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Der Himmel über ihnen war trübbraun. Tief hängende Wolken warfen das kalte Licht der Straßenlaternen zurück.

Auch hier unten war die Stimmung trüb.

Das Blaulicht der Polizeiwagen flackerte in der Dunkelheit. Am Tatort standen zahlreiche Fahrzeuge: Streifenwagen, ein Ford (ein Dienstwagen wie der von Lily), ein Krankenwagen, der Van der Spurensicherung, die Autos der Reporter von der Post und von AP. Im Moment arbeiteten die örtliche Polizei und die Bundespolizei noch zusammen. Die Uniformierten hielten die Presse und andere Ärgernisse in Schach und die Spusis vom FBI untersuchten den Tatort.

Ein Krankenwagen war bereits mit dem Mann, der zum falschen Zeitpunkt aus dem Pornokino gekommen war, weggefahren. Jetzt lag er wahrscheinlich auf dem Operationstisch.

Das blitzende Rotlicht des zweiten Krankenwagens erinnerte Lily daran, wie Pauls Herz das Blut aus seinem Körper gepumpt hatte, immer weiter.

Cynna kniete neben der Leiche des Dämons. Mit einer Hand strich sie durch die Luft darüber. Von außen betrachtet, machte das, was sie tat, nicht viel her. Rule war auf der anderen Seite der Straße und sprach in sein Handy. Er hatte seinen Vater anrufen müssen.

So wie Lily. Das heißt, ihren eigenen Vater, und aus anderen Gründen. Er hätte sie in zwei Tagen vom Flughafen abholen sollen, aber diesen Flug würde sie sicher nicht nehmen können. Möglicherweise würde sie Weihnachten nicht zu Hause sein. Sie hatte ihm eine Nachricht hinterlassen, in der Hoffnung, dass sie so irgendwelche Erklärungen auf später verschieben konnte.

„Hat Cynna dir gesagt, dass sie eine Vorahnung hatte?“, fragte Croft, nachdem Lily ihm einen kurzen Bericht gegeben hatte.

„Ja, hat sie.“ Der Mann neben ihr war der Einzige unter den fremden Leuten um sie herum, den sie kannte. Martin Croft war ein Special Agent, einer von den beiden, die sie angeheuert hatten. Auch seine Haut war braun, aber in einem sehr viel freundlicheren Farbton als der Himmel, wie Zimt mit Zucker. In seiner Stimme klang ein Hauch von Harvard mit, seine Schuhe waren auf Hochglanz poliert, und er hatte keinerlei Gabe.

Trotzdem war er einer der besten Agenten in der Einheit. Sie war froh gewesen, als er aufgetaucht war. Lily wusste, was an einem Tatort zu tun war. Aber sie wusste nicht, wie man mit einem toten Dämon umging.

Und wenn Croft der Verantwortliche vor Ort war, würde er mit der Presse reden müssen und nicht sie. „Sie sagte, sie hätte auf einmal gewusst, dass sie uns finden müsste.“

„Hmmm.“ Croft sah zu Cynna hinüber, die immer noch die Hand über der Leiche des Dämons hin und her gleiten ließ. „Aber sie hat nur eine Trefferquote von weit unter zwanzig Prozent, was ihre Fähigkeit der Vorahnung betrifft.“

„Weit unter zwanzig Prozent?“ Lily hob die Augenbrauen. „Es gibt welche, die kommen auch ohne Gabe auf höhere Werte.“

„Ganz genau. Wir sollten uns mal mit Cynna unterhalten.“

Als sie näher kamen, stand Cynna auf. Sie war groß, und sie war gebaut wie eine Amazone: kräftige Schultern, endlos lange Beine und mit Brüsten, die jedes Playmate vor Neid erblassen lassen würden. Ihre Haare waren blond und extrem kurz. Lily hatte den Verdacht, dass sie ihrer natürlichen Haarfarbe mit Chemie nachgeholfen hatte. Ihre Gesichtszüge waren noch das Unauffälligste an ihr, wenn man erst einmal hinter die blauen Tätowierungen in ihrem Gesicht und auf ihrem Körper gesehen hatte. Ihre Nase war leicht schief, das Kinn kräftig, und ihre Augen hatten die Farbe von Whiskey. Sie hatte einen breiten Mund und lächelte gern.

Aber nicht heute Abend.

Cynna trug Jeans, einen dünnen schwarzen Pullover und eine Bomberjacke mit offenem Reißverschluss. Als sie das sah, fror Lily noch mehr. „Hast du etwas gefunden?“

Cynna schüttelte den Kopf. „Nichts. Wie ich es mir gedacht habe, die Zauber sind verschwunden, als er gestorben ist. Ich habe seinen Meister nicht zurückverfolgen können.“

„Aber du bist dir sicher, dass er einen Meister hatte? Er ist nicht einfach von allein aufgetaucht?“ Lilys Zehen wurden allmählich taub. Sie zog sie an und streckte sie wieder, in der Hoffnung, dadurch die Durchblutung anzuregen.

Das Evidence Response Team, wie das FBI seine Spurensicherung nannte, stand bereit. Ihre Leiterin unterbrach sie. Es war eine ältere Frau, die eine etwas unglückliche Ähnlichkeit mit Lou Grant hatte, nur mit mehr Haar. „Sind Sie fertig mit Ihrem Hokuspokus?“

Cynna winkte in Richtung des Dämons. „Er gehört Ihnen.“

Fotos, sowohl auf Film als auch digital, hatten sie bereits gemacht, jetzt kam der praktische Teil. Dabei stellte sich heraus, dass zwei von den drei Technikern nur leicht widerstrebend Hand an einen Dämon legten.

Einer von ihnen, ein kleiner Weißer mit einem Schnurrbart, schüttelte den Kopf. „Ich weiß nicht, Marion. Guck dir das Ding doch mal an. Hast du so etwas schon mal gesehen? Jetzt mach ich diese Arbeit schon siebzehn Jahre, aber so etwas ist mir noch nicht untergekommen.“

„Einmal ist immer das erste Mal“, sagte seine Chefin. „Zieh deine Handschuhe an.“

„Vielleicht ist es ja eine blöde Frage“, sagte der dritte Techniker, „aber sind wir sicher, dass er tot ist?“

Auch für abgebrühte FBI-Spusis waren offenbar dreihundert Pfund schwere Dämonen mit Reißzähnen und Klauen nichts Alltägliches, dachte Lily. „Sehen Sie die Gehirnmasse, die um seinen Schädel verspritzt ist?“, sagte sie. „Das sagt alles.“

„Ja, aber Dämonen …“

„Brauchen Gehirnmasse, um zu leben“, sagte Cynna betont langsam. „So wie jeder, außer Politikern.“

Das löste vereinzeltes leises Kichern aus. D.C.-Cops liebten Politikerwitze. „Na dann … wonach suchen wir?“, sagte der mit dem Schnurrbart und streifte seine Handschuhe über.

„Dasselbe wie immer“, sagte Croft. „Alles und nichts.“ Er warf Lily und Cynna einen Blick zu, und alle drei traten ein wenig zur Seite, um die Techniker ihre Arbeit machen zu lassen.

Nicht, dass Lily sich viel davon erwartete. Cynna hatte gesagt, wenn ein Dämon mithilfe einer Beschwörung gelenkt wurde, war immer auch eine körperliche Komponente mit im Spiel. Aber um sie zu finden, brauchten sie eine Autopsie. Der Dämon müsste sie gefressen haben.

Croft wiederholte Lilys Frage von eben. „Glauben Sie, der Dämon wurde geschickt? Wurde er zu dieser Tat manipuliert?“

„Nun, ja. Sie wissen selber, dass Dämonen sich normalerweise nicht so verhalten.“

„Geht einfach mal davon aus, dass ich nicht weiß, wovon ihr redet“, sagte Lily. „Denn das weiß ich wirklich nicht.“

„Oh. Okay. Zuerst einmal kann es eigentlich nicht sein, dass ein Dämon ungerufen die Grenze zwischen den Welten überschreitet. Wir wissen jetzt, dass das nicht stimmt, aber die Fähigkeit ist verdammt selten. Nein, ich meine eher die Art, wie er sich verhalten hat. Er ist direkt auf Rule losgegangen, obwohl du viel gefährlicher warst für ihn. Ein Dämon würde das nie tun, wenn er nicht mit einem Zauber belegt wäre.“

„Nachdem er Paul angegriffen hatte, schien er nicht mehr so auf Rule fokussiert zu sein.“

„Er hatte Blut geschmeckt. Dämonen lieben Blut, vor allem menschliches Blut. Es berauscht sie. Ich weiß nicht, welche Wirkung Lupusblut auf sie hat, aber vielleicht hat es ihm so viel Kraft gegeben, dass er dem Zauber für kurze Zeit widerstehen konnte.“

„Blut gibt ihnen einen magischen Energieschub?“

„Oh ja. Blut ist voller Energie. Deswegen wird es seit Jahrhunderten in Zaubersprüchen und Ritualen verwendet.“

Das wusste sogar sie. „Schwarze Magie.“

Croft schüttelte den Kopf. „Nicht unbedingt. Bei vielen Praktiken wird prinzipiell kein Blut verwendet, aber vor allem wegen der Versuchung, die darin liegt, nicht weil die Verwendung von Blut von Natur aus etwas Böses wäre. Die katholische Kirche – die ja wohl die Expertin für Gut und Böse ist – bestätigt das stillschweigend. Ihre Transsubstantiationslehre beruht auf der Kraft des Blutes.“

„Übersetzung bitte“, sagte Lily. „Transsubstantiation?“

„Der Glaube daran, dass der Wein während der heiligen Kommunion tatsächlich zu Jesu Blut wird.“ Er nickte Cynna zu. „Sorry.“

„Kein Problem.“ Sie blickte Lily an. „Ich wünschte, ich wäre früher hier gewesen.“

Crofts Tonfall wurde sehr trocken. „Sie hatten eine Vorahnung, habe ich gehört?“

„Äh …“ Cynna stopfte die Hände in die Jackentaschen. „Eigentlich nicht.“

„Was ist denn eigentlich passiert?“ Lilys Ton war scharf. Zu scharf vielleicht, denn schließlich hatte Cynna Rule möglicherweise gerade das Leben gerettet.

„Das ist nicht einfach zu erklären. Mir ist etwas Komisches passiert. Etwas total Komisches.“ Sie schürzte die Lippen und atmete laut aus, als sei ihr die Frage lästig. „Und es hat garantiert nichts mit meiner Suche nach demjenigen zu tun, der den Dämon geschickt hat.“

Croft schüttelte den Kopf. „Sie wissen, dass uns das nicht reicht.“

Sie warf ihm einen bösen Blick zu. „Schon gut, schon gut. Ich, äh … wurde von jemandem kontaktiert. Sie hat mir gesagt, ich soll mich schnellstens auf die Suche nach euch machen. Und das war ja auch richtig, wie sich herausgestellt hat.“

„Wer? Wer hat Ihnen das gesagt?“

„Ihren Namen hat sie mir nicht gesagt. Aber ich glaube, es war … Sie wissen schon, Sie. Die, von denen die Lupi sprechen. Und jetzt mache ich, glaube ich, Schluss für heute Abend und …“

Lily packte sie am Arm. „Moment mal. Wenn du von der Göttin kontaktiert wurdest, die die Lupi vernichten will …“

Die doch nicht!“ Cynna schüttelte Lilys Hand ab. „Herrje, hier mischen wirklich zu viele namenlose Göttinnen mit. Es gibt die, die wir nicht beim Namen nennen dürfen, weil das Ihre Aufmerksamkeit auf uns lenken würde, und die, die die Lupi die Dame nennen. Von der rede ich. Sie hat sich mir gezeigt … na ja, nicht in Fleisch und Blut, aber ich habe ihre Stimme gehört. Sie war … ich weiß nicht, wie ich es beschreiben soll, aber ich habe so etwas noch nie gehört. Ich war in einer Kirche“, fügte sie gekränkt hinzu, „um zu beten oder es zumindest zu versuchen. Und zwar nicht zu ihr.“

Lily starrte sie an. „Die Rhej hatte recht.“

„Nein, sie hatte nicht recht, und ich will jetzt nicht mehr darüber reden.“

„Die Rhej?“ Crofts Augenbrauen hoben sich. „Wer ist das, und womit hatte sie recht?“

Lily spürte, dass Rule sich näherte. „Bei den Menschen gibt es nichts, womit ich sie vergleichen könnte, aber eine Rhej ist wie eine Priesterin oder wie eine Geschichtsschreiberin eines Clans. Die Rhej der Nokolai ist überzeugt, dass Cynna ihre Nachfolgerin ist. Es hört sich verrückt an, aber wenn die Dame tatsächlich zu Cynna gesprochen hat …“

„Ich weiß nicht mit Sicherheit, wer es war“, wandte Cynna ein. „Es ist nur eine Vermutung. Und außerdem spielt es sowieso keine Rolle. Ich bin keine Nokolai. Ich bin katholisch.“

„Das eine schließt das andere nicht zwangsläufig aus“, sagte Rule, als er zu ihnen trat. Er hatte sich wieder angezogen, nachdem er sich in seine Menschengestalt verwandelt hatte. Seine Hose und sein Hemd waren zerknittert, seine Krawatte war verschwunden, und wahrscheinlich war er erschöpft.

Aber auch jetzt sah er noch gut aus. Ein bisschen verkommen vielleicht, aber sexy.

Cynna warf ihm einen wütenden Blick zu. „Ich nehme an, du hast gehört, was ich gesagt habe.“

Er nickte. „Ich werde dich nicht unter Druck setzen. Das ist eine Sache zwischen dir und der Dame. Aber du solltest wissen, dass sie nur ganz, ganz selten zu jemandem spricht, und wenn, dann nur zu Rhejs oder zu denen, die eine Rhej werden sollen.“

Cynna zog die Schultern hoch, als könne sie so seine Worte abwehren, und stieß die Hände tiefer in die Taschen. Vielleicht ging es ihr so wie Lily und ihr war einfach nur kalt.

Aber bestimmt nicht so kalt wie Paul. Wenigstens hatten sie nun eine Decke über ihn gelegt.

„Mist“, sagte Croft und blickte zur Seite. „Das Fernsehen hat uns gefunden.“ Er schnitt eine Grimasse. „Ich schau mal lieber, dass ich das noch deichsle, bevor sie melden, dass Dämonen die Hauptstadt angreifen.“

„Lieber du als ich“, sagte Lily.

„Ich sag der Spurensicherung, dass sie die Leiche einladen können. Wenn sie das erledigen, während die Presse sich auf mich stürzt, bekommen die Leichenfledderer vielleicht keine guten Bilder.“

Lily war froh, dass er daran gedacht hatte, ihm diesen wenn auch nur kleinen Rest von Würde zu lassen. Als er davonging, sah sie Rule an. „Hast du deinen Vater erreicht?“

„Ich habe mit dem Rho gesprochen.“ Manchmal sprach Rule von seinem Vater, als wären der, der ihn gezeugt hatte, und der, der seinen Clan regierte, zwei verschiedene Männer. „Er war nicht sehr erfreut.“

„Weil sein Sohn beinah getötet wurde? Oder weil der, der getötet wurde, ein Leidolf war und die Lage dadurch noch komplizierter wird?“

„Beides.“

Rules Gesichtsmuskeln spannten sich über dem edel geschnittenen Gesicht. Seine Augen sahen traurig aus. Wenn Pauls Tod ihr schon so zu schaffen machte, wie schwer musste es erst für Rule sein? Die susmussio war immer noch in Kraft.

Sie legte die Hand auf seinen Arm. „Wie viele Bodyguards schickt er?“

Ein flüchtiges Lächeln huschte über sein Gesicht. „Du überraschst mich, nadia.“ Er sagte nicht, ob es wegen ihrer Frage war oder wegen ihrer Berührung. Vielleicht Letzteres. Normalerweise versuchte sie, ihn in der Öffentlichkeit so wenig wie möglich anzufassen. „Ich weiß nicht, wie viele mich von jetzt an auf Schritt und Tritt begleiten werden, aber du hast recht. Er besteht auf Bodyguards. Benedict ruft mich später an, um es genauer zu besprechen.“

Wenn er nicht gerade als lebende Legende der Clans herumlief, kümmerte sich Benedict um die Sicherheitsfragen bei den Nokolai. „Hin und wieder sind dein Vater und ich einer Meinung.“ Widerstrebend, denn die Berührung hatte auch für sie etwas Tröstliches, ließ sie seinen Arm los.

„Du bist müde“, sagte er.

Jetzt, da ihr Adrenalinspiegel sank, spürte sie, wie müde sie war. „Und was ist mit dir? Das Ding hat dich einmal so richtig erwischt. Willst du nicht doch, dass die Sanitäter es sich angucken?“

Er winkte ab. „Das ist bloß ein großer Kratzer. Brauchst du noch lange?“

Für einen Menschen war es zwar nicht bloß ein Kratzer, aber die Klauen des Dämons waren tatsächlich nicht sehr tief ins Fleisch gedrungen. Die Wunde würde schnell heilen. „Schwer zu sagen. Croft kann den Tatort übernehmen, aber …“ Sie zuckte die Achseln.

„Aber du willst vor Ort sein, wenn sie etwas finden.“

„Du etwa nicht?“

Er sah zur Seite. Gerade hoben die Rettungssanitäter Pauls Leiche auf eine Rollbahre. „Ich wollte, das verdammte Ding wäre noch am Leben, damit ich es selber töten könnte.“ Schnell ging er davon.

Cynna sagte vorsichtig: „War der Mann, der ums Leben gekommen ist, ein Freund von dir?“

War Paul ein Freund von ihr gewesen? Sein Clan war mit dem der Nokolai verfeindet. Sie hatte ihn erst vor ein paar Stunden kennengelernt, und doch hatte sie ihm bereits einmal das Leben gerettet. Dann hatte sie gesehen, wie ein Dämon sein Blut getrunken hatte. Er hatte für sie gekämpft. Und er war gestorben, als er ihnen half. „Das kann man nicht so einfach erklären“, sagte sie. „Er war uns wichtig.“

„Nicht so einfach.“ Cynna legte den Kopf schief. „So etwas Ähnliches habe ich auch eben gesagt.“

„Und dann hast du gesagt, du hättest ‚etwas ziemlich Komisches‘ erlebt.“ Aber Cynna hatte recht. Sie verdiente es, zu erfahren, was in dieser Nacht passiert war. Sie verdiente eine Erklärung. Die Lily ihr nicht geben konnte. „Wir waren im Kennedy Center, als eine Art Magie durch den Saal gefegt ist. Sie war mächtig … und anders. Sie zwang Paul zur Verwandlung …“ Die Gefühle übermannten sie, und ihre Kehle wurde eng.

Wenn sie das verdammte Ding nur öfter getroffen hätte! Ein oder zwei Kugeln mehr im Körper hätten den Dämon möglicherweise geschwächt, und wenn er ein wenig langsamer gewesen wäre … „Er war auf der Bühne, einer von den Künstlern. Ein Tenor. Und nachdem wir vor Ort alles geregelt hatten, war es spät, und Rule hat ihm angeboten, ihn nach Hause zu bringen. Und so sind wir alle hier gelandet.“

Cynna runzelte die Stirn. „Wann kam diese magische Energiewelle?“

„Kurz vor zehn.“

„So um zehn Uhr herum habe ich etwas gespürt, einen Energieschub, viel zu stark, als dass er von einem herumirrenden Sorcéri stammen könnte. Ich musste sogar etwas davon abfließen lassen.“

Lily hob die Augenbrauen. „Wo warst du da?“

„Vielleicht fünfzehn Blocks von hier. Weit weg vom Kennedy Center.“

Ein magischer Wind, der durch die ganze Stadt gefegt war? „Was hätte so einen Wind auslösen können?“

Cynna zuckte die Achseln. „Ich bin nicht gut, was Theorien angeht. Du brauchst Cullen. Der liebt Theorien.“

„Aber Cullen ist nicht da. Cynna …“ Es war unmöglich, diese Frage taktvoll zu formulieren, also kam sie ohne Umschweife zur Sache: „Glaubst du, dass deine alte Lehrerin etwas damit zu tun hat? Die aus deiner Zeit als Dizzie?“

Cynna schaute unglücklich drein. „Kann ich nicht sagen. Du hast in einer anderen Beschwörung ermittelt.“

„Ich war bei einer Ermittlung dabei“, sagte Lily trocken. „Ich würde nicht sagen, dass ich tatsächlich ermitteln durfte. Aber ja, das ist wirklich ein merkwürdiger Zufall, obwohl ich keinen Zusammenhang erkennen kann. Außer …“ Sie sollte eigentlich nicht über das Ermittlungsergebnis sprechen, aber sie wusste, dass Cynna den Mund halten konnte. „Sie haben herausgefunden, wer dahintersteckt.“

Cynnas Augenbrauen fuhren nach oben. „Ach ja? Ich habe nichts von einer Verhaftung gelesen.“

„Und das wirst du auch nicht, wenn es nach den Anzugträgern geht. Er ist tot, anscheinend ein Selbstmord.“ Sie hatte ihre Zweifel, aber niemand wollte etwas davon hören. „Und er ist kein amerikanischer Staatsbürger, also haben die da oben mit seiner Regierung ein Geschäft gemacht, damit nichts an die Öffentlichkeit dringt.“

„Und was willst du damit sagen?“

„Er ist Afrikaner.“

„Scheiße.“ Auch Cynnas frühere Lehrerin arbeitete mit alten afrikanischen Ritualen. Sie untersuchte eingehend die Leiche des Dämons. Die Techniker von der Spurensicherung schienen noch nicht sehr weit gekommen zu sein. Marion redete gerade auf den jüngsten ein, der immer wieder den Kopf schüttelte. „Einesteils hoffe ich, dass Jiri nicht dahintersteckt. Andernteils hoffe ich das Gegenteil.“

Jiri war Cynnas Lehrerin bei den Msaidizi gewesen, besser bekannt als Dizzies. Die Bewegung war vor ungefähr fünfzehn Jahren in den Slums entstanden, hatte sich dann einige Jahre lang explosionsartig verbreitet und war dann auseinandergebrochen. Die meisten Mitglieder wussten so gut wie nichts über Magie.

Nicht so Jiri. Das FBI hatte eine Akte über sie, die allerdings zu neunzig Prozent aus Vermutungen bestand und aus recht wenig gesicherten Erkenntnissen. Aber man nahm an, dass sie Afrikanerin war, nicht Afroamerikanerin, vielleicht aus dem Senegal oder aus Gambia.

Aber vielleicht auch nicht. „Warum?“

„Einen Dämon zu rufen, ist eine Sache. Das können nicht viele, aber das Wissen ist nicht vollständig verloren gegangen, wie die meisten glauben. Aber einen Dämon durch einen Zauber zu binden, nicht ihn zu führen, sondern wirklich zu binden, das kann nicht jeder. Nur die wahren Meister. Es gefällt mir gar nicht, dass da draußen mehr als einer herumlaufen könnte, der dieses Wissen hat.“

„Was ist der Unterschied zwischen führen und binden?“

Cynna schob die Hände tiefer in die Taschen und wandte den Blick ab. „Wenn du einen Dämon führst, steckst du in ihm drin. Du kontrollierst ihn von innen. Wenn du ihn bindest, kontrollierst du ihn außerhalb des magischen Kreises, in dem das Beschwörungsritual stattgefunden hat, ohne dass du in dem Dämon bist. Jiri konnte das. Wenn sie nicht dahintersteckt, dann gibt es jemand anderen, der viel zu viel weiß über Dämonen.“

„Könntest du so etwas? Einen Dämon von außen kontrollieren?“

„Ich bin nicht shetanni mwenye.“

„Aber könntest du es, wenn du es wolltest?“

Cynna richtete wieder den Blick auf sie. „Ja, schon. Wahrscheinlich, wenn ich bereit wäre, den Preis dafür zu bezahlen. Bin ich eine Verdächtige?“

„Nein!“ Ein paar der Umstehenden sahen zu ihnen herüber. „Nein“, wiederholte Lily leiser. „Selbst wenn du fähig wärst, einen Dämon zu schicken, damit er jemanden tötet, wäre dieser jemand niemals Rule.“

Die Mundwinkel der anderen Frau zuckten nach oben. „Du glaubst also nicht an den Spruch von der Rache der verschmähten Frau?“

Lily lächelte zurück. Heute fiel es ihr leicht, darüber zu lächeln. Rule und Cynna waren vor sieben Jahren ein Paar gewesen, und zuerst war das sowohl für sie als auch für Cynna ein Problem gewesen. Gut zu wissen, dass sie jetzt darüber hinweg waren. „Nein. Vielleicht schmollst du, weil du eine Abfuhr bekommen hast …“

„Ich schmolle nicht!“

„Doch, du hast geschmollt“, widersprach Lily. „Aber du bist darüber hinweg.“

„Red keinen Blödsinn. Große böse Dizzies schmollen nie. Auch ehemalige Dizzies nicht“, ergänzte sie, als Lilys Lächeln breiter wurde. „Ähem, … kann ich dich etwas fragen?“

„Klar.“ Sie schuldete Cynna mehr als eine Antwort auf ein oder zwei Fragen.

„Warum hast du auf den Dämon geschossen, nachdem ich …“

„Nachdem dein Zauber ihn gelähmt hatte? Um sicherzugehen natürlich. Ich wusste ja nicht, wie lange er bewusstlos sein würde.“

Cynna schüttelte den Kopf. „Das stimmt nicht.“

Verärgert senkte Lily die Stimme. Auf Todeszauber lag die Todesstrafe. Streng genommen galt das für Zauber, die Menschen töteten, nicht Dämonen, aber … „Im Bericht wird stehen, dass meine Kugel den Dämon getötet hat.“

„Verstanden. Aber es hätte kein Problem gegeben. Der Zauber, den ich verwendet habe, wirkt nur bei Dämonen, nicht bei Menschen.“

„Bist du sicher?“

Cynna hatte nie gelernt, ein Cop-Gesicht aufzusetzen. Vielleicht dachte sie, die Muster auf ihrem Gesicht verbargen genug. Meistens war das wahrscheinlich auch der Fall. Aber Lily war mit dieser Frau buchstäblich durch die Hölle gegangen. Die Tintenzeichnungen lenkten sie nicht ab von den Gefühlsregungen, die nun über Cynnas Gesicht huschten: Verwirrung, Zweifel, ein Entschluss, zu dem sie schließlich kam. Dann sagte sie: „Nicht einhundert Prozent. Er müsste erst modifiziert werden, aber möglich wäre es …, äh, danke.“

Sie nickte. „Ich will keine Vermutungen anstellen, aber irgendwie habe ich das Gefühl, das meine Hauptverdächtige eine Göttin ist, die stinksauer ist. Oder ihr Avatar, der kürzlich von einer Dämonenfürstin gefressen wurde.“

„Die auf der Stelle verrückt geworden ist, wie aus gut unterrichteter Quelle zu hören war.“

„Sehr richtig. Weißt du eigentlich“, sagte Lily, „ob es möglich wäre, dass unsere Feinde in der Hölle, oder in Dis, oder wie immer man diese Welt nennen will, einen Dämon schicken, um Rule zu töten, ohne Hilfe von jemandem in dieser Welt zu bekommen?“

Cynna biss sich auf die Unterlippe. „Ich behaupte sehr ungern, dass etwas absolut unmöglich ist. Das kann sich immer ändern, weißt du? Aber auf einer Skala von ‚sicher‘ bis ‚nie im Leben‘ würde ich sagen, die Antwort ist sehr nah bei ‚nie im Leben‘.“

„Da bin ich aber froh. Eine Göttin, ein Avatar, ein verrückter Dämonenfürst – es könnte heikel werden, wenn wir einen von ihnen festnehmen müssten.“ Sie schwieg nachdenklich. „Cullen ist nicht da, um uns mit einer Theorie auszuhelfen, aber ich kenne jemanden, der aus eigener Erfahrung weiß, was möglich ist und was nicht, wenn man es mit Dämonen zu tun hat.“

„Du meinst doch nicht etwa … Ach Gott, doch, du meinst es ernst. Du willst ihn hierherbringen?“

„Sie“, korrigierte Lily abwesend, die gerade wieder einmal versuchte, einen ihrer Erinnerungsfetzen festzuhalten. „Sie ist kein Er mehr. Aber vielleicht kommt sie gar nicht.“ Vielleicht will sie nicht oder kann sie nicht. Lily wusste nicht einmal, ob sie sie erreichen konnte. „Ich muss es versuchen.“

„Dem Büro wird das gar nicht gefallen.“

Lily sah zu Rule hinüber. Er stand etwas abseits des geschäftigen Treibens, regungslos, und sah zu, wie Pauls Leiche in den wartenden Krankenwagen gehoben wurde. Seine Miene war undurchdringlich, sie ließ nichts erkennen … aber seine Körpersprache sagte ihr, wie angespannt er war. Und wie tief getroffen. „Das Büro ist nicht meine einzige Sorge.“