KAPITEL 15
DER ANKER-PUNCH
Ali gegen Liston. Der Knockout.
25. MAI 1965
Was an Zuschauern kam, strömte in der Dämmerung allmählich in die St. Dominic’s-Halle. Die durchgesagte Zuschauerzahl betrug 4280, doch jedem in der Halle war klar, daß die tatsächliche Zahl bestenfalls bei 3000 lag. Die Bürger von Lewiston und der umliegenden Ortschaften schienen sich mehr für den Trommel- und Trompetenwettbewerb zu interessieren. Die Promoter gaben die Eintrittskarten praktisch kostenlos ab, doch niemand wollte sie haben. Dieser Kampf fand vor den Kameras und der Presse statt. Techniker hatten auf dem Parkplatz Übertragungsmasten errichtet, über die erstmals ein Titelkampf im Schwergewicht nach Afrika und in die Sowjetunion gesendet wurde. Die Western Union stellte eine Reihe von Wohnwagen auf, in denen die Berichte abgeschickt wurden, UPI heuerte die vier schnellsten Läufer vom Bates College an, um sie vom Ring zu den Wohnwagen zu bringen; an dem Abend würden sie schnell sein müssen, doch er sollte auch früh zu Ende gehen.
Die Paranoia in Lewiston war gestiegen. Sicherheitsleute durchsuchten Handtaschen und Aktenmappen. Als Red Smiths Frau Kate die Halle betreten wollte, durchsuchte ein Polizeibeamter ihre Geldbörse.
»Da drin finden Sie nichts«, sagte sie. »Meine MP hab ich im Hüfthalter.«
Jimmy Cannon, noch immer in äußerster Krisenstimmung, berichtete atemlos, daß zwei Beamte der New Yorker Mordkommission die Halle noch am Abend des Kampfs nach Sprengstoff absuchten. »Sie suchten nach Giftgasbomben, die … einem vorbestraften Schläger von der Bostoner Moschee zufolge zwischen die Stahlstangen und Streben gelegt worden sein sollten«, schrieb Cannon. »Sie fanden sie nicht, bauten sich dann aber am Haupteingang auf, um jeden schwarzen Nationalisten, den sie ausmachen konnten, festzunehmen. Sie kennen sie alle.«
Cannon fuhr fort: »In dem Zementblockbau verteilten sich zweihundert Polizisten aller Dienstgrade aus ganz Maine. Streifenbeamte aus Lewiston, Bezirkssheriffs und Highway-Polizisten, und zwischen denen bewegten sich unauffällig Agenten des FBI. Sogar staatliche Alkoholkontrolleure waren mit Schußwaffen ausgestattet, welche sie in Halftern an der Hüfte trugen. Die Tasche einer jeden Frau, die die Halle betrat, wurde durchsucht, ebenso mußten sämtliche Beutel und Schachteln, Aktentaschen und Ranzen zur Einsichtnahme geöffnet werden. Bei ihrer Überwachung wurden sie unterstützt von den Muskeltypen der Black Muslims, die sich mit den Polizeikräften verbündeten, um den einzigen berühmten Neger, der ihren Kreuzzug der schwarzen Überlegenheit öffentlich unterstützte, zu beschützen.« Cannon versäumte zu erwähnen, daß diese ganzen Polizisten und Sonderagenten nur aus dem einen Grund da waren, weil die örtlichen Behörden auf seine Berichte hin gehandelt hatten – Harold Conrads Gerüchteküche hatte gut funktioniert.
Ali wartete bis ungefähr neun Uhr, dann verließ er das Hotel und fuhr zur Halle. Er trug Jeans und ein Sweatshirt. Laut Mort Sharnik von Sports Illustrated, der ihn begleitete, war Ali in düsterer Stimmung.
»Erzählen Sie mir Ihr Kampfszenario«, bat Sharnik ihn.
Normalerweise hätte Ali zu einem Dreiakter inklusive der Mimik seines Gegners und des Ringansagers angehoben. Nun aber war er still und ernst und meinte, es werde ein seltsamer Kampf werden. »Er könnte so anfangen, daß ich gar nicht selber schlage, sondern einfach bloß zurückweiche und Liston mir folgt und ich ihn dann schließlich – bamm! – mit der Rechten treffe und es dann vorbei ist.«
»Das wäre dann ein kurzer Kampf«, sagte Sharnik.
»Es wird ein kurzer Kampf«, sagte Ali. »So sind Kämpfe eben. Es gibt keinen Plan. Das ist wie in keinem anderen Sport. Aber ich glaube, ich kann ihn packen. Das letzte Mal hätte ich ihn in der Runde, die ich vorausgesagt habe, k. o. geschlagen.«
Was Ali Sharnik erzählte, war nicht improvisiert. Drei Wochen davor hatte er einem Reporter von einem immer wiederkehrenden Traum erzählt, in dem er gleich beim ersten Gong durch den Ring stürzte und Liston mit einer schnellen Rechten traf. »Das ist ein psychologischer Trick, den mir der alte Archie Moore verraten hat«, hatte er gesagt, »da weiß der Bär gleich, wer das Sagen hat. In dem Traum sehe ich nicht, ob er davon k. o. geht, aber er erholt sich nicht mehr davon, und ich gewinne dann mit einem frühen K. o.«
Liston bekam in seiner Kabine einen Kurzbesuch von José Torres, dem Weltmeister im Leichtgewicht, der nach Lewiston gekommen war, um den Kampf auf spanisch zu übertragen. Torres fragte Liston, ob er seinen Sieg über Willie Pastrano gesehen habe. Liston sagte, ja, er habe ihn gesehen.
»Na, Sie müssen es einfach genauso machen«, sagte Torres. »Schneiden Sie ihm den Weg ab. Sie müssen Ali den Weg abschneiden.«
Die Boxfunktionäre von Maine hatten für die Kampfleitung nicht gerade die erste Garde aufgeboten. Der Ringrichter, Jersey Joe Walcott, war natürlich einmal Weltmeister im Schwergewicht gewesen, hatte in seiner neuen Rolle aber nicht besonders viel Erfahrung vorzuweisen. Er war ein »Promi-Ringrichter«, angeheuert in dem Glauben, es bedürfe keines Genies, um zwei Schwergewichtler aufeinander loszulassen und eventuell bis zehn zu zählen. Der Zeitnehmer beim Niederschlag war Francis McDonough, ein dreiundsechzigjähriger pensionierter Drucker. Der Ringrichter stimmt sich beim Anzählen grundsätzlich mit diesem Zeitnehmer ab, doch Walcott hatte gar nicht mitbekommen, wo McDonough überhaupt saß. Der offizielle Zeitnehmer war ein fünfundfünfzigjähriger Lehrer namens Russell Carroll, der diese Funktion rund dreißig Jahre lang bekleidet hatte, darunter auch beim schnellsten Kampf der Geschichte des Boxens, einem zehneinhalb Sekunden dauernden Kuriosum, in dem ein Boxer namens Al Couture eine knappe Sekunde vor dem Gong durch den Ring rannte und auf seinen Gegner einprügelte, als dieser ihm gerade das Gesicht zudrehte. Meistens befindet sich irgendwo in der Nähe des Rings, wenn schon nicht darüber, eine Uhr; in Lewiston gab es das nicht. Sämtliche Zeitfragen wurden von den Stoppuhren in den Händen von McDonough und Carroll entschieden.
Die Ehre, die Nationalhymne zu singen, wurde Robert Goulet zuteil, einem schmierigen Schnulzensänger, der wie geschaffen für Las Vegas und Boxkämpfe war. Es sollte jedoch nicht sein größter Abend im Ring werden. Als Goulet aus seiner Kabine kam, stöberte er seine Taschen durch und merkte, daß er seinen Spickzettel, auf dem der Text des »Star-Spangled Banner« stand, vergessen hatte.
»Was mach ich denn jetzt?« murmelte Goulet, als er durch die Seile in den Ring stieg. Dann stellte sich heraus, daß er die Orgel, die ihn begleitete, kaum hören konnte. Er stümperte den Text zusammen und hatte Schwierigkeiten, den Takt zu halten; es war, als mühte sich ein kleines Kind, mit den rennenden Eltern Schritt zu halten. Auf den Sitzen von Presse und Prominenz wurde gelächelt: Elizabeth Taylor, Jackie Gleason und Frank Sinatra waren da.
Ali wirkte in seiner Ecke zuversichtlicher als in Miami. Weder in seinem Tänzeln noch in seinem Blick lag Nervosität. Würde er je großartiger aussehen? Er trug eine weiße Hose mit schwarzen Streifen. Er wog dreiundneunzig Kilo und wirkte jetzt an Brust und Armen kräftiger.
Liston dagegen wirkte entrückt, träumerisch. Er zog den Mantel aus und dehnte den Oberkörper, vor und zurück, hin und her. Liston wog siebenundneunzig Kilo und trug eine schwarze Hose mit weißen Streifen.
Mit dem Eröffnungsgong reichte ein Reporter von UPI einem der Läufer vom Bates College einen Zettel, auf dem stand: »Der Kampf Clay gegen Liston hat begonnen, nun folgt ein Bericht Runde für Runde.«
Als der Junge vom Bates mit seiner Nachricht draußen beim Übertragungswagen angekommen war, hatte der Mann von Western Union, der den Kampf auf einem Monitor verfolgte, eine Überraschung für ihn.
Die Filme der nachfolgenden runden Minute, die der Kampf dauerte, haben Boxfans mit derselben fanatischen Aufmerksamkeit studiert wie die Experten des Attentats auf Kennedy den Zapruder-Film. Doch anders als der Zapruder-Film mit seinen zerfließenden Farben und den Blutwolken lösen die Filme vom Kampf Ali gegen Liston einige der Rätsel, die die Geschehnisse angeblich umgaben.
Natürlich sieht man sich den Film am besten in Zeitlupe an.
Wie in seinem Traum durchquert Ali den Ring und eröffnet den Kampf mit einer Rechten. Doch Liston steckt den Schlag leicht weg, und dann beginnt ein etwa einminütiger Tanz, das heißt, Ali tanzt im Uhrzeigersinn, die Handschuhe auf Hüfthöhe, und Liston stapft hinter ihm her. Zwanzig Sekunden verstreichen, ohne daß ein Schlag ausgeführt oder auch nur angesetzt wird. Dann beschließt Liston, daß er nun kämpfen muß, und schickt viermal die Linke ab. Alle landen sie, doch sie streifen Ali nur; er hat ihnen die Wucht genommen, indem er nach hinten ausweicht und die Schläge mit Handschuhen und Unterarmen entschärft. Liston schlägt Jab um Jab, aber nicht einmal trifft er Ali sauber.
Dann kommt der Augenblick, der so viele in der Halle verwirrte. Ali tänzelt an den Seilen entlang, und Liston stürzt sich mit einer Linken auf ihn. Ali reißt das Kinn gerade weit genug zurück, um Schaden abzuwenden, und schickt, während er sich wieder nach vorn dreht, einen kurzen, knallharten rechten Cross an Listons Schläfe. Listons Kopf ruckt zur Seite, und er geht sofort zu Boden. Möglicherweise hätte der Schlag später im Kampf nicht ausgereicht, um Liston zu fällen, doch Liston ist durch den danebengegangenen Jab aus dem Gleichgewicht geraten, ist frustriert und, da der Kampf ja erst eine Minute gedauert hat, noch kalt.
Das alles sieht man natürlich nur mit Hilfe eines Projektors, der die beiden Kämpfer in ähnlicher Weise verlangsamt, wie der Fotograf Eadweard Muybridge den Galopp von Rennpferden in einzelne, für sich erkennbare Standbilder zerlegte. In Echtzeit abgespielt, zeigt der Film ungefähr eine Minute ereignislosen Tänzelns und Betatschens, gefolgt von einem Augenblick, in dem Ali offensichtlich etwas tut – sein Arm wird plötzlich zu einer verschwommenen Peitsche –, doch es wird nicht richtig klar, was sich da ereignet hat, nur daß es eine weitreichende Wirkung auf Liston hatte, der nun auf dem Boden ausgestreckt liegt. Dieser Augenblick ist so verwirrend, und Liston fällt so schnell, daß man durchaus der Meinung sein könnte, in der St. Dominic’s habe es einige gegeben, die plötzlich von der Angst gepackt waren, daß Liston vom Ringrand aus erschossen worden sei. Dennoch sagten einige Beobachter, die dort waren und, vorerst jedenfalls, keine Zeitlupe zur Verfügung hatten, daß sie den Treffer deutlich sahen.
»Es war genauso, wie Ali es im Bus vorausgesehen hatte«, sagte Mort Sharnik, der einen hervorragenden Platz in der Pressereihe hatte. »Liston verlagerte das Gewicht nach links, schlug zu, Ali entschärfte den Schlag, indem er nach hinten auswich, Liston stürzte auf ihn zu, worauf Ali sich aufrichtete, die Rechte hochzog und zuschlug, während Liston nach vorn fiel. Liston sah den Schlag gegen seinen Wangenknochen gar nicht kommen, und nur der Schlag, den man nicht sieht, bereitet einem Probleme. Manche sagten, es sei ein ›Phantomtreffer‹ gewesen. Dieses Wort machte schon sehr bald die Runde. Also, ich saß neben Floyd Patterson und Cus D’Amato. Und da war noch so ein alter Nationalgardist mit einem Hut, der aussah wie der von Smokey the Bear, und der brüllte: ›Verdammt, der hat ihn voll am Kinn getroffen!‹ Und wir alle sahen, was passierte. Das stand für uns außer Frage. Nicht erst später, sondern gleich.«
In Zeitlupe sieht man, daß die nach unten gerichtete Wucht des Schlags nicht nur Listons Hals wegreißt, sondern auch bewirkt, daß er den linken Fuß anhebt, bevor er schließlich auf die Matte fällt. »Ich lehre diesen Schlag«, sagte Angelo Dundee, als er sich das Band rund dreißig Jahre später ansah. »Fester Stand, nach rechts verlagern, die rechte Hand herumführen. Liston sah sie einfach nicht – und das ist dann der Schlag, der dich wegmacht.« Während Liston fiel, versuchte Ali, mit einem linken Haken nachzusetzen, doch der ging vorbei. Da lag Liston schon.
»Dieser Hieb hat Liston umgehauen«, sagte Chicky Ferrara damals. Ferrara war ein erfahrener Trainer, den Dundee in die Nähe von Listons Ecke gesetzt hatte, damit sich die Sache mit der Blendung aus dem ersten Kampf nicht wiederholen konnte. »Er blinzelte dreimal mit den Augen, als versuchte er, den Kopf klar zu kriegen, und da sah ich zu Willie Reddish hin. Ich sah, daß Reddish flau war; er wußte, daß sein Kämpfer Schwierigkeiten hatte.«
Liston ging zu Boden und rollte sich auf den Rücken, die Arme über dem Kopf ausgestreckt. Die Kampfregeln verlangen, daß der stehende Boxer sich sofort, noch bevor der Ringrichter anfängt zu zählen, zurückzieht, doch das tat Ali nicht. Jersey Joe Walcott hatte zuviel Respekt. Er drängte Ali nicht zurück, was er hätte tun sollen.
Statt dessen stand Ali ganz dicht bei Liston. Er hielt die rechte Hand im Anschlag und schrie zu Liston hinab: »Steh auf und kämpf, du Nulpe! Du sollst doch so böse sein! Das glaubt dir doch keiner!«
In dem Augenblick drückte ein junger Fotograf von Sports Illustrated namens Neil Leifer auf den Auslöser. Das Foto – Ali über Liston, Ali wild und schön – war das nachhaltigste Bild des Kampfs, vielleicht sogar das nachhaltigste Bild Alis im Ring überhaupt. Leifers Idole waren die großen Sportfotografen der vorigen Generation: Mark Kaufman, John Zimmerman und Hy Peskin von Sports Illustrated sowie George Silk von Life. Seit den frühen sechziger Jahren hatten die Fotografen nicht mehr die kastenförmige Speed Graphics, mit der WeeGee gern arbeitete, sondern Spiegelreflexkameras mit zwei Objektiven oder 35-mm-Kameras. »Für den Fotografen hatte Boxen viel mit Vorahnung zu tun«, sagte Leifer. »Mit der Rolleiflex und den Röhrenblitzen hatte man nur eine Aufnahme, dann mußte man weiterspulen und drei bis fünf Sekunden warten, bis das Licht wieder soweit war. Damals hatte man noch nicht diese Supertechnik, doch in den ersten Ali-Jahren hatte man es als Fotograf noch besser als Jahre später. Es gab noch drei Seile, nicht vier. Es gab weniger Lichter, also hatte man einen schwarzen Hintergrund. Auf der Ringverkleidung gab es noch keine Werbung für MGM Grand oder Bud Lite. Es wurde geraucht, also hatte man einen dramatischen Dunst. Damals waren die Bilder poetischer.«
Leifer hatte den Vorteil der Poesie und das nötige Glück. »Ich stand zufällig am richtigen Fleck«, sagte Leifer. »Ein freies Schußfeld, kein Ringrichter stand im Weg. Wir hatten drei Tage damit verbracht, den Ring auszuleuchten und die örtlichen Elektriker zu schmieren. Wir liehen uns die Beleuchtung vom Roosevelt Raceway auf Long Island – vierzig Kondensoren, jeder fünfunddreißig Kilo schwer. Die ließen wir mit dem LKW nach Maine karren und benutzten sie als Fischauge für die ganze Halle im Moment des K. o. Alles war also perfekt. In dem Moment, als ich das Bild machte, wußte ich, das Ding ist perfekt. Nur eines nicht. Auf der ersten Seite brachten sie eines von George Silks Kampffotos, meines erschien nur innen beim Artikel.«
Ali wich schließlich von dem daliegenden Liston zurück und ließ sich von Walcott zur neutralen Ecke hinschieben. Doch da war schon alles aus den Fugen. Die Menge brüllte »Schiebung! Schiebung!« Liston wälzte sich am Boden, und Walcott war völlig durcheinander. »Ich bin bei Clay geblieben und hab ihn immer wieder weggestoßen, weil ich Angst hatte, daß er Liston gegen den Kopf tritt«, sagte Walcott zu Reportern. »Clay war wie ein Wilder. Er rannte im Ring umher und brüllte Liston an, er solle aufstehen. Können Sie sich vorstellen, was man über mich gesagt hätte, wenn Clay Liston gegen den Kopf getreten hätte? Und er hätte Sonny ja auch schlagen können, während er aufstand … Wie alle Ringrichter war ich dazu da, den Kämpfer auf der Matte zu schützen. Liston war ein geschlagener Mann. Das sah ich an dem glasigen Blick in seinen Augen. Es war egal, ob ich ihn anzählte oder nicht, ich hätte auch bis vierundzwanzig zählen können, Liston war in einer Traumwelt, und das einzige, was hätte passieren können, war, daß er ernstlich verletzt war.« Walcott habe Liston nicht angezählt, sagte er, weil Ali ihm gar nicht die Chance dazu ließ. Auch vom Zeitnehmer bekam er kein Signal. »Die hätten einen Lautsprecher haben müssen«, beschwerte sich Walcott.
Wer die Geistesgegenwart besaß, in historischen Dimensionen zu denken, dem fiel sogleich der Kampf zwischen Tunney und Dempsey 1924 ein, in dem Dempsey, als Tunney am Boden lag, nicht in die neutrale Ecke wollte; Tunney stand irgendwann auf, vermutlich bei vierzehn, und gewann den Kampf dann noch.
Francis McDonough, der K.-o.-Zeitnehmer, wurde noch jahrelang von zweifelnden Reportern verfolgt, bis er schließlich gar nicht mehr mit ihnen redete. Er starb 1968. »Wenn diese Nulpe Clay in eine neutrale Ecke gegangen wäre, statt wie ein Verrückter rumzurennen, hätte es den ganzen Ärger nicht gegeben. Ich hab auf meine Stoppuhr gedrückt, als ich sah, wie Liston auf der Matte aufschlug, und dann wieder, als auf der Uhr zwölf Sekunden vorbei waren, dann hab ich sie ausgemacht. Als der Ringrichter zu mir kam, sagte ich ihm, ich hätte die Uhr nach zwölf Sekunden gestoppt und daß Liston da schon mindestens zwanzig Sekunden auf der Matte gelegen hat.«
Und dennoch, nachdem Ali in der neutralen Ecke war, kam Liston wieder auf die Beine. Walcott wischte Liston die Handschuhe an seinem Hemd ab und rief die Kämpfer wieder zu sich, damit sie den Kampf wieder aufnehmen sollten. Ali ging auf Liston los, um ihm den Rest zu geben. Er schlug sogleich auf Liston ein, ohne weiter an eine Choreographie oder Deckung zu denken. Er ging auf den K. o.
Doch während die beiden Kämpfer noch zugange waren, ging Walcott von ihnen weg zur Ringkante, und zwar auf die Rufe des Altmeisters der Boxpresse, Nat Fleischer, des Herausgebers der Zeitschrift Ring, der seinen Namen brüllte.
»Joe! Joe, der Kampf ist aus! Der Kampf ist aus!«
»Was?«
»Der Kampf ist aus!« Fleischer saß neben McDonough, und der sagte zu Walcott, Liston sei weit über zehn Sekunden auf dem Boden gewesen. Solchermaßen belehrt, machte Walcott kehrt und winkte die Boxer auseinander. Es ist aus, sagte er zu ihnen und erklärte Ali zum Sieger und alten und neuen Weltmeister im Schwergewicht.
Liston war verwirrt und groggy. Willie Reddish mußte ihn am Ellbogen zu seinem Hocker geleiten.
Dundee schritt durch den Ring, um Liston und dessen Ecke zu trösten.
»Ich sah zu Sonny hin und sagte: ›Harter Kampf, Sonny‹, und Sonny blickte einfach nur durch mich hindurch«, sagte Dundee.
»Das Ganze war eine einzige Katastrophe«, sagte Ferdie Pacheco. »Wir waren in einem Staat, in dem sie nicht die geringste Ahnung vom Boxen hatten. Es ging aber auch alles daneben. Aber glauben Sie nur nicht, daß das Ergebnis anders ausgefallen wäre. Liston hatte eben wie die alten Kämpfer trainiert, und das auch ziemlich gut. Aber mehr ist bei alten Kämpfern nicht drin. Das ist so, wie wenn der Benzintank voll ist und nichts mehr reingeht. Nachdem Ali seinen Bruch gehabt hatte, konnte Sonny sein Niveau nicht mehr halten. Wenn du ein alter Mann bist, machen deine Muskeln das nicht mehr mit. Es sind keine jungen Muskeln mehr. Du trainierst zuviel, und sie sind tot. Währenddessen konnte Ali sich gut ausruhen. Das war genauso wie zehn Jahre später in Zaire. Ali war noch nicht ganz soweit, Foreman zog sich im Camp eine Verletzung zu, das Ganze wurde verschoben, dann war Ali richtig soweit und siegte. Wenn man an Alis Karriere denkt, darf man einen Faktor nicht außer acht lassen, nämlich Glück. Zumindest bis er es zu lange trieb und dafür bezahlte, war er ein wahres Glückskind.«
Doch nicht nur Alis Betreuer konnten sehen, daß Liston benommen war. Liston ging in seine Kabine und bat seinen Cutman Milt Bailey um Riechsalz. »Riechsalz ist was Gemeines – man will kein Riechsalz, wenn man nicht getroffen, schwer getroffen worden ist«, sagte Bailey. »Er tat mir so leid. Das Traurige war, daß Sonny für den Kampf in Boston so richtig bereit war, aber dann war er nicht mehr in Form. Er hatte sie einfach verloren.«
Floyd Patterson, der vom Verlieren und von Schmach ein Lied singen konnte, ging in Listons Kabine, eine unglaubliche Geste, wenn man bedenkt, wie demütigend seine Niederlagen gegen Liston gewesen waren. Patterson war fassungslos, daß Liston so schnell verloren hatte. Er hatte Liston gegen so manche harte Kämpfer im Ring gesehen – Machen, Williams und viele andere –, und deren Schläge hatte er scheinbar einfach weggesteckt. Und nun war er von einem blitzartigen rechten Cross gefällt worden. Liston war allein und saß auf einem Massagetisch.
»Ich weiß, wie das ist«, sagte Patterson auf seine sanfte, ehrerbietige Art. »Ich hab das auch erlebt.«
Liston reagierte nicht, nicht sofort, und Patterson glaubte, daß Liston noch immer seinen fürchterlichen Gesichtsausdruck hatte, seinen »bösen Blick«. Patterson sagte noch ein paar tröstende Worte, doch nach einer Weile merkte er, daß er offenbar nicht zu ihm durchdrang. Es wäre albern gewesen, es weiter zu versuchen.
»Okay, dann bis später mal«, sagte Patterson und ging zur Tür.
Liston stand auf, lief hinter Patterson her und legte ihm einen Arm um die Schulter.
»Danke«, sagte Liston, und da ging es Patterson besser.
»Da wußte ich, daß ich zu ihm durchgedrungen war.«
In der Halle ging Ali langsam in seine Ecke. Sein Bruder Rahaman nahm ihm den Mundschutz heraus.
»Der hat sich hingelegt«, sagte Ali leise.
»Nein, du hast ihn getroffen«, sagte Rahaman.
»Ich glaube, er …«
»Nein, Mann, du hast ihn getroffen«, sagte Rahaman.
Schließlich wurde Ali zu einem Fernsehmonitor geführt, um sich die Runde in Zeitlupe anzusehen. Jetzt konnte er sehen, was seine Reflexe und seine Kraft angerichtet hatten. Bald nannte Ali den Schlag mal »meinen Karate-Punch«, mal meinte er, Stepin Fetchit habe Jack Johnsons »berühmten Anker-Punch« weitergegeben. Nat Fleischer sollte später sagen, er sei nach langer wissenschaftlicher Suche zu dem Ergebnis gekommen, daß Johnson einen solchen Punch nie gehabt hatte. Statt dessen verglich Fleischer den Schlag mit dem eines Mittelgewichtschampions um die Jahrhundertwende, Charles »Kid« McCoy, dem »Korkenzieher-Punch«.
Wie er auch heißen sollte, Ali sagte später, sein Punch »war mit Rhythmus und Balance getimt. Er hatte die Gewalt zweier fahrender Autos, die aufeinanderprallen, und das macht es bei einem Zusammenstoß doppelt so hart, als wenn eins stehen würde.« Liston sagte später, er sei noch ein bißchen länger als notwendig auf der Matte geblieben, weil Ali noch da war und Ali ein »Irrer« sei. Er habe befürchtet, Ali würde ihn schlagen, während er sich hochrappelte. Außerdem habe er Ali vor dem Niederschlag nicht richtig zu treffen vermocht. Oder wie Jerry Izenberg vom Newarker Star Ledger es formulierte: »Auch wenn Ali ihn nicht so getroffen hätte und der Kampf noch drei Runden weiter so gelaufen wäre – Liston wäre nicht an ihn rangekommen. Sonny hätte Muhammad nicht mal mit einem Kanupaddel auf den Arsch schlagen können.«
Liston bestritt nie, daß Ali ihn mit einem harten, echten Schlag getroffen hatte. »Ich hätte nicht geglaubt, daß er so hart schlagen konnte«, sagte er. »Ich hab nicht aufgegeben. Ich bin gut getroffen worden und war verletzt. Clays Rechte hat mich oben am linken Wangenknochen erwischt, und ich war völlig erledigt. Ich hab gedacht, ich käme noch mal hoch, aber wenn man so eine kriegt, denkt man nicht so gut. Es war nicht der härteste Punch, den ich je eingesteckt hab, aber er war schon hart genug.«
Am zweiten Kampf Ali gegen Liston werden vermutlich Zweifel bestehen, solange sich noch jemand fürs Boxen interessiert. Selbst wenn man in Betracht zieht, daß Ali Liston einen richtig harten, praktisch unsichtbaren Schlag versetzt hat, und selbst wenn man das Durcheinander im Ring und Listons Bereitschaft, weiterzukämpfen, sobald er wieder auf den Beinen war, berücksichtigt, wäre es töricht, die Möglichkeit, daß Liston bewußt zu Boden ging – oder diesen Vorsatz hatte –, völlig auszuschließen.
Johnny Tocco, ein Trainer, der mit Liston schon in St. Louis und später auch in Las Vegas gearbeitet hatte, sagte vor seinem Tod im Jahr 1997 Journalisten gegenüber, er habe gerüchteweise gehört, die Black Muslims hätten versucht, Liston einzuschüchtern. »Ich hab ihn danach gefragt«, sagte Tocco, »und Sonny sagte dazu bloß: ›Reden wir nicht drüber – der Kampf mußte eben so laufen.‹« Tocco behauptete, John Vitale habe ihm gesagt, der Kampf werde nur eine Runde dauern. Aber irgendwie wirkt eine Aussage, die auf Hörensagen beruht und die ein Ringspezi aus Las Vegas von einem Mobster aus St. Louis erfährt, nicht sehr überzeugend.
In fortgeschrittenem Alter verlangte Geraldine Liston Geld für Interviews – eine Forderung, die ich zurückwies. Doch in ihrem letzten Gratisinterview, das sie 1996 dem Pay-TV-Sender HBO gab, bestritt sie, daß es irgendwelche Absprachen gegeben habe.
»Er hat gesagt: ›Du gewinnst, du verlierst … In allem muß es doch einen Sieger geben.‹ … Und so war er eben … Er hat gesagt, so was kommt eben vor … Wenn er den Kampf geschmissen hat, dann hat er’s mit ins Grab genommen, mir hat er nichts gesagt. Und wenn er ihn geschmissen hat, hab ich jedenfalls kein Geld gesehen.«
Ali glaubte nie, daß es eine Absprache gewesen sein könnte, und er sagte das nicht nur, um seinen Ruf zu schützen. Was er sagte, klang durchaus vernünftig. »Sonny ist zu doof und zu langsam, um so einen manipulierten Kampf zu machen«, sagte er. »Und außerdem hätte Liston wohl länger als nur eine Minute damit gewartet, wenn auch nur, damit es gut aussieht … Ich hab ihn voll mit meinen ganzen dreiundneunzig Kilo getroffen, und das haben sie mir nicht richtig zugetraut … Haben Sie jemanden Schiebung schreien hören? Haben Sie jemanden Betrug schreien hören, als er auf der Matte gelandet ist? Ich wollte der ganzen Welt sagen, daß es mir nicht gepaßt hat, daß er fiel. Ich wollte der ganzen Welt sagen, daß ich nichts mit denen zu tun hatte, die von Schiebung geredet haben … Laßt mir doch meine Freude, denn wenn mir was passiert, habt ihr eure Freude … Seid fair zu mir, aber die Leute reden immer noch von Schiebung. Mein Mund hat mein Können überschattet.«
Nachdem sie eine Woche lang Verschwörungsgerüchten sowie einem Kampf ausgesetzt gewesen waren, der gerade mal eine Minute dauerte, waren die wenigsten Reporter geneigt, die Sache in Alis Sinn zu sehen. Gene Ward von der Daily News begann seinen Artikel folgendermaßen: »Ein rechter Punch, mit Phantomgewalt abgeschickt und mit der Wucht eines Windbeutels gelandet, schlug Sonny Liston hier in der ersten Minute der ersten Runde k. o., worauf die tobende Menge die kleine St. Dominic’s-Arena mit ›Schiebung‹- und ›Betrug‹-Rufen erfüllte.«
Jimmy Cannon gab Liston die Schuld. Er schrieb, der Kampf Ali gegen Liston – »dieser Schwindel einer Scharade« – könnte der letzte Tropfen, der »Todesstoß« für das Boxen gewesen sein. »Der ihn führte, ist Liston, der früher einmal für die Mafia von St. Louis als Knochenbrecher gearbeitet hat. Zum Teufel damit. Ab dafür. Der Boxsport hat sich einen Paß fürs Reich des Vergessens verdient. Er hat keine Existenzberechtigung mehr.«
Die erlauchten Stimmen der New York Times ergriffen die Gelegenheit, um den Boxsport selbst zu attackieren.
Unter der Überschrift »A Hollow Ring« brachte die Times einen Leitartikel, in dem es hieß: »Gemäß der Idee, daß es unsportlich ist, einen am Boden liegenden Gegner zu treten, vertagen wir unsere übliche Forderung am darauffolgenden Morgen nach Abschaffung des Profiboxens. Wer, der die scheußliche Brutalität beklagt, konnte an dem kurzen und sanften Treffen Clay gegen Liston, bei dem nur die Zuschauer Schaden nahmen, etwas auszusetzen haben? Viele Jahre sind vergangen, seit zuletzt so wenige so weit gereist sind, um so wenig zu sehen. Cassius Clay und Sonny Liston haben, statt einander ›umzubringen‹, wie es in der originellen Sprache des Rings heißt, den Anfang vom Ende des kommerziellen Boxens eingeläutet – wie wir hoffen. Ein dermaßen kranker Sport kann gewiß nicht mehr allzu lange fortbestehen.«
Russell Baker schrieb in seiner Kolumne, der Kampf habe »das gleiche fürs Boxen getan, was Paris für die Damenmode getan hat. Beide haben dem Publikum für den Reiz, geprellt zu werden, das Geld aus der Nase gezogen … Diese Kritik wird noch dadurch verstärkt, daß die Kämpfer gemeinhin aus den hungernden Schichten stammen und ihre Gehirnmasse für den Kitzel der Überfütterten riskieren. Es kann höchst korrumpierend sein, so überfüttert zu sein, daß man zwei hungrige Jungen dafür bezahlen muß, daß sie einander verprügeln, damit man nicht gähnt. Vor alldem haben Muhammad und Sonny das Publikum bewahrt. Manche Kritiker ihrer Begegnung haben ihre Show eine Farce genannt. Sie haben unrecht. An den Hauptfiguren war nichts Komisches. Es war ein Sittenstück, in dem zwei Verlierer im Leben – zwei Ausgebeutete – den Spieß umdrehen und ihre Ausbeuter ausbeuten.
Komisch war nur der Zorn des gekränkten Mobs. Ihr Glaube an den Weihnachtsmann. Die Köpfe voller kindischer Vorstellungen über das Aufeinanderprallen von Gut und Böse. Gelackmeiert von zwei gewieften Schelmen, die ohne ihre selten starken Muskeln und Reflexe dazu verurteilt wären, für ’n Appel und ’n Ei Schuhe zu putzen oder Streikposten die Köpfe einzuschlagen.«
Wenigstens zwei Tage lang, während die Empörung noch frisch war, standen Cannon und Ward für die Mehrzahl. Doch einige Tage später, nachdem man sich viele Wiederholungen angesehen hatte, trauten andere Presseleute ihren Augen schon eher. In den Redaktionsräumen von Sports Illustrated wurde darüber debattiert, was in Lewiston geschehen war – Bud Schrake verkündete am lautesten, daß der Kampf manipuliert war –, doch die Titelgeschichte von Tex Maule spiegelte dann die Mehrheitsmeinung der Redaktion wider: daß der Kampf und der Schlag legitim gewesen seien. Sogar Arthur Daley von der New York Times, der kaum einmal ein freundliches Wort über Ali zu sagen gewußt hatte, schrieb nun: »Kinetik ist ein Zweig der Physik, der sich mit den Wirkungen von Kräften beschäftigt. Es gibt jedoch keine Methode, Kinetik auf das Boxen anzuwenden, um damit die Kraft eines Schlags zu messen.«
Das FBI führte keine groß angelegte Untersuchung des Lewiston-Kampfs durch, befragte allerdings auf Veranlassung des US-Staatsanwalts von Maine eine ganze Reihe von Informanten zu einer möglichen Absprache. Das Bureau erstellte einen vagen Bericht, der nach Ansicht des Staatsanwalts keine weiteren Untersuchungen rechtfertigte. »Er fand, wir hätten nicht genügend Informationen beigebracht«, sagte William Roemer vom FBI einem Redakteur von HBO kurz vor seinem Tod. Der Bericht, so der US-Staatsanwalt, liefere »keine Grundlage für eine Anklage«.
Drei Jahre nach dem Kampf befragten Roemer und sein Partner John Bassett allerdings einen Spitzenmann des Chicagoer Mobs namens Bernard Glickman, der sich seitdem als Zeuge für die Regierung zur Verfügung gestellt hat. Glickman, der Liston aus der Zeit, als er noch Eigentum des Mobs von St. Louis war, gut kannte, wollte gehört haben, wie Liston zu seiner Frau sagte, er werde einen K. o. vortäuschen, worauf Geraldine, wie Roemer dann berichtete, »zu Liston sagte, wo er den Kampf schon schmeißt, solle er doch nicht das Risiko eingehen, verletzt zu werden. Wenn du schon sowieso verlierst, dann leg dich wenigstens früh hin.« Das Problem des FBI war, daß Glickmans unbestätigte Aussage als Basis für weitere Untersuchungen nur von geringem Wert war. Glickman hatte auch schon bei anderen, den Mob betreffenden Dingen einen Meineid geschworen. Zudem: bei allem Mißtrauen, das die Ermittler des FBI, wie auch zahlreiche Kolumnisten, gegenüber dem Kampf in Lewiston hatten, entdeckten sie doch nie irgendwelche größeren Wettaktivitäten, die auf eine Absprache hingedeutet hätten. Sie konnten nicht einmal die Frage beantworten, warum die Mafia den Weltmeisterschaftstitel im Schwergewicht, den lukrativsten Titel im Sport, um eines kurzfristigen Gewinns willen hätte abgeben wollen.
Jahre später, als Liston in Las Vegas lebte, begegnete er zufällig Jerry Izenberg vom Newarker Star Ledger, einem der wenigen Reporter, die er anscheinend mochte und denen er vertraute. Sie tauschten Nettigkeiten aus und beschlossen, zusammen zu frühstücken. Sie bestellten und begannen sich zu unterhalten. Das erste, was aus Listons Mund kam, war: »Ich möchte nicht über Lewiston sprechen.«
»Ist gut«, sagte Izenberg. »Dann reden wir über etwas anderes.«
Was sie auch eine Weile taten. Doch dann stellte Izenberg Pflicht über Respekt und sagte: »Aber wir müssen doch darüber sprechen. Wie war das? Nur ein Satz, und ich frage Sie nie wieder danach.«
»In Lewiston habe ich den Weltmeisterschaftstitel im Schwergewicht verloren«, sagte Liston. »Ich habe ihn verloren, weil Nat Fleischer es gesagt hat.«
»Wie kommt er dazu, die Verhaltensregeln im Boxen zu bestimmen? Woher hatte er diese Autorität?«
»Weil er«, sagte Liston, »schneller als Joe Walcott bis zehn zählen konnte.«