Kapitel 10

Drei Tage nach ihrer Rückkehr, erschien Bruno in der Boutique. Claire war gerade dabei, zusammen mit Sonny, ihrer Verkäuferin, eine neue Lieferung Winterpullover auszupacken, als die Türglocke einen Kunden ankündigte.

Seufzend ließ Sonny den Stapel Pullover in die Kiste zurückfallen, den sie sich gerade auf den Arm geladen hatte und eilte in den Verkaufsraum. Keine halbe Minute später war sie wieder da.

"Da ist so ein Mann..." Ihr Gesichtsausdruck verriet, daß sie sich für keine passendere Formulierung entscheiden konnte. "Na ja, eben ein Typ, der dich sprechen will. Er sagt, es sei dringend."

Claire ließ die Preisetiketten, die sie gerade beschriftete, im Stich und ging in den Laden hinaus, wo sie sich Bruno gegenübersah, der gerade interessiert eine Schaufensterpuppe studierte, die Sonny in ein hautenges Strickkleid gezwängt hatte.

"Gibt es Frauen, die so was tragen?" fragte Bruno, ohne sich umzudrehen.

Claire hob die Schultern.

"Ja, und meistens solche, die da gar nicht reinpassen." Sie trat näher. "Hallo Bruno", beschloß sie, den Stier bei den Hörnern zu packen. "Du kommst sicherlich wegen Melanie. Sie hat mir erzählt, daß sie Hals über Kopf abgehauen ist."

Endlich drehte Bruno sich um. Claire hatte sich immer gefragt, was die lebhafte, quirlige Mel an dem eher farblosen Bruno gefunden haben mochte. Im Gegensatz zu Mel war er nämlich ruhig, eher schon phlegmatisch, geduldig und froh, wenn man ihn in Ruhe ließ.

Andererseits hatte sich Claire gesagt, daß es wohl ungefähr dieselben Gründe sein mußten, die sie, Claire, an Bertram fesselten. Wenn man selbst zu spontanen Handlungen neigt und eher Hummeln im Allerwertesten hat, sucht man sich meistens einen Menschen, der das genaue Gegenteil verkörpert.

Bei Bruno hatte sich Melanie jedenfalls geborgen gefühlt. Er bewahrte sie vor allzu großen Torheiten und gab ihr das Gefühl, jederzeit für sie dazusein, wenn sie mal wieder irgendeinen Blödsinn angestellt hatte.

"Sie hat sich also bei dir gemeldet." Erleichterung klang aus Brunos Worten. "Ich habe schon in der halben Welt herumtelefoniert, aber daß sich Mel bei dir hören lassen würde, hatte ich nicht gedacht." Er hob die Schultern. "Du hattest sie ja schließlich ziemlich deutlich vor der Ehe mit mir gewarnt. Ich dachte, daß sie sich nicht die Blöße geben will, zuzugeben, daß du recht behalten hast."

Claire fuhr sich mit beiden Händen durch das honigblonde Haar.

"Hör zu, wir sollten das in Ruhe besprechen." Sie deutete mit einer einladenden Bewegung auf die Tür, die in den angrenzenden Aufenthaltsraum führte. Hier gab es eine Küche, in der man Kaffee kochen und eine gemütliche Sitzecke, in der man diesen dann in Ruhe trinken konnte.

"Paßt du mal auf den Laden auf!" rief sie im Vorbeigehen Sonny zu, die gerade die Pullover auspreiste. "Ich bin momentan nicht zu sprechen."

Bruno sank wie ein zum Tode Verurteilter auf die ausgeleierte Couch und stützte den Kopf in die Hände. Er wirkte auf einmal so elend, so verzweifelt, daß ihn Claire am liebsten in die Arme geschlossen und getröstet hätte. Aber sie waren sich nie so nahe gestanden, so daß sich Claire diese Geste jetzt nicht zu erlauben wagte.

Um ihre tatenlosen Hände irgendwie zu beschäftigen, ging Claire zur Anrichte und begann, Kaffee aufzubrühen.

"Hör mal zu", eröffnete sie das Gespräch, während das Wasser in die Kanne lief. "Um das ein für alle mal klarzustellen: Ich habe Melanie nie vor der Eheschließung mit DIR gewarnt, sondern immer nur vorm Heiraten an sich. Mel war und ist noch ein Kind. Ja, ich weiß, äußerlich ist sie eine Frau, eine verdammt hübsche und wohlgeratene sogar. Aber in ihrem Inneren, da ist sie das kleine Mädchen geblieben, das ich damals, vor immerhin - warte mal - neunzehn Jahren kennengelernt habe." Claire drehte den Hahn zu und schüttete das Wasser in den Tank der Kaffeemaschine. "Ich werde es nie vergessen. Mel hatte eine riesengroße Schultüte in den Armen und Schleifen im Haar, so groß wie ein Propeller. Ich dachte, bei einem kräftigen Windstoß würde sie abheben und einfach wie Pippi Langstrumpf davonfliegen. In Ordnung, die Zöpfe sind inzwischen weg, genauso wie die Propellerschleifen, aber ansonsten hat sich nicht viel geändert. In Mel steckt immer noch eine kleine Pippi, die nur Blödsinn im Kopf hat."

Bruno stieß einen Laut aus, der verdammt einem Schluchzen ähnelte und in Claire prompt ein flaues Gefühl im Magen auslöste. Hastig griff sie nach der alten Blechdose, in der sie den Kaffee aufbewahrte und begann, das Pulver in den Filter zu häufen.

Würziger Röstduft breitete sich in dem kleinen Raum aus.

"Als Mel damals zu mir kam, wild entschlossen zu heiraten, da habe ich ihr gesagt, daß sie einfach noch eine Weile auf die Weide gehört. Sie war nicht reif für eine dauerhafte, verantwortungsvolle Beziehung. Weißt du, sie hat heimlich noch mit ihrem albernen Bären Poldi gespielt."

"Das tut sie heute noch", raffte sich Bruno auf, leise einzuwerfen.

"Na siehst du." Claire klappte den Deckel über den Filter und schaltete die Maschine an. "Heiraten, das war für sie ein Spiel, so wie wir es häufig als Kinder gespielt haben. Mel drapierte ein Laken um sich, setzte den alten Brautschleier ihrer Mutter auf und ich bekam einen ollen Hut auf den Kopf. Und dann spielten wir "heiraten" und anschließend "Ehepaar". Ich mußte zur Arbeit gehen, will heißen, ich war aus dem Rennen, weil Männer in unserer guten deutschen Familie einfach nicht vorkommen, und Melanie hantierte mit dem Puppengeschirr herum, werkelte und schaffte und fuhr ihren Teddybären spazieren. So, das war Mels Welt und an die glaubte sie noch, als sie dreiundzwanzig war und sich in den Kopf setzte, dich heiraten zu wollen. Aber anders als in ihrer Traumwelt, kommst du abends nach Hause und bist eben ab und zu einfach anwesend." Claire hob die Schultern. "Mel weiß gar nicht, was Leben wirklich heißt. Bruno, sie ist ein Kind, hast du das verstanden?"

Er hatte Claire die ganze Zeit nicht angeblickt, sondern seinen Kopf in den Händen vergraben, dumpf vor sich hingestarrt. Aber jetzt sah er auf. Seine Augen musterten Claire mit einer Mischung aus Bewunderung und Zweifeln.

"Wir sind bis über beide Ohren verschuldet." Bruno war wirklich verstört. Claire empfand plötzlich grenzenloses Mitleid mit ihm. "Mel hat überhaupt keine Beziehung zum Geld. Sie kauft, was ihr gefällt, bloß weil etwas hübsch ist, oder weil sie es einfach gerne haben möchte. Und dauernd will sie ausgehen, in Restaurants und Diskotheken und auf Partys. Aber das können wir uns einfach nicht leisten. Ich habe versucht, ihr das begreiflich zu machen, doch sie sagt immer nur, daß ich der Mann bin und dafür zu sorgen habe, daß genügend Geld im Haus ist und sie sich nicht langweilt."

"Du wußtest vorher, daß Mel aus einer betuchten Familie stammt", murmelte Claire hilflos.

Melanies Eltern vergötterten ihre Tochter und hatten ihr immer alle Wünsche von den Augen abgelesen. Das Wort "Sparen" kam in Melanies Wortschatz überhaupt nicht vor, weil sie es nie zuvor gehört hatte.

"Ja, aber ich dachte nicht, daß es solche Schwierigkeiten geben würde." Bruno lehnte sich zurück und schloß die Lider. Erst jetzt fielen Claire die dunklen Schatten unter seinen Augen auf. Er mußte total erschöpft sein, ausgelaugt von den Sorgen um seine Ehe und die wirtschaftliche Situation, in der er sich befand.

"Weißt du", fuhr er mit schleppender Stimme fort. "Ich war so sicher, daß wir es schaffen würden. Ich liebe Mel wirklich, das kannst du mir glauben. Und ich wollte wirklich alles tun, um sie glücklich zu machen. Aber zu meinen Schwiegereltern kriechen und sie um Geld bitten, das bringe ich einfach nicht. Die betrachten mich doch sowieso als Versager. Nach deren Meinung ist jeder, der kein Jahreseinkommen von hundertzwanzigtausend Mark aufwärts im Jahr hat, ein Penner."

Die Kaffeemaschine gab gurgelnde Geräusche von sich. Sie war nicht mehr in bestem Zustand, aber Claire weigerte sich, sie auszurangieren, solange noch ein Tropfen Wasser durch die Leitungen lief. Automatisch versetzte sie dem Apparat einen Schlag mit der flachen Hand, woraufhin das Gerät leise arbeitete.

"Ihr habt euch also gestritten?" resümierte Claire, als Bruno wieder in dumpfes Schweigen zu verfallen drohte.

Er nickte mit Leichenbittermiene.

"Und wie!" Sein Blick lebte kurzfristig auf, als Claire Becher aus der Anrichte holte und begann, sie mit Kaffee zu füllen. "Ich hatte Mel gerade am Morgen gebeten, sich mit den Ausgaben etwas zurückzuhalten. Als ich abends nach Hause kam, saß ihr doofer Bär mitten auf der Couch und sie war gerade dabei, ihm einen nagelneuen Pyjama überzuziehen. Als ich sie fragte, was das soll, erklärte sie mir, daß sie das Ding in irgendeiner Kinderboutique erstanden hat. Da bin ich eben explodiert."

"Und Mel ist davongelaufen?" Claire stellte einen Becher vor Bruno ab und machte es sich selbst in dem alten Schaukelstuhl vom Sperrmüll bequem.

"Mhmmm." Vorsichtig blies Bruno über seinen Kaffee, bevor er ihn in kleinen Schlucken trank. "Sie hat einfach ein paar Sachen zusammengerafft und ist auf und davon. Ich dachte, sie rennt dreimal um den Block, das macht sie nämlich manchmal, wenn wir uns zoffen, und dann ist sie wieder da. Aber als sie nach einer Stunde nicht zurück war, begann ich doch, mir Sorgen zu machen."

Er unterbrach sich und warf Claire einen um Entschuldigung heischenden Blick zu.

"Du, sag mal, es klingt unverschämt. Aber hättest du vielleicht eine Kleinigkeit zu beißen da? Ich weiß gar nicht mehr, wann ich das letzte Mal was zum Essen bekommen habe."

"Klar doch." Claire erhob sich, um in dem uralten Kühlschrank nach Lebensmitteln zu fahnden.

Bruno berichtete indessen, wie er zunächst alle infrage kommenden Freunde und Bekannten abgerufen hatte und schließlich durch ganz Düsseldorf gerast war, um seine Frau zu suchen. Schließlich hatte er sich in den Wagen gesetzt und war zu Mels Eltern gefahren, um sich persönlich davon zu überzeugen, daß Mel tatsächlich nicht bei ihnen war.

Natürlich hatten ihm die Breuers die Hölle heiß gemacht. Karl Breuer wollte sogar einen Detektiv einschalten, wenn es Bruno nicht gelang, seine Frau binnen vierundzwanzig Stunden aufzufinden. Als letzte Hoffnung hatte Bruno sich dann an Claire gewandt, neben den Breuers die heftigste Gegnerin der Eheschließung und somit immer ein wenig seine Rivalin.

"Hat sie irgendwas gesagt, ob sie vielleicht daran denkt, zurückzukommen?" fragte Bruno, als er sich ein wenig erholt und mit einem Käsebrot gestärkt hatte.

Claire nahm wieder in ihrem Schaukelstuhl Platz.

"Eigentlich nicht..." Wie brachte man einem verlassenen Ehemann bei, daß sich seine Frau gerade prima ohne ihn amüsierte und mit keiner Silbe an ihn dachte? "Ich meine - na ja - weißt du, du solltest Mel einfach Zeit lassen. Oder vielleicht solltest du ihr auch mal ganz klar sagen, was du von ihr erwartest. Schließlich müssen beide etwas in die Beziehung einbringen. Also, ehrlich gesagt, ich weiß nicht, was du tun solltest. Mel ist - nun, sie ist eben ein verwöhntes Kind."

Bruno nickte, noch an den Resten seines Brots kauend.

"Ich glaube, ich sollte jetzt erst einmal ihre Eltern anrufen", entschied er, nachdem er die Krümel mit einem Schluck Kaffee hinuntergespült hatte. "Und dann sehen wir weiter."

"Bruno!" Claire war aufgesprungen. "Aber sieh bitte zu, daß du mir die Breuers vom Hals hältst. Giselas aufgeregtes Gluckengetue und Karls Großkotzgehabe kann ich momentan wirklich nicht ertragen. Ehrlich, ja, Bruno? Halt sie mir vom Hals!"

"Ich werd' sehen, was ich tun kann", versprach Bruno, aber es klang nicht sehr überzeugend.