Kapitel 6

Es war einfach naiv zu glauben, man könnte seinen Entscheidungen ausweichen, indem man sich für eine Weile aus dem Staube machte. Sorgen und Arbeit hatten die unangenehme Eigenschaft, sich nicht von selbst zu erledigen, sondern höchstens zu vermehren. So auch in ihrem Fall. Die Frage "Trennung von Bertram oder nicht" stand immer noch im Raum.

Wieso hatte sie sich eigentlich in ihn verliebt? Weil er so süß hilflos gewirkt hatte? Oder weil er so schöne, treue Augen hatte? Und was hatte sich in ihrer Beziehung geändert?

Die Antwort darauf konnte Claire leicht geben: Alles!

Zugegeben, Bertram war nie ein Temperamentsbündel gewesen. Eher ruhig und schüchtern, aber doch irgendwie interessant. Und auch auf seine Art unterhaltsam, jedenfalls zu Beginn ihrer Bekanntschaft. Doch im Laufe ihrer Beziehung hatte er sich mehr und mehr in einen langweiligen Spießer verwandelt. Nein, Claire konnte sich jetzt kaum noch vorstellen, mit ihm verheiratet zu sein. Zumal - und darüber machte sie sich inzwischen keine Illusionen mehr - sie eine Ehe zu dritt führen würden. Hilde-Marie Kleefischs mütterliche Macht reichte bis ins Schlafzimmer und daran würde nichts und niemand etwas ändern.

Am Anfang hatte Claire geglaubt, Bertram aus den Klauen seiner Mutter retten und zu einem normalen Mann umfunktionieren zu können. Aber inzwischen wußte sie, daß ihr das niemals gelingen würde. Hilde-Marie war eine zu mächtige Rivalin, gegen die sie, Claire, keine Chance hatte anzukommen. Im Gegenteil, Hilde-Marie hatte ihre Macht im Laufe der Zeit sogar noch erweitert. Sie beherrschte ihren Sohn mehr denn je und leitete jeden seiner Schritte.

Claire mußte endlich den Mut finden, die ganze Geschichte zu beenden. Aber selbst jetzt, während sie sich all diese Dinge durch den Kopf gehen ließ, spürte sie wieder diese heftige, innerliche Abwehr, die sie stets erfaßte, wenn sie an die Trennung dachte.

Nicht einmal die Sehnsucht nach David, der Wusch, ihm nahe zu sein, konnten etwas daran ändern.

Sie war eben ein hoffnungsloser Feigling!