seine Rocktasche, und er spürte die kleine Ausbuchtung, die der Umschlag mit den Fotos verursachte. Er ging weiter.

Sie blieb an seiner Seite. »So kannst du doch nicht weitermachen, bitte, bitte.«

Er beschleunigte seinen Schritt, bis sie laufen mußte, um bei ihm zu bleiben. Hinter dem Markt lagen Gärten. Ein paar Wiesen, Blumenbeete, ein paar Hecken und Bäume. Um die Gärten herum standen metallene und hölzerne Bänke, von denen die meisten von Pärchen besetzt waren. Als er an ihnen vorbeiging, haßte er die Pärchen, weil sie dem Leben soviel Vergnügen abgewinnen konnten.

Eine Bank unter einer Trauerweide wurde gerade frei, weil ein junges Paar aufstand und weiterging. Er setzte sich hin, und sie setzte sich neben ihn.

Sie verstärkte den Druck auf seinem Arm. »Sag’s mir jetzt.«

Er schüttelte ihre Hand ab. Er sah, wie ihre Lippen zitterten, und einen Augenblick lang fragte er sich, ob sie wirklich litt.

»Sag’s mir«, beharrte sie. »So kann es doch nicht weitergehen, du kannst dich doch nicht so benehmen, du kannst doch nicht einfach nichts sagen.«

Er zog den Umschlag aus der Tasche und warf ihn in ihren Schoß. Sie öffnete ihn, blickte hinein, nahm die Fotos heraus und starrte aufs erste.

»Du dreckige Hure«, sagte er angewidert.

Sie stieß die Fotos in den Umschlag zurück. »John, du mußt mir glauben, ich konnte nichts dafür.«

»Du konntest nichts dafür? Glaubst du, daß es so einfach ist? Oder hast du dich die ganze Zeit über mich lustig gemacht? War ich der simple kleine Landpolizist, der mit Blindheit geschlagen ist? Du mußt dich ja köstlich amüsiert haben. Weißt du, ich habe mich richtig in dich verliebt. Wirklich.«

»Ich liebe dich, John.«

Er drehte sich um und blickte ihr ins Gesicht. Tränen liefen ihre Wangen hinunter, und ihr Körper wurde von Schluchzern geschüttelt. »Komm, das brauchst du nicht. Der Spaß ist vorbei, mir sind die Augen geöffnet worden.«

»Ich schwöre, daß ich dich liebe.« Sie packte seinen Arm wieder, grub ihre Fingernägel in sein Fleisch, als ob sie ihn zwingen wollte, ihr zu glauben. »Weißt du noch, daß du mir versprochen hast, mich nie zu hassen, was auch immer geschieht?«

»Ich werd’ gleich kotzen.«

»Aber du wußtest es«, schrie sie.

»Ich wußte, daß du in einer Wohnung lebst, die er bezahlt. Ich habe das getan, was du mir immer gesagt hast. Ich habe die Vergangenheit vergessen, die Zukunft ignoriert, nur für die Gegenwart gelebt. Ich habe meine Gedanken abgeschirmt gegen das, was du mit Fraser hast – ich war sogar so naiv zu glauben, daß wir gemeinsam die Vergangenheit auslöschen könnten.«

»Das können wir auch.«

»Und diese Fotos?«

»Vergiß sie.«

»Du bist verrückt. Ich soll das vergessen, was du auf diesen Fotos machst?«

»Ich mußte es tun.«

»Du mußtest es tun«, wiederholte er bitter ironisch.

»Er wollte mich töten. Er glaubt, daß ich ihn bei dir verraten habe. Ich habe versucht, ihm zu erklären, daß ich mir meinen Selbstrespekt durch Loyalität erhalte, und daß ich ihn deshalb nie verraten würde, aber er wollte mich erwürgen, weil er mir nicht glaubte. Hier, hier siehst du noch die Flecken.«

Er starrte auf ihren Hals. Er sah die Würgemale, purpurrot, noch keine Verfärbung ins Grünliche. Es waren neue Male.

»Die Fotos sind heute aufgenommen worden«, sagte er.

Schluchzend zog sie den Atem ein.

»Du hast dich das ganze Wochenende darauf gefreut, mich wiederzusehen, aber irgendwann heute hast du das für ein paar Minuten vergessen.«

»Er wollte mich erwürgen, er hätte mich getötet.«

»Wodurch sind die Flecken wirklich entstanden? Von euren neckischen Spielen?«

»Kannst du … kannst du das nicht verstehen? Er wollte mich töten. Er wollte mich erwürgen. Er war verrückt vor Wut. Ich mußte mich retten.«

»Fein, daß man dabei soviel Spaß haben kann.«

»Mir war so übel …«

»Und darum lächelst du so schön?« Er hob den Umschlag von ihrem Schoß auf und zog die Fotos heraus.

»Nein«, schrie sie.

Er zeigte ihr eines der Fotos. »Das sieht nicht nach Übelkeit aus. Es hat dir unheimlichen Spaß gemacht.«

»Aber ich sage dir doch, daß er wahnsinnig vor Wut war, und daß er mich getötet hätte, wenn ich ihn hätte spüren lassen, was ich für ihn empfand.«

»Sicher, sicher.«

»Was kann ich tun, damit du mir glaubst.«

»Streng dich nicht an.«

Sie starrte ihn an, sie versuchte zu sprechen, einen letzten verzweifelten Anlauf zu nehmen, aber er stand auf und ging weg. Sie weinte unkontrolliert, verbarg den Kopf in ihren Händen. Ein Pärchen, das vorbeiging, starrte sie neugierig an. Der Mann sagte etwas zu dem Mädchen, und das Mädchen kicherte.

Ihr Leben war ein Höllenkampf gewesen, aber weil sie gekämpft hatte, hatte sie sich ihre Selbstachtung erhalten können. Als sie vor zwei Jahren zu Fraser zog, war sie ihm Loyalität schuldig gewesen. Auch nachdem sie Kerr getroffen hatte, hatte sie weiter zu Fraser gehalten.

Heute morgen, als Fraser die Fotos gemacht hatte, hatte sie geglaubt, daß er das täte, um sie noch mehr zu erniedrigen. Aber Fraser, wahnsinnig vor Wut und Eifersucht, wollte in der gemeinsten Weise, die er kannte, sicher gehen, daß ihr persönliches Glück endgültig zerstört wurde. Das war seine Belohnung für ihre Loyalität.

Sie öffnete ihre Handtasche und nahm ein Taschentuch heraus. Sie wischte sich die Tränen aus den Augen und von den Wangen und schneuzte sich. Dann zündete sie sich eine Zigarette an.

 

Kerr arbeitete an der Wochenstatistik, als sein Telefon am Mittwochmorgen klingelte. Das plötzliche Geräusch ließ ihn zusammenfahren. Er hatte sich die Nacht vorher betrunken, und jetzt hämmerte sein Kopf wie ein amoklaufender Diesel. Er hob den Hörer ab. »Ja?«

»John, ein Schiff, das Maschinenschaden hatte, soll am 31. ankommen. Ray ist an diesem Schiff interessiert. Bitte, Liebling, du mußt mir glauben …«

Er warf den Hörer nieder. In seiner Kehle saß ein Kloß, und seine Augen schmerzten. Er stand auf und ging zum Büro des D. I.

»Nun?« fragte Fusil.

Du Schwein, dachte Kerr. Ich habe nichts verpfiffen, aber nichts in der Welt würde deine Meinung ändern. »Sir, ich bin gerade angerufen worden. Die Waynet hat angerufen und gesagt, daß Fraser an einem Schiff interessiert ist, das am 31. einlaufen soll, weil es Maschinenschaden hatte.«

Fusils Gesichtsausdruck veränderte sich. Er hob einen Bleistift auf und schrieb etwas auf ein Stück Papier. »Sonst noch was?«

»Nein, Sir.«

Fusil sah auf. »Warum ist sie plötzlich bereit, uns Informationen zu geben?«

»Ich weiß es nicht, Sir.«

»Ist anzunehmen, daß die Information stimmt?«

»Ich habe keine Ahnung, Sir.«

»Was ist los?«

»Nichts, Sir.«

Fusil zögerte, dann sagte er: »Schon gut.« Kerr ging.

Fusil starrte auf die geschlossene Tür. Etwas hatte Kerr umgehauen, und zwar kräftig. Er zuckte mit den Achseln. Ganz egal, was es war, solange Kerrs Arbeit nicht darunter litt.

Warum sollte die Waynet plötzlich Informationen geben? Das paßte überhaupt nicht zu ihrem Charakter. Immer und immer wieder hatte Kerr gesagt, daß sie aus Loyalität zu Fraser nicht reden wollte. Fusil zuckte die Achseln. Zur Hölle mit den Motiven, wenn nur die Information stimmte. Es war klar, daß Fraser so schnell wie möglich an neues Heroin herankommen wollte. Wie stark seine Organisation auch war, sie konnte nicht überleben, wenn sie eine längere Zeit die Händler nicht beliefern konnte. Heute war der 3. August, und das Heroin war am Sonntag, dem 31. Juli beschlagnahmt worden. Es war anzunehmen, daß Fraser sich noch an diesem Tag um eine neue Lieferung bemüht hatte. Fusil überprüfte die Entfernungen. Ein Frachtschiff schaffte die Strecke von Bangkok in etwa zwanzig Tagen. Wenn man Unterbrechungen in anderen Häfen hinzurechnete, konnte der 31. August als nächster Termin stimmen.

Nicht zum erstenmal rief Fusil alle Schiffahrtsgesellschaften an, die den Hafen anliefen. Nach zwei Stunden hatte er erfahren, daß die T.S.S. Pelham am 31. dieses Monats im Hafen erwartet wurde, und daß das Schiff in Hongkong einen leichten Maschinenschaden gehabt hatte, der eine dreitägige Verspätung verursachen würde.

Er lehnte sich in seinem Sessel zurück, legte die Füße auf den Schreibtisch, stopfte seine Pfeife und zündete den Tabak an. Wie konnte man den Seemann ausmachen, der das Heroin schmuggelte? Es war unmöglich, die gleiche Methode anzuwenden, die beim letzten Mal angewandt wurde.

Er hatte eine Idee. Die erfolgreichsten Gangster waren Gewohnheitsmenschen. Wenn sie einmal eine erfolgreiche Methode gefunden hatten, dann blieben sie dabei. Am Sonntag hatte Fraser gezeigt, welche Methode er entwickelt hatte, um das geschmuggelte Heroin in Empfang zu nehmen: Der Seemann wußte ganz genau, wohin er zu gehen hatte, und brauchte vorher keinen Kontakt mehr aufzunehmen.

Es war also anzunehmen, daß Frasers Bande wieder ein Haus mieten würde, um die Übergabe nach demselben Schema vonstatten gehen zu lassen. Man brauchte sich also nur eine Liste der neu vermieteten Häuser zusammenzustellen und die verdächtigen Mieter zu bewachen.

Fusil nahm die Füße vom Schreibtisch und setzte sich wieder gerade in den Sessel. Vielleicht hatte er endlich den Hebel gefunden, mit dem Fraser aus den Angeln zu heben war.

 

Helen Barley war zweiundzwanzig Jahre alt. Sie war ein unauffälliges Mädchen, konservativ im Charakter, in den Manieren und in der Erscheinung. In einer Menge hätte man sie kaum bemerkt. Ihre Ruhe verdeckte jedoch eine herzliche Persönlichkeit, die einer starken Liebe und einer überraschenden Willenskraft fähig war. Sie kam nach Fortrow, um im Haus ihrer Eltern ihren vierzehntägigen Urlaub zu verbringen. Kurz nachdem sie angekommen war, rief sie Kerr auf der Polizeistation an und hoffte – und erwartete –, daß er eine Verabredung für den Abend traf. Das tat er nicht. Deshalb schlug sie vor, sich abends zu treffen; sie brachte es sogar fertig, die Tatsache zu überspielen, daß er sich offensichtlich nicht darauf freute.

Um sieben Uhr verließ sie das Haus ihrer Eltern. Am Ende der Straße bestieg sie einen Bus, und während sie auf die noch überfüllten Straßen schaute, fragte sie sich, was eigentlich mit John los war. Er hatte ziemlich lange nicht geschrieben, aber das hatte sie darauf zurückgeführt, daß er kein großer Schriftsteller war. Hatte er jemand anders getroffen? War er deshalb nicht daran interessiert, mit ihr auszugehen? Sie hatte immer gehofft, daß er sie heiraten würde. Sie hätte ihm ein warmes, liebevolles Zuhause geben können.

Ihr Bus kam ein paar Minuten vor seinem an. Als er ausstieg, ging sie auf ihn zu und sagte: »Hallo, John.« Sie sagte es ein wenig schüchtern.

»Hallo, Helen.«

»Wie geht’s?«

»Nicht übel.«

Sie lächelte ihm warm zu.

»Was wollen wir machen?«

»Ich weiß nicht.«

»Marion sagt, daß es ein gutes Konzert gibt, aber da es ein Mozart-Konzert ist, glaube ich nicht, daß es dir Spaß machen wird. Weißt du noch, was du von der ›Hochzeit des Figaro‹ gehalten hast? Nur Kling-Kling und kein Bum-Bum, hast du gesagt.« Sie lachte.

»Ja«, sagte er, als ob er ihr nicht einmal zugehört hätte.

Sie hakte sich bei ihm unter. »James Bond?«

»Hab’ ich schon gesehen.«

»Ist es ein guter Film?«

»Nicht schlecht.«

»Okay, sollen wir dann was essen gehen? Ich möchte gern zu unserem indischen Restaurant, das hat uns doch immer so gut gefallen.«

»Die haben zugemacht.«

»Oh!« Sie hatte es sehr schwer mit ihm, dachte sie, ein bißchen verzweifelt. »Ist das pakistanische Restaurant noch da?«

»Soviel ich weiß.«

»Dann gehen wir doch da hin.«

»Okay.«

Das Restaurant war klein, aber sauber. Es gab nur ein paar Gerichte, aber die waren gut. Nachdem sie gegessen hatten, und jetzt eine Zigarette rauchten, faßte sie sich plötzlich ein Herz und sagte: »John, du brauchst nicht mit mir auszugehen, nur weil wir das früher auch getan haben.«

»Wie meinst du das?«

»Ich meine … nun, es ist so, als wenn du nur aus einem Pflichtgefühl heraus mit mir ausgegangen wärst.«

Er schüttelte den Kopf. »Wenn ich es nicht gewollt hätte, hätte ich es dir gesagt.«

»Ehrlich?«

»Du kannst mir die Kehle durchschneiden, mein Auge herausziehen und meine Gallensteine ins Meer werfen, wenn es nicht stimmt.« Zum ersten Mal lächelte er flüchtig.

»Ist denn … ist denn sonst was?«

Er antwortete nicht.

»John, ich möchte nicht neugierig sein, aber wenn etwas Schreckliches geschehen ist, dann hilft es dir vielleicht ein bißchen, wenn du darüber redest.«

Er blickte ihr in die Augen und runzelte die Stirn.

»Du siehst so verletzt aus«, sagte sie leise.

Er drückte die Zigarette aus, obwohl er sie nur bis zur Hälfte geraucht hatte. »Ich … ich hab’ mich in etwas verrannt«, sagte er rauh.

Sie wartete.

»Ich habe mich zum Narren gemacht.«

»Das kann uns allen passieren, John.«

»Ach? Hast du dich jemals zum Narren gemacht? Hast du …« Er brach ab.

»Ja?«

»Ich hab’ mich wegen einer Frau zum Narren gemacht.« Er blickte sie an.

»Es tut mir leid, John. Hat es dich schlimm erwischt?«

Er zündete sich eine neue Zigarette an. Nach einer Weile fuhr er fort. »Es war sehr schlimm, aber ich komme schon darüber hinweg. Vielleicht war mein Stolz am meisten getroffen. Aber bis zum Schluß war ich so sicher, daß Jane … ich war sicher, daß sie … Helen, wechseln wir das Thema.«

Sofort sprach sie von anderen Dingen, aber ihr Kopf war voll von dem, was er ihr gesagt hatte und von dem, was er ihr nicht gesagt hatte. Sie war traurig, aber nicht entsetzt. Verbittert dachte sie, was wohl geschehen wäre, wenn sie nicht nach London versetzt worden wäre.

 

Die T.S.S. Pelham lief um sechs Uhr fünfzehn am 31. August in den Hafen ein. Der Hafenoffizier gab sein Okay, und gegen neun Uhr dreißig begann das Entladen.

Am Nachmittag wurde die Mannschaft ausgezahlt. Vor der Gangway warteten die Taxis – Seeleute, die gerade Geld bekommen hatten, gehörten zu den besten Trinkgeldgebern der Welt –, um die Seeleute zum Bahnhof, nach Hause oder in die erstbeste Kneipe zu fahren. Ein Seemann kam auf ein Ford-Taxi zu. Er hatte nur wenig Gepäck bei sich.

»Warwick Street 31«, sagte er dem Fahrer.

»Yeah.«

Nach einer knappen halben Stunde hielt das Taxi vor einem grauen Haus im Pseudo-Tudor-Stil. »Hier sind wir. Das macht zwei Scheine.«

Der Seemann zog aus einem Bündel Banknoten zwei Ein-Pfund-Scheine heraus und gab sie dem Fahrer.

Das Taxi fuhr, und der Seemann stand auf der Straße. Er blickte hinauf und hinunter. Alles war ruhig. Eine Frau lenkte einen Kinderwagen über den Bürgersteig, und auf der anderen Straßenseite stützte sich ein alter Mann auf einen Krückstock.

Der Seemann öffnete das Tor des Hauses 31 und ging zu der Eichentür. Er klopfte. Die Tür wurde von einem rothaarigen Mann geöffnet, dessen Gesicht so aussah, als hätte es einmal Bekanntschaft mit etwas sehr Hartem gemacht. »Pelham«, sagte der Seemann.

»Von wo?«

»Bangkok.«

»Und sonst?«

»Port Said, aber nicht Panama.«

»Komm ’rein.«

Er ging hinein. Das mit den Losungen fand er albern, als ob sie Räuber und Gendarm spielten.

»Hier ’rein«, sagte der Rothaarige und zeigte auf das Zimmer rechts.

Das Wohnzimmer war mit dem unpersönlichen Mobiliar eingerichtet, das man in Häusern fand, die häufig vermietet wurden. Die Netzvorhänge waren sorgfältig vors Fenster gezogen worden. In einem der schäbigen Sessel saß ein zweiter Mann. Er war ein wenig korpulent und sah gut gekleidet aus.

»Okay, dann ’raus damit«, sagte der Rothaarige.

»Ihr habt auch noch nichts vom roten Teppich gehört, was?« fragte der Seemann, ein bißchen nervös.

»Mach schon.«

Er öffnete seinen Mantel, zog das Hemd aus und öffnete einen flachen breiten Gürtel, den er um seine Hüften geschnallt hatte.

Der Mann, der im Sessel saß, nahm den Gürtel, brach ihn an einer Stelle auf und tauchte seinen Zeigefinger hinein und leckte ihn ab. »Okay«, sagte er.

Der Rothaarige nahm ein Bündel Scheine aus seiner Tasche. »Vierhundert Pfund.« Er begann die Summe in Fünf-Pfund-Noten hinzublättern.

An der Haustür klopfte es. Der Rothaarige sprang zum Fenster und blickte von der Seite durch den Vorhang. »Bullen!« schrie er.

Die beiden Männer, die sich nicht mehr um den Seemann kümmerten, liefen aus dem Zimmer, einen kleinen Flur entlang und dann in die Küche. Als sie dort ankamen, wurde die Hintertür gewaltsam geöffnet. Ein Kriminalbeamter und vier uniformierte Polizisten drangen ein.

Rowan ging sofort durch zur Haustür und öffnete sie, um Fusil und drei weitere Polizisten ins Haus zu lassen. Fusil ging in die Küche. Er nahm dem zweiten Mann den Gürtel ab. »Ihr habt aber wirklich Pech«, sagte er.

Der Rothaarige spuckte ein paar Schimpfwörter aus. Ein Polizist, der neben ihm stand, trat einmal hart mit seinem schweren Stiefel auf, und der Rothaarige schrie vor Schmerzen auf, nahm seinen rechten Fuß in die Hände und hopste im Zimmer herum. Fusil wandte sich an Rowan. »Sie bleiben hier. Sehen Sie zu, daß die Funkverbindung klappt. In ein paar Minuten werden Sie Verstärkung bekommen. Falls in der Zwischenzeit jemand kommt und Sie in Streifen schneiden will, wissen Sie, daß Sie nicht allzulange zu leiden haben.« Er grinste. Fusil war in guter Laune.