22

Regen hatte sich in Maryland und Virginia festgesetzt wie eine Henne in ihrem Nest. Der Sturm hielt sich nicht mit Donner und Blitz auf; er hockte geduldig über dem Land und brütete über dem Gras, den Bäumen und den Verkehrsunfällen.

Obwohl er fast die ganze Strecke über darauf achtete, unter hundertvierzig Stundenkilometern zu bleiben, kam Cullen auf der I-81 und der I-66 gut voran. Zu viele Menschen drängten sich auf den Autobahnen, und wenn sie hinter dem Steuer saßen, machten sie die merkwürdigsten Sachen. Aber in D.C. waren die Straßen wie immer verstopft, und als er den Parkway erreichte, war es bereits ein Darmverschluss. Nichts ging mehr.

Er trommelte mit den Fingern auf das Lenkrad und betrachtete finster die Wagen vor ihm. Das Radio hatte er nur kurz angeschaltet, um die Verkehrsnachrichten zu hören. Anscheinend war irgendein Vollidiot mit seinem Wagen ins Schleudern gekommen, hatte sich dann quer gestellt und verursachte nun einen Rückstau.

Menschen sollten nicht Auto fahren dürfen, wenn es regnete.

Eigentlich hätte er müde sein müssen. Seit einer Woche hatte er nun schon nicht mehr richtig geschlafen, und bald würde er das zu spüren bekommen. Aber er war unruhig. Er wollte lieber laufen als schlafen, am liebsten auf allen vieren. In den letzten vierundzwanzig Stunden war er die meiste Zeit in einem Flugzeug oder in einem Wagen eingesperrt gewesen.

AK-47“, sagte Timms plötzlich. „Ein paar Salven damit würden denen schon Beine machen.“

Cullen warf einen Blick auf den Mann auf dem Beifahrersitz, und seine Mundwinkel zuckten. Während der Fahrt war der unter Schmerzmittel stehende Timms immer wieder eingedöst, aber sobald er einigermaßen wach war, machte er ungeniert blutrünstige Bemerkungen. „Vielleicht den Fahrern. Aber wenn Sie die Autos kaputt machen, können sie nicht aus dem Weg fahren.“

„Das stimmt.“ Timms seufzte tief. „Mit diesem verdammten Arm könnte ich sowieso nicht schießen.“

Auf dem Rücksitz war Geraschel zu hören. „Schießen? Auf wen?“, fragte Cynna.

„Timms ergeht sich in Wunschdenken.“ Cullen verspürte ein überraschend starkes Gefühl der Erleichterung. Nachdem sie einen halben Hamburger gegessen hatte, war sie in Tiefschlaf gefallen und die ganze Fahrt über nur ein paarmal kurz aufgewacht. Er hatte das Radio nicht angeschaltet, um sie atmen und ihr Herz schlagen zu hören, aber sein Medizinstudium war lange her, und er hatte bei dem Stoff, der ihn nicht interessierte, nicht gut aufgepasst … und zwar oft bei modernem medizinischem Fachwissen. Er hatte nicht studiert, um Kranke zu heilen. Es ging ihm nur um einen Kranken, und bei dem hatte er hoffnungslos versagt.

Also hatte er nicht gewusst, ob er sie aufwecken oder schlafen lassen sollte. Unsicherheit war er nicht gewohnt. Oder Sorge. Und das ärgerte ihn.

„Wie spät ist es?“, fragte sie.

„Halb elf. Falls wir wider Erwarten die Nacht nicht in diesem verdammten Stau verbringen, könnte ich in deiner Wohnung pennen, wenn wir wissen, was mit Rule los ist? In der Nokolai-Residenz werden die Betten allmählich knapp.“

„Tut mir leid. Ich habe keine Wohnung.“

„Schläfst du etwa im Straßengraben?“ Endlich zuckelten die Autos vor ihnen weiter. Cullen fuhr ebenfalls los. Fünfzehn Stundenkilometer waren immer noch besser, als auf der Stelle zu stehen.

„Im Hotel. In meinem Job bin ich so viel unterwegs …“

„Du wohnst im Hotel? Die ganze Zeit?“

„Ich hatte mal eine Wohnung.“ Sie hatte das Gefühl, sich rechtfertigen zu müssen. „Als sie zum Verkauf stand, wollte ich nicht kaufen, also habe ich mein Zeug untergestellt. Ich bin nur noch nicht dazu gekommen, mir eine neue Wohnung zu suchen, das ist alles. Die Mieten hier sind unglaublich hoch.“

„Wie lange ist es her, dass deine Wohnung verkauft wurde?“

„Das geht dich nichts an.“

Und er dachte, er würde ein ungebundenes Leben führen. Dabei wollte sie sich noch nicht einmal durch einen Mietvertrag binden lassen. „Ich würde ja fragen, ob dein Hotelzimmer ein Sofa hat, aber ich traue mir selber nicht recht. Ich würde nicht auf dem Sofa bleiben.“ Er seufzte. „Vielleicht hat Rule einen Schlafsack.“

„Rule ist der, der das Dämonenzeugs in sich hat, oder?“, sagte Timms mit gerunzelter Stirn. „Sind Sie sicher, dass Sie dort übernachten wollen? Ich habe kein Gästezimmer, aber Sie können auf meinem Sofa schlafen.“

Cullen warf ihm einen belustigten Blick zu. „Danke. Vielleicht komme ich darauf zurück.“

Cynna meldete sich zu Wort. „Sollten wir Timms nicht als Ersten absetzen?“

„Er hat eine von seinen Schmerztabletten genommen, die bei ihm anscheinend stark wirken. Er ist high. Ich glaube nicht, dass es ihm etwas ausmacht, noch ein bisschen zu warten, bis er nach Hause kommt.“ Und wahrscheinlich sollten sie ihn lieber nicht allein lassen, wenn die Wirkung der Medikamente nachließ. In diesem Zustand erschoss er womöglich noch die Katze seines Nachbarn. Oder sogar den Nachbarn selbst.

„Aber …“

„Mir geht es gut“, sagte Timms. „Äh … wo fahren wir noch mal hin?“

Cullen erklärte es ihm noch einmal. Eigentlich sollte man meinen, dass jemand mit einer Kopfverletzung Probleme mit dem Kurzzeitgedächtnis hatte, aber Cynna erinnerte sich an alles, auch an alle Fragen, die sie nicht stellen konnte, solange Timms dabei war. Sie hatte auch darauf hingewiesen, als Timms wieder einmal eingeschlafen war und sie selbst wach. Und auch darauf, dass Rule nicht wollen würde, dass sie Angelegenheiten, die den Clan betrafen, vor Timms besprachen.

„Ich dachte, du bist verantwortlich für ihn“, sagte er. „Weil er doch unter deinem Kommando stand, als er verletzt wurde.“

Das hatte sie angekekst. Er hielt ihr zugute, dass sie merkte, wie er herumeierte, aber sie zog die falschen Schlüsse. Sie dachte, er würde Timms benutzen, um ihren Fragen aus dem Weg zu gehen. Aber dafür brauchte er den Mann nicht. Er beantwortete nie Fragen, wenn er nicht wollte.

Es war fünf nach elf, als sie endlich vor der Nokolai-Residenz parkten. Cullen half seinen beiden Verletzten aus dem Auto, zumindest versuchte er es. Timms war wackelig auf den Beinen, aber er hatte keine Schmerzen. Cynna behauptete, dass der kurze Schlaf im Wagen bei ihren Kopfschmerzen Wunder gewirkt hätte.

„Glaubst du, sie sind schon im Bett?“, fragte sie, als sie auf das Haus zugingen. „Die Außenbeleuchtung ist aus.“

„Rules Bodyguards sind gekommen. Die, die draußen Wache halten, werden nicht wollen, dass ihre Nachtsicht beeinträchtigt wird.“

„Ich sehe niemanden.“

„Das sollst du auch nicht.“ Cullen machte sich den Spaß, seinen anderen Blick zu benutzen, um sich zu vergewissern, dass er recht hatte. Die unverkennbare Aura lag schwach über dem Vordersitz des zwei Jahre alten Mercury, der vor dem Haus stand.

Trotzdem war er überrascht, als die Tür sich öffnete. So überrascht, dass sein Blick starr wurde.

Der Mann, der ihm gegenüberstand, füllte den ganzen Türrahmen aus. Sein schwarzes Haar war kurz geschnitten und von silbernen Strähnen durchzogen. Seine Hände waren so groß wie Teller. Er hatte die dunklen Augen seiner Mutter und kupferfarbene Haut, und er verließ das Clangut so gut wie nie.

„Wollt ihr nicht reinkommen?“, fragte Benedict.

„Das hatten wir eigentlich vor.“ Cullen ließ Cynna den Vortritt. „Cynna Weaver, das ist Rules Bruder Benedict. Es geht das Gerücht, er hätte einen Nachnamen, aber genau wie Madonna benutzt er ihn nicht.“

Dem Gerücht zufolge, oder zumindest Rule zufolge, hatte Benedict auch Sinn für Humor, aber Cullen hatte nie einen Beweis dafür gesehen. Auch heute Abend nicht. „Kommen Sie schon rein. Ich will die Tür nicht auflassen.“

„Sie ist ein bisschen langsam heute Abend“, sagte Cullen und schob Cynna mit einer Hand durch die Tür. „Möglicherweise liegt das an der Schädelfraktur mit Impression. Oder an deiner Brust. Wusstest du eigentlich, dass man in der Stadt normalerweise obenrum etwas anhat?“

Auf solche Nebensächlichkeiten achtete Benedict natürlich nicht. Es war genauso unmöglich, ihn zu beleidigen, wie mit ihm zu scherzen. Er sah Cynna an. „Lily sagt, die Rhej der Leidolf hat Sie geheilt.“

Cynna hatte sich mittlerweile von ihrem Schreck erholt, den ihr nicht nur Benedicts nackter Oberkörper eingejagt hatte, sondern mindestens ebenso das, was er sonst noch so am Körper trug. Benedict mochte alles, was scharf war. Messer steckten in Hüllen an seinen Unterarmen, und ein Schwert hing in der Scheide über seinen Rücken. Sie warf Cullen einen verärgerten Blick zu. „Ja, das hat sie. Mir geht es gut, abgesehen von leichten Kopfschmerzen.“

Leichte Kopfschmerzen. Ha. „Wer passt denn jetzt auf Isen auf?“, fragte er, während Benedict die Tür absperrte.

„Jemand anders. Nicht nur einer.“ Benedict wandte sich an Timms. „Ich erlaube keine Waffen in der Residenz des Lu Nuncio.“

Cullen schüttelte den Kopf. „Du wirst es nicht schaffen, ihn von seiner Waffe zu trennen, aber ich bürge für ihn.“ Er sah Timms an. „Es ist nicht gestattet, auf meinen Freund zu schießen.“

„Das muss Timms sein“, sagte Rule, der aus dem engen Flur auf sie zutrat. „Ich habe gehört, dass sein Arm gebrochen ist, als er gegen die Besessene gekämpft hat. Ich frage mich, warum …“ Er brach ab und sah Cullen mit hochgezogenen Brauen an.

Aber es war Timms, der antwortete. „Er hat mir das Leben gerettet.“

„Wie bitte?“

„Er da. Ihr Freund.“ Timms nickte bekräftigend. „Ich hatte sie mit dem Betäubungspfeil getroffen. Das hat sie wütend gemacht. Die anderen beiden haben nicht reagiert, Schließlich war sie eine Frau, verstehen Sie? Deswegen haben sie gezögert. Seabourne nicht. Der hat sie runtergerissen, als sie mich zu fassen gekriegt hatte. Sind Sie Rule Turner?“

„Der bin ich.“ Rule betrachtete ihn fasziniert.

„Sie haben das Dämonzeugs in sich. Ist nicht Ihre Schuld … ich dachte, ich komme lieber mit und halte die Augen offen.“

„Ich verstehe.“ Rule war belustigt, zeigte es aber nicht. Er ging zu Cynna, er humpelte nicht, wie Cullen bemerkte, und nahm ihre Hände in seine. „Wie geht es dir wirklich?“

Dieser eindringliche, besorgte Blick hatte schon selbstbewusstere Frauen als Cynna verwirrt. Beinahe hätte sie gestottert. „Gut, wirklich. Mein Kopf tut weh, aber das ist keine große Sache. Aber was ist mit dir?“

Er verzog das Gesicht und ließ ihre Hände los. „Gehen wir in die Küche. Lily ist da.“

Das gefiel Benedict nicht. „Er hat eine Waffe.“

„Cullen passt auf, dass er mich nicht erschießt.“ Rule bedeutete ihnen, ihm zu folgen, und flüsterte Cullen zu, als der an ihm vorbeiging: „Liest du wieder Streuner auf?“

Cullen spürte, wie seine Ohren heiß wurden. Mist. „Ich sage immer, man kann nie genug FBI-Agenten dabeihaben.“

Rule lachte leise. „Auf den hier passe ich aber nicht auf für dich.“

Das Haus war so gebaut, dass sie durch das Wohnzimmer mussten, um in die Küche zu gelangen. Als sie dorthin kamen, grinste Rule immer noch.

Lily ging auf und ab, das Handy am Ohr. Ihre Augen leuchteten auf. Sie zog ein Gesicht. „Meine Schwester. Meine ältere Schwester“, fügte sie mit einer Grimasse hinzu, als wenn damit alles erklärt wäre.

„Probleme?“, fragte Cynna und zog einen Stuhl unter dem großen runden Tisch hervor.

„Familie. Probleme.“ Lily drehte ihre Hand einmal hin und her. „Die zwei Seiten derselben Medaille, oder nicht?“

Cullen beobachtete Cynnas Miene. Darin war nichts zu lesen, aber er fragte sich, was sie wohl dachte. Er hatte sie nie von ihrer Familie sprechen hören und vermutete, dass sie keine hatte. „Lily, das ist Agent Timms. Timms, Lily verbringt die meiste Zeit auf Ihrer Seite der Realität – auch bekannt als Agent Yu von der MCD.“

„Wir haben schon miteinander gesprochen.“ Lily wollte ihm gerade die Hand hinstrecken, als sie den Gips an seinem rechten Arm bemerkte. Daher nickte sie ihm nur zu und sah Cullen fragend an.

„Cullen bürgt für ihn“, sagte Rule trocken. Er ging zur Kaffeemaschine. „Möchte jemand eine Tasse?“

Nur Timms nahm das Angebot an; anscheinend fand er, dass die Schmerzmittel ihn ein wenig benommen machten.

„Oh.“ Lily griff nach einer Mappe auf dem Tisch. „Das ist eine Kopie des Berichts, den du wolltest.“ Sie gab Cullen die Mappe.

Cullens Hand schloss sich fest darum. Er wollte ihn auf der Stelle lesen und herausfinden, wer an seinem Geist herumgepfuscht hatte. Instinktiv verbarg er, wie stark dieses Bedürfnis war, und sagte das Erste, was ihm in den Sinn kam: „Was macht Benedict hier?“

Rule gab Timms einen Becher. „Isen ist der Meinung, dass ich in größerer Gefahr bin als er.“

Benedict meldete sich zu Wort. „Er ist auch der Meinung, dass du mir nicht widersprichst. Ich kriege meine Leute nur schwer dazu, Rule richtig zu bewachen“, sagte er in die Runde. „Sie haben die schlechte Angewohnheit, ihm zu gehorchen.“

„Es tut mir leid, dass du dich so abgehetzt hast“, sagte Rule scheinbar zu der Kaffeekanne, als er sich selber eine Tasse eingoss. „Ich habe Lily gesagt, dass es dafür keinen Grund gibt.“

Cullen sagte in scharfem Ton: „Mach ihr keinen Vorwurf deswegen, Rule. Ich sehe es jetzt.“

Rules Kopf ruckte hoch. Finster blickte er Cullen an.

„Es ist in deiner Aura. Die Veränderung ist nur leicht, so minimal, dass ich es nicht bemerkt hätte, wenn ich dich nicht so gut kennen würde. Aber es ist da.“

„Ich will ja nicht aufdringlich sein“, sagte Cynna, „aber wovon redet ihr überhaupt? Cullen sagte, dass es dir schlechter ginge, Rule, dass deine Erinnerungen durcheinandergeraten sind. Aber nicht einmal er würde so etwas sehen können.“

Lily antwortete mit leiser Stimme. „Es ist das Dämonengift. Es hat Metastasen gebildet oder so ähnlich. Ich wusste es sofort, als ich ihn berührt habe.“

„Was?“, wollte Cynna wissen. „Was hast du gespürt?“

„Es ist nicht mehr nur in der Wunde. Es hat sich in seinem Körper ausgebreitet.“