Prolog

20. Dezember, 02.52 Uhr (GMT)

Ein Stück außerhalb von Miller’s Dale in Derbyshire schlichen sich zwei angehende Naturforscherinnen aus dem Cottage, in dem sie wohnten. Natürlich durften Julie und Marnie nachts das Haus eigentlich nicht verlassen, aber sie hofften, dass ihre Mutter es nicht erfahren würde. Wenn sie mit den „Mädels“ aus gewesen war, schlief sie immer besonders tief. Heute Nacht hatten sie vor, die beiden Mustela erminea zu finden, die sie gestern gesehen hatten, und sie zu fotografieren.

Marnie zumindest war überzeugt, dass es Hermelinspuren gewesen waren. Aber zu ihrem Ärger wies Julie ihre Schwester immer wieder darauf hin, dass sie ebenso gut von einem Mustela nivalis stammen konnten – dem des Lateinischen nicht Mächtigen auch als das Gemeine Wiesel bekannt. Beide hatten fünf Zehen und waren nachtaktiv, aber man konnte Wiesel auch tagsüber finden.

Und sie hatten auch ein weißes Fellbüschel entdeckt. „Das könnte von einem Hasen stammen“, sagte Julie zum fünften oder sechsten Mal.

„Das war kein Hasenfell.“

„Woher weißt du das?“

„Ich weiß es einfach.“ Im Stillen musste Marnie sich eingestehen, dass sie es nicht mit Sicherheit wusste, aber es wäre einfach zu schön, wenn sie den schönen Verwandten des Wiesels in seinem weißen Pelz aufspüren würden.

Möglich wäre es. Hermeline waren nicht so selten, und Millers Dale war nicht nur mit einem oder zwei, nein gleich mit drei Naturschutzgebieten in der Nähe gesegnet: Priestcliffe Lees und Station Quarry, die beide dem Derbyshire Naturalists’ Trust, dem Bund der Naturforscher von Derbyshire, gehörten, und Monk’s Dale, dem staatlichen Naturschutzgebiet. Die ganze Gegend, der sogenannte Peak District, war mit Wanderwegen verseucht und wimmelte nur so von Touristen und anderen Schädlingen.

Jetzt aber waren keine Wanderer unterwegs. Der goldene Mond stand tief am Horizont wie ein pummeliger Kobold. Bald würden sie Vollmond haben. In dem hellen Licht hatten die Mädchen keine Mühe, ihren Weg auf dem Pfad zu finden, der am River Wye entlangführte. Ihr Atem stieg blass auf in der stillen Luft. Marnie stopfte die Hände in die Taschen und spürte ihre sperrige neue Nikon. Sie hatte fast hundert Bilder geschossen, nur um die richtige Belichtungszeit, die richtige Blende und den richtigen ISO-Wert für Nachtaufnahmen herauszufinden. Sie hatte alles vorher eingestellt. Sollten sie tatsächlich einen Hermelin sehen, musste sie nur noch auf den Auslöser drücken.

Doch manchmal kommt es anders als geplant. Die Mädchen hatte erst die Hälfte des Gebietes durchstreift, in dem sie die Spuren ausgemacht hatten, als sie ein sanftes Schimmern bemerkten. Es kam aus einem kleinen Wäldchen zu ihrer Linken.

„Irgendein Dummkopf hat ein Feuer brennen lassen“, sagte Julie.

„Vielleicht.“ Licht flackert nicht wie ein Feuer. „Sieht eher aus wie eine Taschenlampe.“

„Es bewegt sich nicht, oder? Los, lass uns mal nachschauen.“

Marnie hüpfte von einem Fuß auf den anderen. Am liebsten hätte sie weiter nach dem Hermelin gesucht … aber wenn das Licht tatsächlich von einem verlassenen Lagerfeuer herrührte, musste es gelöscht werden. „Na gut. Aber sei leise, vielleicht sind es Teenager.“

Die Mädchen waren geübt darin, sich leise zu bewegen, damit sie nicht wilde Tiere aufschreckten, aber unter den Bäumen war es sehr viel dunkler. Trotzdem erreichten sie die kleine runde Lichtung in der Mitte des Wäldchens, ohne allzu viele Geräusche zu machen. Dann aber blieben sie wie angewurzelt stehen … und gingen gleich darauf hinter einem Baum in Deckung.

In dem Feenring waren Feen.

Zumindest dachte Marnie, dass es Feen seien, obwohl niemand mehr eine Fee gesehen hatte seit … nun, seit einer Ewigkeit. Aber sie waren klein, so klein, dass sie ihr wohl im Stehen kaum bis zum Knie gereicht hätten … wenn sie gestanden hätten. Und sie hatten große, wirklich sehr große Schmetterlingsflügel. Und sie schimmerten hell. Die wunderschönen blassen kleinen Körper strahlten ein sanftes Licht aus, als bestünden sie aus Leuchtdioden.

Was sie sehr deutlich sehen konnten, weil sie nämlich nackt waren. Und sie machten … nun, sie hatte schon gesehen, wie Tiere es taten, aber nicht Wesen, die so sehr aussahen wie richtige Menschen.

Marnie zerrte ihre Kamera aus der Tasche und schaltete sie ein. Sie drückte auf den Auslöser und schickte ein Gebet gen Himmel. Dann knipste sie noch einmal. Und noch einmal.

„Sie haben Sex!“, flüsterte Julie schockiert.

Marnie kniff sie, um sie zum Schweigen zu bringen, aber es war schon zu spät. Eine von den Feen – eine Frau mit gelben Flügeln, auf denen große braune Punkte waren – hielt inne bei dem, was sie gerade mit dem Mann mit den rötlichen Flügeln tat. Sie sagte etwas, sehr schnell.

Marnie staunte. Die kleine Fee hatte Zähne. Spitze Zähne, wie eine Katze.

Ein paar von den anderen lachten. Eine zwitscherte noch ein paar Worte, dann sahen sie sich alle erschrocken um. Ein klitzekleiner Mann mit blauen Flügeln schrie auf und zeigte auf den Baum, hinter dem Marnie und Julie sich versteckten.

Die größte Frau, eine schlanke Rothaarige mit Flügeln, deren Farbe an die Abenddämmerung erinnerte, hob die Hände über den Kopf. Mit scharfer Stimme, als befehle sie jemandem etwas, rief sie ein paar Worte. Sie war laut, lauter, als man es von jemand so Kleinem erwartet hätte. Sie ballte die winzigen Hände zu Fäusten.

Dann waren sie auf einmal alle verschwunden, und es wurde dunkel unter den Bäumen.

Die Mädchen bekamen Schelte, weil sie sich aus dem Haus geschlichen hatten, aber das machte ihnen nichts aus. Marnie verkaufte ihre Fotos an das Lokalblatt und anschließend an einen Nachrichtendienst. Und irgendwann verzieh sie ihrer Schwester, dass diese ihren großen Mund aufgemacht und die Feen verschreckt hatte.

19. Dezember, 20.52 Uhr (Ortszeit)

20. Dezember, 02.52 Uhr (GMT)

Los Lobos hockte gefährlich nah am Rand der bergigen Küste von Michoacán in Mexiko, wo die Bergspitzen der Sierra Madre del Sur sich so eng zusammendrängten, dass es aussah, als müssten sie in den Pazifik stürzen. Der winzige Pueblo erstreckte sich zu beiden Seiten an einer der wenigen holprigen Straßen, die in die Berge führten – wie eine Schlange, die ihre Asphalthaut nach sieben Kilometern abstieß und sich dann erleichtert ins schützende Dämmerlicht wand. Auf den Schotterweg, der von dort aus weiterführte, wagten sich nur Esel oder Leute, denen der Unterboden ihres Fahrzeugs nicht am Herzen lag.

Es gab keinen Gasthof und kein Hotel im Dorf, aber Señora de Pedrosa, die Witwe des alten Enrique, hatte ein freies Schlafzimmer, nachdem sie erst einmal den drittältesten Enkel vor die Tür gesetzt hatte – denn der würde es auch ein paar Tage bei seinem Bruder und seiner Schwägerin aushalten. Das Zimmer hatte sie an einen Fremden vermietet, der jetzt dort schlief – und von der Dunkelheit träumte.

Cullen fuhr aus dem Schlaf hoch. Einen Moment lang wusste er weder, wo er war, noch ob es Tag war oder Nacht, aber er nahm Licht wahr. Er konnte sehen.

Nicht, dass es viel zu sehen gegeben hätte. Der Schlaf hatte ihn übermannt, während er an dem kleinen Tisch saß, den seine Vermieterin ihm großzügig überlassen hatte. Den Kopf auf den Armen, war er eingenickt.

Was für ein langweiliger Traum. Doch nicht so langweilig wie der neulich. Er hatte gehofft, dass er nicht mehr aus seinem Unterbewusstsein hochsteigen würde, nun, da er ein Nokolai war, aber offenbar war ihm dieses Glück nicht vergönnt.

Cullen richtete sich auf, rieb sich mit beiden Handflächen über das Gesicht und drehte sich in der Taille, um seine Wirbelsäule zu lockern. Anscheinend gingen die durchwachten Nächte und die Wanderungen durch den Dschungel nicht spurlos an ihm vorbei. Wie viel Uhr war es eigentlich?

Er nahm das Telefon, das, weitab von irgendeinem Funkturm, eher eine Uhr war als ein Kommunikationsmittel. Das leuchtende Display informierte ihn darüber, dass jetzt eigentlich nicht die rechte Zeit zum Schlafen war. Nun, jetzt war er wach.

Was hatte ihn aufgeweckt?

Er runzelte die Stirn. Der Traum? Aber bis jetzt war er nie aufgewacht von diesem Traum. Er horchte, schnüffelte, aber er hörte oder roch nichts Ungewöhnliches …

Dann spürte er es wieder. Etwas kitzelte an seinen Schutzschilden, sanft wie eine Feder.

Instinktiv zog er sie enger. Was zum Teufel …?

Dann lächelte er. Natürlich. Jemand hatte ihn bemerkt und versuchte nun, ihn abzuwehren. Wer sonst könnte es sein als die, die er suchte?

Seine Hand fuhr zur Brust, wo die längere seiner beiden Halsketten baumelte. Er öffnete den Beutel – Leder, mit Seide bezogen – und leerte ihn aus. Einen Augenblick lang drehte er den Gegenstand zwischen seinen Fingern, genoss das Gefühl.

Er war hart und glatt wie Glas und hatte die Form eines großen Blütenblatts. Die Ränder waren so scharf, dass er ihn nur ganz vorsichtig anfasste. Im Tageslicht, das wusste er, würde er dunkelgrau schillern, als wäre er mit öligem Wasser überzogen. Aber jetzt konnten seine Augen ihn kaum ausmachen.

Doch Cullen war nicht nur auf seine Augen angewiesen, um zu sehen. Und die Blendung, die man ihm kürzlich zugefügt hatte, die aber inzwischen verheilt war, hatte seinen anderen Blick nur noch schärfer gemacht. Mit diesem Blick sah er Farben, lebendige, leuchtende Farben. Blau für Wasser, Silber für Luft, Braun für Erde. Rote, gelbe, grüne Funken – alle Farben der Magie tanzten durcheinander. Aber darunter … unter all diesen Farben lag tiefstes Purpur, so dunkel, dass es fast schwarz war.

Purpur, die Farbe der Andersblütigen. Was er in den Händen hielt, stammte von der ältesten magischen Art, von der, die reiner war als alle anderen. Möglicherweise, dachte Cullen, als er jetzt mit dem Daumen darüberstrich, hatte seit vier- oder fünfhundert Jahren niemand mehr so etwas in der Hand gehalten.

Eine Drachenschuppe, erst vor so kurzer Zeit von ihrem Besitzer abgestoßen, dass seine Magie darin noch lebendig war.

Ein Drache, der vielleicht auf der Suche nach Cullen war, so wie Cullen auf der Suche nach ihm war – wenn auch aus anderen Gründen. Er grinste in der Dunkelheit, während sich seine Hand um die scharfen Kanten seines Schatzes schloss.

20. Dezember, 10.52 Uhr (Ortszeit)

20. Dezember, 02.52 Uhr (GMT)

Achtzig Kilometer außerhalb von Chengdu in der Provinz von Sichuan, China, erklomm eine alte Frau einen Berg, einen recht niedrigen Berg, zugegebenermaßen, obwohl der Pfad steil anstieg. Im Winter nahmen nur wenige diesen Pfad, aber heute fiel kein Schnee. Die Sonne stand am Himmel wie ein glänzender Kiesel.

Sie war nicht allein. Fünf weitere Menschen folgten ihr in einigem Abstand. Vielleicht waren sie nicht so versessen darauf wie sie, den taoistischen Tempel am Ende des Pfades zu erreichen. Die Kälte verärgerte Madam Li Lei Yu, denn sie zeigte ihr, dass sie älter wurde und einmal sterben würde. Auf der anderen Seite jedoch hatte sie diese Pilgerreise eben gerade deswegen unternommen, sowohl diese Wanderung den verdammten Berg hinauf als auch die Reise zurück in ihr Heimatland.

Nachdem sie in Chengdu angekommen war, hatte sie erfahren, dass der Mann, wegen dem sie gekommen war – ein Mönch –, letztes Jahr gestorben war. Sie war böse auf An Du. Hätte er damit nicht noch ein bisschen warten können? Zwar würde sie jetzt sein Grab besuchen, aber sie konnte sich des Gefühls nicht erwehren, dass sie es am liebsten so schnell wie möglich hinter sich gebracht hätte.

Als es passierte, war sie noch sechshundert Meter vom Gipfel entfernt und nicht mehr in Sichtweite der anderen. Es war kein Schwindelanfall, obgleich sie nicht mehr wusste, wo oben und unten war. Sie wurde nicht blind oder taub, obwohl ihr grau vor Augen wurde und ihr Gehör schwand. Etwas Starkes und Fremdes fegte durch sie durch, blies ihre Sinne aus wie Kerzen und ließ sie durch die Realität gleiten wie auf Eis.

Als sie auf dem Rücken liegend wieder zu sich kam, schien die Sonne immer noch, ihre Begleiter waren immer noch hinter der Wegbiegung, und auf ihren Lippen lag ein Name, der seit vierhundert Jahren nicht mehr laut ausgesprochen worden war.

Auch jetzt sprach Li Lei den Namen nicht aus. Aber er klang in ihrem Inneren und sprach von einer Zukunft voller Schrecken und Freude, Erinnerung und Wandel. Einige Atemzüge lang rührte sie sich nicht und wartete darauf, dass ihr Herz seinen regelmäßigen Schlag wieder aufnahm. Und darauf, dass sie begriff, was geschehen war und was es bedeutete.

„Dann“, flüsterte sie, „ist er also zurückgekommen.“

Und wie lange war er schon zurück, bevor der Wind durch sie hindurchgeweht war und seinen Namen geflüstert hatte? Ihr Blick verfinsterte sich.

Als sich Stimmen näherten, stand sie auf. Sie zuckte zusammen – es sah ja schließlich keiner –, weil ihre Hüfte schmerzte. Es hatte eine Zeit gegeben, als ein kleiner Sturz wie dieser … nun, das war jetzt nicht wichtig. Sie war alt, und aus irgendeinem unerfindlichen Grund hatte ihr Schöpfer beschlossen, dass Altersschwäche zum Leben dazugehörte. Wenn man damit haderte, wurde es nur noch schlimmer.

Trotzdem brummte sie nun leise vor sich hin, auch wenn es an niemand Bestimmten gerichtet war, als sie den Pfad zurückging.

Die anderen kamen um die Biegung, hinter ihrem Führer. Er war ein kleiner, agiler Mann um die vierzig, dem es gar nicht gefallen hatte, dass sie vorausgelaufen war. Er hatte sogar tatsächlich geglaubt, er könnte sie zurückhalten. Das Ehepaar hinter ihm kam aus Peking, die beiden jungen Männer irgendwo aus Guizhou.

Li Lei Yu wusste nicht, warum die anderen sich gerade heute dazu entschlossen hatten, diesen Berg zu besteigen, und es interessierte sie auch nicht. Ihr Interesse galt einzig und allein einer Person in der Gruppe, einer Frau mittleren Alters, die ganz hinten stand. Sie achtete nicht auf die Fragen und Zurechtweisungen des Führers, als sie sich den Weg zu ihrer Begleiterin bahnte. Li Qins liebes, aber hässliches Gesicht war gelassen wie immer, und ihre Stimme war immer noch so überraschend schön wie damals, als sie sich das erste Mal getroffen hatten. „Haben Sie den Gipfel erreicht und sind nun zurückgekommen, um uns den Weg zu weisen, Madam?“

Das war Li Qins Sinn für Humor. Es war offensichtlich, dass nur ein Weg zum Gipfel hinaufführte. „Ich habe keine Lust mehr, ins Leere zu reden. Das ist zu einseitig. Wir gehen jetzt.“

Gehorsam wandte sich Li Qin um und begann, den Pfad hinunterzugehen. „Gehen wir zum Hotel zurück?“

„Nein. Nach Hause.“

„Ah.“ Schweigend folgte ihr Li Qin.

„Du tust es schon wieder“, murmelte Li Lei. „Das ist sehr unschön.“

„Ich habe nichts gesagt.“

„Du denkst sehr laut.“ Ein paar Minuten lang stiegen sie weiter schweigend bergab, bis sie widerstrebend sagte: „Ich gebe es ja zu. Du hattest recht. China ist nicht länger meine Heimat.“

Sanft antwortete Li Qin: „Das habe ich nicht gesagt.“

Nicht wörtlich, nein. Sie hatte gesagt, dass Li Lei ihrer Ansicht nach in China nicht das finden würde, was sie suchte. Aber es lief auf dasselbe hinaus, denn Li Lei sehnte sich nach Heimat. Nach Heimat und danach, Menschen wiederzusehen, von denen doch so viele schon nicht mehr lebten.

Aber nicht alle. Sie blieb stehen und wandte sich um, um ihrer alten Freundin in die Augen zu sehen. „Ich habe etwas gefunden, nach dem ich nicht gesucht habe. Oder es hat mich gefunden.“ Sie holte langsam Luft und atmete wieder aus. „Die Wende. Die Wende ist gekommen, Li Qin.“

Li Qin sog die Luft ein, so leise, dass selbst Li Leis Ohren das Geräusch kaum vernahmen. Ihre Augen weiteten sich. Sie war nun ganz und gar nicht mehr gelassen.