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Knapp zwei Monate nachdem Claudette mich in den Club von Jack und Sylvia Rijnders eingeführt hatte, hörte sie auf zu arbeiten. Endlich war es ihr gelungen, sich von dem täglich wachsenden Berg der Hunderter zu lösen. Zusammen mit ihrem Freund ging sie auf die Antillen, um dort Touristen das Tauchen beizubringen. Ich übernahm das Mietshaus der beiden, ein möbliertes Einfamilienhaus mit Carport in einem ruhigen, grünen Wohnviertel aus den Achtzigern, das wie so viele aus der Zeit verwinkelt wie ein Irrgarten erscheint.

Beim Abschied lud mich Claudette ein, sie doch einmal besuchen zu kommen. Ich bedankte mich und versprach es ihr, obwohl wir beide wussten, dass es nie geschehen würde.

Ich arbeitete also weiterhin im »Luxuria«, wobei ich mir vorgenommen hatte, nur so lange zu bleiben, bis alle Schulden abbezahlt waren. Dann würde ich aufhören.

Auf jeden Fall.

Ich genoss es, jetzt mein eigenes Reich zu haben, weit genug vom Zentrum entfernt und daher relativ anonym. Die ständigen heimlichen Umwege und das Spießrutenlaufen der letzten Monate hatte ich bis obenhin satt. In meinem neuen Zuhause konnte ich kommen und gehen, wann ich wollte, und brauchte niemandem meine Arbeitszeiten und meine Arbeitskleidung zu erklären. Doch am wichtigsten war, dass ich meiner Mutter nicht mehr jeden Tag Lügen auftischen musste. Ich habe ihr nie etwas verraten. Nichts von Marius und schon gar nichts vom »Luxuria«, nicht einmal, als es mir sehr schlecht ging und ich niemanden mehr hatte, dem ich mich hätte anvertrauen können. Ich wollte sie nicht damit belasten, und sie hätte es niemals gutgeheißen.

Natürlich hat sie sich gewundert, als ich anfing, ihr Geld zuzustecken, mit dem sie ihre Schulden bezahlen konnte. Doch sie hat nie gefragt, wo ich die Summen herhatte. Es wurden keine Worte darüber gewechselt, keine vielsagenden Blicke ausgetauscht, keine Bemerkungen fallen gelassen.

Ich bin nicht die Einzige in der Familie, die einfach nicht sieht, was sie nicht sehen will.

An und für sich war die Arbeit im Club nicht so anstrengend und anspruchsvoll, wie ich es mir vorgestellt hatte. Ich brauchte nur wenige Wochen, um meine Scham zu überwinden. Danach machte es mir mit manchen Kunden sogar Spaß.

Im Nachhinein betrachtet, war das nicht mehr als logisch. Ich berühre gerne andere und werde gerne berührt. Schon als kleines Kind bin ich bei jeder Gelegenheit zu den Erwachsenen auf den Schoß geklettert. Das starke Bedürfnis nach Körperkontakt hatte ich im Laufe der Jahre zu unterdrücken gelernt, aber innerhalb des »Luxuria« brauchte ich mich nicht mehr zu zügeln. Dort gereichte mir mein Kuschelbedürfnis gerade zum Vorteil und trug mir einen stetig wachsenden Kreis von Stammkunden ein.

Natürlich war es nicht immer einfach. Es passierten auch schlimme Dinge. Sogar schreckliche Dinge. Es gab Männer, die zu viel getrunken hatten und sich aggressiv oder respektlos verhielten, die uns beschimpften oder auf uns losgingen, Kerle mit abstoßendem Körpergeruch oder perversen, ja gruseligen Wünschen. Krankhaft eifersüchtige, tratschende und drogensüchtige Kolleginnen, die einem das Schwarze unterm Nagel nicht gönnten und auf aufdringliche Art versuchten, einem die Kunden abspenstig zu machen. Ich erinnere mich an eine Kollegin, die sich auf der Treppe zu einem der Zimmer regelrecht zwischen mich und einen Freier zwängte, aggressiv und zugedröhnt mit Koks.

Wir hörten auch Gerüchte über Clubs, bei denen an der Tür nicht so streng kontrolliert wurde wie bei uns. Mir war durchaus klar, dass ich es schlechter hätte treffen können.

Aber ich stand ziemlich fest auf meinen hohen Absätzen, und meine größte Angst in den ersten Jahren war nicht etwa, an einen gestörten Kunden zu geraten, sondern einen Bekannten aus meinem normalen Leben zu treffen. Plötzlich einem alten Freund meines Vaters gegenüberzustehen. Oder meinem Nachbarn aus dem Vorstadtviertel, der mich immer so geil angaffte, wenn ich abends zur Arbeit ging. Oder dem Bäcker an der Ecke, dem Vater einer Freundin … Gelegentlich passierte das einem der anderen Mädchen, und es war immer eine äußerst peinliche Situation. Mir jedoch blieben dank eines rätselhaften Schutzengels oder durch pures Glück sowohl solche unangenehmen Begegnungen als auch durchgedrehte Kerle erspart.

Ich habe vier Jahre lang in diesem Metier gearbeitet. Rückblickend muss ich feststellen, dass ich eine besondere Zeit erlebt habe, die ich nicht missen möchte. Ich habe ungeheuer viel über Menschen gelernt, über die Bedeutung und den Einfluss von Geld, über mich, über meinen Platz in der Welt, darüber, was ich im Leben will und was absolut nicht. Ich habe gelernt, zu hören, zu sehen und vor allem zu schweigen und vorauszudenken, die Menschen noch besser einzuschätzen, als ich es schon vorher konnte, und sie zugleich etwas weniger schnell zu verurteilen.

Das einzig Traurige ist, dass ich über diese Periode nicht mit denjenigen reden kann, an denen mir am meisten liegt, nicht mit meiner Mutter und schon gar nicht mit Harald. Manchmal habe ich das Bedürfnis danach, vor allem, wenn es in den Nachrichten um Prostitution geht oder wenn Harald und ich einen Film sehen, in denen dieses Thema angeschnitten wird. Dann würde ich gerne die ein oder andere Bemerkung fallen lassen oder ganz nebenbei eine Anekdote einstreuen, so wie Harald es tut, wenn im Fernsehen über Bauprojekte oder alte Wohnviertel berichtet wird, denen der Niedergang droht. Doch gerade in solchen Momenten schweige ich ganz bewusst.

Ich glaube nicht, dass Harald verstehen könnte, wie klar und deutlich ich die Trennlinie zwischen heute und damals vor mir sehe: Als ich anfing zu arbeiten, war ich knapp achtzehn, gerade erst »erwachsen«. Meine Mutter war die Einzige, die mir wirklich etwas bedeutete, und ich sah zu der Zeit keine andere Möglichkeit, ihr zu helfen. Jetzt bin ich zweiunddreißig, mit Harald verheiratet und selbst Mutter. Ich lebe ein vollkommen anderes Leben und treffe meine Entscheidungen auf der Basis ganz anderer Werte als damals. Die Menschen verändern sich nun einmal. Die Welt um uns verändert sich. Deswegen finde ich, dass Harald mir nicht verübeln kann, was ich vor so langer Zeit getan habe. Doch in Wirklichkeit vermute ich, dass für Harald eine Welt zusammenbrechen würde, wenn er von meiner Vergangenheit erführe. Ich glaube nicht, dass er den Gedanken ertragen könnte, dass es nicht nur ein paar Männer vor ihm gegeben hat, wie ich ihm vorgemacht habe, sondern Hunderte … Das würde er nicht verkraften, so vermute ich stark. Doch welcher Mann könnte das überhaupt?

Sogar Marius war auf seine Art eifersüchtig und besitzergreifend.

Abscheu
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