Kapitel 8
Als sie wieder zurückkehrte, hielt sie zwei hübsch verpackte Päckchen in den Händen.
"Das ist für dich", überreichte sie Hilde-Marie eines der Schächtelchen. "Und das für dich. Ich hoffe, es gefällt euch."
Sie hatte sich bei der Auswahl der Geschenke wirklich Mühe gegeben. Das Päckchen für Hilde-Marie enthielt eine handgearbeitete Kette mit echten Türkisen und dazu passenden Ohrclipsen, die Claire in einem Indianerreservat erstanden hatte. Bertram durfte sich über eine Gürtelschnalle aus getriebenem Silber und passenden Manschettenknöpfen freuen, die den Kopf eines Steinadlers zeigten.
"Hübsch", kommentierte Hilde-Marie die Gaben. "Obwohl ich ja lieber Gold trage."
"Ich dachte, es paßt zu deinem braunen Wollkostüm", murmelte Claire enttäuscht und strich den Gedanken, daß es ihr gelungen sein könnte, ihrer zukünftigen Schwiegermutter eine Freude bereiten zu können.
"Was kann ich euch anbieten?" riß sie sich zusammen. "Ich war leider noch nicht einkaufen, aber Rita hat mir ein paar Vorräte in den Kühlschrank gestellt. Darunter auch eine Flasche Sekt. Wie wär's, wollen wir auf meine Rückkehr anstoßen?"
Hilde-Marie hob leicht indigniert die Brauen.
"Im allgemeinen trinken wir ja keinen Alkohol..."
"Aber in diesem Fall können wir doch mal eine Ausnahme machen, Mutter", mischte sich Bertram ein, der sein Präsent achtlos auf den Tisch gelegt hatte.
"Also gut, dann eben Sekt." Mit ihrer Zustimmung war Hilde-Marie über ihren Schatten gesprungen. Claire entfuhr ein erleichterter Seufzer, denn die Beschäftigung des Flasche Holens und Gläser-aus-dem-Schrank-nehmens enthob sie für mehrere Minuten der Verpflichtung, ihre anstrengenden Gäste unterhalten zu müssen.
Sie polierte die Gläser erst gründlich - immerhin hatten sie monatelang im Schrank gestanden - bevor sie sie ihren Besuchern präsentierte. Die Flasche servierte sie stilgerecht im Kühler auf Eis, mit einer Serviette drumherum.
"Nun erzähl mal, hat es sich wirklich rentiert, ganze drei Monate deinen Betrieb und uns im Stich zu lassen, um dich in einem vollkommen fremden Land herumzutreiben?" eröffnete Bertram die Runde, nachdem der Sekt in den frischpolierten, staubfreien Gläsern perlte.
Claire schluckte mühsam. Wieso konnte er nicht verstehen, daß sie mehr vom Leben erwartete, als eine vierzehntägige Reise in den Harz?!
"Die Boutique war bei Rita in den besten Händen", versetzte sie mit schlecht verholenem Ärger. "Und du bist vor Kummer auch nicht gestorben. Also gibt es keinen Grund, mir ein schlechtes Gewissen zu machen. Ansonsten kann ich nur sagen: Es hat sich gelohnt. Ich habe dort drüben die schönsten drei Monate meines Lebens verlebt."
"Aber es war doch alles ganz fremd", gab Hilde-Marie zu bedenken. "Die Menschen dort kleiden sich ganz anders, sprechen nicht deine Sprache, ernähren sich ungesund. Wie bist du damit zurechtgekommen?"
"Da es mir, obwohl ich eine Boutique besitze, vollkommen egal ist, wie die Menschen herumlaufen, ich leidlich Englisch spreche und sehr gut von Steak, Hamburgern und Salat leben kann, hat mir das alles nichts ausgemacht. Die Landschaft macht alles wieder wett. Sie ist einfach grandios. Solche Weiten, Höhen, Tiefen und Farben habe ich noch nie in meinem Leben gesehen."
Sie überwand ihren Groll und begann, den beiden ausführlich von ihrer Reise zu berichten. Dabei entstanden vor ihrem geistigen Auge erneut die wunderbaren Landschaften Arizonas, Wyomings und Colorados, die sie zum Teil mit Rucksack und Zelt, zum Teil per Jeep durchquert hatte.
"Wenn es sich irgendwie einrichten läßt, werde ich noch einmal hinüberfliegen", brachte Claire ihre Ausführungen schließlich zu einem Ende. "Es gibt dort noch so viel zu sehen, am liebsten wäre ich noch viel länger geblieben."
Einen Moment herrschte Schweigen im Raum, dann richtete sich Hilde-Marie auf und strich sich behutsam über ihr makellos frisiertes Haar.
"Nun ja, Berge und Täler haben wir hier auch."
Claire biß vor Zorn die Zähne zusammen.
"Wenn ich nur an unseren herrlichen Bayerischen Wald denke", pflichtete Bertram seiner Mutter bei. "Und an die Alpen - die sind mindestens so grandios wie deine Rocky Mountains."
Himmel, sie waren verdammte Ignoranten! Am liebsten hätte Claire alle beide gepackt und vor die Tür gestellt, aber wieder einmal fehlte ihr der Mut dazu. Wieso, zum Kuckuck, kann ich nicht einmal, nur ein einziges Mal den Mund aufmachen und "Raus!" brüllen? haderte sie mit sich selbst, während sie mühsam an ihrem Sekt schluckte.
Das Läuten des Telefons enthob sie aller weiteren Entscheidungen. Rasch stand sie auf und riß den Hörer ans Ohr.
"Darling!" Davids Stimme klang so nahe, als befände er sich nur zwei Häuser weit entfernt. "Bist du gut angekommen, ist alles okay?"
"Oh, ja, ja, es ist alles okay!" Claires Herz klopfte plötzlich hoch oben im Hals, wo es eigentlich gar nichts zu suchen hatte. "Ich hatte einen angenehmen Flug und bin gerade dabei, mich hier einzuleben. Aber ich glaube, es wird eine Weile dauern, ehe ich mich wieder richtig heimisch fühle. Momentan bin ich etwas durcheinander."
"Die Zeitumstellung wird dir noch eine ganze Weile zu schaffen machen", prophezeite David ernsthaft. Seine geliebte Stimme zu hören, weckte die alte, nagende Sehnsucht in Claire, die ihr noch deutlicher bewußt machte, wieviele Kilometer sie voneinander trennten. "Sieh zu, daß du dich in den kommenden Tagen nicht übernimmst. Der Jetlag kann einen ganz schön umhauen."
"Ja..." Aus den Augenwinkeln sah Claire, daß Hilde-Marie und ihr Sohn aufmerksam die Ohren spitzten. "Ja, ich werde deinen Rat befolgen."
"Claire...?" Allein die Art, wie Dave ihren Namen aussprach, trieb Claire einen Wonneschauer nach dem anderen über den Rücken. Wieso war sie bloß zurückgekehrt? Bildete sie sich wirklich ein, daß dieser lahmarschige Bertram Kleefisch auch nur annähernd solche Reaktionen in ihr hervorrief?! "Claire", flüsterte Davids Stimme dicht an ihrem Ohr. "Ich liebe dich und ich bin halb verrückt vor Sehnsucht nach dir. Komm zurück, Darling, bitte. Komm zurück und werde meine Frau. Ich verspreche dir auch, daß ich nie wieder blutige Steaks esse."
Plötzlich verschwamm das Zimmer vor Claires Augen. Hastig blinzelte sie die Tränen fort und holte zitternd Luft.
"I need some time", antwortete sie erstickt, um Hilde-Marie und Bertram zu ärgern, deren Englisch gottseidank nicht einmal ausreichte, um "Yes" oder "No" zu übersetzen. "Please, give me a little bit of time. I can't help myself..."
"Hast du Besuch?"
David kannte sie besser als Claire vermutet hatte. Ein kleines, dankbares Lächeln huschte über ihr Gesicht, während sie den Hörer noch fester an ihr Ohr preßte.
"Yes, that's right."
"Okay, dann rufe ich später noch einmal an", rief David schnell. "Wir reden dann in aller Ruhe und ich sage dir tausendmal, daß ich dich liebe und begehre. Bis dann!"
"Oh no, that's too expensive!" wollte Claire protestieren, aber David hörte ihre Warnung nicht mehr. Er hatte aufgelegt, bevor Claire die Silben "Oh, no!" ausgerufen hatte.
"Also, bis dann", murmelte sie in den stummen Hörer und legte auf.
"Wer war das?" wollte Hilde-Marie sofort wissen, als Claire an den Tisch zurückkehrte.
"Eine Bekannte aus Amerika", log Claire eilig. "Sie wollte wissen, ob ich einen guten Flug hatte und wie es mir geht."
"Aha." Hilde-Marie nickte, von der Antwort offensichtlich befriedigt. "Ja, ich denke, für uns wird es Zeit." Zum zeichen dafür, daß sie sich auf keinen Handel einlassen wollte, erhob sich Hilde-Marie, was ihren Sohn dazu zwang, ebenfalls aufzustehen. "Es war ein netter Abend, Claire. Wir freuen uns, daß du wieder heil nach Hause gekommen bist. Danke auch für das Mitbringsel. Ich würde mich freuen, wenn du in den nächsten Tagen einmal zu uns kommen könntest. Wir haben einiges zu besprechen."
Claire schob unwillkürlich die Brauen zusammen. Was sollte das bedeuten. Aber Hilde-Marie war nicht bereit, konkreter zu werden. Sie reichte Claire die Hand, ließ sich von ihr das obligatorische Abschiedsküßchen auf die Wange hauchen und wartete dann, die Handtasche wie einen Schild an die Brust gedrückt, auf ihren Sohn, der sich etwas ausgiebiger von seiner Braut verabschiedete.
"Mutter möchte den Hochzeitstermin festlegen", flüsterte er Claire ins Ohr, während er ihre Wange küßte. "Mach's gut, Liebes. Wir sehen uns."
"Wir sehen uns", murmelte Claire.
Unter zusammengezogenen Brauen sah sie zu, wie Mutter und Sohn das Appartement verließen. Erst als die Tür hinter den beiden ins Schloß fiel, stieß Claire die angestaute Luft aus ihren Lungen.
Das war überstanden!
Sie hätte es keine Minute länger ausgehalten...