Kapitel 21

So, was war als nächstes zu tun? Claire stand an der Ecke Langgasse/Wilhelmstraße und sah den vorbeifahrenden Stadtbussen zu, die sich selbstbewußt durch den dichten Wiesbadener Innenstadtverkehr zwängten. Heute war der Tag des Großreinemachens. Erst das Umfeld cleanen und dann an die Feinheiten gehen, hatte Claire sich vorgenommen. Und zum Umfeld gehörte auch David Sundrove, der geliebte Daueranrufer.

Vor diesem Anruf grauste es Claire am meisten. David war ein netter Kerl. Sie liebte ihn, sehnte sich nach ihm, heute mehr denn je. Aber er hatte ihr einmal in einem Gespräch gesagt, daß er sich seine Zukunft sehr gut ohne Kinder vorstellen könne. Deshalb glaubte sie nicht, daß David ihre Neuigkeit mit heller Freude aufnehmen würde.

"Ich fresse die kleinen Bälger nicht gleich auf, wenn sie mir begegnen", hatte er gesagt. "Aber ich muß sie auch nicht unbedingt auf den Arm nehmen und mit ihnen Da-da-da machen. Am liebsten sind mir die Kinder meiner Schwester. Die wohnen nämlich in Australien."

Es war also nicht anzunehmen, daß sich David vor Freude ein Bein ausriß, wenn Claire ihm die frohe Botschaft verkündete. Vielleicht würde er danach nie wieder anrufen? Schließlich war es für ihn wirklich nicht schwer, sich aus dem Staube zu machen. Er befand sich ja bereits außerhalb der Gefahrenzone. Claire konnte klagen bis sie schwarz wurde, um an Unterhalt für ihr Baby zu kommen. Solange Dave in Amerika saß, konnte ihm kein deutsches Gericht wegen der Vaterschaft an den Kragen.

Je länger Claire über die Sache nachdachte, desto mehr war sie davon überzeugt, daß David sie im Stich lassen und sein Fleisch und Blut verleugnen würde. Zuletzt empfand Claire sogar richtiggehend Wut in sich. Dieser Mistkerl machte es sich leicht. Drehte ihr erst einen Wurm an und versteckte sich dann in den Rocky Mountains! Aber der sollte bloß nicht denken, daß sie ihn anflehte, sie zu heiraten!

Pah, sie war nicht auf seine Almosen angewiesen. Sie war überhaupt nicht auf ihn angewiesen. Sie war eine eigenständige Person mit einem eigenen Betrieb, von dem sie sehr gut leben konnte. Sie und das Kind! Sie brauchten keinen verweichlichten Volltrottel, der sie ernährte und denen sie den Dreck wegräumen mußten. Sie und das Baby würde wunderbar ohne auskommen. Ohne Papa und ohne diesen ganzen Beziehungsstreß! Ja, wenn es sich Claire so richtig überlegte, dann war es sogar viel besser, alleine zu bleiben und das Kind aufzuziehen. Väter mischten sich bloß in die Erziehung ein und wollten alles besser wissen und machen als die Mütter.

Vielleicht sollte sie David gar nichts von der Schwangerschaft sagen?

Über diese Möglichkeit dachte Claire noch nach, als sie nach einem langen ereignisreichen Tag in ihre Wohnung zurückkehrte. Melanie war tatsächlich ausgezogen. Der Schlüssel lag mitten auf dem Küchentisch, zusammen mit einem großen Blatt Papier, auf dem nur ein einziges Wort stand:

Tschüß!

Claire zerknüllte die Nachricht und warf sie in den Mülleimer. Mehr oder weniger lustlos begann sie, sich ein Abendessen zuzubereiten. Als sie die Tiefkühl-Chop-Suey in die Mikrowelle schob, fiel ihr ein, daß Babys sicher etwas anderes brauchten, als Kurzwellenfertigfutter. Also nahm sie die Chop-Suey, steckte sie in den Biomüll (obwohl sie sich nicht sicher war, ob das Zeug nicht doch in den gelben Sack gehörte) und fahndete im Kühlschrank nach etwas gesünderem. Sie entdeckte gerade eine verschrumpelte Karotte und ein paar welke Salatblätter, aus denen man vielleicht noch so was wie einen Salat machen konnte, als das Telefon schrillte.

David! Claires Herz begann wie wild gegen die Rippe zu trommeln. Nein, bitte, noch nicht. Sie wollte noch nicht mit Dave sprechen.

Das Telefon schrillte weiter.

Vielleicht legte er ja auf, wenn sich niemand meldete?

Das Telefon schrillte weiter.

Oder er setzte sich ins nächste Flugzeug, weil er dachte, sie, Claire, läge bereits in den letzten Zügen?

Das Telefon...

Mit einem Satz war Claire am Apparat und riß den Hörer ans Ohr.

"Claire?" Davids Stimme war deutlich die Erleichterung anzuhören. "Ich habe schon überlegt, ob ich mich ins nächste Flugzeug setze und zu dir nach Deutschland komme. Deine Freundin sagte mir, du seist krank."

"War - ärhem - war ich auch." Das Sprechen fiel Claire auf einmal unendlich schwer. "Das heißt, ich - ich - eigentlich..."

"Was ist los?" David klang besorgt. "Ist irgendetwas? Sag es mir, bitte. Ich werde verrückt, wenn ich nicht weiß, was mit dir ist."

Claire riß sich zusammen. Und plötzlich sprudelten die Worte nur so aus ihr heraus.

"Ich bin schwanger!" Sie konnte hören, wie David auf der anderen Seite der Welt die Luft mit einem scharfen Laut tief in seine Lungen sog. "Aber du brauchst dir überhaupt keine Ausreden oder so einfallen zu lassen, um nicht dafür aufkommen zu müssen. Ich erwarte gar nicht, daß du dich irgendwie für uns verantwortlich fühlst. Ich werde nämlich sehr gut alleine mit dem Kind fertig. Und heiraten will ich dich auch nicht, hörst du. Ich heirate nämlich nicht, bloß weil ein Baby unterwegs ist. Und schon gar nicht, um versorgt zu sein. Außerdem ist sowieso Schluß zwischen uns. Ich will nie wieder von dir hören, hast du das verstanden, David Sundrove? Ich will bloß endlich meine Ruhe haben, also ruf' mich nie wieder an!"

"David?" Atemlos lauschte Claire in den Hörer. "David, bist du noch dran?"

Niemand antwortete ihr. Die Leitung war tot.